Schöpferwort statt Glaubensgeschwätz

 

 

Warum die apokryphen Evangelien unumstößliche Zeugen dafür sind, dass es im Neuen Testament nicht um die warmen Worte eines anschließend christologisch vergotteten Wandergurus bzw. eine alt-abgelesenene Lehrgestalt von Gott geht 

- wie die heutige Hochschultheologie lehrt -

 sondern das in der kosmischen Realität gesprochene Wort des einen Schöpfers, die kreative Vernunft in Menschengestalt der offenbarende Ausgangspunkt biblischer Geschichte ist.

 

 

An die

Autoren von Bibel und Kirche 2/2005

„Die apokryhen Evangelien“

 

 

Bitte um eine vom Schöpfungswort ausgehende Beurteilung der apokryphen und gleichzeitig gesamten Evangelien: Wegbereitung für ein neues christliches Selbst- und somit zeitgemäßes Gotteswortverständnis aufgrund unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes, das das Wort in allem kreativen Werden wahrnimmt

 

 

Sehr geehrte Barbara Leicht und Konrad Huber,

sehr geehrter Dr. Jens Schröter, Dr. Jörg Frey,  Dr. Konrad Huber, Dr. Hans-Josef Klauck, Dr. Judith Hartenstein,

Dr. Silke Petersen, Dr. Ulrike Bechmann, Prof. Dr. Walter Kirchschläger,

und alle Theologen, die die in den Evangelien beschriebenen Bedeutungsinhalte ernst nehmen,

 

seit vielen Jahren sind nicht allein die außerkanonischen Evangelien für mich unweigerliche Zeugnisse dafür, dass es im Neuen Testament nicht um die Lebensgeschichte eines zum Gottessohn erhobenen Gurus ging, wie er heute an den theologischen Hochschulen als historischer Jesus gelehrt wird. Auch die mir ständig beigebrachten Bedeutungsinhalte der bekannten Evangelien und Briefe, ebenso wie die religiöse Situation und das philosophische Denken der Zeitenwende lassen darauf schließen, dass das eigentliche Wesen der Reformtheologie des Neuen Testamentes der Logos allen Lebens, das in der konkreten Schöpfung, wie der Glaubenstradition lebendige Wort war, dem eine vermittelbare Gestalt gegeben wurde. Bei nüchterner Auswertung aller uns heute vorliegender Schriften, der Glaubenssituation, aus der heraus sie geschrieben wurden, ebenso wie des geistesgeschichtlichem Grundes, ist es einfach unvorstellbar, an der Hypothese eines zum Christusgott erhobenen Heilspredigers festzuhalten. Ich bin daher sicher, dass Jesus für die Verfasser weit mehr war, als wir heute als historisches Wesen betrachten und dass genau dieser Jesus auch heute ein lebendiges Wesen ist, das nicht einfach mit einem geheimnisvollen Gott gleichgesetzt werden kann.

 

Wir können die Geschichte nicht zurückdrehen, um die Wahrheit Jesus wieder aufzurollen. Doch drängen das heute vorhandene Geschichtswissen, die Kenntnis biblischer Bedeutungsaussagen und nicht zuletzt auch die von Ihnen interpretierten außerkanonischen Texte den unweigerlichen Schluss auf, dass es den Verfassern nicht um einen Guru oder einen vor-gesetzten Gott ging, sondern das Schöpferwort in Person das Wesen war, das in menschlich begreif- bzw. vermittelbarer Gestalt messianische Wirkung entfaltete.

 

Bei allem, was wir an Wissen in Händen halten können wir unmöglich davon ausgehen, dass es Glaubensgeschwätz in heutigem Sinne war, das uns von großartigen theologischen Denkern in den biblischen Texten, wie außerkanonischen christlichen Schriften überliefert wurde.

 

1.     Von verborgene Schriften zum neuen Verstand

 

Verschwörungstheorien von verschwiegenen Schriften liegen mir fern. Auch lassen sich gute Gründe erkennen, im Rahmen der kollektiven Glaubensvermittlung die apokryphen Schriften nicht in den Kanon aufzunehmen. Und doch sind es gerade die bisher nur am Rande gelesenen Evangelien bzw. Aussagen von und über Jesus, die uns dazu zwingen, neu nachzufragen, um bei unvoreingenommener Betrachtung das echt christliche Wesen in völlig neuem Licht erscheinen zu lassen.

 

Während sich bei den altbekannten Evangelien eine Interpretationsweise eingefahren hat, die von festen Prämissen ausgeht, jedem von uns sofort das scheinbar unumstößliches Bild des gutherzigen menschlichen Jesus vor Augen führt, zeigen die außerbiblischen Evangelien, dass es den Verfassern nicht um das gegangen sein kann, was wir heute als historischen Jesus sehen. Mir ist bewusst, dass alle derzeitige Deutung der außerkanonischen Texte von der scheinbar unumstößlichen Hypothese eines historischen Wanderpredigers gezwungen wird davon auszugehen, dass es um mysteriöse Literatur ginge, die sich um das Leben dieses besonderen Menschen ranken oder einen von Jesus völlig unabhängigen Grund haben. Doch genau diese Deutung ist heute nicht mehr möglich.

 

Allein schon die Tatsache, dass heute weitgehend anerkannt wird, dass auch die im Hinblick auf unser Bild vom jungen Wunderheiler so sonderbar klingenden und völlig voneinander abweichenden Geschichten von der Kindheit Jesus oder seiner Himmelfahrt ebenso wichtige Evangelien sind, wie die bekannten vier, ihre Verfasser sich als echte Christen sahen und anerkannt wurden, muss doch nachdenklich machen. Und wenn es die Evangelien auszeichnet, dass sie vom Auferstandenen ausgehen, die Geschichte des Gottessohnes erzählen, dann sind es gerade die Apokryphen, die mehr als deutlich machen, dass es den Autoren nicht um die Geschichte eines Menschen mit Sonderbegabung ging. Mit Sicherheit haben die Kirchenväter gut daran getan, in den Kanon nicht die abstrakten Logien oder mysteriöse Geschichten aufzunehmen, wie wir sie heute in den vormals als Häresien verschrienen Schriften in Händen halten. Doch wenn Sie anerkennen, dass uns diese Texte Wichtiges über das Denken der frühen Christen sagen, dann können wir nicht so tun, wie wenn die damaligen Denker nur den gesehen hätten, den wir als historischen Wundheiler hinstellen und gleichzeitig zu einer Art christlichem Gott hochstilisieren wollen.

 

Die heute Hypothese, die die biblische Briefliteratur, die Christologie der bekannten Evangelien, letztlich alle Hoheitsaussagen über Jesus als eine Art Gotteslehre aufgrund alter Gesetze erscheinen lässt, ist insbesondere im Hinblick auf die apokryphen Texte unhaltbar. Gerade hier wird immer wieder auf einen Wandel bzw. eine neue Gotteswahrnehmung hingewiesen und eine Glaubens-Reform angesprochen, die von einer neuen Erkenntnis ausgeht. Und genau diese Reform hat ihren realen Grund in dem, der der echt historische Jesus, jedoch nicht einfach ein besonders charismatischer Wanderguru war.

 

Die bisher verborgenen Schriften sollen nicht die Viergestaltigkeit der Evangelien ablösen, in denen Kirchenvater Irenäus wie Sie schreiben, die göttliche Ordnung aufgrund kosmischer Realität abgebildet sah. Doch die Apokryphen Evangelien zwingen, auch in den bekannten Vier genau nach der kosmische Größe zu fragen, die nicht nur für Irenäus die Voraussetzung des reformierten Monotheismus war. Der eigentliche Doketismus findet nicht dort statt, wo ein zum Gott mutierter Mensch mit Namen Jesus abgelehnt wird. Das Scheinwesen ist dort, wo keine schöpferische Realität im kosmischen Geschehen vorausgesetzt, sondern allenfalls ein Buchgott mit Namen Christus neben den gutherzigen Guru gestellt wird.

 

Wenn wir doch wissen, wie die Schriften entstanden sind, wie am Anfang später abgelehnte Gnostiker wie Markion mit der Kanonbildung begannen, ihnen eine andere Theologie entgegengesetzt wurde, die das jüdische Gottesverständnis beibehielt, dann können wir doch nicht so tun, wie wenn es um das Hochstabeln eins historischen Reformpredigers mit wundersamer Begabung ging. Nicht nur aufgrund der Tatsache, dass es bereits bei den altbekannten Vier keine Geschichtsharmonie im banalen Sinne gibt und noch viel weniger bei den Apokryphen, die Theologen damals darauf gar keinen Wert legten, zwingt doch dazu, das geschichtliche Wesen mit anderen Augen zu sehen. Ohne einfach einen Christusgott zu setzen, von einer Art Lehrgestalt Gottes auszugehen, muss nach dem Wesen gefragt werden, das vor 2000 Jahren eine menschliche Gestalt annahm. Auch wenn die Kirchenväter auf die klare Gestalt Jesus zurecht großen Wert legten, so muss uns doch längst klar sein, dass es auch ihnen einzig um den Logos Gottes, das schöpfungswirksame Wort ging und dessen Gestaltwerdung. Wir können doch nicht weiter annehmen, all das, was von unserem Bild des guten Jungen abweicht, wäre Verherrlichungsliteratur oder man hätte es halt nicht mehr so genau gewusst.

 

Solange wir unserem liebgewordenen Jesusbild folgend blindwütig in den apokryphen Texten nur Überwucherungen einer banalen geschichtlichen Wahrheit sehen, werden wir nicht auf das schöpferische Wort hören, das in den geschichtlichen Tatsachenberichten der gesamten Evangelien beschrieben ist.

 

Und noch weniger wird leider der Logos allen Lebens thematisiert, nach einem Wort gefragt, das in allem Wissen der Welt deutlich bzw. hörbar zu machen wäre.

 

2.     Jungfräulichkeit ist gefragt

 

Um die so abstrus klingenden Kindheitsgeschichten oder andere Erzählungen, die alles Andere als Geschichten von einem guten Jungen mit Namen Jesus sind, wieder ernst zu nehmen sind, scheint eine neue Jungfräulichkeit notwendig. Nur unvoreingenommen von einem festgefahren Denkschema, bei dem Jesus automatisch mit einem Reformprediger oder einem geheimnisvoll vor-gesetzten Christusgott gleichgesetzt wird, können wir dann darüber urteilen, ob vor 2000 Jahren Maria bzw. das Wesen, das das Schöpfungswort in menschlicher Gestalt zum Ausdruck brachte, eine jungfräuliche bzw. unvoreingenommene Geburt vollbracht hat.

 

Bei all dem, was Sie über die Origenes oder andere Denker am Anfang der Kirche wissen, wie sie die Schrifttraditionen beurteilen und nachweisen, wie altes Wissen weiterverarbeitet und mit neuen Augen gesehen wurde, können Sie doch unmöglich weiter davon ausgehen, dass die Verfasser außerkanonischer Evangelien, die die Jungfräulichkeit Marias in Frage stellten, von dem Wesen ausgegangen sind, das an Weihnachten in Dokumentarfilmen gezeigt wird und dessen guter Mann Josef es angeblich vor einer Steinigung als Fremdgängerin verschonen wollte.

 

Wenn judenchristliche Traditionen an der Jungfräulichkeit Marias zweifeln, dann geht es um eine theologische Diskussion. Es liegt nicht daran, dass es hier schon früh nüchtern Denkende am Werk waren, die der guten Mutter eines Guru so etwas nicht zutrauen oder ihren Lesern eine solch geisterhafte Story nicht zumuten wollen. Möglicherweise müssen wir nach einer anderen theologischen Deutung des neuen Denkens im judenchristlichen Lager fragen. Liegt es nicht auf der Hand, dass gerade die jüdische Seite des christlichen Glaubens der allzu strikten Ablehnung der alten Tradition bzw. der Betonung der völligen Jungfräulichkeit skeptisch gegenüber stehen musste?

 

(Es war ein Vortrag über die Essener bzw. die Denk- und Druckwerkstatt in Qumran von Prof. Stegemann, der mich vermuten ließ, dass nicht allein ein Büffeln der Gesetzestexte, sondern ein unvoreingenommenes Lesen, Nachdenken und neues Sehen zu dem geführt hat, was das Neue Testament ausmacht: Antikes Denken „Die Essener als Mutter Maria“)

 

Auch wenn Sie meiner Deutung nicht folgen, die die Unvoreingenommenheit bzw. Jungfräulichkeit von Mutter Kirche mit der Logik aller geistigen Weiterentwicklung betont, wie sie uns letztlich heute hochdotierte Motivations- und Kreativitätstrainer beibringen, so können Sie doch unmöglich davon ausgehen, die damaligen Theologen hätten nur um das Häutchen einer jungen Hebräerin gestritten. Wenn man sich ernsthaft über die Rolle Marias, deren Jungfräulichkeit Gedanken machte, dann muss das Wesen für die damaligen Denker, deren tief greifende theologische Arbeit Sie in Ihren Ausführungen über die Apokryphen ständig nachweisen, weit mehr gewesen sein, als wir in heutiger Historienhypothese sehen wollen.

 

Wenn wir die Apokryphen Diskussionen auch nur halbwegs ernst nehmen, haben dann nicht auch alle Deutung ausgedient, die mir immer nur beibringen wollen, dass die Jungfräulichkeit nur aufgegriffen wurde, um Jesus in einem göttlichen Licht erscheinen zu lassen, sie somit ein mehr oder weniger rein literarisches Werk ist? Wer Jesus als einer Zweibeiner betrachtet, statt die menschliche Ausdrucksweise einer Weltvernunft, des schöpferischen Wortes/Logos, dem bleibt letztlich nichts anderes übrig, als entweder ein gesetztes Hokus-Pokus-Geheimnis über die sonderbare Geburt zu akzeptieren oder auf historisch kritische Weise das Geschen herabzuwürdigen. Ständig versucht man mir daher beizubringen, dass die Jungfräulichkeit in das Neue Testament aufgenommen wurde, weil auch griechische Götter und andere Gottesmittler auf ähnliche Weise das Licht der Welt erblickt hätten. Dabei wird nicht nach der Ernsthaftigkeit der alten Aussagen über die jeweils jungfräulich geborenen Gottesmittler gefragt, sondern nur nach der literarischen Begründung in einer propagandistischen Glaubensrede. Da für die Theologen klar zu sein scheint, dass der von den Juden erwartete Messias und im Alten Testament angekündigte Gottesmittler als jungfräulich geboren dargestellt werden musste, braucht nicht weiter darüber nachgedacht zu werden, warum er es wirklich war. Warum die ewige Weiterentwicklung der Gottesvorstellungen eine Jungfräulichkeit voraussetzt, Theologie unvoreingenommen sein muss, um den Logos Gottes immer neu als lebendiges Wesen zur Welt zu  bringen, kann dann kein Thema sein.

 

Wie die übrigen Glaubenssätze des christlichen Credo, wird auch die Jungfräulichkeit von Maria heute letztlich selbst aus altägyptischen Mythen abgeleitet. Nach dem geistigen Grund, einer ganz logischerweise notwendigen jungfräulichen Geburt im Fortschritt der monotheistischen Gottesvermittlung, die für die alten Ägypter und auch die griechischen Götter galt, wird dabei nicht gefragt. Diese Jungfräulichkeit mit einer Denkweise gleichzusetzen, wie sie uns heute Kreativitätstechniker als Voraussetzung für eine geistige Weiterentwicklung beibringen, kann nicht stattfinden, solange wir das Wesen Jesus mit den Scheuklappen heutiger Historienhypothese betrachten, in der das Schöpfungswort nicht vorkommt.

 

Auch Mohamed bzw. die Verfasser des Koran, die Maria eine wichtige Rolle gaben, sind mit Sicherheit nicht irgendwelchen fadenscheinigen Apokryphen auf den Leim gegangen. Ich bin sicher, dass sie in Maria eine konkrete Gestalt sahen, die weit über unser heutiges Verständnis hinausgeht. (Warum auch die Auseinandersetzung des Islam, die Abtrennung aufgrund der allzu engen Vergottung Christus, somit Verwischung des Monotheismus ein Beleg dafür ist, dass es den damaligen Denkern unmöglich nur um das historische Wesen gegangen sein kann, wie es heute gelehrt wird, soll an anderer Stelle konkretisiert werden.) Hier nur der Hinweis, dass es in den Suren des Koran unmöglich um eine junge Hebräerin gegangen sein kann, die für uns das historische Wesen ist. Wenn in 70 Versen des Koran von Maria die Rede ist, sie als einzige Frau mit Namen genannt wird, dann stand den Verfassern eine Realität vor Augen, die weit über eine junge Jüdin hinaus ging, die ihrem armen Josef ein Kind unterjubelte. Auch eine Gottesgebärerin, wie sie heute dogmatisch dargestellt wird, schließt sich für den Islam aus. Denn genau die Gleichsetzung Jesus Christus mit Gott war es, die zur Abspaltung bzw. zur neuen Berufung auf Abraham führte. Wenn der Koran eine neue Offenbarung der Rechtfertigung Gottes als notwendig sah, dann lässt sich das nachempfinden. Nicht jedoch, wenn wir Jesus nur als Wanderguru oder Lehrgebäude Gottes sehen und somit letztlich Christus wie Gott selbst ansprechen.

 

3.     Die Evangelien berichten vom Wort bzw. der Weisheit des Schöpfers

 

Evangelien handeln vom Sohn Gottes, bringt man mir bei. Die Evangelisten wären allesamt vom Auferstandenen ausgegangen. Die frohe Botschaft über den lebendigen Gottessohn soll also der Grund der Evangelien sein. Alle Verfasser berichten danach nicht von einem jungen Guru oder einem Gott, sondern dem Christus, als dem wieder erfahrenen Schöpfungswort. Und da das neue Testament nach heutigem Verständnis nur einen Teil der unerhört umfangreichen und hochgeistigen literarischen Produktion der frühen Christentums liefert, gilt es die außerkanonischen Quellen ebenso ernst zu nehmen. Richtig ist sicher, dass wir heute wie damals fragen müssen, ob uns abstrakte moderne Lehren und mysteriöse Reden weiterbringen, sie für die gottesdienstliche Lehre geeignet sind. Doch was Grund des neuen Glaubens an den einen Gott war, wird gerade dort deutlich, wo die Ecken noch nicht abgeschliffen sind, noch nicht nach didaktischen Gesichtspunkten ausgewählt wurde.

 

Wir können nicht weiter so tun, wie wenn Valentinaner, Markion oder andere als Gnosis aussortierte Texte nicht den Grund der christlichen Theologie in gleicher Weise beschreiben würden oder es mit der historischen Wahrheit nicht so genau nahmen. Sie sind ebenso als Ur-kunden eines Wesens wahrzunehmen, dessen kosmischer Grund nicht weiter einfach außer Acht gelassen werden kann. Anzunehmen, die Fülle der theologischen Texte, die die Religionswerdung des frühen Christentums verständlich macht, hätte sich auf einen Menschen mit Sonderbegabung bezogen oder wäre von einem alt-gesetzten Gott ausgegangen, ist bei ernsthafter Betrachtung der Texte einfach absurd.

 

Selbst der Schriftwechsel, der Rückgriff auf aramäische und hebräische Schrift, weist doch darauf hin, dass es nicht um ein Wesen gegangen sein kann, wie wir es als historischen Jesus hinstellen. Auch der Stammbaum Jesus ist nachvollziehbar. Nicht jedoch im heutigen Verständnis Jesus. Ob es sich um Texte handelt, die schon vor einer Zeit vorhanden waren, die wir als Geburtsstunde eines Gurus hinstellen, ist letztlich unerheblich. Vielmehr lässt sich heute deutlich machen, wie das neuen Verständnis des Schöpfungswortes aus vielen Schulen erwachen ist und teilweise weit früher hervortritt, wie seine Menschwerdung. Die Stimme aus dem Himmel, die Jesus als den Sohn Gottes deutlich gemacht hat, an dem der Creator wohlgefallen gefunden hatte, bezieht sich mit Sicherheit nicht auf das, was heute als historischer Jesus oder Glaubensgestalt gelehrt wird. Doch dass die Stimme aus dem Himmel gesprochen hat, die schöpferische Vernunft Jesus als Gottessohn deutlich machte, da bin ich sicher.

 

Sie alle machen in Ihren Aufsätzen über die Apokryphen immer wieder deutlich, dass die Einwohnung der kosmisch begründeten Weisheit das eigentliche Wesen war, um das es damals ging. Wer Jünger hatte, den Monotheismus reformierte und den Menschen den Willen Gottes verkündete, kann nur diese göttliche Weisheit in menschlicher Gestalt gewesen sein. Viele Texte, die wir bisher als Pseudographie ablehnen, sind daher aus neuer Perspektive zu betrachten. Je mehr beispielsweise Paulus von Radikalkritikern auf gnostische Texte zurückgeführt wird, desto weniger handelt es sich um Falschaussagen, sondern ist das neue Paradigma zu begründen, das für Juden und Griechen in gleicher Weise galt.

 

Wenn die Festlegung eines verbindlichen Corpus kein Problem der frühen Kirche gewesen sei, die später als Häresien beiseite geschoben wurden, dann müssen wir bei der Suche nach dem ursprünglichen Wesen die apokryphen Berichte ebenso ernst nehmen, wie die kanonischen Texte. Es ist immer wieder erstaunlich, wie heute letztlich alle Evangelien unserer eigenen Banalvorstellung zuliebe als letztlich unhistorisch abqualifiziert werden. Wir basteln uns heute einen historischen Heiland zurecht, der sich an keiner Stelle durch die die Bibel bzw. deren Bedeutungsaussagen begründen lässt und noch wenige mit den Apokryphen auf einen Nenner zu bringen ist.

 

Nachvollzug wie heutige Diskussion um Häresien und Doketismus darf aufgrund unsers Wissens nicht allein von einem Wesen aus geführt werden, das wir heute für den historischen Jesus halten. Wir nehmen einen theologischen Zirkelschluss hin, wenn wir tun, wie wenn die von frühen Kirchenvätern ausgewählten Texte sich nur auf noch ältere Literatur beziehen, nicht einen ganz konkreten Grund im präexistenten Wesen gehabt hätten, der weder ein vorgesetzter Gott, noch ein Guru war. Was für den großen frühen Theologen Origenes eine Selbstverständlichkeit war, wird selbst beim Gnosisgegner Irenäus deutlich. Nicht nur seine Theologieinhalte hatten einen kosmischen Grund. Selbst seine Auswahl von vier Evangelien geht von einer ganz konkreten göttlich-kreativen Ordnung, den vier Himmelrichtungen und Weltgegenden aus, die er auch in den göttlichen Cherubinen umgesetzt sieht.

 

Die gesamte Auseinandersetzung der frühen Kirche um das Wesen Jesus, ebenso die spätere Diskussion mit dem Islam lässt bei ernsthafter Betrachtung der theologischen Inhalte darauf schließen, dass es weder um einen Religionsrebellen, noch den transzendenten und unabbildbaren einen Creator selbst ging.

 

Ihnen allen sollte es möglich sein, die gesamten Aussagen der Evangelientexte im Licht eines hoheitlichen Wesens zu erschließen, das weder nur ein Guru, noch einfach ein Gotteswesen oder eine Lehrgestalt Gottes war. Wer wie Sie ständig betont, dass es um die Weisheit ging, der muss diese zum Thema machen, darf nicht davon ausgehen, dass sich damals Weisheit nur auf die Interpretation alter Schriften erstreckte. Vielmehr scheint das Neuverständnis der alten Texte, wie es uns die Theologie eines Philo von Alexandrien – aber auch das der gesamten ganz selbstverständlich allegorisch lesenden Theologen der Zeitenwende – vor Augen führt, mit dem Verständnis des in allem Werden wirksamen Wortes zusammengefallen sein. Wir können heute nicht weitermachen, wie wenn wir nicht wüssten, dass es weder um einen Wanderguru, noch ein Gottesgebilde ging. Eine Unwissenheitssünde wäre verzeihlich. Doch heute hat uns der Schöpfer befähigt, seinen lebendigen Sohn, der in den Apokryphen deutlich bezeugt wird, mit klaren Augen zu sehen.

 

Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, die vielen Aussagen der Apokryphen über die Geburt, Kreuzigung, Auferstehung oder gar die Frau des Pilatus aufzugreifen, um nachzuweisen, dass die schöpferische Weisheit das eigentliche Thema der christlichen Theologie war. Sie alle kennen die Texte und die Bedeutungsaussagen weit besser. Wer einfach alles als Wunderlegende beiseite schiebt, nur Übertreibungsliteratur liest, der bräuchte sich nicht wie Sie, mit diesen Texten zu beschäftigen, dort nach dem ursprünglichen Jesus suchen zu wollen. Es liegt an Ihnen, die Aussagen der Apokryphen als verschiedenartige theologische Aspekte zu belegen, die sich letztlich nicht auf ein Scheinwesen, sondern das in der Schöpfung wirk-same Wort, die in aller Kreativität lebendige Weisheit beziehen, die vor 2000 Jahren eine ganz konkrete Gestalt hatte. Ob Flucht nach Ägypten, die Anfeindung durch die Pharisäer oder die Auferstehung, das alles ist dann als historisches Geschehen ebenso nachvollziehbar, wie die so wundersam klingenden und recht unterschiedlich dargestellten Heilshandlungen. Doch es kann sich bei ernsthafter Betrachtung nicht um den Disput eines jungen siebengescheiten Kindes mit antiken Schriftlehrern gehandelt haben, von dem die Apokryphen berichten. Die damals wieder erkannte junge Weisheit selbst muss den Dialog mit der Schrifttradition geführt haben.

 

Alles, was so wunderbar klingt, vom Bewachungstrupp für das Grab, den riesigen Engelswesen oder den Aussagen des Evangeliums nach Maria (Magdalena), wären in neuer Weise als Tatsachenbericht zu lesen, wenn Sie nicht weiter nur nach den Worten eines Wanderguru suchen würden. Der Wunderknabe Jesus, der von Anfang an schon alles weiß, lebt wirklich. Es ist die Weisheit allen Werdens, die vernünftigerweise in einfachen Worten dargelegt wurde. „Als wollten sie dem Bedürfnis des „einfachen“ Christen Rechnung tragen, einer vielleicht zu abstrakt empfundenen Christologie etwas Verständliches, weniger Kompliziertes und für das schlichte Gemüt Brauchbare – sozusagen ein Evangelium der kleinen Leute – an die Seite stellen.“ So urteilen Sie über die theologische Diskussion der Frühkirche und bekennen damit im Umkehrschluss, dass es um weit mehr gegangen sein muss, als wir heute als historisches Geschehen sehen wollen. Es sind mit Sicherheit Sprüche des lebendigen Jesus, die wir in den Logien lesen. Doch während bei heutiger Historienhypothese historisch zuverlässige Erzählungen weder in den Apokryphen, noch den bekannten Evangelien oder der Briefliteratur zu lesen sind, lassen sich vom Logos in Menschengestalt ausgehend, die Aussagen als Worte eines Wesens verstehen, das alles andere als ein Scheinwesen ist. Nichts ist realer wie der Logos allen Lebens, der sich im kreativen Werden des Kosmos, wie der Funktionsweise unseres Gehirnkastens zeigt.

 

Die Verfasser wussten, von was sie schrieben, waren keine frommen Sprücheklopfer und Schwärmer, die der Welt erbauliche Literatur schenken wollten. Sie gingen von einem präexistenten schöpferischen Wesen aus, das in den Evangelien vom Nilsand ebenso konkret ist, wie in den koptischen Texten, bei Thomas oder den Evangelien, die später als Gemeindeliteratur ausgewählt wurden. Wer später König über das All sein wird, war nicht einfach ein geheimnisvoller Gott, sondern war ein gedanklich nachvollziehbares Wesen, das auch am Anfang allen philosophischen Denkens stand, durch das Staunen über die Schönheit und konkrete Ordnung des Kosmos erkannt wurde. Die gesamte Diskussion um den wahren König, die Auseinadersetzung mit menschlichen majestätischen Mittlergestalten, in die damals durchaus messianische Hoffnungen gesetzt wurden, lässt sich nur nachvollziehen, wenn wir Jesus nicht als einen gesetzten Gott oder rein menschlichen Guru sehen, sondern den schöpferischen Logos, der auch in den alter Glaubenstradition gelesen wurde.

 

Wer von vielen nicht als Gottessohn erkannt oder anerkannt wurde, kann nach allem was wir heute wissen, kein Heilsprediger gewesen sein. Wer sich im Fleisch offenbarte, war nach dem was wir heute Gott sei Dank wissen, die schöpferische Weisheit, die eine konkrete Gestalt im Buch und in menschlicher Person brauchte. Wenn wir die Theologie der Apokryphen, wie des gesamten Neuen Testamentes als solche anerkennen, können wir unmöglich weiterhin die Texte lesen, wie wenn es um Tonbandmitschnitte aus den Reden eine jungen Juden gegangen wäre, den man dann christologisierte. Wenn die Texte im Marienevangelium, wie in vielen anderen außerbiblischen Berichten philosophische klingen, dann befassen sie sich nicht weniger mit dem konkreten Wesen Jesus, wie alle anderen Evangelien. Maria Magdalena bzw. wer immer sich hinter dieser Wesensgestalt verbirgt, hat den Herrn gesehen. Doch sie kann kein antikes Groupie eines jungen Religionsguru gewesen sein.

 

Es sollte Ihre Aufgabe sein, das Wesen, das nicht nur in den apokryphen Evangelien gesprochen hat, ebenso wie die beschriebenen Bedeutungsinhalte, neu zur Sprache zu bringen.

 

Was, außer unsere festgefahren Vorstellung von einem historischen Wanderguru, der vergottet wurde oder nur eine alte Lehrgestalt Gottes sei, spricht dagegen?

 

Es würde mich freuen, wenn Ihnen meine Überlegungen Anregung für eine neue Perspektive des präexistenten und heute lebendigen Offenbarungswesens Jesus geben könnten. Auch freue ich mich von Ihnen Argumente zu hören, die gegen eine Sichtweise sprechen, die das schöpferische Wort im Werden der Welt wieder für alle aufgeklärt und grenzüberschreitend hörbar machen will.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Gerhard Mentzel