Die Logik der christlichen Lehre

 

Zu überarbeiten, unvollständig

 

Die Zeit ist reif, die der christlichen Theologie zugrunde liegende Logik mit offenen Augen zu erkennen. Von einem neuen Verständnis der christliche Lehre als Ausformung des wiederverstandenen Schöpfungswortes Gottes in Menschengestalt aus, lässt sich die den alten Texten zugrunde liegende Logik nachweisen. Und noch wichtiger als die Apologie der alten Theologie: Die christliche Lehre wird zur Aufforderung, das Wort Gottes in der Realität des präexistenten schöpferischen Logos im Kontext des heutigen naturwissenschaftlichen Weltbildes wahrzunehmen, um so zu einem vernünftigen Welt- und Gottesverständnis zu kommen, für das vor 2000 Jahren in Jesus der Grund gelegt wurde.

 

Kein geringerer als Paulus persönlich – oder vielmehr das neue Paradigma von dem aus frühchristliche Verfasser  gesprochen haben  – wird auffordern, die bisher eingeschränkte Sichtweise biblischer Bilder zu überdenken und im neuen Verständnis der Traditionstexte das Schöpfungswort neu als lebendige Offenbarung des einen Gottes zu erkennen.

 

Wenn hier von der Logik der christlichen Lehre gesprochen wird, geht es nicht um die Sinnhaftigkeit von sittlichen Verhaltenslehren des Neuen Testamentes. Dass die christliche Ethik weder aufgewärmte alte Normen noch deren beliebige Auslegungen oder leicht reformierten Ansichten von antiken Reformjuden sind, sondern als eigentlichen Ausgangspunkt den präexistenten schöpferischen Logos, das wiederverstandene Schöpfungswort Gottes bzw. in personal-verdichteter Form den auferstandenen Jesus haben, soll an anderer Stelle nachgewiesen werden.

 

Auch die Not-wendigkeit des Geschichtswerdens des Gottessohnes/-wortes/-logos in der uns bekannten Geschichte ist ein eigenes Thema, gleichwohl die Gedanken über die geistige Grundlage des sich hinter der paulinischen Theologie verbergenden Grundes immer wieder deutlich machen, warum der Gottessohn menschliche Gestalt annehmen musste, nur so messianische Wirkung entfalten und Gegenstand christlicher Mission werden konnte. Die Logik, die sich hinter den  Bildern der christlichen Lehre verbirgt, in denen uns die frohe Botschaft des neuen Bundes und seine Auseinandersetzung mit dem Denken seiner Zeit in Form des menschgewordenen Logos vermittelt wird, kann hier nicht erschöpfend behandelt werden, auch wenn die Theologie des Paulus mehr als deutlich macht, dass es im historischen Jesus um weit mehr ging, als einen vergötterten Menschen oder einen mythologisierten Gott. Nur am Rande wird gestreift, warum es höchst vernünftig war und bleibt, die logisch nachweisbare schöpferische Tat-sache des offenbarenden Logos, ebenso wie der ihn vermittelnden  Denkweisen und theologischen Umsetzungen in begreifbaren Bildern verständlich zu machen, dem lebendigen, wiederverstandenen Gotteswort eine menschliche Realität zu geben.

 

Hier soll vor allem der Nachweis einer Kausalität erbracht werden, die den paulinischen Lehren bzw. den wesentlichen christlichen Theorien zugrunde liegt.  Es versteht sich von selbst, dass theologischen Kernaussagen wie die Rechfertigungslehre, die nach wie vor evangelische und katholische Kirche trennt, ebenso wie Trinität bzw. Christologie, die weiterhin zwischen den sonstigen monotheistischen Religionen und der Christenheit steht, von einem theologischen Laien nicht erschöpfend behandelt werden können. Auch sind nicht die Andersdenkenden die Adressaten dieser Überlegungen, sondern die christliche und insbesondere die evangelische Theologie selbst.

 

Die Fundamente unseres christlichen Glaubens werden bei dieser Betrachtung aus einer Perspektive beleuchtet, die von einem in aller natürlichen Schöpfung lebendigen Wort als dem eigentlichen christlichen Wese ausgeht. Es soll der Nachweis erbracht werden, dass dies auch Ausgangspunkt des urchristlichen Denkens war. Ein Neuverständnis der historischen Realität, wie es auch an der Wiege der Christenheit stand, soll so die Voraussetzung für ein heutiges Verständnis des lebendigen Gotteswortes schaffen, das den universalen christlichen Glauben an den einen Schöpfergott ausmacht.

 

Denn nur vom Standpunkt des in allem natürlichen und geschichtlichen Werden sichtbaren Logos, einem präxistenten Wesen, das als Sohn/ sichtbare Gnadengabe Gottes gesehen wurde, lassen sich die Wesenselemente der christliche Theologie bewahrheiten. Erst von der menschlichen Gestalt dieses Gottessohnes ging nachweislich messianische Wirkung aus. Würden wir in der heutigen Betrachtung des historischen Geschehens bleiben, weiterhin nur einen von seinen Anhängern verherrlichten Reformjuden an den Anfang setzten, statt das präexistente, neu lebendig gewordene Wort, bliebe alles, was in den Briefen des Paulus und der weiteren frühchristlichen Denker steht, fromme Behauptung. Es wäre heute kaum noch von Bedeutung.

 

Wenn hier Paulus zur Sprache kommt und sich nicht nur an verschiedene Theologen wendet, deren aktuelle Thesen er aufgreift und als Argumente für eine erweiterte Sichtweise seiner Person umdeutet, sondern an die gesamte christliche Theologie, bitte ich dies keineswegs als Überheblichkeit zu verstehen. Paulus argumentiert hier weniger als Einzelpersönlichkeit, sondern als neues Paradigma, das vom wiederverstandenen präexistenten Gotteswort in Menschengestalt ausgeht. Die von einem neuen theologischen Paradigma ausgehenden Überlegungen setzen den lebendigen Logos an den Anfang und beziehen damit aus der gleichen Quelle ihre Legitimation, die auch vom Urchristentum bzw. dessen mit Paulus überschriebenen theologischen Ausformung angenommen wird.

 

Erst angesichts der universellen Logik, die sich hinter den die Trinität ausformenden theologischen Thesen von Auferstehung und Rechtfertigung durch Jesus Christus in einem völlig neuen Bund mit dem all-mächtigen und jetzt allen offenbaren einen Gott ergeben, kann das neue theologische Paradigma erkannt werden. Doch die Anerkennung eines neuen, weit über den alten Traditionsglauben aufgrund von Gesetzen hinausgehenden Paradigmas ist die Voraussetzung, auch in der Person des Paulus mehr zu sehen, als einen Prediger, der andere von seinem persönlichen Glauben überzeugen wollte. Wer wie ich in der Person des Paulus die Verkörperung eines aus dem Judentum erwachsenen und das traditionelle Gesetz beibehaltendenden, jedoch völlig neuen Paradigmas wahrnehmen will, durch den der hebräische Monotheismus allen Menschen möglich wird, der muss diese neue, vernunfterfüllte Begründung des Monotheismus nachweisen. Denn ohne dieses neue Paradigma, dessen Wesen als eine vernunftbegründete Wahrnehmung des lebendigen Wortes in Menschenform statt abgeschriebener Gesetze/Buchstaben gesehen wird, blieben alle Apostelberichte nur Legenden von irgendwelchen antiken Religionsfanatikern, die einem jungen Juden, inneren Stimmen und selbstentworfenen theologischen Theorien nachgelaufen sind und andere überredet hätten.

 

Doch mehr hierzu soll Paulus selbst sagen.

 

 

Paulus an die

 

Sehr geehrte Herren Prof. Klaus Berger,                                                                                                              

Paul-Gerhard Müller bzw. Mitarbeiter des katholischen Bibelwerkes,

Pfarrer Horst Hahn und Karl Börner,

Dr. Markus Sasse,

an die christliche Theologie,

 

wenn ich mich nach bald 2000 Jahren nochmals zu WORT melde, will ich bitte nicht als Besserwisser verstanden werden. Eigentlich übersteigt Euer Wissen das meinige bei weitem. Mehr als mir sind Euch die Entstehung und Zusammenhänge der alttestamentlichen Aussagen ebenso wie der christlichen Dokumente bewusst. Doch gerade Euer umfassendes und ständig steigendes Wissen gibt mir Hoffnung, dass Ihr die meiner antiken Theologie zugrunde liegende Logik mit neuen Augen seht bzw. eine neue zeitgemäße Wahrnehmung des Gotteswortes kurz bevorsteht.

 

Viele von Euch haben eine Zeit hinter sich, die einen gewaltigen Wandel des Weltbildes und somit auch der Glaubensvorstellungen mit sich brachte. Was noch vor wenigen Jahrhunderten als unumstößliche Wahrheit galt, wurde im Rahmen des aufgeklärten naturwissenschaftlichen Denkens fast völlig auf den Kopf gestellt. Und gerade in den letzten Jahrzehnten wurden viele Glaubensaussagen neu hinterfragt, gehörte es zu Eurem theologischen Handwerk, einen ständigen Wandel denkerisch zu begleiten. Auch wenn es sicher oft schmerzlich war, auf liebgewonnene traditionelle Wahrheiten verzichten zu müssen, mit dem Gottesbild der Väter zu brechen, so seid Ihr den Wandel gewohnt. Und daher will ich es wagen, Euch zu einem ganz gewaltigen Wechsel der Perspektive aufzufordern. Der bisher von Euch gebahnte Weg soll dabei nur konsequent weitergegangen werden. Jedoch nicht, um weiter bisherige Glaubenswahrheiten abzubauen – gleichwohl das auf den flüchtigen Blick so aussehen mag – sondern um die alte Theologie zu bewahrheiten sie neu vernünftig zu begründen. Es geht daher nicht darum, mit dem Tuch den Mythos die Glaubenswahrheiten schützend zu bewahren, sondern ihre geschichtliche Realität von einer neuen Perspektive aus nachzuvollziehen und ihre Logik zu belegen.

 

Was Ihr heute in Euren Büchern über mich schreibt stimmt weitgehend und was Ihr in Euren Seminaren über meine theologischen Theorien lehrt trifft zu. Doch um dies um zu belegen, müsst Ihr mein eigentliches Wesen wahrnehmen. Die heute von Euch vertretenen theologischen Aussagen habe ich mir nicht einfach ausgedacht oder sie nur alten Dokumenten abgeschrieben. Es sind auch nicht nur die Innenansichten eines antiken Zeitgenossen, der sich auf mysteriöse Weise vom Hellenisten- bzw. Christenverfolger zu einem Anhänger mauserte. In den folgenden Überlegungen will ich versuchen nachzuzeichnen, wie sich alle meine theologischen Aussagen logische Folgen einer völlig neuen Gotteswahrnehmung waren, die im Logos Gottes in Menschengestalt einen festen und sichtbaren Grund hatte. Was Ihr als Christus“geheimnis“ bezeichnet war mir bekannt. Genau das macht doch das neue monotheistische Paradigma aus, lässt mich als Paulus auftreten. Und auf diesen Gottessohn in Menschengestalt beziehen sich doch letztlich alle meine theologischen Aussagen bzw. sind davon die logischen Ableitungen.

 

Auch wenn sich in meinen Texten wie im gesamten Neuen Testament viele Zeugen der Vergangenheit wiederfinden, so darf  dies doch nicht über unser völlig neues Denken hinwegtäuschen, das durch die Aufnahme der alttestamentlichen Aussagen erst als der wahre Monotheismus bestätigt wurde. Wer in mir nur einen von Ort zu Ort eilenden Wandermissionar sieht, der sich vom Christenverfolger zum blinden Verfechter eines mythologisierten jungen Reformjuden wandelte, wird kaum verstehen können, um was es mir damals ging, wer ich war und wieso meinen Lehren eine wahrhaft universelle Logik zugrunde liegt, sie eine vernünftige theologische Ableitung eines universalen Logos/Gotteswortes waren und sind.

 

Wie Ihr alle wisst, war ich als Botschafter des neuen Bundes weit mehr als der Anhänger einer Legende von einem charismatischen Menschen. Jesus Christus, der Logos/das Wort in Menschengestalt, von dem messianische Wirkung für Juden wie für Heiden gleichermaßen ausging, war mein Lehrer. Durch dieses Wort bin ich berufen. Auch wenn Ihr in meinen Texten weder etwas über die Lebensgeschichte des heute von Euch für historisch gehaltenen Jesus lest, noch über den philosophisch herausgearbeiteten Logos, der letztlich die Grundlage allen antiken Denkens war, so sind meine theologischen Aussagen ohne diese beiden undenkbar. Betrachtet in mir doch einfach so etwas wie eine Brücke, die auch die bei Euch zwischen Wissen und Glauben unterscheidende Denkweisen verbindet, den gespaltenen Geist versucht zu heilen.

 

  1. Wer bin ich wirklich, meine Person und Mission?

 

Bevor ich die Logik meiner Lehren belegen kann, muss etwas über meine Person ausgesagt werden. Denn ohne ein neues Verständnis meines Wesen wäre es kaum möglich, die Kausalität der unsere christliche Kirche bestimmenden Theologien zu belegen. Es gibt manche Aussagen über meine Person, bei denen ich mich im Grabe umdrehen muss. Wenn Ihr einen Wandermissionar nachzeichnet, ganz so wie Eure Väter in Afrika Mission betrieben haben und noch heute rhetorisch begabte Prediger die Menschen in ihren Bann ziehen, wie Ihr es heute meist von amerikanischen sog. Evangelisten kennt, ist das für mich schon eine starke Zumutung. Doch letztlich sagt Ihr das in Euren Büchern heute selbst. Wenn Ihr dort Schlüsse aus meinen theologischen Aussagen zieht, bin ich ganz begeistert. Um so trauriger macht es mich aber, wenn ich lesen muss, auf welch banale Weise Ihr mein eigentliches Wesen und mein Wirken wahrnehmt. Wie wenn ich nur ein dem Reiswahn verfallener Missionar gewesen wäre, der durch rhetorische Tricks die Menschen für den Fanclub eines einfachen Reformjuden Namens Jesus geworben hätte. Glaubt Ihr wirklich, mein  Ziel sei es gewesen, diesen Menschen als Christus zu verherrlichen? Und was ist mit meiner gesamten Theologie, die Ihr heute so umfassend darlegt? Haltet Ihr mich wirklich nur für einen auf unheimliche Weise gewandelter Pharisäer, der sich nach einem Geistesblitz eine persönliche Paulus-Theologie ausgedacht hat? Muss nicht in dem in meiner Person beschriebenen Wandel weit mehr gesehen werden, als ein einzelner Christenverfolger, der jetzt zu einem Anhänger Jesus wurde? Wer war dieser Jesus Christus für mich, was bedeute er für das neue theologische Denken, das auf ihn gründete? Kann es wirklich nur die Verherrlichung eines jungen Juden gewesen sein, den wir zum Gott erhoben? Oder hat dieser rein gar nichts mit meinen Lehren zu tun, wie manche Theologen meinen? Habe ich mir dann alles selbst aus den Fingern gesogen? Bin ich nur einem frommen Mythos aufgesessen, einer Art Halluzination, die ich zu einer theologischen Lehre ausgeformt habe? Oder muss nicht vielmehr davon ausgegangen werden, dass es das wahrhaft historische Wesen als das fleischgewordene Gotteswort war, dessen Anhänger ich verfolgte und das jetzt zu einer theologischen Ausformung führte? Wenn ich mir nicht alles selbst ausgedacht habe, wer war dann dieses historische Wesen? Wer war der eigentliche Gottesoffenbarer, der zu meinen Lehren geführt hat? Wie lässt sich das alles erklären?

 

Wie stellt Ihr Euch wirklich meine Mission vor? Ihr kennt das geistige Umfeld, den hellenistischen Kultbetrieb und die zahlreichen philosophischen Lehren denen allen ein universaler Logos zugrunde lag. Ihr wisst um das Bestreben der bei uns seit Alexander dem Großen ausgebreiteten griechisch-naturwissenschaftlich begründeten Philosophie, dessen Ziel es war, alte Lehren mit neuem Leben zu erfüllen, daraus eine vernünftige Lebenslehre zu entwickeln. Ihr kennt den natürlichen Logos, der für Platon, Sokrates oder Pythagoras der Gegenstand des Denkens, deren eigentlicher Lehrer war. Ebenso wie die verschiedene philosophischen Strömungen, z.B. Stoa und Epikur, die unser damalige Denken beherrschten. Und Ihr sagt, dass platonisches Gedankengut meine Theologie geprägt habe. Ihr kennt auch die hohe geistige Auseinandersetzung antiker Griechen mit den jüdischen Traditionstexten, die Ihr heute als Altes Testament bezeichnet, wisst um dessen allegorische Deutung, die damals theologische Tagesordnung war. Auch kennt Ihr unsere Auseinandersetzung mit den zahlreichen altgriechischen Kultformen, der Vielzahl von Naturgötter ebenso wie dem Kaiserkult, der Vergötterung einer menschlichen Führungspersönlichkeit, die gerade in unserer Zeit für Aufsehen sorgte.

 

Ich will Euch mit meinen Aussagen über das großartige Geistesgut der damaligen Zeit nicht weiter langweilen. Ihr wisst das doch alles viel besser, beschreibt es und belegt es in Euren Büchern und Berichten. (Auch mein Mitarbeiter Titus ist gerade damit beschäftigt, an anderer Stelle unsere damalige Situation aus griechischer Sicht zu beschreiben, gleichzeitig auch weitere Denker bzw. Väter des urchristlichen Glaubens zu WORT kommen zu lassen. Zu finden unter „Christologie 2002“www.Theologie-der-Vernunft.de) 

 

Nur eine Bitte: Wenn Ihr Euch mit meiner Lehre befasst, meiner Mission und meine Theologie beurteilt, bedenkt das großartige geistige Umfeld, in dem ich gewirkt habe, lasst den Logos wieder aufleben, der damals Gegenstand der verschiedenen Lehren und Denkweisen war. Wie könnt Ihr glauben, dass durch die Lehren eines jungen jüdischen Wanderpredigers mit Namen Jesus oder der Theorien von Anhängern eines Predigers, der als Paulus firmierte die damaligen Zeitprobleme überwunden werden konnten? Muss in Wirklichkeit nicht weit mehr als das gewesen sein als das, was heute beim banalen Durchblättern biblischer Bilder betrachtet wird? Wenn wir davon überzeugt waren, dass sich durch das lebendige Wort eine wahrhaft Problemlösung ergab, eine neue Welt, dann war es mehr als eine fixe Idee aufgrund einer beliebigen Glaubenslehre, die sich Prediger oder Philosophen ausgedacht hatten.

 

Doch wenn Ihr das großartige Geistesgut unserer Zeit beachtet, ebenso wie die Probleme, die wir mit alten Traditionen ebenso wie neuen Lehren hatten, werden ihr selbst feststellen, dass vieles, was heute als historische Realität bzw. Gegenstand meine Mission aus meinen Texten herausgelesen wird, auf  neue Weise gesehen werde muss. Keineswegs will ich damit sagen, dass ich log, wenn ich Zeit- und Ortsangaben gemacht und geschichtliche Zusammenhänge beschrieben habe. Genau das Gegenteil. Erst durch eine erweiterte Sichtweise meiner Person wird es Euch doch möglich sein, die Aussagen der Briefe und der Apostelgeschichte, ebenso wie meiner Texte, die ihr bisher als apokryphisch ablehnt oder nach Eurem Denken zurechtstutzt, voll und ganz als geschichtliche Tatsachen zu akzeptieren. Doch daraus nur den unerklärlichen Wandel und das abenteuerliche Leben eines dem Christusmythos verfallenen Missionars zu lesen, ist schon ein starkes Stück. Denn diese Rechnung geht nicht auf, wird sich selbst widersprechen. Ein solch einfältige Betrachtungsweise meiner Brieftexte  und ebenso der Apostelgeschichte meines Schülers Lukas führt nur dazu, dass alles als unwahr, Mythologie oder fromme Einfärbung abgetan oder verstückelt wird. Verschont mich damit, diesen Weg weitergehen zu müssen. Es liegt mir fern die Unmöglichkeit der verschieden Aussagen aufzuzählen und so nach und nach alles abzustreiten, was ich wirklich erlebt habe. Denn wenn es nur um die Lebensstory eines zum hellenistischen Christentums gewendeten jüdischen Lehrers ging,  müsste vieles, was in den neutestamentlichen und apokryphen Texten von mir steht, wirklich unter den Tische fallen.

 

Lehrt Ihr nicht Eure Schüler längst, dass die neutestamentlichen Texte nicht einfach als simple zeitgeschichtliche Legenden aus dem Leben irgendwelcher Menschen zu lesen sind, sondern dass es um weit mehr geht? Warum malt Ihr aber dann von mir weiter ein Bild, das an Banalität kaum zu übertreffen ist? Wenn Ihr heute die Evangelientexte auf die geschichtliche Realität beurteilt, sagt Ihr selbst, dass deren Verfasse vom Auferstandenen ausgegangen seien. Genau dies habe ich aber immer als Ausgangspunkt meiner Aussagen dargestellt. Doch damit alles als fromme unerklärliche Lehre oder gar reine Mythologie abzutun, wie dies derzeit nicht nur beim amerikanischen Neutestamentler  Burton Mack geschieht, das ist nicht nur für mich, sondern vor allem für meine vielen Anhänger und Schüler schon eine große Zumutung. Auch damit hat sich mein Mitarbeiter Titus im Beitrag „Vom Mythos zum Logos: Christologie 2002“ bereits auseinandergesetzt. Denn Ihr könnt doch nicht allen Ernstes den damaligen Denkern unterstellen, sie wären wegen irgendwelcher Reden von mir und anderen christlichen Missionaren zu einem Christusmythos übergelaufen oder hätten einen Menschen verherrlicht. Ihr kennt die Situation der damaligen Zeit, in der wir uns mit hellenistischen Kultgestalten –einer Vielzahl von Göttern - herumzuschlagen hatten und viele in römischen Kaisern die messianische Heilsgestalt erkennen wollten. Und ihr wisst um das Gedankengut, das z.B. in frühchristlicher Gnosis zum Ausdruck kommt, könnt in Euren eigenen Werken nachlesen, wie damals auf neue Weise ein universelles Wort wahrgenommen wurde, das sich in jüdischer Weisheitslehre anbahnte, bereits in Psalmen und Propheten zum Ausdruck kam und weit über einen menschliches Wesen hinausging. Wie wollt Ihr dann weiter davon ausgehen, dass ich durch die damaligen Bildungsmetropolen  zog und die Menschen zu einem Christusmythos auf einen jungen Juden überredete? Mit mir könntet Ihr das noch machen. Aber die Menschen der Antike für so dumm verkaufen zu wollen, dass sie einem religiösen Rattenfänger nachgelaufen wären, das ist schon ein harter Hund.

 

Ich hoffe, Euch bereits hier etwas zum neuen Nachdenken über meine wahre Mission bewegt zu habe. Ihr bestätig doch selbst, dass sie allein vom auferstandenen Jesus Christus ausging. Der Befreier vom überkommenen Bund alter Buchstaben-Gesetzlichkeit, die menschliche Gestalt des lebendigen Logos, von der messianische Wirkung ausging war Beweggrund meiner Mission, Beginn eines neuen Bundes mit Gott. Um diese Aussage jedoch  nicht selbst wieder zu reduzieren, kommt Ihr nicht umhin, nicht nur den historischen Jesus, sondern auch meine Person mit neuen Augen zu sehen. Denn wer war ich wirklich? Wer war der Missionar, der die Menschen damals zum christlichen Glauben bekehrte?

 

Bitte um Kollekte!

 

Ich hoffe, Euch mit meiner Querdenkerei nicht so sehr zur Last zu fallen. Denn damit würde ich mir selbst keinen Gefallen tun, könnte von Euch keine Kollekte erwarten. Weil ich möchte, dass Ihr mir etwas von Eurem Geist schenkt, durch eine kleine denkerische Spende zur Anerkennung eines neuen Paradigmas beitragt, darf ich Euch nicht Unmögliches zumuten. Auch wenn diese Deutung der Kollektenbitten in meinen Briefen für Euch völlig befremdlich klingt, so komme ich nicht umhin, eine solche Ausdeutung zu wagen. Denn wenn meine Briefe als theologische Texte gewertet werden, die weit über Briefchenschreiberei zur Einstimmung auf den Besuch eines Missionspredigers oder nachträgliche Ermahnungen und Belehrungen hinausgehen, muss auch für die in den Briefen erhobene Bitte um die Kollekte eine Sinnhaftigkeit gesehen werden.

 

(Ich werde am Schluss nochmals darauf zurückkommen und Euch selbst eine Spende bitten. An dieser Stelle bitte ich um eine wohlwollend Beurteilung, auch wenn Euch vieles schwer fallen wird, so hoffe ich doch auf  eine kleine Spende. Damit das neue Denken in der Stadt der Tradition zum Weiterdenken beitragen kann, bitte ich Euch etwas von Eurem großen geistigen Vermögen abzugeben. VIELEN DANK ! )

 

Der Kontoinhaber, an den damals diese Spende zu überweisen war und ist, trägt zwar einen menschlichen Namen. Doch hoffe ich klar gemacht zu haben, dass hinter diesem Namen mehr steht, als nur ein beliebiger menschlicher Missionar, der finanzielle Spenden sammelt und dazu Bettelbriefe mit selbstgebastelten theologischen Thesen schrieb. Natürlich hat es sich bei den Verfassern der von den Kirchenvätern unter meinem Namen in den Kanon aufgenommenen Briefe um Menschen aus Fleisch und Blut gehandelt. Und ich hoffe, Euch nun nicht zu sehr vor den Kopf zu stoßen, wenn ich allzu sehr an Eurem Bild von mir wackle. Doch wer vom Paradigma des in aller Schöpfung wirksamen Wortes als Gottessohn in Menschengestalt, dem wiederverstandenen Gotteswort als dem urchristlichen Glaubensgrund ausgeht, der muss auch die Person dessen hinterfragen, der darauf eine neue Theologie gründete und damit Mission betrieb. Selbstverständlich will ich mich dabei keineswegs selbst wegrationalisieren. Vielmehr ist die Ratio neu gefragt, um mein  über einen Einzelmenschen hinausgehendes Wesen neu wahrzunehmen. Muss hinter dem Menschen Paulus nicht vielmehr das durch ihn verkörperte neue theologischen Paradigma gesehen werden, um das es in allen Paulustexten geht? Geht die Bedeutung dieses neuen Bundes oder Paradigmas, wie heute gesagt wird, nicht viel weiter, als dies beim Nachdenken über die wundersame Bekehrung eines Christenverfolgenden Pharisäers möglich ist? Von den Aussagen über Paulus, der die ursprünglich die Hellenisten verfolgte, bei seiner Bekehrung durch die neue Sicht des Gottessohnes zum Christ wurde und auch nach seiner Bekehrung nach Pharisäer bleibt, wird bei all diesem Denken nichts hinweggenommen. Vielmehr bewahrheiten sich diese Aussagen im geistesgeschichtlichen Geschehen. Doch nur wer nicht von einem wahrhaft neuen Paradigma ausgeht, vermag dieser Denkweise zu folgen, für den bleibt die Autorität weiterhin in menschlichen Einzelpersönlichkeiten liegen, statt sie im Autor des die gesamte Welt bestimmenden Wortes/Logos zu sehen. Doch dieses war und bleibt Ausgangspunkt meiner Theologie, wie ich auch in den weiteren Ausführungen noch beweisen will bzw. wie Ihr selbst immer wieder aussagt.

 

Selbstverständlich habe ich die Euch unter meinem Namen bisher bekannten Briefe geschrieben oder meine Schüler dazu veranlasst bzw. die Feder geführt. Wenn ihr Euch von der Enge eine Einzelnen Missionsschreibers befreit, könnt ihr auch die bisher als pseudopaulinisch betrachteten Briefe neu betrachten. Pseudo ist dann nicht das, was nicht von einem gewandelten Menschen geschrieben wurde, der ehemals Saulus hieß und sich jetzt der besseren Propaganda der Griechen wegen Paulus nennt, wie z.B. die Familie Lapide lauthals verkündet, sondern was nicht vom Paradigma des lebendigen Wortes ausgeht. Doch dieses Denken will ich Euch nicht weiter zumuten, wer will kann wie gewohnt, als Verfasser eine Einzelpersönlichkeit sehen. Ist es so doch viel einfacher das gesagt zu verstehen. Nicht zuletzt aus diesem Grund heraus gehen auch diese Zeilen von einem Paulus als Verfasser aus. Ist es nicht viel einprägsamer, wenn die theologischen Theorien eines neuen Paradigmas in den Hintergrund gerückt und sich die Inhalte in menschlichen Persönlichkeiten ausdrücken?

 

Auch wenn mir die hochphilosophischen Begründungen und die Euch als gnostische Gebilde bekannten Kosmologien und Theorien meiner antiken Zeitgenossen wohl bewusst waren, ich vom gleichen Wort ausging, das damals unser gesamtes Denken prägte, so habe ich versucht, die neue Theologie auf einfache Weise zum Ausdruck zu bringen. Ohne in weltabgewandte Spekulationen zu verfallen und hochstehende Lehren zu verbreiten habe ich für Heiden und Juden eine einheitliche Lehr vom neu verstanden Gotteswort verkündet. Die einfache und verständliche Sprache, die nicht zuletzt durch die vereinheitlichende Personifizierung erreicht wurde, dürfte auch der Grund gewesen sein, warum die Kirchenväter trotz all ihrem theoretischen Streit um die Göttlichkeit des Logos/Wortes wie selbstverständlich von dem „Paulus“ sprachen und meine Euch bekannten Briefe in den Kanon aufgenommen haben.

 

Nein, ich habe nicht unter einem fremden Pseudonym geschrieben. Ich bin wirklich der Paulus gewesen, den Ihr seit Eurer Kindheit kennt. Und der will ich auch bleiben. Wie sollte ich  gegen das Bild ein Wandermissionars angehen können, das Ihr mit der Muttermilch eingesaugt habt? Wenn es aber unvernünftig wäre, dieses tief eingeprägte Bild zerstören zu wollen, dann muss ich eine Möglichkeit finden, unter Bewahrung dieses Bildes eine breitere Basis meiner Persönlichkeit zu finden. Meine Bitte kann daher nur sein: helft mit, unter Beibehaltung des vorhandenen Bildes eine gemeinsame Basis zu suchen, einen neuen Nenner. Denn wer wie ich Jesus geh voran singt und dabei den schöpferischen Logos im Kopf hat, der muss sich auch daran halten. Und wenn ein Fortschritt nur unter Bewahrung des altbekannten Bildes vom Missionsprediger möglich ist, die Logik verlangt dieses zu bewahren. Dann muss ich mich daran halten. 

 

Doch hinter dem  Mission betreibenden Menschen mit Namen Paulus bitte ich euch das neue theologische Paradigma mitzubetrachten. Daher stört es mich auch nicht, wenn der Mensch Paulus als in Wirklichkeit historisch unbedeutend hingestellt wird, weil weder meine Zeitgenossen Philo oder Josephus etwas über einen Menschen mit Namen Paulus zu Papier brachten, noch heidnisch-römische Schriftsteller  das Werk eines reformierten Pharisäers erwähnen, sich in keinem profanen Dokument der umfangreichen antiken Texte ein Hinweis auf die beachtlichen Erfolge eines vom Jüdischen ins Christliche verwandelten Missionspredigers niedergeschlagen hat. Es würde hier zu weit führen, Euch aufzuzeigen, wo immer das neue theologische Paradigma in Wirklichkeit mitgewirkt hat, wo nachweislich das damals vom lebendigen Wort als Christus der Heiden und Juden gleichzeitig ausgehende Denken seine Hände im Spiel hatte. Wer mich nicht nur als Missionsreisenden, sondern gleichzeitig als das neue, vom Logos ausgehende theologische Paradigma betrachtet, wird unzählige Zeitdokumente finden. Doch wer mich nur als Missionsprediger betrachtet, der es verstand, seine philosophisch gebildete Zeitgenossen zum Glauben an einen als Christus verherrlichten jungen Juden bzw. einen vermenschlichten, mythologisierten Gott zu glauben, der kann weiter nur im Gesetz etwas über mich lesen, auch wenn er dieses jetzt Evangelium nennt.

 

Meine Biographie

 

Es stimmt genau, ich bin in Tarsus geboren. Wie besser kann man beschreiben, aus welcher geistigen Verbindung das christliche Paradigma hervorgegangen ist. Die theologische Ortsangabe beschreibt eine geschichtliche Tatsache, die sich heute nachvollziehen läßt. An der Schnittstelle zwischen Orient und Okzident habe ich das Licht der Welt erblickt, genau in Tarsus? Wie besser hätte Lukas die Geografie des neuen Geistes beschreiben können? Und nur, wenn scheinbar Gegensätze schöpferisch überwunden werden, wenn das lebendige Wort spricht, kann neues Leben zur Welt kommen, entsteht das, was ihr Kreativität nennt. Es ist ein Prozess, dem der gesamte Kosmos zugrunde liegt, was auch die griechische Philosophie erkannte. Doch wäre es nicht zu wenig, nur das sehen zu wollen, was Ihr Allegorie nennt?

 

Denn ich keineswegs nur eine Kopfgeburt, sondern ein ganz konkretes neues theologisches Paradigma, das geschichtsrealität hatte, die weit über die einer einzelnen in biblischen Texten erwähnten Predigergestalt hinausgeht. Wenn ich mich hier zu Wort melde, will ich eigentlich nichts anderes, als Euch aufzufordern die Realität dieses neuen Paradigmas anzuerkennen und damit zugleich auch genau den Paulus der Bibel zu bestätigen.

 

Und auch der Gottessohn, auf den wir den alten neuen Glauben gründeten ist kein Geistesgebilde, sondern das in der gesamten Genesis sichtbare Wesen und ebenso real wie diese selbst. Die Realität dessen Neuverstandes ist in der Bildgeschichte meines Schülers Lukas bestens beschrieben. Ihr müsst z.B. seine Weihnachtsgeschichte nur von mir aus, dem neuen Paradigma des wiederverstandenen Gotteswortes aus lesen. Dann seht ihr, dass die Menschwerdung des Schöpfungswortes sich wirklich zu der Zeit begab, in der man dem römischen Kaiser messianische Würden verleihen wollte, was z.B. durch die Volkszählung deutlich gemacht wurde. Auch warum die Davidstadt Bethlehem wirklich der Geburtsort des Menschgewordenen Gottessohnes ist, an dem ein von menschlichen Lehrern nicht  voreingenommenes Wesen – Mutter Maria - befruchtet vom Heiligen Geist, dem Gotteswort zum neuen Ausdruck verhalf, werden Ihr mit neuen Augen nachvollziehen. Es ging uns um Tatsachenberichte, weltlich-reales Geschehen, keine willkürlichen Allegorien oder Religionsmythen. Auch wenn dann Biologen über den Geburtsbericht den Kopf schütteln und heutige Geschichtsforscher nachweisen wollen, dass es König David oder eine dem Gesetzestext entsprechende Stadt Bethlehem nicht gegeben hätte, wird Euch das nicht kalt lasse, sondern die Logik Eurer Lehre nur bekräftigen. Ihr werdet nachweisen, warum der historische Jesus wirklich ein Nazarener war, was sich möglicherweise durch die Selbstbezeichnung der Gnosis/Erkenntnis als Nasiräer, aus der der Menschensohn, das wiederverstandene Gotteswort hervorgegangen ist, nachweisen lässt. Und wie damals dafür in der offiziellen Herberge kein Platz war, beweißt sich doch auch in der Tatsache Eurer Tage. Müssen nicht auch heute Provisorien herhalten, um die menschliche Gestalt des Gotteskindes, das Geschichtswerden des Gotteswortes zu ermöglichen.  Was hier geschieht, kann -  um im biblischen Geburtsbild zu bleiben -  als eine Art laienhaftes Krippenspiel betrachtet werden. Die offizielle Geistlichkeit hat keinen Ort für den Gottessohn. Gesucht wird eine Gestalt wie der greise Simeon.

 

Doch wer Paulus nur den Verherrlicher eines rebellischen Reformjuden oder einen Mythenschmied bzw. den Vertreter selbstgebastelter theologischer Theorien sieht, der predigend bzw. Briefchenschreibend durch die Lande zog, wird kaum Platz in der Herberge bieten können.  Auch  heute ist Kirche zugesperrt.  Hinter ihren Mauern wird der leblose Körper eines wundertätigen jungen Juden hin und herbewegt. Die ins Herz geschlossenen Hypothesen werden zur völligen Belanglosigkeit beibehalten. Professoren sind mit Ihren Doktoranten damit beschäftigt, den toten Körper einzubalsamieren.

 

Selbst eine theologische Gestalt wie Judas, in sich der Verrat des zwischen jüdischen und römischer Obrigkeit stehenden menschgewordenen Logos an die alte Gesetzlichkeit verkörpert, wird mit einer kaum zu überbietenden Banalität betrachtet. Die theologischen Erkenntnisse um die biblischen Gestalten und die Einsicht um das Geschichtsgeschehen  werden verleugnet, um liebgewonnene Hypothesen beibehalten zu können. Da bleibt keine Zeigt, den Auferstandenen anzuerkennen, dem in aller Naturwissenschaft nachweisbaren Wort Gottes als präexistenter Sohn zum neuen Ausdruck zu verhelfen bzw. die Logik der menschlichen Gestalt nachzuweisen. Dies bleibt somit ein Provisorium.

 

Dass in Tarsus auch bekannte philosophische Schulen der Stoa beheimatet waren, ist zwar kein Zufall, doch ist es nicht zu kurz gedacht, mich nur als Schüler dieser das platonische Denken weiterführenden Philosophie zu sehen, der dann in jungen Jahren nach Palästina übersiedelte und irgendwie zum Pharisäer wurde, die Anhänger einer Jesusbewegung verfolgte, bevor er dann später wieder den bekannten Wandel vollzog?  Schon allein wie ein im fernen, heidnischen Tarsus geborener Grieche mit der Verfolgung von Christen beauftragt werden konnte, ist eine kaum zu beantwortende Frage. Doch mir liegt es fern, Euch alle Fehler bzw. Unmöglichkeiten vor Augen zu führen, die das Banalbild mit sich bringt, das ihr von mir zurechtgezimmert habt. Denn nicht Abriss, sondern Neubau ist mein Beweggrund und Ziel.

 

Als Bibelkundler werdet Ihr einwenden, ich sie vom Stamme Benjamin und am achten Tag beschnitten worden, also sei ich von Anfang an bereits ein Jude in der Diaspora gewesen und ein solcher ewig geblieben. Beim Lehrer Gamaliel sei ich, so die Apostelgeschichte, in die Lehre gegangen und hätte mich dann der religiösen Laienbewegung der Pharisäer angeschlossen. Also sei alles ganz plausibel. Doch macht Ihr es Euch damit nicht zu einfach? Habt ihr dabei nicht das gesamte Geistesgut der damaligen Zeit ausgeklammert? Woher habe ich meine philosophischen-platonischen Einschläge, die ihr mit durchaus anerkennt? Kann man die Pharisäer weiter wie ein Religionspartei betrachten, die seit Josephus Beschreibung im Gleichklang mit Essenern und Sadduzäern aufgezählt wird? Doch wie gesagt, nicht abstreiten der biblischen Aussagen steht auf dem Programm, sondern deren Bewahrheitung.

 

Und in diesem Sinne bin ich nachweislich aus dem Stamme Benjamin geboren, gerade weil ich nicht nur einfach ein einzelner hin- und herziehender Diasporajude war. Ich ging in die jüdische Schule und war ebenso in der kynisch-stoischen Philosophie bewandert. Doch war das platonische Denken für mich mehr als Modephilosophie in Eurem Sinne, von der ich einige Moralpredigten und –Vorschriften übernahm. Ohne den Platonismus bzw. das griechische Denken um den Logos allen Lebens, den ich wie auch die anderen Apostel als Sohn Gottes sah, wären alle meine Briefe undenkbar. Nur so ist das sich in Paulus ausdrückende neue theologische Paradigma verständlich.

 

Und ebenso nachvollziehbar ist es, dass ich Pharisäer war und bis heute geblieben bin, auch wenn gerade deren Denken durch Jesus der Reform unterzogen wurde. Und diese Reform des jüdischen Denkens, der religiösen, auf alten Gesetzen gründenden Dogmen drückt sich in meiner Person aus. In mir hat sich der Wandel vom Gesetzeswort zum Gotteswort vollzogen. Die religiösen Denker, die sich nicht nur auf buchstäbliche Vor-schriften verließen, sondern auch mündliche Überlieferungen hochschätzen und auf eine angekündigte Auferstehung, ein Wiederverstehen des Gotteswortes im Rahmen des ewigen Werdens und Vergehens hofften, waren meine Lehrer. Mit diesen Pharisäern habe ich mich heftig auseinandergesetzt. Denn wie Ihr wisst waren doch sie es, die Jesus anschuldigten und letztlich mit Hilfe der Römer für seinen Tod sorgten. In Ihrem Auftrag ich unterwegs, um die Christen zu verfolgen.   

 

Ob ich ein Jude geblieben bin, wie sich Eure heutige Theologie in Folge des grausamen Völkermordes bemüht zu belegen, kommt darauf an, was Ihr unter „jüdisch“ versteht. Meiner geistigen Tradition bin ich von ganzem Herzen treu geblieben. Das Volk in dem ich erwachsen bin habe ich ewig und voll geliebt. Der dem jüdischen Volk zueigene Monotheismus wurde durch mich nicht verkleinert, sondern erst neu in der Vernunft, dem Wort Gottes begründet. Und die Verhaltenslehren meiner Väter, wie sie sich in den Gesetzen ausdrückten, haben ich – wie später noch nachzuweisen ist – nicht vernachlässigt, sondern ihnen neue Geltung und die geistige Voraussetzung ihrer Umsetzung geschaffen. Doch die Grundlage all dessen war – wie auch Ihr immer wieder bei meiner Betrachtung betont - nicht das alte erstarrte Gesetz (die Jura der Menschen), sondern das lebendige Wort Gottes allein.

 

Auch dass ich schon bei der Steinigung des Stephanus, des ersten christlichen Märtyrers zugegen war stimmt. Doch auch dies kann nur nachgewiesen werden, wenn Ihr den Blick auf meine Person erweitert. Gerade die sich hinter Stephanus verbergenden Hellenisten können doch nicht nur als Verherrlichungsverein für den Mythos von einem jungen Reformjuden gesehen werden. Wenn es sich um ein christliches Denken gehandelt hat, das wie ich später das Wort Gottes neu wahrgenommen hat, dann ging es diesen Judenchristen im Gegensatz zu mir um die Ablehnung des alten Kultes. Was meine Person ausmacht ist die Beibehaltung des bekannten und vorhandenen Geistesgutes, die Weiterführung einer durch eine neue Wahrnehmung des Gotteswortes erfüllten jüdischen Weisheit. Doch wie Ihr selbst sagt, gründet mein neuer Glaube nicht auf alte Gesetze, sondern das durch den von Gott gegebenen Geist, ein geheiltes Denken verstandene Gotteswort.

 

Es würde hier zu weit führen, all Eure Aussagen über mein wahres Wesen aufzugreifen. Doch es gibt keine Konkretisierung meiner Person, die mich letztlich nicht als Ausdrucksform des neuen Paradigmas beweisen würde. Jedes neue Wissen um meine Bedeutung kann als Beweis dafür verwendet werden, dass ich weit mehr bin als bisher angenommen.

 

Mir ist bewusst, dass ich beinahe Unmögliches von Euch verlange. Doch das einfache Bild von mir und meiner Missionstätigkeit, das Ihr mit der Muttermilch aufgesaugt habt, soll und kann nicht zerstört werden. Doch bitte ich offen zu sein für dessen Erweiterung.

 

Meine Berufung

 

Ihr sagt selbst, dass ich mich als Inszenierung der Botschaft des neuen Bundes betrachtete und meine Biografie durch Jesus Christus geformt worden wäre, sich auf den neuen Glauben, den damals vollzogenen Wandel bezog. Und in der Mitte dessen steht dann meine „Bekehrungsvision“. Ihr wisst, dass die Apostelgeschichte meines Schülers Lukas es sich zur Aufgabe gesetzt hatte, nicht das wundersame Leben seines Lehrers, sondern, den Siegeszug des Gotteswortes in alle Welt zu beschreiben. Auch führt Ihr aus, dass dies im Stile antiker Geschichtsschreibung geschah, nicht buchstäblich zu verstehen und doch Wahrheit sei. Wie nah Ihr doch damit dem Kern meiner Mission und meiner Berufung kommt. Doch bleibt das alles nicht irgendwie im Dunkel, solange die banale Betrachtung meiner Person als eines irgendwie gewandelten Missionspredigers beibehalten wird? Gleichwohl ganz deutlich nachzulesen ist was geschah und ihr weitgehend die Bedeutung des neuen Bundes nachvollzieht, kann vieles, was gesagt wird, in der bisherigen Sichtweise eines menschlichen Einzelwesens nicht akzeptiert werden. Könnte daher eine erweiterte Sichtweise meiner Person nicht auch wesentlich dazu beitragen, Licht in meine Berufung zu bringen? Ich bin sicher, wenn Ihr mich und meine Berufung in neuem Licht betrachtet, könntet gerade Ihr, denen die theologische Bedeutung des neuen Bundes bzw. meiner Theorien bestens bewusst ist, etwas von dem mich verwandelnden himmlischen Licht erkennen, statt weiter von unheimlichen aber angeblich heiligen Geistesblitzen auszugehen?

 

Es war – wie auch nachzulesen ist - die verständliche Stimme Gottes, die zu mir gesprochen hat, mir seinen Sohn offenbarte, dessen Anhänger ich gerade verfolgte. Doch wenn heute darüber nachgedacht wird, wie sich das zugetragen hat, scheint das Licht, von dem im Zusammenhang mit meiner Bekehrung immer wieder gesprochen wird, auszugehen. Denn dunkler, wie heute über meinen geistigen Wandel nachgedacht wird, kann man nicht denken. Vielfach wird daher oft davon gesprochen, dass dies ein Geheimnis bleiben müsse, es nicht zu denken wäre, sondern einfach ein Anfall von innerer Einsicht, ein Anflug des Heiligen Geistes anzunehmen sei. Dies alles lässt sich durchaus begründen, auch wenn noch viel Klarheit ich die verworrene Begriffswelt gebracht werden muss, insbesondere wenn von Heiligkeit und Heiligem Geist gesprochen wird.

 

Wer mich als einen Christenverfolger zeichnet, der vom Pferd gefallen sei und dadurch...andere spekulieren über eine plötzliche Krankheit des Paulus, durch die er...der sollte wirklich das Denken dem Vierbeinern überlassen, der mich kurz vor Damaskus abgeworfen haben soll. Wie wenn ich eine Art Halluzination, eine Art Traum ohne nachweisliche Sinneswahrnehmung gehabt hätte, wird heute von junge Theologen – Euren Schülern - darüber spekuliert. Doch war es wirklich nur eine Sinnestäuschung, die sich in mir auf dem Weg von Jerusalem nach Damaskus vollzog? Soll die ganze Christenheit sich allein auf die wundersame Wirkungsgeschichte einer Sinnestäuschung oder in der Antike wahrgenommener innerer Stimmen gründen? Wo der Sinn, der natürliche Logos, der aller sichtbaren Welt zugrunde liegt, nicht wahrgenommen wird und als der eigentliche Gottessohn gesehen wird, müsste man zu diesem Schluss kommen. Dies wäre mein wahres Ende. Glaube könnte wieder nur noch auf traditionellen Gesetzen gründen, nach besseren Werken würde gerufen, ohne jedoch den Menschen den Geist der schöpferischen Vernunft geben zu können.

 

Doch auch wenn es derzeit um die christliche Theologie als Wissenschaft von realen Dingen recht düster aussieht, so macht der Schöpfer mit der Offenbarung seiner Weisheit, seines Wortes/Logos an uns Menschen noch lange nicht Schluss. Die Geschichte Gottes mit uns Menschen geht weiter. Das Wort Gottes kann heute im Licht der weltweit einheitlichen naturwissenschaftlichen Einsicht in das vernünftige evolutionäre Werden wieder neu verstanden werden. Doch dazu ist ein gewaltiger Wandel NOT-wendig. Vom Pferd braucht Ihr dazu nicht zu fallen. Auch persönliche Halluzinationen sind nicht gefragt. Das Denken und Wissen abzuschalten hilft nicht weiter. Es führt zum Gegenteil dessen, was damals mit mir geschah. Doch ein Wandel muss sich vollziehen. Ohne Umkehr, Neubesinnung wäre ich Saulus geblieben, hätte den Sohn Gottes nicht gesehen und seine hellenistischen Anhänger abgeurteilt. Wird mit einem neuen Nachdenken über das Wort Gottes bzw. seine biblische Urkunde wirklich so viel verlangt? Nur im Licht des vernünftigen Denkens, eines neuen Verständnisses der traditionellen Texte von der Tat-sache Gottes kann sich ein neues christliches Paradigma entfalten. Hierzu haltet Ihr heute den Schlüssel in der Hand.

 

Auch wenn Euch dieses Denken noch fremd sein mag, stellt Euch doch bitte einmal vor, das als vernünftige erkannte Werden, das über viele Jahrhunderte hinweg mit dem Gesetzbuch in der Hand als gottlos verfolgt wurde, weil dadurch angeblich die 7-Tage Genesis, das Schöpfungswirken Gottes abgestritten wurde, würde als Tat-sache Gottes, als Ausdruck seines Wortes verstanden, mit den Texten der Tradition auf einen Nenner gebracht werden. Ein völlig neues Welt- und Gottesbild, in dem das Wort der Logos leben würde, wäre die Folge. Was heute von der modernen Naturwissenschaft als wundervolle Selbstorganisation der einzelnen Körper wie des gesamten Kosmos verherrlicht wird, würde als den einen Erzeuger des Alles bzw. Schöpfervater offenbarender Sohn, als präexistentes und im Menschen Jesus sichtbares Wort.

 

Ich will Euch nicht zu einer neuen Weltsicht überreden. Doch um zu begreifen, wodurch meine Berufung, mein Wandel ausging, solltet Ihr Euch ausmalen: Welches Heilswunder könnte heute durch eine neue vernünftige Wahrnehmung des Gotteswortes ausgehen? Denn hat nicht genau dieses Wort, das vor Zeiten bereits an Moses und die Propheten ergangen war und auch dem Glauben derer zugrunde lag, in deren Auftrag ich die hellenistischen Anhänger des wiederverstandenen Gotteswortes verfolgte, auch meinen Wandel bewirkt? War es nicht, wie Ihr in Euren Ausführungen sagt, das lebendige Wort Gottes, das zu mir gesprochen hat, die himmlische Stimme, die jetzt von den Hellenisten als Logos vergöttert wurde? Worauf wartet Ihr dann noch? Was hindert Euch daran, Jesus Christus mit neuen Augen zu sehen, das Wort Gottes neu zu verstehen und zu vermitteln?

 

Dank Eures Wissens sollte es möglich sein, zu einem neuen Verständnis beizutagen, dem Wort Gottes im Geist der Menschen zu neuem Leben zu verhelfen. Doch das Wort, das mich berufen hat und zu meiner Mission wurde, kann, wie Ihr selbst nachweist, nicht allein ein Gesetzestext gewesen sein, den man nur etwas moderner interpretiert und an den man einfach glauben muss, sondern das von Gott in seiner Schöpfung gesprochene Wort. Dieses Wort war und bleibt christliche Berufung. Sollte es nicht Euer Beruf sein, eine Einheit des Denkens herbeizuführen, den Menschen das ewige Wort Gottes im Rahmen ihres Weltverständnisses zu vermitteln?

 

(An anderer Stelle wird noch darüber nachzudenken sein, warum der Logos/das Wort nicht an die Stelle Gottes treten oder theologisch vergöttert bzw. als Gottes Miniaturausgabe gesetzt werden, sondern nur als wesensgleich gesehen werden kann. Wie das Wort nur den Geist des Sprechenden zum Ausdruck bringt, ihn verständlich macht, kann auch das Schöpfungswort nicht an Stelle des Schöpfers gesetzt werden. Ihr wisst, wie nach meiner Zeit damals viel um die Stellung dieses Wortes, das Verhältnis von Vater und Sohn gestritten wurde. Doch solange Ihr nur einen um den See Genezareth ziehenden Wandercharismatiker, der nach seiner angeblichen Auferstehung verherrlicht wurde wahrnehmt und einen durch innere Stimmen berufenen  Mythenmissionar mit Namen Paulus als Beginn Eurer Religion erkennt, wird es sehr schwer sein, die Beziehung von Vater und Sohn in der Realität des Weltgeschehens nachzuvollziehen und die theologische Bedeutung einer Trennung, durch die der Sohn/das Wort erst den Vater offenbart.) 

 

 

Meine Missionstätigkeit

 

Ist es nicht an der Zeit, neu über meine Missionstätigkeit nachzudenken? Selbst wenn Ihr bei Eurem bisherign Bild von mir bleibt, so kann doch nicht weiter behauptet werden, hochgeistige Griechen hätten sich durch einen umherziehenden Missionsprediger zu einer christologischen Mythologie überreden lassen. Nichts wäre den Menschen in den damaligen Bildungsmetropolen ferner gelegen. Mein Mitarbeiter Titus hat unter „Christologie 2002“ dieses Thema bereits bearbeitet.

 

Wer wie Ihr auch die außerkanonischen Texte anerkennt, sie gar wie Prof. Berger in seine Neufassung des Neuen Testamentes aufnimmt, wie kann der weiter von einer solch eingeschränkten Sichtweise der christlichen Mission ausgehen? Die Explosion hochgeistiger Literatur, wie Sie nicht zuletzt durch immer neue Funde nachzulesen ist, deren begabte Theologien Ihr in Euren Büchern ausblättert, kann doch weder auf dem Baum einzelner Wandermissionare gewachsenen sein, die von einem jungen Juden mit Namen Jesus schwärmten, noch war es nur eine etwas modernere Mythologie unter dessen Namen. Ist es nicht höchste Zeit, dass die Realität des himmlischen Wortes, von dem unsere historisch nachvollziehbare Mission ausging, neu verstanden wird? Was hat die damaligen Menschen bewegt? Von welchem Wort ging antikes Denken aus? Was war der Gegenstand, mit dem sich die zahlreichen geistigen Bewegungen zur Zeit Jesus auseinander setzten? Welche Weiterentwicklung, welcher Wandel hat am Anfang christlicher Religion wirklich stattgefunden?

 

Allein eine einzelne geistige Bewegung oder philosphisch-theologische Schule an den Anfang der Christenheit zu setzten, wäre mit Sicherheit zu wenig. Lassen sich nicht eine Vielzahl verschiedener Denkweisen nachvollziehen, in denen sich ein grundlegender denkerischer Wandel vollzogen, das schöpferische Wort/die Weisheit/der Logos/die Vernunft Gottes im damaligen Weltbild auf verständliche Weise wahrgenommen wurde? Nur Übernahme hellenistischen Denkens, wie es in bei Stephanus in Damuskus beheimatet war, durch einen jüdischen Pharisäer, kann es allein mit Sicherheit nicht gewesen sein, durch das sich ein neues Paradigma begründen lässt. Der Logos, das Wort Gottes hatte viele Gesichter, war Thema unzähliger philosophischer Denkweisen und theologischer Theorien. Und der Ruf nach einer vernünftigen monotheistischen Religion ist im antiken Denken, das Gegenstand Eurer Geschichtsschilderungen ist, deutlich zu hören. Um zu beurteilen wann, wo und auf welche Weise das Wort Gottes in menschlicher Gestalt vermittelt wurde und warum es gerade so messianische Wirkung entfalten konnte, könnt Ihr aufgrund all Euren Wissens doch weit besser beurteilen, als es mir möglich ist.

 

Ihr kennt die Probleme, die philosophische Denker damals mit der Vielzahl verschiedener heidnischer Kultformen hatten, den irdischen Göttergestalten, die ihr Unwesen trieben, gleichwohl auch ihnen die schöpferische Vernunft/der Logos zugrunde lag. Ihr wisst, auf welch antik-wissenschaftlicher Ebene, ob im Rahmen der alten Religionen, der verschiedenen heidnischen Kultformen eine Vielzahl von Göttergestalten verehrt und gleichzeitig in den jüdisch-griechischen Geisteszentren wie in Alexandrien bei Philo der eine unsichtbare Schöpfergott durch sein Wort/Logos/seinen Sohn verstanden wurde. Das Wort Gottes war im wahrsten Sinn all-gegenwätig. Die heute als gnostisch abgetanen Texte, die nach Euren Aussagen jedoch am Anfang des christlichen Denkens standen und deren Verfasser sich als die eigentlichen Christen verstanden machen doch mehr als deutlich, wessen Geistes Kinder wir waren, welchen Stellenwert damals das lebendige Wort Gottes hatte. Auch wenn bei den sog. Gnostikern die Gefahr der Verflüchtigung offengelegt werden kann, eine unzhählige in Wahrheit nicht der universalen Vernunft entsprechenden Lebensweisen nachvollzogen werden können, so war es auch dort das Wort Gottes, durch das sich die Gnosis, d.h. eine Erkenntnis ergab.

 

Gerade heute, wo Ihr eine Vielzahl der alttestamentlichen Texte mit neuen Augen lest, die bildhafte Bedeutung der geistesgeschichtlichen Belege von Euch neu ausgedeutet wird, könnt Ihr auch nachvollziehen, welch großer Verstand durch ein allegorisches Verständnis der traditionellen Texte damals gegeben war. Ob bei den von Euch so genannten Essenern oder den Zeugnissen, die uns von Philo überliefert sind, spricht doch ein allegorisches Verständnis der traditionellen Texte, dessen Bedeutung erst heute wieder so richtig bewusst werden kann. Nicht im Rahmen von blindeifernden Verteidigungsreden, sondern aufgrund eines tiefergreifenden Verständnisses haben damalige Denker die Vernunft der alten Texte erkannt. Die jüdischen Apologetik, ob in der Gestalt des Philo von Alexandrien oder Josephus Flavius hat keine blauäugigen Verteidigungsreden gehalten, sondern ist vom Verstand des Wortes, der Vernunft des alten jüdischen Glaubens ausgegangen, hat diesen auf neue Weise dargelegt.

 

Ihr bezeichnet die Ausführungen des Philo, der bei seinen philosophisch-theologischen Ausführungen im präexistenten Wort/Logos/Sohn Gottes ein reales Wesen, eine konkrete Person mit kosmischer Grundlage sah – auch wenn er bei ihm noch keine menschliche Gestalt hatte und nicht den Namen Jesus trug –  als „Christologie“ und wisst, dass ich bei Ihm in der Lehre war. Doch war es einfach platonisches Gedankengut, das ich für meine Theologie übernommen habe? Oder liegt hier der historische Grund eines neuen Glaubens, der bei mir eine menschliche Gestalt hatte? Wie könnte Ihr in Eurer wissenschaftlichen Zeitschrift über das Neue Testament die Christologie des Philo nachweisen, den Zusammenhang mit meiner Lehre aufzeigen und dann drei Seiten weiter nach den jungen Jahren eines Wandercharismatikers Ausschau halten, den Ihr als einzigen historischen Glaubensgrund seht? Soll ich mir einfach einen vom (von Euch so genannten) historischen Jesus völlig losgelösten Mythos bzw. eine Logos-Christologie gegriffen haben, um damit meinen Guru zu schmücken? Oder ist auch meine Lehre nur eine Christologie, ein Mythos, der mit Eurer Hirn-Hypothese vom historischen Menschen nichts zu tun hat? Dann wäre es nur auf meinem Mist gewachsene Lehre? Doch Ihr wisst, dass wir in unserem damaligen Denken alles andere als Mythologie sahen. Doch um die Tat-sachen zu sehen, auf die unsere Theologie gründete, sie nicht neu mit einem Mythos zu überziehen, wie dies aus Ermanglung vernünftiger Erkenntnis leider oft getan wird, bitte ich nochmals um eine erweiterte Sichtweise. Nur so lässt sich die Vernunft, der Logos nachweisen, der unserer Lehre zugrunde liegt und deren vernünftige, wohlbekannte Ausformung notwendig war, um den Menschen den Monotheismus zu vermitteln.

 

Paulus als Antwort auf die Zeitprobleme

 

Der Verfall des alten Glaubens, die jüdischen die Auseinandersetzungen und Zweifel am Gott der Väter sind Euch bekannt. Nicht nur bei Eurer Interpretation von Hiob führt Ihr dabei auch die heutigen Glaubensprobleme vor Augen. Ihr schildert, wie die Geschichte Gottes am Scheideweg war und welche Wende das Denken über Gott genommen hat. Wie könnt Ihr aber angesichts all Euren Wissens weiterhin davon predigen, dass allein die Verherrlichung eines jungen Jude mit Namen Jesus diese Wende bewirkt haben soll? Wäre nicht ein Denken notwendig, das in der menschlichen Gestalt des neu verstandenen Gotteswortes keine Mythologisierung sieht, sondern dessen vernünftige Ausdrucksform, das so erst messianische Wirkung entfalten konnte, als wirklich der Christus war. Warum geht Ihr über all unsere Texte, die eindeutig aussagen, dass das Wort Mensch und somit Messias wurde hinweg, wie wenn Ihr alles besser wüsstet und behauptet einfach umgekehrt: ein Mensch mit Namen Jesus sei von uns zum Messias gemacht worden.

 

Oft wird gleichzeitig nachgewiesen, dass dieser selbst dies gar nicht wollte. Moderne Schriftgelehrte wollen gar zur Verhinderung ewigen Judenhasses oder als eine Art Wiedergutmachung der unsinnigen Morde an Millionen unschuldiger Menschen belegen, dass Jesus nicht der Messias war. Wie recht sie doch damit haben, wenn es nur um einen einfachen Menschen gegangen wäre, den Ihr den historischen Jesus nennt. Doch wer wie Ihr unser theologisches Denken in seinen ganzen Verästelungen ausbreitet, wie kann der weiter davon ausgehen, wir wären nur Mythenmacher gewesenen, hätten einen Menschen messianisiert? Auch wenn Ihr das alles noch so theologisch schildert, bei Eurer Sichtweise bleibt es die Vergötterung eines Menschen? Aber die war doch gerade für uns völlig undenkbar. Ist die Anbetung von Menschen nicht vielmehr ein Problem, das bei den Hebräer bereits zur Befreiung von den ihren Pharao vergötternden Ägypter führte? Wie sollen wir aber statt dessen einfach einen jungen Juden zum Messias gemacht haben?

 

War nicht gerade die Messianisierung ein ernstzunehmendes Problem unserer Tage, mit dem sich nicht zuletzt meine Theologie befasste. Auch die Hoffnungen, die die Menschen damals auf den römischen Kaiser setzten, in ihm eine vermenschliche Form des monotheistischen Glaubens gipfeln sahen und messianische Hoffnungen hegten, sind Euch bekannt. Gerade hier muss eine große historisch nachvollziehbare Herausforderung für den traditionellen jüdischen Glauben gesehen werden, der wir nicht durch die Vergötterung eines mit seinen Anhängern um den See Genezareth gezogenen jungen Juden begegnet sind, sondern einen neuen Bund, der sich in diesem sinnvoll abbildete.

 

Doch ich will Euch nicht weiter mit Ausführungen über das großartige Antike Denken, den hochstehenden Geist der Juden, Griechen oder Ägypter langweilen. Das alles wisst ihr weit besser als ich. Wie könnt Ihr aber angesichts all dieses Wissens weiter allen Ernstes davon ausgeht, ich hätte mit Briefchenschreiben und Predigten nach der Art von Marktplatzreden damals eine Mission bewirkt? Was nützen alle Funde, ob in Qumran, Nag Hamadi, die den großen Geist belegen, der uns damals durch den neun Bund gegeben war, wenn Ihr weiter macht, wie wenn wir uns nur Märchen erzählt oder einen Menschen verherrlicht, mythologisiert hätten? Was bringt es, wenn Eurer Doktoranten die alten Texte durchforsten, die zugrunde liegende Theologie langatmig nachweisen, wenn ihr weitermacht, wie wenn nichts gewesen wäre?

 

Gnostische Lehrer als Schüler des Paulus

 

Wie könnt Ihr nachweisen, dass sich die ihr Gottesverständnis in philosophischer Begrifflichkeit ausdrückende Gnosis sich für das wahre Christentum hielt, ja selbst von ihren polemisierenden Gegnern als Christen gesehen wurden und dann die Verbreitung des Christentums in himmelschreiender Banalität betrachten? Macht Ihr Euch nicht strafbar, wenn Ihr meine Mission weiter in der bisherigen Form verkündet? In der Schule wird für nicht geleistete Hausaufgaben oft Strafarbeit verteilt. Sollte man Euch einfach die in Nag Hammadi gefundenen urchristlichen Texte abschrieben lassen? Schon die Polemik eines Irenäus müsste doch darauf schließen lassen, dass hinter der Mission Paulus weit mehr steckt als nur ein zur moralischen Umkehr mahnender Mensch, der seine Meinungen mit theologischen Modellen untermalt hat. Wie aber erst muss die Einsicht in die urchristlichen Texte selbst zeigen, welche Theologie meinen Gedankengängen zugrunde liegt? Erspart es mir in die Texte selbst abschweifen zu müssen, die großartige Denkleistung dieser Erkenntnis nachzuweisen. Ihr kennt die alten doch weit besser als ich und seid den Gedanken der Gnosis auf den Grund gegangen. Ihr beschreibt in höchsten Tönen die gnostische Theologie, der wie Klemens von Alexandrien zum Ausdruck brachte bewusst war: „wer wir waren und was wir geworden sind. Woher wir stammen und wohin wir geraten sind. Wohin wir gehen und wovon wir befreit sind. Was es mit der Geburt und unserer Wiedergeburt auf sich hat.“ Keiner kann sagen, die theologische Aufklärung der Antike nicht zu kennen. Und auch der kosmische Bezug, die Ausformulierung des Gotteswortes in der wissenschaftlichen Begriffswelt der Antike, religiöse Aussagen in der Realität des natürlichen Werdens, sind Euch wohlbekannt. Wie könnte Ihr dann aber die christliche Mission, die Wahrnehmung des lebendigen Gotteswortes weiter auf Legenden verbreitende Wandermissionare beziehen?

 

Selbst die Texte der Synoptiker habt Ihr auf eine Spruchweisheit Q reduziert, die dem gnostischen Thomasevangelium gleicht. Wie könnt Ihr dann aber denken, diese Quelle sei eine Missionspredigt gewesen, die nur die Legende von einem Reformjuden zum Grund hatte? Ihr wisst dass der christliche Gnostiker Markion als erster meine Briefe in seinen Neues Testament aufgenommen hat. Glaubt Ihr allen Ernstes, dieser Markion hätte in mir nur einen Missionsprediger gesehen, wie Ihr ihn meint aus Texten herauszulesen, die erst später dem Kanon des Markion entgegengestellt wurden. Wie könnt Ihr aufgrund von Texten, die nur entstanden sind, weil man den verworrenen und das alte Gottesverständnis übergehenden Lehren sinnvollerweise eine verständliche und dem traditionellen Denken entsprechende bzw. dieses weiterbauende Gebäude entgegenstellte, den urchristlichen Geist der Erkenntnis einfach außer Acht lassen? Ihr selbst sagt doch, dass auch Markion auf mich gegründet hat. War er nicht ebenso ein Schüler des neuen Paradigmas, auch wenn er dabei das alte Gottesverständnis weit stärker abgegrenzt hat, als seine geistigen Gegenspieler? Und gingen nicht auch die sog. Gegner der Gnosis von gleicher Erkenntnis aus, nur dass sie diese in einfacher und verständlicher Sprache zum Ausdruck brachte? War es das ewige Wort Gottes oder nur ein durch Legendenmissionare vermittelter Glaube, auf den das christliche Gottesverständnis unserer Kirchväter gründet?

 

Ihr seht, dass ich keineswegs den von der Kirche als falsche Gnosis abgetanen Lehre den Vorzug geben will. Gerade von heute aus kann gesehen werden, wie wichtig es war, die konkrete Gestalt, die verständliche Sprache zu wählen. In einem folgenden Kapitel werde ich noch belegen, warum für mich Jesus Christus nur als Mensch und wahres göttliches Wesen gültig ist. Das neue Paradigma des wiederverstandenen Gotteswortes war und ist nicht ohne dessen Menschwerdung vorstellbar. Von allen Doketisten, die in Jesus Christus, dem seit Anbeginn der Schöpfung sichtbaren, nur einen Scheinleib erkennen, muss ich mich entschieden distanzieren. Doch der urchristliche theologische Verstand kommt in den ursprünglichen, heute neu zutage geförderten Evangelien oft besser zum tragen, als in gedanklich abgegriffenen Texten, die über Jahrtausende auf bestimmte Hypothesen zurechtgebogen und bis zur völligen Belanglosigkeit zusammengestutzt wurden.

  

Wenn ich Euch bitte, die bisher als gnostisch abgelehnten Texte zu berücksichtigen, um meine Mission zu verstehen, dann nicht, weil darauf ein heutiger Glaube gründen soll. Weit weniger als die bekannten, von der Frühkirche in den Kanon aufgenommenen Bibeltexte, de in heutiger Realität kein Glaubensgrund mehr sind, wird heutiger Glaube auf antiken philosophischen Texten und Weltbildern bauen können. Doch christliche Mission nur als Verbreitung der Legende von einem Wandercharismatiker und gleichzeitig seine Christianisierung anzunehmen, das dürfte angesichts der Kenntnis um das damalige Denken nicht mehr möglich sein! Ist es nicht höchste Zeit, die christliche Mission mit neuen Augen zu betrachten?

 

Wenn Ihr heute über meine Missionstätigkeit nachdenkt, dann dürft Ihr doch das immer offener zutrage tretende theologische Denken unserer Tage nicht außer Acht lassen. Ist es nicht einfach undenkbar, dass damals ein Missionar, der sich um von den Heiden akzeptiert zu werden, jetzt nicht mehr Saulus, sondern Paulus nannte, wie manche Schriftkundige zu wissen glauben, auch nur annähernd ernst genommen worden wäre? Ihr könnt doch die Menschen der Antike nicht einfach für Euresgleichen halten, die sich durch schöne Märchen bezirzen lassen. Wie könnt Ihr Eure Mission in Schwarzafrika einfach auf mich und meine Tätigkeit übertragen? Die Menschen aus Afrika mögen entschuldigen, ich hätte ebenso gut von Amerikanern sprechen können, denen bei modernen Fernsehevangelisationen nichts anderes erzählt wird. Doch was unterscheidet Euch davon, wenn Ihr meine Mission weiter nur als Mythenmacherei betrachtet, die sich verbreitete. Allein die christliche Wirkungsgeschichte, auf die Ihr Euch theologisch dann zurückzieht, kann es doch nicht gewesen sein, die damals die Menschen bewegte. Denn die Wirkungsgeschichte, von der Ihr sprecht, wäre doch kaum mehr ein Glaubensprozess aufgrund eines von mir bei meiner Mission verabreichten Placebo. Da aber die Geschichtswirkung des christlichen Glaubens erst später ansetzte, muss damals die Wirkung von etwas anderem ausgegangen sein, die Bekehrung zum Christus einen realen Grund gehabt haben.

 

Es kann doch nicht unsere bzw. meine Überredungskunst gewesen sein, der wir den christlichen Glauben verdanken und nicht nur das Aufwärmen alter Gesetzes-Texte, das zum christlichen Glauben führte. Nur in der Realität einer neuen Wahrnehmung des lebendigen Wortes lassen sich auch die Lehren vernünftig begründen, die Ihr als Wesensmerkmale meiner Texte erkennt.

 

 

 

  1. Die Logik der Auferstehung

 

 

Ihr selbst sagt, dass ich, wie auch die gesamten Verfasser des Neuen Testamentes vom Auferstandenen Jesus ausgegangen bin. Und wie wahr: Ist Christus nicht auferstanden, ist alles vergebens, sind diese Texte, wie das gesamte Neue Testament nur Schall und Rauch, Aussagen ohne Realität. Ohne die Auferstehung sind alle christlichen Lehren und Dogmen leeres Geschwätz, Gehirngespinste einer zurückgebliebenen Frömmigkeit, die dem notwendige Fortschritt im Wege steht. In der Auferstehung liegt die absolute Voraussetzung des christlichen Denkens und des daraus folgenden Lebens. Die Auferstehung ist somit auch die Voraussetzung einer wahrhaft vernünftig, zukunfts- bzw. schöpfungsgerecht handelnden Gesellschaft, die am Gesamtwohl orientiert zur menschlichen Genesis wird: Wohlstand und Wachstum für die Gesamtheit sowie die Einzelinividuen.

 

Doch diese Aussagen einfach als Dogma zu setzten und die Anerkennung der Auferstehung zu verlangen, weil es geschrieben steht, das stellt mich auf den Kopf. Denn liegt nicht gerade darin der Sinn der Auferstehung, dass jetzt in Jesus eine Gottesgrundlage gegeben ist, die über die alte Gesetzlichkeit, den Gehorsam gegenüber dem Gesetzten Text weit hinausgeht? Wenn über Auferstehung gesprochen wird, dann muss die sich dahinter verbergende Sinnhaftigkeit nachzuweisen sein. Es ist dann deutlich zu machen, welche Logik der Lehre von der Auferstehung zugrunde liegt. Warum die Auferstehung wirklich die Voraussetzung für einen zeitgemäß vernünftigen Glauben und somit auch ein sinnvolles Tun ist.

 

Wer diesen Anspruch stellt, der sich – wenn auch anders formuliert – in ähnlicher Weise in all unseren Urchristlichen Texten wiederfindet, wodurch die Auferstehung zu absoluten Voraussetzung christlichen Glaubens geworden ist, der muss sich doch fragen, was wir damals unter der Auferstehung wirklich verstanden haben? 

 

Wie könnt Ihr annehmen, wie hätte in der Auferstehung lediglich eine Art Projektion von Hoffnungen gehabt. Denn an die leibliche Auferstehung unseres sog. historischen Anführers glaubt Ihr in Wirklich schon lange nicht mehr. Wenn heute der streitbare Prof.  Lüdemann an den Pranger gestellt wird, dann nicht mehr, weil er die Auferstehung Jesus abstreitet, als einziger ausspricht, was alle längst denken. Vielmehr wird er, wie unlängst auf einem Pfarrkonvent durch den Heidelberger Prof. Welker geschehen, angeklagt die Auferstehung als leibliche Angelegenheit anzunehmen. (Siehe hierzu ein Leserbrief an den darüber berichtenden Kirchenboten.) Wenn aber die Auferstehung nur eine Wirklichkeit gewesen wäre, die sich im Kopf der hoffnungsfrohen Anhänger abgespielt hat, wie sollte ich da auf die Idee kommen, ihr in meiner Theologie eine solche Bedeutung beizumessen?

 

Was sollte es für eine Bewandtnis haben, dass ein von seinen Gegnern umgebrachter Reformjude wie David Copperfield in besten Zeiten seinen Anhängern wiedererschienen ist? Und wie nebensächlich erst wäre es, wenn  diese Auferstehung dann nur als ein geistiges Geschehen bei diesen Anhängern gesehen wird? Egal wie Ihr es ausformuliert, eine solche Auferstehung ist keine Wirklichkeit, sondern nur eine Projektion, die im Kopf der Jünger Jesus stattgefunden haben soll. Wer wundert sich dann noch, wenn die Aufklärung den gesamten Glauben als menschliche Projektion oder gar Opium fürs Volk betrachtete? Wird die Auferstehung Jesus so letztlich nicht zum reinen Hirngespinst seiner Jünger? Gott ist dann nur noch ein Produkt des persönlichen Schläfenlappens, wie unlängst von Biologen im Spiegel Eurer Tage belegt wurde. (Siehe unter „Der biologische Gottesbeweis“)

 

Wie stellt Ihr Euch das Geschehen damals wirklich vor? Denkt ihr wirklich, dass wir Denker der Antike das Wiedererwachen eines hingerichteten historischen Menschen oder gar nur die im Kopf durch Auferstehungshoffnungen entstandene Erscheinungen zum absoluten Dogma gesetzt hätten? Welche Sinn sollte sich dahinter verbergen? Weder ein Wiedererweckungshokuspokus, noch hoffnungsvolle geistige Projektionen machen doch einen Sinn, können als Ausgangspunkt der Christenheit gedacht werden. Doch das Denken scheint Ihr uns eh abzusprechen. Wie sonst könntet Ihr dann das annehmen, dass das, was Ihr als Auferstehung bezeichnet, in den gesamten Bildungsmetropolen antiker Welt eine solche Bewegung ausgelöst hätte. Wie sollten sich damalige Bildungsbürger aufgrund der leiblichen Auferstehung eines Menschen oder gar der geistigen Erscheinung bei dessen Anhängern sich  zum einen unsichtbaren universalen Schöpfergott bekehrt haben, statt weiter altbekannte Göttergestalten zu verehren?

 

Wenigstens wird heute von Euch aufgeklärten Theologen kaum mehr ernsthaft angenommen, dass ein leibliches Wiedererweckungswunder eines ach so guten Wanderpredigers mit zufälligem Namen Jesus diesen als Christus, Gottessohn bzw. Mensch mit göttlicher Autorität ausgezeichnet hätte, wie dies noch vor wenigen Jahren zu hören war. Doch durch Eurer neues Verständnis nehmt Ihr der Auferstehung selbst diese völlig banale Begründung. Wen wundert es noch, wenn nicht nur die außerhalb des christlichen Glaubens stehenden die Auferstehung für lächerlich erachten und diese auch für die Gläubigen heute in Wirklichkeit völlig ohne Belang ist?

 

Wo aber liegt die Logik der Auferstehung, die diese ohne Zweifel hat?

 

Fortzusetzen: die aktuellen theologischen Aussagen zur Rechtfertigungslehre und anderen paulinischen Themen aufgreifen, vom neuen Paradigma aus die Logik der Lehre belegen. Diese eigentliche Aufgabe, steht noch aus.

 

 

 

(Zu überarbeiten und die Aussagen der oben genannten Referenten im Hinblick auf die Bedeutung der paulinischen Aussagen bzw. der christlichen Dogmen aufgreifen und deren Logik in Bezug auf den Logos Gottes, dessen Wiederverstand belegen.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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