Mörder Jesus

 

 

 

 

 

 

 

 

Jesus im Spiegel der Zeit: Beweis für den von Neutestamentlern begangen Mord

 

 

 

Sehr geehrter Herr Doktor Sasse,

 

der in der Osterwoche im Spiegel zu lesende Titelbericht über den „Mordfall Jesus Christus“ lässt mir keine Ruhe. Die „Geschichte einer Kreuzigung“, die hier geschildert wird, belegt wieder schwarz auf weiß, was die Welt heute aufgrund der neutestamentlichen Lehrern von Jesus als einem verherrlichten einfachen Menschen über den Grund christlichen Glaubens denken muss. Schlimmer kann es kaum kommen. Weniger geht nicht mehr. Von einer ewigen Präsenz Gottes in der Vernunft allen Werdens, die von den antiken Denkern als selbstverständlich vorausgesetzt wurde, ist aufgrund der neutestamentlichen Historienvorstellung weder als historischer Fakt, noch im heutigen Weltbild etwas zu sehen. Gleichwohl auf 15 Seiten nicht nur die christliche Glaubenssituation ausführlich beschrieben und das neue Testament im Stile aktueller neutestamentlicher Interpretation widergegeben wird, ist der Beitrag bester Beweis für die Unglaubwürdigkeit heutiger Lehre. Der Blick in den Spiegel bringt erst das wahre Gesicht der heutigen Glaubenshypothesen im Bild der Gesellschaft zum Ausdruck, den von amtswegen treue Theologiestudenten oder Traditions- und innerlich Trotzdemgläubige Seminarteilnehmer auf Bibeltagen verstellen. Bedeutungsloser kann das, was Grund eines antik aufgeklärten grenzüberschreitenden monotheistischen Gottesbewusstseins war - das nie und nimmer nur auf das gründete, was von Ihren Lehrer und Kollegen kurzgeschlossen der Welt heute vorgesetzt wird - nicht mehr werden. Doch genau das gibt mir Hoffnung. Auch wenn es aus meiner Perspektive des historischen Geschehens eine unsagbare Qual ist, mit ansehen zu müssen, was ähnlich wie heute der als historischer Fakt vor 2000 Jahren in der Person Jesus ausgedrückten bzw. Fleischgewordenen schöpferischen Vernunft und Weisheit angetan wird bzw. was folgerichtig herauskommt.

 

Doch wenn es das mangelnde Wissen wäre, das uns heute davon abhält, hinter der Wurzel des Christlichen Glaubens die in der Welt präsente Vernunft Gottes in Person zu vermuten und zu hinterfragen, dann würde ich Ihnen nicht weiter zur Last fallen.

 

Wie sollen die Menschen sich für die schöpferische Vernunft in aller Natur begeistern, die gerade jetzt im Frühjahr jeder Blick aus dem Fenster verdeutlicht? Wie sollen die Menschen das Wiedererwachen der Natur mit einem geschichtlichen Wiederverständnis in der frühen Christenheit, einer sichtbaren Offenbarung des Schöpfers durch seine im gesamten Kosmos sichtbare Vernunft in Verbindung bringen können, wenn es angeblich in der Urgeschichte nur um das ging, was sich heute als Ergebnis der neutestamentlichen Lehre spiegelt? Alle Rede von österlicher Auferstehung, auch wenn sie im Kirchenboten mit dem Wiederaufblühen und Rhythmus der Natur in Verbindung gebracht wird, bleibt dann ebenso ein leeres Geschwätz, wie vom Sohn Gottes. Es wird allenfalls als Gleichnis für die Wiederbelebung eines Guru im Geist seiner Anhänger verstanden und der davon ausgehenden Gemeindebildung. Von einem echt historischen Neuverstand des schöpferischen Worten der verschiedenen Völker und kulturellen Vorprägungen, die über eine eingrenzende Traditions-Gesetzlichkeit hinausging und nur in der menschlichen Gestalt Jesus möglich wurde, ist nichts zu lesen. Wenn Ostern eine Befreiung aus der Umklammerung durch den Tod war und ist, dann ist es der scheinbare Tod der Vernunft Gottes, den die so m.E. nur dem Namen nach neutestamentliche Theologie verursacht. Bei dem, was im Hinblich auf den Passionsfilm durch das Fachpublikum diskutiert wird, muss das Wort Gottes in Person wie ein Phantasieprodukt wirken, muss auch meine Rede von schöpferischer Vernunft und Logos als eine leere Phrase verstanden werden.

 

Was aufgrund des heute von neutestamentlicher Theologie den Menschen als christlicher Glaube zugemutet wird, verhindert die Wahrnehmung Gottes und ein vernünftiges Leben. Wie sollen die Menschen im kreativ-konstruktiven Wachsen und Gedeihen, Leben, Tod und Neugebären einen Sinn sehen und in schöpferischer Bestimmung in ihrem Leben umsetzen, wenn ihnen Neutestamentler nur Schwachsinn als christlichen Glaube vorsetzen? Wenn die Inhalte ständig nur aus alten Texten oder Kultpraktiken ableitet werden, ohne die Erneuerung der den alten Text-Bildern zugrunde liegende Erkenntnis zu thematisieren, man kaum bereit ist, über den kosmischen Inhalt der alten Bilder und Texte im Hinblick auf einen Creator bzw. die ihnen zugrunde liegende und noch heute aktuelle Weisheit nachzudenken, wird das Neue Testament abgeschafft. Wer ständig von wundersamen Dingen faselt, immer nur in Naturbrechungen eines angeblichen Gutmenschen Gotteswirken erklärt, der darf sich nicht wundern, wenn die Menschen den Blick für die Offenbarung des Gottessohnes in aller natürlichen Schöpfung nicht gewinnen können. Da hilft es auch nichts, wenn die Wunder Jesus schnell noch versucht werden beiseite zu schieben. Wie durch die göttliche Vernunft in Person als historischer Fakt von Blindheit und Taubheit befreit wurde, kann bei einer rein buchstäblichen Betrachtung kein Thema sein.

 

Das Beste, was der bluttriefende Jesusfilm, der in Amerika zum meistbesuchtesten Film aller Zeit avanciert bewirkt scheint mir der Spiegel, der der neutestamentlichen Lehre vorgehalten wird. Was der oft mein Denken und Suchen bewegende Aufklärer Rudolf Augstein zeitlebens durch seine provokative Jesus Christus-Kritik bewirkte, wird von seinen Jüngern vollendet. Zurecht fragen die Spiegelschreiber hinsichtlich der nach wie vor rein buchstäblichen Lehren „wer soll das glauben?“ Wo die neutestamentliche Lehre eine Romanfigur an den Anfang stellt, muss dieser heute wie ein Alien wirken, haben alle weiteren Bedeutungsinhalte ihre Bedeutung verloren. Wer es für selbstverständlich hält, dass einem einfachen Menschen Gottessohns- und sonstige Titel verliehen wurden, darf sich darüber nicht wundern, wenn daraus ein banaler Titelheld wie Ben Hur wird und alle Auferstehungsaussagen als Kunstprodukte oder Kirchenkonstrukte abgelehnt werden. Im Gottessohnsgerede kann dann der normal denkende Mensch nur noch frommes Getöse sehen, selbst wenn er dem Kirchengemeinrat angehört. Auch mit dem angeblich historischen Jesus kann er nichts mehr anfangen. Der ist nur noch ein Mythos von einem guten Menschen. In Wirk-lichkeit völlig bedeutungslos für die heutige Welt. Bilder von einem damals in der Logik/Vernunft allen Werdens wie in alten Lehren erkannten schöpferischen Wesen, die der Menschheit über 2000 Jahre Glaubensgewissheit gaben sind tot.

 

Was vor 2000 Jahren nachvollziehbar eine messianische Wirkung erzielte, muss aufgrund der Banaldeutung in heutiger Lehre, die in all ihren Untersuchungen nur noch nach der Verherrlichungsbegründung für einen umherziehenden Guru Ausschau hält, wie ein Produkte der Phantasie wirken. Doch es sind die Neutestamentler, die ihrem Dogma vom als Gottessohn verherrlichten Guru verfallenen sind und so aus dem damals neu sichtbaren und verstehbaren Schöpfungswort in Gestalt, durch das die alten Astralvergottungen in einer Vielzahl von Göttergestalten und Gründergestalten in den Monotheismus über- und weitergeführt wurden, einen Scharlatan gemacht haben. Wenn nur Kirchenkonstrukte, Legenden.... Lügen gesehen werden, dann geht dies von einer Hypothese aus, die man krampfhaft in Händen hält, gleichwohl sie unhaltbar geworden ist und keinen Halt mehr gibt. Wo in heutiger Weise ganz selbstverständlich nur noch um das Schicksal eines jungen Mannes aus Galiläa diskutiert wird, dessen Existenz selbst die größten Kirchen-Skeptiker nicht mehr bestreiten würden, da hat der echt historische Christus sein Leben verloren, scheint vom Logos allen Lebens nichts mehr zu sehen, wird der angeblich geschichtliche Jesus zur Pharase. Doch es ist die Hypothese der neutestamentlichen Theologie, die den Tod verursacht.

 

Dabei wird selbst in der kurzen „Hausmitteilung“ des Spiegel zu seinem Titelbericht deutlich, um was es in der Geschichte Jesus geht: Überlieferungen von Evangelisten. Doch im krassen Gegensatz zur gesamten heutigen Lehre gehe ich aufgrund des u.A. von Ihnen erhaltenen Wissens davon aus, dass diese „Evangelisten“ weder Storys aus dem Leben eines Wandgurus beschreiben, noch Prediger im Sinne heutiger Schönredner gewesen sein können. Bei aller vorhandenen Einsicht in geistesgeschichtliche und lernpsychologische Notwendigkeiten liegt es heute auf der Hand, dass damals dem im antik-wissenschaftlich Weltbild erkannten Logos allen Lebens eine konkrete Gestalt gegeben werden musste. Wie können wir all unser Wissen um den großen Geist der damaligen Zeit in den Wind schlagen und so tun, wie wenn die antiken Weisheitslehrer nur mit frommen alten Texten die Geschichte eines einfachen Menschen legendenhaft aufgebauscht oder aus rein propagandistischen Zwecken Göttergestalten geklaut hätten, um den jüdischen Glauben aufzumotzen? Wie der Monotheismus in der Gestalt des menschgewordenen Gottessohnes nicht gefährdet, sondern durch die Trinität erst theologisch neu begründet und vermittelbar gemacht wurde, kann so kein Thema sein. Wo die konsequente Umsetzung des heute bei Ihnen und Ihren Kollegen vorhandenen Wissen um die Weisheit der Antike unterbleibt und weiterhin nur von schwärmenden Sonntagspredigern ausgegangen wird, die einem Guru hinterhergelaufen sind, in dem man den Gottessohn gesehen hätte, da wird die christliche Lehre zu Grabe getragen. Anknüpfend an das antike Denken heute in der Logik allen natürlichen Werdens das offenbarende Gotteswort zu verstehen, dem man damals eine menschliche Gestalt gab, die wahrhaft schöpferisch war, aber nie als Schöpfer selbst verstanden wurde, schließt sich durch die Dogmen der Neutestamentler aus. Nicht der Zeitgeist ist zum Gottesmörder geworden. Die  neutestamentliche Lehre verhindert ein zeitgemäßes Gottesbewusstsein. Selbst wenn Sie der Vorstellung einer im heutigen wissenschaftlichen Weltbild neu wahrzunehmenden schöpferischen Vernunft als präexistentem Wort/Sohn Gottes nicht folgen, so ist das inzwischen von aller Welt für wahr gehaltene neutestamentliche Dogma vom gutherzigen Charismatiker nicht mehr brauchbar. Der Spiegel liefert den Beweis.

 

Wie Sie wissen, sind es keine apologetischen Anmaßungen eines alte hoheitliche Christus-Aussagen bewahren wollenden Dogmatikers, die mich zu solchen Anschuldigungen kommen lassen und kein Anhängen an persönlichen Glaubensvorstellungen. Das bisher von neutestamentlicher Theologie vorgegebene Bild des nach Tod und Auferstehung als Gottessohn verherrlichten Wanderguru ist unhaltbar geworden. Nicht jedoch, weil bei diesem Jesusbild genau das herauskommt, was heute die Welt glaubt – ob innerhalb oder außerhalb der Kirchenmauern. Vielmehr halte ich es aufgrund des u.A. Ihnen gegebenen Wissens um die Geistesgeschichte und Ihrer Begabung zum wissenschaftlich-logischen Denken für höchst unredlich, an der die gesamte Hochschultheologie bestimmenden Historienhypothese festzuklammern. Das himmelschreiende Banalbild eines predigend oder philosophierend umherziehenden Gutmenschen als Glaubensgründer wurde weder durch Dogmatiker, noch Atheisten hervorgebracht, sondern durch Kurz-schlüsse von wissenschaftlich arbeitenden Geschichtsforschern. Nur begabte Neutestamentler wie Sie, die bereit sind, jenseits ihres bisherigen Denkens, kirchlicher Dogen und der m.E. unhaltbar gewordener Hypothesen ihrer Lehrautoritäten konstruktiv-kritisch nachzufragen, können davon befreien. Wie soll die aufgeklärte Menschheit neu nachdenken und mündig über ein in der Logik/Vernunft aller Natur diskutieren können, wenn ihr von Neutestamentlern nur das Bild eines toten jungen Juden vermittelt wird, der auf mysteriöse Weise auferstanden sein soll?

 

Wenn ich Sie allen Ernstes als einen heutigen Handlanger der Hohepriester bezichtige, wie sie bei Mel Gibson als Henker Jesus zu sehen sind, dann nicht, weil Sie sich einer spirituell-persönlichen Wahrnehmung des Gotteswortes/Logos/Sohnes verweigern oder alte Kirchen-Dogmen aufgeben, die Ihr Doktorvater neuerdings wieder hochhebt. (Was m.E. seine Inkonsequenz noch untragbarer macht. Doch scheinbar wiegen die Jahre zu sehr, um aus ihm eine Jungfrau zu machen, wie ich sie in der frühen Christenheit oder bereits in einem unvoreingenommenen Denken des antiken Judentums sehe. Und selbst wenn die z.B. im Hinblick auf die moderne Kreativitätstechniken kausal und gleichzeitig geschichtlich nachvollziehbare Neugeburt des Monotheismus durch ein unvoreingenommenes Denken nicht zutrifft und nur im Sternenbild der Jungfrau eine historisch nachvollziehbare Neugeburt des Gotteswortes nachvollzogen wird, so ist dies weit bedeutungsvoller, als heutige Banaldeutungen von der Geburt eines hingerichteten Guru.) In meiner allegorischen Deutung des im Neuen Testament geschilderten geschichtlichen Geschehens sind es die Diener einer Gesetzlichkeit bzw. Buchstäblichkeit, die im guten Glauben bzw. zur Glaubensbewahrung – ohne Böses zu wollen - den damals in der Wirk-lichkeit der Welt erkannten Gottessohn an den Kreuzesgalgen bringen. Das wörtlich abgedrehte blutige Kino-Spektakel kommt dabei der Wahrheit näher als Prof. Berger, der im Vorgriff auf den Passionsfilm Pilatus zum Hauptverantwortlichen machte. Auch wenn Sie die Verant-wort-ung ablehnen wollen, so können nur ernstzunehmende Geschichtsforscher, die nicht die ewige und historisch erkannte Vernunft Gottes verraten, Anstoß zu einer neuen Auseinandersetzung mit der christlichen Urgeschichte geben. Nur Sie können fundierte Fragen über den eigentlichen Grund urchristlichen Glaubens in Bewegung setzen, um so zu einem neuen christlichen Selbstverständnis bzw. aufgeklärten Gottesbewusstsein beizutragen.

 

Aufgrund der u.A. bei Ihnen erfahrenen Geschichtsgrundlage meines vormals recht kindlichen bzw. kaum noch vorhanden Glaubens bin ich sicher, wir können heute nur anknüpfen an das, was die antiken christlichen Weisheitslehrer dachten, zu einer zeitgemäßen Gotteswahrnehmung kommen. Gerade in der urchristlichen Diskussion lässt sich nachvollziehen, wie wichtig es ist, nach den alten Glaubenswurzeln zu forschen, um zu einer glaubwürdigen und weitertragenden Gotteswahrnehmung zu gelangen. Wie Ihnen bekannt, will ich das schöpferische Wort Gottes als in aller Evolution sichtbare Vernunft u.A. auch aufgrund Ihrer Ausführungen bei unseren theologischen Themenabenden als historisches und aufgeklärt zu verstehenden Wesen nachweisen. Nichts liegt mir ferner, als apologetisch nur das Dogma von einem menschgewordenen Gott bewahren zu wollen. Denn neben dem zur völligen Banalität gewordenen historischen Jesusbildes wird im Spiegelbeitrag auch die Unhaltbarkeit eines rein persönlichen Glaubenschristus als Miniaturausgabe des selbst unsichtbaren Gottes deutlich. Auch das Abrutschen in persönliche Spiritualität, was Sie mir ständig unterstellen, ist letztlich das Ergebnis einer „un“christlichen Historienhypothese. Doch ein persönlicher Gottessohn, den sich jeder selbst zurechtbastelt, kann von der Welt nicht wirklich ernst genommen werden. (Entschuldigen Sie, doch selbst bei Ihnen oder Ihrem Doktorvater Klaus Berger bin ich mir nicht ganz sicher, ob Sie den vor 2000 Jahren lebendigen ewigen Gottessohn/das schöpferische Wort und somit den alle sichtbare Schöpfungs-wirklichkeit bewirkenden ewigen Erzeuger wahrnehmen oder ihn sich betend und  predigend selbst einreden wollen.)

 

Der Schöpfer, der alle Kreativität des materiellen wie geistigen Kosmos auf ganz kausale und konstruktive Weise durch sein heute erst wieder mündig hörbares Wort bestimmt bewahre mich davor, in eine Ecke spiritueller Vergeisterung und dogmenpredigendem Unverstand gestellt zu werden, in der selbst Sie mich immer wieder sehen wollen. Und genau dieser Schöpfer war nach genau dem, was ich bei Ihnen und Ihren Kollegen ständig erfahre, der Gott unserer Glaubensväter, wie der alten Hebräer. Eine ernsthafte neutestamentliche Auseinandersetzung ist daher gefragt. Nur sie kann den Weg zu einer zeitgemäß-aufgeklärten grenzüberschreitenden Gotteswahrnehmung für mündige Menschen frei machen.

 

Der himmelschreiende Schwachsinn, der heute von aller Welt als historischen Grund christlichen Glaubens gesehen werden muss, ist auf  dem Mist der neutestamentlichen Theologie gewachsen. Auch der Spiegelbericht beruft sich ständig auf neutestamentliche Hochschullehrer. Die drei Spiegelredakteure können in ihrem Osterbeitrag nur in geraffter Form wiedergeben, was alle Welt aufgrund der heutigen Hochschul-Hypothese von einem als Gottessohn verherrlichten Glaubensguru glauben muss. Nur Sie können helfen die Welt von einem Historienbild zu befreien, das nicht nur höchst banal ist und bei dem alle Bedeutungsinhalte und Gestalten nur aus alten Glaubensvorstellungen gestohlen sind, sondern auch keinen Glauben mehr vermitteln kann.

 

Keine Angst, es geht auch hier ganz kausal zu, ist kein gespensterhafter Geist, der Ihnen keine Ruhe gönnte und jetzt auch noch von Kreta aus rebelliert. Nach einer unerwarteten Knieoperation meiner besseren Hälfte war Heimaturlaub angesagt. Und als mir heute beim Brötchenholen der Spiegel mit dem berühmten Turiner Grabtuch als Titelbild für den Bericht über den Mordfall in die Hände fiel, war mir klar, dass ich weder zum Fahrradfahren komme, noch meiner Frau die notwendige Krankenfürsorge zukommen lassen kann. Selbst der eigentlich obligatorische Kirchgang nach der Beerdigung, die ich besuchte, musste ausfallen. Wer wie ich den heute wieder sichtbaren Sohn Gottes u.A. in einem vor einigen Monaten erschienen Spiegel spezial über die Entschlüsselung des Gehirns als Teil eines mit kognitivem Denken und emotionalen Fühlen schöpferisch-kreativen Funktionsapparates nachweisen will, in der Software der Welt die vor 2000 Jahren an-wesende höhere Vernunft am Werk sieht, der bekommt beim Anblick des Turiner Grabtuch als historischer Beweis echte Begeisterung. Als ich dann auch noch den Ostertitel mit der Reliquie unseres angeblichen Religionsgrundes neben den Spiegeltitel mit den Konturen eines Kopfes legte, in dem die alten Engelsbilder neben physikalischen Formeln, Wissen, Licht, Muse und religiösen Riten piktogrammartig symbolisiert waren, lies es mir keine Ruhe. Wer gleichzeitig versucht nachzuvollziehen, wie schöpferisch vernünftig es von Origenes, Justin und Co. war, die menschliche Gestalt der Weltvernunft Gottes gegenüber philosophischen Theorien und jüdischer Traditionsgesetzlichkeit in den Vordergrund zu stellen, sich mit Radikalkritikern auseinandersetzt, die ebenso an der rein menschlichen Gestalt als dem eigentlichen Wesen scheitern und so selbst dieses verneinten, der findet keine Zeit zum Kirchgang. (Selbst wenn, wie jüngst im Kirchenboten nachzulesen, unsere Kirchen am Lauf von Mond und Sonne ausgerichtet sind, auf eine kosmische Ordnung als Gesamtharmonie gründen, in die der Mensch hineingestellt ist, somit Sakralbauten weit deutlicher machen könnten, um was es im Grund unserer Kirche geht, wie die dort aufgrund heutiger Historienhypothese gehaltenen Predigten.)

 

Denn was soll es, wenn die Pfarrerin beim Beerdigungsgottesdienst vom Schöpfer erzählt auf den sie baut, der Himmel und Erde aus sich hervorgebracht hat, wenn Jesus Christus nur so gesehen wird, wie er im Spiegel von neutestamentlicher Lehre abgebildet wird. Alle Rede von „unserem Herrn Jesus Christus, in dem wir im Leben und Sterben sind“, bleiben dann nur leere Worte. Religion wird dann nicht als eine Voraussetzung für das Funktionieren von Leben erhaltenden und hervorbringenden Gesellschaften betrachtet, die sie bei unsere Vordenker war, sondern das, was im Spiegel nachzulesen ist: „Erdacht von fast allen Völkern, um das jenseitige, das Leben nach dem Tod vorstellbar und erträglich zu machen, um die Angst vor dem Tod in metaphysische Heilserwartung umzumünzen.“ Genau das müssen moderne Menschen denken, wenn sie den historischen und hoheitlichen Jesus als das erfahren, was ihnen Neutestamentler vorsetzen. Der Herr, in dessen Händen wir sind am Morgen und am Abend und der ganz gewiss auch jeden neuen Tag bewirkt, kann bei der heutigen neutestamentlichen Lehre nicht wahrgenommen werden. Er ist nur in der natürlichen Logik allen Lebens und gleichzeitigem Neuverstand der alten allegorisch verfassten Theologiegeschichte als Sohn Gottes wieder erfahrbar.

 

Auch ein Wiederverstand des ewigen Gotteswortes, über das, wie wir aus frühchristlichen Schriften wissen, hochintellektuell und heftig gestritten wurde, fällt dem von kurzschließenden Neutestamentlern gemalten Banalbild zum Opfer. Der Titelbericht in der Bildzeitung für Bildungsbürger ist nur ein Spiegel. Wenn der Tod von Menschen als Märtyrer als Grunderlebnis des Glaubens verstanden wird, dann haben wir es hier mit einem modernen Kannibalismus zu tun, wie er weltweit zu Krieg und Blutvergießen führt. Doch dieses Denken, nach dem das Kreuz als Symbol des Christentums zum wesentlichen Bestandteil von Mord und Folter der abendländischen Kultur wurde und das dann auch wirklich für weltweiten Glaubensterror und gelebte Unvernunft mitverantwortlich ist, geht auf das Konto der neutestamentlichen Banalhypothese vom historischen Geschehen. Die Evangelisten haben ihren Heilsprediger danach als Märtyrer von jüdischer Obrigkeit umbringen lassen, eine Kreuzigung und Auferstehung angedichtet, um ihn etwas hoheitlicher erscheinen zu lassen und als Messias gebrauchen zu können. Verkürzt gesagt kommt hier zum Ausdruck, was ich seit vielen Jahren in theologischen Seminaren höre oder bei Ihren Lehren lese. Auch wenn dort immer gleich der angeblich wahre Gottessohn nachgeschoben wird, der gestorben und auferstanden sei, woran man einfach glauben müsse, weil’s geschrieben steht und schon immer so war.

 

Die Rede von Paulus, die unsere Pfarrerin gerade eben zitierte, der die Erkenntnis seiner Kindheit, wie die des Erwachsenen lobte, muss uns bei der heutigen Sichtweise kalt lassen. Den Kindheitsglauben bringt uns niemand mehr zurück, auch wenn er einige wenige Besucher Ihrer Bibelseminare noch hält. Da kann sich ihr Doktorvater noch so sehr bemühen die Dogmen als Mythen bewahren zu wollen oder mich beim Studientag über die Bedeutung des Kreuzestodes auf den Gottessohn vertrösten wollen, über den er nach der Pause dann aus seiner Sonntagspredigt vorliest. Solange es beim in der Antike stattgefundenen Prozess angeblich nur um die Verurteilung eines jungen Religionsrebellen geht, kommen wir nicht weiter. Wir sind darauf angewiesen, aufgeklärt den Sohn Gottes zu verstehen, in heutiger Sprache über ihn zu sprechen. Wenn das historische Geschehen wirklich nur das wäre, was die neutestamentliche Theologie wie eine eigene Todesanzeige gerade im Hinblick auf den Passionsfilm von sich gibt, dann würde das Wort/der Sohn Gottes im Gezwitscher der Vögel und dem jetzt im Führsommer jenseits der Friedhofsmauern aufkeimenden Grün weit lebendiger, als bei den Beerdigungsworten. Wenn die Pfarrerin bei allem, was heute als Ergebnis der neutestamentlichen Forschung als Grund unseres Glaubens verstanden wird, nach der Grabrede in die Kirche einläd, um „auf das Wort Gottes zu hören“ dann hört die heutige Welt aufgrund heutiger Theologiehypothese nur einen schwachen Trost. Das in allem natürlichen Leben, dem ewigen Kreislauf des gesamten Kosmos wirk-same Wort Gottes, das mit Sicherheit auch seinen Neuverstand nach dem heutigen Tod bewirkt, wird ihr durch die verleugnende bzw. verflachende neutestamentliche Lehre vorenthalten. Mit dem geschichtlichen Grund des Neuen Testamentes, einer schöpferischen Vernunft die unseren Kopf wie den gesamten Kosmos bestimmt, immer wieder neues Leben hervorbringt und der Welt von antiker Weisheit vor 2000 Jahren als Sohn Gottes präsent gemacht wurde, kann das nach heutiger Historienhypothese nichts zu tun haben.

 

Sie wissen, dass es kein Traum vom persönlichen Gott als dessen Sohn ist und keine innere Stimmen oder Spiritualität, die mich nicht ruhen lassen. Wenn ich mir jetzt erlaube den Mund besonders voll zu nehmen, sie gar als „Mörder Jesus“ zu beschimpfen, dann ist es die gewachsene Gewissheit nicht zuletzt aufgrund einer erneuten Auseinandersetzung mit dem antiken Geschehen und gleichzeitig eine gewisse Verzweiflung. Ich hoffe, wenigstens hierdurch etwas anstoßen zu können. Denn ich bin sicher, der Geschichte vom leidenden Gottessohn liegt ein reales Geschen und Wesen zugrunde, das nur durch ernsthafte Fragen wiederentdeckt werden kann, die unvoreingenommene die alles heutige Denken und Forschen bestimmende Hypothese überwinden. Und nur wenn wir uns der eigenen Wurzeln wieder neu bewusst werden, können wir aufgeklärt das Wort Gottes unabhängig von modernen philosophischen oder naturwissenschaftlichen Theorien in allem natürlichen Werden wahrnehmen.

 

Wenn ich an Karfreitag beim „Haupt voll Blut und Wunden, voll Spott und voller Hohn“ mit feuchten Augen weder an einen Webeslogan für den neuen Film von einem hingerichteten Guru dachte, noch an eine aufgesetzte Lehre, sondern die schöpferische Vernunft Gottes, die auch heute von neutestamentlicher Lehre entstellt wird, dann liegt das nicht an persönlicher Inspiration. Nicht zuletzt die erneute Auseinandersetzung mit den frühchristlichen Lehren und Texten, die selbst von Radikalkritikern aufgrund des Dogmas vom einfachen Menschen als Fälschungen gesehen werden müssen, bin ich gewiss: Die Evangelisten, denen Paul Gerhard, nachgeschrieben hat, wollten nicht die Regieanweisung für das geben, was heute im Passionsfilm abgedreht und von den Neutestamentlern als historische Wahrheit diskutiert wird. Das Augenlicht Jesus, dem kein Licht sonst gleichet wird auch heute von einer Lehre so schändlich zugerichtet, die im guten Glauben handelt. 

 

Was soll ich Ihnen über Marcions Stellung im frühen Christentum sagen, über die Gnosis, die Diskussion der Kirchenväter, die Lehren Origenes... Und noch weniger brauche ich Ihnen das antike Judentum als Zeugen eines erneuerten monotheistischen Gottesbewusstseins beizubringen. Doch wenn sie das alles nicht nur vom bisherigen Dogma einer Verherrlichungstheorie für einen um den See Genezareth ziehenden Guru aus betrachten, sondern von der im damaligen Denken selbstverständlichen schöpferischen Vernunft, dann gewinnt es plötzlich eine völlig neue Bedeutung. Durch Ihr theologisches und geschichtliches Wissen hätten Sie die Gabe, die gesamten Aussagen, ob über den Einritt Jesus in Jerusalem auf einem Esel, die Rolle der Maria aus Magdala, der jungfräulichen Jesusmutter oder gar der Jesus Tochter Sarah (die wie so viele alttestamentlichen Aussagen sicher auch in der frühchristlichen Geschichte eine Rolle spielen), als historische Wahrheiten nachzuweisen. Sie könnten so nicht nur die christliche Lehre vom Schwachsinn befreien, sondern den Weg zu einer neuen aufgeklärten Wahrnehmung des grenzüberschreitenden Gotteswortes in allem Werden bahnen. 

 

Auch warum nur der an das alte Gottesverständnis anknüpfende christliche Glaube, statt der Ablehnung des Marcion der sinnvolle Weg war und heute vorbildhaft wäre, kann dann klar werden. Neue Theorien, die sich nicht mit den Bildern der alten Glaubensvorstellungen vereinen lassen, führen heute so wenig weiter, wie damals. Nur eine nüchterne Analyse der so allegorisch als historische Begebenheit zu verstehenden neutestamentlichen Texte wie des Geschichtsgeschehens, die das Schöpfungswort des Johannes, statt eines Wandergurus an den Anfang stellt kann helfen. Auch wenn wir heute scheinbar darunter leiden, die Bilder den Verstand rauben, so müssen wir sicherlich der Kaisermutter Helena noch heute dankbar sein, dass sie uns den recht intellektuellen Glauben begreifbar gemacht hat und die Kirchenväter genau die Evangelien in den verbindlichen Kanon aufnahmen, die wir so gut kennen. Und doch bin ich sicher, dass heute nur dann der christliche Glauben Früchte tragen kann, wenn wir bereit sind, über die Bilder hinaus nach der wahren geschichtlichen Begebenheit zu fragen.

 

Wenn – wie selbst im Spiegel nachzulesen – auch der Koran Jesus als Sohn der jungfräulichen Maria beschreibt, dann bin ich sicher, auch dessen Verfasser haben nicht nur das gesehen und beschrieben, über das heute angesichts des Passionsfilmes als Geschichtswesen diskutiert wird. Auch wenn nicht im Stall, wie bei Lukas der Gottessohn, sondern unter einer Dattelpalme nur ein jüdischer Prophet zur Welt kommt, der die Juden wieder auf den richtigen Weg führt, öfter noch wie bei Johannes als Messias bezeichnet wird, dann muss uns das doch neu nachdenken lassen. Das Wort von dem die All-macht, die schöpferische Wirk-samkeit die vom selbst unsichtbaren Gotte ausgeht, diesen den Juden neu offenbarte und kein Guru oder eine mit Gott konkurrierende Weisheit war sicherlich auch das Thema der orientalischen Geschichtsberichte des Koran. Doch wo, nach heutiger Leseweise nur ein junger Jude verherrlicht wurde, kann über dieses Geschichtsgeschehen nicht nachgedacht werden. Während selbst die Spiegelredakteure erkennen, dass das Historischwerden des Gotteswortes keine entbehrliche Zutat der christlichen Religion ist, sondern das Christentum auf eine Theologie gründet, die an die Geschichte geknüpft ist, lässt die neutestamentliche Leseweise alles zu einer phantasievollen Story werden, der der Logos fehlt. Wie Augstein muss so die aufgeklärte Welt Abschied nehmen vom Glauben, statt mit neuen Augen zu sehen.

 

Nach meiner Sichtweise ging es in der gesamten Frühchristlichen Diskussion nicht um Titelvergabe für einen jungen Guru, sondern die sinnvolle Darstellung, durch die der damaligen Welt das Wort Gottes vermittelbar gemacht, zwischen den Weltbilder vermittelt werden kann. Und genau dieser Diskussion müssen wir uns angesichts dessen, was damals gedacht und gesehen wurde somit als Geschichtswahrheit nachzuvollziehen ist, neu stellen.

 

Ich hoffe, dass Sie sich durch meine laienhaften und anmaßenden Anschuldigungen nicht persönlich angegriffen fühlen – aber sich doch auch angesprochen sehen, zumindest ein kleiner Anstoß ausgehen kann. Über eine kurze Antwort, warum dieses Denken über den geschichtlichen Grund des Glaubens falsch sein soll, würde ich mich freuen.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Gerhard Mentzel