Gerhard Mentzel

Schänzelstrasse 9

67377 Gommersheim                                                                Himmelfahrt:  „Vater“tag 2005

 

 

 

Dr. Heiner Geißler

Postfach 1167

66990 Dahn

 

 

 

Jesus Heute: Würde er nur sozialethische Forderungen stellen

oder bringt er die Menschen in seiner Wirk-lichkeit zur schöpferischen Vernunft?

 

 

Sehr geehrter Herr Dr. Heiner Geißler,

 

Ihre gestrigen Ausführungen über „Was würde Jesus heute sagen“ bzw. die Probleme unserer Gesellschaft bei der Stadtbücherei Frankenthal sind Anlass, mich nochmals an Sie als einen nicht nur sehr zurecht zeitkritischen, sondern auch theologisch-philosophischen Zeitgenossen zu wenden. Erneut bitte ich Sie als einen ernstzunehmenden Denker darum, meine Überlegungen zu ursprünglichen und heute wieder aufgeklärt wahrnehmbaren Wesen des Jesus Christus zu beurteilen bzw. der Fachwelt Anstöße für einer neuen Suche nach dem christlichen Wesen zu geben.

 

Ich halte es für eine ungemein wichtige Aufgabe, das Fehlverhalten in unserer gesamten Lebens- und Handlungsweise vor Augen zu führen, wie Sie dies engagiert und ohne Rücksicht auf Anfeindungen sehr offen tun. Doch zeigen uns gerade Ihre Überlegungen zu den Fehlentwicklungen in atheistischen, wie angeblich christlich-aufgeklärten Ideologien, dass es nicht damit getan ist, berechtige Forderungen zu wiederholen, einen rein politischen Jesus gut gemeint nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit rufen und eine menschlich-soziale Weltethik der Nächstenliebe verlangen zu lassen. Zeigt nicht beispielsweise bereits die historische Tatsache, dass diese Forderungen auch auf der Fahne der französischen Revolution sowie Humanaufklärung standen, gleichwohl man dies dort durch eine Abschaffung des in damaligen Augen überholten Glaubens erreichen wollte, dass das Problem tiefer sitzt? Nach vielen Jahren theologischen Lernens und der Auswertung der heutigen Geschichtserkenntnisse bin ich sicher, dass mit unserer kollektiven Bewusstsein, unseren Glaubensbildern etwas nicht stimmt. Letztlich ist es m.E. das heute für ganz selbstverständlich gehaltene Verständnis des banalen historischen Jesus und eines wundersam gesetzten Christusgottes, das einem aufgeklärten und im Grunde urchristlichen Glauben, im Wege steht.

 

Durch ein neues Verständnis des historischen christlichen Glaubensgrundes als dem in der Kreativität des Kosmos wirksamen schöpferischen Logos, der weder nur ein einfacher Mensch, noch ein vor-gesetzter Christusgott ist, sondern die menschliche Gestalt der schöpferischen Präsenz, erwarte ich ein neues christliches Selbst- und somit Glaubensverständnis. Sich für eine schöpferische Vernunft in allen sichtbaren, wissenschaftlich nachweisbaren natürlichen Vorgängen begeistern, hierin den offenbarenden Logos Gottes zeitgemäß erkennend, erhoffe ich einen Menschen, der sich in schöpferischen Sinn vernünftig, ökologisch und weltökonomisch verhält.

 

Von einem in aller antiken Literatur beschriebenen echt präexistenten Wesen ausgehend, müssen wir neu fragen, wer es wirklich war, der vor 2000 Jahren wie Sie sagen „für furchtbare Erregung“ sorgte. Der heute für historisch gehaltene Jesus kann keine geistige Reform bewirkt, keine Wende zu einem Glauben begründet haben, der nicht nur auf vorgegebene Gesetzlichkeit oder philosophische Menschlichkeit bauen sollte. Wer echt Wirkung hervorbrachte kann nur das Schöpferwort in menschlicher Person gewesen sein. Was geschrieben steht, bezieht sich weder auf einen Wanderguru, noch auf einen gesetzten Miniaturgott. Doch wer steht hinter der Person (Rolle, Aufgabe), die richtigerweise in menschlicher Gestalt verkörpert wurde? Dass es nur ein antiker Sozialreformer war, der laut Ihren Aussagen die Polizisten bekehrte, die ihn im Auftrag der Obrigkeit verhaften sollten und den ihre Zuhörer dann ganz deutlich vor Augen haben, halte ich nach heutigem Wissen für unhaltbar?

 

Mir ist bewusst, dass Sie kein 1001. theologisches Jesusbuch schreiben wollten. Doch warum wir gerade mit dieser Darstellung Jesus zu einer völligen Verkürzung des christlichen Glaubens führen, damit das Gegenteil von dem bewirken, was Sie erreichen wollen, habe ich bereits im Vorjahr in einem Schreiben an den Neutestamentler Prof. Klaus Berger versucht deutlich zu machen. (www.theologie-der-vernunft.de „Menschen oder Gotteswort?“) Er hatte in der FAZ ihr Jesusbuch „vergiss es“ arg verrissen. Jedoch nicht Sie, sondern die Jesus-Hypothese und somit Exegese der heutigen Hochschultheologie, die gegen alles fortgeschrittene bessere Wissen weiter an festgefahrenen Vorstellungen festhält, gleichzeitig die aufgeklärte Vernunft verteufelt, halte ich für dafür verantwortlich, dass heute der wirkende bzw. sprechende Schöpfer mundtot gemacht wird. Ihr Abriss christologischer Bedeutungsaussagen in zahlreichen medienwirksamen Auftritten, die sich an Ihr neues Buch anschlossen, sind für mich das beste Beispiel, dass an dem was nicht stimmen kann, was an heutigen Hochschulen als historischer Jesus gelehrt wird. Wo einst inhaltsvolle Bilder völlig entleert sind und die Gotteswahrnehmung nicht mehr zeitgemäß vermitteln können, werden sie zu Götzen. Aus einst geflügelten Gottesboten werden Teufel, die für den Abfall vom eigentlichen Schöpfer verantwortlich sind, habe ich unlängst bei einer theologischen  Tagung gelernt.

 

Wenn sich nicht nur Sie auf das Evangelium berufen, sondern ebenso unsere wiedererweckten amerikanischen Freunde voll davon überzeugt sind, im Namen Jesus Christus die Menschen in den Krieg um Öl zu schicken und im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit gerade das Gegenteil von dem bewirken, was Sie Jesus sagen lassen, ist dies doch ein weiterer Beleg, dass es nicht reicht, nur die Bibel wieder hochzuhalten oder einfach nach Glaubenswerten zu rufen. Auch die sich an Ihre Ausführungen anschließende Diskussion zeigte erneut, dass die alten Texte auch von Gleichgläubigen in völlig gegensätzlicher Weise verstanden, für eigene Werte missbraucht werden. Ist es daher damit getan, das Evangelium nur politisch zeitgemäß zur Sprache zu bringen? Oder wäre nicht vielmehr ein zeitgemäßer Verstand dessen gefragt, der dort in der Wirk-lichkeit des kosmischen Geschehens wie aller Geschichte gesprochen hat? Was außer unserer angeblich unumstößlichen Hypothese von einem anschließend christologisierten Heilsprediger als historisches Wesen spricht dagegen, die frohe Botschaft des nicht einfach mit Gott gleichzusetzenden Schöpfungswortes, das jüdisch-griechische Weisheitslehrer in der bekannten Gestalt verdichteten, in heutiger Sprache bzw. Weltwirklichkeit zu verstehen?

 

Was spielt es für eine Rolle, was ein junger Jude wollte, wenn Jesus nur der wäre, als den ihn Ihre Zuhörer in Frankenthal aufgrund Ihrer Ausführungen denken müssen? Warum sollte es nicht möglich sein, statt der Glaubensfiktion eines menschlichen Gottessohnes, die Vernunft allen naturwissenschaftlich nachgewiesenen Werdens als reales Wesen zu hinterfragen, den gemeinsamen schöpferischen Sinn/Logos als echten Sohn zu sehen und zur Maßgabe für unsere menschlichen Werte zu machen? Soll ich meinen Kindern allen Ernstes beibringen, dass sie sich nicht nach den Ansichten eines unbequemen antiken Wandergurus zu richten haben, den man nach seinem Märtyrertod zum Christusgott erhoben hätte? Sie richten sich, dem Creator sei Dank, weder nach meinen Worten, noch nach denen eines antiken Predigers, sondern suchen ihr Verhalten in eigener Einsicht vernünftig zu begründen. Wäre daher nicht vielmehr nach dem zu fragen, was der Schöpfer selbst in allem Werden sagt und will, was schöpferischer Vernunft ent-spricht? Was haben uns die frommen Forderungen eines antiken Sozialreformers heute zu sagen? Wenn selbst Ihren in heutiger Zeit als richtig erkannten Thesen keiner folgt, gleichwohl wir nachvollziehen können, dass dies der für alle sinnvolle Weg wäre, wie wenig wiegen da die Ansichten eines alten Guru, solange wir nur von menschlichen Forderungen ausgehen, dahinter nicht das die Welt bewirkende Schöpfungswort wahrnehmen?

 

Aus Religion ist mit der Aufklärung ein schwacher Trost geworden, allenfalls eine Antwort für das, was nach dem Tod kommt oder zur persönlichen Erbauung und Erklärung. Meist wird dann Glaube mit Gestrigkeit gleichgesetzt, verantwortlich für erstarrte Forschrittsverhinderung und Unfriede. Mit dem realen Leben, einer Voraussetzung zum gesellschaftlichen Gelingen, kreativer Weiterentwicklung, wird Religion kaum mehr in Verbindung gebracht. Dabei wäre es sicher zu kurz, die Religion nur als Instrument zur mehr oder weniger menschlich moralisierenden Manipulation der Massen zu sehen, wie das bei einem rein politisch sprechenden Jesus leider leicht missverstanden werden könnte. Doch lässt sich heute nicht gerade auch in Ihrer Gesellschaftsanalyse nachvollziehen, dass der Mensch als selbstbewusstes Wesen auf ein an und mit seinen Fähigkeiten wachsendes Gottesbewusstsein angewiesen ist? Die Wahrnehmung eines gemeinsamen vernünftigen Schöpfers im lebendigen Prozess die Voraussetzung ist, um sich dafür begeisternd auch im Leben wahre Vernunft zu wahren? 

 

Das schöpferische Wort, der in Kosmos und Menschheitsgeschichte gesprochene Logos (nicht einfach mit einem Gott oder einer Glaubenslehre gleichzusetzen, an den/die man einfach glauben muss, sondern den Glaube bewirkend) dem griechisch-jüdische Aufklärer vor 2000 Jahren die für die Vermittlung notwendige Gestalt gaben, kommt im heutigen Glaubensverständnis nicht wirklich vor. Wo es angeblich nur einen besonders menschlichen Sozialreformer ging, müssen auch alle hier geäußerten Überlegungen für meine Glaubensfreunde völlig absurd sein und werden gleichzeitig von außerhalb des Glaubens stehenden als fromme Schwärmereien ewig Gestriger abgetan. Die Frage nach einer höheren Vernunft als Voraussetzung zum vernünftigen Handeln, einer ganz natürlich nachweisbaren schöpferischen Sinngebung, die analog der bereits im Alten Testament genannten Weisheit, aus kosmisch-schöpferischer Ordnung abgeleitet, erst die menschliche Sozialordnung und Werte bestimmten kann, findet nicht statt.

 

Auch wenn es notwendig ist, die Probleme aufzuzeigen, so befürchte ich daher, dass wir zu sehr damit beschäftigt sind, uns gegenseitig die Fehler aufzuzeigen, als nach dem geistigen Fundament zu fragen, das eine Weltgesellschaft heute mehr den je tragen muss. Es mag nach der Aufklärung auf den ersten Blick vernünftig erschienen sein, sich von christologischen Aussagen der biblischen Überlieferung zu lösen. Doch zwingt uns das heute theologisch-geistesgeschichtlich vorhandene Wissen einerseits und das gesellschaftliche Geschehen andererseits, uns den bereits von Heraklith belegten Logos allen Lebens als das in der realen Schöpfung gesprochene Wort Gottes wieder zu vergegenwärtigen. Bei einer ganzheitlichen Betrachtung allen evolutionsbiologischen Geschehens, ist dies heute wieder möglich. Hierin kann in Anknüpfung an urchristliches Denken nicht nur ein philosophischer Logos, sondern der wahre Sohn Gottes/schöpferisches Wort bzw. Weltgeist gesehen werden, dessen menschliche Gestalt uns gut bekannt ist.

 

Wie Ihnen bereits geschrieben, bin ich nach jahrelanger theologischer Vertiefung völlig sicher, dass bei dem von Johannes geschilderte Jesus kein junger Sponti gesprochen hat. Wer wie Sie sagten, in die Menge gerufen hat zu ihm zu kommen „wenn Ihr dürstet“ war kein hochstabelnder Glaubensprediger und kein gesetzter Gott, sondern die schöpferische Weltvernunft, das den Schöpfervater, wie dessen Willen offenbarende Wort. Heute würden wir hiezu evtl. Software sagen, die hinter allem natürlichen Werden, aller Kreativität steht. Was ich erreichen will ist, dass genau nach dieser schöpferischen Vernunft, von der die Bergpredigt ausgeht, ohne die aber alle Forderungen m.E. nur Schall und Rauch bleiben, in neuer Weise gefragt wird. Es geht mir dabei weder um einen persönlichen kosmischen Christus, noch einen modernen Pankreationismus, in den alle glaubensbegründende Naturphilosophie - ob Galilei, Goethe, Spinoz oder Einstein - bisher münden musste. Auch moderner Monismus, der von einer kreativ-schöpferischen Vernunft hinter allem evolutionären scheinbaren Zufall ausgeht, kommt nicht weiter, wenn nicht neue Verbindungen zum Wesen des Neuen Testamentes hergestellt werden. Gerade von einem Denker wie Ihnen, dem es nicht darum geht, konservative Kirchenmauern zu erhalten und der keiner Christologiedogmatik verdächtig ist, könne ein Anstoß ausgehen, die Theologie dazu zu bewegen, neu nach dem eigentlichen Wesen unsers christlichen Glaubens zu fragen. Was bisher oft vorschnell vom Tisch der Realität gewischt und als historisch unhaltbar gelesen wurde, könnte so eine neue Bedeutung erfahren.

 

Auch wenn mich meine Freunde oder Glaubensgenossen für einen verrückten Utopisten halten, so sagt mir mein Verstand, die Betrachtung von Geschichte und dem Geschehen, in dem ich mit zwei Füßen stehe, dass wir durch politische Forderungen nicht weiterkommen. Die Hoffnung, dass durch einen säkularen Humanismus oder allein die Berufung auf die Bibel der Mensch zur Vernunft zu bringen ist, liegt hinter uns, halte ich für einen unrealistischen Traum. Dies hat uns die Geschichte gelehrt. Daher würde ich mir wünschen, dass Sie sich auch als theologischer Querdenker zu „Wort“ melden, zumindest mit den Ihnen gegebenen Gaben nicht einfach zum Glauben, sondern laut zum Nachdenken auffordern.

 

Die Kirche nur wegen ihrer konservativen Haltung zu den Frauen oder den Sexualansichten anzuklagen, erscheint mir zu wenig. Wenn an den Hochschulen längst analysierte wird, dass unsere christliche Theologie, somit unser Glaube in seinen Bedeutungsaussagen krank ist, dann liegt dort das Problem, das wir in der Gesellschaft beklagen, nicht umgekehrt. Wenn, wie ich in der Geschichte lerne, die Religionen den Menschen den Geist höherer Gesetzlichkeit zur Gemeinschaftsbildung zeit- und kulturgemäß vermitteln müssen, dann weisen die Probleme der Gesellschaft auf eine Panne bei den Prämissen derer hin, die für die Vermittlung zuständig sind. Wer jetzt den Zeitgeist für den fehlenden Glaube verantwortlich macht oder diesem hinterherläuft, zäumt das Pferd von hinten auf. Auch nicht mit der von Ihnen oft angegriffene konservative Dogmatik der päpstlichen Lehre lassen sich die Probleme der Gesellschaft und der Glaubenslehre lösen. Einen alten Zeitgeist festzuschreiben, der vormals vernünftige Berechtigung hatte, heute jedoch den schöpferischen Wille scheinbar auf den Kopf stellt, führt nicht nur die Vernunft ins Absurde, sondern hält letztlich die modernen Menschen von einer vernünftigen Auseinandersetzung mit dem Glaube ab.

 

Wenn sich heute die Jugend wieder den Weltproblemen zuwendet, nach Werten ruft und zum Petersplatz pilgert, dann zeigt das mit Sicherheit den Weg, den wir weiter gehen müssen. Auch dass Sie fast täglich im Fernsehen zu sehen sind und nicht andere Zeitgenossen, die fast gleiche Forderungen stellen oder Probleme anprangern, zeigt mir, dass man die Bedeutung des Glaubens für das Gelingen einer Gesellschaft neu zu erkennen scheint. Denn nicht Ihre Thesen gegen den Kapitalegoismus, die ähnlich die 68er bestimmten, für die RAF-Terroristen mordeten und Politiker still gestellt wurden sind es, warum auch die Stadtbücherei in Frankenthal bis auf den letzten Platz besetzt war. Gerade die Jugend sucht wieder nach einer Begründung der Werte im Glauben, einer Wahrheit, die über philosophische Ideologien und politische Ansichten hinausgeht. Als jemand, der nicht nur in fast jeder Talkrunde Papst und Kirche kommentieren muss, sondern der auch nach Jesus gefragt wird, lastet daher auf Ihnen eine ganz besondere Verantwortung.

 

Eine Frage, die Ihnen Ihr Gesprächspartner Dieter Mauer stellte, jedoch weitgehend unbeantwortet blieb, möchte ich nochmals wiederholen: Fehlt es am geistigen Fundament unserer Gesellschaft? Und ich frage aufgrund Ihrer ausweichenden Antwort weiter: Wollen wir nicht selbst die Rolle dessen einnehmen, den Sie in Ihrem Buch sprechen lassen, wenn wir denken, dass es die Politik oder menschliche Gesetze richten könnten? Und halten wir uns nicht zu sehr mit den Symptomen auf, wenn wir auf die Ihnen hinsichtlich eines geistigen Fundamentes in Frankenthal gestellte Frage nur wieder mit berechtigten Beispielen für gesellschaftliche Missbildungen antworten. Im konkreten Fall hatten Sie auf die Beipassoperation Bezug genommen, die jetzt in England jeder selbst bezahlen muss. Sie sagten dabei, dass es daran hängt, „dass wir alle auf dem Bimbes sitzen bleiben wollen“. Doch damit wiesen Sie selbst auf eine Problematik hin, die ganz tief reicht, letztlich nur theologisch zu lösen ist. Wenn wir meinen, Sozialgesetze wieder rückgängig machen zu müssen, auf die unsere Väter so stolz waren, dann stimmt etwas nicht mit dem Geist der gesamten Gesellschaft. Sind es zu viel kassierende Ärzte, Krankenkassen oder wir alle, die wir uns weigern einzuzahlen und nur egoistisch ausnutzen wollen? Nehmen nur weltweit agierende Unternehmer oder auch viele nicht arbeiten wollende ihre Verant-wort-ung nach schöpferischer Betätigung, einem Beitrag für die Gesamtheit nicht wahr. Wenn jeder nur für sich selbst kassieren will, das ökonomische Gesetz nur auf den Eigennutz bezogen wird, liegt das dann nur am Kapital? Oder fehlt es am Geist der Gesamtheit, der beim Großkapital nur besonders gravierende Folgen hat? Greifen wir nicht zu kurz, wenn wir Ackermänner und Aktienhändler anklagen, dabei die Anleger – uns alle vergessen – die wir nur dort Geld anlegen, wo die höchsten Gewinne gemacht werden, Lebensversicherungen die besten Rentenzahlungen versprechen? Sind es die Bauern, die Nahrungsmittelindustrie, die Metzger und Gentechniker, die uns nach und nach vergiften? Oder ist es ebenso der geile Geiz aller Verbraucher, der der gleichen egoistischen Unvernunft folgt? Auch dass die menschlich verursachten Klimaveränderungen und sonstigen Eingriffe in die ökologische Ordnung Auswirkungen eine Folge unserer ungezügelten Gier sind, weltweite Ungerechtigkeit bzw. Unwirtschaftlichkeit auf das Konto menschlicher Unvernunft insgesamt geht, ist inzwischen klar. Die rein menschlichen Idealen entspringende Vernunft, durch die unsere aufklärerisch-idealistischen Großväter eine humane gerechte und fortschrittliche Welt erhofften, die jedoch heute oft für den Abfall vom Glaube verantwortlich gemacht wird, braucht neue Nahrung von oben.

 

Ich weiß von was ich rede, sitze mitten unter denen, die sich jetzt über Harz IV beklagen, vor wenigen Monaten aber noch denen zujubelten, die meinten durch Kürzungen und Gesetze die Menschen zur Leistung bewegen zu können, die in einer Bürokratie ersticken, gleichzeitig aber ständig nach Gesetzen rufen oder durch ihr Verhalten dafür sorgen, dass ständig neue gemacht werden. Als Marketingmann der Sparkasse, die die Vortragsreihe in Frankenthal gesponsert hat, bin ich mitverantwortlich in einem Unternehmen, das gleichwohl nur dem Gemeinwohl verpflichtet, der gleichen Unvernunft folgt, wie wir alle, sich letztlich aber nur so am Leben erhalten kann. Doch wenn die Welt nicht nur in Bezug auf den im Westen ausbleibenden Nachwuchs ihre Zukunftsfähigkeit verloren hat, was hilft es dann, ständig Nachhaltigkeit und Verant-wort-lichkeit zu predigen, ohne nach dem Wort zu fragen, das alles Werden bestimmt – und das wie wir wissen ursprünglich auch allen gemeinsamen Werten zugrunde lag?

 

Nein, ich will keinen Kulturpessimismus verbreiten. Ganz im Gegenteil: Nur durch eine nüchterne Problemanalyse kommen wir weiter. Gegenseitige Anschuldigungen halten uns nur davon ab, nach dem Fundament zu fragen, das die Kulturen der Welt bis zur Aufklärung getragen hat. Denn ich bin sicher, der, den Sie in Ihrem Buch politisch sprechen lassen und der nach den alten Denkweisen nie einfach mit einem imaginären Schöpfergott gleichgesetzt wurde, lebt wirklich: Das schöpferische Wort wäre mit aufgeklärten Ohren zu hören. Ich gehe davon aus, dass uns die Freiheit und das in Aufklärung fortgeschrittene Denken die Fähigkeit gibt, neu nach einem Wort zu fragen, das alles kreative Werden bestimmt, so die wundersame Leseweise der biblischen Geschichten zu überwinden und von einem dort beschriebenen schöpferischen Logos in Menschengestalt ausgehend neu unmittelbar den Vater zu verstehen.

 

Wenn es stimmt was ich denke, bei den Evangelisten, wie ihren geistigen Vorgängern oder den Kirchenvätern nachlese bzw. mir die Exegeten beibringen, dass es sich beim historischen Jesus um den hoheitlichen Christus, das lebendige Wort in menschlicher Gestalt gehandelt hat, dann steht nicht nur das banalbuchstäbliche Verständnis der Bibel nach wie vor dem Verständnis des Schöpfers im Wege. Nicht nur die buchstäbliche Auslegung der Genesis und der angeblich wundersamen Geschichten hat die schöpferische Wirk-lichkeit seit der Aufklärung außerhalb das naturwissenschaftlich nachgewiesene Werden der Welt gestellt. Auch in der Diskussion um die Werte setzt sich eine selbstgefällige Menschlichkeit  der Gefahr aus, das Verständnis des Gotteswortes in der schöpferischen Wirk-lichkeit zu verhindern, gleichzeitig die Bedeutungsaussagen der Bibel völlig zu verkürzen.

 

Ich geben die Hoffnung nicht auf, dass Hiob bzw. der Zweifel an natürlich-biologisch und gleichzeitig göttlicher Sinngebung und gerechter Ordnung hinter uns liegt. Bereits die heutige Naturbetrachtung ist längst über den puren Zufall und das angeblich böse Fressen und Gefressen werden bzw. die sozialdarwinistische Betrachtung hinweg. Über biblische wie biologische Kurz-schlüsse hinaus wird der Mensch wieder zur Ein-sicht kommen, bei der weder das Recht des Stärkeren gilt, noch der Bananenklau oder die angebliche Biologie der Lüge zum Lebensmaßstab gemacht werden. Vielmehr wird die menschliche Umsetzung schöpferischer Vernunft/Sinngebung das Sein bestimmen. Der Mensch von Morgen hat Freiheit und geistige Fähigkeit. Er wird sich in einem neuen christlichen Selbstverständnis für ein schöpferisches Wort begeistern, das er nicht in spiritueller Vergeisterung, sondern wach denkend in aller natürlich-ökologischen Ordnung, wie allem evolutionären Werden wahrnimmt. Ein Wort, das nicht jenseits biblischen Glaubens gelesen, sondern auch als Thema der alten Theologie verstanden wird, die somit erst die Voraussetzung für ein zeitgemäßes Verständnis in der Gegenwart schafft. Der durch den echt lebendigen Jesus/Logos glaubende Mensch wird durch den entsprechenden Kult letztlich Lust dabei empfinden, diese höhere Vernunft in allen Lebensbeziehungen umzusetzen, ökologisch, nachhaltig, gesund, sozial gerecht in Gemeinschaft zu leben. Heute scheint nicht nur im Hinblick auf das Wissen um die natürliche Ordnung und die ganzheitliche Betrachtung des Geschehen in Miko- wie Makrokosmos, sondern auch das fortgeschrittene zeitgemäße Verständnis der Bibel die Zeit hierzu reif. Selbst die ständig von Ihnen zur Sprache gebrachte Notwendigkeit neuer weltweit gültiger gemeinsamer höherer Werte ist ein Hinweis darauf, dass im Gesamtwerk der menschlichen Genesis eine geistige Weiterentwicklung bevorstehen muss. Die Früchte der naturwissenschaftlichen Aufklärung und die geistige Freiheit, die uns der Schöpfer gegeben hat, sprechen nicht gegen ihn, sondern geben uns die Fähigkeit, sein Wort neu zu verstehen.

 

Alle Hoffnungen auf einen allein aus humanistischer Einsicht, Problembewusstsein oder gegenseitiger Forderungen und staatlicher Gesetze vernünftig handelnden Menschen, habe ich aus Geschichtserfahrung aufgegeben. Sie sind nach dem, was wir über den Geschichtsverlauf und die Gegenwart wissen unhaltbar. Nicht die Systeme verursachen die Fehlentwicklungen, sondern ihre Anwender. Die unsichtbare Hand, die bei Adam Smith noch vorhanden war, die Verantwortung, die die soziale Marktwirtschaft funktionieren ließ und der Chorgeist, der kommunistische Gesellschaften halbwegs getragen hat, lassen sich nicht durch menschliche Worte herbei beschwören. Nicht träumerische Glaubensvergeisterung oder Anhängen an alten Traditionen, sondern die Vernunft und Logik sagen uns heute, dass wir auf eine höhere Stimme neu hören müssen.

 

Gerade am heutigen Himmelfahrtstag, der von vielen als Vatertag feuchtfröhlich gefeiert wird, wäre Zeit, über ein unmittelbares, universelles Verständnis des Schöpfer-Vaters und Gottes unserer Väter nachzudenken. Himmelfahrt Jesus ist in diesem Sinne nicht als fromme Geschichte zu abzutun, die aus altorientalischen Legenden abgekupfert wurde, um einen jungen Juden hochzuloben, wie dies die heutige Hochschultheologie letztlich denkt, sondern ein historisch zu ortendes Geschehen, bei dem der Logos/das schöpferische Wort seinen Platz in der himmlischen Ordnung (gleichzeitig aller Evolution des kosmischen Geschehens wie menschlichen Geistes) geschichtlich hatte und wieder neu einnehmen wird.

 

Wer sich nicht nur die geistigen Hintergründe der Zeitenwende vergegenwärtigt, sondern gleichzeitig auch die auf kosmischer Wirk-lichkeit gründenden durchdachten Theologien der alten polytheistischen Kulturen, in denen Moses bzw. der in frühhellenistischer Zeit hebräisch-prophetisch neu entfachte Monotheismus erwachsen ist, der kann es nicht damit bewenden lassen, bei der Peson Jesus nur nach einem Guru zu fragen, der ethische Forderungen stellte. Bei den Bedeutungsaussagen des christlichen Credo, die laut heutiger Theologie oft nur literarische Anleihen zur Verherrlichung eines zum Gott gemachten Guru gelesen werden, lässt sich der Verstand des Logos nachweisen, war der bereits lebendig, den Sie in Ihrem Buch zur Sprache bringen.

 

Auch wenn heute, wie Sie sagen, sich meist jeder seine eigenen Werte macht, ist das nur ein weiteres Argument für die Suche nach der Wahrheit, die, wie sich Dank dem uns gegebenen Wissens nachweisen lässt, wirklich in dem verkörpert war, den Sie in ihrem neuen Buch sprechen lassen. Warum die in Kosmos und Geschichte vor 2000 Jahren aufer- bzw. wiederver -standene Weisheit, das Wort, der Logos gegen alle rein philosophische Erkenntnisströme eine menschliche Gestalt annehmen musste, es nie und nimmer aber nur um einen zum Christus-Gott erhobenen Menschen oder ein vorgesetztes Gottesbild gegangen sein kann, würde hier zu  weit führen. (Dies ist Thema unzähliger Texte, die ich unter www.theologie-der-vernunft.de hinterlegt habe.) Doch nach dem schöpferischen Wort wäre neu zu fragen, um zu einem wahrhaft universellen Fundament zu finden, wie es vor 2000 Jahren in kosmischer Realität als kreative Wirk-lichkeit  wahrgenommen wurde und in einer technisch fortgeschrittenen, zusammengewachsenen, arbeitsteiligen Welt die Überlebensvoraussetzung für einen Frieden zwischen den Kulturen ist.

 

Nicht zuletzt in den im Anschluss an Ihren Vortrag von mir geführten Diskussionen ist mir wieder deutlich geworden, wie allein ich zwischen den Stühlen sitze. Während die Einen den gesamten Glauben als gestriges Geschwätz, verantwortlich für Unfriede und Unvernunft halten, fühlen sich die Gläubigen zutiefst angegriffen, wenn man an der Richtigkeit des jeweils persönlichen Glaubens zweifelt. Selbst Christen, die in Jesus Christus keinerlei Problemlösungskompetenz mehr sehen, für die meine Beschäftigung mit Jesus allenfalls weltfremd ist, halten dessen Wahrnehmung als in aller Kreativität lebendiges Schöpfungswort für völlig absurd. Jeder hat sich einen Rest von Religiösität bewahrt, eine meist innerer Haltung folgende Gottesvorstellung zurechtgelegt. Und wer daran wackeln will, wird abgewehrt. Ob die erhobenen Werte dann wirklich aus einem realen schöpferischen Wort abgeleitet werden, scheint keine Rolle zu spielen.

 

Doch lerne ich von Alt- wie Neutestamentlern ständig, dass es in der Bibel nicht um fromme Forderungen oder Anschuldigungen gegenüber Un- oder Andersgläubigen geht, sondern die ewige Weiterentwicklung der monotheistischen Gottesvorstellung. Und wer das schöpferische Wort in allem evolutionären Werden hören will, davon überzeugt ist, dass hier der lebendig ist, den Sie als Sozialreformer zur Sprache bringen, für den liegt im Glaubensfortschritt der Wille schöpferischer Vernunft. Doch ohne ein Problembewusstsein, das vor dem eigenen Glauben nicht halt macht, nur die da oben, ob Papst, Wirtschaft oder Politik verantwortlich macht, kommen wir nicht weiter. Den Gordischen Knoten, nach dem in Frankenthal gefragt wurde, können m.E. daher nicht Politiker durchschlagen, sondern anerkannte politisch-philosophisch-theologische Denker, die wie Sie eine Autoritäre auch für Glaubensthemen haben. Die Fähig besitzen, lautstark unbequeme Fragen zu stellen.

 

Auch wenn mir bei Ihren Ausführungen über den mit seinen Freunden am Straßenrand fromme Forderungen stellenden Jesus wieder bewusst wurde, wie absurd meine Überlegungen zu einem vor 2000 Jahren lebendigen Logos in Menschengestalt für Sie sein müssen, so will ich es nicht aufgeben. Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann, lerne ich ständig und kann dies auch bei Ihnen beobachten. Und wenn ich nicht von Ihren theologisch-philosophischen Fähigkeiten, Ihrem tiefen Bezug zur Schönheit der Natur bzw. Ihrer Fähigkeit zu deren ganzheitlicher Betrachtung, wie Ihren Willen zum Glaubensfortschritt und ihre Gabe zum kreativen Queredenken überzeugt wäre, würde ich diese Zeilen nicht schreiben. Weil aber kreatives Querdenken nicht nur bedeuten kann, anders zu denken bzw. abzulehnen, sondern neue Verbindungen herzustellen, würde ich mir von Ihnen Anstoß für Fragen erhoffen, die zu völlig neuen fruchtbaren Ein-sichten führen.  

 

Wenn ich mich erneut an Sie wende, dann in der Hoffnung, dass von jemand wie Ihnen ein ernsthaftes Nachfragen nach dem wahren, zeitgemäß zu vermittelnden Wesen Jesus ausgehen könnte. Zumindest einen ermunternden Anstoß oder Argumente, die gegen eine solche Sicht des christlichen Glaubens sprechen, erhoffe ich. Der Spiegel, den ich als „Unternehmen Aufklärung“ zu Weihnachten aufgefordert hatte, bei der Theologie die konsequente Umsetzung des selbst zutage geförderten Wissens anzustoßen, hat mich wissen lassen, dass er nur ein Nachrichtenmagazin sei und mit meinem Anliegen überfordert wäre. (In diesem ebenso unter www.theologie-der-vernunft.de zu findenden Text habe ich auch überlegt, warum der Anstoß zum Weiterdenken von Außen kommen muss.) Von Neutestamentlern, die mit ihren Bestsellern bisher nur das alte Paradigma beschrieben, das Bild des vermenschlichten Jesus bzw. eines daneben gesetzten Gottesbildes mit der Muttermilch aufgesaugt haben, eine neue Perspektive des historischen Geschehens zu verlangen, scheint aussichtslos. An der feststehende Hypothese, dass es beim historischen Jesus um einen einfachen Menschen geht, scheint kein Theologe wackeln zu wollen. Wer ernst genommen werden will, muss diesen Weg dann mitgehen, auch wenn er ständig verlangt, den hoheitlichen Jesus Christus mit dem historischen zusammen zu lesen. Wir sind auf freie Querdenker wie Sie angewiesen, die sich trauen auch theologisch lautstark gegen den Strom zu schwimmen und unbequeme Fragen zu stellen.

 

In Ihren Schlussausführungen zur Frage nach Mitstreitern für ihre sozialen Thesen haben Sie mir erneut wieder deutlich gemacht, dass es auf der Suche nach dem richtigen Weg nicht darum gehen kann, der Mehrheit zu Folgen, sondern die als richtig erkannte Wahrheit konsequent zu vertreten. Doch die Diskussion ist es, die uns im Dialekt weiterbringt. Daher würde ich mich freuen, von Ihnen zu hören, was an einem Denken falsch sein sollte, das die in allem kosmischen Werden lebendige Weisheit in zeitgemäßer Sprache als Wegweiser zu einer ethisch, sozialen, wie ökologischen Ordnung verstehet? Was spricht dagegen, den heute in allem Werden lebendigen Offenbarer zur Sprache zu bringen, den Sie in Ihrem Buch nur politisch sprechen lassen?

 

Ich hoffe verständlich machen zu können, dass es mir nicht um einen neuen kosmischen Christus geht oder eine abgehobene Glaubenslehre geht. Auch wenn der Grund eines ur-christlichen Glaubens im lebendigen schöpferischen Wort gesehen wird, so steht nicht der Abbau des Bibelwortes auf dem Programm. Vielmehr sind die Bedeutungsaussagen der Bibel erst der Wegweiser zu einem neuen Verstand. Dieser ist keine theologische Tautologie, sondern bestätigt die alten Inhalte durch das in kosmischer Wirk-lichkeit gesprochene Wort, eine neu nachweisbare Vernunft allen kreativen Werdens.

 

Durch kritische Fragen wären die für die Forschung in Sachen Glauben Verantwortlichen zu bewegen, schöpferische Tat-sachen zu suchen, die über das Turiner Grabtuch oder ähnliche Belege für die Wahrheit des Gotteswortes weit, weit hinausgehen. In diesem Sinne hoffe ich, dass ich Ihnen Denkanstöße geben konnte und Sie trotz Ihres vollen Terminkalenders etwas Zeit für eine kurze Rückmeldung finden.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

 

Gerhard Mentzel

 

 

 

 

Als ich Sie am Donnerstag nach Pfingsten in „Berlin Mitte“ hörte, dache ich wieder, wie unmöglich mein Anliegen für sie sein muss: Der Mann hat andere Sorgen. Doch im Laufe Ihrer Diskussion mit Parteieinberatern und Ottmar Schreiner wurde mir gleichzeitig wieder deutlich, wie not-wendig es ist, erneut nach dem Sinn gebenden sowie den gemeinsamen Schöpfer offenbarenden Wort zu fragen. Wenn von der einen Seite gut gemeinte Lösungen – beispielsweise zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit - von anderen Politikern für die Probleme verantwortlich gemacht werden. Wenn, wie sich in Umfragzahlen zeigte, gleichzeitig die Mehrheit der Menschen erkennt, dass die Politik keine Lösungskompetenz hat, es egal ist, wen man am Sonntag wählt. Was nützt es da, mit Jesus nur einen Reform-Politiker ins Rennen zu schicken?

 

Wenn auch Ihr ehemaliger SPD-Wahlkreisgegner Albrecht Müller in seinem neuen Buch „Die Reformlüge“ seine Partei anprangert, weil im politischen Geschäft derzeit nur leere Versprechungen gemacht werden. Was bringt es da, die schöpferische Sinngebung bzw. den Grund eines aufgeklärten universalen Glaubens, wie ihn griechisch-jüdische Weisheitslehrer vor 2000 Jahren in der Gestalt Jesus vermittelten, weiterhin nur politische Reden halten, gut gemeinte Forderungen stellen zu lassen?

 

Der Jesus von Morgen wird sich politisch einmischen. Er ist kein Hoffnungsschimmer im Abendgebet ewig Gestriger, der mit der heutigen Lebensrealität nichts zu tun hätte oder bibelfrommen Zeitgenossen und theologischer Lehre zu überlassen wäre. Von einem neuen Verständnis des historischen Jesus erwarte ich ein neues Selbstverständnis, in dem der aufgeklärte Mensch die Wirk-lichkeit Gottes nicht mehr jenseits das Wissen stellt, sondern im Wunder allen Lebens schöpferisches Wort versteht und daher verant-wort-lich: ökologisch und weltökonomisch handelt. Sich seiner urmonotheistischen und urchristlichen Wurzeln neu bewusst, wird sich der Mensch von Morgen im christlichen Kult für den sichtbaren Logos, das lebendige Wort des einen gemeinsamen Gottes in allem natürlich-evolutionären Werden beigeistert. Er wird sich als mitverant-wort-liches Teil der realen Schöpfung verstehen und ent-sprechend handeln.

 

Auch die Diskussion, die Sie bei Maischberger mit jungen Moslemfrauen über die Auswüchse des Islamismus führten zeigte, wie notwendig ein neues Verständnis, ein Hören des eigentlichen Schöpfungswortes für ein vernünftiges gesellschaftliches Verhalten in einer aufgeklärten Welt ist. Bibel wie Koran werden bei rein buchstäblich-dogmatischer Anwendung völlig willkürlich interpretiert, können auf heutige Weise den notwendigen gemeinsamen Geist der immer globaler denkend und handelnden Gesellschaft nicht geben, sondern trennen. So wie die  Moslems den Koran für das eigentliche Gotteswort halten, ohne im naturwissenschaftlich beschriebenen Kosmos hören zu können, berufen sich auch Juden und Christen auf ihr eigenes Buch, ohne nach dem lebendigen Schöpferwort zu fragen. So kommen wir nicht weiter, kann der universale Geist, den theologische Denker vor 2000 Jahren in Händen hielten, nicht zur heutigen Realität werden. Der damals gesehene Logos, Sinngebung bzw. Wille dessen, der alles ganz natürlich wachsen, gedeihen und werden lässt, wird im Nahen Osten, wie im Kapitalismus des Westens auf den Kopf gestellt. Doch die Probleme der Welt werden weder durch einen Rückfall in religiösen Fundamentalismus, noch gut gemeinte religiös begründete Forderungen gelöst. Die theologisch-christologische Diskussion der frühen Kirche um das Wesen des Gotteswortes bzw. Jesus, die nicht zuletzt auch zum Entstehen des Islam führte, gilt es wieder aufzunehmen. Friede zwischen den Kulturen schaffen wir nicht durch oberflächliche Ethikangleichung oder allein das Bewusstsein eines gemeinsamen Gottes. Gefragt ist die Berufung, Sinngebung und Wegweisung in einem dem gesamten kreativen Werden der Welt zugrunde liegenden gemeinsamen Wort, das in den unterschiedlichen Kulturen weithin verschiedenartige Ausformungen und Namen hat.

 

Als Sie dieser Tage in der Sparkassenzeitung zurecht den Raubtierkapitalismus, exzessive Megafusionen und Megarenditen bei gleichzeitig steigender globaler Armut und Arbeitslosigkeit anprangerten, argumentierten, dass weder Kommunismus noch Ego-Kapitalismus die Lösung bringen, brachten Sie das Problem m.E. nur im Symptom zur Sprache. Sie beklagen:: "Vor fünft Jahren begann ein neues Jahrhundert. Aber sozial und ökonomisch hat es kein neues Säkulum gegeben." Doch wo ist im theologischen Denken, in unseren Geisteswissenschaften, die die Voraussetzungen für ein vernünftiges Miteinander erst legen, das 3. Jahrtausend zu sehen?

 

Sie sind als theologischer Denker gefragt. Denn die notwenige Wende im Kopf der Menschen setzt ein veränderten Welt- und Glaubensverständnis voraus. In zahlreichen Aufsätzen, die unter www.theologie-der-vernunft.de aufgelistet sind, sich derzeit auch mit der Entstehung des Monotheismus, der aus natürlich-kosmischem Werden abgeleiteten Weisheit bzw. dem Alten Testament als Beleg für den im damaligen Weltbild erkannten schöpferischen Logos befassen, versuche ich zu belegen, wie durch ein neues Verständnis des ursprünglich historischen Jesus Christus hierzu der Weg zu bahnen wäre. Warum gerade naturbegeisterte Menschen bzw. Bergsteiger wie Sie gebraucht werden "neue Wege nach oben" zu finden, ist dort auch in einem Brief an Reinhold Messner zu lesen.

 

Die auf dem evangelischen Kirchentag im Hinblick auf die Globalisierung geforderte Globalisierung des Herzens kann nicht durch ein grundloses globales Gefühl hervorgerufen werden. Um ein aufgeklärtes universelles Gottesverständnis und einen davon ausgehenden zum vernünftigen Handeln führenden Geist in Bewegung zu setzen, müssen Menschen die ernst genommen werden, die in den Medien Gehör haben, die Frage nach dem biblischen und christlichen Wesen wieder aufwerfen. Dem notwendigen globalen Gefühl bzw. Glauben sowie dem gesamten gemeinschaftsbildenden Kult gilt es einen neuen Grund zu geben, der in der kreativen Wirk-lichkeit der Welt zu suchen und zu sehen ist.