Wenn Buch-staben zum
Wort Gottes werden...
Sehr geehrter Herr Dr. Markus Sasse,
sehr geehrte TeilnehmerInnen der biblischen Themenabende im Bibelhaus Neustadt,
bei der Veranstaltung über „Die Qual der Wahl oder die Wahl der Qual? Bibelübersetzungen und wie man mit ihnen umgeht“ wurde mir erneut bewusst, wie wenig ich im Gegensatz zu Ihnen allen über und aus der Bibel weiß. Wie kann einer wie ich Thesen aufstellen, wie ich sie in der Homopage „Theologie-der-Verunft.de“ formuliert und Ihnen ausgedruckt habe? Sie müsse mich für total übergeschnappt und unermesslich anmaßend halten. Wer den Bibeltext selbst als Wort Gottes liest, der muss meine Thesen über die Bibel als pure Gotteslästerung betrachten. Nach unserer Donnerstagsrunde ging es mir erneut durch den Kopf, wie abwegig in Ihren Augen die von mir aufgestellten Aussagen zur Bibel sein müssen. Bin ich zu weit gegangen? Angesichts all Ihres mir unermesslichen Wissens um die biblische Texte, Ihre Kenntnis um die verschiedenen Übersetzungen, mit denen Sie täglich umgehen und die sie ganz selbstverständlich als das Wort Gottes lesen, bin ich mir nicht nur ganz klein und unwissend vorgekommen. Ich muss wirklich verrückt sein, wenn ich solche Thesen „über das wahre, in allem natürlichen Werden lebendige Wort Gottes“ aufstelle. Und gar durch ein neues Verständnis dieses über allen biblischen Bildern stehenden lebendigen Wortes ein neues christliches Selbstverständnis und somit einen neuen schöpferisch-vernünftigen Glauben herbeibeschwören zu wollen, wie ich dies in meinen Thesen tue, da muss einer doch total übergeschnappt sein. Wie soll ein solcher unwissender Laie auch ernst genommen werden, wenn er sich in den Gegensatz zu allen heutigen theologischen Lehrmeinungen stellt, vom Logos faselt und behauptet dies sei der eigentlich historische und heute wieder als lebendig zu verstehende Gottessohn, das wahre Gotteswort?
Doch weil mir in jedem unserer Abende, mit jeder theologisch-wissenschaftlichen Aussage über den geistig-kulturellen Hintergrund des Alten- und Neuen Testamentes klarer wird, dass es dort wirklich um das geht, was ich als „lebendiges Wort“ mit Hilfe meines wachen Menschenverstandes neu in allem natürlichen Werden verstehe und mir die heutigen Probleme angesichts der Auseinandersetzungen der Antike immer bewusster werden, kann ich es nicht lassen. Ich bitte um Nachsicht, wenn ich Ihnen mit meinem Gerede vom lebendigen Logos zur Last falle und Sie gleichzeitig eines falschen Gotteswortverständnisses wegen anschuldige.
Wer die Bibeltexte selbst als Gotteswort betrachtet, der muss meine Ausführungen für so anmaßend halten, als wollte ich mich über den lieben Gott stellen. Dabei befürchte ich im Gegenzug, dass gerade wir bei unserer Bibellese einen von Menschen verfassten Text über das eigentliche Gotteswort stellen und uns so dessen Verständnis versperren. Obwohl wir noch so viel um dessen Hintergründe wissen, scheinen wir gefangen im Gesetz(ten) Text. Doch wenn ich nicht den Text als Gotteswort lese, sondern von einem schöpferischen Wort im gesamten kosmischen Werden ausgehe, will ich keinen der Bibeltexte als falsch bezeichnen. Im Gegenteil, durch das lebendige Wort lässt sich erst der Sinn, die Wahrheit der traditionellen Texte begründen. Gleichzeitig führen mich die Bibeltexte erst zu einem Verständnis des lebendigen Wortes, sind Voraus-setz-ung. Die Bibel ist mit jedem ihrer Texte eine Bestätigung dieses lebendigen Wortes Gottes. Doch während das heutige Verständnis die Texte trennt, dies sei Legende, anderes historische Wahrheit, hier sei Pseudo, dort Original, will ich vom lebendigen Wort aus jeden Buchstaben des Textes bewahrheiten. Letztlich wird durch das, was ich den lebendigen Logos nenne der Nachweis erbracht, warum die Texte wirklich vom Wort Gottes handeln. Und: warum wir wirklich nach der in der Bibel beschriebenen höheren Vernunft leben müssen.
Wir haben es von Kind auf gelernt, mit einem Buchtext in der Hand als Wort Gottes zu leben. Und Sie alle, Ihr Denken und Fühlen, wird beim Lesen biblischer Texte noch bewegt. Doch ist die Bibel in ihrem heutigen Verständnis (Ohne die Fettschrift führt die Aussage auf die falsche Fährte, wird leicht als Ablehnung des gesetz-ten Texten bzw. der Bibel verstanden.) für den großen Rest der Welt noch bedeutend, kann sie noch etwas bewegen? Ist darin für die Menschen noch das Wort Gottes lebendig? Führt der Text der Bibel im derzeitigen Verständnis zum Glauben an den einen wahren Schöpfer? Wie kann das Gotteswort, von dem die Bibel berichtet, das sie uns vermitteln will, wieder verstanden werden? Und wie kann der Buchtext dazu beitragen, dass die Menschen wieder das lebendige Wort Gottes verstehen, von dem er berichtet, auf das er baut? Wäre das kein Thema für das Jahr der Bibel? Statt Jahr der Bibel: Ja zum Wort Gottes!
Doch wie kann ich von Ihnen erwarten, dass Sie meine Überlegungen ernst nehmen oder auch nur beachten, darüber nachdenken? Wenn ich behaupte, das Christentum sei in Wirklichkeit keine Text/Buchreligion, sondern müsse auf das lebendige Wort Gottes bauen, dann muss das für Sie doch völlig verrückt klingen. Wie kann ich Ihnen begreiflich machen, dass es mir nicht um eine Wiederbelebung antiker oder rein persönliche Philosophie geht, sondern dieses Denken seinen Grund in der Realität des heute verstehbaren Gotteswortes hat. Tief geprägt von unseren bisherigen Vorstellungen über das Wort Gottes und die biblischen Autoren als die eigentlichen Autoritäten müssen Sie meine Aussagen als wirre Anmaßungen ablehnen. Noch ein Irrer, nicht weiter ernst zu nehmen. Ein Glück für Sie, denn dann können Sie im Gegensatz zu mir beim bisherigen Bild bleiben. Alles behält seinen Platz in den vorgesehenen Schubladen. Doch können gerade wir, denen ständig ein völlig neues, von altgewohnten Bildern abweichendes Verständnis der Bibel beigebracht wird, weitermachen, wie wenn nichts wäre? Müssen wir nicht das uns gegebene Wissen für ein Neuverständnis des Gotteswortes gebrauchen?
Auch wenn ich, wie in meinen Thesen begründet, die Bibeltexte in ihrem heutigen Verständnis nicht als das eigentliche bzw. lebendige Gotteswort erachte, so verliert die Bibel dabei keineswegs an Bedeutung, sondern geht es um das genaue Gegenteil. Vielmehr sehe ich in der Beachtung und Bewahrheitung der traditionellen Texte die Voraussetzung, um das von mir vielzitierte „lebendige Gotteswort“ in allem natürlichen Werden zu verstehen. Auch die Betrachtung des Themenabend über die verschiedenen Bibelübersetzungen hat mich letztlich bestärkt, bei meinen Thesen zu bleiben, ist Anlass für folgende Fragen:.
Wie schön ist es doch, das Wort Gottes in Händen zu halten. Wenn bei Bibelabenden das Gotteswort gelesen und ausgelegt wird, braucht nur die richtige Stelle in der richtigen Übersetzung der Bibel aufgeschlagen zu werden und dann wird es schon lebendig. Neue wissenschaftlich-theologischen Abhandlungen brauchen sich dann nur mit der Auslegung der Texte zu befassen. Eine vom bisherigen Verständnis leicht abweichende Anschauung über eine bestimmte Gestalt oder einen Text, die durch andere Textinterpretationen, teilweise neue Funde und historische Erkenntnisse hochwissenschaftlich begründet wird, soll dann weiterführen. Wie sollte es auch anders sein? Um ernst genommen zu werden, die Doktoren- oder Professorenwürde zu erhalten, muss man sich im bestehenden Weltbild bewegen. Doch wer auf der Welt außer uns wenigen, nimmt diese Texte noch ernst. Glaubenssprüche, fromme Rede, Placebo um Menschen zu beruhigen oder gar geringer zu halten, so hören wir einzelne noch zu vernehmenden Kritiker. Es sind nur wenige, die sich überhaupt noch damit befassen. Der große Rest der westlichen Geistes- wie Naturwissenschaft hat die Bibel schon längst zugeschlagen, abgehakt. Für ihn ist sind es nur alte Mythen, die von Menschen erdichtet wurden, durch Aufklärung überholt. Können wir einfach sagen, die Menschen seien selbst Schuld, weil sie nicht mehr die Bibel lesen, nicht daran glauben und sich durch die Texte nicht so begeistern lassen, wie wir? Können wir einfach zur Tagesordnung übergehen, weiter in den Texten lesen, wie wenn nichts wäre? (Bitte entschuldigen Sie meine anschuldigende Polemik. Der Gaul ist wieder mit mir wieder durchgegangen. Doch wie sonst kann ich die Probleme einer Textverliebtheit kürzer auf den Punk bringen?)
Sind die Autoren des Alten und insbesondere des Neuen Testamentes wirklich davon ausgegangen, dass ihre Texte oder mündliche Traditionen das Wort Gottes sind? Wenn in der Bibel so oft vom Wort Gottes gesprochen wird, von dem das Heil ausgeht, hatten dann die Verfasser nur ihre eigenen Texte vor Augen, wie wir dies denken? Müsste es gerade für uns Christen nicht völlig abwegig sein, einen Bibeltext selbst als Gotteswort zu bezeichnen? Ist der christliche Glaube nicht gerade das neue Paradigma, das nicht auf ein traditionelles Gesetzes, einen vor-gesetzten Gottesverstand gründet, sondern auf das lebendige Wort? Hat nicht bereits Paulus die Probleme mit der Buchstaben-Gesetzlichkeit beschrieben? Wissen wir nicht, wie die neutestamentlichen Texte entstanden sind? Wollten die Verfasser der Briefe und Evangelien, dass wir ihre, von einem völlig neuen theologischen Paradigma ausgehenden Überlegungen als Gotteswort bezeichnen? Oder müssen sich diese nicht ständig im Grabe wälzen, wenn sie vom Himmel aus hören, wie wir als Christen ihre Texte als Gotteswort bezeichnen?
Im neuen Glauben sah Paulus durch Gesetz und Propheten bezeugte Gerechtigkeit Gottes erfüllt. Doch nicht Prophetenworte oder jüdische Glaubenstexte und Vorschriften können für ihn das Gotteswort gewesen sein. Was nach Paulus gerecht macht ist der Glaube. Doch kann es beileibe weder der Glaube an alte jüdische, noch seine eigenen Texte gewesen sein, den der Verfasser dabei vor Augen hatte. Und dass der Glaube des Paulus, auf den wir gründen, von den Worten eines Wanderpredigers ausgegangen sein soll, das glauben wir doch schon lange nicht mehr. Doch wäre es gleichzeitig auch absurd anzunehmen, dass Glaube aus dem Hören und Lesen von theologischen Texten kommt, die gerade deswegen verfasst wurden, um den gesamten Menschen, Juden und Nichtjuden, das Wort Gottes verständlich zu machen, sie auf ein lebendiges Wort hinzuweisen? Ich bin mir sicher: Nicht Menschen und die von ihnen verfassten Worte waren Grund des neuen christlichen Glaubens, sondern das auf- bzw. wiederverstandene lebendige Wort Gottes selbst.
Nehmen die theologischen Wissenschaftler die von ihnen als Wort Gottes bezeichneten Bibeltexte wirklich voll und ganz ernst? Können sie das, was die Grundsätze unseres Glaubens ausmacht noch verstehen und den Menschen vermitteln? Können sie es aus einem Verstand glauben, der antikem Denken vorausging? Oder glaube sie es trotzdem – oder oft nicht? Glauben wir überhaupt noch an die alten Texte, die wir nach eigenem Gutdünken interpretieren? Und wird der Text der Bibel, werden ihre Aussagen wirklich noch in ihrer Gänze bewahrt oder wurden viele der Aussagen nicht bereits nach unserem heutigen Weltbild zurechtgebogen? Wenn vom Wort/Logos Gottes gesprochen wird, aus dem alle Schöpfung geworden sei, dann haben wir Textjünger doch schon längst abgeschaltet, dies als fromme Verherrlichungsrede abgetan. Laufen wir jedoch so nicht Gefahr, die biblischen Aussagen von Jesus Christus zu verkürzen, weil unser Verstand ein anderer ist, als der antike?
Doch sind wir wirklich weiter? War für die Väter unseres Glaubens der gesetzte Text das Wort Gottes oder war durch den lebendige Logos der Gott des alten Gesetztes neu offenbar geworden? Läge ein „Weiter“ dann nicht vielmehr in einem neuen, zeitgemäßen Verständnis des Schöpfungswortes/Logos, als in dessen Verniedlichung? Müssen wir nicht gerade aufgrund der biblischen Texte bei unserer Bibellese davon ausgehen, dass nicht der Traditionstexten zum Heil führt, die eigentliche christliche Gottesoffenbarung sein kann?
Müssten wir nicht gerade als Bibelleser wissen, dass der lebendige Logos bzw. der davon ausgehende Geist Grundlage des Glaubens sein muss, statt eines vor-gesetz-ten Textes? Wie können wir uns einfach über die ent-sprechenden Aussagen des Neuen Testamentes hinwegsetzen und gleichzeitig behaupten, der Bibeltext sei das eigentliche Wort Gottes, ewig gültig?
Wissen wir nicht viel mehr über die geistigen Hintergründe der biblischen Berichte, als wir bei unserer engherzigen Lese berücksichtigen? Trotzt all unseres Wissens machen wir weiter, wie wenn wir nichts wüssten. Doch wird so das Wort für die Menschen der Welt wieder lebendig, kann es Offenbarung sein oder führt es zur Verhinderung des Gottesverstandes?
Wir wissen um die Zielgruppenorientierung der biblischen Texte, die Probleme ihrer Übersetzung und Übertragung in heutige Begrifflichkeit. Wir kennen ihre Entstehungsgeschichte und den geistigen Hintergrund, den kulturhistorischen Kontext, aus dem heraus die theologischen Texte entstanden sind. Bei jedem unserer Themenabende bin ich immer wieder begeistert von all dem Wissen, das nicht nur bei den Referenten, sondern auch bei den Teilnehmern vorhanden ist. Ich bin mir sicher, dass all diese Wissen zu einem neuen Verständnis des Gotteswortes beitragen könnte! Auch wenn keiner der Referenten oder Teilnehmer meine Sichtweise vom lebendigen Wort teilt. In keinem der Abende habe ich bisher ein Argument gehört, das gegen ein Verständnis des in der natürlichen Schöpfung lebendigen Wortes als Ausgangspunkt aller biblischer Texte sprechen würde. Vielmehr wird ist jede neue Erkenntnis über den historischen Sachverhalt und das ihm zugrunde liegende Bewusstsein ein neuer Baustein zu dessen Begründung bzw. Aufforderung zum Neuverständnis.
Auch angesichts der sich –bereits bei uns im kleinen Kreis und erst recht im Gesamtverständnis sowie im Laufe der Geschichte - oft meilenweit voneinander unterscheidenden Textauslegungen oder Übersetzungen, ebenso wie den sich meist anschließenden Diskussionen bei unseren Abenden oder anderen Veranstaltungen, zeigt sich mir die Notwendigkeit eines Neuverständnisses. Es mag sein, dass der Sinn der Texte gerade darin liegt, den Geist nicht gefangen zu halten, sondern sie in verschiedener, zeitgemäßer Weise zu interpretieren, immer wieder neu zu entdecken. Doch diese Freiheit gilt es m.E. zu nutzen. Nicht weiter die Texte selbst als alleiniges Gotteswort zu lesen, sondern dieses durch das uns gegebene Wissen und die Denkfreiheit neu, im Kontext heutigen Denkens zu verstehen. Meine Fähigkeiten dazu sind viel zu wenig. Doch mit all dem Wissen, das ich bei Ihnen alle immer wieder bewundere, müsste es möglich sein, das Wort Gottes wieder zu beleben, die Bibel als Zeugnis des schöpferischen Wortes zu begründen. Weit mehr als es mir je möglich sein wird, wissen Sie alle – und unsere Referenten vorweg – über hebräisch und jüdisches Denken, die Hintergründe biblischer Weisheit, hellenistisches Denken sowie griechische Philosophie/Theologie, die m.E. vor 2000 Jahren mit zu einem Neuverständnis des bereits den jüdischen Vätern in Gesetzform und durch Propheten gegebenen Gottesworts beigetragen hat. Was meinen ungenügenden und mit vielen Fehleinschätzungen und Fehlern behafteten Thesen und Texten fehlt, ist das bei all Ihnen vorhandene Wissen.
Auch der Themenabend über die verschiedenen Bibelausgaben und unseren Umgang mit ihnen lässt mich darüber nachdenken, warum und wie ein Neuverständnis gerade heute möglich wäre. Gleichwohl mir während der Ausführungen von Dr. Sasse und Ihren Beiträgen die Unmöglichkeit, Unhaltbarkeit meines Vorhabens durch den Kopf ging, sehe ich in nüchterner Nachbetrachtung die Notwendigkeit und Wegweisung zur neuen Wahrnehmung/Verständnis des schöpferischen Gotteswortes. Nicht zuletzt unser heutige pure Buchstabenbezogenheit, die weder mit dem Text, noch mit dem Geist des Neuen Testamentes vereinbar sein kann, wurde mir erneut vor Augen geführt.
Während noch vor wenigen Jahrhunderten der Text der Bibel ohne weiteres Nachdenken akzeptiert wurde, die Bibel als unantastbar galt, wird sie heute hinterfragt. Gleichwohl ich mir über ihren Inhalt noch keine Gedanken gemacht hatte, der Glaube für mich nur aus äußerer Tradition heraus vorgegeben war, hätte ich es vor einigen Jahren noch für eine Gotteslästerung gehalten, mit einem Stift in die Bibel zu schreiben, mir überhaupt Gedanken dazu zu machen. Doch diese neue Nachdenken muss sein. Ein neues Verstehen, ein allegorisches Hinterfragen und Auslegen alter Texte scheint auch am Anfang des Neuen Testamentes gestanden zu haben. Denn nur auswendig gelernt haben die alten Textrollen weder die Bewohner von Qumran noch die Gelehrten der Bildungsmetropolen Antiochien oder Alexandrien. Allenthalben wird heute davon gesprochen, dass damals die alten Texte allegorisch verstanden wurden. Warum tun wir es dann nicht ebenso? Auslegungen zum Alten Testament, die uns bei den Bibelabenden in Staunen versetzen, dürften damals die theologische Tagesordnung gewesen sein. Ich denke, dass z.B. Philo in seiner Betrachtung der alten monotheistischen Gesetzestexte weiter war als wir, auch wenn er oft belächelt wurde, weil seine allegorischen Aussagen unserem Buchstabenverständnis entgegenstehen.
Das damalige Denken hat nicht nur die sinnbildliche Bedeutung der hellenistischen Mythen verstanden, sondern scheint auch im Verständnis des Alten Testamentes uns voraus gewesen zu sein. Während wir erschrecken, wenn wir hören, dass es in den biblischen Geschichten nicht um Geschichtsschreibung im üblichen Sinne ging, die mit Moses überschriebenen Texte nicht von einem einzelnen Mann verfasst wurden, den wir für den Moses halten, muss das allegorische Textverständnis der Antike dies alles doch bereits vorgesetzt haben, ohne allerdings die alten Bilder abzulehnen. Doch nicht allein die allegorische Auslegung alter Texte ist es, die uns bei Philo auffallen sollte. Sinnbildlich sind auch seine Antworten auf Fragen allen Seins, die er in Anknüpfung an die griechische Philosophie begründet und dabei vom Sohn Gottes/Logos ausgeht. Sein Weltbild gründet auf den lebendigen Logos Gottes, auch wenn dieser bei ihm noch keine menschliche Gestalt hat und nicht den Namen Jesus trägt. (Warum ich übrigens bei ihm noch nicht von „Christologie“ sprechen würde. Denn messianische Wirkung scheint das Gotteswort/der Logos/Sohn erst in der uns bekannten menschlichen Gestalt zu haben.)
Doch was ich von den damaligen Denkern lernen will, ist nicht nur die bildliche Darstellung des Welt-sinnes in allegorischen Sinnbildern, sondern die Wahrnehmung dieses Gotteswortes in den Ordnungsstrukturen allen natürlichen Werdens. Nicht alte metaphysische Modelle und Bilder will ich bewahren, sondern diese neu verstehen. Was wir naturwissenschaftlich beschreiben, war den alten Griechen zwar nicht im Detail bekannt, doch in der Konsequenz waren sie auch hier weiter als wir. Interessant ist nicht, dass die Denker damals vieles, was wir erst heute mit modernen Methoden empirisch nacharbeiten, bereits als Weltennorm betrachteten, daraus Verhaltenslehren ableiteten. Der eigentliche Wert liegt nicht im frühen naturwissenschaftlichen Nachweis, über den wir oft stauen und nicht in einer reinen Naturnorm, wie wir sie heute leben und un-wirtschaften, sondern in einer antiken Wahrnehmung des Gottes-Wortes/Logos, als den gesamten Kosmos bestimmend. Dass der Sinn/Logos nicht nur in rein philosophischen Diskussionen stattfinden, sondern dieser Gottessohn im Sinne der Hebräer und Hellenisten eine reale Gestalt als Mensch annehmen musste, liegt auf der Hand. Doch ging es damals weder um Verschlüsselung oder Geheimhaltung, sondern kann als höchst vernünftig verstanden werden. Wer die Vernunft erkennt, die sich in hellenistischen wie in hebräischen Sinnbildern über den Sinn/Logos der Welt, eine hinter allem stehende Vernunft/Wort ausdrückt, der muss diesem genau die Ausdrucksform, die Gestalt geben, die wir aus dem Neuen Testament kennen. Doch wie damals haben wir heute die Freiheit, den Sinn der alten Texte wieder neu zu verstehen, darin erneut das zu erkennen, was uns die moderne Naturwissenschaft in einer ganz anderen Sprache beschreibt. Hierbei bin ich auf Hilfe angewiesen von denen, die das alles viel besser wissen, als ich.
Die Denkfreiheit braucht nicht dazu zu führen, uns über die Bibel und ihre Texte hinwegzusetzen, sondern kann wie damals zu einem neuen Verständnis führen. Wir sind es gewohnt, die Bibel mit dem Kopf zu lesen, sie nicht nur als eine Art Gebet- oder Gesangbuch zu gebrauchen. Und genau diesen Weg können und müssen wir weiter gehen. Denn wer wie wir über den theologischen Gehalt der Texte nachdenkt, die sich hierin ausdrückenden unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und versucht, die geistige Auseinandersetzung der Antike nachzuzeichnen, der kann nicht einfach umschalten und behaupten, dass nur fromme Glaubenstexte zur Gemütserbauung bzw. aus blinder Hoffnung geschrieben wurden. Nicht pure Gemüts- sondern Geistesbewegung stand und steht auf dem Plan. Die Erbauung liegt in einer vernünftige Erkenntnis des Gotteswortes. Mit warmen Socken und Wolldecken, wie derzeit in den meisten Veranstaltungen der Evangelischen Kirche nach der Wahrheit, neuem Glauben gesucht wird, lässt sich das einst gegebene Wort Gottes evtl. fühlen, jedoch nicht neu verstehen.
Übrigens lässt auch die Tatsache, wie derzeit in unserer Kirche Veranstaltungen betrieben werden darauf schließen, dass der Text scheinbar von uns selbst nicht mehr ernst genommen wird. Denn eine Auseinandersetzung damit scheint nicht notwenig. Der Text wird als „abgeschrieben“ betrachtet, reiner Buchwert und gegen Wolldecken bzw. eigene innere Bilder eingetauscht. Statt nach dem Wort Gottes wurde z.B. gestern bei einer der wenigen Veranstaltung der evangelischen Erwachsenbildung Pfalz, wo noch ein gedanklicher Austausch auf dem Programm stand, nach persönlichen Gegenständen gefragt, die für ihn mit Gotteserfahrung verbunden sind. Vom Gotteswort oder der Bibel war nicht die Rede. Mir geht es nicht um Anschuldigung, sondern nüchterne Analyse heutiger Religionsrealität.
Nachtrag: Selbst bei den von der Bibel als Gotteswort überzeugten Referenten unserer wie sonstiger bibelbezogener Veranstaltungen stelle ich oft fest, dass ihr Glaube nicht auf der Bibel gründet, sondern eigenen existenziellen Erfahrungen, Erziehungen, letztlich persönlichen Einstellungen. Hat damit das vielzitierte biblische Gotteswort als eigentlicher Glaubensgrund selbst bei denen ausgedient, die es ständig als Gotteswort im Munde führen? Wie können wir weiter die vom Wort Gottes als der eigentlichen Offenbarung und Grund allen Glaubens sprechenden Texte selbst als Gotteswort bezeichnen, wenn sich der Glaube dieser bibelkundigen und sie noch ernst nehmenden Menschen auf persönliche Erfahrungen gründet? Selbstverständlich spielen bei diesen mir vor Augen stehenden bibelgeprägten Theologen die Texte der beiden Testamente eine bedeutende Rolle, ist in den Glauben eingeflossen. Die Bibel hat deren Glauben zweifelsohne beeinflusst. Doch der eigentliche Grund des Glaubens ist ein andere, als der Bibeltext selbst. Er geht weit mehr von persönlichen Haltungen als von biblischen Aussagen aus. Allein weil ein antiker Verfasser, der nach meiner Sichtweise das Gotteswort noch verstand und davon sprach, uns übersetzt was Werk und Wille des einen Allmächtigen sei, glauben wir es in Wirklichkeit nicht mehr. Auch dies zeigt: das Textwort, von dem wir heute wissen, dass es dort aus diesem Grund verfasst, hier jenes Bild vermitteln will, aus ganz bestimmten Gründen in den biblischen Kanon aufgenommen wurde...kann nicht mehr als das eigentliche Gotteswort betrachtet werden. Unser Wissen um das Werden des biblischen Textes scheint ihrer Akzeptanz als unabdingbaren Glaubensgrundlage im Wege zu stehen. Doch unser christlicher Glaube kann nur auf dem verstandenen, offenbarenden Wort Gottes gründen.
Wäre ein mündiges Lesen der Bibel nicht weit mehr, als wir heute denken, wenn wir die verschiedenen Bibelübersetzungen nebeneinander legen? Wie kann heute das der Bibel zugrunde liegende natürliche schöpferische Wort wieder verstanden und zur Gottesoffenbarung werden? War die Verwendung des hebräischen Textes in der Synagoge purer Traditionalismus oder konnte im hebräischen Text das der gesamten Schöpfung zugrunde liegende Wort lebendig gehalten werden? Wie können wir heute verständlich machen, dass es nicht um Menschenworte, sondern das von Gott selbst gesprochene Wort geht, aus dessen Mund alles Werden hervorgeht? Wie können wir das Hervorrufen Gottes im Rahmen der nachweislichen natürlichen Evolution wieder mit den Texten der Bibel in Ein-klang bringen und beide so zum Gegenstand der Offenbarung werden lassen? Die sinngemäße Übersetzung scheint für die Juden damals kein Problem gewesen zu sein, innerhalb ihres Kulturkreises mag weitgehend Klarheit gewesen sein. Doch zeigt sich nicht gerade hier das damalige und heutige Problem, unsere scheinbar unüberbrückbare Unterscheidung im Schöpfungsverständnis zwischen Wissen um das natürliche Werden und traditionellem Wort? Wie bringen wir das aus dem griechischen Denken hervorgegangene naturwissenschaftliche Weltbild der Neuzeit und traditionelle religiöse Vorstellungen neu auf einen Nenner? Wie kann ein neues Verständnis von Jesus zur Befreiung von den als Glaubensgrund untaugliche gewordenen Buchstaben und gleichzeitig deren notwendiger Bewahrung und Wiederbelebung beitragen?
Ist die Septuaginta nur eine rein sprachliche Übersetzung der jüdischen Glaubenstexte oder muss das neue griechisch-vernünftige Gottesverständnis mitgelesen werden? Wie kann der Wechsel vom Orient ins Abendland erneut vollzogen, gleichzeitig eine Übertragung des antiken Weltbildes in heutige Zeit berücksichtigt werden? Reicht es dazu aus, wenn wir, wie dies in den verschiedenen Bibelübersetzungen derzeit geschieht, den Text nur „kuscheliger“ machen, wovor Sie warnten, weil dies dann bis zur Belanglosigkeit gesteigert wird?
In der Aussage „Selig sind, die mein Wort hören und bewahren“ sehe ich ein gutes Beispiel. Nicht allein, dass die Übersetzung als „froh sind...“ im heutigen Begriffsverständnis in die Belanglosigkeit der Bibellese führt, nur als Bestätigung für alle verstanden wird, die blind und froh weiterlesen, Hauptsache sie sind froh dabei. Noch problematischer betrachte ich, dass mit „Wort“ wie selbstverständlich ein Bibeltext gleichgesetzt wird. Zweifellos ist das richtige Verständnis der Tradition, ihrer Texte Voraussetzung für ein Verständnis, ein zeitgemäßes Hören des Wortes. Doch allein ein Herunterpredigen und Hören von vorgesetzten Texten sowie ein daran Festhalten kann nicht im Sinne der Verfasser des Neuen Testamentes sein, ist nachweislich untauglich geworden. Der Kulturkreis, aus dem heraus die Seligpreisungen geschrieben wurden, war griechisch. Welche Bedeutung kam dort dem Begriff Wort/Logos zu? Ich bin gewiss: Am Neuverständnis dieses Wortes steht und fällt unser Glaube. Nur so ist –wie in meinen Thesen noch ausführlich zu begründen- Glaubens-not-wendiger Fortschritt möglich.
Wir wissen, dass jede Übersetzung eine Interpretation ist und erfahren gerade in unserer Auseinandersetzung mit den verschiedenen Bibelausgaben, wie sehr die verschiedenartigen Hypothesen hier hineinwirken. Wir sehen es als vernünftig an, wenn altbekannte Text wie die vom „Stecken und Stab“ beibehalten werden, statt eine leichfertige Transformation in heutige Begrifflichkeit. Wird uns hierdurch nicht auch klarer, warum es damals vernünftig war, das lebendige Wort in der bekannten menschlichen Form zum Ausdruck zu bringen, in der Begrifflichkeit jüdisch messianischer Erwartungen zu bleiben? Doch dies bedeutet eben nicht, dass mit Messias nur die jüdische Hoffnung nachgedruckt wurde oder hellenistisch-christologische Verherrlichungsrede zu lesen wäre, wie ich dies ständig in der Hypothese heutiger Theologie erfahre, wenn gar von Halluzinationen des Paulus, innerer Stimmen und Bilder gesprochen wird. Nur der die Welt bewirkende Logos in menschlicher Gestalt hat messianische Wirkung bei den damaligen Menschen hervorgebracht. Der Logos in Menschengestalt war tauglich/vernünftig, um Juden und Griechen gleichermaßen das Wort Gottes zu vermitteln. Doch dieses Wort, das weit mehr ist als ein alter Text zur Moralisierung der Menschen, weit mehr als eine Kirchenlehre, ist heute neu verstehen.
Hierbei bitte ich um Hilfe!
Nochmals: Es geht nicht darum alte Bilder aufzugeben, sondern sie mit Hilfe all Ihres umfangreichen Wissens neu zu verstehen.
Mit freundlichen Grüssen
Gerhard Mentzel