Hören des einen Schöpfungswortes:

  Herkunft des Gesetzes

 Heimat Jesus

 

Wie neue Erkenntnisse über die Entstehung des Monotheismus und der Tora im Juda der nachexilischen Zeit Wegweiser für einen modernen, auf das präsente präexistente Wort Gottes gründenden christlichen Glauben sein können.

 

 

                                                                                                                               Pfingsten 2005

 

Sehr geehrter Herr Dr. Markus Sasse,

 

mit „Esra und Nehemia“ standen Texte auf den Stundenplan unseres biblischen Themenabends, in denen ein einfacher Bibelleser auf den ersten Blick kaum mehr als mysteriös-erbauliche Übertreibungsliter finden wird, Erzählungen über die heldenhafte Heimkehr der nach Babylon verschleppten Juden, den neuen Tempel- und Stadtmauerbau in Jerusalem oder Auseinandersetzungen der jüdischen Brudergemeinden, die uns heute kaum was beibringen können und die, wie Sie sagen, auch vom Fachpublikum bzw. der theologischen Ausbildung kaum beachtet werden. Doch was ich bei Ihnen hörte, waren erneut wieder Steilvorlagen für ein neues Verständnis unseres biblischen Glaubens bzw. ein neues christlich-monotheistisches Jesus- und somit Selbstverständnis, über das ich Sie und andere Theologen ständig bitte nachzudenken:

 

Nach all dem, was Sie uns als biblische Grundlage beibringen, können wir Glaube nicht mehr dem Gefühl oder einem geheimnisvollen Geist überlassen. Können wir monotheistische Offenbarung nicht mehr als sonderbare Eingebung, wundersame Erlebnisse von Einzelgestalten außerhalb der Weltwirklichkeit sehen. Vielmehr müssen wir die uns vom Schöpfer gegebenen Gaben des logischen Denkens gebrauchen, um aufgrund unseres Wissen um natürliches Werden schöpferische Wirk-lichkeit in der realen Welt wieder zu sehen.

 

1. Neue Erkenntnisse über Monotheismus müssen zu einem neuen Verstand führen

 

Wenn wir ernst nehmen, was Sie uns aufgrund archäologischer Funde und neuer geschichtlicher Erkenntnisse über die Entstehung der Bibel und die Herkunft des den drei Buchreligionen zugrunde liegenden Monotheismus beibringen, dann müssen wir neue Fragen stellen. Bei einem weiter so im banalen Lesen der biblischen Bilder – insbesondere des Neuen Testamentes - haben nicht nur Ihrer archäologischen Kollegen umsonst geschuftet, sondern werfen wir die gesamten Gaben des Schöpfers, der scheinbar für ein ständig fortschreitendes Verständnis seines Wortes sorgt, vor die Säue. Wenn es stimmt, dass der biblische Monotheismus, auf den wir uns berufen, in der theologisch-denkerischen Auseinandersetzung der aus dem Exil heimgekehrten und vom persischen Himmelsgott begeisterten Juden entstanden ist, die auch im Lenker ihrer leidvollen Geschichte den einen Schöpfer wahrnahmen, von hier aus auch die gesamte Tora zu lesen ist, hier das jüdische Gesetz seinen Ursprung dann hat, muss nicht nur der Text der Chronisten von Esra und Nehemia mit neuen Augen gelesen werden. Wenn in der Nachexilszeit alte Mythen und Weisheiten des gesamten Orient aufgegriffen und damit in einer Art Rückprojektion die mit Moses überschriebenen Texte der Tora zum Gesetz erhoben wurden, das wir als wesentlichen Teil des Alten Testamentes kennen, müssen wir dann nicht nach dem Geist kosmisch-geschichtlicher Wirk-lichkeit fragen, der zur Entstehung des Monotheismus geführt hat und der mit Sicherheit auch als Grundlage der alten Mythen und Weisheitslehren gesehen wurde?

 

Nur zu wissen, dass der Monotheismus keine einem Nomaden mit Namen Abraham oder einem Moses genannten Volksbefreier zauberhaften zugefallene Gnadengabe des Anfangs war, jetzt die Teilnehmer biblischer Themenabende mit neuen Erkenntnissen über den wahren Geschichtsverlauf und die geistigen Hintergründe des geschichtlich Geschriebenen intellektuell zu beeindrucken, ist zu wenig. Gerade weil wir wissen, dass die Tora nicht das Produkt eines Vielschreibers mit Namen Moses ist, der hier u.A. über seine wundersame Volksbefreiung berichtet, können wir in neuer Weise darüber nachdenken, welches Wesen sich hinter seiner Person verbirgt, warum Moses wirklich der Verfasser der fünft nach ihm benannten Bücher war und welche Befreiung geschichtlich stattgefunden hat.

 

Wie in „Der Weg ins gelobte Land“ dargestellt, haben mich Erkenntnisse Ihrer alttestamentlichen Kollegen veranlasst, diese als Zeugen dessen aufzurufen, was nach meiner fester Überzeugung nicht nur Begründung des altbiblischen Monotheismus war, sondern – u.A. aufgrund des ständig bei Ihnen Gehörten – das eigentliche Thema auch des Neuen Testamentes ist: das in Schöpfung wie Geschichte gesprochene Wort. Nach allem was wir heute wissen, können wir darauf schließen, dass auch im ursprünglichen Hervorbringen des Glaubens an den einen Geschichts- und Himmelsgott das gleiche Wort gehört wurde, das wir Christus und Heiland nennen und das nicht einfach als Gott gesetzt werden kann, sondern uns erst aufgrund einer kosmisch-geschichtlichen Wirk-lichkeit auf den einen himmlischen Vater verweist. Sie wissen, dass ich dabei nicht an einen jungen Juden denke, sondern nach dem lebendigen Schöpfungswort fragen will, das in christlich verdichteter Form den alten Monotheismus erst reif für die Welt werden ließ. Ein Schöpferwort, das nicht im jüdischen Gesetz, sondern erst in der menschlichen Gestalt weltweit messianische Wirksamkeit entfaltete, die die alten Juden erwarteten.

 

Wer den historischen Jesus für einen Wanderguru hält, der zum Gottessohn gemacht wurde, wie dies heute jeder Hochschullehrer tun, (damit man ihn überhaupt ernst nimmt) der kann weder in der Hervorbringung des Gesetzes die Handschrift Jesus lesen, noch im Jerusalem der Nachexilszeit die Heimat Jesus suchen. Doch wer im Grund unseres Glaubens die menschliche Ausformung eines lebendigen Wortes, einer schöpferischen Weisheit vermutet, die im Plan der menschlichen Geschichte ebenso deutlich hervortritt, wie in der kosmisch-himmlischen Ordnung, der sieht am von Ihnen deutlich gemachten Ausgangspunkt des biblischen Monotheismus weit mehr als ein zufälliges Zusammenwürfeln verschiedener Göttervorstellungen. Für den stellen sich auch in dem, was Sie als archäologische Geschichtsrealität nachweisen, ganz andere Fragen an die Fachwelt.

 

Selbst wenn Sie meine Sichtweise eines in allem naturwissenschaftlich nachweisbaren Werden wahrnehmbaren Wortes als persönliche Spiritualität abwerten wollen und meiner an manchen Stellen möglicherweise allzu laienhaft-allegorischen Deutung der biblischen Berichte nicht folgen, so können sie doch als Religionswissenschaftler weitermachen wie wenn sie nicht wüssten, worauf der Glaube an den einen Gott in seinem Ursprung gründet. Aufgrund der heutigen Erkenntnis können sie sich nicht weiter auf wundersame Offenbarungs-Eingebungen bei Einzelgestalten berufen, sondern müssen auf wissenschaftlich-theologische Weise nach dem in Geschichte und natürlicher Genesis gesprochenen Wort als Grundlage des biblischen Glaubens und seiner christlichen Reform fragen.

 

2. Die geistesgeschichtliche Realität in Geografie und Gestalten erkennen

 

In zwei Landkarten haben Sie uns das damalige Geschehen verdeutlicht, die Verschleppung der geistigen Oberschicht aus Israel nach Babylon und die später vom persischen Großkönig abgesegnete Rückkehr nach Jerusalem. Sie haben so ein historisches Geschehen dargestellt, das den Hintergrund für die Hervorbringung des Monotheismus bildet, den wir noch lange nicht ausgeschöpft haben. Ich will keineswegs an der geschichtlichen Wahrheit des Exils; der Verschleppung einer geistigen Oberschicht nach Babylon, ihre Bedeutung in der persische Hochkultur oder der Heimkehr und Auseinandersetzung mit dem daheim gebliebenen Volk des Landes zweifeln. Auch wenn wir wissen, dass der Exodus bzw. Auszug aus Ägypten keine Geschichtsrealität im bisher verstandenen Sinne ist, so soll nicht auch noch das Exil angezweifelt werden. Doch drückt sich nicht hier wie da in einer geografischen Darstellung eine geistesgeschichtliche Realität aus, um die es den Geschichtsschreiber im Eigentlichen ging? Und könnte der scheinbar notwendige Verlauf eines kreativen Wachsens des monotheistischen Glaubens damit nicht auch für uns heute wegweisend sein?

 

Sie haben uns keine reine Schriftlehre von Esra und Nehemia gegeben, sondern die geschichtliche Realität dargestellt, wie sie sich aufgrund archäologischer Funde und heutiger Textdeutung darstellt. Doch wer von dem ausgeht, was Sie uns über das damalige Juda und Jerusalem sagen, der fragt sich, ob in den beiden Büchern wirklich nur ein Bautagebuch für eine neue Tempelanlage beschrieben ist oder die von Ihnen dargelegte Hervorbringung einer monotheistischen Theologie das Thema des Chronisten ist? Wenn wir von einem durchdachten Glauben ausgehen, der erkannte, dass der entleerte alte Glaube Ursache für die Verschleppung ins Exil war, Gott sich der Macht der persischen Könige bedient bzw.hinter dem Geschichtsverlauf eine logische Folge steht., gleichzeitig wissen, wie hier ein für die gesamte Welt bedeutender Monotheismus entstand, sich auf kleinstem Raum ein bildloser Kult nachweisen lässt, können wir dann annehmen, dass es bei Esra und Nehemia nur um eine Art Baubericht für einen Tempel geht, der nach Ihrer archäologischen Deutung nicht größer als ein heutiges Haus gewesen sein kann? Oder steht beim Tempelbau der Neubau des Präsenzortes Gottes im Vordergrund? Und ebenso wenig scheint die Stadtmauer um eine Kleinstadt mit Tausend Einwohner das Thema zu sein, sondern der Verstand schöpferischer Vernunft, des Gotteswortes, der Jerusalem eigentlich ausmacht und den es zu befestigen gilt.

 

Sie haben uns darauf hingewiesen, wie auch bei uns noch bis ins Mittelalter die jeweiligen Weltbilder mit Jerusalem als Mittelpunkt als geografische Landkarten vorzufinden sind. Es sind Karten, die ein Weltbild wiedergeben und keine geografische Beschreibung. Auch als ich letztes Wochenende auf Burg Brohl eine solche Karte sah, in der die gesamte damalige Welt nachzuvollziehen, selbst Sizilien als Insel bedeutungsvoll eingezeichnet war, ging es mir durch den Kopf, wie schwer wir uns tun, wenn wir diese Karten dann immer wieder als falsch bezeichnen, weil sie mit dem realen geografischen Bild der Welt nicht übereinstimmen. Und ich dachte dabei nicht an die Karte, die dem daneben stehenden Kreuzritter sicherlich nicht als Vorlage für die Reiseroute diente, sondern eine geistige Realität im damaligen Weltbild verdeutlichte. Wollten uns die biblischen Verfasser nicht vielmehr auf ein vom ewigen Gotteswort ausgehendens Welt- und Gottesbild verweisen, als schöne historische Begebenheiten, wie wir sie versuchen trotz besserem Wissen noch immer als literarisch angereicherte fromme Reden zu deuten? Gleichwohl wir wissen, dass die Bibel uns so wenig eine banale Volksgeschichte und Erlebnisse einzelner Menschen beschreibt, wie die Landkarte auf Burg Brohl eine geografische Grundlange für die Kreuzzüge sein konnte, machen wir weiter, wie wenn wir dies nicht wüssten. Wen wundert es dann, wenn die Reise nach Jerusalem nicht weitergeht, immer weiter zurückführt.

 

Wenn nach der Wahrheit der biblischen Geschichten gefragt wird, dann kommt das schöpferische Wort nicht vor. Nicht nur die Weltpresse hält ab und zu ein Holzstück als Teil der Arche Noah hoch oder will aufgrund geschichtlicher Begebenheiten und Gestalten nachweisen, dass die Bibel doch wahr ist. Auch in der angeblich modernen Exegese wird die Wahrheit des Moses dann nicht in einem aus ägyptisch-polytheistischen fortschreitenden Vorstellungen, aus Menschenvergötterung und Mystifizierung befreiten Monotheismus gesucht. Vielmehr wird jetzt statt von einem schriftstellenden Gestzgeber auf eine im Grunde unbedeutende Gestalt übergegangen. Genau der Weg, den wir auch bei der Deutung des Neuen Testamentes gehen, dabei die Hoheitlichkeit Jesus immer weiter reduzieren. Unsere gesamte biblische Leseweise scheint letztlich gegen besseres Wissen einer Deutung zu folgen, die immer wieder versucht, die geschichtliche Wahrheit nur auf das zu beschränken, was analog auf der mittelalterlichen Landkarte geografisch richtig scheint. Ich stimme Ihnen zu, dass wir nicht wissen können, was die damaligen Theologen dachten. Doch dass sie sowenig banale Geschichtsdarstellung geben wollten, wie die mittelalterlichen Weltbildmaler eine geografische Landkarte, wissen wir. Und dieses Wissen bitte ich Sie konsequent umzusetzen, damit die Bibel nicht weiter nur als verdorrtes Blattwerk verstanden wird.

 

Wenn wir doch wissen, dass auch in der Bibel keine Banalgeschichten beschrieben sind, müssen wir dann nicht in neuer Weise nach dem Jerusalem fragen, in dem nach der Heimkehr der Juden vom Geist des persischen Großkönigs beauftragt der Tempel gebaut und die Stadtmauer erneuert wurden? Ich will die vielen schönen Geschichten der Bibel nicht einfach ausradieren. Doch um den Blumen im Garten Raum für neues Gedeihen zu geben, müssen wir bereits sein, die verdorrten Blätter zu entfernen. Wie derzeit in den Weinbergen scheint auch im geistigen Garten aus dem beschnitten Stock, nicht aus dem Boden oder der Luft, neues Leben zu wachsen. Aus eingefangenem Sonnenschein, der erkannten kosmischen Wirksamkeit, kann in natürlicher Synthese nur Wein werden, wenn der alte Stock neu austreibt.

 

3. Mit Esra und Nehemia die Reise nach Jerusalem fortsetzen, am Tempel bauen

 

Wäre das in alten Texten beschriebene Jerusalem daher nicht als der kartografischer Merkposten für den gesamten monotheistischen Glauben zu sehen, auf den wir uns ständig zu und wieder wegbewegen? War es wirklich nur ein Streit um Mischehen, wie ich ihn aus meiner Jugendzeit noch kenne, der hier in der Bibel an einer so bedeutenden Stelle am Beginn des Monotheismus beschrieben wird? Und handelt es sich bei den aufgeführten Heimkehrern nur um ein Flüchtlingsverzeichnis, bei dem maßlos aufgetischt wurde, wie bei uns später alle Ostpreußen Großgrundbesitzter waren? Welche Geschlechter waren es, die jetzt wirklich heimkehrten und den Tempelbau wieder errichteten, den neuen Präsenzort des einen unsichtbaren, unabbildbaren Gottes begründeten? Nein, ich will jetzt nicht Exegese betreiben. Das ist Ihr Job, der Sie das hierzu ein Wissen besitzen, über das ich immer nur begeisternd staunen kann.

 

Doch wenn uns nicht die Story von Problemen mit der antiken Baubehörde beschrieben wird, sondern die Knechte des Gottes des Himmels und der Erde das vormals gebaute großartige Haus wieder aufbauten, das durch die Torheit der eigenen Väter verfallen war, dann müssen wir nach dem neuen Geist fragen, der hier geweht hat, das historische Geschehen des bildlosen Monotheismus ermöglichte. Wenn nicht die geografische, sondern die geistige Heimkehr im Vordergrund steht, warum soll uns dies nicht Wegweisung für das heutige Weltbild sein, in dem seit der Aufklärung die Oberschicht in einer Art Exil lebt, Sprachverwirrung betrieben wird. Wurde damals, wie Ihr Doktorvater heute lehrt, eine eigene Glaubenssprache gesprochen oder bestand nicht genau darin der Beginn des Monotheismus, dass im antiken Weltbild auch der fremden Hochkulturen der eigene Gott der Väter verstanden wurde?

 

Wurde der Tempel als Sitz eines Gottes verstanden oder darin der für das irdische Verständnis notwendige Präsenzort eines selbst unsichtbaren Schöpfers gesehen, der fortan in keinerlei menschlichen Steinfiguren oder zweibeinigen Stellvertretern mehr angebetet wurde? Müssen wir nicht auch heute wieder heimkehren, um mit dem aufgeklärten Wissen um die Bedeutungsinhalte der biblischen Bilder einerseits und das natürliche Werden der Welt, die logische Ordnung aller Ökologie und des gesamten Himmels andererseits nach dem auch geschichtlichen und schöpferischen Handeln Gottes zu fragen? Die gebrochene Treue zum einen echten Schöpfergott, die Ehe mit fremden Frauen lässt aus dieser Perspektive dann ganz neue Fragen und Einsichten zu. Denn dass der Chronist mit dem das Verlassen der Gebote, die zur  Fremdherrschaft führten, nur auf moralische Verfehlungen anspielt, kann ich nicht mehr glauben. Vielmehr scheint mir die Verschleppung als eine Folge des fehlenden Verstanden oder Missverstandes dessen gesehen worden zu sein, was durch den Mund der Propheten gesprochenes Schöpferwort war. Das goldene Kalb wurde vergötzt, ein inhaltloser Kult, bei dem der Herr des konkreten Kosmos nicht mehr vorkam oder nur pantheistisch als Allnatur selbst angebetet wurde. Dies machten die Chronisten für die Fremdherrschaft, die Gefangenschaft bei Hochkultur verantwortlich. Gerade im Hinblick darauf, dass der biblische Monotheismus erst aus der Nachexilszeit hervorgegangen ist, das Wort erst hier eindeutig gehört wurde, stellten uns Möglicherweise die Chronisten auf verschiedene Weise die Chronik des universalen Schöpfergottverstandes vor.

 

Wenn damals im Exil aus Opferpriestern „Fleischermeister, die für den Grill zuständig waren“ Schriftgelehrte wurden, die einer durchdachten Theologie dienten, müssen wir nicht auch heute aus Babel zurückkehren? Ist es allein damit getan, einem Kult zu opfern, der im fremden Weltbild des naturwissenschaftlichen Denkens nicht mehr ernst genommen wird, somit entleert ist? Feiern wir nicht gerade heute an Pfingsten ein Denken, das die Sprachverwirrung überwand, müssen von selbst erbauten Theologie- und Bildungstürmen herabsteigen, um die Sprachverwirrung zu heilen? Kann der Text, der am Beginn des biblischen Monotheismus entstand und von dem aus erst das gesamte Alte Testament zu lesen ist, nicht auch für uns heute Standortbestimmung sein? Warum lesen wir nur von alten Wegweisungen in die Zukunft, Rückkehr zum wahren Gott der Väter aus fremdem Land, ohne dass wir denken, auch in unserem Weltbild etwas ändern, die Perspektive erweitern zu müssen, um zum lebendigen Gottesdienst zurückzukehren?

 

Das von Ihnen dargestellte Großreich der Perser, das von Afghanistan bis Ägypten reicht, ist sicherlich eine geografische Realität. Doch diese hat einen geistigen Hintergrund im Himmelsgott, dem eine kosmische Wirk-lichkeit zugrunde liegt, die bei unserem heutigen christlichen Historien- und Bibelverständnis leider kaum eine Rolle zu spielen braucht. In der Vielgestaltigkeit des antiken Kultes ist eines durchgängig nachzuweisen: die kosmische Begründung des Glauben in ganz konkretem Gotteshandeln. Auch wenn sich dies auf völlig verschieden Weise ausdrückt, so sind es nicht Buchstaben, sondern durchdachte Kosmologien, die den Kult begründen. Der Logos – vernünftiges Gotteshandeln, schöpferische Ordnung und Sinngebung  - lässt sich nachvollziehen in polytheistischen, wie pantheistischen Vorstellungen. Auch wenn der kosmische Bezug für Eschnaton eine Selbstverständlichkeit ist und in vielen heidnischen Kulturen weit deutlicher zu Tage tritt, als in der biblischen Tradition, so konnte auch die erste biblisch-monotheistische Theologie nicht ohne eine auf ein durchdachtes konkretes Handeln Gottes in Geschichte und Genesis auskommen. Der Monotheismus der Nachexilszeit kann kein zufällig zuammengewürfelter Kult mit Absolutheitsanspruch und Ablehnung alter Göttergestalten gewesen sein, sondern muss einer kosmisch-schöpferischen Ein-sicht entsprungen sein, hat seinen Grund in einer theologisch durchdachten schöpferischen Wirk-lichkeit gehabt. An die Stelle von Gottesbilder war das Wort getreten: eine schöpferische Wirk-lichkeit, die im realen Werden erkannt war. Genau hier vermute ich den Logos/das Wort, von dem das Gesetz erst ausgeht und das die Heimat dessen ist, den wir  im christlichen Credo als Grund des Glaubens an den einen Gott bekennen.

 

4. Vom Wort ausgehen, das erst zu Monotheismus und Gesetz geführt hat

 

In dem Johannes als Credo an den Eingang seines Evangeliums stellt, dass am Anfang das Wort war, das ursprünglich Gott war, hat er nicht nur eine auf die Schöpfung selbst bezogene Feststellung getroffen, sondern m.E. auch die Entstehung des Monotheismus beschrieben. Was wir als verkürzte Weihnachtgeschichte lesen, ist nicht das ausgeschmückte Märchen von einem zum Gottessohn gemachten Menschen, sondern Monotheismusgeschichte. Der Anfang des Monotheismus konnte nur von einem wahrgenommenen konkreten schöpferischen Wort ausgehen, das vormals im durchaus auf einen Göttervater hinauslaufenden Pantheon mehr oder weniger mit Gott gleichgesetzt wurde, erst jetzt im jüdischen Monotheismus dann als Repräsentant des himmlischen Gottes, Sinngeber und somit Willensvermittler zu sehen war. In der neutestamentlichen Verdichtung und Reform der unzähligen alten mystischen und monotheistischen Vorstellung, wie wir sie bei den Evangelisten lesen, lag ein Forschritt, der ohne die alten Traditionen abzuschneiden ein Neues Testament begründete: Das Wort, der Logos, der bereits Grundlage der bisherigen Glaubensvorstellungen war, scheint dann im griechischen Denken neu wahrgenommen worden und zur inhaltlichen Füllung geführt zu haben, der weit über eine Gesetzlichkeit hinausging.

 

Wenn wir wissen, dass sich Großkönige wie Pharaonen als irdischer Vertreter, himmlische Ordnung umsetzende Repräsentant einer im damaligen Weltbild verstandenen kosmischen Realität verstanden, müssen wir hier nicht den Monotheismus weiterentwickelnd wieder entdecken? Wieso blättern wir nur im Buch, frönen einem Kult um die angebliche Wiedererweckung eines Wanderpredigers, den wir in Wirklichkeit längst nicht mehr als den Kosmokrator anerkennen, den schöpferischen Logos verstehen, der in den frühen Kirchen oftmals kulturübergreifend abgebildet wurde ohne einfach ein Gottesbild zu sein? (Wie wir es heute betrachten, wenn wir vom Christus sprechen.) Wie können wir annehmen, Denker, die wenige Jahrhunderte nach der Neuentdeckung des Monotheismus die alte Theologie des Gesetzes reformierend auch für Griechen denkbar machten, hätten ein Geschichtswesen als Gott verherrlicht, wie wir es heute für den historischen Heiland halten? Auch im Hinblick auf die Kultformen und Philosophien, die wie wir immer besser erkennen, in Konkurrenz zum Christentum standen, weitgehend mitpraktiziert oder mitgedacht wurden und sich alle auf einen konkreten kosmischen Grund bzw. Weltgeist beriefen, ist es einfach unvorstellbar, dass nur das der Glaubensgrund gewesen ist, was heute an den Hochschulen als historischer Heiland gelehrt oder als hoheitlicher Gottessohn allein aus dem Gesetz abgeleitet wird.

 

5. Vom Exil aus zu Ein-sicht und Ein-verständnis des Wortes kommen

 

Geht nicht mit dem von Ihnen dargestellten wechselnden Sprachverständnis auch ein Wandel der Weltsicht einher, die sich in verschieden Schrifttypen jeweils anders ausdrückt? An der Karte haben sie deutlich gemacht, wie sich die zurückgebliebene multikulturelle Landbevölkerung mit den aus fremden Hochkulturen heimkehrenden Juden um den wahren Glauben stritt, hieraus der neue Monotheismus des dritten Jesaja hervorging. Im internen Bruderkampf zwischen dem alten Landadel, der später als Heidentum betrachtet wurde und des neuen Israel, scheint sich die kreative Wirkung entfaltet zu haben, die zu einer neuen Erkenntnis des universalen Creators führte. War es 450 vor der Zeitenwende wirklich nur fauler Kompromiss im kulturellen Kampf zwischen den Heimkehrern, die sich als geläutert  bzw. gereinigt verstanden und dem alten Glauben? Oder hat sich durch den Neuverstand des Alten Gottes ein Fortschritt ergeben, der bereits auf das schöpferische Wort schließen lässt?

 

Wenn Sie Esra als den ersten Toragelehrten deuten, im Alten Testament das Gesetz des Himmelsgottes sehen, der aus Babylon kommend in Jerusalem verkündet wurde, war dies nur ein blinder Kult oder durchdachte Theologie, die in fremder Kosmologie-Wirklichkeit das Wirken des Gottes erkannte, der die eigene Geschichte lenkt? Warum machen wir heute die Vernunft, das Wissen um das natürliche Werden für die Entleerung der Glaubensinhalte verantwortlich, zweifeln an Gottes Allmacht, statt in all dem die logische Hand des Schöpfers zu sehen? Könnte es nicht sein, dass wir ähnlich wie bei dem im alten Israel verbliebenen Kult keine Verantwortung für die Verschleppung der Oberschicht sehen, sondern letztlich den Schöpfer bzw. die uns von ihm gegebene Aufklärung verantwortlich machen? Gleichwohl Prof. Berger die Krankheit der christlichen Theologie analysiert, sie längst Tagesordnung ist, sind wir nicht bereit darüber nachzudenken, dass auch unser Problem in unseren untragbaren Glaubensprämissen liegen könnte? Wo ist heute ein Nachdenken darüber, dass nicht der Schöpfer, sondern unsere theologischen Vorstellungen für die Entleerung des Glaubens, die heutige Logosblindheit, fehlendes Gehör des lebendigen Schöpferwortes bzw. die Vereinnahmung des Denkens durch das naturwissenschaftlich-aufgeklärte Weltbild verantwortlich ist? Wo wird selbst in dieser Entwicklung versucht einen ganz natürlich-schöpfungslogischen Verlaufes nachzuvollziehen? Wir berufen uns auf den Gott der Geschichte, sind aber weit davon entfernt, im Geschichtsverlauf bzw. dem Schicksal des christlichen Glaubens ähnlich wie die aus dem Exil Zurückgekehrten, die Handschrift des Schöpfers zu sehen.

 

Doch ist nicht auch heute die buchstäbliche Glaubensleere, wie damals der alte Tempel, längst nicht mehr das Präsenzbüro des lebendigen Schöpfers? Ist die Vereinnahmung des Glaubens durch die Lehre des rein natürlichen Werdens nicht als eine logische Folge der vorangegangen Entleerung nachzuvollziehen? Mir ist bewusst, dass Sie einen Vergleich der damaligen Situation mit der Gegenwart weit von sich weisen. Und Sie gar auf die Stufe mit den Fleischerpriestern zu stellen, die nur noch das Feuer eines alten Opferkultes am Leben erhalten wollen, liegt mir fern. Mit Sicherheit wollten die Chronisten keine theologische Anleitung für das 3. Jahrtausend schreiben, haben nicht sonderbare Vorausahnungen unserer Aufklärungsbedingten Glaubensentleerung zu den biblischen Erzählungen geführt. Doch die Geschichtsmuster auf dem Weg wachsender Erkenntnis bzw. aller Schöpfung scheinen sich immer wieder zu gleichen. Entweder wir lernen aus Erfahrung oder aus Schaden. Die schriftliche Verfassung der alten Erfahrung mit der wachsenden Erkenntnis vom lebendigen Wort, der universalen, für den gesamten Kosmos geltenden ewigen Schöpfungslogik, könnte uns davor bewahren, die alten Fehler zu wiederholen. Das ist es, was ich auch aus Esra und Nehemia bzw. Ihrer Darstellung der damaligen Geistesprozesse lernen will. Denn gilt es nicht auch heute an dem Präsenzort des wirk-lich lebendigen Schöpfers zu bauen. Allein alte Buchstaben zu drehen und wenden, kann die notwendige Präsenz heute nicht mehr bieten. Solange wir die alten Lehren und Mythen nur als literarischen Steinbruch betrachten, ohne die kosmische Grundlage des alten Glaubens, den damals in durchaus verschiedener Begrifflichkeit wirksamen Logos/schöpferische Weisheit/Wort mitzubetrachten, bleibt der Monotheismus ohne den Grund, der damals war. Wenn Sie im Nebensatz ihren Zuhören vermitteln, das Johannes möglicherweise auf ein Buch des Alten Testamentes zurückgeht, in Themenabenden die Psalmen als Hauptlieferant für das Neue Testament nachweisen oder Ihre Kollegen das christliche Credo aus dem alten Ägypten ableiten, dann muss auch dort der schöpferische Logos als Offenbarungswesen nachgewiesen werden und gleichzeitig als Wesen reformierten Monotheismus der Zeitenwende gesehen werden. Solange wir alles historisch kritisch nur auf immer ältere Mythen und Literaturstücke zurückführen, ohne darin gleichzeitig den Logos, das lebendige Wort nachzuweisen, wir nur leeres Stroh gedroschen. Zumindest muss dies alle aufgeklärte Welt annehmen.

 

6. Logos lesen, statt leeres Stroh – Vom Fleischermeister zum neuen Verstand

 

Tradition hat Zukunft: aber nicht, wenn wir nur aus der Aufklärung zurückkehren, um auf intellektuelle Weise Fleisch auf den Grill zu werfen, die biblischen Bedeutungsinhalte historisch-kritisch abbauen, sondern nur, wenn wir sie wie damals mit den Gaben der scheinbar fremden Hochkultur inhaltlich füllen. Wer nur nachweist, wie der Titel des Gottessohnes für königliche Repräsentanten Gottes oder Göttergestalten gebraucht wurde, ohne auf die Vernunft/den Logos einzugehen, der wie auch die alten irdischen Stellvertreter nie Gott selbst war, sondern echt schöpferischen Ursprungs und somit die alten Göttergestalten und Gottmenschen ersetzte, der nimmt dem christlichen Glauben seinen Grund, macht ihn zur religiösen Ideologie, die fiktive Bedeutungsgestalten vorschiebt, um den Menschen billigen Trost zu spenden und sie unter Einsatz psychologischer Traditionsmittel zu moralisieren. 

 

Solange wir in Jesus nicht den Sohn Gottes sehen, der ganz real den alten Tempel abreißt und die Präsenz Gottes wieder herstellt ohne selbst nur ein leeres Buchstabenbild zu sein, scheint mir auch das intellektuelle Grillen aufgrund neuzeitlicher Erkenntnisse nur ein Geplänkel, an dem sich der im alten Kult verbliebene Adel geistig erwärmt: Grillfest im Bibelhaus, statt Umsetzung des Erkannten für eine Theologie des aufgeklärten Verstand vom Wort Gottes. Was durch die Gaben unsers geschichtlichen und biblischen Wissens einerseits, wie der universalen, rund um den Globus anerkannten Kosmologie des naturwissenschaftlichen Weltbildes andererseits, heute wieder möglich wäre.

 

Wenn wir wenigstens wahrnehmen würden, dass ein Monotheismus nicht in den Schoß fällt, nicht nachts im Schlaf die Einsicht vom einen Schöpfer kommt, sondern in kosmischer Realität durchdacht werden muss, hätten sich Ihre Darstellungen von der Geburtsstunde unsers Glaubens an den einen Gott schon gelohnt. Ein universales Weltbild, wie es bei Jesaja zur Präsenz des einen Gottes führte, ist heute vorhanden, wird an den Schulen der gesamten Welt gelehrt. Nur dass wir das nicht auf die Reihe mit unseren Religionsbildern bringen, das präexistente Offenbarungswesen in einem wundersamen Guru und das Wirken Gottes somit nach wie vor in wundersamen Naturbrechungen wahrnehmen müssen, scheint das Problem. So ist ein moderner Monotheismus nicht zu machen, ein Gott, der nicht nur für das eigene Gesetz als Lehre zuständig ist, sondern von dem die gesamte schöpferischen Logik ausgeht, wie Sie es für das damalige Denken nachweisen, ist so nicht wahrzunehmen. 

 

Die Erkenntnis eines schöpferischen Wortes im kosmischen Geschehen, ist keineswegs auf Juda zu begrenzen. Vielmehr ist der Verstand des schöpferischen Wortes in vielfältiger Form nachzuvollziehen, im kosmischen Götter-wirk-lichkeiten, ebenso wie in späterer Philosophie oder ägyptischen Kosmologien. Wie Sie wissen, versuche ich selbst in den von Ihnen dargestellten Erkenntnissen über die Synagogen der Diaspora zur Zeit Jesus die Zeugen eines kosmisch begründeten neuen Glaubens zu sehen, der aus Ägypten, Antiochien oder Athen kommend dann auch in der christlichen Gnosis des gesamten Mittelmeerraumes deutlich ist. Doch im Stammland des Monotheismus, in dem Sie jetzt aufgrund der Funde für die Zeit des zweiten Tempels einen völlig bildlosen monotheistischen Kult und Ausgangspunkt des alten Testamentes darstellen, scheint eine völlig neue Qualität im Verständnis des einen Schöpfers durchdacht worden zu sein, die später dann auch in Qumran im Ein-sicht zwischen jüdischer Weisheit und griechischer Philosophie neu durchdacht wurde. Denn wer die die Bezugnahme des Neuen Testamentes auf das Alte Testament ernst nimmt, der kann doch nicht allen Ernsten weiterhin annehmen, dass nur ein Wanderguru zum Wort/Logos Gottes wie eine Art Gott verherrlicht wurde.

 

Wenn bereits in der Nachexilszeit gesehen wurde, dass von Israel die Strahlen ausgehen, die immer wieder die gesamte Welt zum einen Gott führen, handelt es sich da um ein Land, wie sie es uns an die Landwand werfen, der verbriefte Lehre eines Tausend Einwohner zählenden Dorfes mit Namen Jerusalem und eines Tempels in Größe eines heutigen Hauses oder wäre nicht vielmehr das Verständnis eines im gesamten Globus wirksamen, lebendigen Wort/Logos, einer ewigen Vernunft/Software allen Werdens das Wesentliche? Wenn die jüdische Tora, das himmlische Gesetz ist und wie wir wissen keine banale Volksgeschichte, vom neu erfahrenen Monotheismus aus erst das Altes Testament verfasst bzw. zur Verfassung erhoben wurde, müssen wir dann nicht neu nach dem schöpferischen Gesetz der lebendigen natürlichen Genesis fragen, die echt von oben ausgeht? Dass damals der Perserkönig Darius den Juden nur ein Gesetz verordnete, damit man Frieden gab alte Mythen zum Volksgesetz erhob, kann ich nicht mehr glauben, seitdem Sie mir beibrachten, wie hier der bildlose Monotheismus hervorgebracht wurde. Wie im Neuen Testament, wo angeblich alles vom Auferstanden aus gelesen werden muss, ist im Alten Testament von einem lebendigen Wort auszugehen, von dem aus die alten Mythen als universales Gesetz verstanden wurden.  

 

Wenn stimmt, was Sie uns im Lichtbild an die Leinwand werfen und mit archäologischen Funden belegen, dass wenige Jahrhunderte vor der Zeitenwende in Juda ein völlig bildloser Kult existierte, der Monotheismus entstanden ist, dann muss uns das neu zu denken geben, müssen wir hier nach dem fragen, was in Jesus wieder lebendig wurde. Die Umwelt der Bibel besteht dann nicht mehr aus Zelten mit Hammelherden, wie sie im Vortragsraum des Bibelhauses ausgestellt sind. Doch nicht die Nahtodeserfahrung eines rebellischen Besserwissers, der mit seien Fischerfreunden um den See Genezareth zog bzw. dessen kirchlicher Vergötterung kann dann den Monotheismus begründen, sondern der Verstand des lebendigen Wortes in der bekannten Gestalt. Nicht was frommen Männern nachts im Traum an Einsichten kam müssen wir als Offenbarungen bewahren bzw. kann als biblisches Gotteswort den Glauben begründen, sondern schöpferische Tat-sachen. Weder Astralgottheiten, noch Buchgötzen gilt es zu bewahrheiten, sondern den wahren Schöpfer. Sein Name bzw. seine Funktionsweise ist in Anknüpfung an biblisches Wissen neu zu hinterfragen. Hierzu hat Sie der Schöpfer mit einem enormen Wissen befähigt.

 

7. Sie sind gefragt, die Geschichte Israels fortzusetzen, neu nach dem Urtext zu fragen und die Menschen zu Hörern zu machen

 

In der modernen kritisch-historischen Exegese gilt der Rückgriff auf den Grundtext als unabdingbare Voraussetzung. Theologische Wissenschaftler forschen daher heute nach dem unverformten Urtext. Doch reicht es dazu aus, nur alte Handschriften nachzulesen oder wäre im Wissen um die Entstehung des Monotheismus das Handeln Gottes, das schöpferische Wort als eigentlicher Urtext neu verstehen? Warum streiten wir uns nur über Pünktchendeutungen auf winzigen Papyrusschnipsel, beklagen, dass es leider keinen verlässlichen Urtext mehr gäbe, wenn das lebendige präexistente Wesen dessen, auf den der Glaube gründet bzw. nach dem Sie ausgebildet wurden, in aller Welt wahrzunehmen ist? Warum kann es nicht die Aufgabe von Religionswissenschaftlern sein, in den antiken Vorstellungen von kosmischem Werden, das sich auch in den verschiedenen Sprachvorstellungen (ob Hebräisch, Aramäisch oder Griechisch) nachweisen lässt, nach dem zu fragen, was in der Person Jesus lebendig war? Damit meine ich nicht, nur noch hebräische Texte gelten lassen zu wollen, sondern nach dem Verständnis kosmischer Ordnung, schöpferischer Weisheit zu fragen, das sich in den alten Sprachen ausdrückt und in den von der Reformation aussortierten Weisheitstexten (die damals keinen sichtbaren hebräischen Ursprung hatten) deutlicher ausdrückt, als in den uns ans Herz gewachsenen Büchern der Bibel. Gleichwohl die mit Sicherheit vom gleichen Offenbarungswort ausgehen. Die heute gerade in Qumran ausgegrabenen alttestamentlichen oder in Nag Hamadi wieder entdeckten gnostischen Schriften können dazu mit Sicherheit ein Wegweiser zu sein. Wenn auch die Juden zur Zeit des babylonischen Exils das Aramäische kennen gelernt, dann auch für ihre eigene Schrift weiterentwickelt haben und dabei das phönizisch-althebräische nie in Vergessenheit geriet, vielmehr zur Zeit Jesus eine wahre Renaissance erlebte, dann uns das mit Sicherheit mehr zu sagen, als wir heute sehen wollen, wenn wir nur nach der Heimatsprache eines Heilspredigers fragen.

 

Wir sind angewiesen auf das, was das Judentum in seinem Wesen ausmacht: Das Hören des lebendigen Schöpfungswortes. Denn sowenig es einen Urtext des Alten Testamentes in Schriftform gibt, wird vom Neuen Testament ein Text zu finden sein, der uns Verbindlichkeit gibt. Vom Alten Testament wissen wir, dass es völliger Unsinn wäre, nach den Worten eines Volksbefreiers mit Namen Moses zu forschen, der biblische Monotheismus nicht der nächtliche Einfall eines Einzelmenschen ist. Es ist daher unerklärlich, wie wir weiterhin das Neue Testament lesen wollen, wie wenn es um den Tonbandmitschnitt eines Reformjuden ginge, dessen Ansichten wir in der Rekonstruktion einer Q-Textes nachstellen könnten. Dabei haben wir Texte in der Hand – ob neuerdings in Qumran ausgegraben, in urchristlicher Gnosis oder Apokryphen, ebenso wie der gesamten Weisheitsliteratur und den neutestamentlichen Schriften selbst - die uns mehr als deutlich machen, dass es nicht um die Ansichten eines Menschen ging, sondern das lebendige Schöpfungswort maßgebend war. Wir wissen, wie sich beispielsweise in Syrien zur Zeit Jesus die Ein-sicht zwischen jüdischen, römischen und griechischen Göttervorstellungen entwickelte, wie den alten Göttern nicht einfach neue Kleider verpasst wurden und was in Alexandrien gedacht wurde. Wir können nachvollziehen, wie auch der hereinbrechende Hellenismus bzw. griechische Philosophie und der römische Kaiserkult eine neue denkerische Auseinandersetzung notwendige machte, bei dem der Gott des Himmels im eigenen wie im fremden Weltbild seine Ent-sprechung hatte, der eine Sprecher des Wortes wahrgenommen wurde und sich so ein wahrhaft universaler Glaube an den einen Gott entwickelte. Wenn wir all das sichten, was Sie wissen, dann können wir doch nicht weiter nach den warmen Worten eines Wanderguru forschen, die für die Menschen heute eh völlig nebensächlich sind, keine Maßgabe sein können.

 

Das lebendige Wort, das am Anfang des biblischen Glaubens die Feder führte ist es, das von Ihnen verlangt durch das vorhandene Wissen um die Hintergründe der Heilsgeschichte bezeugt zu werden. Wenn stimmt, was Sie uns beigebracht haben, dann ist es mit Ihrer bisherigen Darstellung der Geschichte Israels nicht getan, sondern sind Wissenschaftler wie Sie gefordert, die Menschen von heute zu modernen eigenständigen aufgeklärten Hörern zu machen.

 

Vergessen Sie meine spekulative Übertragung des historischen Exilsereignisses auf heute. Schieben Sie auch meine Deutung des schöpferischen Wortes im natürlichen Werden zur Seite, die Sie eh als spirituell abtun. Doch ein neutestamentlicher Wissenschaftler wie Sie kann doch nicht allen Ernstes weitermachen, wie wenn er nichts wüsste, Moses und Jesus gute Männer sein lassen. „Wenn dein Kind dich morgen fragt“ lautet das Motto des evangelischen Kirchentages. Und mir ist wirklich schleierhaft, wie Sie später erklären wollen, trotzt allen Ihres Wissens weitergemacht zu haben, wie wenn es im Neuen Testament nur um einen hochgejubelten jungen Juden ging, der christliche Glaube auf Buchstaben bauen würde. Wenn in Hannover nachgedacht wir „Wie können wir glauben?“, „Wie können wir leben?“, „Wie können wir handeln?“, dann sind keine Sonntagsprediger gefragt, die sagen was zu glauben sei, Lebensziel oder Verhaltensweise. Wissenschaftler wie Sie könnten die Menschen zu Hörern machen, auf das allem Werden zugrunde liegende lebendige Wort hinweisen,  das - wie wir als Christen bekennen - einzig dazu in der Lage ist, die heute auf dem Kirchentag gestellten Fragen zu beantworten. Wenn dort im Hinblick auf die Globalisierung nach einer Globalisierung der Herzen gerufen wird, dann ist es mit gemeinsamer Gefühlsduselei nicht getan. Ein gemeinsamer Geist, wie er bei Esra und Nehemia seinen Anfang nahm und am Beginn christlicher Zeitrechnung theologische Tagesordnung war, bedarf wissenschaftlich arbeitender Neutestamentler wie Sie, die nicht nur die abgegrasten Hypothesen ihrer Professoren nachbeten, sondern neu nach dem einen universalen Schöpferwort fragen, wie es im rund um den Globus gelehrten Wissen um das evolutionäre Werden und die kreative Ordnung des Kosmos wieder verständlich zu machen wäre.    

 

Auch wenn die Druckerschwärze Ihres Buches noch kaum trocken ist, sind Sie aufgrund Ihres Wissens gefordert, die „Geschichte Israels“ bzw. des ein-sichtigen Gotteswortverständnisses fortzusetzen. Nur eine wundersame Volksgeschichte nachzuerzählen, erscheint mir eben so wenig, wie Ihre Leser und Hörer mit aktuellen Abrisserkenntnissen intellektuell einzulullen. Auch in der Geschichte von Esra und Nehemia haben Sie deutlich gemacht, dass es in der Bibel um die Geschichte im fortschreitenden Gotteswortverstand geht. Mir steht es nur zu, Sie auf dieses in allem natürlichen kosmischen Werden aufgeklärt denkend verständliche Wort/eine universelle Vernunft, den heute lebendigen Logos, der den Monotheismus neu zeitgemäß begründen kann, hinzuweisen. Es liegt an Theologien wie Ihnen, die hierzu Wissen und Fähigkeit haben, die Bedeutungsinhalte unseren christlichen Credos in einer schöpferischen Realität zu begründen und den Menschen ein aufgeklärtes Verständnis des Gotteswortes zu ermöglichen: Das wahr zu machen, was am Anfang des Monotheismus wie des christliche Glauben begründete Hoffnung war, schon ist, aber scheinbar immer weiter vollendet werden muss.

 

Mit freundlichen Grüßen und echt großer Hochachtung

 

Gerhard Mentzel

 

 

Mir ist bewusst, das ich mit meinen Thesen völlig außerhalb des heutigen theologischen Denkens stehe und auch von den im Glauben verhafteten Zeitgenossen, deren Vorstellung aus meiner Perspektive leider nur als eine Art modernen Götzendienstes zu sehen sind, nicht verstanden werde, meine Sichtweise Gottes abgelehnt werden muss. Wo durch das buchstäbliche Verständnis der biblischen Geschichten der Glaube völlig außerhalb das natürliche Wissen, die Logik gestellt wird, scheint es für Gläubige unvorstellbar, in dem vom Schöpfer gegebenen Wissen um das natürliche Werden die irdische Präsenz Gottes, das in Jesus beschriebene präexistente Offenbarungs-Wesen wahrnehmen zu wollen. Und egal, was Sie aus der Bibel berichten, macht sich dann jeder ein rein persönliches Bild von Gott bzw. schöpferischen Handeln. Mit Jesus hat das dann dieses Schöpfungsverständnis eh nichts zu tun. Jeder glaubt im Grunde etwas Anderes, hat – auch wenn er sich zum Schöpfer bekennt - ein anderes Schöpfungsverständnis und nennt dies Monotheismus bzw. beruft sich auf Christus.

 

Doch ein Religionswissenschaftler wie Sie kommt ehrlicherweise nicht umhin, die Schöpfung wieder als die eigentliche Offenbarung sehen zu wollen, die sie in biblischen Zeiten nachweislich war. Und genau hierzu kann nur ein neues Verständnis des historischen, wie hoheitlichen Jesus die Voraussetzung schaffen.

 

Sobald man die Bibel von vorne zu lesen beginnt, geht es um Schöpfung. Das Schöpfungshandeln Gottes (aus meiner Perspektive das von Ihnen für die Zeit nach dem Exil nachgezeichnete Hören des Schöpferwortes im kosmisch bzw. geschichtlichen Geschehen, wie ich es penetrant von Ihnen verlange) ist die Brille für alles, was danach zu lesen ist. Auch wenn wir, wie Sie mich immer belehrten, wenig über die Verfasser der Texte und ihr Denken wissen, so ist doch sicher, dass sie den Ursprung des natürlichen Alles nur im gemeinsamen Schöpfer sehen. Alle Text im Alten wie im Neuen Testament führen dieses Thema, das damals eben kein Geheimnis oder aus alten Gesetzen abgelesen, sondern ein Selbstverständnis aufgrund logischen Sehens schöpferischer Ordnung war, fort. Das Wunder der Schöpfung bestand nicht in Naturbrechungen, sondern dem ganz natürlichen Werden, das vom Anfang an, wie in alle Zeiten verstanden wurde. Unzählige biblische Texte zeigen uns, wie das wunderbare, sinnvolle Zusammenspiel der Elemente, die Vernunft des Werdens der Grund der Gottesbegeisterung war. Nicht nur in den das Neue Testament speisenden Psalmen ist dies immer wieder deutlich nachzulesen. Die gesamte Weisheitsliteratur und die prophetische Rede vom Gotteswort lässt auf ein Verständnis des Schöpfers in seiner sichtbaren irdischen Wirk-lichkeit schließen. Und an diese Wurzel will ich anschließen.

 

Sie wissen besser als ich, dass nach unserem heutigen Deutungswissen nirgends in der Bibel von wundersamen Zauber oder einer Geheimsprache zu lesen, dem die Schöpfung entspringt und die Offenbarung des Schöpfers. Auch wenn sich das damals naturwissenschaftliche Weltbild von heute unterscheidet, die Verfasser der Glaubenstexte auch keine naturwissenschaftliche Beschreibung im heutigen Sinne abgeben wollten, so können wir doch nur darüber staunen, wie sie die Vernunft beschrieben, die immer wieder das Chaos stabilisierte, zur schöpferischen Ordnung führte, ein Leben hervorbrachte, das Anlass zur Freude gab, Wohlstand für alle bringen sollte. Das harmonische Gefüge, wie wir es heute in wissenschaftlicher Sprache beschreiben, war Garant des Gotteshandelns. Tag und Nacht, die Zeit des wachen Menschen, wie der Dunkelheit, alles war in Weisheit gemacht, ein wunderbarer kunstvoller Organismus, bei dem die Elemente ineinander greifen, ähnlich wie wir es heute erst in ganzheitlichen Beschreibungen des evolutionären Werdens formulieren.

 

Und bei allem, was Sie und Ihre Kollegen mir über das großartige Denken der alten Hochkulturen und der Hebräer beibringen bin ich sicher, dass auch die Rede vom verborgenen An-gesicht Gottes, wodurch alles verstört und zu Staub wird, nicht nur eine fromme Rede, sondern wohldurchdachtes Wissen um die Notwendigkeit der Sichtweise des einen Schöpfergottes war.

 

Und nur darum geht es bei all meinen Thesen bzw. dem permanenten Verlangen nach einem Hinterfragen des wahren Jesus. Nicht Gott hat sein Antlitz abgewendet. Wir sind es, die sein reales schöpferisches Wirken in der heutigen Welt nicht sehen wollen, einen jungen Juden wie eine Art Gott hochhalten und gleichzeitig über die Säkularisierung der Welt und Sinnentleerung klagen. Wir sind es, die darüber reden, wie Gott sein Schöpfungsprinzip in die Welt eingestiftet hat, in Bibelabenden darüber berichten, wie aus der Weisheit alles geworden ist. Wir wissen, zwar, wie diese als personifiziertes präexistentes Wesen das Thema der Testamente ist, Gott sein Wort gegeben hat und fragen nicht danach, sondern lesen nur Mythen, begründen literarisch oder in persönlichen Glaubensvorstellungen und Gefühlen, statt all dort den ewig lebendigen Logos sehen, das universelle schöpferische Wort hören zu wollen.

 

Wen wundert es daher, wenn der moderne Mensch – ob innerhalb oder außerhalb des Glaubens - seine schöpferische Verant-wortung nicht mehr wahrnimmt? Wo aus dem Schöpfer aller ökologisch-natürlichen-evolutionären Ordnung ein willkürlicher Herrscher geworden ist, dessen Allmacht man angeblich eingeschränkt sieht, wenn er sich an seine eigene Ordnung halten müsste, den man im Morgengebet um dies und das bittet, weil er ja nach Banaldeutung biblischer Berichte immer schon in sonderbaren Naturbrechungen seine Macht zeigte, da werden auch die irdischen Stellvertreter zum Selbstzweck. Herrschen wird dann nicht als umsetzen himmlischer Vernunft, eines präexistenten Offenbarungs-Wortes verstanden, sondern zur Willkür, die eigenen Meinungen, Ideologien oder moderner Menschlichkeit folgend. Auch wenn diese in die Glaubenstexte hineingelesen wird und zur Weltethik erklärt werden soll. Ich danke dem Schöpfer daher, dass er die Menschen aufgeklärt hat, sie nicht mehr das machen, was Sonntags noch immer oft an Unsinn von der Kanzel verlangt und als Glaube gepredigt wird, sondern frei und fähig sind, selbst nach dem Wort Gottes zu fragen.

 

Doch nur Wissenschaftler wie Sie, die die Bedeutungsaussagen der biblischen Geschichten und die Geistesgeschichte kennen, den Verstand des Gotteswortes in Kosmos und Geschichte aufzuzeigen in der Lage sind, könnten ihnen den Weg weisen. Warum soll es keine theologische Aufgabe für einen begabten Neutestamentler sein, das Angesicht Gottes wieder sehend zu machen: Jesus als die irdische Wirk-lichkeit, als lebendiges Wesen wieder wahrnehmbar zu machen? So mit dazu beizutragen, dass die Menschen das Kleid der kosmischen, wie biblischen Weisheit wieder anziehen, sich im bewussten, aufgeklärten Glaubenskult begeisternd für die schöpferische Ordnung die Vernunft Gottes einverleiben und danach leben.