Gerhard Mentzel

Schänzelstrasse 9

67377 Gommersheim                                  

 

                                                                                                                            7. Oktober 2003

 

 

 

 

Professor Dr. Klaus Berger

Heidelberg

 

 

 

 

Menschen- oder Gotteswort?

 

 

   Vom falschen Verständnis des historischen Jesus zur „fußgeilen“ Maria Magdalena:

 

-Warum das Jesus-Buch Heiner Geißlers ein wichtiger Beleg für die von heutiger Theologie ausgehende Verkürzung des Neuen Testamentes ist.

-Wie die Prämisse der Professoraltheologie vom messianisierten historischen Menschen mit Namen Jesus dem christlichen Glauben die Perspektive und Wirkung nimmt.

-Wie dadurch ein Verstand des in aller Natur lebendigen Gotteswortes/-sohnes verhindert und so die Bibel nur als Menschenwort gelesen wird.

Und:

-Wie durch ein unvoreingenommenes Hinterfragen des christlichen Wesens der historischen Jesus neue Gestalt gewinnen, die menschliche Person als wahrer Gottessohn verstanden, von ihm neue messianische Wirkung ausgehen sowie in Schrift und natürlicher Schöpfung grenzüberschreitend und mündig das Wort Gottes verstanden werden könnte.

 

 

Sehr geehrter Herr Professor Berger,

 

„vergiss es!“ so Ihr abschließendes Urteil zu Heiner Geißlers neuem Buch „Was würde Jesus heute sagen?“ in der Literaturbeilage der FAZ zur Frankfurter Buchmesse. Unter der Überschrift „War Maria Magdalena fußgeil?“ hatten Sie sich recht kritisch mit Heiner Geißlers Jesusbuch beschäftigt. Doch ganz so leicht kann ich Ihrer Aufforderung nicht folgen. Zeigt sich doch gerade in diesem Buch, für was heute Jesus gehalten wird und warum die derzeitige theologische Vorstellung vom historischen Wesen – die immer von der Hypothese eines einfachen Menschen ausgeht - in die falsche Richtung führt.

 

Die folgenden Überlegungen sollen Sie darin bestärken, die theologischen Bedeutungsinhalte der christlichen Glaubenslehre nicht der Vereinfach und Verniedlichung preiszugeben, sondern vielmehr auf der Bewahrung biblischer bzw. christlicher Kernaussagen zu bestehen. Doch allein auf Dogmen und Mythen zu beharren, deren Bewahrung zu verlangen, bringt uns scheinbar nicht weiter. Dies wird gerade in der Diskussion um das Jesusbild des Heiner Geißler deutlich. Wenn Sie Ihren Weg konsequent weiterverfolgen, darf die Frage nicht offen bleiben, um was und wen es im Neuen Testament wirklich geht. Die Frage, wer hinter der Person des Jesus von Nazareth steht, um wen es den Evangelisten ging bzw. was der gesamten Literaturfülle zugrunde liegt, damals eine geistige Wende, wahrhafte Wunder bewirkte und auferstanden ist, darf nicht ausgeklammert werden. Das zeigt gerade das Jesusbuch Heiner Geißlers und dessen Beurteilung durch Sie in der FAZ.

 

Wenn wir die christlichen Bedeutungsinhalte in heutiger Zeit ernst nehmen wollen, kommen wir um die Frage, was das eigentliche Thema des Neuen Testamentes und all der dort enthaltenen Geschichten von Jesus ist, nicht vorbei. Die Zeit scheint reif, jenseits der fest eingefleischten Hypothesen von einem einfachen historischen Reformjuden, der anschließen als Christus verkündet wurde, das damals jüdisch-griechisch wieder-verstandene Schöpfungswort an den Anfang zu stellen, somit die Weltvernunft des Johannes in menschlicher Gestalt als das Wesen mit wahrhaft messianischer Wirkung verstehen zu wollen. So vermeiden wir nicht nur die verniedlichende Vorstellung vom „fußgeilen“ Groupie eines Guru. Vielmehr machen wir den Weg frei für ein Suchen nach dem Gottessohn mit Namen Jesus in aller geschichtlichen und gegenwärtigen Wirk-lichkeit der Welt. Doch fachgerechte Fragen, die zu einer aufgeklärten und grenzüberschreitenden Wahrnehmung des Gotteswortes in allem Wissen der Welt, aller schöpferisch-evolutionären Genesis führen, müssten von Autoritäten wie Ihnen ausgehen. Sie hätten die Fähigkeit, durch unvoreingenommene Fragen das Neue Testament vor weiterem Verfall bzw. totaler Vermenschlichung zu bewahren und zu einem freien Verstand des Gotteswortes zu führen.

 

Unser Jesus Christus Verständnis steht Kopf. Durch ein unvoreingenommenes Hinterfragen der Hypothesen hätten Sie die Chance, den Christus und gleichzeitig den historischen Jesus wieder auf feste Beine zu stellen, dem christlichen Glauben ein vernünftig nachvollziehbares universales Fundament zu geben. Nicht persönliche Glaubensvorstellungen, sondern das Öffnen für neues Verständnis des christlichen Glaubensgrundes kann dazu beitragen, das Schöpfungswort in zeitgemäßer Sprache zu vermitteln, für alle Welt wach verständlich zu machen. Wer in fast all seinen vielen Büchern ständig die schöpferische Vernunft bzw. das alles natürliche Werden bestimmende Worte Gottes als Thema des Neuen Testamentes belegt, der kann nicht weiterhin so tun, als würde es dort nur um einen Wanderprediger gehen, der als Wort Gottes vergöttert wurde und das was Retter oder Licht der Welt sein soll so ins mythologische Geheimfach sperren, über das mit anderen Wissenschaften nicht zu reden ist.

 

Ihre Aufforderung „vergiss es!“ schließt sich allein schon deswegen aus, weil Geißlers Buch mit Sicherheit begierig gelesen und zu zahlreichen Fernsehdiskussionen führen wird. Es prägt somit das menschliche, jedoch höchst banale Bild unseres christlichen Glaubensgrundes weit mehr, als viele Predigten und Meinungen von Professoren. Doch spiegelt sich im Jesusbild des von mir hoch angesehen Politikers nicht genau das, was die Menschen aufgrund der Prämissen über das historische Geschehen heutiger Hochschullehre denken müssen? Sind nicht auch heute Predigten, ähnlich wie Geißlers Buch meist geprägt von selbstgesetzter Menschlichkeit, die in die Botschaft des Neuen Testamentes hineininterpretiert wird? Und wird nicht auch von vielen Professoren ein rein menschliches Bild des historischen Jesus gezeichnet, das mit dem hoheitlichen Jesus Christus des Neuen Testamentes nichts zu tun hat? Hält die heutige Theologie, die oft hochmundig vom „lebendigen Wort Gottes“ spricht, das Neue Testament wirklich für einen Text, der von dem in aller Natur wie Geschichte wirksamen Schöpfungswort in der Person (Maske/Rolle) des menschlichen Jesus gesprochen hat? Oder wird in Wirklichkeit nur ein besonders begabter Reformprediger gesehen, der von anderen Menschen christologisiert wurde? Ob uns von Heiner Geißler ein engagierter Polit-Rebell der Antike vermittelt wird, der sich nicht der Obrigkeit bzw. dem Fraktionszwang beugt oder ob mir in der neutestamentlichen Exegese ein junger Jude vorgestellt wird, in den dann jeweils zeitbedingte Moralvorstellungen und Meinungen – von Befreiungstheologie über konservative Vorstellungen bis zu feministischen Thesen - hineingelesen werden, wo ist der grundlegende Unterschied?

 

Auch die angeblich dritte, auf das soziopsychologische Umfeld einer Art von Charismatiker gerichtete Suche nach dem historischen Heilland, fördert immer nur pure Menschlichkeit zutage. Wenn unzählige Hochschullehrer nicht nach dem realen historischen Wesen des hoheitlichen Jesus Christus der Evangelisten und Kirchenväter fragen, sondern sozialpsychologisch einen historischen Menschen analysieren, der mit seinen Anhängern gegen die geistige oder politische Obrigkeit rebellierte, liefern sie die Vorlage für das derzeitige und von Geißler ausgesprochene Denken über den total vermenschlichten Jesus (ohne Christus) und somit einen grundlos gewordenen christlichen Glauben. Mit dem gesamten neuen Bund, der nicht nur in den Psalmen von Qumran besungen, sondern bereits im gesamten antiken Judentum nachzuweisen wäre, insbesondere in der Diaspora blühte und in jüdischer Weisheit wie zwischentestamentlichen Literatur lebendig ist, hat dieser historische Wunderheiler nichts zu tun. Dies alles dient nach derzeitigem Denken nur dazu, den halbstarken Heiler angeblich propagandistisch zu hellenisieren bzw. zu erhöhen.

 

Nicht zuletzt die gesamte heutige Debatte um Jesus und die Christologie zeigt doch, dass auch die Herausgeber der ZNT den Gottessohn nur für eine aufgesetzte Lehre halten, ob hellenistische oder sonstige Einfärbung. Wenn dort Professoren fragen „War Jesus wirklich der Gottes Sohn“ oder was zu der entsprechenden Verkündung führte, zäumen sie dann nicht das Pferd von hinten auf? Wie können dann junge Studenten anknüpfend an antikes Denken den Logos Gottes als in aller natürlich-geschichtlichen Schöpfung lebendige Offenbarung und wahren Sohn Gottes suchen? Müssten wir laut allen Texten nicht davon ausgehen, dass der Gottessohn Mensch wurde, statt völlig umgekehrt zu fragen, ob ein Mensch mit Namen Jesus der Christus sein wollte oder ob ein religiöser Anführer für den Gottessohn gehalten wurde? Stellen wir nicht mit der Vermenschlichung von Jesus Christus auch dessen Verstand auf den Kopf? Denn um wen es damals historisch wirklich ging, warum der Gottessohn, die jüdische Weisheit oder Weltvernunft menschliche Gestalt annehmen musste um eine messianische Wirkung zu entfalten, kann aufgrund heutiger Lehre nicht gefragt werden. Auch Ihre Überlegungen zur Bedeutung der zwischentestamentlichen Literatur können sie sich dann schenken. Denn es wird nicht nach dem in der gesamten antiken Literatur lebendigen schöpferischen Wesen gefragt, das nicht nur in jüdischer Weisheitsliteratur ebenso wie in den Psalmen von Qumran deutlich gemacht wurde, sondern nur, warum ein Wanderguru mit den Attributen, die von Philo & Co. für ein hoheitliches, im kosmischen Geschehen wahrgenommenes Wesen gebrauchte, geschmückt wurde. Wenn die jüdische Literatur inhaltlich oftmals christliche Bedeutungsinhalte vorwegnimmt, dann kann das doch nicht bedeuten, dass nichts Neues war, sondern müssen wir auch dort nach dem lebendigen Wort fragen, das weit mehr war, als ein menschliches Wesen und den gesetzten Monotheismus neu begründete. Nicht um sich abzuheben oder gar überheben zu wollen, sondern um das Wesen-tliche eines erneuerten jüdischen Monotheismus zu verstehen.

 

Auch wo man theologisch einen „Jesus light“ kritisiert, wird immer nur von Hoheitstiteln für einen Menschen oder frühkirchlicher Verkündung gesprochen und damit der Eindruck erweckt, als könne man sich entscheiden, ob man in dem historischen und eigentlichen Menschen Jesus „auch“ einen Gottessohn sehe wolle, dies eine Art aufgesetzte Ideologie oder fromme Gottesrede sei. Konsequenterweise müssen dann alle Wesensaussagen der Evangelien angezweifelt und sich selbst ein menschlicher Jesus gebastelt werden, der nur noch eine Banalität ist, völlig bedeutungslos. Von einem selbstgebastelten Guru bzw. eigenen, angeblich aufklärungsbedingten Vorstellungen ausgehend, trauen daher die meisten Schriftlehrer den Schriften scheinbar schon lange nicht mehr. Die Aussagen der Evangelisten werden als nachösterliche Einfärbung abgetan und zusammen mit Johannes in die Ecke zu gnostischen Texten oder apokryphen Darstellungen gestellt. Die gesamte frühkirchliche Auseinandersetzung denkt man meist längst als eine aufgesetzte apologetische Lehre entlarvt zu haben. In Heiner Geißlers Denken begegnet uns genau der Tenor, den die von einem Menschen als eigentliches Wesen ausgehende Theologie hervorbringt.

 

Doch woher nehmen wir dann noch das Wissen um diesen Jesus? Nicht nur das Neue Testament, noch mehr die gesamte außerkanonische Literatur handelt von einem hoheitlichen historischen Wesen, das Mensch wurde bzw. dessen Gestalt annahm. Wer gibt uns das Recht, die hoheitliche Rede zurückdrehen zu wollen – als griechische oder jüdisch weisheitliche Einfärbung abzutun - und anzunehmen, man hätte nur einen einfachen Menschen zum Gottessohn gemacht? Auch wenn geschildert wird, wie Johannes den Sohn Gottes in der Taufe am Jordan erkannte, dann stellt der möglicherweise nicht nur rein zufällig gleichnahmige Jünger doch eindeutig das Gotteswort an den Anfang, geht er – und ebenso auch die anderen Evangelisten sowie sonstige Verfasser der oft heute erst zutage tretenden Texte - von Anfang an von einem hoheitlichen und gleichzeitig historischen Wesen aus, das durch die Taufe erst als solches erkannt wurde.

 

Auch wenn längst theologisch belegt ist, dass alle antiken Aussagen, selbst wenn sie ein noch so menschliches Bild zeichnen, den präexistenten Jesus, das auf- bzw. höher-verstandene Gotteswort als den Sohn Gottes in Menschengestalt vor Augen haben, will man ganz wie Geißler immer nur einen verherrlichten Wanderguru und menschlich verkündenden Christus sehen: einen Menschen, der menschlich aufgemotzt wurde. Statt mit der Klarheit der Aufklärung den Sohn Gottes in aller schöpferischen Software des gesamten Kosmos nachzuweisen, denken wir – konsequent nach heutiger historischer Professoralprämisse vom historischen Menschen - den Gottessohn der Aufklärung opfern zu müssen. Der eigenkonstruierte menschliche Christusgott, der heute dann als Produkt des persönlichen, meist innerlichen Glaubens daneben gestellt wird, hat alles andere als eine universale Offenbarungsfunktion, wie sie die Evangelisten in Jesus Christus sahen. Und auch die sonstigen Bedeutungsinhalte des christlichen Glaubens bleiben bei einer rein persönlichen und somit weitgehend beliebig bleibenden Christusvorstellung bedeutungslos, sind darin nicht wirklich zu begründen. 

 

Dabei bliebe auch der Verzicht auf  ein historisches Wesen, wie dies die Bultmannsche Lehre vertrat, weil sie es als Unmöglich sah, dessen Biografie zu zeichnen und sich auf den „Auf-erstandenen“ als Ausgangspunkt beschränkte, in Wirklichkeit grundlos bzw. reines Menschenwerk. Ohne den Wiederverstand des Schöpferwortes bleibt nur ein Auferstehungsmythos, in den Menschen ihre Menschlichkeit oder persönliche Erleuchtungserlebnisse hineindeuten, ohne wirklichen Offenbarungsgehalt. Wenn Ihr Kollege Gerd Lüdemann daher die Auferstehung – das A & O christlichen Glaubens - abstreitet, ist das nur eine andere Form von Konsequenz und spricht aus, was in Wirklichkeit die Menschen denken. Der christliche, sich auf das „Wort Gottes“ gründende Glaube ist m.E. auf ein aufgeklärtes Verständnis dessen angewiesen, von dem vor 2000 Jahren eine großartige geistige Bewegung ausging, der wirklich lebte, litt, von der Obrigkeit abgelehnt und gekreuzigt wurde und nach seinem Tode auferstanden ist? Doch wer und was war das?

 

Ging es denen, auf die wir uns immer wieder berufen, nur um einen Menschen oder um mehr? Gibt uns der Schöpfer durch die Aufklärung nur ein Gegenmittel zum Messias? Oder könnte gar die Aufklärung als Gnade verstanden werden, die uns von banaler Buchstäblichkeit befreit und einen neuen Verstand des Gotteswortes in der Gegenwart wie Geschichte ermöglicht? Versäumen wir heutige Offenbarung, indem wir die geschichtliche verneinen, aus dem damals gegenwärtigen Gotteswort nur eine menschliche Miniaturausgabe eines Christusgottes machen? Müsste die ganze Geschichte nicht vom Gotteswort in Menschengestalt aus gelesen werden, statt alles immer nur auf einen einfachen Menschen zu beziehen? Machen wir dadurch letztlich nicht gleich das ganze Neue Testament zum Menschenwort, zur Lehre besonders begabter Menschen, die später durch ihre Anhänger erhöht wurden? Bleiben nicht alle Beteuerungen, dass es das Gotteswort sei, das wir in Händen halten, ein reines Lippenbekenntnis, solange wir das Wesen des Logos Gottes nicht wahrnehmen, der der Lehre zugrunde liegt? Bleibt nicht eine zum Mythos oder zur reinen Menschlichkeit gewordene Buchlehre ebenso belanglos, wie die Berufung auf papierne Gesetzesdogmen? Warum können wir in Jesus nicht die notwendige menschliche Maske/personale Darstellung des im gesamten Kosmos wirksamen schöpferischen Wortes suchen und sehen, sondern müssen ihn total vermenschlichen und daneben einen unglaubwürdigen Christus als eine Art menschliches Gottesbild stellen? Laufen wir damit nicht Gefahr, den historischen Messias bedeutungslos zu machen, gleichzeitig auch den heutigen Verstand des Schöpfungswortes zu verbauen? Ich befürchte daher: der Wiederverstand dessen, der in der Antike als Gotteswort und offenbarenden Vermittler des realen universalen Schöpfers gesehen wurde, ohne Gott selbst zu sein, wird nicht durch Atheisten versperrt, sondern die heutig innerhalb der christlichen Lehre vertretene höchst banale Vorstellung vom historischen Wesen Jesus.

 

Wenn ich das Buch des von mir verehrten Politers nicht einfach „vergessen“ kann, dann ist es daher nicht der tagtägliche Missbrauch für eigene Meinungen oder kirchlichen Machterhalt, der mit dem Namen Jesus Christus betrieben wird. In Heiner Geißlers Buch, aber ebenso seiner gesamten Person insgesamt, spiegelt sich das wieder, was das an theologischen Hochschulen gelehrte Verständnis vom historischen Jesus hervorbringt und sich im Kopf der Massen festgesetzt hat: Belangloser und beliebiger kann das Bild unseres christlichen Glaubensgrundes bzw. Gründers kaum werden. Eine den einen Schöpfer des Alles offenbarende Funktion ist in diesem Jesus nicht zu finden, ein wirklich neues theologische Paradigma nicht zu begründen. Jesus ist in den Augen der heutigen Menschen nur noch ein junger Jude, der sich je nach eigener Sichtweise für Andersdenkende, Arme oder sonstige Randgruppen eingesetzt hat. Die Christologie bleibt so als aufgesetztes und unbedeutendes Kirchenkonstrukt dem persönlichen Glauben überlassen. Die geistige Wende, die am Anfang unserer Zeitrechnung stattgefunden hat und die in allen Texten zu uns spricht, wird so theologisch getilgt.

 

Ohne Jesus Christus als Logos/Schöpfungswort des heute wie damals lebendigen, in Kosmos wie Geschichte wirkenden Schöpfers zu verstehen, ist der Mensch allein auf sich gestellt, versucht letztlich seine Menschlichkeit zum Ersatzgott zu erheben und muss die Bibel als Menschenwerk/wort ablehnen. Wenn vom „Wort Gottes unter uns“ gesprochen wird, geht es daher meist nur um innere menschliche Stimmen, persönliche Meinungen, die aus alten Texten abgeleitet werden. Eine gemeinsame Sinngebung für die Gesamtgesellschaft, gar eine universale Offenbarung des schöpferischen Wille im Rahmen aller kosmischen Ordnung, kann davon nicht ausgehen. Nicht nur die Exegese, sondern auch die Religionsphilosophie und  letztlich die gesamte Theologie beschäftigt sich weitgehend nur mit Buchstaben, eigenen alten Lehren. Das im Kosmos lebendige Wort/der Logos Gottes, wie es in der modernen Naturphilosophie deutlich werden könnte, kommt allenfalls ganz am Rande vor und bleibt so als offenbarendes Schöpferwort unverstanden. Der moderne Mensch muss daher davon ausgehen, dass die Verfasser der Glaubenstexte ähnlich wie heute Heiner Geißler nur alte Lehren aufgewärmt, mit eigener zeitbedingter Meinung angereichert hätten. An diesem Missverstand leidet unsere Gesellschaft. Der mit Auftreten der Aufklärung eingetretene angebliche Gottestod bzw. das Schwinden des Bewusstsein eines alles zum Guten bewegenden selbst unsichtbar bleibenden Schöpfers des gesamten Kosmos, kann so nicht überwunden werden. Wie uns der Schöpfer gerade durch die Gnade der Aufklärung das Werkzeug in die Hand gegeben hat, sein Wort in sinnvoller Ordnung all seiner tagtäglich sichtbaren Werk wahrzunehmen, kann nicht thematisiert werden. Es ging im Neuen Testament laut heutiger Lehre angeblich ja nur um einen kirchlich hochgestabelten historischen Heilsprediger. Das von Ihnen kritisierte Werk ist daher bester Beweis für ein dringend notwendiges neue Verständnis der Inhalte des Neuen Testamentes bzw. des christlichen Wesens, das nur von Ihrer Seite aus angestoßen werden kann.

 

Nur einzelne Aussagen des Geißlerbuches zu kritisieren oder zu bedauern, dass der Name Jesus für Absurditäten und politische Fragwürdigkeiten herhalten muss, wie in Ihrer Kritik zu lesen, ist zu wenig. Heiner Geißlers Jesusbild ist ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte. Zeigt es doch, für was die neutestamentliche Lehre heute gehalten werden muss:

 

  1. Irrgarten eigener Konstrukte und Kirchenlehren

 

Alle theologischen Aussagen, die über den einfachen Menschen als Anführer einiger Religionsrebellen hinausgeht, sind nicht nur in den Augen Heiner Geißlers Konstrukte der Kirchenlehre. Auch wenn Sie verzweifelt die Mythen als solches bewahren wollen, so wird in den Reihen moderner Theologie überall der Ruf laut, doch endlich die Jesusgeschichte von christologisch-theologischem Ballast zu befreien. Die Bedeutung des neuen christlichen Paradigmas ist so gleich Null. Doch die Theologielehre selbst ist es, die ähnlich denkt wie Geißler, der in einer abendlichen Talkrunde alle neutestamentlichen Aussagen, die über einen antiken Sponti hinausgehen, einfach unter den Tisch kehrte. Sich mit Geißler zu streiten, ob es Endredaktoren gegeben habe, die alle hoheitlichen Aussagen in den Text hineingegeben haben oder nicht, ist zu wenig. Nicht von Geißler, sondern von der Hypothese dessen, was heutige Theologie für den historischen und somit eigentlichen Jesus hält, geht dieses, die Vernunft des Schöpfers in Menschengestalt verniedlichende Denken aus. Wenn also Heiner Geißler im Fernsehen einem Millionenpublikum verkündet, alles was so wundersam klingt, von Jungfrauengeburt über Heilswunder, Gleichnisse bis Auferstehung, hätten Anhänger eines jungen Juden diesem später nur angedichtet, um ihren Anführer in ähnlich hohem Licht erscheinen zu lassen, wie heidnische Göttergestalten oder römische Kaiser, dann ist das die einzig logische Konsequenz heutiger Kirchenle(h)ere.

 

Was nützt es zu wissen, dass für die Menschen der Antike die Figur des „Retters“ durchaus vertraut war, es politische wie auch religiöse Heilspersonen gab – oder auch die Kombination von beidem, etwa im römischen Kaisers - wenn wir beim Gesandten Gottes nicht den Logos allen realen Werdens vor Augen haben, den Philo von Alexandrien, die Evangelisten, Brief- oder apokryphe Autoren und erst recht die gesamten Frühchristen Gottessohn nannten, sondern nur das Banalbild eines rebellischen jungen Juden und dessen Verherrlichung? Der, auf den die damaligen Denker die Retter-Erfahrung bezogen, kann weder nur ein persönliches Gottesbild gewesen sein, wie es mir heutige Theologen als „Christus des Glaubens“ vorsetzen wollen, noch nur ein einfacher Mensch. Auch wenn m.E. erst von der menschlichen Gestalt des Gottessohnes, nicht von kognitiv-abstrakten kosmischen Konstrukten die messianische Wirkung ausgehen konnte, so führt doch die Verkürzung des historischen Wesens auf einen einfachen Menschen selbst theologische Forscher auf die völlig falsche Spur. Zwar ist das Wissen um die theologische Bedeutung der Texte vorhanden, könnten die gesamten Evangelien als Heilsgeschichte des historisch lebendigen Logos Gottes in Menschengestalt bezogen werden, doch die Hypothese eines einfachen historischen Menschen als das eigentliche Wesen verhindert, dass wir das lebendige Wort als Geschichts- und Offenbarungswesen wahrnehmen. In welcher Weise das Wort Gottes bereits in der kosmischen Funktionsweise heidnischer Göttergestalten und Könige oder philosophischer Konstrukte lebendig war, warum der Logos Gottes in sinnvoller Erfüllung alter Glaubensvorstellung eine menschliche Gestalt annehmen musste, nur so zu vermitteln war und zwischen den Vorstellungen vermittelte, kann erst beurteilt werden, wenn wir nicht nur nach einem jungen Juden suchen. Auch warum sich so genau das erfüllte, was vormals von menschlichen Kaisern oder Mythologiegestalten und abstrakten griechischen Geistesgebilden erwartet wurde, lässt sich nur nachvollziehen, wenn wir vom Schöpfungswort als dem eigentlichen Geschichtswesen ausgehen.

 

Sämtliche Versuche der bisherigen Philosophie, in der kosmischen Ordnung bzw. der Vernunft allen natürlichen und geschichtlichen Werdens ein schöpferisches Wesen wahrnehmen zu wollen, scheiterten am bisherigen Jesus sowie dem gesetzten Gottesverständnis. Gott selbst wird nie zu sehen, zu orten oder zu beschreiben sein. Alles was wir mit wachem Verstand wahrnehmen können, ist sein schöpferisch wirksames Wesen, das in der Antike als Wort/Logos präsent war. Doch beim derzeitigen christlichen Historienverständnis spielt das schöpferische Wesen keine Rolle. Und wenn gar jemand wie ich nachweisen will: „Jesus lebt wirk-lich“, dann muss ein normal denkender heutiger Theologe aufgrund des derzeitige Amtsverständnisses davon ausgehen, dass ich irgendwelchen spirituellen Erscheinungen, inneren Bildern aufgesessen bin oder so tief in die Bibel geschaut habe und den alten Dogmatikern aufgesessen bin. Wer beim Begriff des Gotteswortes nur nach einem Buch greift und Jesus nur als einen guten Jungen kennt, wird nie ernsthaft auf die Idee kommen können, in der Kreativität des gesamten Kosmos das christliche Offenbarungswesen verstehen zu wollen. Auch wenn er noch so viel darüber redet.

 

Was nützt es z.B. zu wissen, dass nicht nur bei Johannes, der Briefliteratur oder den gnostischen und apokryphen Texten, sondern auch den Synoptikern die Hoheitlichkeit unseres Heilandes thematisiert wird? Was bringt es, wenn die heilsgeschichtliche Aussage für eine Erneuerung des Gottesverständnis, die lebendige Offenbarung des einen Schöpfers in den Mittelpunkt gerückt oder der hochstehende Geist der philosophisch-theologischen Weisheit erkannt wird, der damals nachweislich bei Juden und Griechen geweht hat? Die Hypothese, dass es historisch real nur ein einfacher Mensch gewesen, er das eigentliche Wesen sei, verdrängt jedes Verständnis um ein über den einfachen Wanderprediger und eine aufgesetzte Glaubenslehre gehendes Verständnis. Alles bleibt dann reine Verkündigungs-Rhetorik, deren Realität dann höchstens im menschlichen Kopf zu suchen ist, nicht im kosmischen Geschehen. (Also doch nur eine andere Form von Opium fürs Volk.)

 

Der engagierte Christ und Buchautor Geißler geht, ebenso wie die aufklärerischen Gegner der christlichen Lehre (u.A. Rudolf Augstein, der in seinem Buch „Jesus Menschensohn“ dachte, das reine Kirchenkonstrukt entlarven zu können), einem Jesusbild auf den Leim, das den Logos Gottes entbehrt. Die Vernunft des Schöpfers aller sichtbaren Natur, der „Herr“ des realen kosmischen Geschehens, dessen Wort in Qumran im Tages- und Jahresverlauf bzw. aller natürlicher Ordnung wahrgenommen wurde, kommt in heutiger Kirchenlehre nicht vor. Wie in vielen meiner u.A. an Sie gerichteten Aufforderungen zu einem neuen Nachfragen, bezieht sich meine Kritik darauf, dass es einem normal denken Menschen bei heutiger Lehre gar nicht in den Sinn kommen kann, im historisch und eigentliche Wesen Jesus etwas anderes als einen armseligen Wanderprediger wahrzunehmen. Alles Denken, das versucht im antiken Weltbild von damals, einem lebendigen Gotteswort in Menschengestalt auszugehen, muss dann als für den christlichen Glauben unbedeutendes philosophisch oder theologisches Konstrukt gesehen werden. Versäumen wir es so ab nicht, nach der Realität der schöpferischen Vernunft (heute evtl. als Software allen Werdens oder kosmischer Intelligenz scheinbarer Selbstorganisation aller Systeme zu sehen) im kosmische Geschehen und ihrer Bedeutung für unser monotheistisches Gottesverständnis zu fragen? Bleibt so nicht unser Denken in rein menschlichen Dimensionen gefangen, ohne nach dem Wille des wahren Schöpfers aller Natur zu suchen, der in seinem Sohn in der Evolution seit dem Urknall sichtbar wäre? Könnte hinter der „neuen Schöpfung“ von der Johannes spricht, die nicht von dieser Welt ist, nicht auch so etwas wie ein neues, von der Weltvernunft des Schöpfers ausgehendes Verständnis der Welt und ein davon ausgehendes völlig neues menschliches Selbstverständnis gesehen werden? Ist nicht genau diese Rettergestalt auch im Judentum der damaligen Zeit nachzuweisen, ob in der Literatur von Qumran oder wenn in sonstigen Texten von einer alltäglichen, realen kosmischen und universalen Ordnung gesprochen wurde, die als schöpferische Weisheit, Wort der Wahrheit... lebendig war? Ist nicht hier, wie am Beginn der Synagoge bereits eine Wende nachzuvollziehen, die nichts mit einem wanderpredigenden Gutmenschen, wohl aber mit der neuen Wahrnehmung des Gotteswortes zu tun hat? Wäre dann aber nicht der Retter, von dem auch die Apokryphen und Kirchenväter sprechen, in einer anderen historischen Realität zu suchen, als dies heute an den theologischen Hochschulen geschieht, wo nur nach dem Wille eines menschlichen Wandercharismatiker und seiner Verherrlicher gefragt wird?

 

Auch von theologischer Seite höre ich nicht, warum Jesus im Gegensatz zu römischem Kaiser und griechischen Göttersöhnen der einzig wahre Gottessohn und über hellenistische Mythen, das jüdische Gesetz oder griechische Philosophielehren hinausgehend, das lebendige Wort Gottes, wirkliches Licht der Welt war, sondern immer nur, warum angeblich ein historischer Mensch dazu gemacht wurde. Welche alten Aussagen und theologischen Sichtweisen die Anhänger dazu veranlassten, so zu schreiben, wird mir auch von Ihren Schülern ständig gesagt. Nicht jedoch, warum im neuen Verständnis des lebendigen Wortes in Menschengestalt sich die alten Aussagen wirklich erfüllten, die Menschheit mit ihrem Schöpfer wieder versöhnt wurde. Die Verneinung der gesamten Neutestamentlichen Inhalte nimmt so selbst innerhalb der zur Menschenlehre mutierten Theologie ihren Lauf. Wenn Geißler jetzt alles, was ich als theologisch inhaltsvoll in Bezug auf den in Menschengestalt lebendigen Logos begründen will, weil es m.E. das wahre Wesen des lebendigen Wortes, dessen Menschwerdung,  Wegverlauf und Wirkung beschreibt, einfach ausleert, dann geht er den nihilistischen Weg der tagtäglichen Theologielehre konsequent weiter. Aus dem „Irrgarten theologischer Konstrukte“ den Heiner Geißler in seinem Jesusbuch nach eigenem Bekunden einfach beiseite schiebt, könnte die Kirchlehre m.E. kommen, wenn sie das Schöpferwort/die Weltvernunft des Johannes an den Anfang ihres Denkens stellen bzw. in neuer Weise nach dem von „oben“ kommenden (wirk-lich göttlichen) Wesen ihres Glaubens fragen würde, das von Ihnen oft zum Thema gemacht wurde. So kann klar gemacht werden, dass alle hoheitliche Aussagen keine propagandistisch aufgesetzten Glaubensgebilde frommer und gesetzgläubiger Apologeten waren, sondern real zu begründende Aspekte des schöpferischen Wortes/Logos als eigentliches christliches Wesen. Aus den angeblich rein dogmatischen Kirchenkonstrukten wird dann logisch begründbare Wirklichkeit, die sich im modernen Verständnis des kreativen Kosmos bzw. aller Evolutuion nachweisen lässt.

 

Was nützt die gesamte theologische Christologie, wenn sie in der Realität des natürlichen Werdens nicht wahrgenommen werden kann? Auch wenn die Aussagen zutreffend sind, so werden sie nur als Kirchenlehre verstanden, solange der kosmische Bezug zur schöpferischen Wirk-lichkeit in der Welt fehlt. Wenn nur aufgrund alter, angeblich gar nur auf einen Wandercharismatiker bezogener Glaubenstexte christologische Aussagen - über die personale Offenbarung des einen Schöpfers im Logos; Selbstmitteilung Gottes und Gnade in seinem Sohn; die Gemeinschaft aller Menschen in Christus als Ziel und Sinn von Schöpfung sowie menschlicher Geschichte; Wirken Gottes in der realen Welt... - getroffen werden, bleibt die Christologie ein aufgesetztes Kirchenkonstrukt, das nicht nur von Heiner Geißler nicht wirklich ernst genommen werden kann. Erst in Bezug zum Werden der sichtbaren Welt im Rahmen der ganz natürlichen Evolution lässt sich dem scheinbaren Kirchenkonstrukt eine über die beliebige Menschlichkeit hinausgehende konkrete Gestalt geben, die aufgeklärt zu verstehen ist. Wenn der Logos/die Vernunft/Software/Intelligenz des kreativen kosmischen Werdens als eine konkrete Gestalt wahrgenommen wird, ist m.E. der nachzuzeichnen, der für die Antike in menschlicher Gestalt der reale Offenbarer war. Dies war alles andere als ein rein doketisches Scheinwesen, das nur dem Menschengeist entsprungenes ist, sondern ist als kosmische Realität in geschichtlicher Menschengestalt Mittler zwischen Gott und den Menschen. Und genau dieses christliche Wesen weist uns auch heute nicht nur auf den einen Schöpfer hin, sondern offenbart uns auch dessen Wille.

 

 

 

  1. Statt nach eigener, rein menschlicher Vernunft zu urteilen, wäre nach dem Wille des lebendigen Gotteswortes/schöpferischer Vernunft fragen

 

Auch im Hinblick darauf, dass wir ohne die Wahrnehmung eines Schöpfungswortes in der Wirk-lichkeit menschlichen Werdens keinen Maßstab für unsere Moral haben, weder wissen, was Jesus wirklich sagen würde, noch eine höhere Bestimmung erkennen können, ist das neue Jesusbuch bestes Beispiel. Woher soll der Mensch das Maß für seine Menschlichkeit nehmen, wenn ihm die heutige Lehre den schöpferischen Logos vorenthält, selbst in der Kirchenpredigt die eigene Menschlichkeit zum Logos Gottes erklärt wird? Wie können moderne Menschen die Stimme/Wort des Schöpfers im kosmischen Werden verstehen und daraus eine der gesamten Welt gemeinsame Bestimmung ableiten, wenn in der Kirche die pure Menschlichkeit – die jeder für sich definiert - zur Bestimmung gemacht wird? Die politische Botschaft des Neuen Testamentes, die Heiner Geißler seinen Jesus sagen lässt, mag gar nicht verkehrt sein. Auch wenn mancher in Einzelpunkten anderer Meinung ist. Doch „Was Jesus heute sagen würde“ (wie der Buchtitel verspricht) lässt sich m.E. nicht beurteilen, in dem wir nur aus alten Texten abgeleitete moderne Meinungen in den Mund Jesus legen. Auch Buchstaben hin und her zu biegen und dabei meist gutgemeinte Vorstellungen eigener Vernunft und Menschlichkeit als Worte Jesus zu verkünden, gibt keine wirkliche Antwort über den Wille des einen universalen Schöpfergottes.

 

Wenn das Schöpfungswort, dem Johannes eine fleischliche (menschliche und gesetzförmige) Gestalt gegeben hat, das wahre Wesen Jesus ist, dann wäre zu fragen, ob heutige Forderungen und Verhaltensweisen der schöpferischen Vernunft/dem präexistente Gotteswort gerecht werden. Das Kriterium des Christseins wäre dann weder blinder Glaube an die Worte eines Menschen, noch an ein Kirchenkonstrukt. Und auch von einer rein natürlich-kosmischen Vernunft oder Naturgesetzlichkeit, die nicht auf den Creator bezogen bzw. als dessen Sohn gesehen wird, kann keine menschliche Bestimmung kommen. Erst in dem wir die kosmische Vernunft als hörbares Wort/sichtbarer Sohn Gottes und gleichzeitig das historische Wesen unseres Glaubens verstehen, kann davon Sinngebung und Bestimmung ausgehen. (Der Christ singt dann weiterhin Sonntags voll Begeisterung „Jesus geh voran“, damit er Montags der schöpferischen Vernunft/Sinngebung gerecht wird.) Das menschliche Wesen Jesus wird dabei nicht verneint, sondern verstanden. Doch was ein rebellischer Wanderprediger vor 2000 Jahren wollte, zu Problemen unserer Zeit zu sagen hätte, ist nicht nachvollziehbar und unbedeutend für die Welt von heute. Die Worte eines angeblichen Sozialreformers auf heute übertragen zu wollen, hilft nicht weiter. Das zeigen allein schon die unzähligen und oftmals völlig gegensätzlichen Moralvorstellungen, die Jesus im Laufe der Jahrhunderte in den Mund gelegt wurden. Im Sinne der Evangelisten wäre daher m.E. zu fragen, was die schöpferische Vernunft will? Welche Verhaltensweise der menschlichen Art im Sinne der Gesamtgenesis als Schöpfung eines gemeinsamen Gottes gerecht wird? Was bringt die Welt im Sinne der sichtbaren Genesis weiter? Was wäre wahrhaft ökologisch oder weltökonomisch? Genau das wäre es, was Jesus heute nicht nur sagen würde, sondern was der heute lebendige und bereits in der Antike als solches erkannte Gottessohn wirklich sagt.

 

So hat zum Beispiel der von Heiner Geißler und der heutigen Hochschullehre als historisch gehaltene Jesus auf die derzeit in der pfälzischen Kirche heiß diskutierte Frage nach der kirchlichen Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ebenso wenig eine Antwort, wie ein verkündeter Christusgott. Und wenn jetzt „bibeltreue“ Protestanten gegen die synodalen Beschlüsse auf die Barrikaden gehen, dann wird auch hier in der täglichen Diskussion wieder deutlich, wie Buchstabentreue und Menschlichkeit nur gegenseitig ins Abseits führen. Die Frage nach der gottgewollten menschlichen Lebenspartnerschaft kann weder nur von Menschlichkeit, noch purer Natur oder biblischen Texten aus beantwortet werden. Das lebendige Schöpfungswort, die schöpferische Vernunft und ihre menschliche Umsetzung müssen uns Antwort geben. Denn wenn heute in Bezug auf Bibeltexte die Homoehe abgelehnt wird (gar Levitikus in all seiner heutigen Missverständlichkeit dafür herhalten muss), erwidern ordinierte menschlich denkende Theologen schnell, dass man doch biblischen Texte grundsätzlich mit Misstrauen begegnen müsse. Menschlichkeit und Buchstäblichkeit stehen sich gegenüber, ohne dass nach dem Wort/Wille des lebendigen Schöpfers gefragt werden kann. Nach der natürlich-schöpferischen Logik und Sinngebung menschlichen Seins – die mit Sicherheit über das Kinderkriegen hinausgeht, aber die Grundprinzipien der natürlichen Schöpfung auf menschliche Weise berücksichtigt - fragt keiner. Und selbst die katholischen Bischöfe, die sich jetzt plötzlich auf das „Naturgesetz“ beziehen, das doch bisher verteufelt wurde, angeblich im Gegensatz zum Gesetz Gottes stand, können sich nach ihrem derzeitigem Verständnis nicht auf das lebendige Wort Gottes berufen. Noch ist eine schöpferische Vernunft im natürlichen Werden nicht als Wort Gottes oder christlicher Bestimmung zu erkennen. Und allein ein Naturrecht kann nicht die menschliche Gültigkeit sein. Hierzu wäre es notwendig, in der Natur mehr zu hören als heute.

 

Doch wenn Jesus der war und ist, den uns die Evangelisten und andere antike Theologen in höchsten Tönen beschreiben, wird dann nicht Gott heute durch selbstgefällige Buchstäblichkeit und beliebige Menschlichkeit das Wort verboten? Warum sind wir unfähig geworden, im kosmischen Werden das schöpferische Wort zu verstehen? Wäre wahre Menschlichkeit nicht erst dann zu verwirklichen, wenn wir uns als Menschen weder von vorgesetzten Buchstaben, noch puren Naturgesetzten leiten lassen, sondern in beidem das eine Wort/die schöpferische Vernunft verstehen, die vor 2000 Jahren in menschlicher Gestalt vermittelbar war?

 

Mit Sicherheit entsprechen Heiner Geißlers Jesusaussagen weit mehr einer vom Schöpfer der Weltwirklichkeit ausgehenden Vernunft, als viele gutgemeinten, oft rein konservativ schriftgelehrten Auslegungen. Doch erst wenn wir nicht nur nach Traditionslehren sowie den Ansichten antiker Zeitgenossen oder moderner Moralapostel, sondern nach dem Wille/Wort des realen Schöpfers aller Natur und menschlicher Geschichte fragen, werden wir Antwort darauf erhalten, was der Gott des Gesetzes der Väter und Vater des Alles wirk-lich von uns will, was er uns durch seinen Sohn/Logos sagen lässt. Und erst so werden wir auch zur Umsetzung und Einhaltung seines Wortes befähigt. Denn...

 

  1. Menschliche Forderungen nach anderen Verhaltensweisen und Versuche, gute Werke vorzuleben, führen allein nicht zum Erfolg

 

Auch dafür ist der engagierte und m.E. ehrliche Politiker bestes Beispiel: Zu wissen, was menschlich sinnvoll wäre und es einzufordern, bringt uns nicht weiter. Allein dass Papst oder Politiker nach mehr Menschlichkeit rufen oder die exzessive Ungerechtigkeit und Unökologie des Weltwirtschaftens anprangern, macht wenig Sinn. Die Einhaltung der Traditionsgesetzte zu verlangen bringt uns so wenig, wie nur sinnvolle ethisch-moralische Forderungen zu stellen. Die Frage ist, welches Bewusstsein wird benötigt, damit die Menschen dazu befähigt werden, sich am schöpferischen Wort/einer alle Natur bestimmende Vernunft zu orientieren, diese menschlich auszuleben und ihr mit Freude und Lust an schöpferischer Leistung frei zu folgen? Wenn ich von einem mit wachen Verstand wahrnehmbaren schöpferischen Wort allen natürlichen Wachsens rede, dann sieht sich der Mensch in dessen Verantwortung, richtet mit Hilfe religiöser Begeisterung sein Tun am schöpferischen Logos aus, der zur Leitschnur allen Lebens wird. Während der Glaube, die Wahrnehmung Gottes durch sein Wort, heute weitgehend in den rein persönliche Bereich verbannt wird, allenfalls die eigene Befindlichkeit verbessern soll, sehe ich daher in einem vernünftigen Glauben die Voraussetzung für ein vernünftiges gesellschaftliches Gelingen. Doch war dies nicht auch der Ansatz in der Antike? So galt m.E. auch die Umsetzung der philosophisch erkanten Ideale keinem Selbstzweck. Doch erst im monotheistischen Glauben an den realen einen Schöpfer, mit dem menschlichen Bild dessen Logos, ließ sich der Staat machen, der den griechischen Denkern vorschwebte, bzw. den diese aus einem lebendigen, den gesamten Kosmos bestimmenden schöpferischen Wort ableiteten. Nach dieser Definition des christlichen Glaubensgründers war es auch kein Wendepharisäer, der in Athen oder Korinth zum reformierten Judentum oder den Botschaften eines Jungjuden überredete, sondern sind griechische Denker einem neuen monotheistischen Paradigma gefolgt. Die Aussagen der Apostelgeschichte lassen sich, wie alle biblischen Berichten, vom Logos Gottes in menschlicher Gestalt ausgehend, mit völlig neuen Augen lesen. Gott ist bei dieser Perspektive kein Mittel zum menschlichen Zweck, besseren Lebens, sondern immer der reale Schöpfervater allen Werdens, von dem somit der natürlich-logische Zweck/Sinn/Logos des menschlichen Seins ausgeht, der das gute, taugliche, schöpferisch-vernünftige und somit auch menschliches Wachsen und wahren Wohlstand will. Ohne die Liebe Gottes, die als lebenserhaltende und hervorbringende Kraft/kreative Intelligenz allen Werdens/Software, in der kosmischen Realität als sein Sohn sichtbar wird, ist bei dieser Sichtweise kein vernünftiges/schöpferisches Zusammenwirken: weder der Materiebauteile, noch der Menschen und ihrer familiären und  gesellschaftlichen Beziehungen.

 

Wenn ich jedoch selbst bei Heiner Geißler das Problem der Pharisäer vermute, dann nicht, weil ich ihn nicht für moralisch halte. Gerade Geißler ist ein Beispiel für gelebte Aufrichtigkeit. Nicht weil er jetzt zusammen mit Norbert Blüm und Rupert Neudeck, dem Gründer von „Cap Anamur“, ein neues Buch über globale Gerechtigkeit, humanitäre Hilfe und eine solidarische Weltgemeinschaft herausgibt, halte ich Geißler für eine Geist, der sich jenseits von Eigeninteresse für Gerechtigkeit einsetzt. Doch genügen menschliche Verhaltensforderungen und Vorbilder, um einen Geist der Solidarität und Gemeinschaft zu erzeugen? Wenn Ideen eine Macht sind, wie die drei den Weltgeist beschwörenden Autoren glauben und wenn Macht ohne Moral unmenschlich und tödlich ist, müssen wir dann nicht nach Ideen und Idealen eines Weltgeistes fragen, die ein Stockwerk über menschlichen Ideologien liegen? Gerade in der globalen Problematik wird deutlich, dass wir ein Bewusstsein benötigen, das weit über bisheriges Denkmuster hinausgeht. Allein Vorbildverhalten und menschlichen Forderungen nach Gerechtigkeit können keine globalen Gleichgewichte und schöpferische Nachhaltigkeit bewirken. Hierzu muss sich in den Hirnwindungen der Menschen ein Bewusstsein von einem höheren Wesen bilden, von dem ganz natürliche menschliche Bestimmung erst ausgeht. Menschliche Forderungen nach mehr Gerechtigkeit auf der Welt und dem Versuch des Vorlebens mögen gut gemeint sein. Und doch werden sie das Problem der Pharisäer nicht los. Bereits den griechischen Philosophen, die in schöpferischen Ideen nach der Wende vom Mythos zum Logos suchten und ebenso den von einem neuen Bund mit Gott und einem in kosmischer Ordnung verstandenen Wort schwärmenden jüdischen Weisheitslehrern war bewusst, dass menschliche Gesellschaften auf mehr gründen müssen, als alte Mythen, unverständliche Metaphysik und selbstgesetzte Menschlichkeit.

 

Auch in der Darstellung der Auseinandersetzung Jesus mit den Pharisäern vermute ich weit mehr, als nur die Anschuldigung eine Aufrührers gegenüber anderen Ethiklehren. Selbst der noch so gerechte Mensch, dem kein Fehlverhalten nachgesagt werden könnte, kann im Grunde nicht das sinngebende Vorbild sein. Allein Werkgerechtigkeit führt nicht zum Er-folg, (Folgsamkeit gegenüber dem Schöpfer und Einhalten seiner Ordnung.) Vielmehr stellt sich doch die Frage, wie die Menschen zur Einhaltung einer schöpferischen Vernunft befähigt werden und ob Menschen das Maß der Dinge und Vorbild sein können? Zeigt sich nicht in der gesamten heutigen Politikprominenz, aber auch auf der Buchmesse, wo zahllose Biografien oft zweifelhafter Gestalten die Bestseller darstellen, dass Menschen – auch wenn permanent nach ihnen gerufen wird - damit überfordert sind? Genügt es, allein nach dem menschlichen Gewissen zu fragen, wie dies gar manche theologischen Denker tun? Beweist sich nicht gerade in unserer gesellschaftlichen Entwicklung, dass das menschliche Gewissen allein auf sich gestellt überfordert ist? Wer hat heute ein schlechtes Gewissen, wenn es mit unser Gesellschaft nicht weiter geht, notwendige Veränderungen ausbleiben, weil jeder festhält – ob in materieller oder geistiger Hinsicht? Was bewirkt ein rein menschliches Gewissen, wenn der Generationenvertrag nicht eingehalten werden kann, weil die Geburten fehlen, eine nur ihr menschliches Selbst verwirklichende Gesellschaft aus dem Gleichgewicht gerät? Wer hat ein schlechtes Gewissen, wenn er alle Sozialleistungen nutzt, unabhängig davon ob er sie wirklich braucht und somit deren Sinn verstellt, so dass den Gesetzgebern nur das Einstellen sozialer Leistungen und Errungenschaften bleibt? Muss nicht hinter allem menschlichen Gewissen und Gesetzen immer nach dem Sinn des Ganzen gefragt werden? Ersticken wir heute nicht gar an einer Vielzahl von Gesetzen und Vorschriften, über die jeder klagt, aber gleichzeitig ständig verlangt wird, weil der Geist fehlt?

 

Liegt selbst das derzeitige Rentenproblem, das mit menschlichen Gesetzen und Gewissen allein nicht zu lösen ist, nur in einer kinderlosen Generationen begründet oder einem fehlenden schöpferischen Geist als eigentliche Ursache der vielzähligen Symptome? Selbst die weltweite Arbeitslosigkeit ist m.E. keine Folge von fehlender Arbeit oder von Geld (das nur Tauschmittel und Maßeinheit für erbrachte oder ausgebliebene Leistung ist), sondern eines fehlenden gemeinsamen schöpferischen Geistes. Ist nicht gerade heute zu sehen, dass pure Menschlichkeit nicht reicht, unsere menschlichen Kapital-Kulturen am Egoismus einer sinnentleerten Menschlichkeit scheitern, sich die Menschheit arbeitslos meldet, nihilistischen Abbau betreibt, statt notwendige Leistungen für die Weltgesellschaft und die nächste Generation zu erbringen? Ist uns etwas abhanden gekommen, das bisher wie von selbst für Nachwuchs und schöpferischer Zukunftsleistung sorgte, ohne dass bei unseren Vätern allein finanzielle Anreize und Gesetzliche Vorschriften hierzu vorhanden waren? Ist die Verantwortung selbst für diese gesellschaftliche Probleme dann aber nur bei Gesetzgebern und den einzelnen Generationen zu suchen? Oder liegt die Verant-wort-ung nicht vielmehr bei denen, die für den Geist der Gesellschaft einen Teil der Steuer kassieren und denken, mit Karitas, Kindergärten und Forderungen nach Gerechtigkeit in selbsterwärmenden Sonntagspredigten wäre alles getan?

 

Warum kann nicht die Vernunft/das als Software allen Seins sichtbare schöpferische Wort Gottes, das in der Natur alles Werden und Wachsen lässt, für uns Christen das eigentliche Vorbild und Bestimmung sein? So bleibt beispielsweise auch das Pillenverbot des Papstes ebenso pharisäerhaft, wie der Verweis auf fromme alte Vor-Schriften, die nach Kindersegen verlangen. Brauchen wir jetzt gar noch ein „Gesetz zum Kinderkriegen“, weil Traditionen nicht mehr tragen, finanzielle Anreize nicht reichen und ein monetärer Ausgleich die Lebensaufgabe (in sinnentstellter Welt leider als Last empfungen) des Kinderkriegens und –Erziehens nicht ausgleichen kann? Zeigt sich nicht selbst im Beispiel unserer derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklung, wie aberwitzig es wäre, nur allein auf manipulierbare Buchstaben und menschliche Machart zu setzen? Wie wenig kann menschliche Bestimmungen ausrichten, wenn eine menschlich schöpferische Bestimmung fehlt?

 

Vernünftiges Wachstum – weder familiär, noch in der Gesamtwirtschaft - lässt sich nicht per Gesetz verordnen, noch durch menschliche Forderungen oder Vorleben herbeiführen, sondern benötigen einen schöpferischen Verstand. Wenn jedoch unser ehemaliger Sozialminister Geißler dieser Tage in Hassloch bei einer Wahlkampfveranstaltung eine Rückbesinnung auf eine „am Menschen orientierte“ Politik forderte, dann fragte er nicht nach dem, den er in seinem neuen Buch politisch sprechen lässt, sondern machte den Menschen zum Maß. Und als er von der Politik verlangte, dass sie den Menschen zur Vernunft bringt bzw. sagte, sie hätte dafür zu sorgen, dass die Welt ein „menschlicheres“ Gesicht zeige, dann verlangte er von ihr etwas, was diese nicht leisten kann. Staatliche Rahmenbedingen und Gesetze können den fehlenden gesamtschöpferischen Geist der Menschen nicht ersetzen. Der auch in vielen Veranstaltungen der kirchlichen Akademien zu hörende Ruf nach den Politikern und menschlicher Ethik ist daher nicht nur pharisäerhaft, sondern gleichzeitig eine Bankrotterklärung der Geistlichkeit, die damit auch beweist, dass sie Christus längst „abgeschrieben“ hat, dem Glaube an ihn nicht wirklich mehr etwas zutraut. (Jesus ist dann nur noch ein abgeschriebener, aus vormaligen Jahrgängen bzw. Büchern übernommener Buchposten ohne Wert ist. Allenfalls von praktischer Bedeutung, wie im Jesusbuch von Heiner Geißler.)

 

Warum kann der wahre christliche Lösungsansatz nicht vielmehr in einer Begeisterung für die natürliche Schöpfungsleistung (den lebendigen Logos Gottes) liegen, in die sich so das Individuum mit seinem jeweiligen Vermögen schöpferisch einbringt? Könnte nicht von der Liebe bzw. Begeisterung für den Schöpfer des evolutionären Werdens und Wachsens, die Wahrnehmung seines schöpferischen Wortes, die Kraft ausgehen, die wir Liebe nennen und die über die individuellen Egoismen sowie Selbstverwirklichungen hinausgehend auch in allen menschlichen Beziehungen sinnvolles Wachsten und Gedeihen hervorbringt? Was spricht dagegen, im Logos aller Genesis Gottes die Leitlinie des menschlichen Lebens zu sehen? Wenn wir im Logos allen natürlichen Werdens den von Johannes in der Weltvernunft erkannten Gottessohn in menschlicher Ausprägung sehen, das fleischgewordene präexistente Schöpferwort in menschlicher Person, wäre es dann nicht folgerichtig, diese Software allen weltlichen Werdens, hinter der historischen Gestalt zu suchen, den noch heute lebendigen Sohn Gottes in neuer Weise zur Maxime christlichen menschlichen Lebens zu machen? Ich vergesse in meinen Gedanken immer wieder, dass da ja angeblich nur ein besonders menschlicher Jungcharismatiker war, den man später Gotteswort/Logos nannte, die heutige Theologie vom gleichen angeblich geschichtlichen Jesus ausgeht, wie Heiner Geißler. Und genau diese Vorstellung ist es, die dagegen spricht, die schöpferische Vernunft Gottes, das lebendige Wort  wahrzunehmen und auszuleben.

 

Wo der Logos Gottes von der Theologie nicht thematisiert wird, bleibt der Mensch mit sich allein. Ja selbst der Papst hätte beinahe wegen seiner „Menschlichkeit“ den Friedennobelpreis erhalten. Nicht weil er den Menschen den schöpferischen Wille bzw. den Schöpfer selbst vermittelt und durch einen gemeinsamen universellen Urgrund/Logos die Grundlage für einen Frieden zwischen den Religionen (Voraussetzung für den Weltfrieden) bewusst macht, sondern wegen seiner Friedenforderungen wird er gelobt. Eine Institution, die sich nur auf trennende theologische Papierdogmen berufet und so folgerichtig einen Priester, der Nichtkatholiken das Abendmahl austeilt aburteilen muss, hätte allein wegen rein menschlicher Forderungen beinahe den Friedensnobelpreis erhalten. Auch Sie als Neutestamentler, der die katholische Obrigkeit in Schutz nahm, weil sie sich nicht einfach in heute oft üblicher Weise über ihre Grundaussagen hinwegsetzt, können Ihre Kollegen, die ihre ökumenische Menschlichkeit in Paulus hineinlesen, dann nicht nachvollziehen. Die sich hier anschließende Diskussion über die biblische Deutung zwischen Ihnen und Ihren Kollegen zeigte einmal mehr, wie wenig papierne Buchstaben, die völlig gegensätzlich gelesen werden, allein auf sich gestellt, wegweisendes Gotteswort sein können.

 

Auch der neugewählte Vorsitzende der EKD setzt bei heutiger Sichtweise des Gottessohn und historischen Jesus nicht auf die Verwirklichung eine schöpferischen Vernunft. Als Bischof Huber im Fernsehinterview gefragt wurde, was ihm besonders am Herzen liegen würde, war es die Bewahrung der „Menschenwürde“ im Rahmen der modernen Gentechnik. Nach der Umsetzung einer schöpferischen Sinngebung auf menschliche Weise im Rahmen der modernen gentechnischen Möglichkeiten kann nicht gefragt werden, wenn das Wort Gottes nur in der Bibel gesucht wird. Die Wahrung der natürlichen Grundgesetze des Schöpfers bei der Gentechnik kann kein Thema sein, solange wir im Sohn Gottes nur einen Hoheitstitel sehen, der einem Menschen aufgesetzt wurde. Und so weit wie wir das Neue Testament auch drehen und Wenden, über die Anwendung der Gentechnik hat uns der antike Che Guevara mit Heiligenschein so wenig zu sagen, wie zur Arbeitslosigkeit oder ökologischem Verhalten. Hier müssen dann moderne Moralvorstellungen herhalten, die ohne den Bezug zu Jesus bzw. dem lebendigen Wort nur aufgesetzt sind. Mit alle Möglichkeiten des modernen Wissens die schöpferische Vernunft als Sohn Gottes nach dem Wille des Vaters zu fragen, die menschengemäße Umsetzung der Ordnung der gesamten Kosmos zum Maßstab zu machen, kann im heutigen theologischen Bild der Welt und des Gottessohnes/wortes nicht vorkommen. Auch für den Oberhirten der Protestanten kann es nur um reine Menschlichkeit gehen. So macht der Mensch seine Menschlichkeit selbst zum Wort Gottes und verlangt dessen Einhaltung.

 

Doch was bringen gutgemeinte Forderungen, wenn die geistigen Fähigkeiten und Voraussetzungen fehlen, einen gemeinsamen Schöpfergott in der Realität der gemeinsamen Welt zu erkennen und dessen Wort/Wille wach denkend neu zu erkunden? Verhindert nicht gerade das Beharren auf Buchstaben der eigenen Lehre die Neuerkenntnis des gemeinsamen schöpferischen Logos, zu der auch andere Weltbilder beitragen könnten? So kann z.B. ein Nachdenken darüber, warum die Weisheit des Laotse dem gleichen schöpferischen Logos folgt, fernöstlichen Monismus nur in anderer Weise umsetzt und zu einem anderen Gottesbild und Bewusstsein führt, wie im Monotheismus, beim heutigen Christusverständnis nicht stattfinden. Warum das Tao eine der fernöstlichen Kultur gerechte Theologie des Schöpfungslogos ist, auch wenn sie nicht zu einem persönlichen Gott und Schöpfer führt, sondern weit philosophischer bleibt, kann kein Thema sein. Den eigenen Logos und Offenbarer, den er in seinem Buch sprechen lässt, auch in den fremden Kulturen wahrzunehmen, ist beispielweise selbst für Heiner Geißler, der weltoffen über die Grenzen des eigenen Glaubens schaut, unvorstellbar. Über das auch in alten polytheistischen und. pankreationistischen Hochkulturen verstandene Schöpfungswort, das in den verschiedene Kulturen je nach Vorprägung verschieden auszuleben wäre, kann heute kaum nachgedacht werden. Buchstaben und Menschlichkeit führen noch längst nach der Rehabilitation Galileis und der Neuinterpretation der biblischen Genesis zu einer ständigen Verneinung des im gesamten Kosmos zu verstehenden lebendigen Schöpfungswortes. Doch sind es nach wie vor nicht die Buchstaben bzw. deren allzu menschliche Interpretation, die die monotheistischen Religionen trennen, die doch auf das gemeinsame und eine Wort des Schöpfers gründen? Und geht daher nicht selbst der weltweite Terror und Krieg auf ein Konto, das nur eine aufgeklärte christliche Theologie ausgleichen kann, die die gemeinsamen Wurzeln im Schöpfungswort in neuer Weise zum Thema macht?  

 

Wo es hinführt, wenn der Mensch nur auf seine eigene Vernunft und seine selbstgesetzten rein menschbezogenen Religionsgesetze gestellt ist, zeigt sich auch in der derzeitigen Weltsituation, wo auf Buchstaben bauend im Namen Gottes von allen Seiten unsinnig Blut vergossen wird. Von Amerika bis zum tiefsten Afrika wird sich nicht nur auf Gott berufen, um eigene Vorstellungen blutig durchzusetzen, sondern gehen die Menschen wirklich davon aus, im Namen Gottes zu handeln. Doch geht es dabei jeweils noch um den Schöpfer des Alles, den Abraham vor Augen hatte bzw. der sich bereits den Hebräern in einer schöpferischen Vernunft/Wort offenbarte, oder nur um den Diktator von Dokumenten, die längst nach einer der eigenen Kultur gerechten Menschlichkeit interpretiert bzw. manipuliert sind?

 

Während gleichzeitig die Intellektuellen darauf hoffen, doch endlich den Glauben überwinden zu können, um zum Weltfrieden zu finden, haben weder die Anhänger von Bush, noch Bin Laden ein schlechtes Gewissen, wollen oft Frieden mit Gewalt durchsetzen. Über menschliche Machtinteressen hinaus gehen sie meist davon aus, dem ihnen jeweils von menschlicher Obrigkeit vorgesetzten Gott zu dienen. Junge  Moslems gehen, wie der angeblich historische Mensch Jesus für ihren Gott als Märtyrer in den Tod. Und wer nur auf kulturbedingte menschliche Buchstaben baut, das Neue Testament so interpretiert, wie Heiner Geißler und die heutige Theologie, der liefert dafür sogar auf viele Weise die Legitimation. Wenn es im christlichen Glauben wirklich nur um die Welt- und Gottesanschauung eines anschließende vergötterten rebellischen Menschen gegangen wäre, der für seine Überzeugung in den Tod ging, dann müsste man als aufgeklärter Mensch das Christentum verbieten. Denn es dient nicht mehr dem offenbarenden Logos, sondern letztlich nur als Vorbild für junge Märtyrer im Namen eines selbst gesetzten überkommenen Gottes. Von einer großartigen jüdisch-griechischen Schöpfungsvorstellung, die im als Mensch sichtbaren Logos/Sohn des einen Schöpfers des gesamten Kosmos Klarheit über den Vater hervorbrachte, dessen Wort in aller schöpferischen Ordnung verstand, ist nichts zu sehen.

 

Dabei zeigt sich gerade heute, dass die Welt ohne einen universellen schöpferischen Geist nicht zu be-wirtschaften ist, allein der Ruf nach Menschlichkeit als Weltethik und papiernen monotheistischen Dogmen, die jeder als sein Gotteswort verkündet, nur ins Gegenteil von schöpferischer Gemeinschaft führt. Der politische Inhalt des Neuen Testamentes, den Heiner Geißler in seinem Buch zur Sprache bringen will, ist gerade heute, in einer wirtschaftlich und kulturell zusammengewachsenen, jedoch weiterhin durch Buchstaben und selbstgerechte Menschlichkeit getrennten und oft geistig entleerten Welt gefordert. Nicht jedoch als Friedenspredigt, fromme Forderung oder gegenseitige Anklage, sondern als universales, freies und mündiges Verständnis des monotheistischen Schöpferwortes, was das Urchristentum war.

 

Weltanschauungsfragen hätte sich überlebt, war unlängst in der Rheinpfalz, der Tageszeitung der Pfalz zu lesen. Nicht weil Menschen keine Werte brauchen, sondern weil Politik damit überfordert ist, wurde im Zusammenhang mit dem Wertewandel der SPD und gleichzeitig der Hinterleuchtung anderer höherer Parteiwerte argumentiert. Doch gegen diese „Tara-Politik“, wo Parteien selbst eigene Programme verleugnen bzw. ihre politischen Inhalte über Bord werfen, hilft keine Predigt. Solange die höhere Vernunft der Schöpfung durch die Theologie nicht zum Thema gemacht wird, werden Weltanschauungsfragen selbst hier nur als störend, zementierend und Fortschrittsverhindernd gesehen. Sie für die Umsetzung einer vernünftigen, z.B. ökologischen somit dem Logos der Genesis Gottes gerechten Lebensweise als Voraussetzung zu sehen, muss völlig illusorisch bleiben, solange wir Jesus nur als das sehen, was heute an den Hochschulen gelehrt und somit von Heiner Geißler zur Sprache gebracht wird.

 

Wenn Geißler klagt, dass die Parteien das Maß verloren hätten, einen Jesus beschreibt, der sich einmischen würde, wenn er wieder lebendig wäre, wie im ARD-Morgenmagazin geschehen, dann ist ihm der Applaus so sicher, wie einer entsprechenden Sonntagspredigt. Doch liegt das Problem nicht tiefer? Sind nicht die Politiker heute wirklich damit überfordert, die Menschen zur schöpferischen Vernunft zu bringen? Zeigt sich nicht gerade in der Gegenwart, dass traditionelle Vorschriften und staatliche Gesetze nicht reichen bzw. gutgemeinte Regelungen sich oft ins Gegenteil verkehren? Was wir brauchen scheint mir daher ein Neuverständnis der alten Texte wie des schöpferischen Wortes in aller Natur, das über unsere derzeitigen Vorstellungen hinausgeht. Denn auch die Gesetze des natürlichen Werdens allein haben uns scheinbar nichts zu sagen. Selbst wenn Heiner Geißler in seinem Buch über das Bergsteigen als „Philosophie der Passionen“ deutlich macht, dass nicht der Mensch, sondern die Natur das Maß der Dinge ist, könnten wir dort ohne die urchristliche Vorerfahrung nicht das Wort Gottes verstehen. Wenn wir jedoch im natürlichen Geschehen, der Vernunft/Logik somit auch den Gesetzen des Kosmos den schöpferischen Logos, das Wort Gottes wahrnehmen, das vor 2000 Jahr in menschlicher Gestalt gesehen wurde, wird der, den Geißler heute zur Sprache bringen will, wieder menschlich lebendig.

 

Ich denke, dass Jesus wirklich lebt und sich einmischt, mitten unter uns ist. Doch nicht als Mythos, persönlich-spirituelle Wahrheit oder Metaphysik und schon gar nicht als menschlicher Moralapostel. Eine schöpferische Software als offenbarende und für jedermann verständliche Wirklichkeit Gottes in aller Genesis ist heute wieder sichtbar. Die seit dem Urknall bzw. im Werden der Welt vom Sternenstaub bis zu geistbegabten Wesen sichtbare schöpferische Vernunft, kann jedoch erst dann in unserem christlichen Weltbild wirksam werden, wenn wir sie als den Sohn Gottes sehen, der bereits von den Evangelisten erkannt und dessen Auseinandersetzung mit dem damaligen Denken in einfachen Geschichten beschrieben wurde. Auch heute scheint dieser Heilland den Heiden oft näher zu stehen, als manchen Neutestamentlern. Was uns die neue Sicht der Natur als kosmische Intelligenz näher bringen will, scheint nichts anderes wie das, was Philo & Co. Gottessohn nannten, durch die Evangelisten menschliche Gestalt annahm um messianisch zu wirken. Wenn eine Maria aus dem heidnischen Magdala Jesus Christus die Füße wäscht oder ihn salbt, dann hat das mit Sicherheit eine geschichtliche Bewandtnis, die uns auch heute noch etwas sagen kann.

 

  1. Maria Magdalena, nicht Mutter Kirche erkennt den einzigen Offenbarer Gottes

 

Auch wenn ich mich hier nicht auf das Gebiet der fachgerechten Exegese wagen will, so vermute ich, vom Logos/Schöpferwort in Menschengestalt als dem eigentlichen Wesen Jesus ausgehend, in Maria Magdalena weit mehr als die fußgeile Anhängerin eines Reformjuden. Wissen wir doch, dass Johannes die Weltvernunft in Person zum Thema hatte, nicht einen wildcharismatischen Wanderguru mit Bart, dem neben einigen gesetzesfrömmigen Fischern auch fremde, heidnische Frauen nachgelaufen sind. In Fußwaschung und Salbung (Messiaserkenntnis) durch eine Maria außerhalb des Geltungsbereiches jüdischen Gesetzes muss daher eine theologische und gleichzeitig geschichtliche Aussage gesehen werden, die weit über bisherige Banalbetrachtungen hinausgehet. In Maria aus Magdala nur ein „fußgeiles“ antikes Groupie zu sehen, wäre fatal. Vielmehr wird uns doch hier ein Bild gemalt, das auch von Ihnen mit dem Abendmahl in Verbindung gebracht wird, also eine „Einweihung“ oder „Erkenntnis“ aufgrund der Identität des anwesenden Gottessohnes symbolisiert, die hier von der fremden Frau geschildert wird. Doch wenn Sie verhindern wollen, dass selbst philosophische Freidenker wie Heiner Geißler in den Bildern des Neuen Testamentes nur Banalitäten sehen, dann genügt es nicht, nur den Abbau von theologischen Inhalten zu kritisieren. Wäre nicht auch hier der von Ihnen verlangte Weg konsequent weiterzugehen? Allerdings nicht nur in Maria Magdalena, sondern auch in Jesus selbst mehr zu sehen, als einen Menschen mit Sonderbegabung, den man später zum Gottessohn machte?

 

Auch die heute von Theologen gestellte Frage, ob Maria aus dem galiläische Magdala am See Genezareth überhaupt mit der Fußwäscherin identisch ist, lässt sich nur aus einem allegorischen Verständnis ihres wahren Wesens beurteilen. Dabei wäre nicht nur nach einer jungen Frau, sondern nach der Bedeutung dessen zu fragen, was hinter dem hervorbringenden Wesen „Maria“ steht und was davon heidnisch war. Nicht in wilder Deutung längst banalisierter Buchstaben, sondern in wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem antiken Denken, den verschiedenenartigen Gottesvorstellungen bei Heiden, Juden und Barbaren ist möglicherweise Maria von Magdala als hervorbringendes Wesen außerhalb des Gesetzes und den Logos Gottes als präexistenten Sohn bestätigend zu orten. Das von Ihnen oft thematisierte neu sehende Judentum der Diaspora hat bei der Frage nach Maria Magdalene möglicherweise mehr zu sagen, als allein die Vergleiche von Textstellen, wo eine Maria genannt wird. Wer allerdings nur die antike Anhängerin eines besonders begnadeten Gurus vor Augen hat, wie zur Weihnachtszeit in einem wissenschaftlich kommentierten Dokumentarfilm zu sehen, bei dem bleibt nur eine seichte Story: Das Liebesverhältnis des um den See ziehenden Gurus mit einer Maria aus Magda, das jede Hollywoodstory in den Schatten stellt. Was uns Dank der hochwissenschaftlichen Kommentare Ihrer Kollegen als historisches Geschehen präsentiert wird, könnte irreführend verkürzender nicht sein. Hier wird die Grundlage für die gesamte Rücknahme der christlichen Bedeutungsinhalte geliefert, die bei Heiner Geißler nicht halt machen kann.

 

Doch sind es nicht die Bilder, sondern deren professorale Banaldeutung, die in Folge nicht nur Bundestagsabgeordnete wie Heiner Geißler zu Fehlschlüssen kommen lassen oder feministischem Missbrauch führen. Denn mit Sicherheit verbirgt sich auch hinter diesem Bild eine geschichtliche Wahrheit, bringen die Evangelisten, die über die Weltvernunft in menschlicher Gestalt schreiben, auch mit der Austreibung von sieben Dämonen durch Maria Magdalena eine reales Geschichtsgeschehen zum Ausdruck. Auch wenn ich mir nicht anmaße die Aussagen zu deuten, so stellt sich doch die Frage, wer war diese heidnisch-jüdische Maria aus Magdala, die sieben vom Schöpfer abgefallenen einstigen Gottesboten austrieb, die jetzt nur noch Dämonen waren?

 

Was will uns der Evangelist (nach meiner Deutung ein griechisch denkender Monotheist, der in einfachen Worten die vom Wort/Logos Gottes in Menschengestalt ausgehende geistesgeschichtliche und somit historisch reale Wende beschreibt) sagen? Welche Geschichte hat er beschrieben? Gerade von Magdala können wir uns Dank heutigen Wissens ein gutes Bild der Geistesgeschichte machen. In dieser Stadt in Galiläa waren die verschiedenen Kultformen, von Dionysos bis konservativem Judentum beheimatet. Sie lag an der Durchgangsstrasse zwischen den verschiedenen Weltbildern. Und genau hier hat Maria (das hervorbringende Wesen der Mutter Kirche) als Erste in der menschlichen Gestalt Jesus den Messias gesehen. Sie war es, die am Kreuz gewartet hat und als erste am Grab war. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes wissen um ihre Existenz, stellen ihr liebevolles Verhältnis zu dem vor, den sie als Weltvernunft in Menschengestalt verdichteten. Wenn nicht die jüdische Mutter, die ihn geboren hat, sondern die Fremdgängerin (das aus dem Heidenland kommende hervorbringende Marien-Wesen), Jesus folgt und die Füße wäscht, ihn als Messias und wahren Gottessohn erkennt, dann vermute ich ähnliches wie heute. Ist es nicht auch heute Mutter Kirche, die dem im Kosmos lebendigen Gottessohn die Anerkennung verweigert? Müssten nicht auch heute das außerchristliche New Age bzw. moderne Naturphilosophie und neues theologisches Denken Belege für den lebendigen Logos liefern, Jesus wieder als Gottessohn kenntlich machen und sieben Dämonen austreiben? Ist nicht gerade Heiner Geißler ein lebendiges Beispiel, wie das Banalbild unseres Glaubensgründers einer neuen vernünftig aufgeklärten Erkenntnis des selbst unsichtbaren Erzeuger-Vaters aller natürlichen Schöpfung im Weg steht, tief sitzende Dämonen scheinbar erst noch auszutreiben sind?

 

In seinem Buch „Wo ist Gott?“ machte sich Heiner Geißler im Gespräch mit der nächsten Generation Gedanken über Gott und die Welt. Wie kaum in der zur reinen Schriftlehre gewordenen Kirchentheologie zu finden, fragte der ausgebildete Philosoph und Jesuit auf verständlich nachvollziehbaren Weise nach Gottes Wirk-lichkeit im natürlichen Werden. In Bezugnahme auf neuzeitliche Naturforscher und bekannte Kosmologen wie Stephen Hawking machte er dort über den Zufall des alten Materialismus hinaus (längst als ein schöpferisches Prinzip kosmischer Kreativität erkannt) eine schöpferische Intelligenz zum Thema, die von manchen modernen Philosophen gar als Logos bezeichnet wird. Doch solange die Theologie nicht nach dem Wesen fragt, das m.E. nicht nur das Denken von Johannes, sondern aller Evangelisten bestimmte, bleibt alles philosophische Denken unwesentlich. Ein reales schöpferisches Wort oder gar Jesus als den wahren Gottes- und Menschensohn bzw. die Offenbarung des einen Schöpfers, kann auch Geißler im Geschehen der realen Genesis nicht wahrnehmen. Trotz vieler philosophischer Zitate aus der Zeit Jesus bzw. der Stoa und anderer griechischer Modelle kann er den in heutiger Weltgegenwart lebendigen Logos nicht sehen, der damaligen Lehren zweifellos zugrunde lag. Denn wo Jesus nur ein zum Christus erhobener „unglaublicher Mensch“ bleibt, gibt es keine Antwort auf die Frage nach der Wirk-lichkeit Gottes im kosmischen Werden. Jesus kann daher bei den philosophischen Überlegungen Geißlers über Gott und das natürliche Werden der Welt nicht vorkommen, sondern bleibt, wie auch im neuen Buch geschehen, nur ein politisch-religiöser Charismatiker, der als Vorbild lebt und moralische Meinungen von sich gibt.

 

Nicht vom Prozess des Lebens und einer Begeisterung für die Schönheit der natürlichen Schöpfung kann daher Geißlers Denken über Gott und die Welt ausgehen, sondern vom Sinnieren über den Tod, was danach kommt. Trotz aller theologischer Beteuerungen, dass durch Jesus Christus der eine Schöpfergott gegenwärtig geworden sei, bleibt es bei einem Gott jenseits der Gegenwart und des menschlichen Denkens. Die Christologie und somit die Wesensinhalte des Neuen Testamentes werden so zum reinen Dogmatismus, müssen als eine unbegründbare menschlich aufgesetzte Lehre gesehen werden. Doch wird Jesus Christus und seine menschliche Gestalt so nicht zum eigentlichen Doketismus: einer nur scheinbaren Gestalt, der kein reales Wesen zugrunde liegt, die nur ein Geistesgebilde bleibt? Der eigentliche Kern des Neuen Testamentes, der in neuer Naturbetrachtung immer deutlicher Zutage tritt und dessen Menschwerdung als schöpferische Logik sinnvoll nachvollziehbar wäre, wird ins Nirwana verbannt.

 

Gleichwohl sich in der modernen Naturwissenschaft vermehrt ein Verständnis breit macht, das ähnlich wie in der Antike einen Logos verdeutlicht - auch wenn wir in zeitgemäßer Metapher von Software oder Intelligenz des evolutionären Werdens bzw. kosmischer Vernunft sprechen - kann die Brücke nicht geschlagen werden. Weder kann darin das Schöpfungswort Gottes verstanden, noch der bekannte Gottessohn gesehen werden. Trotz unseres Wissens um eine umfassende Ökologie, einer Einsicht in die Logik aller Natur, bei der alles SEINEN Sinn hat, kann kein schöpferischer Logos oder gar eine himmlische Ordnung gesehen werden. Von einem von Menschen vor-gesetzten Welt- und Jesusbild ausgehend, bleibt auch die Theodizeefrage für Geißler ohne Antwort. Nicht von der schöpferischen Vernunft allen Werdens, nach der es kein Un-kraut, kein Un-tier (außer uns geistbegabten Wesen gibt) gibt, sondern alles einen schöpferischen Sinn hat, somit dem Logos Gottes folgt, schließt Geißler auf Gott als Schöpfer. Nicht der Gottessohn, die in Natur und Geschichte sichtbare Weltvernunft Gottes, von der Johannes & Co. ausgehen und die heute in der Software allen Werdens neu zu sehen wäre, über die er in seinem Buch nachdenkt, sondern allein das Gesetz und innere Stimmen müssen auch bei Heiner Geißler Ausgangspunkte des Welt- und Gottesbildes bleiben. Der Gott der traditionellen Erziehung bleibt einer, der hier und da eingreift, den fromme Menschen versuchen abends vorm Schlafengehen zu überreden, es am nächsten Tag besser zu machen, ihnen gefälliger. Er bleibt wundersam und weitgehend außerhalb der natürlichen Ordnung wirkend, wird immer nur dann vermutet, wenn keine logisch-natürliche Erklärung erkennbar ist. Wie kann ein solcher, willkürlich wirkender Gott dann dies und das zulassen? Trotz seines staunenden Nachdenken über die Ausdehnungen des Weltalls und die faszinierenden natürlichen Wunder schöpferische Ordnung in einem ständig expandierenden Universum, bei dem alles phantastisch zusammenwirkt und neues Leben hervorbringt, bleibt auch Heiner Geißler in einem Gottesbild gefangen, das ihm die Schriftlehre vorgesetzt hat. Selbst für den Philosophen und naturbegeisterten Bergsteiger bleiben die Buchstaben der Schrift das alleinige Wort Gottes, nicht das so wunderbare Geschehen in der natürlichen Schöpfung und Geschichte. Auch wenn Geißler Denkweisen früher Hochkulturen, fremder Religionen oder der alten Griechen aufgreift, kann das diesen gemeinsam zugrunde liegende Wort als eigentlichen Glaubensgrund nicht thematisiert werden. Gott bleibt so ein Phantasieprodukt moralischen Menschengeistes oder müsste in einem abstrakten Pantheismus auf- und untergehen, wie in vielen, meist rein monistisch-abstrakten Denkmodellen seit der Aufklärung geschehen.

 

Und wo der Sohn/Sinn Gottes nicht im Evolutionsprozess zu sehen ist bzw. alte Metaphern und Metaphysik nicht mit derzeitigen Naturbegriffen auf einen Nenner gebracht werden, bestimmt dort das Recht des Stärkeren, wie es letztlich heute in der Wirtschafts-Realität regiert. Denn neben den Traditionalisten hat sich längst Nietzsches Nihilismus bei uns ausgebreitet, ist der gottlos gewordene Übermensch nur noch sich selbst oder seiner selbst gesetzten Menschlichkeit gerecht. Alles über die Menschlichkeit Hinausgehende wird selbst von den Geistlichen verleugnet. Das menschliche Bodenpersonal des Schöpfergottes, das aus dem Offenbarer einen Übermenschen nach eigenem Vorbild macht, verneint, seiner eigenen, angeblich vernünftigen Hypothese vom einfachen historischen Menschen gerecht werdend nach und nach die gesamten Wesensaussagen des christlichen Glaubens. Zwar läuft das alles weit moderater, als vom Analysten des nach der Aufklärung eintretenden Todes des Gesetzgottes befürchtet oder wie hier von Geißler artikuliert. Doch Nietzsches Übermensch hat heute viele Formen. Der Mensch und seine Sicht von Menschlichkeit sind zum alleinigen Maß geworden. So wird nicht nur die Schrift, sondern auch die Schöpfung, die natürlich-sinnvolle Ordnung, durch die alles wächst und gedeiht, mit rein menschlichem Maß gemessen.

 

Auch darüber, dass Darwin in Wirklichkeit nicht das Recht des Stärkeren zutage förderte, sondern der Tauglichste, an die schöpferische Notwendigkeit best Angepasste, somit auch der sozial und menschlich agierende Mensch der Natur gerecht wird, deutet Geißler an. Er baut dabei den Weg für ein zeitgemäßes Verständnis des neutestamentlichen Logos in der Weltwirklichkeit von heute weiter. Doch wo das Bild des angeblich historischen Menschen Jesus so feststeht, können die Evangelisten schreiben was sie wollen. Es wird, wie geschehen, einfach als Verherrlichungsrede weggewischt. Die in der neuen ganzheitlichen Naturwissenschaft erkannte Logik des natürlichen Werdens und den Logos des Neuen Testamentes auf einen Nenner zu bringen, der nicht der unsichtbare Gott selbst ist, sondern nur dessen für uns sichtbaren/begreifbaren offenbarenden Sohn, wird durch das Bild eines zum moralischen „Übermenschen“ geworden Religionsgründers verhindert. Auch Heiner Geißler geht von einer über das Universum hinausgehende Intelligenz aus, erkennt einen Grund und Sinn des Evolutionsprozesses an. Doch was das mit dem altbekannten Wort Gottes oder gar mit dem gutherzigen Wanderprediger zu tun, muss verborgen bleiben. Wieso das Christentum kein Kirchenkonstrukt, sondern die Wiederbelebung des bereits von den alten Hebräern verstandenen Schöpfungswortes durch antike Physik bzw. griechisch-jüdische Philosophie war, bleibt so verborgen. Wieso die Lehren von Platon, Stoa und Epikur erst in einem innovativen Judentum wirklich aufgingen und warum die großartigen Hoffnungen antiker Philosophie sich dann erst in der menschlichen Gestalt des Gottessohnes erfüllten, kann im heutigen Christusbild auch von Heiner Geißler nicht weiterverfolgt werden. Wie damals aus vielfältigen abstrakten metaphysischen Theorien durch die Gestaltwerdung des Wortes in Jesus erst eine vermittelbare und den altjüdischen sowie griechischen Vorstellungen entsprechende Vermittlung des monotheistischen Schöpfergottes wurde, kann nicht nachgedacht werden, solange das eigentliche Wesen nur ein einfacher Mensch gewesen sein soll. Heute durch die menschliche Gestalt Jesus als bereits in der Antike als Offenbarer und eigentlichen Sohn Gottes gesehenen natürlichen Logos eine Brücke zwischen moderner, verwissenschaftlichter Naturlehre und christlichem Glaube zu schlagen wäre, kann leider kein Thema sein. Der Mensch stellt sich heute so sehr in den Mittelpunkt, dass wir uns jedes offenbarende Wesen nur als Menschen vorstellen können. Jeder Zweifel an einem einfachen Menschen als Ursprung und Gründer unseres christlichen Glaubens muss daher absurd erscheinen. Statt die Notwendigkeit der menschlichen Gestalt des Gottessohnes und Schöpfungswortes/Logos zu belegen, so in der historischen Menschengestalt die messianische Wirkung zu begründen, muss dann jede Hinterfragung eines menschlichen Besserwissers als Doketismus/Scheinlehre abgelehnt werden. 

 

Ohne die Vernunft Gottes im Prozess des realen Werdens als Bestimmung wahrzunehmen, bleibt der Mensch, für den die Buchstaben der Bibel keine Bedeutung mehr haben und die er nach seiner Menschlichkeit zurechtbiegt, mit seiner Vernunft allein. Menschlichkeit wird so seit der Aufklärung nicht nur von den Atheisten zu einer Art Gott erhoben. Den wahren Schöpfer der Wirk-lichkeit auf aufgeklärte Weise, mit rationalen Mitteln zur Sprache zu bringen, muss daher weiterhin als unmöglich gesehen werden. Auch wenn wir in Wirklichkeit auf rein menschlich-moralische Weise längst versuchen Gott denkerisch zu vergegenwärtigen, bleibt seine schöpferische Stimme unverstanden. Selbst der christliche Mensch bezieht seine Be-stimmung so nur aus sich, macht sich zum Maß. Auch wenn wir in alten Kirchenliedern von der Präsenz Gottes im Sohn singen, dieser das Licht sein soll, das den Menschen den einen Schöpfergott vermittelt, es bleibt dunkel. Nach dem Motto des von Geißler auf gut pfälzisch zitierten Mainzer Bischof bleibt dann nur eine Lösung: „Entweder glauben oder saufen“. Blindes trotz allem glauben, weil’s in Buchstaben vor-gesetzt wurde und dies dann nach eigener Vernunft zurechtbiegen, ist dann nach wie vor der einzige Weg. Doch ist das wirklich urchristlich oder nicht vielmehr das genaue Gegenteil?

 

In der Berufung Geißlers auf den großen Theologen Karl Barth wird die gesamte Problematik deutlich: „Jesus Christus, wie er in der Bibel beschrieben wird, sei das alleinige Wort Gottes. Außerhalb der Kirche gebe es keine andere Wahrheit oder Ereignisse oder Mächte und Personen, die über Gott Auskunft geben könnten.“ Genau das wäre zu belegen, wenn wir vom Logos allen natürlichen Werdens als Wort/sichtbaren Sohn ausgehen. Denn um wen geht es in den Evangelien, wer ist die einzige Wirk-lichkeit Gottes, der dessen Wahrheit und Wille verkündet? Sind die damaligen Denker wirklich nur von dem ausgegangen, den die heutige Theologie als historisches Wesen verkündet und den Heiner Geißler in seinem Buch politisch sprechen lässt? Waren menschliche Buchstaben die Grundlage oder das im gesamten Kosmos lebendigen Wort Gottes? Verhindern wir daher durch unser heutiges, höchst banale Bild vom eigentlichen Wesen christlichen Glaubens nicht ein mögliches neues über den Menschen hinausgehendes Verständnis des wirk-lich lebendigen Jesus? Und muss so nicht selbst die Bibel als Menschenwerk gelesen werden, statt sie als Ur-kunde des präexistenten Gottewortes zu verstehen?

 

Hat uns Gott nicht die Aufklärung und die Gabe des freien Geistes geschenkt, damit wir die Füße erheben und fortschreiten, die neutestamentliche Erkenntnis mit heutigen Augen sehen? Warum dürfen wir seinen in aller natürlichen Schöpfung lebendigen Sohn, der bei den Evangelisten eine menschliche Gestalt hatte, nicht in der von einem Schöpfer ausgehenden Software/Vernunft allen Seins neu als die eigentliche Wahrheit sehen? Warum stellen wir unsere menschliche Vernunft bzw. zurechtgelegte Buchstaben weiter über die göttlich-schöpferische Logik?

 

Es gibt ein von Heiner Geißler und bei uns in der Pfalz beliebtes Produkt, das sinnbildlich verkörpert, dass es nach dem Neuen Testament nicht nur um ein Nacheifern der Tradition, Nachlesen im Buch und blindes Befolgen von Buchstaben und inneren menschlichen Eingebungen eigener Moral gehen kann. Und dieser heile Geist ist mit Sicherheit keine innere Stimme, die im Traum oder spiritueller Versenkung spricht, sondern wäre m.E. wach denkend theologisch umzusetzen. Ich gebe die in der schöpferischen Logik begründbare Hoffnung nicht auf: Der Mensch von Morgen wird ein Dank ewiger Schöpfung ein Weltbild besitzen, das nicht mehr allein mystisch-metaphysischer Dogmen, menschlichen Vorgesetzten und inneren menschlichen Stimmen folgt, sondern auf wache und mündige Weise das präexistenten Gotteswort in der Wirk-lichkeit der Welt versteht. Er wird den Sohn Gottes in Menschengestalt sehen und so in wissender Anbetung des alten Gottes der schöpferischen Stimme/Be-stimmung gerecht werden, die er früher allenfalls meditativ oder in blinder Bewahrung rein menschlich verstandener Buchstaben befolgte. Er wird sich bewusst als Werk-zeuge eines universellen Schöpfergottes verstehen und mit all seinem ihm vom Schöpfer gegebenen Vermögen begeistert durch die Güte des natürlichen Werdens für die Verwirklichung einer schöpferischen Vernunft einsetzen. Was spricht dagegen, im Wirk-prozess allen natürlichen Werdens die Wirk-lichkeit des Gotteswortes wahrzunehmen? Warum können wir in der natürlichen Tat nicht die Tat-sache dessen sehen, der uns in den Evangelien als Mensch den Gott der Väter und einzigen Erzeuger des Alles vorstellt? Warum soll der Sohn Gottes ein Dogma bleiben, wenn er in der Software allen evolutionären Werdens seit dem Sternenstaub sichtbar ist? Ähnlich wie die jüdisch-griechischen Denker, die in Qumran in der schöpferischen Ordnung ihres wissenschaftlichen Weltbildes seit der Entstehung des Menschen aus Staub, wie der gesamten kalendarischen und für jedermann sichtbaren Ordnung des Kosmos das offenbarend Wort Gottes erkannten.

 

Die Voraussetzung hierzu wäre ein neues Nachdenken über den, der uns im Neuen Testament beschrieben ist, heute allerdings nur noch als unglaublich gewordener menschlicher Übermensch angesehen wird. Um das schöpferische Wort in der Welt neu zum Thema zu machen, einen Denkprozess in Bewegung zu setzten, der aufgeklärt nach dem Logos Gottes sucht, dessen Menschengestalt notwendig war und bleibt, wäre theologische Autorität gefordert. Ist es nicht an der Zeit, lautstark und kritisch unser heutiges Jesus Christus Verständnis zu hinterfragen? Ein moderner kosmischer Christus oder gar eine abstrakte schöpferische Intelligenz, die meist völlig neben den Übermenschen des Neuen Testamentes gestellt werden, bleiben ebenso belanglos, wie rein persönliche Christusbilder und Dogmen. Erst in neuer Ein-sicht, dass es hier um den Jesus ging, der als historisches Wesen wahrzunehmen ist, liegt ein kreativer Fortschritt. Und daher scheint es – wie versucht darzustellen - notwendig, den Weg vom allzu banalen Bild des total vermenschlichen Religionsgründers zu befreien, um neu nachdenken zu können.

 

Mit Sicherheit muss der präexistente Gottessohn eine konkrete Gestalt haben, bevor wir das bisherige Weltbild vom jungen Wandercharismatiker und rein menschlichen Gotteswortlehren ins Wanken bringen können. Nicht weiterer Abbau, sondern ein neues Verstehen der Realität des Gotteswortes steht an. Auch warum dieses Wort nicht fälschlicherweise eine menschliche Gestalt hatte, sondern nur so davon das Gottes-Verständnis der Welt und messianische Wirkung ausgehen konnte, nur so die Welt zu dem wurde, das wir als aufgeklärte Freiheit und wissenschaftlichen Fortschritt feiern, wäre heute fundiert von der christlichen Theologie zu belegen.

 

 

  1. Fachwissen und Lehramt sind gefragt, neue Fragen zu stellen

 

Die Endredaktoren, um die Sie mit Geißler stritten, sind Realität. Doch m.E. nicht im von Heiner Geißler und vielen heutigen Theologen gedachten Sinne. Die Christologie ist nicht nachträglich angedichtet worden, sondern wurde als damals logisch nachvollziehbare Wirk-lichkeit Gottes in der Welt gesehen. Wenn wir heute die biblischen und außerkanonischen Evangelien ebenso wie die gesamten Frühkirchenschriften nicht wirklich ernst nehmen, sondern das historische Wesen und somit den eigentlichen Jesus auf einen einfachen Menschen reduzieren, dann betreiben wir damit eine total verfälschende Endredaktion, die alles zur reinen Menschlichkeit macht. Der Zirkelschluss führt nicht nur immer weiter zur Banalisierung biblischer Lehre. Noch weit Schlimmer: Er verhindert den Logos Gottes in aller natürlichen Schöpfung aufgeklärt wahrnehmen zu können. Doch wenn die heutige Reduzierung und Banalisierung der biblischen Lehre bzw. des christlichen Glaubens einen schöpferischen Sinn haben soll – den sie m.E. hat -  dann ist das der Ruf, auf fortgeschrittene Weise nach der Realität des nach wie vor lebendigen Jesus Christus zu fragen.

 

Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, müsste theologische Autorität teilweise unbequeme Fragen über das eigentliche Wesen unseres christlichen Glaubens stellen. Wenn Heiner Geißler dieser Tage beim Frankenthaler Disput über das Thema „Wie viel Eigennutz verträgt das Gemeinwohl?“ klagte, dass die Deutschen zu harmoniesüchtig seien, sich auch die Kirche einmischen müsse, dann kann ich das nur unterstreichen. Als Pfälzer bin ich „protestantisch“, somit auch der ständigen Reformation der Kirche und Suche nach wohlgeprüfter Wahrheit verpflichtet. (lt. dem ersten Katechismus der pfälzischen Unionskirche als kämpferische Antwort gegenüber überkommenen Vorstellungen: „weil sie das edelste Recht des vernünftigen Menschen, frey und redlich in der Erkenntnis der Wahrheit fortzuschreiten... gegen alle Geistesknechtschaft, wie gegen allen Gewissenszwang ewigen Wiederspruch einzulegen.) Denn im oben beschriebenen Sinne sehe ich es nicht als Aufgabe der Kirche, nur Forderungen nach anderem Verhalten zu stellen. Heute wäre es m.E. höchste Zeit, das eigene Selbstverständnis zu hinterfragen und sich ins Verständnis der Welt einzumischen ohne nur harmoniesüchtig alles gelten zu lassen.

 

Die moderne Naturlehre hat den Weg weitgehend geebnet, auch wenn die offizielle Lehre meist noch an purem Zufall des reinen Materialismus festhält. Längst liegt es auf der Hand, dass der Weltcomputer nicht ohne eine von außen eingegebene Software auskommen kann. Mit jedem Zuwachs an Wissen um die Komplexität und Funktionalität – und gerade mit den Fehlfunktionen des von der Vorstellung eines Schöpfers angeblich befreiten Menschen - wird die Software deutlicher, die nicht durch die Dinge selbst gezeugt wird, sondern wie bei diesem PC, von außen eingegeben wurde. Sowenig, wie ich den Konstrukteur der Programme meines PC als dessen Teil vermute, geht bei einem Weltbild, das im sichtbaren Werden der Natur den offenbarenden Sohn sieht/das präexistente Wort versteht, dessen Erzeuger/Sprecher pantheistisch auf und unter. Es liegt an der Theologie, durch ein Hinterfragen des historischen christlichen Wesens den Weg frei zu machen, um den schöpferischen Logos in heutiger Begrifflichkeit, mit Hilfe allgemeingültiger, zeitgemäßer Metaphern zu vermitteln, ohne dass er in grauen abstakten Theorien erstickt oder als menschliche Phantasiegestalt gesehen wird.

 

Längst wird das natürliche Werden nicht mehr nur als sinnloses, zufälliges Treiben von Materienteilchen gesehen, das gar einer bösartigen Bestimmung folgt. Die gesamtschöpferische Logik, selbst der auf den ersten Blick noch so bösen oder rein zufälligen Abläufe in der Bio-logie liegen auf der Hand, sind als artgerecht (artig) zu sehen. Die öko-logische Gesamtordnung im Wunderwerk des Werdens aller Genesis ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Ganzheitliche Denker sehen gar in einem nach den gleichen Prinzipien wie unser Gehirn funktionierenden Universum einen gigantischen vitalen und kreativen Bewusstseinsprozess, in den wir eingebunden sind. Was die alten Griechen Logos nannten, für die Hebräer die Vernunft/Wort des einen Schöpfergottes war oder als Weisheit des unsichtbaren Gottes besungen wurde, könnte mit Hilfe einer sich vom banalisierten Historienverständnis befreiten neutestamentlichen Theologie eine neue Tat-sache im heutigen Gottes- und Weltverständnis gewinnen. Nur eine neue Sicht des historischen Wesens kann verhindern, dass wir vor lauter Wald die Bäume nicht sehen bzw. es versäumen, im Wissen um das kausale, natürlich-sichtbare Werden das Wort Gottes wahrzunehmen.

 

Doch ein schöpferisches Wirken (Wirk-lichkeit des Gotteswortes), das nicht weiter im Jenseits liegt, sondern in der Gegenwart des Denkens über den sichtbaren Weltprozess, kann von der Theologie kaum thematisiert werden, wenn nur ein angeblich verherrlichter historischer Wanderprediger hin und her gewendet wird. Selbst Prozesstheologen verstricken sich dann nur in komplexe wissenschaftliche Theorien, die kaum mit dem urchristlichen Glauben in Zusammenhang gebracht werden. Allenfalls in Bezug auf Teilhard de Chardin, der noch mystisch-metaphysisch einen kosmischen Christus in der grandiosen Evolution beschrieb, findet eine Verbindung zwischen dem Monismus der modernen Naturlehre und dem christlichen Glauben statt. In der kosmischen Kreativität, die gar als Bewusstsein der Genesis bezeichnet wird und ebenso real ist, wie die Software des Laptop, in den ich diese Zeilen schreibe, den in der Antike als Gottessohn erkannten Logos erkennen zu wollen, kommt in der heutigen theologischen Lehre nicht vor. Wir haben zwar alles was wir wissen letztlich vom Logos der Natur abgeschrieben, bauen einfache Motoren, Flugzeuge und andere hochtechnischen Geräte, ebenso wie die gesamte Kern- und Gentechnik nach den Prinzipien des Kosmos. Doch wenn es um eine Sinngebung für unser Leben geht, eine Wegweisung für menschliches Verhalten oder gar Offenbarung des einen selbst unsichtbaren Schöpfergottes, bleibt der schöpferische Logos des wissenschaftlichen Weltbildes außen vor. Allenfalls aus alten Lehren wird er zitiert, bleibt menschliches Dogma. In Sachen Geistlichkeit hat sich der Mensch scheinbar vom Schöpfer des realen Kosmos getrennt, kann so nur noch in alten Lehren und inneren Stimmen nach menschlichen Worten hören, aus denen er seine Bestimmung ableitet. Selbst Naturwissenschaftlern, die von einer Software allen Seins ausgehen, eine schöpferische Vernunft nachweisen, können dies ebenso wenig wie Geißler mit dem als Jesus von Nazareth bekannten Sohn Gottes bzw. und real offenbarenden Wesen des christlichen Glaubens in Verbindung bringen.

 

Dabei wird in den aus den Evangelien und alten Kirchentexten abgeleiteten Christologien genau dieser m.E. neu nachweisbare Logos allen Lebens in höchsten Tönen beschrieben. Seine Fleischwerdung, die durch ihn gegebene Gnade oder Vergegenwärtigung Gottes ist nicht nur bei Karl Rahner nachzulesen. Auch heutige Theologen zeichnen die in Jesus Christus personale Offenbarung des schöpferischen Logos nach, schreiben hochtrabend über die Inkarnation des Gotteswortes in der menschlichen Gestalt Jesus Christus. Doch was nützt es, wenn von der Selbstmitteilung Gottes durch diesen Sohn gesprochen, der Vergegenwärtigung des vorher Verborgenen gedacht wird und wenn gesagt wird, dass durch diesen Christus die gesamte Welt geworden sei, er dem Denken der monotheistischen Kulturen zugrunde liegt und er das Licht der Welt sei, wenn seine kosmische Realität nicht zur Sprache gebracht wird?

 

Solange „Dominus Jesus“ nur eine dogmatische Behauptung aufgrund längst abgeschriebener Papiere bleibt, die von einer päpstlichen Autorität verteidigt oder als Alleinseligmachungsanspruch verstanden wird, ist er belanglos, bedeutungslos für die Welt. Doch warum muss es angesichts all unserem Wissen um die großartigen hochgeistigen Grundlagen des christlichen Glaubens bzw. die theologischen Auseinandersetzungen der Antike einerseits und das herangereifte ganzheitliche Naturverständnis eines lebendigen, intelligenten Kosmos andererseits, bei einem anonymen und wirkungslosen Christus bleiben, über den die Theologie mit der Natur- und Geschichtswissenschaft nicht reden kann?

 

Nur von einer theologischen Autorität können Fragen ausgehen, die das christliche Denken ernsthaft weiterführen und auch andere Fakultäten nach dem Logos des Schöpfers in aller scheinbaren Selbstorganisation Ausschau halten lassen. Um sich in die Diskussion der naturwissenschaftlichen Weltbilder jenseits der materialistischen Sinnlosigkeit einmischen, in einer heute nachweislichen Intelligenz allen natürlichen evolutionären Werdens das über selbstgesetzte Menschlichkeit hinausgehende Wort Gottes thematisieren zu können, muss in neuer, möglichst unvoreingenommener Weise über das eigentliche Wesen des christlichen Glaubens gesprochen werden.

 

Was soll falsch daran sein, über einen Sondermenschen und eine anonyme Kirchen-Christologie hinausgehend, die nur als gesetztes Glaubensgeheimnis zu verkünden ist, die kosmische Realität des schöpferischen Logos in der Kreativität allen natürlichen Werdens zu verstehen und als das Gotteswort der Evangelisten und eigentliches Wesen eines über das Gesetz hinausgehenden christlichen Glaubens zu untersuchen? Von Ihnen als einer theologischen Autorität, die bestens über die geistige Grundlage des antiken Denkens Bescheid weiß und die bereit ist, auch gegen den Strom zu schwimmen, könnte eine Diskussion in Bewegung gesetzt werden, die dem christlichen Glauben eine neue Perspektive gibt.

 

Mit freundlicher Hochachtung

 

Gerhard Mentzel 

 

 

 

 

So weit hat es der Grund unseres Glaubens gebracht:

 

Als „Menschen, die die Welt bewegten“, dieser Tage in Hamburg von Michael Gorbatschow mit sog. „World Awards“ bedacht wurden, man viele Stars, Sportler und Politiker auszeichnete, wurde in einem Radiointerview eine junge Frau gefragt, wen sie mit einem Preis bedenken würde. Neben dem Papst, der durch seine Friedenforderung die Welt bewegt hätte, wollte sie auch noch Jesus Christus ehren. Der hätte doch durch ein vorbildliches Leben die Welt bewegt, wie kein anderer. Wenn es im Denken der Menschen nur um eine Mutter Teresa mit Bart geht (und selbst diese wurde anlässlich ihrer päpstlichen Seligsprechung gar angegriffen, weil sie nur durch eine Art Blindgläubigkeit Leid gemildert habe), gibt es keinen wirklich christlichen Glauben mehr.

 

Auch Sie machen sich in Ihrem Buch „Wer bestimmt unser Leben“, ähnlich wie Heiner Geißler viele Gedanken über das Verhältnis von Gott und Natur bzw. dem Wirken Gottes in der Welt. Doch wie können Sie bei Ihrem derzeitigen Verständnis von Jesus – auch wenn Sie Johannes an den Anfang stellen und weit über das Banalbild eines historischen menschlichen Besserwissers hinausgehen -  im Wissen um die kosmische Ordnung allen Werdens die schöpferische Stimme, das eigentliche Wort des einen Schöpfers verstehen?  Sie sagen dort zwar vom Schöpfer auszugehen. Doch müssen nicht auch Sie, das eigentliche Wesen Jesus nur als besonders begabten Menschen oder christlichen Mythos bewahrend, nicht ebenso wie Geißler den offenbarenden Sohn Gottes an den Rand religiöser Erkenntnis stellen, ohne ihn als einzig offenbarende Wirk-lich und einzig lebendiges Wort des einen Schöpfers im realen evolutionären Werden, wahrnehmen zu können? Wie sollen die antiken Bilder von der Wirk-lichkeit Gottes und die heute nachweisbare schöpferische Wirklichkeit Gottes in der gesamten Genesis bewusst gemacht werden, wenn der Offenbarer nur ein rein menschliches Wesen bleibt, das von Menschen vergöttert wurde? Werden im Mythos, den sie in seiner Fremdheit bewahren wollen, auf diese Weise nicht nur rein menschliche Vorstellungen vermutet, ohne das eigentliche Wort des Autors des Alles zu verstehen, den Sohn Gottes in heutiger Begrifflichkeit als eine Art Software aller Welt zu sehen? Und verhindern wir so nicht, den Menschen einen universalen und durchaus persönlichen monotheistischen Gott im Rahmen eines modernen aufgeklärten Weltbildes vermitteln, das Wort des Schöpfers in all SEINER Logik verständlich machen zu können?

 

Um die von Ihnen geforderte Antwort zu finden, die von der Fügung Gottes in der natürlichen Schöpfung und Geschichte ausgeht, sich auf den Einzelnen wie die gesamte Gesellschaft bezieht und sich mit dem Gottesbild der Bibel und unserer christlichen Vorprägung versteht, bedarf es m.E. nicht nur eines modernen Naturverständnisses, das über die Materiebausteine hinaus eine schöpferische Intelligenz/Software sieht, sondern gleichzeitig einer Nachfrage an das Neue Testament. Der noch fehlende Stein im Gewölbe eines zeitgemäßen aufgeklärten Natur- und Gottesverständnisses könnte nur durch Fragen über den wahren Grund christlichen Glaubens gefunden werden, die von Ihnen ausgehen müssten.

 

Aufgrund dessen, was ich von Ihnen und Ihren Kollegen weiß bin ich gewiss, dass der Logos in Menschengestalt die Welt bewegt hat, in der Antike zu einem völlig neuen monotheistischen Gottesverständnis führte. Von diesem über die jüdischen Gesetzesgrenzen hinausgehenden Monotheismus ging letztlich alles aus, auf was wir heute so stolz sind und dem wir unseren kulturellen Fortschritt verdanken. Die griechisch geprägte Suche nach der Wahrheit Gottes hat all unser Wissen hervorgebracht, auf das wir heute nicht nur stolz sind, sondern das zur bei entsprechendem Geist zur Grundlage eines Lebens in gemeinsamen Wohlstand werden könnte. Wenn wir in aufgeklärter Weise den christlichen Glauben begründen und die Welt im Sinne Ihres Schöpfers weiterbewegen wollen, dann dürfen wir uns m.E. nicht auf die Banalität eines vorbildlichen jungen Juden, als Mysterien zu bewahrende Buchstaben und persönliche Christusvorstellungen beschränken. Der die gesamte Welt, wie den Geist der Menschen bewegende Jesus lebt wirklich. Es liegt mit an Ihnen, ob moderne Menschen ihn und somit den tat-sächlichen Schöpfer der gesamten Welt wahrnehmen und sich an seinem Wort orientieren können.

 

Zeit der Ent-scheidung

 

„Zeiten der Krise sind Zeiten der Entscheidung“, darf ich ganz zum Schluss nochmals Heiner Geißler in Hassloch zitieren. Was der menschlich-philosophische Politiker bei der Parteiveranstaltung für einen neuen Bürgermeisterkandidaten des Großdorfes unter Berufung auf die Bedeutung des aus dem griechischen kommenden Wortes auf die Steuerreform bezog, will ich auf eine Re-form (neue Formgebung des alten Wesens) dessen beziehen, der unser menschliches Bewussteins steuert. In der von Ihnen analysierten Krise und Krankheit der christlichen Theologie müssen wir uns m.E. entscheiden, ob unsere christliche Bestimmung weiter von einem unglaublichen Übermenschen bzw. menschlichen Meinungen und zu bewahrenden Mythen ausgehen kann? Die Zeiten, den Menschen Glauben vorzuschreiben, sie zu einem Weltbild überreden zu wollen sind „Gott sei Dank“ vorbei. Ich bin gewiss, dass Gott die Menschen durch die Aufklärung dazu befähigt hat, als freie Wesen sein schöpferisches Wort und somit ihn als Vater (Erzeuger und Erhalter) des sichtbaren Kosmos wie menschlicher Geschichte und gleichzeitig Gott der Väter zu verstehen.

 

Es liegt an Ihnen, ob durch ein lautes Nachdenken über das historische Wesens unseres Glaubens gegenseitige Verneinung aufgegeben und der Weg für ein Neuverständnis des in der Welt wirk-lichen Gotteswortes bereitet wird, das die Menschen zu Vernunft bringt.

 

-Wenn die Theologie nachweist, dass alle Verfasser des Neuen Testamentes und der im weitesten Sinne christlichen Texte, auch wenn sie ein noch so menschliches Bild zeichnen, von einem hoheitlichen Wesen ausgehen;

 

-wenn nicht nur die gesamte Frühkirche den hoheitlichen Christus zum Gegenstand ihres Denkens und ihrer Diskussionen hat, sondern dieser letztlich bis zum Beginn der Aufklärung den Glauben getragen hat;

 

-wenn auch im Judentum zur Zeit Jesus eine Wende im Gottesbewusstsein nachvollziehbar ist, die in der lebendigen Weisheit aller schöpferischen Ordnung das Wort Gottes versteht und gar beginnt vom Sohn zu sprechen, diesem Gestalt zu geben;

 

-wenn heute auf aufgeklärte Weise dieses Wort, der Sohn in aller natürlichen Ordnung, aller scheinbaren Selbstorganisation, der Intelligenz/Software des Weltcomputers wie des gesamten Kosmos neu thematisiert werden kann;

 

warum müssen wir dann weiterhin an haltlos gewordenen und zur Belanglosigkeit führenden Hypothesen vom historischen Wesen Jesus festhalten?

 

Durch Fragen von Ihnen könnte eine Jesus- bzw. Erneuerungsbewegung angestoßen werden, die jenseits von rein vermenschlichten Jesusvorstellungen auf neue Weise neu nach der menschlichen Person des Gottessohnes fragt und belegt, warum das Wort Gottes ein lebendiges sowie vom unsichtbaren Schöpfervater selbst unterschiedenes reales Wesen war und ist: keine doketische, nur scheinbare bzw. menschlichem Geist entsprungene Vorstellung von einem christianisierten menschlichen Menschen. Nicht das Wissensdefizit, sondern das Umsetzungsdefizit scheint unser Problem, was am Beispiel von Heiner Geißler versucht wurde deutlich zu machen. Sie als neutestamentlicher Religionswissenschaftler, der die christlichen Wesensaussagen und Bedeutungsinhalte weiterhin hochhebt und sich gegen die Trennung von einem historischen Jesus und einem Christus des Glaubens wendet, sind gefragt. Doch mit dem Zeriss des politischen Jesusbuches ist es nicht getan.