Synagogen als Schulen Jesus

 

 

 

Überlegungen zur Synagoge als Lehrstätte eines jüdisch-griechischen Monotheismus auf Grundlage des antiken Bildes von der vernünftigen Ordnung der Welt, somit Wurzel des christlichen Glaubens. Ausgangspunkt einer Theologie, die auf den im Plan allen kosmischen Werdens gegenwärtigen Gottessohn/Wortes als präexistentes Wesen gründete und sich auch heute an Juden und Heiden gleichermaßen wenden könnte: Paulus

 

 

Man sagt, Josef habe als Zimmermann beim Bau der Jerusalemer Synagoge mitgewirkt. Der kleine Jesus habe ihn begleitet und dabei von den Synagogenvorstehern gelernt.“ So meine Tischnachbarin nach dem Vortrag über die „Jüdische Synagogen als Wirkungsstätten Jesus und der Apostel“ im Rahmen des christlich-jüdischen Dialoges. Als mehrfache Besucherin des Heiligen Landes hat sie die Synagoge besucht, in der der Junge mit Namen Jesus gelernt sowie später gelehrt hat. Sie kann sich jetzt ganz genau vorstellen, wie dieser  Jesus später gegen die Obrigkeit protestierte, daher hingerichtet und später von einem gewendeten Pharisäer mit Namen Paulus bzw. der Kirche als Gottessohn und Christus verkündet wurde. Und genau dieses Bild bestimmt im Grunde das gesamte theologische Denken, alle christologischen und geschichtlichen Betrachtungen. Es wird von theologischen Konstrukten ausgegangen, die mit dem angeblich historischen Jesus kaum was zu tun hätten.

 

Entsprechend dieser Verherrlichungstheorie eines zum Gottessohn hochstilisierten Religionsrebellen mit persönlichen Offenbarungserlebnissen wird immer nur von  kirchlicher „Verkündigung“ gesprochen. Ein nachzuweisendes „Verständnis“ des Gottessohnes/Wortes  in allem Werden als historischen Wesen, kann dann kein Thema sein. Auch ein neues universales monotheistisches Paradigma, das bereits dem Judentum zur Zeitenwende innewohnte, bleibt weitgehend unbeachtet. Wovon bereits im Judentum zur Zeit Jesus eine wirkliche geistige Wende ausging und wer in menschlicher Gestalt mit Namen Jesus für den monotheistischen Glauben messianische Wirkung hervorbrachte, kann so nicht überlegt werden. Vielmehr wird die Christologie als pure Religionspropaganda bzw. hellenistische Einfärbung abgetan. Auch die von der Synagoge ausgehende Theologie des Paulus wird dann nur als ein vom historischen Jesus völlig losgelöstes Dogmengebilde betrachtet, das man heute für weitgehend überholt hält. Paulus wird ins Judentum heimgeholt, ohne dort die Wurzel des erneuerten monotheistischen Weltbildes nachzuweisen. Wenn die gesamten Evangelientexte heute als „nachösterlich“ unhistorisch abqualifiziert werden, bleibt das im Judentum zur Zeit Jesus lebendige Neuverständnis des Gottesworte ohne Bedeutung. Der Grund aller neuen, nicht aufs alte Gesetz, sondern die Autorität Gottes selbst gründenden Lehren im anwesenden Gottessohn kann nicht gegeben werden. Das Christentum ist grundlos geworden. Als Judentum bleibt es ein für die Welt unglaubwürdig gewordener Volks- bzw. Gesetzglaube, dem das universale Verständnis im gegenwärtigen Sohn Gottes fehlt.

 

Doch hat in den Synagogen zur Zeit Jesus wirklich nur ein kurz vor Damaskus vom Pferd gefallener Zeltmacher, der daraufhin persönliche Christusvisionen hatte, die Story von einen wundertätigen jungen Zimmermann zur Gottessohnslehre hochstilisiert und damit hoch gebildete Heiden zum Monotheismus überredet? Hat hier nur ein jetzt zum Apostel eines anmaßenden Religionsrebellen mutierter Pharisäer, der vorher in den Synagogen die Christen auspeitschte und folterte, weil er sie vom Aberglaube abbringen wollte, fromme Reden geschwungen? Oder lässt sich nicht vielmehr in den Synagogen, wie dem gesamten jüdischen Denken der Diaspora ein neues hebräisch bleibendes monotheistisches Paradigma nachweisen, das in dem vorher von Juden wie Heiden verhöhnten (am Holz hängenden) Schöpfungswort in Menschengestalt den Messias erkannte? Ist in der geistigen Auseinandersetzung zwischen Juden und Griechen ein neuer Geist gewachsen, der das, was man sich vorher gegenseitig als Gotteslästerung vorwarf, jetzt in neuer Weise als eigentliches Wort des einen Gottes aller Völker verstand? Wurde dieses die Wirk-lichkeit des einen Schöpfers im gesamten Kosmos offenbarende Wort, das sich vorher in einer Vielzahl heidnischen Mythen von Göttersöhnen einerseits sowie gesetzlicher jüdischer Volksmetaphysik andererseits ausdrückte, als wahrer Sohn und somit Messias von Juden und Heiden gleichermaßen gesehen? Hat dieses Neuverständnis des Gotteswortes in allem täglichen Werden, wie in den heidnischen Schöpfungsmythen und eigenen Schriften dazu geführt, dass das vorher von Heiden für gottlos gehaltene Judentum mit neuen Augen gesehen, so in einem neuen Paradigma reale Zeitprobleme (auch gegenüber dem römischen Kaiserkult) bewältigt wurden? Ist aus jüdischer Apologetik ein neuer gemeinsamer Verstand Gottes bzw. seines ihn offenbarenden Wortes/Sohnes erwachsen? Oder ging es bei der Synagogenpredigt der Apostel nur um die Hellenisierung eines jüdischen Heilspredigers?

 

Schließen wir - wie so oft - aufgrund der fest eingeprägten Vorstellung von einem wundersamen jungen Juden, der nur in den Synagogen gegen die Obrigkeit rebellierte und von Juden verfolgt wurde, nicht auch bei unserer theologischen Deutung des Judentums zur Zeit Jesus viel zu kurz? Verhindert die scheinbar unumstößliche Hypothese vom später verherrlichten einfachen historische Menschen, dass wir aufgrund der heutigen Erkenntnisse die Synagoge als Geburts- oder Lehrstätten eines neuen jüdischen Verständnisses des Gotteswortes kennen lernen, aus dem christlicher Glaube – erneuertes Judentum - erwachsen ist? Übersehen wir durch die Konzentration auf einen Protestprediger nicht das neue Paradigma einer real erfahrenen Gottes-wirk-lichkeit auf Grund des sichtbaren kosmischen Geschehens, das im Judentum der Zeit Jesus nachzuweisen wäre? War in den Synagogen bzw. dem Judentum zur Zeit Jesus der Logos, das Schöpfungswort als Gottessohn lebendig, in dem Paulus den Grund des erneuerten, auf den Schöpfer selbst, statt menschlichen Lehren gründenden Monotheismus sah? Oder hat Paulus nur eine altmetaphysische Dogmatik entwickelt, Mythen leicht abgestaubt und seine systematische Lehre aufgrund persönlicher Anschauungen gebastelt? Hat Paulus im Stile heutiger Afrika-Mission bzw. amerikanischer Fernsehprediger gebildete Menschen rund um das Mittelmeer überredete. Oder hat in den Synagogen eine Synthese zwischen hellenistisch-griechischem und hebräisch-jüdischem Gottesverständnis stattgefunden, aus der das, was in der Antike als Sohn Gottes verstanden wurde, in einer für die ganze Welt sichtbarer Form hervorgegangen ist?

 

Bewahrheitet sich so selbst die Erzählung über klein Jesus? Hat Josef (das hebräische Gottesverständnis, das am Heidentum weitergewachsen ist und als Gegenspieler zur reinen Gesetzlichkeit des Judas gesehen wurde) nicht nur im Tempel gewirkt, sondern auch an den Synagoge gebaut. War dieser Josef (der sich möglicherweise auch in der Geschichtserzählung des Josephus Flavius, wie in anderer jüdischer Apologetik ausdrückt) somit historisch nachweisbar der Ziehvater eines später auf das lebendige Wort mit Namen Jesus gründende monotheistische Paradigmas? Hat in den Synagogen gar historisch nachweisbar die „Heilige Hochzeit“ stattgefunden, bei der ein heiles Denken vom vernünftigen Wirken Gottes in der sichtbaren Welt das gezeugt hat, was später von der unvoreingenommenen Mutterkirche, der hebräischen Miriam, in griechischer Sprache als Menschengestalt ausgedrückt wurde? Und hat somit auch der junge Jesus, das in menschlicher Gestalt messianische Wirkung hervorbringende Schöpfungswort hier seine Jugend- bzw. ersten Lehrjahre?

 

Wäre es nicht auch für den jüdisch-christlichen Dialog viel wichtiger, aus einer neuen Perspektive die archäologischen Erkenntnisse zu ergründen, die Historie zu bewahrheiten und die Bedeutung des jüdischen Denkens zur Zeit Jesus für den christlichen Glauben an das menschgewordene Wort Gottes verstehen zu wollen, als nur nach den Wirkungsstätten eines anmaßenden Wanderpredigers zu suchen, den man später als Wort/Logos vergötterte? Laufen wir nicht auch gegenüber dem jüdische Glauben Gefahr, ähnlich wie bei der christlichen Ökumene, die Bedeutungsinhalte unter den Tisch zu kehren, um zu einem oberflächlichen Friede zu kommen? Ist die heutige Annäherung, die christliche Wesensaussagen zurücknimmt, nicht auch hier eine Mogelpackung? Werfen wir so nicht nur christliche Wesensaussagen weg, sondern die der beiden Geschwisterreligionen, an deren Wurzel der lebendige Verstand des Schöpfungs- und Schriftwortes stand? Versäumen wir damit das Gotteswort in der Gegenwart zu verstehen, um so den gemeinsamen monotheistischen Glauben wieder zu erden und für heutige Heiden vermittelbar zu machen? Könnten nicht selbst die antiken Synagogen deutlich machen, was damals Grund des Glaubens war und so für ein heutiges Sehen des Gottessohnes und gemeinsames Verstehen von des Gotteswortes durch Gesetzgläubige und Aufklärungsatheisten gleichermaßen den Weg ebenen?

 

Wenn Jesus echte Erneuerung des damaligen Monotheismus war (wovon nicht nur alle frühchristlichen Denker ausgingen, sondern was Hauptbestandteil unseres Glaubens ist) wo führt es hin, den Christus zurückzunehmen? Müssten wir nicht viel mehr die Bedeutung des Messias für beide Geschwister bewusst machen? Könnte dies nicht gerade heute eine Erneuerung des Monotheismus bewirken, der durch das buchstäblich verstandene Gesetz, rein persönliche Vorstellungen moderner Vielgötterei und ein davon völlig losgelöstes Wissen um das natürliche Werden unglaubwürdig geworden ist? Wäre es nicht gerade heute dringend notwendig, den damals von Juden als Erneuerung des Monotheismus Erkannten neu zu sehen? Was löste damals die messianische Erwartung aus? Von was gingen die antiken Juden aus, wenn sie in Qumran von einem neuen Bund mit dem Schöpfer schwärmten, in frühchristlich-gnostischer Literatur Modelle des vernünftigen Kosmos aller Erkenntnis vorangestellt wurden und in der Diaspora die wiedererkannte Weisheit in der planvollen Himmels-Ordnung des unsichtbaren Schöpfergottes oder den Gottessohn lobten? Wer war der aus dem Judentum erwachsene Messias mit Namen Jesus wirklich?

 

 

Sehr geehrter Herr Doktor Markus Sasse,

 

erlauben Sie mir, dass ich wie so oft auch Ihre Aussagen über die „Synagoge als Wirkungsstätte Jesus der Apostel“ aufgreife, um zu überlegen, ob die archäologischen Erkenntnisse in Verbindung mit neutestamentlicher Theologie zu völlig neuen Fragen zwingen? Nicht zuletzt aufgrund der durch Sie angeregten Auseinandersetzung mit dem antiken jüdischen Denken bin ich sicher: Wenn wir unsere Vorstellungen vom Schutt der Jahrtausende befreien, werden wir im Judentum zur Zeit Jesus ein Bewusstsein freilegen, das sich nicht allein an metaphysischen Traditionen und Mythen orientierte, sondern für das ein verständliches Wort Gott in allem Werden wie in alten Texten gleichermaßen präsent war.

 

Gerade in einer Zeit, in der die Christologie und mit ihr die gesamten Bedeutungsinhalte des christlichen Glaubens angeblich aufklärungsbedingt – teilweise auch als falsch verstandener Wiedergutmachung gegenüber dem Judentum bzw. um dessen Ablehnung entgegenzuwirken – durch die eigene Theologie vom Tisch gewischt werden, scheint es wichtig, das Gotteswortverständnis des antiken Judentum zu hinterleuchten. Wie sonst können wir die Logik der christlichen Lehre verstehen und vor weiterem Verfall sowie totaler Verkürzung bewahren? Liegt nicht gerade in der Verkürzung des christlichen Glaubens die eigentliche Gefahr, die in der Vergangenheit nicht nur zu Ideologien führte, sondern auch zur banalen und völlig falsche Gegnerschaft gegenüber einem Volk, das angeblich für die Ermordung unseres Religionsgründer verantwortlich sein soll? Könnte nicht gerade die Einsicht, dass es damals nicht um die banale Hinrichtung eine Religionsrebellen ging, sondern das präexistente Gotteswort bzw. dessen menschlicher Verstand als neuer Glaubensgrund sein Leben lassen musste, das jüdische Volk vom unsinnigen Vorwurf befreien? Trifft der Vorwurf, den Johannes ausspricht, dann aber nicht vielmehr die eigene christliche Theologie, die einer banalen Buchstäblichkeit und selbstgefälliger Autorität zuliebe nicht nur ihre eigenen Wesensaussagen, sondern auch das in aller Schöpfung lebendige Wort Gott längst abgeschrieben hat?

 

Durch ein neues Verständnis Jesus Christus

 ist auch das Judentum von falschen Vorwürfen zu befreien

 

Wenn alles, was wir im weitesten Sinne als christliche oder frühkirchliche Literatur in Händen halten als propagandistische Verherrlichungsrede für einen Protestprediger oder aufgesetzte Philosophie abgetan wird, scheint es wichtig, das Bewusstsein des Gotteswortes zu hinterfragen, das im Judentum zur Zeit Jesus vorhanden war. Ein Gotteswortverständnis, das oft als „nachösterliche“ Gemeindebildung abqualifiziert wird, lässt sich m.E. bereits für das Judentum zur Zeit Jesus nachweisen.

 

Die Bedeutung der historischen Nachfrage an alte Glaubensbegründungen wird gerade in heutiger Bedeutungslosigkeit der christlichen Wesensinhalte deutlich. Und vor dem Hintergrund der heute notwendigen allegorischen Neuauslegung kann sicherlich auch verstanden werde, warum sich vor 2000 Jahren griechisch gebildete bzw. von Stoa oder Platonismus geprägte Denker mit der monotheistischen Tradition eingehend auseinander setzten. Wenn sich diese Denker für den monotheistischen Schöpfergott der Hebräer begeisterten, dann sicherlich nicht, weil sie die Augen zu machten, sondern weil sie aufgrund ihrer griechischen Bildung bzw. des damaligen Weltbildes neu sahen. So kann sicherlich die Rückübersetzung von griechischen Texten ins Hebräische nicht nur als blinder Traditionalismus verstanden werden. Denn nachweislich hat nicht nur in der Diaspora, wie z.B. bei Philo, ein allegorisches Verständnis stattgefunden. Die allegorische Forschung in den traditionellen Texten war auch im Stammland der antiken Juden theologische Tagesordnung, wird beispielsweise von Qumran berichtet. Und wie heute scheint auch damals das allegorische Verständnis der alten Text eine wichtige Voraussetzung für das Verständnis des Gotteswortes in der Gegenwart gewesen zu sein. Bei all dem, was wir in jüdischer Weisheit oder den Texten vom Toten Meer lesen und von damaligem Denken wissen, können wir nicht davon ausgehen, dass nur munter einem altbackenen Monotheismus und unverstandenen Mythen gefrönt wurde. Vielmehr lässt sich ein Glaubensfortschritt bzw. eine gegenwärtige Schöpfungswahrnehmung in aller sichtbaren Ordnung feststellen, die auf alter Grundlage weiterbaute. Sowenig heute allein von modernem Monismus oder Pantheismus sich ein gesellschaftstragendes Gottesbewusst ausbilden kann, ist der neue Bund bzw. der Wandel, von dem in einer Fülle antiker Literatur gesprochen wird, ohne das Wiederverständnis der hebräischen Tradition vorstellbar.

 

 

 

 

Ohne die eigenen Wurzeln mit neuen Augen zu sehen,

ist keine gegenwärtige Wahrnehmung des Gotteswortes möglich

 

Wenn den Heiden der gesamten Welt von den Ihnen als Verfasser des Neuen Testamentes bestens bekannten jüdisch-griechischen Weisheitslehrern dann später dieses Wort in menschlicher Geschichts-Gestalt ganz eindeutig als Gottessohn präsent gemacht, damit auch jüdische Traditionen fortgesetzt wurden, so scheint mir das ein weiterer und wichtiger Meilenstein für den universalen Monotheismus gewesen zu sein. Ein neues Verständnis des alle natürliche Schöpfung bzw. die tägliche Ordnung des Kosmos bewirkenden Wortes spricht uns im Judentum zur Zeit Jesus an. Die eindeutige menschliche Gestalt dieses Gottessohnes in der Geschichte Jesus kann so als ganz wesentliches Geschenk an die Welt gesehen werden, durch die sich Gott der gesamten Menschheit präsent machte. Wer besser wie wir, die wir ohne Bilder auch heute kaum fähig sind, eine gegenwärtige Stimme bzw. Bestimmung in aller tagtäglichen Genesis zu verstehen, hier das schöpferische Wort zu hören, kann ermessen, welch messianische Wirkung die Menschwerdung des von Judengriechen verstanden Gotteswortes in der Person Jesus hatte? Wenn aus dem Mysterium mündlich- und textlicher Überlieferungen und gleichzeitig der damals in aller Materie als wirksamen erachtenden, aber unsichtbar bleibenden Weisheit sowie unzähliger gnostischer Welterklärungsmodelle eine begreif- und vermittelbare Menschengestalt wurde, so kann dies als höchste schöpferische Logik gesehen werden, die aus dem Judentum der Exilszeit erwachsen ist. Auch der dort anwesende griechische Logos wäre nur eine unbestimmbare, unvermittelbare Größe geblieben, hätte sich längst verflüchtigt, wenn er nicht genau die Gestalt angenommen hätte, die wir als Heiland kennen.

 

In der konkreten, vermittelbaren Gestalt unterscheidet m.E. auch das hebräische Gottesverständnis von östlichen Weisheiten ganz wesentlich: Hier wird das „Wort“  - auf hebräisch gleichzeitig die zum Ausdruck gebrachte „Vernunft“ - eines einzigen selbst unsichtbaren externen Gottes im wachen Verstand von den Menschen auf der Stufe der Zeit verstanden und bleibt nicht nur ein Mysterium oder metaphysisches Welterklärungsmodell. „Wort“ in diesem Sinne ist, was dem Verstand zugänglich und vermittelbar ist. Nicht persönliche Meditation, sondern gemeinsames waches Nachdenken über Gott und sein Wirken in der Welt führt zur gemeinsamen Sinngebung, lässt die Menschen gemeinschaftlich den Wille Gottes erkennen und wirken. Dies ist beim auch Judentum, wie es uns in Synagoge oder weisheitlichen Texten begegnet, zu lernen. Was sich uns im Judentum der Zeit Jesus zeigt, ist keine vereinzelte spirituelle Versenkung, sondern ein gemeinsamer wacher Verstand, wie er dann im Christentum für die Welt vermittelbar wurde.

 

Was wir Christen als Gnadengabe Gottes in menschlicher Gestalt sehen, muss im Judentum zur Zeit Jesus bereits in anderer Begrifflichkeit gegenwärtig gewesen sein. An der geistigen Herausforderung durch hellenistischen Kult und griechische Philosophie ist ein neuer Monotheismus gewachsen, der auf höherer Ebene nicht nur die eigenen hebräischen Wurzeln, sondern das „Wort“ des eigenen Gottes auch im griechischen Weltbild und hellenistischem Götterkult erkannte. Die nachweisliche Neuformierung, die sich auch im Übergang zur Synagoge und im Beginn antiker Exegese sowie der Explosion an Schriften ausdrückt, muss mit einer Neu-information verbunden werden, die auch das Neue Testament trägt. Das Wort des Gottes der Väter scheint in neuer Qualität verstanden worden zu sein. Hieraus hat sich ein Denken entwickelt, das sich als Opposition und Erneuerung des alten Glaubens verstanden hat und sich sicher nicht allein auf eine Sekte in Qumran begrenzen lässt. Wäre es nicht der größte Erfolg für Ihr langjähriges Graben und Studieren, wenn das Wesen des christlichen Glaubens auch in den Synagogen begründet und in Folge unserem Glauben ein neuer, grenzüberschreitender Grund in der Gegenwart der Welt gegeben werden könnte?

 

Erst die menschliche Gestalt des anwesenden Schöpfungswortes hat der neuen Welt den einen unsichtbaren externen Gott vermittelbar gemacht

 

Auch Psalmtexte aus Qumran, die Ihr Doktorvater Klaus Berger übersetzt hat, standen bei den folgenden Überlegungen Pate. Denn jenseits der täglich wechselnden Hypothesen um die historischen Verfasser scheint mir hier ein Bewusstsein des Schöpfungswortes lebendig, das auf die erfahrbare Wirk-lichkeit Gottes in der sichtbaren Ordnung des Kosmos gründet, wie es heute neu zu realisieren wäre. Die Texte sind nach meiner Sicht nicht einfach schöngeistige Reden oder philosophische Theorien, sondern in schönster Lyrik verfasster Logos Gottes. Das Schöpfungswort Gottes, das aus und in den Texten spricht, wurde hier im antiken Weltbild mit wachem Bewusstsein verstanden und ausgerückt. In den Psalmen aus der Zeit Jesus spricht uns ein jüdisches Gottesbewusstsein an, das sich nicht auf alte Gottesvorstellungen gründet und schon gleich gar nicht mit persönlichen Offenbarungserlebnissen von Einzelpersonen in Verbindung gebracht werden kann, sondern in der Realität des kosmischen Geschehens eine gemeinsame Erkenntnis schöpft. Bei hellem Verstand wurde so die universale Weisheit des Schöpfers wahrgenommen und zur wegweisenden Grundlage eines großartigen Gottesbewusstseins. Was uns in den Texten begegnet ist nicht nur ein altes, abgelesen oder aufgewärmtes Mysterium, sondern ist sprechendes Bewusstsein von kosmischer Ordnung. Ein sinnvoller Schöpfungsplan, der damals sichtbar war, lebendiger Logos, wurde hier meist als Weisheit Gottes zur Sprache gebracht. In fast jeder Strophe wird daher von dem gesprochen, den ich in Menschengestalt für den historischen Jesus halte und dessen heutige Realität neu zu realisieren wäre. Denn aus dieser Perspektive ist die jüdische Weisheit Gottes genau das, was wir heute als kosmische Intelligenz bezeichnen und was somit in allen kreativen Prozessen der natürlichen Evolution als Schöpfung sichtbar ist.

 

Die Texte nur einfach in die Nähe des Neuen Testamentes zu rücken und sie als Steinbruch für propagandistische Verherrlichungsschreiber zu denken, wie es heute leider mit den Psalmtexten des Alten Testamentes geschieht, greift sicherlich zu kurz. Die Weisheit und die daraus resultierende intensive Frömmigkeit, mit der das Judentum seit ca. 200 vor Jesus gesegnet war, ist sicher nicht einfach vom Himmel gefallen. Die Hymnen und Gebete vom Toten Meer geben Zeugnis über eine erkannte Schöpfungsordnung, bei der das griechische Denken, das auch auf den von Ihnen gezeigten Synagogenbildern zu sehen war, nicht unbeteiligt sein dürfte. In der Klarheit der kalendarischen kosmischen Ordnung wurde das Wort Gottes verstanden und über alle Finsternis und Vergeisterung des alten heidnischen und jüdischen Gottesverstandes gestellt. Eine intensive Auseinandersetzung mit einem untauglich gewordenen altjüdischen Glaube, der nicht auf das gegenwärtige Wort hören will und sich weiterhin nur an Abgötter wendet, unter den selbstgebauten Götzen sucht und so dem Wahnwitz verfällt, wird in den Texten vom Toten Meer deutlich. Eine weit über Prophetenworte wie philosophische Konstrukte hinausgehende, ganz konkrete Erfahrung der Gegenwart des Schöpfungswortes spricht aus jeder Zeile.

 

In einer Zeit, in der alle christologischen Bedeutungsinhalte verleugnet, ja selbst das gesamte Neue Testament wie eine nachösterliche Einfärbung abgetan und die gnostische und frühchristliche Literatur eh als reine Verherrlichungsverkündung verniedlicht werden, gleichzeitig längst belegt ist, dass es nicht um historische Aussagen im heute banalen Sinne geht, scheint es wichtig, nach den geistigen Wurzeln des Neuen Testamentes zu fragen. Denn letztlich alles, was die christlichen Texten aussagen, wird heute als angeblich unhistorisch abgetan, den verkürzenden eigenen Vorstellungen geopfert. Was nützt es z.B., wenn Ihr Doktorvater in der ZNT die Bedeutung zwischentestamentlicher Literatur und ihrer inhaltliche Übereinstimmung mit dem Neuen Testament belegt und ein Beitrag vorher in der Frage „War Jesus wirklich Gottes Sohn“ deutlich wird, wie man alles für nachösterlich, christologisch übertüncht hält? Sind nicht alle theologischen Überlegungen zu Paulus, der nachweislich auf den Gottessohn gründende, reine Papierverschwendung, wenn in der ZNT gleichzeitig gefragt wird, ob Jesus überhaupt der Gottessohn war oder ein Christus sein wollte? Auch wenn christlicher Tradition treu, durch Ihrer Kollegen der Gottessohn erhalten bleibt, so wird er immer nur als eine anschließend aufgesetzte Theorie gezeichnet und in Christus nicht der Mittler bzw. eine messianische Wirkung aufgezeigt, sondern eine Art Miniaturgott dargestellt, an die man einfach glauben muss. (Weil das Gesetz bzw. das vorher nur als propagandistisches Literaturkonstrukt dargestellte Kirchendogma es verlangt.) Eine inhaltliche Verbindung oder gar eine Bestätigung des Neuen Bundes, der auch in der Wende des Paulus sichtbar wird, kann so nicht gefunden werden. Auch die sich in ZNT anschließenden Überlegungen, bei denen ein junger Theologieprofessor (einer kosmischen Ordnung zugrunde liegendes) platonisches Gedankengut zum Idealstaat als Ausgangspunkt der neutestamentlichen Ethik nachweisen will, bleiben belanglos, wenn wir den freien fortschrittlichen Geist an der Wurzel des christlichen Glaubens nicht ergründen. (Den Grund nicht sehen wollen, aus dem damals der jüdische Glaube erwachsen ist sondern nur von Übernahme alter Traditionen schwärmen oder die jüdisch-christliche Apologetik als philosophischen Populismus betrachten.) Allein die Beibehaltung alter Traditionen oder propagandistische Hoheitstitel hätten keinen neuen Bund bewirkt, wie er sich uns bereits im antiken Judentum zeigt. Letztlich lässt gerade die zwischentestamentliche Literatur darauf schließen, dass nicht nur alte Texte abgeschrieben, Traditionen blind gepflegt wurden, sondern ein erneuertes Bewusstein der schöpferischen Wirk-lichkeit gegenwärtig war.

 

Allein Einflüsse hellenistischer Kultur und griechischer Philosophie auf das antike jüdisch- monotheistische und später christliche Denken nachweisen zu wollen, wäre zu wenig. Denn auch wenn in Platon eine Theologie anerkannt wird, die Gott denkerisch als absoluten Grund der realen Welt nachwies, somit einen philosophischen Monotheismus hervorbrachte, bleibt heute zweifelhaft, welch konstitutive Bedeutung die griechische Metaphysik für den jüdisch und später christlichen Glauben hatte. Eine Erkenntnis, die über die Betonung der Philosophie hinausgeht, das in philosophischer Wirklichkeit wahrgenommene Wort/Logos des monotheistischen Gottes ein-deutig zur verständlichen Lehre machte, wird verkannt. Wo in der Christologie nur eine historische Opportunität gesehen wird, ein Akt missionarischer Überredung, um auch dem hellenistischen Geist das gesetzliche Judentum oder die Lehre eines jungen Juden begreifbar,  in einer philosophischen Sprache verständlich zu machen, kann das Wesen des wahren Gottessohnes weder in antiker Geschichte, noch in der Gegenwart unseres heutigen Weltbildes verstanden werden.

 

Nach dieser Vorstellung wird das jüdische oder christliche Denken jedoch nicht zur Philosophie, Athen nicht zu Jerusalem. Denn gerade von Platon und Aristoteles wissen wir, dass trotz ihres philosophischen Monotheismus (oder zumindest Monismus) Gott für sie unaus- und ansprechbar blieb. Wie heute, so führten auch damals ohne das hebräische Verständnis vom unsichtbaren externen Gott, der sich nur in seinem auf der Erde wirksamen Wort offenbart, alle naturphilosophischen Vorstellungen kaum über einen Pantheismus hinaus und führten nicht zu einem zeitgemäßen Kult. Eine Grundlage für den ansprechbaren Gott als sinnstiftende externe Autor-ität, der ansprechbar war und von dem ein für das Gesellschaftsgefüge notwendige gemeinsame Geist ausging, war durch die reine Philosophie nicht gegeben. Auch Platons Kinder - Epikur und Stoa - griffen zu kurz, konnten ihre großartigen Versprechungen auf eine neue Welt so wenig verwirklichen, wie heute naturwissenschaftlich begründetes New Age. Diesen entscheidenden Schritt scheinen erst jüdische Weisheit und in weiterer Verdichtung das für alle Welt verständliche Christentum gegangen zu sein. Glaubensgrund des damaligen Denkens an der Wurzel des Christentums war danach keine griechische Metaphysik oder altjüdische Mystik, sondern die aussprechbare Gottes-wirk-lichkeit bzw. erkannte Gegenwart im Wirkprozess des realen Weltbildes der Zeit. Nicht ein platonisch monistisches Weltprinzip oder der unsichtbare Gott selbst, sondern das im Sohn des jüdischen Gottes mit Namen Jesus sichtbaren Wort, die in menschlicher Gestalt umgesetzter schöpferischer Weisheit, Wahrheit oder Gerechtigkeit, scheint Gegenstand einer neuen universalen Offenbarung gewesen zu sein.

 

Das antike Judentum führte griechischen Monismus zum Monotheismus.

 Doch ohne gedankliche Nachvollziehbarkeit bleibt nur Gesetzlichkeit, leeres Dogma.

 

Die Frage, ob Jerusalem ohne Athen nur ein Fragment geblieben wäre, eine inhaltslose Lehre, bleibt ebenso offen, wie ob es ohne den Hellenismus und das griechische Bewusstsein kosmischer Ordnung überhaupt zur Synagoge gekommen wäre. Auch wenn ohne die Wahrnehmung des vernünftigen Wirkens des selbst transzendenten Jahwe im Weltbild der Zeit weder die von Ihnen gezeigten Synagogenbilder (wie Inhalte), noch die Texte von Qumran vorstellbar sind, so bleibt der eigentliche Grund des Glaubens das erneuerte alte hebräisch-monotheistische Gottesverständnis. Dafür scheint sich gerade der griechische Geist begeisterte zu haben. Zweifellos hat der hellenistische, an einer kreativen kosmischen Ordnung orientierte Götterkult und die griechische Philosophie einen unschätzbaren Einfluss auf die neue jüdische Erkenntnis gehabt. Ohne die griechische Erkenntnis von vernünftigen Grundprinzipien (Logos/Weltvernunft) der gesamten natürliche Genesis wäre die Wahrnehmung des Gotteswortes im Rahmen eines neuen jüdischen Bundes kaum vorstellbar. Doch nicht hochgeistige Logos-Philosophien sind das Wesentliche und gleich gar nicht unbegreifbare hellenistische Götterkulte, sondern die erfahrbare Gegenwart Gottes im jeweiligen Bild des natürlichen Werdens. Sie ist in jüdischer Weisheit herauszuhören und wurde in wahrhaft „herr“licher Lyrik umgesetzt.

 

Danach brauchen wir heute nicht Platons Wissenschaftsmetahysik auszugraben, wenn wir das Wort Gottes verstehen, den Sohn Gottes sehen wollen, sondern müssen in der Realität des sichtbaren natürlichen Werdens, im Rahmen unserer heutigen Welterklärung „christlich“ Ausschau halten. Die Wahrnehmung der schöpferischen Gegenwart im Weltbild unseres Wissens wie im ganz Alltäglichen können wir aus den Psalmen von Qumran lernen. Weder das Welt- und Gottesbild der Antike wäre danach wieder einzuführen, noch eine von natürlicher Schöpfungsordnung losgelöste moderne Metaphysik oder gar nur eine Philosophie der Menschlichkeit jenseits dem Urchristentum. Wenn eine Brücke von damaliger Philosophie bzw. urchristlicher Lehre zum heutigen Denken geschlagen werden soll, dann können keine nur der Menschlichkeit gerecht werdende und somit rein ideologischen Denksystemen geschmiedet werden. Nur naturwissenschaftlich begründete neuplatonische Philosophien des Alles in die Welt zu setzen, wäre im Sinne des von der Synagoge ausgehenden Glaubens zu wenig. Im heutigen Wissen um die natürlich-schöpferische Weltordnung kann das alte Wort Gottes wiederverstanden werden. Da jedoch unser Bild der natürlichen Welt nicht so einfach ist, dass wir gleich bei jedem Sonnenaufgang die dahinter stehende kosmische Intelligenz (schöpferische Weisheit) sehen, benötigen wir ähnlich wie in der Antike eine auf des Wissen um das sinnvolle Werden gründende philosophische Vorstellung. Gleichzeitig ist ein Verständnis der traditionellen Glaubenslehre notwendig, um von dem in aller kosmischen Kreativität bzw. Selbstorganisation sichtbaren Logos auf den präexistenten Sohn Gottes (somit der Wirk-lichkeit Jesus in der Gegenwart aller sichtbaren schöpferischen Ordnungssysteme) schließen zu können. Erst danach bzw. darüber hinaus kann in der alltäglichen Gegenwart das Wort Gottes wahrgenommen, zur Grundlage eines erneuerten Kultes werden, wie ich ihn auf Grund Ihrer Ausführungen in der Synagoge zur Zeit Jesus vermute und der damals eine neue Lebensorientierung bzw. alltäglich Ordnung begründen sollte.

 

Die Gegenwart der Wirk-lichkeit Gottes im allgemeinen Weltbild, dem täglichen Werden, scheint das wesentliche Element des jüdischen Gottesbewussteins

 

Ein vom Neuen Testament losgelöster Monismus, Pankreationismus bzw. Neuplatonismus, wie wir ihn oft im modernen New Age als Erkenntnis einer höheren Intelligenz und somit eines neopantheistischen Gottes erfahren, genügt daher nicht. Dringlich scheint viel mehr ein neues Bewusstsein von den Wurzeln des christlichen Glaubens, wie sie von Ihnen nachgewiesen werden könnten. Die Allianz mit der Philosophie, die dem christlichen Glauben leider nur als eine Art propagandistischen Apologetik gegenüber Nichtgläubige nachgesagt wird, ist auch in jüdischer Apologetik, wie in der gesamten jüdischen Weisheitsliteratur zur Zeit Jesus lebendig. Und auch hier wird scheinbar aufgrund festgefahrener Hypothesen das Kind des Schöpfers der Weltwirklichkeit wie menschlicher Geschichte verkannt: das Kind Gottes mit dem Bad ausgeleert. Die schöpferische Vernunft, die hinter der jüdischen Weisheit, wie dem daraus folgenden christlichen Glauben steht, wird weitgehend verkannt. Es war ja nur... (Sie wissen schon).

 

Das Denken, das im Rahmen der beginnenden Aufklärung vor 200 Jahren die Welt zur Vernunft bringen wollte, mussten daher annehmen, seine Maxime auf reine Menschlichkeit und menschliche Vernunft setzen und alle alten Lehren als überkommene Metaphysik zermalmen zu müssen. Wo die natürliche Ordnung des Kosmos nicht auf den Schöpfer bezogen, der präexistente Sohn hier nicht wahrgenommen wird, bleibt der Himmel leer. Letztlich erst Kant hat daher Gott aus der astronomischen Ordnung ausgeschlossen und nur noch auf menschliche Vernunft gebaut. Der Logos, der hinter aller alten Metaphysik stand, konnte weder von Kant gesehen werden, noch wird er heute in der Wirk-lichkeit der Welt wahrgenommen. Doch der jüdisch-christliche kategorische Imperativ der Liebe des Nächsten wie des Selbst gründete weder nur auf Menschlichkeit oder Metaphysik im heutigen Sinne, noch war es nur die traditionsorientierte Lebenslehre eines jungen Juden. Ich bin sicher, in den Synagogen zur Zeit Jesus wurde eine schöpferische Wirk-lichkeit wahrgenommen, die auch heute eine freie Menschheit zur wahren Mündigkeit führen könnte: Wie in den Psalmen von Qumran beschrieben, autonom von falschen Dolmetschern und deren Gesetzlichkeit, nur dem Autor des Alles selbst verpflichtet.

 

Wenn wir dem in den Synagogen herangereiften in Paulus zum Ausdruck gekommenen neuen Paradigma folgen, waren – ähnlich wie heute - die alten Religionen unbrauchbar, um die Menschen sich als Teil einer umfassenden schöpferischen Ordnung erkennen zu lassen, ihnen so Halt zu geben und sie zum fortschrittlich-sinnvollen gemeinsamen Handeln zu führen. Nachdem auch heute der Versuch, nur selbstherrlich auf menschliche Ideologie zu gründen im Kommunismus fehlgeschlagen ist und bei den freien, nur auf menschliche Moral und Autorität bauende Systemen ebenso wenig zum geistigen Fortschritt, sondern ins Abseits und zur Selbstvernichtung führt (zumindest die schöpferische Unfähigkeit der nur auf sich selbst gestellten Gesellschaft entlarvt), wäre jetzt die Zeit nach dem Denken zu fragen, das in den Synagogen zur Zeit Jesus Zuhause war. Ein Denken, das von begründeter Hoffnung von einer anderen Welt sprach, die nicht außerhalb oder jenseits lag, sondern von einem neuen Gottes- und somit Weltbild ausgeht.

 

 

 

Von den Synagogen zur Zeit Jesus kann auch heute Aufklärung ausgehen

 

Der Auftrag, der von den jüdischen Synagogen an unser heutiges Denken ausgehet, ist mit Sicherheit nicht, nur im Sinne bisheriger Halbaufklärung Gott als Vater des Alles (der konkreten kosmischen Kreativität und Ordnung) auszusondern oder ein Christentum neu nach menschlichen selbstgesetzter Moralgesetzen zu konstruieren, bei dem allenfalls mühsam versuch wird, alte Bibeltexte als Belegt für eigene Lehren zu nutzen. Wie dies heute vielfach als Überwindung der Probleme mit der Christologie versucht wird. Vielmehr sollten uns die jüdischen Wurzel des christlichen Glaubens auf eine griechisch-jüdisch geprägte wache Wahrnehmung des Gotteswortes in allem natürlichen Werden des Alltages hinweisen. Hiervon kann gleichzeitig ein fachlich fundiertes allegorisches Verständnis der Gesetzestexte ausgehen, das dem neuen Verstand den Weg weist. Sie könnten durch einen Nachweis über die historischen Wurzeln des christlichen Glaubens einer wahrhaften Aufklärung über die sichtbare Geburtswehen hinaushelfen. Denn an unseren Wurzeln entscheidet sich, ob wir weiterhin nicht nur naturwissenschaftlich Mutter Materie oder theologisch Mutter Kirche als ihren Ursprung, sondern einen den Vater des Alles offenbarenden Sohn erkennen.

 

Bereits vor Jahren habe ich versucht, die verschiedenen jüdischen Denkrichtungen zur Zeit Jesus als dessen Jünger nachzuvollziehen. Dr. Stefan Meissner, der mich damals auf Moritz Friedländer, dessen Katalogisierung der jüdischen Bewegungen ich als Grundlage nahm, aufmerksam machte, muss mich für verrückt gehalten haben, als ich ihm so belegen wollte, dass Jesus wirklich 12 Jünger hatte. (Das gesamte von Friedländer aufgelistete Judentum zur Zeit Jesus als Zeugen des lebendigen Logos/Wortes/Weisheit und Jesus als der wahre König der Juden nachzuweisen wäre.) Doch seit dieser Zeit wächst mit jedem neuen Wissen die Gewissheit, dass insbesondere in der im Exil aufblühenden jüdischen Apologetik die Wurzeln einer wahrhaft innovativen Erneuerung des jüdischen Monotheismus zu suchen sind, bei der die griechische Philosophie bzw. das hellenistische Weltbild nicht unbeteiligt war. Doch nicht nur aus jüdischer Apologetik, wie wir sie aus der bisher bekannten zwischentestamentlichen Literatur kennen, spricht uns eine besondere Qualität des jüdischen Monotheismus an. Nicht nur in Alexandrien und Antiochien, sondern auch im Stammland der Juden scheint ein neues Gottesbewusstsein lebendig gewesen zu sein. Auch in der Synagoge zur Zeit Jesus sollten wir daher nach dem Bewusstsein des Schöpfungswortes – griechisch: sichtbarer Logos allen realen kosmischen Werdens - suchen.

 

Die jüdische Weisheit als Jünger oder Herrenbruder des historischen Jesus

 

Die geistige Herausforderung gegenüber den Tempelkult mit dem unsichtbaren Gott – der in fremden Augen als gottlos gesehen wurde – scheint ein neues Gottesbewusstsein hervorgebracht zu haben, dessen Dimension wir noch nicht ermessen haben und das in die Menschwerdung des offenbarenden Wortes mündet. Weder rebellische Gerechtigkeitslehrer in irgendwelchen Sektenartigen Gemeinschaften noch ein Charismatiker, den man später als Wort Gottes hellenistisch verherrlichte, wären eine wirkliche Antwort auf das fremde Denken gewesen. Die Fragestellung der Epoche müssen zu einem Glaubensfortschritt geführt haben, der über oberflächliche Opferriten und aufgesetzten Kult zu neuer Erkenntnis bzw. einem Verständnis des Gotteswortes führte, das sicherlich auch in der Synagoge verstanden und gelehrt wurde. Wenn sich das aus den antike Texten herauszuhörende wache Verständnis des Vatergottes scheinbar in reiner Gesetzlichkeit einerseits und christlicher Bildhaftigkeit andererseits verlor, so haben uns jüdisches Gesetz und christliche Bilder vor einem völligen Verlust bewahrt.

 

Ähnlich wie bei der Auswertung der Texte aus Qumran übersehen wir bei heutiger Vorstellung des historischen Jesus möglicherweise dessen wahren Ursprung in einem über alte Gesetzlichkeit hinausgehenden Glaube. Wir erkennen zwar, dass das Christentum im Judentum dieser Zeit seine Wurzeln hat, aber sehen den Schatz nicht, der wirklich hier verborgen liegt, Ursprung eines lebendigen Wortes war. Wenn in Qumran ständig von Weisheit und Erkenntnis der Wahrheit sowie Gerechtigkeit geschwärmt wurde, der neue Bund mit Gott bereits besungen wurde, dann muss hier mehr gesucht werden, als nur die blinde Bewahrung alter Texte, die dann auch ins Neue Testament mit einflossen.

 

Wer im historischen Jesus das in Menschengestalt ausgedrückte universale Schöpfungswort vermutet, der sieht auch in den antiken Texten, wie sie in Qumran gefunden wurden und die sicher auch ähnlich auch in den Synagogen gesungen wurden, dessen heranreifendes Bewusstsein und keine blinden Lobgesänge. Wenn vom Licht, von Einsicht, Erkenntnis, Wissen und Verstehen geredet wird, die schrankenlos auf dem ganzen Erdkreis sein wird oder einem Wort, das keinen Dolmetscher braucht, sich in den Taten und Werken allen Völkern zeigt, dann kann es sich nicht nur um eine altfromme Hoffnung gehandelt haben. Über das nur für ein bestimmtes Volk geltende Gesetz hinausgehend scheint damals das im sichtbaren Werden wahrgenommene Schöpfungswort zu einer neuen Qualität der Erkenntnis innerhalb des jüdischen Glaubens geführt zu haben, von der wir heute weit entfernt sind. Die durch die Archäologie freigelegten Erkenntnisse über die Synagoge zur Zeit Jesus sind sicher nicht isoliert zu betrachten. Im Licht des jüdischen Bewusstseins griechischer Bildung erhalten sie eine völlig neue Bedeutung, die weit über blindes Beten und Schwärmen von wunderbaren Taten eines Schöpfers hinausgeht. Der Glanz der Weisheit, die Macht und Werke Gottes erkennt, lässt sich nicht allein durch alte Gesetzlichkeit begründen. Die Herrlichkeit, die über allem sichtbaren Wirken wahrgenommen wird, ist nur in dem zu erklären, den wir mit Namen Jesus anreden. Zumindest der jüdische Bruder und gleichzeitig herausragender Jünger unseres Heilandes scheint in Qumran die Feder geführt zu haben und in den Synagogen zur Zeit Jesus ein und aus gegangen zu sein. Wenn auch in ganz anderer Gestalt, als z.B. die Bestseller im Gefolge Robert Eisenmann ebenso wie deren Gegner oder wir vermuten, als wir im vergangenen Jahr Jakobus im aufgetauchten Ossuar suchten. Wenn auch der Steinsarg mit der Aufschrift vom „Herr“enbruder eine Fälschung war, so sind evtl. in den Synagogen, wie den Texten von Qumran die ersten Geschichts-Zeugnisse des historischen Heilandes – bzw. seines rein jüdisch orientierten Bruders - zu finden. Weit mehr als beim in Paulus zum Ausdruck kommenden und auch an die heidnische Welt gerichtete Paradigma, ist in den Texten von Qumran die jüdische Gesetzestradition herauszuhören.

 

Solange wir jedoch nur davon ausgehen, dass die Anhänger eines Religionsrebellen mit zufälligem Namen Jesus die Psalmen aus Qumran weitgesungen haben, übersehen wir den Grund des großen und intensiven Gottesbewusstseins im damaligen Judentums, das Klaus Berger in seiner Beurteilung der Texte aus Qumran belegt. Auch wenn wir Moritz Friedländer, der in Qumran oder bei den dort vermuteten Essenern die höchste Form von jüdischem Hellenismus sieht und dessen pharisäerhafte Unterdrückung als größten Missverstand der Geschichte beklagt, nicht folgen, dann müssen wir doch nach der lebendigen Weisheit oder Wahrheit/Gerechtigkeit fragen, die im Judentum zur Zeit Jesus zu finden ist. Mit Sicherheit wurden in Qumran die Traditionstexte tiefsinnig ergründet und ihre theologische Bedeutung erkannt. Doch einfach einen besonders schlauen Schriftgelehrten als den Lehrer der Gerechtigkeit zu setzen, greift mit Sicherheit zu kurz. So verkennen wir auch den Logos in jüdisch-griechischer Gestalt und Begrifflichkeit, der uns als Jesus von Nazareth bekannt ist. Die Hilfe und Gnade Gottes, die damals ganz real in der Gestaltwerdung des Wortes geschichtswirksam geschehen ist und ständig weiter geschieht, bleibt dann verborgen.

 

In jüdischer Weisheit ist das historischer Wesen

des christlichen Glaubens zu erfahren

 

Bereits Ihre Ausführungen über die Psalmen des Alten Testamentes hatte ich aufgegriffen, um nachzuweisen, wie auch in der königlichen Weisheit, die hier auf volkstümliche Weise besungen wurde, das Schöpfungswort lebendig war. (Nur so lässt sich m.E. erklären, dass die Psalmen den Verfassern des Neuen Testamentes nicht nur als Steinbruch dienten, wie heutige Schriftlehre deutet, sondern sich in Jesus die Weisheit der Psalmen wirklich bestätigte und erfüllte.) Umso mehr sollte doch in den Psalmen aus Qumran, die sicher ähnlich auch in den von Ihnen ausgegrabenen Synagogen gesungen wurden, eine Gegenwart Gottes in seiner schöpferischen Weisheit als Wesensgestalt herauszuhören sein. Was später den neuen Bund mit Gott begründete bzw. erst in menschlicher Gestalt messianische Wirkung entfalten konnte, scheint bereits im Judentum zur Zeit Jesus als Offenbarungswesen nachweisbar zu sein. Die gleichzeitige Verwendung griechischer und hebräischer Texte muss uns doch nachdenklich machen und in der Neuverfassung hebräischer Texte weit mehr sehen lassen als blinden Traditionalismus. Wenn in den Denkwerkstätten zur Zeit Jesus nicht nur jüdische Weisheitstexte und prophetische Literatur gelesen, sondern Traditionstexte allegorisch ausgelegt und viele neuen Glaubenstexte verfasst wurden, dann scheint mir hier das Schöpfungswort lebendig gewesen zu sein, das auf ähnliche Weise auch im griechischen Weltbild als Logos präsent war.

 

Wenn wir z.B. die Texte der in Qumran gefundenen Psalmen wirklich ernst nehmen und ebenso die theologischen Bedeutungsinhalte des Neuen Testamentes, dann muss es sich um das ein und das selbe Wesen gehandelt haben, das hier beschreiben wird. Die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes, gütiges Schöpfungswirken, Gnade und alles, was im jüdischen Glauben zur Zeit Jesus präsent war, trifft genau auf das zu, was christliche Weisheitslehrer im Wesen des lebendigen Wortes mit Namen Jesus beschrieben. Wenn laut der Psalmen ein fester Plan im schöpferischen Handeln erkannt wurde, eine Bestimmung seit der Entstehung des Menschen aus Staub, dann kann es sich nicht nur um einen Buchglaube gehandelt haben. Vielmehr wird hier von dem gesprochen, der heute wieder als Softwaregeber (unsichtbarer Informatiker) allen Seins durch sein lebendiges Wort zu verstehen wäre. Was heute naturwissenschaftlich empirisch als eine Intelligenz, die in aller Evolution gar seit dem Sternenstaub sichtbar ist, dann weisen wir das nach, was damals als Weisheit zu neuer jüdischen Erkenntnis und christlicher Offenbarung führte. Auch wenn sich die Schreiber mit der alten Schrift tiefgreifend auseinander setzten, wurde hier die Herrlichkeit Gottes, sein wunderbares Handeln in der Schöpfung geschaut und nicht nur im Gesetz davon gelesen. Das fest stehende Wort, von dem gesprochen wird, das gerechtes und barmherziges Handeln Gottes bezeugt, wurde laut den Psalmen in der erfahrenen schöpferischen Ordnung wahrgenommen. Nicht alte Religionstexte haben die einst verborgenen Wunder kund getan, sondern kosmische Realität, die ein verdrehtes Denken zum rechten Verstand führte.

 

Sichtbare Werke erzählten von den wunderbaren Taten, nicht nur alte Gesetze. Loblieder gründen auf den Logos, der in Jesus Mensch wurde. Vertraut wurde auf ein neu verstandenes Wort in der Weltgegenwart, das die jüdisch-griechischen Denker das gütige Regiment des Schöpfers begreifen ließ. Nicht aufgrund alter Schriften, sondern den Himmelskörpern und der gesamten kosmischen Ordnung wurde das Wort Gottes in Qumran & Co. zur Zeit des somit wirklich historischen Jesus besungen: „Und ich habe Klugheit erlangt und dich erkannt, mein Gott, durch den Geist, den du in mich gelegt hast. Und durch den Geist habe ich sichere Wahrheit gehört über deine wunderbare Ordnung. Du hast mir Erkenntnis aufgetan über dein verborgenes Wissen und den Ursprung deiner Macht, dass ich all deine Geheimnisse verstehe.“ Wie tief sind wir in die eigenen Vorstellungen von den alten Texten verliebt, dass wir angesichts solcher Psalmen immer nur Gesetzestexte und fromme Rede verstehen, ohne in der konkreten Kreativität des real sichtbaren kosmischen Werdens  des jüdischen Gottes wahrnehmen zu wollen? Wie weit sind wir gekommen, dass wir solche Weisheit vor Augen - die uns auch durch Ihre archäologischen Erkenntnisse deutlich wird - aufgrund der angeblichen „Nahtodeserfahrungen“ eines angeblich nach seiner Ermordung nur propagandistisch hellenisierten bzw. zum Christus-Gott erhobenen Reformjuden unseren Glauben gründen oder alles im Mythos bewahren wollen?

 

In den jüdischen Denkwerkstätten zur Zeit Jesus, deren strenge Regeln m.E. auf kreative Wissenserweiterung angelegt waren, wurde mit Sicherheit keine Mythologie betrieben. Auch keine weltverneinenden Sektierer sind zu sehen, die sich nur an frommen Sprüchen ergötzten. Der Logos, der von griechischen Philosophien wie der Stoa als Grundlage aller Welt erkannt war, wurde als Wort und neu erfahrener Wahrheit Gottes auf wunderbar Weise in Psalmen ausgedrückt. Von Ihm gingen Dank und Lob Gottes aus. Keine heilige Vergeisterung, sondern ein heiler Verstand der Welt als Wirkplatz Gottes spricht aus den jüdischen Texten zur Zeit Jesus. Wenn dieser Logos, der als Quelle der jüdischen Weisheit, wie der christlichen Logien zu erkennen ist, Gestalt annahm: die Evangelisten die Geschichte des jüdischen Logos und seine leidvolle Auseinandersetzung mit vorherrschenden Lehren verdichteten, dann war auch dies kein Mythos, sondern ist darin eine Logik zu verstehen, die zu messianischer Wirk-lichkeit führte.

 

Mit den folgenden Fragen will ich das Judentum zur Zeit Jesus keineswegs zum Hellenismus oder Griechentum machen. Doch den Geist griechischer Philosophie zu vernachlässigen, der durch das jüdische Denken zur Zeit Jesus erst zur Blüte gebracht wurde, wäre das damalige Judentum auf blind bewahrende Gesetzeslehren zu verkürzen und ihm den Verstand abzustreiten, der aus den damaligen Texten spricht. Der heilige Geist, der in Qumran gelobt wurde und mit Sicherheit auch in den Synagogen zur Zeit Jesus geweht hat, wäre dann nur eine buchmäßige Behauptung. Statt neuer Erkenntnis auf Grund eines heilen, einheitlichen Weltbildes, wären dann in den Synagogen nur erbauliche Lieder gesungen worden. Doch könnte es nicht sein, dass auch in den Synagogen zur Zeit Jesus der Logos seine Wurzeln hatte, der im historischen Jesus Christus menschlich wurde? Oder war nur ein schöngeistig blindfrommes La, La, La, „Büffeln“ der alten Texte und Bewahren von unbegreiflichen Mythen?

 

Wenn, wie Prof. Berger belegt, im Judentum zur Zeit Jesus der Heilige Geist beheimatet war, müssen wir dann nicht hier nach den wahren Wurzeln Jesus suchen, statt nur nach einem verherrlichten Charismatiker Ausschau zu halten, der von einem neuen Bund mit Schöpfer ausgehende Juden überreden bzw. als Anhänger werben wollte? Verstand sich das Denken, wie es uns in Qumran begegnet und m.E. auch in den Synagogen zu sehen ist, nur als Nachfahre der jüdischen Urväter, eines von Gott erwählten Volksstammes? Oder spricht uns hier nicht bereits ein universelles Verständnis des Schöpfers an, das sich als von Gott selbst abstammend erkannte und gleichzeitig den Gott der Väter wahrnahm? Sprechen die antiken Beter nur aufgrund einer Tradition oder alter Texte vom „Vater“ aller Schöpfung oder war bei Ihnen ein Wissen und Verstehen. Doch dann hätten wir es nach Ihrer Lesweise bereits hier mit Christen zu tun, zumindest einem christlichen Bewusstsein des Vatergottes. Müssen wir daher nicht auch heute der von Ihnen dargestellten Forderung der Propheten folgen und gegen alle veralterte Amtsautorität das Wort Gottes immer wieder neu hören? Zeigt nicht auch die Apokalytik den Weg zu einem neuen Aufbruch in gegenwärtige Offenbarung, die das alte Weltbild hinter sich lassen muss?

 

Wäre es daher nicht an der Zeit, in der Geschichte Israels die Geschichte des Schöpfungswortes mitzulesen, das im gesamten Judentum zur Zeit Jesus in neuer Weise lebendig war? Könnte dadurch nicht auch dem griechischen Geist der Welterkenntnis eine Bedeutung zukommen, so der Weg zu heutigem Hören des Wortes gebahnt werden? Was spricht gegen die wache Sicht der Software eines externen, selbst unsichtbar bleibenden Informatikers in der Weltgegenwart von heute? Warum kann ein fortgeschrittenes, grenzüberschreitendes Gottesverständnis nicht die reife Frucht all Ihrer archäologischen und exegetischen Erkenntnis sein?

 

Bitte entschuldigen Sie meine laienhaften Fragen und aus mangelndem Wissen oft falschen Schlüsse, mit denen ich versuche, das historische Wesen unseres Heilandes zu begründen. Doch genau darum wende ich mich immer wieder an jemand, den der Schöpfer befähigt hat, im historischen Geschehen eine neue Präsenz des offenbaren Gotteswortes in Menschengestalt als wahrhaft messianisches Wesen nachzuweisen. Wären nicht auch die Synagogen als Orte zu untersuchen, wo Ochs (hoheitlich jüdisches Denken) und Esel (heidnisches Weltbild) gemeinsam den neugeborenen Gottessohn lehrten und anbeteten?

 

1.Wenn die Synagogen erst in griechischer Zeit entstanden bzw. für diese Zeit nachweisbar sind, lässt das nicht auch auf einen neuen Glaubensinhalt, ein neues Verständnis des jüdischen Schöpfer-Wortes durch eine griechische Neubegründung schließen, die wir bisher als philosophisch-hellenistische Einfärbung und somit eigentlich unchristlich abtun?

 

2. Weist der griechische Name „Syn-agoge“ nicht ebenso den Weg zu eine Syn-these der Weltbilder oder wurde nur zufällig ein griechischer Begriff für jüdische Versammlungshäuser gebraucht? Geht es evtl. nicht allein um die Zusammenkunft von Gesetzgläubigen, sondern auch der antiken Weltbilder, die Überein-stimm-ung im Gotteswortverstand und in Folge das wieder Verstehen der schöpferischen Stimme (des ewigen Wortes) somit die menschliche Be-stimmung und Überein-stimmung mit Gottes Ordnung?

 

3. Könnte es nicht sein, dass die Synagogen nicht nur einfache jüdische Kulträume und Versammlungshäuser waren, wo aus dem alten Gesetz vorgelesen, sondern Lehrstätten, in denen die apologetische Synthese betrieben wurde, somit neues Hören des lebendigen Wortes und alten Gesetzes gleichermaßen im Vordergrund standen?

 

4. Hat die in den Synagogen sichtbare Unterscheidung zwischen reinen Kultopferstätten wie dem Tempel und den Lehrstätten des Wort-Gottesdienstes nicht auch eine theologische Bedeutung, die heute möglicherweise unterschätzt wird? Waren es damals nur antike Bibel-Protestanten - wie einer Ihrer Zuhörer vermutete - oder war das Wort Gottes im Geist der Denker gegenwärtig? Wurde hier die Grundlage für das neue Verständnis des Logos/Wortes als Gottessohn gelegt?

 

5. Zeigt sich nicht selbst an den Standorten der Synagogen zur Zeit Jesus, vor allem in Galiläa und im Exilraum, dass diese weit mehr waren, als Kult- und Lehrstätten, in denn nur alte Traditionen gepredigt wurden? Lässt nicht all unser Wissen um die damalige Weisheit auf einen im Denken lebendigen schöpferischen Logos schließen, der später im rabbinischen Judentum ebenso verwirkt wurde, wie im christlichen Glauben? Und gehört nicht selbst dies zu einer evolutionären Logik, die heute zu einem Wiederverständnis des Schöpfungswortes in modern heidnischer Weltwirklichkeit führt?

 

Leben nicht auch wir heute in einer Fremdheit, die uns Ihr Doktorvater auffordert zu ertragen, wenn er verlangt die Fremde der eigenen Texte hinzunehmen und sie als Mythen zu bewahren. Wenn christliches Denken in einer Art Diaspora lebt, das moderne Weltbild die alte Metaphysik meint längst aussondern zu müssen, weil niemand mehr die angeblichen Märchen von einem Wiederauferstanden Gottessohn, der gleichzeitig die Gnade der gesamten Welt sein soll ernst nimmt, genügt es da, nur weit diese Fremdheit zu ertragen? Oder sollten nicht auch wir am fremden Denken wachsen, um so dem gelobten Land – einem universalen Verstand des Gotteswortes - näher zu kommen.

 

Ist selbst der vielbeklagte Tod Jesus nur als Hinrichtung eines Religionsrebellen zu verstehen oder drückt sich hier ein für die Präsenz des Gotteswortes notwendiger Prozess aus? Lässt sich letztlich nachvollziehen, wie erst am Tod Jesus die Theologie weitergewachsen ist? Ist somit selbst der von der Aufklärung attestierte angebliche Gottestod die Voraussetzung für eine aufgeklärtes, grenzüberschreitendes Wiederverständnis des Schöpfungswortes? Wäre damit selbst das heutige Fehlen kein Fehler im schöpferischen Plan, sondern Teil des Fortschrittes auf dem Weg zu einer Befreiung von selbstverschuldeter Gesetzlichkeit, zu freier universalen Erkenntnis?  

 

Kann nicht auch damals auf eine fortschreitende Erkenntnis geschlossen werden, die am fremden Denken, im Exil gewachsen ist. Und ist nicht nur so ein neuer Kult zu erklären, der wie Sie zeigten, nicht an den alten Jerusalemer Tempel gebunden, aber sich doch an diesem ausrichtete. (Nicht nur in den Grundmauern der Steine.)

 

Lässt sich selbst durch die Häufung der Synagogen in Galiläa das Heidenland als wirkliche Heimat Jesus nachweisen? (Auch wenn ich dabei an ein ganz anderes historischen Geschehen denke, als einen jungen Juden, der mit seinen Anhängern um den See zog.)

 

6. Wenn die größte, allerdings noch nicht gefundene Synagoge in Alexandrien stand und vor allem im Exil Synagogen zu finden sind, müssen wir dann nicht auch z.B. in Philo & Co. nach den größten Synagogenlehrern suchen? (Mit allem, was damit und mit anderen Erfahrungen in der Fremde, apologetischer Erkenntnis und allegorischem Verständnis der alte jüdischen Gesetzestexte bzw. zwischentestamentlicher Literatur verbunden ist.)

 

7. Spätestens als Sie in Ihren Lichtbildern den Sonnengott und die kosmische Ordnung zeigten, die in den Synagogen zur Zeit Jesus zu sehen waren, war ich sicher, dass der historische Jesus in der Synagoge aufgewachsen ist. Wie auch hinter der Datierung des Festes von Christi Geburt auf den Zeitpunkt der Wintersonnenwende bzw. den Geburtstag des Sonnengottes, auf die ich aufgrund Ihrer Ausführungen in den Vorweihnachstagen unter „Software der Welt als Sohn und Wort Gottes“ ausführlich nachdachte, vermute ich, dass auch die in Ihren Lichtbildern zu sehenden Abbildungen von hoher theologischer Bedeutung sind. Wobei die Sonne nicht hellenistisch-pantheistisch als Gott selbst, sondern als sichtbares Schöpfungsorgan und sinnlich erfahrbarer Ausdruck des monotheistischen Schöpferwortes/Gottessohnes gesehen wird.

 

Wer den 24. 12. am Beginn einer neuen Zeitrechnung als wahren Geburtstag des historischen Jesus nachweisen will, weil er in der Erkenntnis der natürlichen Schöpfungsordnung des griechisch-philosophischen Weltbildes als Wort des jüdischen Gottes eine Wende nachvollziehen will, die in der Wissenschaft von Zeit und Raum den weltlichen Sohn des monotheistischen Schöpfergottes verstand, der sieht Ihre Synagogenbilder vom Sonnengott mit ganz anderen Augen.

 

Wurden in den Synagogen zur Zeit Jesus wirklich nur Abbildungen kosmischer Ordnung als Kalender oder Schöpfungsbilder zufällig neben jüdische Glaubenssymbole gestellt? Bestätigt sich in der Tatsache, dass in hebräischer Inschrift heidnische Bilder vom Schöpfungsplan gedeutet wurden nicht genau das, was ich als Wesensmerkmal eines neuen monotheistischen Glaubens belegen will, der aus der Synthese zweier Weltbilder hervorgegangen ist?

 

Liegt es nicht nahe, dass es bei den Abbildungen nicht nur um alten heidnischen Sonnenkult ging, sondern hier der hebräische Wort-geber gesehen, so die hellenistischen Göttervorstellungen auf den gleichen Logos zurückgeführt und daher weitergeführt wurden? Könnten sich so nicht nur die scheinbaren Gegensätze auflösen, sondern in der kosmischen Ordnung eine Konkretisierung des Gotteswortes verstehen lassen? Wurden nur verschiedenartige Kultbilder zufällig nebeneinander gestellt oder muss nicht vielmehr davon ausgegangen werden, dass in den Lehrsälen der Synagoge auch die theologischen Inhalte in Verbindung gebracht und bestätigt wurden?

 

Der in der Realität des Kosmos mit griechischen Augen erkannte Plan Gottes, wie er uns heute aus allem Wissen einleuchtend wäre, spricht aus den Psalmen von Qumran. In den Synagogen nur einfach schöne Kalenderbilder zu sehen, wäre daher eine totale Verkürzung. Wunderwerke und Taten Gottes wurden in Jahreszeiten und Tagen gesehen und gelobt. Das Wort Gottes drückte sich in einer den gesamten Erdkreis wie das Weltall umfassenden Ordnung aus, die auch heute wieder erfahren wird, ohne dass wir hier allerdings das Wort Gottes hören. „Einsicht“, „Erkenntnis“ in die vormals geheime Ordnung sind ständige Themen der Texte vom Toten Meer.

 

Jedes Denken läuft Gefahr, sich selbst in die alten Texte hineininterpretieren zu wollen. Doch wer sich die geistesgeschichtliche Situation vorurteilsfrei vergegenwärtigt, gleichzeitig heute ebenso nüchtern eine das Wort Gottes in der sichtbaren Software allen evolutionären Werdens wahrnimmt, der kann die alten Texte nicht weiterhin als fromme Rede abtun, sondern wird durch sie zu einer Wahrnehmung des Wortes im Angesicht unseres heutigen Wissens um das reale Werden aufgefordert.

 

8. Lässt nicht auch die Entstehung des Talmud, der in den ersten Jahrhunderten nach Jesus im Umfeld der Synagoge in griechisch-jüdischen Städten wie Sephoris entwickelt wurde darauf schließen, dass hier eine theologische Wende und Weiterentwicklung des alten Gesetzesglaubens stattgefunden hat, die wir heute noch nicht ausgeschöpft haben bzw. die uns wieder abhanden gekommen ist? Fließt das lebendige Wasser, das hier laut der alten Texte zu einer wahrhaften Innovation des alten Glaubens beigetragen hat nicht auch noch heute? Könnten nicht auch wir aus dem Exil herausgeführt werden, indem wir in neuer Weise auf das Wort Gottes hören oder zumindest bereit sind zu fragen?

 

9. Wenn für Kapernaum, wo nach Ihrer Deutung der mit seinen Fischerfreunden um den See ziehende Wanderprediger sein Standquartier hatte, Konstantin eine Synagoge und eine Kirche stifte, ein Miteinander von Juden und Christen war, hat der christliche Kaiser – und mit ihm die Kirchenväter – dann in Jesus Christus auch nur den um den See ziehenden jungen Juden gesehen, der aufgrund seiner Rebellion später von der Obrigkeit gehängt, nach einer obskuren Auferstehung von seinen Anhängern erhöht und als Christusgott angebetet wurde? Schon allein die Tatsache, dass Konstantin mit Sicherheit weder den Henkern des Christusgottes noch seines Glaubensgründers ein Gotteshaus spendiert hätte, muss uns doch nachdenklich machen. Und zeigt nicht das gesamte Nebeneinander von Christentum und Judentum in den ersten Jahrhunderten, aber ebenso auch die Abbildung von christlichen und heidnischen Bildmotiven auf Sarkophagen, sowie die gegenseitige Beeinflussung in theologischen Inhalten, dass es höchste Zeit wird, unsere bisherigen Hypothesen von einem nach Märtyrertod und Wiedererweckung vergotteten Wunderheiler zu überdenken?

 

Ich denke, dass uns die Kirchenbauten noch viel zu sagen hätten, was wir einfach überblättern: Warum hat Konstantin in Palästina die Geburtskirche unseres christlichen Erlösers ausgerechnet dort errichten lassen, wo neben der frühchristlichen Vorstellung der „Geburtsgrotte“ auch hellenistischer Kult beheimatet war? Wollte der Kaiser dem Adoniskult nur eines auf den Deckel geben oder diesen Vereinnahmen? Und sind in der Jerusalemer Grabeskirche nur einfach die Steine von Jupitertempel und Venuskult im Rahmen einer wechselvollen Geschichte verwendet worden? Oder setzte das Christentum den alten Kult sowie die ehemalige Erkenntnis um göttliches Handeln im gesamten Kosmos in sinnvoller Weise auch inhaltlich erneuernd fort? Wenn Sie im letzten Jahr auf Kreta vor der Titus-Basilika standen, inmitten eines von großartiger Kultur zeugenden minäischen Tempels, umringt von griechischen Göttern und Philosophen, lässt sich dann die Geschichte des in Paulus zum Ausdruck gebrachte monotheistische Paradigma des gegenwärtigen Schöpfungswortes bis in die Vorzeit zurückverfolgen? Oder war nur literarisches Steinstehlen zum besseren Überreden, das dann auch die alten Ruinen als Bauplatz neuer Gotteshäuser verwendete?

 

Wie ist einem Geist, der in dieser großartigen Kultur groß geworden ist, wie wir sie uns heute vor Auge halten das zuzumuten, was wir bei heutiger Christologie-Hypothese behaupten? Kann man ernsthaft davon ausgehen, griechische Bildung, wie sie uns auch in den Synagogen begegnet, hätte nur Legenden gesammelt, um einen Christusmythos auf einen wundersamen Charismatiker zu schmieden? Müssen wir nicht vielmehr die jüdisch-griechische Weisheit, deren Neuverständnis des gegenwärtigen Schöpfungswortes als Quelle der Christuslogien betrachten, die wir als Ursprung der Evangelien sehen? Wie können wir davon ausgehen, ein griechischer Geist, der die Mythen Homers dem Logos zuführen wollte und für den die Vergottung menschlicher Gestalten undenkbar gewesen wäre, hätte an der Mythologisierung eines einfachen historischen Menschen mitgewirkt? Wäre es nicht vielmehr eine hervorragende Aufgabe für neutestamentliche Archäologen, den in der Apostelgeschichte geschilderten Reiseweg des Paulus nach den Spuren eines lebendigen Verständnisses des Gotteswortes abzusuchen, statt nur nach einem Rhetoriker im Stile amerikanischer Fernsehmission? Ist es nicht ebenso absurd anzunehmen, dass diese Denker einer paulinischen Propaganda aufgesessen sind, die laut heutiger Hypothese aus einem ach so menschlichen Wanderprediger ein präexistentes Gottessohns-Wesen machte? Hat der christliche Glaube alte Inhalte fortentwickelt oder nur Steine gestohlen, um einem anschließend vergötterten Gründer eine Kirche zu bauen? Wie immer wieder alle Schriftlehrer behaupten, die mir weis machen wollen, dass die Christologie nur eine hellenistische Einfärbung sei? Oder die denken, die Bezeichnung „Gottessohn“ einfach aus der Bezeichnung der wundertätigen griechischen Halbgötter ableiten zu können, ohne deren Inhalte als kosmisch-schöpferische Wirk-lichkeiten in Menschengestalt mit zu übernehmen. Somit gleichsam versäumen, auch die Bedeutung der griechischen Mythologie dem Logos zuführen und den christlichen Sohn des einen absoluten Gottes somit zu untermauern.

 

10. Was sagt uns die Theodotos-Inschrift in der Synagoge neben dem Jerusalemer Tempel? Hat der griechische Denker, der als Architekt heidnische Tempel aus dem 4. Jahrhundert vor Chr. bekann ist, gemeinsam mit Josef (dem am Heidentum gewachsenen jüdischen Gesetz) auch an den Synagogen gebaut?

 

Muss bei der Erkenntnis der Macht Gottes, die in den realen Werken sichtbar war, nicht der griechisch erfahrene Logos als Gotteswort mitgelesen werden?  Entsprang die Stimme der Weisheit über die Herrlichkeit Gottes, die sicherlich auch in den Synagogen wahrgenommen wurde, nur dem gemeinsamen Textstudium und persönlicher, innerer Frömmigkeit? War Einsicht und Erkenntnis nur aufgrund alter Erfahrung oder wurde das Wort Gottes im Fluss des lebendigen Werdens wahrgenommen? Warum ist dann hier nicht die Quelle heutigen Hörens zu suchen, die böse Geister vertreibt?

 

11. Und was bedeutet die Umkehr des Tempels, die innenliegenden Säulen, ist das nur eine zufällige bauliche Veränderung? Oder muss hierin nicht auch ein Zeichen für eine Wende gesehen werden, die weder in der heute wieder zum Tempel gewordenen Synagoge, noch der christlichen Kirche nachzuvollziehen ist?

 

Was war der wahre Grund für die Entstehung der Synagoge als völlig neuen Sakralraum, der nachweislich nicht nur veräußerlichtem Kult und Ritus diente, sondern als Lehrstätte und Gemeindezentrum? Wenn die führende Rolle der Priesterschaft dann später an die Rabbinen wechselte, muss da nicht auch ein geistiger Wechsel mitgelesen werden, der über reine Bewahrung oder allegorisches Aufwärmen von Traditionen hinausgeht?

 

12. Sollten wir nicht hell-hörig werden, wenn in den Synagogen Jesus Sirach in Hebräisch gefunden wurde? Wenn jüdisch-griechische Weisheit, die ich bisher als sicheres Zeichen dafür hielt, dass es beim historischen Jesus um die Weisheit des Kosmos als das Wort Gottes in Person ging, in hebräischen Schriftzeichen aufzufinden sind und nicht weiter als Apokryphen gelten, weist das nicht auch auf eine neue Wahrnehmung des alten hebräischen Gotteswortverständnisses hin? War es nur blindfrommer Traditionalismus bzw. Begeisterung für unverstandene alte jüdische Mystik die auch in Qumran griechische Texte ins Hebräische übertragen ließ oder eine neues Bewusstsein der alten Tradition. Genügt es daher, die jüdisch-griechischen Weisheitstexte nur in die Bibel aufzunehmen oder sollten wir im Schöpfungswort/logos bzw. in schöpferischer Weisheit nach dem Fundament des Alten und somit auch des Neuen Testamentes suchen?

 

Wenn an der Himmelsleiter weitgebaut wurde, z.B. die gefundene Henochliteratur nicht nur versucht Rätsel der Natur zu lösen, sondern astronomische Sonnen- und Mondverlauf, Schalttage etc.) im Weltgericht auf die Erde holen um umsetzen will, um eine Sintflut zu vermeiden, dann dürfen wir doch nicht nur schöne Bilder sehen, sondern ein großartiges Bewusstsein schöpferischer Realität. Auch wenn von sieben Engeln gesprochen wird und dabei der heutige Denker meist abschaltet, so muss doch das Zeitzeugnis über eine real erfahrenes Schöpfungswerk mitgelesen werden, bei dem das damalige griechische Denken sicher nicht unbeteiligt war. Jenseits von Hiobs Klagen und Zweifel, die heutiger Realität entsprechen, hat Henoch im Rahmen eines vernünftigen Weltbildes die gesamte Natur als Ordnung gesehen, die auf Gottes Schöpfermacht verweist. Nicht aufgrund alter Traditionstexte und Mythos, sondern himmlischer Realität wurde die Wirk-lichkeit Gottes und somit transzendenter Weisheit zu Grundfragen menschlicher Existenz wahrgenommen.

 

Nein, nichts von dem was ich sage ist neu. Doch was nützt all dieses Wissen, wenn wir weiterhin ganz im Gegensatz zu damals nur in Büchern das Gotteswort lesen wollen, Christologie für ein aufgesetztes Kirchenkonstrukt halten und im Paulus nur einen vom historischen Jesus völlig losgelösten Gottessohns-Propagandisten sehen?

 

13. Rufen nicht selbst Ihr Aussagen zu den Ritualbädern, die in den Lehrhäusern gefunden wurden, nach lebendigem Wasser aus dem Fluss allen Lebens, das mit dem stehenden Wasser gemischt werden muss? Ging es beim Wassermischen nur um ein zufälliges Ritual oder wäre dieses Mischen von ruhendem Wasser mit dem ewigen Fluss nicht auch für die theologischen Lehrinhalte von höchster Bedeutung? Müssen wir auch heute dem stehenden Wasser des Gesetzes fließendes Leben beimischen? Lässt beim Fluss allen Lebens und dem fließenden Wasser nicht auch Heraklits Logos grüßen, den wir laut Johannes in menschlicher Gestalt als Jesus von Nazareth kennen? Sollten wir nicht gerade heute aus dem fließenden Wasser schöpfen, um zur Einweihung zu gelangen, unbrauchbar gewordene Vorstellungen abzuwaschen?

 

Eine anmaßende Schlussfolgerung, die ich während Ihrer Ausführungen mitgeschrieben habe: „Es stinkt zum Himmel.“ Doch das stinkende Wasser, mit dem die heutige Exegese vergeblich versucht die Menschen zu taufen und einzuweihen ist nicht die Bibel, sondern der stehen gebliebene Verstand.

 

14. Zeigt nicht selbst Ihre Aussage, dass nicht einfach Pharisäer und Schriftgelehrte (so die einfache und sinnvolle Katalogisierung des jüdischen Denkens von Josephus, das lt. N.T. gegen das lebendige Wort, dessen Neuverstand gerichtete war) in den Synagogen gelehrt hätten, dass auch neue Lehrinhalte zu suchen sind, die über das Schriftlesen hinausgehen und die nicht mehr lebendig waren, als einige Jahrhunderte nach Chr. der Tempelkult voll von den Synagogen übernommen wurde? Wann und warum ging dem zur Jesus lebendigen jüdisch-griechischen Verständnis des Gotteswortes das Gehör verloren? Wie lange noch muss die Theologie taub bleiben für das in allem Leben des Kosmos lebendige Wort Gottes, das damals in den Synagogen gelehrt wurde?

 

15. Lässt sich die Synagoge als Ort nachweisen, wo das lebendige Wort Gottes am Anfang gelehrt hat bzw. gelehrt wurde, wie uns die Evangelisten berichten? Hat in den Synagogen wirklich die Lehre des historischen Jesus (des zu Juden und Griechen gleichermaßen gesprochenen lebendigen Wortes) begonnen? Hat hier wirklich das neue Paradigma gepredigt, das sich als Paulus an verschiedene Denkrichtungen wandte und weit über eine alte Gesetzlichkeit hinausging, bevor es – wie Sie sagten -  „rausflog“ bzw. das lebendige Wort nicht mehr verstanden und wieder ins Gesetz gesperrt und Paulus ausgesperrt wurde?

 

Gewinnt nicht gerade Paulus, der heute als ein vom historischen Jesus weitgehend unabhängiger Theologe betrachtet und zusammen mit der gesamten Christologie in die Ecke gestellt wird, im Licht der Synagoge und des dort – im hier vertretenen Sinne - erwachsenen jungen Jesus eine völlig neue Bedeutung? Machen wir es uns nicht zu einfach, wenn wir das Bekehrungserlebnis des Paulus wie eine Art Vergeisterung lesen? Hat hier nicht der gleiche Geist gewirkt, den Ihr Doktorvater bereits für Qumran nachweist und der sicher auch in den Synagogen zur Zeit Jesus geweht hat? Lässt sich die Theologie der Paulusbriefe (Wesensbestandteil des Neuen Testamentes und somit unseres Glaubens) in einem frei theologisierenden Anhänger eines Heilspredigers begründen, der vom Sektenbeauftragten der Pharisäer auf die andere Seite wechselte? Oder liegt der Grund für den Wandel nicht vielmehr in einem Denken, das sich im antiken Judentum nachweisen lässt, dort stattgefunden hat? Drückt die von heutiger Theologie thematisierte „Doppelnatur“ des Paulus, der ständig auf griechischem und jüdischem Klavier gleichzeitig spielt nicht genau das aus, was Sie auch in Ihren Lichtbildern von der Synagoge zur Zeit Jesus sehen lassen? War da nur ein zufälligerweise in griechischer Rhetorik sowie Philosophie gebildeter Pharisäer, der auch beim großen Rabbi Gamaliel in die Schule ging und sich dann eine Mischtheologie ausdachte? Oder gründet hier nicht vielmehr ein aus verschiedenen Weltbildern hervorgegangenes theologisches Paradigma, das in der Zeit Jesus gelebt hat, auch in den Synagogen nachzuweisen wäre, wirklich auf den Sohn Gottes? Ist im Christenapostel nur der unbequeme Anhänger eines anmaßenden jungen Juden zu sehen? Oder ist das, was in Paulus zum Ausdruck kommt, aus einem neuen Glaube des antiken Judentums erwachsen, der von einem in aller Schöpfung lebendige Wort als präexistenten Wesen ausgeht? Lassen nicht gerade die grundlegenden Wahrheiten, die Paulus in einfacher und genialer Weise formulierte, auf eine neue Wahrnehmung des Gotteswortes schließen, die nicht nur in jüdischer Gesetzlichkeit und griechischer Weisheit lag? Hat damit Paulus keine Theologie neben einem historischen Jesus gebastelt, sondern in Wirklichkeit auf den historischen Jesus, das in menschlicher Gestalt in aller Schöpfung als lebendig erfahrene Wort gebaut?

 

Was sonst als dieses in aller Welt lebendige Wort soll Paulus verkündet haben? Nachdem es weder einen alttestamentlichen, noch neutestamentlichen Kanon gab, die Theologie mit Paulus das Ende der Toragesetzlichkeit verbindet, was sonst als das in aller Schöpfung gesprochene Wort soll er da in den jüdischen Synagogen verkündet haben? Glauben wir allen Ernstes, er hat nur persönliche Visionen von einem Gottessohn auf einen Wanderprediger übertragen? Wie kommen wir darauf, eine solche Mission den antik gebildeten Menschen rund um den Mittelmeerraum zuzumuten? Sind seine griechisch-jüdischen Hörer in den Synagogen wirklich nur einer Gottessohnstheologie auf den Leim gegangen, wie wir behaupten, wenn wir die Hoheitlichkeit des historischen Heilandes für eine hellenestischer Einfärbung zur Mission der Heiden halten? Was nützt es, wenn auf den Hochschulen heute die theologischen Inhalte der Evangelien oder von Paulus nur auseinandergenommen werden? Weisen nicht gerade die theologischen Inhalte der paulinischen Lehre den Weg zu einem Verständnis des Gotteswortes im damaligen Weltbild und wären so auch heute wegweisend?

 

Was soll Paulus, der auf seinen Missionsreisen immer erst in den Synagogen predigte, den dortigen Juden, die angesichts der Abbildung kosmischer Kalenderordnung vom Wort Gottes in aller Schöpfung schwärmten und wie in Qumran Lobhymnen auf die Erkenntnis des Schöpfungswortes im Tagesablauf sangen erzählt haben? Lassen sich nicht vielmehr die Synagogen zur Zeit Jesus als Ausgangspunkt eines neuen Paradigmas erkennen, in dem Juden und Griechen gemeinsam das in aller Welt lebendige Gotteswort verstanden? Sollten wir nicht gerade hinter Paulus das aus der Synagoge erwachsene neue monotheistische Paradigma sehen, das dort als historische Realität das lebendige Wort Gottes gepredigt hat? Können wir (wenn wir bereit sind vom lebendigen Wort ausgehend weiterzudenken und hinter Paulus nicht den Anhänger eines jungen Juden, sondern des Gottessohnes/wortes akzeptieren) die Synagogen als Ausgangspunkt der christlichen Mission verstehen, von der die Apostelgeschichte berichtet?

 

Wenn Paulus der jüdischen Tora, wie philosophischen Theorien die Fähigkeit absprach, die Menschen zum Heil zu führen, ihnen Gott zu vermitteln, wo liegt der wahre Fortschritt des in ihn zum Ausdruck kommenden Paradigmas? Verwarf Paulus das Gesetz der Juden, lehnte er griechische Philosophie ab und ist einfach einem gekreuzigten Wanderprediger hinterhergelaufen? Oder ist in der Lehre vom Gekreuzigten Christus nicht gerade die wahrhaft intellektuelle Weiterführung jüdischer Gesetzlichkeit und griechischer Weisheit zu erkennen, ohne die alte Traditionen taub und neuen Lehren nur obskure Sekten geblieben wären? Hat hier ein neues jüdisch-monotheistisches Paradigma erkannt, dass das, was gesetzestreue Juden als Gotteslästerung erachteten (und daher „ans Holz hängten“) und griechische Weisheit links liegen ließ, das lebendige Wort, der sichtbar Sohn Gottes ist? Liegt in der einfachen Gestalt des Gotteswortes, wie es von Paulus im gekreuzigten Christus gepredigt wurde, nicht in Wirklichkeit die große Weisheit? Lässt sich nicht auch heute nachvollziehen, dass Buchstäblichkeit, Gesetzesgehorsam und menschliche Philosophien nicht weiterführen, wenn der gekreuzigte Christus nicht wieder verstanden, als der wahre und einzige Sohn Gottes wahrgenommen wird, in dem die gesamte Gnade des Schöpfers liegt.

 

Wie können wir aus Paulus einen Dogmatiker machen, wenn wir ihn gleichzeitig als Ende der Gesetzlichkeit betrachten und die von ihm vertretene Gnade nicht durch Einhaltungswerke oder das Traditionsgesetz gegeben ist, sondern durch den Glaube an das präexistente Wort Gottes in menschlicher Gestalt? Stellen wir nicht gerade ihn auf den Kopf, wenn wir seine Lehren wie Gesetzesvorschriften lesen, heute gleichzeitig in gut und falsch sortieren und seine theologischen Wesensaussagen blind als Dogmen und Mythen bewahren wollen? Wenn Buchstäblichkeit nur zur Verdrehung des Sinnes führt und die Menschen ebenso wenig zu schöpferischen Ordnung führt, wie menschliche Ideologien, beweißt sich darin dann nicht gerade die Weisheit des Paulus? Wie angewiesen wir sind, hinter der Gestalt des am Holz hängenden, (dem von Gesetz wie Heiden Verschmähten) den Gottessohn zu sehen, wie vom lebendigen Schöpfungswort über Buchstaben hinaus ein Geist ausgeht, der lebendig macht und zwischen Gott und den Menschen vermittelt, können wir von Paulus lernen.

 

Lässt sich die Bekehrung des Paulus nicht erst begreifen, wenn wir dahinter auch den neuen Bund betrachten, von dem das antike Judentum ausging? Erscheint so nicht auch die auseinander Setzung zwischen Antiochien und Jerusalem in neuem Licht? Und lässt sich unsere Unterscheidung zwischen echten und unechten Paulusaussagen, authentischen und pseudographischen Briefschreiber überwinden, selbst die apokryphen Apostelakten als historische Aussagen über die Entwicklung der ersten Jahrhunderte betrachten, wenn wir die Autorität des Paulus nicht in persönlichen Visionen, sondern einem neuen Paradigma sehen? Führte bei Paulus ein zwischen Orient und Okzident (Tarsus) geborenes neues Paradigma weiter, was in platonisch-stoischer Vorbildung, wie hebräisch-pharisäischer Abstammung in der bei Ihnen sichtbar werdenden Synagoge seinen Ausgang nahm und das, als es hier „herausflog“, nur noch von Heiden gehört wurde?

 

Es würde hier zu weit führen, die gesamte Theologie des Paulus und die Berichte über sein Missionswerk aufrollen zu wollen. Doch ich bin sicher, wenn wir Paulus als eine ganz bestimmte Ausprägung (z.B. eines von Antiochien ausgehenden und weit wenige am Gesetz klebenden) Paradigmas betrachten, das im Grunde jedoch auch in den Psalmen von Qumran oder den Synagogen zur Zeit Jesus lebendig war, können wir seine Herkunft, was über ihn in der Apostelgeschichte ausgesagt ist sowie die von ihm ausgehende Theologie weit besser verstehen als heute. Wir brauchen ihn dann nicht als Vertreter des Gottessohnes zusammen mit der gesamten Christologie als „entfant terrible“ jetzt auch noch aus der Kirche zu werfen.  

 

16. Sollte uns nicht auch die Tatsache, dass für die ersten Jahrhunderte keine durchgehende Trennung von Juden und Christen stattgefunden hat, unsere Hypothese vom historischen Geschehen überdenken lassen? Ist es nicht völlig unvorstellbar, dass man die Anhänger eines anmaßenden Gotteslästerers, der zu allem Übel nach seinem Tod zu einer Art Gott erhoben wurde, in den jüdischen Synagogen Mission betreiben ließ? Wäre es nicht bei heutiger Betrachtung des historischen Geschehens völlig unvorstellbar, dass man einen sich als Messias und Gottessohn anmaßenden Heilsprediger oder seine Anhänger in der Synagoge hätte predigen lassen?

 

17. Wenn wir die archäologischen Funde ernsthaft auswerten, muss dann nicht vielmehr eine neue religiöse Mündigkeit mitgelesen werden, durch die der edle Ölbaum des jüdischen Monotheismus neues lebendiges Wasser bekam? Und ist nicht genau diese geistige Wende auch in fast allen Texten, ob Neuem Testament, apokrypher christlicher Gnosis oder den Funden in Qumran nachzulesen?

 

18. Zeigt sich nicht schon bei jeglicher theologischer Deutung (wie Sie sie tagtäglich ganz selbstverständlich) aufgrund der alten Texte praktizieren, dass wir im historischen Geschehen nicht nur einen zu einem Gott erhobenen Juden verstehen dürfen, der um den See gezogen ist, später als Christus und Gottessohn gesehen wurde? (Ähnlich wie dieser Tage ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat, der angeblich „im Glauben stark“ nach seiner Darstellung Jesus als Bürgerrechtsvertreter schnell nachschob, dass er auch an den Gottessohn glaube und damit vorgibt weit mehr zu glauben, als die Autoren von ZNT, die fragen, ob der überhaupt der Gottessohn war oder sein wolle.) Würde sich letztlich nicht jegliche theologische Deutung alter Texte erübrigen, wären alle Bedeutungsinhalte z.B. für den edlen Ölbaum nur aufgesetzt, wenn dem historischen Jesus nur das zugrunde liegen würde, was an heutigen Hochschulen gelehrt und daher von den Menschen verstanden wird?

 

Und wie können wir, wenn wir uns in die in Ihnen Bildern lebendig gemachte Zeit versetzen, deren hochstehende Weisheit sich uns durch alle archäologische Forschung und den massenhaften Texten in grandioser Weise ausbreitet, weiterhin nur die These eines historischen Wanderpredigers hochhalten, der nach seiner Hinrichtung aufgrund einer Wiedererweckung geadelt wurde? Halten wir denn trotz aller theologischen Bedeutung, die wir dem antiken Geist beimessen und in den Texten vom Kreuzestod wie des gesamten Neuen Testamentes lesen, die so hoch gelobten damaligen Denker für weit dümmer als wir?

 

Je mehr wir die inhaltliche Nähe herausarbeiten und erkennen, dass christliches Gedankengut im Judentum zur Zeit Jesus zu suchen ist, desto absurder wird die Hypothese von einem um den See Genezareth ziehenden Guru, der nach Märtyrertod und Wiedererweckung vergottet worden sein soll. Die Menschwerdung Gottes im Sinne heutiger Hochschullehre ist für die jüdischen Wahrheitssucher der Antike ebenso unvorstellbar, wie für antike griechische Theologen. Wenn wir das Christentum ins Judentum heimholen, wie dies heute theologische Tagesordnung ist, dann kann es bei der Christologie nicht um die anschließende Erhöhung eines Artgenossen gegangen sein, den man als Gottessohn sah oder dazu machte. Auch die Mythologisierung eines Menschen und rein literarische Begründung, wie dies heute geschieht, sind im Sinne dessen, was wir über das antike Denken wissen, unhaltbar geworden.

 

Allerdings schließen sich auch die Thesen der angeblich aufgeklärten Kirchenkritiker aus, die schon lange denken, dass alles nur eine aufgesetzte Frühkirchenprogaganda sei. Ebenso die Denkweise von Theologen, die meinen die christliche Lehre von christologischem Ballast befreien zu müssen. Denn eine noch so propagandistische Lehre, die aus dem hochstehenden antiken jüdischen Glauben erwachsen ist und auch nur halbwegs ernst genommen werden wollte, wäre doch damals nie auf die Idee gekommen, einen der Ihren zum Gottessohn zu machen. Doch selbst wenn wir die Bedeutungsinhalte des christlichen Glaubens aufgrund von Bewusstlosigkeit aufgeben, können wir die gesamte Theologie der frühen Christen nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Was machen wir aber nun mit der Christologie und der Gottessohnstheologie des Paulus, die einfach nicht wegzudiskutieren ist?

 

Wenn es nicht um die Erhöhung eines Menschen gegangen sein kann, warum weigern wir uns über den neuen Bund der antiken Juden nachzudenken? Was hindert uns daran, einem Verständnis nachzueifern, das in der sichtbaren kosmischen Ordnung nicht Gott selbst, sondern dessen Wahrheit, Wort als menschliche Wegweisung sah und das wir somit heute wieder verstehen könnten? Warum sind wir nicht bereit von Paulus zu lernen, in der am Holz hängenden Gestalt (laut Schriftlehrer Gotteslästerung) den wahren Gottessohn zu sehen, das präexistente Wort zu verstehen, das menschliche Gestalt angenommen hat und somit einen Glauben hervorbrachte, der weit über die vor-gesetzte Traditionsgesetzlichkeit hinausging?

 

Wenn wir entsprechend dem sich an ihre Ausführungen über die Synagogen anschließen Schlusswort unseren Glauben erden wollen, genügt es da, weiterhin nur die Wirkungsstätte eines Religionsrebellen und seine Anhänger freizulegen? Oder wäre es „höchste“ Zeit, aufgrund Ihres theologischen und archäologischen Wissens mit neuen Augen das zu suchen, was vor 2000 Jahren wandelte, eine Wende und Weiterentwicklung bewirkte?

 

Weder den philosophischen Logos, den Gottessohn des Philo, einen den neuen Bund begründenden Lehrer der Gerechtigkeit oder die laut den Texten von Qumran in Psalmen besungen herrliche Weisheit, noch die vom lebendigen Wort ausgehende Apokalyptik, Gnosis oder Prophetie zur Zeit Jesus, würde ich bereits als Christologie im eigentlichen Sinne bezeichnen. Auch wenn die in der Welt präsente Wirk-lichkeit Gottes in höchsten Tönen besungen und theologisch interpretiert wurde, so lässt sich im eigentlichen Sinne noch nicht von „Christologie“ reden. Erst die menschliche Gestalt des präexistenten Gotteswortes, die Verdichtung des ausufernden und sich somit auch verlierenden Verstandes in eine Geschichte, wie wir es bei den Evangelisten erfahren und wie sie im Kanon verfestigt wurde, hat – wie die Geschichte zeigt - messianische Wirkung hervorgebracht. Und dieses Präsent für die gesamte Welt, das über griechische Philosophie und jüdische Weisheit diese erfüllend hinausgeht, kann aufgrund des bei Ihnen und Ihren Kollegen vorhandenen Wissens wieder aufgegriffen werden. Es geht nicht darum neue theologische Theorien zu schmieden, monistischen oder pantheistischen Konstrukten zu neuem Glanz zu verhelfen, sondern in der einfachen Gestalt des Gottessohnes das tagtäglich geschehende präexistente Wort Gottes als das eigentliche Wesen wahrzunehmen, von dem eine neues christliches Gottesverständnis ausgeht.

 

Wenn die Logik nachvollzogen wird, warum die vieldeutigen antiken Mittlergestalten des hellenistischen Judentums eine eindeutige menschliche Gestalt annehmen mussten, soll keineswegs auf neue Weise zwischen Judentum und Christentum getrennt werden. Vielmehr wird deutlich, warum es höchst monotheistisch war, auch den verschiedenartigen mehr oder weniger göttlichen Gottesmittlern – die an keiner Stelle als eine Miniaturausgabe von Gott selbst gesehen wurden – als eine einheitliche Gestalt wahrzunehmen. Doch gerade der Bedeutungsinhalt der verschiedenen Mittlergestalten im Judentum zur Zeit Jesus und vor allem deren Bezug zur sichtbaren Schöpfungsordnung wäre für uns Christen wegweisend.

 

Heute kann es nicht darum gehen, eine dieser Gestalten gegen den menschlichen Gottessohn auszutauschen und zu fragen, was nun dessen Ethik entsprechen würde. So wie oft geforscht wird, was die authentischen Aussagen von Jesus oder Paulus waren, dies als Verhalten vorgeschrieben hätten. Dies ist ein Rückfall in reine Gesetzlichkeit, wie sie das Judentum zur Zeit Jesus scheinbar überwunden hatte. Weder ideologische Menschlich- noch Gesetzlichkeit bzw. alte Vorschriften, sondern der Geist des Schöpfungswortes soll nach Paulus zwischen Gott und den Menschen vermitteln und wegweisend für die Werke sein. Die eigentliche Lehre, die wir aus den verschiedenen Bewegungen zur Zeit Jesus ziehen können ist ein neues aufgeklärtes Fragen nach einem die Sinngebung des externen Schöpfers sichtbar machenden und somit wegweisenden Wort in heutiger Weltgegenwart. Wenn wir das Judentum zur Zeit Jesus ernst nehmen, kann in allem uns von Gott gegebenen Wissens um das vernünftige Werden, die herrliche Kreation des gesamten Kosmos das schöpferische Wort wiederverstanden werden. Erst in Anknüpfung an die verschiedenen Vorstellungen an der jüdischen Wurzel Jesus ist über moderne pantheistischen und pankreationistische theologische oder rein naturwissenschaftliche Theorien hinaus das heute lebendige christliches Offenbarungswesen deutlich zu machen.

 

Doch wenn wir weiterhin nur nach einem vergotteten jungen Juden und seiner Anhänger als dem historischen Wesen Ausschau halten, versäumen wir es, das Präsent (sein) Gottes in Empfang zu nehmen, das vor 2000 Jahren sicherlich auch in den jüdischen Synagogen lebendig war. Doch schlagen wir so nicht gerade heute die christliche Gabe Gottes aus, statt in der Höherführung allen Wissens um die natürliche Ordnung und das evolutionäre Werden der gesamten Welt sein offenbarendes, sinngebendes und universell wegweisendes Wort zu verstehen, darauf im Sinne Paulus eine lebendige Theologie zu gründen?

 

Wenn die Menschen heute den Sohn Gottes in der Weltgegenwart nicht sehen und daher Gott nicht wahrnehmen können, dann liegt es nicht an denen, die nichts wissen, sondern Menschen, die trotz der ihnen mit auf den Weg gegebenen Möglichkeiten nicht bereit sind, festgefahrene Hypothesen zu überdenken. Atheistische oder theologische Denkrichtungen, die zu einer neuen Wahrnehmung nicht in der Lage sind, sehe ich nicht in Verantwortung. Weder naturwissenschaftliches Denken noch kirchliche Obrigkeit oder gar fremde Glaubenslehren können für den Abfall vom Glaube oder den Aberglaube und alle Folgen verantwortlich gemacht werden. Der Unsinn, der im Namen Gottes heute geschieht und die Sinnentleerleerung der Welt, mit der die Nichteinhaltung einer höheren schöpferischen Ordnung in allen Lebensbereichen einhergeht, ruft nicht einfach nach Religion, die den Menschen auf moderne amerikanisch-evangelistische Weise nur neu einzureden ist. Wie zu den Zeiten, von denen Sie bei Ihrer Bibelauslegung immer wieder berichten, scheint auch heute das Problem weniger der Unglaube, als ein stehen gebliebener, unbrauchbar gewordener Gottesverstand.

 

Warum muss neutestamentliche Exegese zum puren Nihilismus werden, bei der nichts bleibt wie warme Worte, die moderne Menschlichkeit einem antiken Wanderprediger in den Mund legt, wenn uns Gott das Wissen zum Sehen seines Sohnes in Antike wie Gegenwart gegeben hat? Wenn es auch nur die allergeringste Chance gäbe, durch ein lautes Nachdenken über die Wurzel des christlichen Glaubens zu einer aufgeklärten Wahrnehmung eines universellen Gotteswortes über alle geistigen Grenzen hinweg beizutragen, wie kann sich jemand, der die Fähigkeit dazu hätte, dieser Verant-wort-ung entziehen?

 

Selbst die utopischen Wahlkampfideen des amerikanischen Präsidenten über Stationen auf Mond und Mars haben ihre positiven Seiten: „Zum erste Mal wird der Schritt hierzu ernsthaft versucht – darin liegt die Chance, dass es auch gelingt“ war im Titelkommentar der Rheinpfalz zu lesen. Ob wir weitere Erkenntnisse aus dem All brauchen und ob uns der Weltraumtourismus weiterbringt, sei dahingestellt. Auch wenn es sicher wichtig ist, dass auf allen Gebieten immer weiter geforscht wird. Doch wäre es nicht viel not-wendiger, das  vorhandene Wissen umzusetzen? Ob es um moderne naturwissenschaftliche Erkenntnis von einer unendlichen, über alles scheinbare Chaos hinausgehende schöpferische Ordnung des Alls geht oder das bei Ihnen vorhandene Wissen um die historischen und geistigen Grundlagen der antiken Wahrnehmung des Gotteswortes. Müssen wir nicht ernsthaft versuchen, das heute wieder sichtbares Schöpfungs- und das altbekannte Schriftwort auf einen Nenner zu bringen, damit das gelingt, zu dem vor 2000 Jahren der Grund der Hoffnung gelegt wurde? Auch Ihre Ausführungen über die Synagogen können Zeugen für ein antikes Gotteswortverständnis sein, das für uns heute wegweisend wäre.

 

Ich will keineswegs behaupten, dass die sich hinter all meinen ständigen Fragen verbergenden Schlüsse oder Feststellungen stimmen. Doch ist es nicht höchste Zeit für neue, fachgerechte Fragen über das Wesen des monotheistischen Glaubens, der sich hinter der historischen Person des Jesus von Nazareth verbirgt und im Judentum aufgewachsen ist? Was hindert Sie daran? Müssen wir erst mit völlig leeren Händen dastehen, bevor wir Neues begreifen können? Oder können wir eigentlich nur im Bewahren des Alten das Neue wirklich verstehen?

 

Ich gehe nicht davon aus, dass Sie etwas verheimlichen oder bewusst falsche Bilder in die Welt setzen wollen. Doch ich bin sicher, Sie hätten viel mehr zu sagen und in die Welt zu setzen, als bisher geschehen. Meine Möglichkeiten sind mit dem, was ich ständig versuche viel zu langatmig, oft unverständlich und fehlerhaft zum Ausdruck zu bringen erschöpft. Es liegt an Menschen, die „in Sachen christlicher Bildung tätig“, weit mehr wie ich in der Lage sind, entsprechend der schöpferischen Logik allen Werdens das ewige Kind Gottes weiterzuentwickeln, zur Weiterbildung des christlichen Glaubens beizutragen. Nur dazu befähigten christlichen Lehrer wie Ihnen oder Prof. Klaus Berger könnte es gelingen, durch ein vorurteilsfreies Fragen nach den Wurzeln des Christentum an einer Wende des jüdischen Gottesbewusstseins den Weg für eine gegenwärtige Erkenntnis frei zu machen. Erst von einem neuen christlichen Selbstverständnis kann ein Verständnis des in allem natürlichen Leben zu hörenden, wie dem der Schrift zugrunde liegenden Wort Gottes ausgehen, das noch sein wird, wenn Himmel und Erde vergehen.

 

Entschuldigen Sie bitte, wenn der Eindruck entstehen sollte, ich wollte Sie in einer neuen Art von religiösem Fundamentalismus bedrängen. Nichts liegt mir ferner, als von einem persönlichen Draht zum Schöpfer zu schwärmen, der mir sagt was gut und richtig wäre oder andere zu überreden. Doch ich bin sicher, Sie könnten wesentlich dazu beitragen, den gebrochenen Draht nach oben heute wieder zusammenfügen, das Wort Gottes wieder verständlich zu machen. Aufgrund all Ihres Wissens um das antike Geschehen und die Bedeutungsinhalte des Neuen Testamentes ist ein festes Fundament zu finden, auf dem  freie mündige Menschen grenzüberschreitenden einen Glauben bauen könne, der sie selbst darüber nachdenken und erkennen lässt, was Wille des Schöpfers ist. Nur so können wir Atheismus, Aberglaube und Fundamentalismus mit all seinen Folgen überwinden.

 

Wie können wir weitermachen, wie wenn nichts wäre, uns der Schöpfer kein Wissen über sein heutiges Wirken, seinen Willen und seine ewig sich wandelnde Wahrnehmung im lebendigen Wort gegeben hätte?

 

Mit freundlichen Grüssen

 

Gerhard Mentzel

 

 

 

 

 

Nicht zuletzt im beginnenden amerikanischen Wahlkampf wird m.E. deutlich, wie not-wendig es ist, in neuer Weise nach dem Wesen des christlichen Glaubens zu fragen. Denn die eigentliche Bedrohung geht möglicherweise nicht von einer nur auf sich selbst gestellten Sinn- und Werte-losigkeit des Westens oder den in mittelalterlichen Dogmen gefangen und von gutgläubiger Autorität manipulierten Moslems aus, sondern von einer ebenso gutgläubig amerikanisch republikanisch-christlichen Religiösität, die voraussichtlich auch überschwappen wird. (Vom ebenso sinnentleerten, sich rückwärts entwickelnden Europa, das einst von Aufklärung und geistig mündigen Menschen schwärmte, ganz zu schweigen.)

 

Wie können wir die Augen verschließen, wenn wir sehen, was im Namen Gottes und seines Sohnes täglich geschieht? Ruft uns nicht mehr noch als die weltweit zu beobachtende gegenseitige Verdummung und Ungerechtigkeit, jedes unsinnige Blutvergießen im Namen Gottes zur Verantwortung? Sollte all dies umsonst sein? Wie können wir uns der Verantwortung entziehen, wenn auch nur eine noch so winzig kleine Chance bestünde, das lebendige und präexistente Wort des einen Schöpfers aufgrund eines neuen Nachdenkens über die Wurzeln unseres christlichen Glaubens zu ermöglichen?

 

Sie sind gefragt! (nicht nur rhetorisch)

 

 

Eine Reise- oder Leseempfehlung aufgrund eigener Erfahrung:

 

Machen Sie auf dem Weg zur Schule bei der Villa Rustica in Wachenheim halt. Halten Sie dabei die Wegkreuze im Bewusstsein, auf denen Ihnen kurz vorher der gekreuzigte Christus als einzige Wahrheit, Gnade, Offenbarung der Schöpfungswirklichkeit Gottes... begegnete. Setzten sie sich wie ich am Donnerstag auf den Stumpf der Jupitergigantensäule. Lesen Sie in den Psalmen vom Toten Meer vom Bewusstsein des bereits in den Resten Säule sprechenden Schöpfungsplanes, der erkannten Ordnung dessen, der über allen Himmeln ist, dessen Wort von Generation zu Generation alle Wunder bewirkte und dessen Glanz der himmlischen Herrlichkeit, gleichzeitig auch die Ordnung des Kalenders und der gesamten Welt bedeutet... deren neue Erfahrung zur Erlösung und Abkehr vom Dunkel führt...

 

Warten Sie so auf den Aufgang der Sonne als sichtbarsten Ausdruck des gegenwärtigen Schöpfungswortes im Tagesverlauf. Lassen sie sich allerdings nicht allein von alter Glaubenslehre und schon gleich gar nicht von persönlicher Spiritualität leiten, sondern sehen Sie das Wunder täglicher Natur im wachen Bewusstsein einer umfassenden und ewige Ordnung, die empirisch nachzuweisen ist. Verstehen sie im natürlichen Tagesablauf einen kleinen Teil der herr-lichen Logik, die für uns seit dem Sternenstaub in aller Evolution sichtbar ist, sich in der Selbstorganisation der natürlichen Kreationen, am Sternenhimmel, wie in der Geschichte menschlicher Kulturen ausdrückt und sich auch in allen modernen Theorien über die kosmische Kreativität, Chaostheorien, Informationsfelder der Naturgesetzlichkeit oder neuer Quantenphysik deutlich wird.

 

Spätestens wenn der Himmel rot wird, der wunderbare Ball im Osten aufsteigt und Sie die Tränen der Begeisterung für das sichtbare Werk/Wort Gottes von den Augen gewischt haben wissen sie, dass sie nicht einen pantheistischen oder pankreationistischen Sonnengott Sol, sondern den wirk-lichen Sohn Gottes gesehen haben...

 

Wenn sie – wie geschehen - zufällig Sonntags in den von Herrn Berger übersetzten Psalmen  weiterlesen:

 

Und wenn sich die Sonne erhebt, die Erde zu erleuchten, sollen sie lobpreisen:

Gelobt sei der Gott Israels. (somit der sein Wort verkündende und verstandene Gott)

Er lässt uns erkennen den Plan seiner großen Einsicht

und Teile des Lichts, damit wir die Zeichen verstehen...

 

dann wissen Sie, dass hier keine Sonnenanbeter Pan verehrt haben, keine blinde jüdische Liturgie und Mystik sprechen, sondern Einsicht in die Logik des selbst unsichtbaren Schöpfers an der Wurzel eines grenzüberschreitenden Verständnisses des Vatergottes durch seinen Sohn. (Der möglicherweise genau aus diesem Grund am Sonntag auferstanden ist.)

 

Die Namen der verschiedenen die Wochenordnung verkörpernden griechischen Gottheiten, die auf der Jupitersäule vermerkt waren, sind dann so wenig nur heidnisch, wie die gleichlautende Bezeichnung der Himmelskörper. Jupiter, auf dessen Säulenstumpf Sie in Wachenheim sitzen, ist dann nicht nur ein zum Blitzte schleudernder Beschützer Roms verbogener griechischer Zeus, sondern verkörpert ein heidnisches Bewusstsein schöpferischer Ordnung, hinter der der eine externe Schöpfer aller Genesis steht, der sich bereits Abraham offenbarte und durch den Moses das israelische Wort Gottes Verständnis aus ägyptischer Pharaonenverehrung befreite. Hinter den vielzähligen Gigantengestalten mit menschlichem Körper sehen sie den ein-deutigen Sohn des einen Gottes, der selbst bei den vormals hier herr-schenden keltischen oder germanischen Gottheiten einen konkreten kosmischen Bezug und gleichzeitig menschliche Gestalt hatte und haben muss. Auch Artemis, die in manchen christlichen Gemeinden noch lange als Gottesmutter angebetet wurde, dämmert dann als ganz konkrete kosmische Wesenheit, die nichts anderes, als in mystischer Schöpfungsordnung einen Teilaspekt unserer eigenen Theologie repräsentiert. Was im Hellenismus mysteriöse Götter für Eingeweihte waren, ist dann für Sie in der Gestalt des Gottessohnes sichtbar. Und angesichts der unzähligen Göttergestalten dämmert Ihnen, warum auch weiterhin der Mensch über abstrakte und mystische Vorstellungen eine ganz konkrete Gestalt der schöpferischen Vernunft benötigt. Selbst in der geistigen Tradition Ihrer pfälzischen Wahl-Heimat ist so der historische Heilsmittler nachvollziehbar. Was nicht nur hinter den Psalmen von Qumran als neue Erkenntnis der Weisheit Gottes steht, sondern dem gesamten Schriftwort zugrunde liegt, das Sie seit der Protestation als freier Mensch nachlesen und auslegen können, wird so für Sie neu in aller Schöpfung als präexistentes Gotteswort wieder verständlich.

 

Wie Sie wissen, habe ich auch Ihre Ausführungen über die griechischen Halbgötter bzw. Göttersöhne aufgegriffen, um auf das hier herauszuhörende Wissen von einer realen Ordnung hinzuweisen, ohne das m.E. unser christliches Reden vom Gottessohn sinnlos wird. Selbst hier bei uns im Barbarenland scheint im einfachen römischen Landadel ein heidnisches Schöpfungsbewusstsein lebendig gewesen zu sein, von dem wir – gewohnt das Gotteswort nur im Buch zu lesen oder auf die angebliche „Nahtodeserfahrung“ einer mythologisch vergötterten  Mutter Teresa mit Bart, die angeblich von bösen Juden ermordet wurde, zurückzuführen -  noch weit entfernt sind. Und letztlich zeugen auch die erstaunlichen handwerklichen Techniken und die Lebensordnung, die aus den Steinen von Wachenheim herauszulesen sind, von einem hochstehenden Geist der Antike, den wir noch nicht ausgeschöpft haben. Wenn hier im  Westen den Barbaren Kultur beigebracht wurde, was erst hat die Höherführung der hellenistischen Mythen und die Synthese der griechischen Welterkenntnis mit hebräischem Monotheismus hervorgebracht?

 

Erst im Sinne eines neuen monotheistischen Paradigmas lässt sich möglicherweise nachvollziehen, warum das Christentum die Gottessohnsbezeichnung oder  Geburtserzählung des Religionsstifters Mithras, der hier bei uns lange Jahre die größte Konkurrenz zum Christentum war bzw. gleichzeitig vergöttert wurde, nicht einfach gestohlen hat. Auch warum Abendmahl und die Vorstellung von Wiedergeburt weder nur einfach von den Aposteln beim persischen Mithras abgekupfert wurden (wie im Evangelischen Kirchboten anlässlich der Ausstellung in Speyer überlegt) oder  nur ein anmaßender junger Zimmermann von seinen Anhängern verlangte, sie sollten sich zu seinem Gedächtnis zu einem Symposium zusammensetzen (wie im gleichen Kirchenboten im Rahmen der Textauslegung zu lesen), kann nur von einem Wechsel der Prämissen aus nachvollzogen werden, der Ihnen in Wachenheim dämmern sollte. Wenn das Wesen der in der Person Jesus lebendige Logik aller Kreativität verlangte, sich zu seinem Gedächtnis zusammenzusetzen, dann scheint es mit einem Ritual nicht getan, sondern muss in Ge-danken das Bewusstsein wach gehalten werden, das an der Wurzel unseres Glaubens nachweisbar wäre. Was im Neuen Testament in Wein und Brot symbolisiert ist, kann uns als Nahrung dienen, um den Gottessohn wieder denkbar und sichtbar zu machen. Denn im Abendmahl, das zu den angeblich wenige Gemeinsamkeiten zwischen Paulus und den Evangelien gehört, geht es sicherlich nicht um das rituelle Andenken an einen Gestorbenen. Vielmehr gilt es den in aller Realität gegenwärtigen Gottessohnes in unserem Denken wach zu halten ist? Und dazu bedarf es einer Exegese, die gedanklich über ihre bisherige Hypothesen hinausgeht.

 

Wieso ein Theologe wie Paulus bzw. das in den Synagogen erwachsene monotheistische Paradigma nicht die Einsetzungsworte eines Wanderpredigers zum Dogma gemacht hätte, weil es ja nachweislich vom nachösterlichen Gottessohn ausging, braucht sicher nicht weiter argumentiert zu werden. Doch frage ich mich immer wieder, was Ihr ganzes Studieren und alle Exegese brächte, wenn angeblich nur ein Mithraskult zum Abendmahl erhoben wurde oder der Apostel legendenhafte Einsetzungsworte von einem einfachen Guru aufgegriffen hätte? Doch je mehr wir uns in das Denken der Antike hineinversetzen, desto mehr ist fachgerecht und nüchterne neutestamentliche Exegese gefragt. Nicht  persönliche Vergeisterung oder private Spiritualität können damals weitergeführt haben und könnten auch heute ein Paradigma bewirken, das zur Problemlösung führt.

 

Die Problemlösung für Heiden, die bisher nur in allen Lebenslagen ihre Vielzahl von Göttergestalten um Beistand anbeteten, ihnen opferten und versuchten darauf eine gesellschaftliche Gottesordnung zu gründen, die zum diesseitigen Gelingen und Wohlstand für die Mensche führt, muss in einem monotheistischen Paradigma gesehen werden, das in der Synagoge seinen Ausgangspunkt hatte. In diese Sinne ist auch die Konkurrenz des Kaiserkultes, der für die Römer der Garant der Staatsordnung war, nachvollziehbar bzw. lässt sich eine neue Lösung im menschgewordenen Gottessohn/Wort sehen. Möglicherweise hat erst durch die römische Herausforderung (das Verlangens der Anbetung einer von Menschen eingesetzten menschlich-messianischen Gestalt,) der jüdische-Hellenismus das hervorgebracht, was wir als historischen Heiland sehen und Ausdrucksform  des Gotteswortes, schöpferischer Vernunft in menschlicher Person war und bleibt.

 

Das Wort Gottes, das laut dem Hebräerbrief kräftiger, lebendig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, das durchdringt Seele und Geist, Mark und Bein, und ein Richter der Gedanken und Sinne ist  – vor dem kein Geschöpf verborgen ist, alles aufgedeckt wird vor den Augen Gotte, und, vor Rechenschaft abgeben müssen, ist keine schöne salbungsvolle Rede, die aus einem Buch abzulesen ist. Es ist im Sinne der alten Hebräer auf Grundlage unseres Wissens um die geistigen Wurzeln unseres 2000jährigen Glaubens in der Gegenwart unseres Weltbildes wieder wahrzunehmen.

 

Erst durch ein neues Verständnis der eigenen Wurzeln, das nicht in persönlicher Glaubensvergeisterung entsteht, sondern nüchternem konsequenten Nachdenken, lässt sich die Trennung bzw. Abspaltung der Theologie aus dem Weltbild unseres Wissen überwinden. Der hoheitliche Christus, der „am Holze hängt“, von christlicher Theologie und aufklärerischem Atheismus bzw. moderner Naturwissenschaft gleichermaßen als Aberglaube abgetan wird, ist nur in fachgerechter Exegese mit neuen Augen zu sehen. Was griechischer oder christlicher Theologie, natürlichem Werden und aller Schrift zugrunde liegende, lebt wirklich. Nicht persönliche Spiritualität führt zum gemeinsamen Sehen, sondern der gerade Ihnen und Ihrem Doktorvater gegebene nachdenkende, am Neuen Testament orientierte Verstand. 

 

Im Sinne des aus den  Synagogen zur Zeit Jesus hervorgegangenen lebensfähigen monotheistischen Paradigmas, dessen Mutter möglicherweise wirklich schon im Kindbett gestorben ist (wie Lukas möglicherweise mit  der Selbstbezeichnung Paulus als „Missgeburt“ sagt und hier versucht wurde nachzuzeichnen), bitte ich um eine milde Gabe von denen, die das Gesetz und das geschichtliche Geschehen weit besser kennen und deuten können wie ich. Nur sie sind fähig, durch fachgerechte Fragen zwischen den Weltbilder zu vermitteln und weiterzuführen. Nicht um Gesetztestreue zu einem neuen Glauben zu bekehren, sondern wie in der antiken Synagoge einen Glaube zu ermöglichen, der für heutige Heiden und Gesetzgläubige gleichermaßen glaubwürdig ist. Erst durch eine milde Gabe, die Exegeten besitzen, die weit besser als ich in der Lage sind, das Neue Testament zu lesen und ernstzunehmende Fragen stellen, kann die zwischen heutigem Heidentum und Gesetzeslehre stehende Sprachverwirrung, bei der jede Seite vom Autor des Alles losgelöste Theorienbauwerke errichtet, überwunden werden.

 

 

 

Halten sie mich bitte nicht für verrückt oder bedrängend:

 

Doch Sie könnten zum Winzer im Weinberg des Neuen Testamentes werden, der die „Lese“ vollendet, die Ernte Ein-bringt. Die Früchte, die durch die Geschichtsgestalt Jesus zum Weinstock gewachsen sind, das Wissens um die archäologisch und schriftlich nachweisbaren geschichtlichen Begebenheiten, die Bedeutungsinhalte des Alten, wie des Neuen Testamentes, ebenso wie das uns im Laufe der Jahrhunderte im Namen Jesus erwachsen Wissen um das natürliche Werden und die sichtbare Ordnung aller Selbstorganisation könnten durch Ihre Mitwirkung zu Wein werden. Wir brauchen nicht blind zu glauben, was bisher angenommen, uns vor-gesetzt wurde und somit zum biblischen Abbau führte, sondern könne aufgrund Ihres Wissens ernsthaft neue Fragen stellen um die Wurzeln unseres Glaubens zu verstehen.

Das wäre der Anfang für eine erneute Wende zu einem grenzüberschreitenden Gottesverständnis aufgrund gemeinsamen Geistes in der Gegenwart.

 

 

Wer war Jesus Christus wirklich?

 

An der Wurzel unseres christlichen Selbstverständnisses entscheidet sich unser heutiger  Weltverstand und unsere Werke!

 

Es liegt an Ihnen und Autoritäten wie Ihrem Doktorvater Prof. Klaus Berger, ob die Theologen und in Folge dessen das gesamte Denken der westlichen Welt künftig:

 

1. Nur nach einem verkündeten Christus und einem verherrlichten Menschen Ausschau halten, von einem jungen Zimmermann schwärmen, der durch einen halluzinierenden Zeltmacher hellenisiert wurde und so Abbau aller christlichen Wesensaussagen betreiben

oder

nach einem neuen Verstand des Gotteswortes als schöpferische Vernunft/Weisheit an der Wurzel eines neuen grenzüberschreitenden Monotheismus gefragt wird;

 

2.  statt die Kreuzestheologie zu begreifen, nur die heute in blutüberströmenden Film-Bildern zu betrachtende Hinrichtung Heilspredigers sehen, daher in einer selbstverschuldeten Unmündigkeit verharren, die das jüdische Volk verantwortlich macht,

oder

aufgeklärt über Mutter (Kirche wie Materie) hinaus auf theologisch-schriftgelehrte und naturwissenschaftlich-philosophische Weise auf das Wort des Vaters hören;

 

3. einen durch seine Anhänger zum Christus erhobenen Menschen suchen und daher auch heute nur menschlichen Worten und Ideologien folgen

oder

künftig das Wort Gottes in aller kosmischen Realität hinterfragen und durch eine fachgerechte Schriftlehre bestätigen;

 

4. nur von eine Materialismus ausgehen, der allenfalls auf eine Software oder kosmische Intelligenz schließen lässt und nicht über modernen Pantheismus hinausführt

oder

naturwissenschaftliche Studiengänge sich für die hörbare Weisheit, das Wort des Schöpfers begeistern, dessen Existenz ihnen mit jedem wachsenden Wissen immer deutlicher wird und dem sie sich dann auch in ihrem Forschen und Wirken verant-wort-lich fühlen;

 

5. weiterhin nur die eigene menschliche Vernunft zum Maß haben

oder

bisherige Aufklärungsatheisten in Anknüpfung an jüdisch-griechisches Denken die natürliche Weltordnung als wegweisendes Schöpfungswort verstehen können und ihr menschlich folgen;

 

6. dogmatisch an lähmender und kaum noch ernst genommener Gesetzlichkeit festhalten, sie zum gestrigen Mythos erklären und nur fromme Märchen sehen, gleichzeitig den historisch- kritische Abriss der alten Aussagen weiter fortsetzen und des oberflächlichen Frieden Willens nur gegenseitig reduzierten und Inhalte zurücknehmen

oder

ob in Anknüpfung an die Antike in einem allegorischen Schriftverständnis die alten Inhalte bestätigen, nicht weiter nur eigene Moralvorstellungen hineininterpretieren, sondern das damals gehörte Schöpfungswort hinterfragen und wiederverstehen;

 

7. Glaube als Unvernunft und Unmündigkeit hervorbringt sehen, somit für gestrig und verantwortlich für den Unsinn der Welt halten, der heute in seinem Namen geschieht

oder

aufgrund der sichtbaren Vernunft des einen selbst unsichtbaren externen wirk-lich allmächtigen Vaters – die in Menschengestalt zum Wesen des christlichen Glaubens wurde – grenzüberschreitend an den alten Gott glauben, dessen Sohn in allem Werden gegenwärtig ist. Aufklärung über den Vater allen Lebens präsent wird, dadurch die Menschen sich für eine höhere Ordnung begeistern, ihm Rahmen ihres jeweiligen kulturellen Kontextes den gemeinsamen Schöpfer verehren und ihm als freie Wesen in ihren Werken folgen.

 

 

 

 

Nochmals die Nervensäge:

 

Wie Sie das Hören des Wortes in der Fremde ermöglichen könnten

 

 

Sehr geehrter Herr Dr. Sasse,

 

entschuldigen Sie, dass ich Ihre Ausführungen über die Entwicklung des Gottesbegriffes im vorchristlichen jüdischen Denken aufgreife, um die Überlegungen zu einem aus dem Judentum erwachsenen universalen Gottesverständnis zu ergänzen und Sie nochmals zu einem Verständnis des Gotteswortes in der Fremde auffordere. Denn was in den obigen Gedanken weitgehend auf die Synagoge zur Zeitenwende bezogen wurde, scheint aufgrund Ihrer jüngsten Aussagen beim Pfälzischen Bibelverein zeitlich weit ins jüdische Denken hineinzureichen und letztlich Thema der beiden Testamente zu sein. Das Paradigma eines grenzenlosen Gottes, durch das auch alte, vormals abgelehnte Glaubensaussagen neue Bedeutung erhielten, muss schon in der frühen Exilszeit herangereift sein. Schon bei der Verfassung der Geschichte des Monotheismus und des Befreiungsweges Gottes, in den Büchern Moses, ist deutlich das universale Denken und die über einen Volksstamm bzw. -gott hinausgehende Heilshoffnung herauszuhören, die sich in der Exilszeit entwickelt hat.

 

Auch wird mir angesichts Ihrer Ausführungen immer wieder bewusst, wie gering mein Wissen über die große Bedeutung biblische Aussagen und des geschichtliche Geschehens ist. Doch gleichzeitig frage ich mich, was uns Ihr großes Wissen über das an den Anforderungen gewachsene Gottesverständnis im antiken Bild der Welt bringt, wenn dann die Menschen doch nur wegen eines jungen Zimmermannes glauben sollen, der später angeblich von einem propagandistischen Zeltmacher sowie der ihm folgenden Kirche zum Gottessohn hellenisiert wurde? Wenn Glaube daher eine persönlich Angelegenheit bleibt, wir aus der Geschichte für unsere heutige Exilsproblematik nichts lernen und allenfalls aufgrund unglaubwürdig gewordenen alten Geschichten glauben sollen, können wir den Strom und die Heizkosten im Neustadt Bibelhaus sparen. Auch was Ihre gesamte archäologische Forschung, Ihre aktuelle Aufarbeitung der Geschichte des Judentums und Ihr neutestamentliches Studium sollen, wären mir dann unverständlich. Wenn Sie einem kleinen Rest von Schriftgläubigen immer nur beibringen, dass alles so historisch nicht war, wie in der Bibel beschrieben, wächst zwar das biblische Wissen, doch bringt uns das nicht weiter, wird der jüdisch-christliche Glaube für die Welt nur immer unglaubwürdiger. Was soll alles Wissen über die großartige Weisheit und die Entwicklung des Gottesbegriffes, wenn dann später nur ein junger Jude und seine Anhänger Offenbarungstheorien in die Welt gesetzt haben sollen, an die man einfach glauben muss, weil es als Gottessohn gesetzt ist? Wie das Wort des Gottes der Väter und Vater des Alles jeweils in der Fremde wahrgenommen wurde und welcher Fortschritt sich so ergab, bleibt vom angeblich historischen Jesus unberührt. Über ein universales Gottesverständnis, wie es Juden damals durch den Sohn Gottes gegeben wurde, kann dann nicht weiter nachgedacht werden.

 

Dabei haben Sie gerade in Ihren Ausführungen über den Gottesbegriff des Alten- und Neuen Testamentes wieder mehr als deutlich gemacht, wo auch unsere heutige Problemlösung zu suchen wäre. Was könnte man mit diesem Wissen, den Ihnen gegebenen Fähigkeiten machen, wenn da nicht die Vorstellung wäre, dass alles doch nur in den berühmten „Zweibeiner“ mündet? Das damals im Exil gewachsene universale jüdische Gottesbewusstsein, das sich der hebräischen Wurzeln wieder bewusst wurde, braucht uns als Christen dann nicht zu interessieren? Wo es um einen anschließend christologisierten Wanderprediger geht, bleibt die in seiner Gestalt zum Ausdruck kommenden universalen Wirk-lichkeit Gottes, die damals im Exil in Anknüpfung an hebräische Tradition gesehen wurde, ohne tiefere Bedeutung. Doch gerade Sie haben erneut deutlich gemacht, dass in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende bereits ein gewaltiger Wandel im jüdischen Gottesverständnis stattgefunden hat, der von vielen geistigen Strömungen beeinflusst, ein vom Tempel losgelöstes Gottesverständnis hervorbrachte. Kaum, dass ich Ihren Gedanken über die jüdische Geschichte und Ihrem gesamten Wissen um die Bedeutungsinhalte biblischer Texte folgen kann. Noch weniger bin ich in der Lage, den Entwicklungsweg zu einem im Exil gewachsenen grenzüberschreitenden Paradigma in der Ihnen möglichen Weise nachzuzeichnen. Doch ich bin sicher, dass Sie so eine biblische Wegweisung für unsere heutige Gotteswahrnehmung geben könnten.

 

Alles, was Sie bei unserem biblischen Themenabend dargestellt haben lässt darauf schließen, dass sich in der Zeit der Hellenisierung ein Neubeginn des vormals nur auf den Tempel bezogenen Glaubens herausgebildet hat, der m.E. auch für uns heute Problemlösung wäre. Nach dem Einbruch Alexander des Großen muss sich ein Verständnis des Gotteswortes entwickelt haben, das in den Propheten, Psalmen oder der Apokalyptik seinen Ausdruck fand und dessen eigentliche Grundlage uns immer noch nicht bewusst ist. Auch wenn völlig verschiedene Stilweisen und Literaturformen verwendet wurden, so hat eine geistige Wende stattgefunden, die letztlich den Glauben an den einen Schöpfergott für die gesamte Welt erst ermöglichte. Nicht alte Traditionen oder gar Stammestexte, das eigene Land und der gemeinsame Kult oder Kaiser war nun normativ, sondern der gemeinsame Geist: Verstand des Schöpfers der Geschichte sowie gesamte Genesis und die davon ausgehende eigene Einbeziehung in die konkrete kosmische Ordnung. Die große Leistung des Judentums, einen universalen Glauben herausgebildet zu haben, wie er im Exil gewachsen ist, lässt sich nicht in einsichtigen Einzelgestalten und noch weniger in alten Glaubensmythen begründen. Nicht blinder Synkretismus mit Hellenismus oder sonstigen geistige Strömungen haben zu einer Erneuerung des alten mystischen Glaubens geführt, sondern ein Wachstum aufgrund einer geistigen Herausforderung, dem wir uns auch heute zu stellen haben.

 

Wenn die Welt Gottes permanente Schöpfung ist - wovon ich aufgrund seines heute lebendigen Sohnes, der sichtbaren Logik aller Soft- und Hardware der Welt ausgehe - dann hilft uns nur eine ewiges Weiterschreiten, wie es auch Thema von Propheten und Apokalyptik war. Auch wenn heute nach wie vor die meisten Menschen rituell getaufte und eingetragene Mitglieder sind, so müssen wir doch eingestehen, dass wir in Wirklichkeit im Exil leben. Gemeinsame Traditionen tragen so wenig wie biblische Texte, die für die heutige Welt völlig fremd klingen. Im Bild unserer heutigen Welt ist der christliche Glaube ein Fremdling. Alle Wesenaussagen unseres Glaubens passen nicht mehr ins Weltbild, sind Fremdkörper in einem Weltverständnis, dass an jeder Stelle ein natürlich-logisches Werden nachweist.

 

Doch ähnlich wie damals, ist selbst das selbstverschuldete Exil, indem sich christlicher Gottesverstand seit Beginn der Aufklärung befindet, keine Strafe, sondern scheint zum schöpferischen Weg zu gehören. Wer im Exil lebt muss ein Denken entwickeln, das die kosmische und gleichzeitig geschichtliche Wirk-lichkeit Gottes neu erkennt, habe ich bei Ihnen gelernt. Der Draht zum Gott der Väter darf dabei nicht in abstrakten Vorstellungen verloren gehen. Doch ohne eine neue Abstraktion, wie sie auch im antiken Judentum nachzuzeichnen ist, kommen wir auch heute nicht zu einem Grund des gemeinsamen Gottesverständnises. Der Gott der Geschichte bzw. der uns bekannten Geschichten muss wie damals auf universale Weise in allem evolutionären Werden wieder wahrgenommen werden, ohne sich in geistigen Konstrukten und wissenschaftlichen Theorien zu verstricken. Und dies gelingt nur, wenn an den Wurzeln christlichen Glaubens angeknüpft wird, die altbekannten Gestalten wieder lebendig werden. Genau das scheint der Weg, wie ihn uns die Bibel lehrt und was uns der Sohn in Menschengestalt dann ermöglicht hat. Wäre es daher nicht auch heute die Auf-gabe von Menschen, die das Wissen bzw. die Gabe dazu haben, das Hören des Wortes in der Fremde zu ermöglichen, die altbekannten Gestalten mit neuen Augen zu sehen?

 

Setzt ein Neues nicht immer die Bereitschaft voraus, das alte, liebgewonnene auf-zugeben? Wie könnte es zu einer Auf-erstehung kommen, wenn vorher niemand bereit wäre, etwas zu opfern? Musste nicht auch im Judentum jeweils etwas aufgegeben werden, das jedoch nicht wirklich verging, sondern in neuer Ewigkeit und Universalität auferstand, wiederverstanden wurde? Zeigten uns nicht bereits die Verfasser des Alten Testamentes in Abraham, der bereit war im Gehorsam gegenüber dem Schöpfer seinen Sohn zu opfern, den Auferstehungsweg des jüdischen Glaubens? Beschreibt das Neue Testament somit in verdichteter Form die Verjüngung des universalen Monotheismus, wie sie auch die Verfassung des Alten Testamentes ausdrückt?

 

Können und müssen wir dann nicht auch den Prozess, der zur Kreuzigung Jesus führte mit neuen Augen lesen? Ging es wirklich nur die Hinrichtung eines anmaßenden Heilspredigers, wie es im neuen Passionsfilm in Kürze recht blutig und unvergesslich geschildert wird? Oder verbauen uns die Menschenblut triefenden, tief eingeprägten Bilder den Blick für das, was in der gesamten Geschichte des Judentums herangewachsen ist? War es nicht nachweislich der Messias des universalen Monotheismus, der verhöhnt, gemeinsam mit den Römern verurteilt sowie hingereichtet wurde und in menschlicher Gestalt neu auferstanden ist? Und was bedeutet das für den jüdisch-christlichen Monotheismus heute, wo die eigene Theologie die menschliche Gestalt Jesus Christus als endgültige Offenbarung längst lächerlich macht, wo kirchliche Autorität oder das Buchwort keinen gemeinsamen Glauben mehr begründen können?

 

Apokalyptik beschreibt nicht das Ende der Welt, sondern einen neuen Anfang, dem logischerweise der Zusammenbruch eines Weltbildes vorausgehen muss. Der in der Apokalyptik beschriebene Zusammenbruch des alten Gottesbildes scheint schon geschehen. Bedeutungsloser als heute, können die Bedeutungsinhalte der christlichen Lehre kaum werden. Doch nicht zuletzt Ihrer Darstellung des Geschichtsverlaufes, wie das bei Ihnen vorhandene Wissen, das zu einer völlig neuen Deutung der biblischen Aussagen und einer neuen Wahrnehmung des Gotteswortes in der fremden Welt führen könnte, berechtigt zur Hoffnung.

 

Wie an jeder Kreuzung gibt es mehre Wege, für die wir uns entscheiden müssen. Entweder Sie bringen die Menschen wieder dazu, an die alten Mythen zu glauben, zurückzukehren in die alte Norm. Oder sie erweitern das gelobte Land, ermöglichen es in der scheinbaren Fremde das präexistente Wort des alten Schöpfers zu verstehen.

 

Die Forderung der jungen Juden, die alle Semiten zu einer Heimkehr nach Jerusalem aufrufen, weil dann der Messias komme, halte ich gar nicht für allzu abwegig. Auch wenn dies ein unmögliches unterfangen ist, weil sich die Welt weiterdreht und das Land zu klein geworden ist. Es gibt zwei Möglichkeiten: Zurück zu den Traditionen, dem Glaube aufgrund alter Texte. Oder einer weiterführenden Wahrnehmung des Gotteswortes in der Fremde. Entweder wir versammeln alle wieder am Tempelberg, tanzen Bundeslade bzw. Bibel? Oder wir nehmen den offenbarenden Sohn/das hörbare Wort in einer bisher fremden Welt wahr und erneuern dadurch den alten Glauben.

 

Das Problem der jungen Juden, die zur Heimkehr ins gelobte Land aufriefen, ist auch bei unseren biblischen Themenabenden und der gesamten neutestamentlichen Lehre allgegenwärtig. Wenn wir einzig die Buchstaben der Bibel als Gotteswort drehen und wenden, als Erinnerung an den einst mit Juden und Christen ziehenden Gott, ganz so wie die Bundeslade, dann bringt uns das allein nicht weiter. Dieses Land ist zu klein geworden. Es führt kein Weg mehr zurück. Ich bin gewiss: Wenn wir wie Abraham bereit sind, den geliebten Sohn des angeblich historischen Geschehenes zu opfern, ist das gelobte Land auch in der Fremde sehen, das Wort Gottes zu hören, der historische Sohn Gottes gegenwärtig.

 

Wie sich im hellenistischen Judentum schon lange vor Jesus ein die alten Mythen und Gesetzlichkeiten übersteigendes monotheistisches Paradigma herausgebildet hat, das dem auf den Logos Gottes gründenden monotheistischen Paradigma den Weg bereitete, ist nicht neu. In fast allen theologischen Betrachtungen wird die Einheit der beiden Testamente bzw. die Weiterführung der alten Welt- und Gotteserfahrung im Neuen Testament betont. Doch welche Bedeutung dies für die eigentlich christliche und somit heutige Gotteswahrnehmung hat, bleibt bei heutiger Sichtweise weitgehend verborgen. Es war ja angeblich nur ein als Gottessohn verkündeter Wandercharismatiker, dem alttestamentliche Aussagen in die Schuhe geschoben wurden. Welchen Wandel der Monotheismus durch die Bezugnahme auf hellenistische empirische Wissenschaft und daraus abgeleitete Selbsterlösungs-Philosophien wie Stoa und Epikur einerseits, sowie in realer kosmischer Ordnung begründete Mysterienkulte andererseits erfahren hat, bleibt unerkannt, wenn wir weiter nur mit den Scheuklappen unserer historischen Vorstellung vom blutüberströmten jungen Märtyrer betrachten, den Juden und Römer ermordeten.

 

Das historische Geschehen, in dem der Schöpfer durch den heilen Geist aus einer unvoreingenommenen Kirche seine neue Präsenz bzw. Offenbarung im damaligen wissenschaftlichen Weltbild gezeugt hat, ist dann für die Welt kein Thema. Christlicher Glaube soll dann selbst nach den Aussagen Ihres Doktorvaters nur noch als Fremdheit oder geheimer Mythos erhalten bleiben. Für die Menschen der heutigen Welt ist das Schnee von Gestern. Selbst Kirchenchristen halten jegliches Nachdenken über den historischen Jesus für völlig bedeutungslos, sind weit davon entfernt darin eine reale gesellschaftliche Problemlösung zu sehen, die weit über pharisäerhafte Dogmenlehren bzw. Gesetzlichkeit und moderne philosophische Ideologien hinausgeht. Die sich in Paulus ausdrückende neue gesetzesfreie Theologie wird dann zwar nachgelesen, kann jedoch für die heutige Welt nicht wirklich wegweisend werden. Der Auftrag, im durch die begonnene Aufklärung gegebenen naturwissenschaftlichen Weltbild nach dem Wort Gottes zu fragen, dort den Sohn Gottes als einzigen Mittler und wieder wahrnehmbaren Wegweiser zu wahrhaft vernünftigen Werken zu sehen, kann nur von einem christlichen Selbstverständnis ausgeht, das sich seiner Wurzeln im antiken Wissen neu bewusst macht.

 

Nur in Bezugnahme auf die historischen Wurzeln unseres Glaubens ist das Wort und der Sohn Gottes auch heute in der Gegenwart des fremden Weltbildes zu suchen. Ich bin sicher, Menschen wie Sie oder Ihr Doktorvater, könnten dafür den Weg ebenen.

 

Mit freundlichem Gruß

Gerhard Mentzel

 

 

 

 

 

 

Die Passion Jesus Christi hält an:  (Sie oder Ihr Doktorvater können ihn befreien)

 

 

Nicht der neue Passionsfilm selbst ist das Problem. Doch die sich daran anschließende Diskussion bringt beispielhaft die Be-deutungslosigkeit auf den Punkt, mit der heute selbst in Fachkreisen die biblischen Bilder, hinter denen ein großartiges geistiges Geschehen steht, betrachtet werden.

 

Wird nicht gleichzeitig neben der Inkonsequenz im Hinblick die theologischen Inhalte auch eine Inkonsequenz hinsichtlich unseres Wissen um Bildbetrachtungen deutlich? Wie können wir darüber diskutieren, wie notwendig die Evangelienbilder sind, wie ohne sie sich christlich-gnostische Erkenntnis, Philos Lehre oder die Theologie des Paulus verloren hätten und gleichzeitig so tun, als ginge es im historischen Geschehen  nur um die Lebensgeschichte eines jungen Juden, seien die Bilder die historischen Inhalte selbst? Wir beschäftigen uns mit der Bildsprache, setzen uns mit den Problemen der Bilder auseinander und tun dann gleichzeitig so, als wenn es bei den Bildern um ein Geschehen ginge, das an Banalität nicht zu übertreffen ist. Wie können wir angesichts unseres Wissens um die Bedeutung der biblischen Bilder und gleichzeitig des jüdischen und urchristliche Bilderverbotes tun, wie wenn die Bilder keine Inhalte hätten, die weit über unsere völlig banalisierte Betrachtung hinausgeht? Wäre es nicht vielmehr die Aufgabe einer aufgeklärten Theologie, nicht nach Moses und David jetzt auch noch Jesus Christus als im Grunde unhistorisch beiseite zu schieben, sondern die Bilder mit den Bedeutungsinhalten zu füllen, die sie in der Antike hatten, so gleichzeitig für die Menschen von heute bedeutungsvoll und verständlich zu machen?

 

Das aktuelle Filmereignis über die Passion Christus führt uns auf aberwitzige Weise eine geschichtliche und gleichzeitig gegenwärtige Wahrheit vor Augen: Jesus Christus wird gehasst und verhöhnt. Doch weder die Juden, wie es der derzeit heiß diskutierte Film zeigt, sind heute die Peiniger, noch Pilatus. Was der erzkonservative Amerikaner Mel Gibson auf der Suche nach Wahrheit, mit eignem Sendungsbewusstsein, kirchlicher Absegnung und angeblich befohlen vom regieangebenden Heiligen Geist abgedreht hat, schreit zum Himmel. Doch noch mehr müsste es zum theologischen Bodenpersonal schreien, das sich meist nur Gedanken über einzelne Aussagen Gedanken macht oder an der Anschuldigung der Juden Anstoß nimmt. Auch wenn das derzeit für viel Aufsehen sorgende Werk in einem atemberaubenden Spektakel den Gottessohn zum Schluss auferstehen lässt. Wer diesen Film gesehen hat, für den gibt es nur noch einen auf blutigste Weise hingerichteten Märtyrer. Jesus Christus, den unsere Großväter noch ohne Frage als offenbarenden Gottessohn anerkannten, ist nach der Aufklärung endgültig zu einem einfachen Menschen verkommen, dem durch die als angeblich einzig historische Wahrheit angesehenen Blutbilder der letzte Rest von religiöser Symbolbedeutung und somit wahrer Hoheitlichkeit genommen wird.

 

Mit dem nachösterlichen Sohn Gottes, von dem die Evangelien nachweislich handeln, hat dieser Streifen, der modernen Menschen das Evangelium (die frohe Botschaft) näher bringen will, nichts zu tun. Wenn der in Amerika bereits gezeigt Film an Gründonnerstag auch bei uns angelaufen ist, werden wir an Ostern nur noch Schokoladeneier finden. Vom Auferstanden ist fehlt jede Spur. Den Mythos, den Ihr Doktorvater bewahren will, kann er den Besuchern des bluttriefenden Banalfilmes an den Hut stecken. Alle Aussagen von Auferstehung sind angesichts der Banalität, mit der diese total vermenschlichten Bilder beterachtet werden, für die Menschen von heute als leeres Gerede ins Jenseits zu verbannen. Auch Pfingsten und mit ihm alle Wesensaussagen des christlichen Glaubens wie Trinität, Gnadenlehre oder ein Geist, der über die Gesetzlichkeit hinausgeht, werden dann selbst von bekennenden Christen als Kirchenkonstrukte abgehakt. Ein Verstand des Gotteswortes in Schöpfung und Schrift, wie er im antiken Bild der Welt nachzuweisen ist, muss eine persönliche Wahnvorstellung bleiben, die nicht mitteilbar ist und von niemandem geteilt werden kann. Eine kosmische Realität des lebendigen Gotteswortes/sohnes kommt angesichts dieser angeblich historischen Wahrheit nicht vor. Dem präexistenten Wesen und wahren König der Juden, der in Antiochien, Alexandrien oder Qumran eine geistige Wende bewirkte und in Menschengestalt für die gesamte Welt messianische Wirkung entfaltete, wird so erneut eine Dornenkrone aufgesetzt. Der Christus als lebendiges Offenbarungswesen, der alles Andere als ein aufgesetztes oder persönliches Gottesbild aufgrund alter Glaubenstradition war, wird gestrichen. Wenn sich heutige Hochschullehrer vom Filmes abwenden, weil er ihnen zu brutal oder judenfeindlich ist, so bewahrheiten sie möglicherweise ein weiteres hochtheologisches Symbol: dem verdurstende Christus wird so nur Essig gereicht. Was in den Synagogen zur Zeit Jesus als kosmische Realität lebendig war, in Qumran als neue Erkenntnis und sichtbare Weisheit gelobt und in der Fremde als Wort des eigenen Gottes wahrgenommen wurde, kommt weder im Kreuzigungsfilm vor, noch im Kopf der Zuschauer. Wie auch, wenn es von Theologen, die darüber Doktorarbeiten und dicke Bücher schreiben nicht thematisiert wird?

 

Was sollen alle theologischen Erkenntnisse über den theologischen Hintergrund des Kreuzes und des gesamten Geschehens, wenn es nur um das ginge, was im Film zu sehen ist? Wenn in christlichen Monatsschriften wie „Geist und Leben“ dann das Kreuzopfer Jesus mit dem Sohnes-Opfer des Abraham oder anderen alttestamentlichen Aussagen als ewige Wahrheit über das Verhältnis zwischen dem Schöpfer und den Menschen ausgemacht wird, gleichzeitig Unterschiede der beiden Bildberichte herausgearbeitet werden, bringt uns das angesichts der Bilder vom blutenden Menschen als angeblich einzig historische Wahrheit nicht weiter. Die Bilder sind um ihren Gehalt beraubt und verkehren sich so ins Gegenteil dessen, was sie bewirken sollen. Sie bewahren nicht den Glaube, sondern sie verhindern ihn. Was macht sich Ihr Doktorvater darüber Gedanken, wozu Jesus am Kreuz gestorben ist, wenn nicht der Prozess nachvollzogen wird, der sich damals im Geistesgeschehen zugetragen hat und der heute historisch nachvollziehbar ist, sondern nur um die unrechtmäßige Verurteilung eines aufmüpfigen Märtyrers? Wenn nun selbst Prof. Berger im Beitrag der FAZ jetzt nur Pilatus die Schuld in die Schuhe schieben will, um keinen Antisemitismus aufkomme zu lassen, dann zeigt dies die gesamte Inkonsequenz unserer unhaltbar gewordenen christlichen Exegese. Wie können wir angesichts all unseres Wissens blindwütig die hochtheologischen Bilder mit einem banalen historischen Geschehen gleichsetzen, bei dem nur ein rebellischer Wanderprediger blutiggeschlagen und brutal erhängt wurde? Liegt nicht hierin die heutige Geißelung für den Gottessohn? Bewahrheitet sich so zumindest heute der Verrat durch Judas, eine Gesetzlichkeit, die selbst Freidenker wie Prof. Berger befangen hält?

 

Wenn in der Diskussion um den Film dann noch der Papst bei einer Privatvorstellung zitiert wird „Es ist wie es war“ oder 350 Jesuiten, denen der Film vorweg gezeigt wurde, als Fachpersonal bzw. Zeugen für die historische Wahrheit herhalten, zahlreiche Kirchenorganisationen zum Besuch aufrufen, dann ist vom großartigen Symbolgehalt der Bilder nichts mehr zu sehen. Es geht nur noch um brutale Gewalt an einem anschließen zum Gottessohn gemachten Menschen. Während bisherige Monumentalstreifen weitgehend als  Spielfilme von einer heiligen Story betrachtet wurden, geht es hier angeblich um die einzige historische Realität. Nicht zuletzt die sich an das christliche Filmereignis anschließende Fachdiskussion oder die aramäischen und lateinischen Untertitel geben dem millionenschwer beworbenen Werk den Anstrich, als handle es sich hier um ein amtlich anerkanntes historisches Dokument, das über den konkreten Verlauf der letzten 12 Stunden des Gottessohnes berichtet. Mir ist aus den unzähligen Beiträgen zum neuen Film kein Kommentar einer der vielen sich zu Wort meldenden christlichen Organisationen oder der Gelehrtenwelt bekannt, der auch nur den leisesten Zweifel aufkommen lässt, dass man hinter den biblischen Bilder mehr als das Martyrium einer antiken Mutter Teresa mit Bart verstehen darf. Die Geschichte des Gottessohnes, der Ursprung eines erneuerten Judentums und somit der Grund christlicher Religion wird daher nicht von Gibson selbst, sondern der christlichen Theologie auf die im Film gezeigte Weise reduziert. Dank der hochemotional-eindringlichen Filmbilder müssen dann die heutigen Menschen das Gezeigte für das einzig und unumstößliches historische Zeugnis halten. Und wenn dann auch noch laut Mel Gibson der Heilige Geist selbst Regie geführt haben soll, kann kein Zweifel mehr bestehen: Mehr war nicht. Die Vergeisterung ist perfekt. Jeglicher Versuch, den Gottessohnes in der Gegenwart zu thematisieren, dem Glauben einen Grund zu geben, ist gestrichen.

 

Aber hätte der Heilige Geist hier wirklich Regie geführt bzw. ginge es Johannes und Paulus oder gar den von der Auferstehung ausgehenden Apologeten, Gnostikern und Kirchenvätern nur um das, was im Film als historisches Geschehen in eine seichte Story eingehüllt wird, ich würde zusammen mit Nietzsche den Untergang des christlichen Glaubens analysieren, mich mit dem Verfall des gemeinschaftsbildenden Geistes und daher ökologischer und ökonomischer Misswirtschaft abfinden und Sie oder Ihren Doktorvater nicht weiter belästigen. Doch gerade bei Ihnen beiden wie auch Ihren Kollegen lerne ich immer wieder, welcher Geist zur Zeit Jesus wirklich im Judentum geweht hat, was Grund und Wurzel unseres Glaubens ist, welche Bedeutung hinter den biblischen Bildern steckt und in menschlicher Gestalt das Licht der Welt erblickte.

 

Die vom puren Gesetzesglauben begründete Gewaltorgie, mit der Mel Gibson die Menschen zum Nachdenken über den Grund christlichen Glaubens anregen möchte, ist weder sein Werk, noch das der von ihm abgeschriebenen Evangelisten. Paulus und Johannes werden so auf den Kopf gestellt. Der Passionsfilm ist die logische Fortführung einer Theologie, die längst den damals in menschlicher Gestalt gesehenen Sohn Gottes und somit Christus aus der Lehre genommen hat. In stereotyper Weise wird daher ein blutiges Drama von einem gutherzigen Wanderprediger wiedergekaut, das bei der Banalität heutiger Betrachtung mit dem Gottessohn der biblischen Verfasser nichts mehr zu tun hat. Sollten daher die Peitschenhiebe und Peinigungen, die in exzessiver Weise im Film zu sehen sind, gar auf das Konto der heutigen Professoralprämisse vom historischen Geschehen gehen?

 

Wer nicht aufschreit, wenn diese banalen Blutbilder als einzig geschichtliche Wahrheit gezeigt werden, das Abendmahl nur wie ein Video von der Zusammenkunft Bin Ladens mit seinen Anhängern dargestellt wird, der spricht nicht nur dem christlichen Glauben das Leben ab. An ein gemeinsames An-denken an den, der damals in einem antik aufgeklärten Judentum verstanden und über den mit Sicherheit in den Synagogen nachgedacht wurde, ist nicht zu denken. Wer die geistesgeschichtlichen und theologischen Hintergründe unseres Abendmahles erklärt, gleichzeitig auch den heutigen Sinn erkennt, muss es für den nicht höchst inkonsequent sein, nur einen Glaubensterrororisten in eine Erdhöhle zu hocken, der seine Anhänger auffordert ihn höchst rituell zu verehren? Die alten Gemälde vom letzten Mahl in der Weise eines Bildrätsels zu vergleichen, z.B. nach der richtigen Kleiderordnung zu fragen, nach der der Film jetzt angeblich wesentlich authentischer die historische Realität abbilden soll, ist mühselig. Auch wenn auf mittelalterlichen Abendmahlsdarstellungen nicht immer der Heiligenschein des kosmischen Christus gemalt wurde, so wurde Jesus doch von den damaligen Betrachtern als Pantokrator bzw. unumstößlichen Gottesoffenbarer gesehen, ging es noch unseren Vätern nicht nur um einen verherrlichten Menschen. Bis vor wenigen Jahrzehnten kamen die Vorstellungen damit der historischen Realität weit näher, als wir heute, wo nur ein zu seinen Lebzeiten zum Mythos gewordener Mensch zu sehen ist. Ähnlich wie der scheinbar unsterbliche Bin Laden, der für Moslems auch weiterleben wird, wenn er längst tot ist. Wenn dann die christliche Theologie Auferstehung als Wirkungsgeschichte in ähnlicher Weise erklärt, wie heute Terrororganisationen gesehen werden, in denen der Geist des Anführers ewig auf- und weiterlebt, ist dies eine Folge der falschen Ausgangsvorstellung. Wer von einem einfachen Wanderguru ausgeht, wie er im Film zu sehen ist, gleichzeitig vermeiden will, dass ein Auferstehungs-Hokus-Pokus nach David Copperfield als das Heilsgeschehen dargestellt wird, der kommt nicht über den im Geist seiner Anhänger fortlebenden Räuberhauptmann hinaus. Beim letzten Abendmahl hat nach dieser Sicht dann doch nur ein Guru gefordert, ihm ewig zu gedenken und seinen Theorien treu zu bleiben. Mit einer neuen Gotteswahrnehmung, die im Judentum herangereift ist, hat das nichts zu tun. Doch müssen wir nicht statt die Auferstehung abzulehnen oder sie als pure Gemeindebildung abzuqualifizieren danach fragen, was und wer wirklich auferstanden ist? Was war damals lebendig, wurde in Qumran wie in der Diaspora von den Jüngern Jesus wirklich gesehen? Ist es auch hier das banalisierte Bild unseres Religionsgrundes, das es verbiete, die Auferstehung mit einem neuen Verstand des Gotteswortes in echter Menschengestalt in Verbindung zu bringen, der im Judentum zur Zeit Jesus nachzuweisen wäre?

 

Der Film (deutliches Beispiel einer Jesus Christus banalisierenden Lehre), ist echt judenfeindlich. Doch nicht, weil er auf buchstäbliche Weise recht bluttriefend die Juden einen jungen Märtyrer ermorden lässt und damit die Christologie von Johannes & Co. ins Absurde führt, unsinnigerweise ein Volk verantwortlich macht und nicht mehr als die Vorlage für moderne Glaubensmärtyrer liefert, die heute als Massenmörder – oft gegenüber Juden - agieren. Auch wenn er genau abbildet, was geschrieben steht, so verbaut die blinde Gesetzlichkeit den Menschen von heute den Blick für den lebendigen Sohn Gottes, liefert den Messias ans Messer, der wirklich im jüdischen Glauben erwachsen ist und noch heute wirksam wäre. Die durch die heutige Hochschul-Hypothese abgesegneten inhaltslosen Bilder eines hochtheologischen historischen Ereignisses verhindern, dass moderne Menschen in aller Welt im Rahmen ihres eigenen kulturellen Kontextes auf mündige Weise zu Hörern des hebräischen Gotteswortes werden können. Der Grund, der geschichtlich nachweisbar zu einer geistigen Wende führte und nicht ein vorgesetzter Gott selbst war, sondern ein offenbarendes gottgegebenes Wesen, ist nicht mehr zu sehen.

 

Wo sich die gesamte theologische Welt nur darum sorgt, dass Pharisäer statt Pilatus an den Pranger gestellt werden, da kann die christliche Lehre noch so viel über die neue Präsenz Gottes in seinem Sohn, die aus dem Judentum entstandene Offenbarung Jesus, den theologischen Hintergrund des Kreuzesopfer Christi in alttestamentlichen und philosophisch-kosmischen Aussagen usw....... nachweisen. Ein Nachdenken über die kosmische Realität des präexistenten Gottessohnes in der Gegenwart unseres heutigen Weltbildes ist bei der Inkonsequenz einer - der liebegewonnenen, aber leider kurzgeschlossenen Bilder zuliebe - alle Wesensaussagen gleichzeitig wieder verleugnenden Theologie nicht möglich. Die vielzähligen uns vom Schöpfer gegebenen archäologisch-geschichtlichen und theologischen Erkenntnisse sind bei der Banalität der heutigen Lehre vom historischen Geschehen weit weniger wert als das Papier, auf dem sie abgedruckt werden.

 

Wie Sie wissen, will mit diesen Überlegungen keineswegs zum neuen Bildersturm auffordern oder gar die biblischen Bilder ablehnen. Ganz im Gegenteil. Glaube lebt von Bildern, wird nur durch sie bewahrt und kann nur so die Menschen bewegen. Was selbst der Blutfilm zeigt. Doch Bilder, die ihres Inhaltes entleert sind, wie dies in der theologischen Diskussion um den Passionsfilm deutlich wird, die können keine vernünftige Glaubenswirkung für die Menschen von heute erzielen. Sie bewirken das Gegenteil. Allein diese Bilder zu drehen und zu wenden, sie in Erinnerung zu halten, bringt uns nicht weiter, wenn nur das zu sehen ist, was im angeblichen Film als Dokument vom Grund christlichen Glaubens verstanden wird. Wenn wir nur einen Bruchteil der geistigen Energie und des Engagements, wie es derzeit von der Kirchlicher Lehre für das Filmwerk gespendet wird, zum Nachdenken über das präexistente und historisch begreifbare Wesen verwenden würden, um das es in den Bildern geht und das in den Synagogen ein uns aus ging, für denkende Menschen damals eine Selbstverständlichkeit war, mit einem Schlag könnte dann ein echtes Osterlicht aufgehen.

 

Die von Jesus als ihrem persönlichen Gott begeisterten Teilnehmer unserer Themenabende, ebenso wie meine Freunde aus dem Kirchengemeinderat, die wie Heiner Geißler in seinem Jesusbuch nur theologische Konstrukte annehmen, müssen meine Suche nach dem Sohn Gottes in der Synagoge für völlig verrückt halten. Erst recht nach dem Film und der anschließenden Fachdiskussion. Nur jemand wie Sie oder Prof. Berger haben die Gabe, auf neue Weise ernstzunehmend nach der Wurzel unsers Glaubens im Judentum zu fragen und so dem gemeinsamen Glauben neue Perspektiven zu eröffnen.

 

Nur ein möglichst unvoreingenommenes, ernsthaftes und fachgerechtes Nachdenken über die Wurzeln des jüdisch-christliches Glaubens, wie es von Ihnen oder Ihrem Doktorvater anzustoßen wäre, kann auf eine höchst bedeutungsvolle antike Wende hinweisen. Denn die könnte auch heute Vorbild sein und zu einem auf die in allem Werden sichtbare Vernunft des Schöpfers gründenden grenzüberschreitenden mündigen Glauben für moderne Menschen führen: Einem Hören des alten Gotteswortes in der Fremde. Genau dazu sind Sie gefragt!