Gerhard Mentzel

Schänzelstrasse 9

 

67377 Gommersheim                                                                                     14. Oktober 2004

 

 

 

 

Professor Dr. Klaus Berger

Theologische Fakultät

der Universität Heidelberg

Kisselgasse 1

 

69117 Heidelberg

 

 

 

 

 

 

Glaube ohne Ostergraben - ein Befreiungsschlag durch das lebendige Schöpfungswort: Jesus

 

 

 

Sehr geehrter Herr Professor Berger,

 

erlauben Sie mir einige Nachbemerkungen zur Vorstellung Ihres neuen Jesusbuches im Heinrich Pech Haus Ludwigshafen, das Sie als persönliches Bekenntnis zum Mysterium des Neuen Testamentes bzw. als „Befreiungsschlag“ gegenüber historisch kritischer Exegese wie fundamentalistischem Dogmatismus verstehen. Sie sollen meine Bitte um die Beurteilung von Überlegungen ergänzen, die das in der natürlichen Schöpfung wiederzuverstehende Wort an den Anfang stellen und hierin den historischen Jesus als echten Heilsbringer bewahrheiten wollen.

 

Ich hoffe, dass gerade jemand, dessen Jesusbild nach eigenem Bekenntnis „völlig quer“ zum Konsens heutiger Kirchenlehre steht, auch offen sein kann für ein Nachdenken über ein Jesusverständnis, das sich völlig von dem heutigen Bild des historischen und gleichzeitig hoheitlichen Jesus unterscheidet. Vom schöpferischen Wort in menschlicher Gestalt ausgehend kann ich Ihrer Forderung nach der Einheit des historischen mit dem hoheitlichen Jesus ebenso zustimmen, wie sich seine gleichzeitig göttliche und menschliche Seite logisch nachvollziehen lässt. Gerade weil ich nicht nur vom biblischen Text ausgehe, sondern von einem in allem natürlichen Werden lebendigen Schöpfungswort aus auch die Bibel lese, kann ich all Ihre Anschuldigungen gegenüber einer angeblich aufgeklärten historisch kritischen Verkürzung, wie einer fundamentalistischen Buchstäblichkeit oder einer Sichtweise, die alles zur persönlichen Beliebigkeit, Psychologie oder menschlichen Ismen werden lässt, nur zustimmen. Auch die von Ihnen angegriffene Unterteilung in nachösterliche Erscheinungen, kirchliche Verherrlichungsrede und wahrer Historie schließt sich aus, wenn wir den schöpferischen Logos an den Anfang stellen. Wenn ich vom lebendigen Schöpfungswort in menschlicher Gestalt spreche, geht es mir weder um Gott selbst, noch nur eine menschliche Gestalt oder ein Geistwesen menschlicher Gedankenwelt und Psyche. Auch kein vom historischen Jesus losgelöster anthroposophischer oder rein kosmischer Christus steht auf dem Programm. Erst die Einheit des damals in Menschengestalt lebendigen Logos mit der heute in allem Werden wiederzuverstehenden schöpferischen Vernunft wird m.E. zu einem völlig neuen christlichen Selbstverständnis und Paradigma führen, das die Bibel aus neuer Perspektive bewahrheiten lässt und dem christlichen Glauben völlig neue Perspektiven gibt.

 

Mir geht es um ein ganz konkretes Wesen, das im kosmischen Geschehen gerade aufgrund des heute erst vorhandenen naturwissenschaftlichen Weltbildes nachvollziehbar ist, die menschliche Gestalt der Bibel behält und dessen Menschwerdung sowie die Realität all der geschichtlich beschriebenen Begebenheiten und Heilswirkungen sich als sinnvoll und logisch begründen lassen. Gerade die Wunder, die auf uns so wahnsinnig und unwirkliche wirken, ebenso wie die auf den Wanderprediger Jesus bezogenen Bedeutungsinhalte machen mich sicher, dass wir es bei allen Aussagen der Evangelisten mit dem Schöpfungswort in Person zu tun haben, das als konkrete menschliche Gestalt geschichtliche Wirkung entfalte. Gegenüber dem rein theologischen Wesen des Philo oder jüdischer Weisheitslehren und antiker Philosophie bracht scheinbar erst die menschliche Gestalt messianische Wirkung hervorbrachte.

 

Auch wenn Sie auf den ersten Bild annehmen müssen, meine Sichtweise würde die historisch-kritische Betrachtung auf die Spitze treiben, den persönlich ansprechbaren Jesus tilgen und zu einem reinen Geistwesen führen, das allenfalls pantheistisch brauchbar ist, so ist das genaue Gegenteil der Fall. Vielmehr befürchte ich, dass auch Ihr Versuch, durch das Verlangen der Bewahrung einer mystischen Wirklichkeit die Verkürzung unseres Glaubensgrundes zu verhindern, das Gegenteil bewirkt, eine andere Art Jesusverbot ist, wie sie es ihren Kollegen vorwerfen.

 

Bei dem in Buch und Vortrag von Ihnen geschilderten Weg des Glaubens bzw. Gottessohn- und Jesusbildes ist mir erneut bewusst geworden, wie tief das Bild des charismatischen Gottmenschen sitzt und wie unmöglich daher mein Wunsch sein muss, dahinter eine im natürlichen Schöpfungsgeschehen nachvollziehbare Vernunft verstehen zu wollen. Doch wenn ich mich unvoreingenommen dem Text aussetzte – zudem nicht nur die bekannten Evangeliengeschichten und Briefe, sondern eine Vielzahl außerkanonischer bzw. oftmals als gnostisch oder ungeschichtlich aussortierter Texte gehören - und von einer schöpferischen Vernunft, einem Logos allen Lebens ausgehe, dann kann ich auch im Galaterbrief nichts anderes lesen, als die Geschichtswirkung des Schöpfungswortes in Menschengestalt. Der von Ihnen als Schlüsselerlebnis aufgeführte Brief hat mich vor Jahren anlässlich einer Bibelwoche dazu bewegt, unter www.theologie-der-vernunft.de einen Text über Paulus als Zeugen des lebendigen Logos zu hinterlegen und in Paulus selbst den theologischen Ausdruck des neuen monotheistischen Paradigmas zu sehen, das für Juden und Heiden gleichermaßen galt. Wenn ich mich inzwischen mit Radikalkritikern auseinandersetze, die mir beibringen wollen, dass die gesamte Paulusliteratur nur ein Fälschung sei, u.A. von früheren Gnostikern abgekupfert, dann sind das alles nur weitere Belege dafür, dass Paulus wirklich gelebt hat, die Briefe von einem neuen Paradigma aus verfasst wurden, das nicht einem besonders schlauen Heilsprediger mit mysteriösen Offenbarungen hinterherhinkte, sondern seinen Glauben auf das geschichtlich lebendige Schöpferwort gründete ohne den Gott des Gesetzes zu verlassen. Der Theorie Ihrer Kollegen, die z.B. Paulus als eine vom historischen Jesus völlig losgelöste platonisch eingefärbte Theologie sehen wollen, durch die der jüdische Glaube für Heiden annehmbar gemach werden sollte, kann ich daher schon lange nicht mehr folgen.

 

Und all das, was Sie und Ihre Schüler mir über die theologischen Bedeutungsinhalte und das damalige Denken beibringen, bestärkt mich immer wieder in der Annnahme, dass im gesamten Neuen Testament das Schöpfungswort als Geschichtswesen beschrieben wurde, der gottesfürchtige Grieche Lukas die echte Geschichte des schöpfungswirksamen Wortes nur in besonders wirkungsvoller Weise verdichtete. Alle Spruchweisheiten können dann nicht gesammelte Lebensweisheiten eines Wanderlehrers sein, die mit alttestamentlichen Texten oder Iris, Dionysos und sonstigen Mythen gemixt auf mysteriöse Weise dazu gebraucht wurden, einen jungen Religionsrebellen hochleben zu lassen, sondern sind Aussagen, die echt vom lebendigen Wort ausgehen. Vielmehr hielte ich es für eine wesentliche theologische Aufgabe, auch in alttestamentlichen Texten, insbesondere bei den Propheten und in den Psalmen sowie heidnisch-pantheistischen Theologien das schöpferische Wort verständlich zu machen, so zu verdeutlichen, dass im Neuen Testament kein Eierklau betrieben, nur alte Texte aus taktischen Gründen abgeschrieben wurden, sondern der alte Logos wieder verstanden wurde und ein für jedermann sichtbares Gesicht bekam. Die menschliche Geschichtsausformung des wiederverstandenen schöpferischen Wortes war eine Literaturform, die damals völlig selbstverständlich und logisch war.

 

Wenn die Evangelisten nach allem was wir wissen keine Schriftsteller waren, die nur alte Mysterien zusammengewürfelt haben, sondern für sie der historische und gleichzeitig hoheitliche Jesus Christus eine konkrete Gestalt hatte, dessen echte Augenzeugen sie waren, müssten wir dann nicht nach dem Logos fragen, der ihrer Lehre zugrunde liegt? Was würde dagegen sprechen, dass in der diesjährigen Bibelwoche zu Lukas über diesen Logos allen Lebens nachgedacht wird, statt nur weitgehend willkürlich den Wille eines gottähnlichen Wandergurus zu diskutieren. Ich Befürchte, Ihre Forderung nach der Bewahrung des Mysteriums und der Fremdheit der Texte funktioniert nicht. In Befolgung der nur auf einen jungen Juden und seine Familie oder Anhänger bezogene Deutung, die leider selbst in Ihrem neuen Jesusbuch ständig zu lesen ist, wird nicht über das von Ihnen hochgehaltene präexistente Wesen nachgedacht, das Grund des urchristlichen Glaubens war. So wird während der Bibelwoche nur ein glückloser Guru hin und her gezerrt, in den eigene Gedanken hineininterpretiert werden, die mit denen des gottesfürchtigen Griechen Lukas nicht das Geringste zu tun haben. Auch wenn mir Ihr Schüler Dr. Markus Sasse ständig entgegenhält, dass wir uns nicht mehr in das Denken antiker Menschen hineinversetze könnten, wir also nicht mehr rekonstruieren könnten, wer dieses Wesen Jesus wirklich war, so verlassen wir doch genau diesen Weg, wenn wir ständig so tun, wie wenn es nur um einen Wanderguru und seine Angehörigen ging, die von hochgeistigen Anhänger in den Himmel erhoben wurden. Was daher während der Bibelwoche zerlegt und nicht in der von Ihnen geforderte Fremdheit, eine das Mysterium bewahrende echte Offenbarung bleibt, folgt somit einem letztlich von der Fachwelt vorgegebenen völlig vermenschlichten Banalbild unseres Religionsgrundes, das nie und nimmer dem der damaligen Welt eines neuen griechisch-jüdischen monotheistischen Geistes entsprechen kann. 

 

Während Sie verlangen, die Texte in ihrer Ganzheit stehen zu lassen, auch ohne sie beweisen zu können, wird so nur noch gefragt, was ein junger Charismatiker wollte und dachte, ohne dass das für die Welt von heute wegweisend sein kann. Das schöpferische Wort, das der gesamten Welt Sinn gibt und sie zu schöpferischer Höchstleistung bewegen könnte, von dessen vernünftiger Wahrnehmung ich eine vernünftige Lebensweise erwarte, bleibt ungehört. Wo entgegen dem Verlangen nach vollständiger Bewahrung oder der Warnung, dass in der Antike völlig anders gedacht wurde, nur ein umherziehender Heilsprediger und so dessen Mutter als palästinensisches Mädchen ausgemalt wird, bewahrt man weder das Mysterium, noch kann das schöpfungswirksame Wort Gottes, das von Mutter Kirche damals neu ausgedrückt wurde, zum theologischen Thema werden.

 

Mit Sicherheit gibt es viele Wege, die eine Wahrheit auszudrücken. Doch sich darauf zurückziehen, Jesus ins Hinterzimmer der Mystik einzusperren, damit er von der Vernunft nicht weiter verkürzt werden kann und davon echte Offenbarung Gottes und seines Willens zu erwarten, funktioniert leider nicht. Warum kann es nicht sein, auch in der Kausalität unseres Denkens, wie des gesamten kosmischen Geschehens genau das Wesen zu erkennen, das damals von den Judengriechen wahrgenommen und dessen Leidensweg und Wirkung als Jesus geschildert wurde? Wenn alle Welt von Gott ausgeht, dann wird auch das Zimmer der Werte von keiner sonstigen oder gar menschlichen Norm be-stimmt, sondern allein dem schöpfungswirksamen Wort. Auch in der Schönheit des natürlichen Kosmos und der Ästhetik des kosmischen Schnittes, wie der diesen auf andere Weise umsetzenden menschlichen Kunst, ist dann kein fremdes Wesen oder ein kosmischer Christus zu sehen, sondern der Offenbarer der biblischen Geschichten.  Wenn ich vom Logos des Schöpfers als dem eigentlichen Geschichtswesen ausgehe, dann will ich keineswegs die Geschichten im Einzelnen auseinandernehmen oder Neuinterpretieren. Nur die Banalinterpretation, die heute tägliche Praxis ist, gleichwohl von dogmatischer, fundamentalistischer oder mystischer Seite die Hoheitlichkeit gefordert wird, liegt damit hinter uns. Auch wenn sich mit Sicherheit aufgrund Ihres Wissen um die damalige Bildsprache viele biblischen Geschichten und Gleichnisse allegorisch deuten lassen, so geht es m.E. nicht primär darum zu fragen, was genau die Geschichten bedeuten oder damals als ein vom Schöpfungswort ausgehender Wert gesetzt wurde, sondern wäre das in der Gegenwart wirkende Schöpferwort im Einklang mit dem damaligen Denken als offenbarende Wegweisung wieder hörbar zu machen.

 

Mir ist bewusst, wie völlig fremd oder absurd dieses Denken auf jemand wirken muss, der immer nur vom einfachen Menschen mit Namen Jesus ausging, auch wenn er ständig dessen Hoheitlichkeit betont, von der Weltvernunft, dem Logos in Menschengestalt spricht und die hinter dem damaligen Schriftbild stehende hochgeistige Theologie belegt. Doch wenn wir uns davor schützen wollen, den Ismen zum Opfer zu fallen, dann sehe ich keine andere Lösung, wie den Logos Gottes wieder zum Thema zu machen. Der Ruf nach Bewahrung des Mysterium kann nicht verhindern, dass sich jeder auf den Grund der Religion und die von ihm ausgehenden Werte seinen eigenen Reim macht. Und ohne den kosmischen Grund, das vom Schöpfer des Alles ausgehende Wort neu zu thematisieren, werden die meisten Menschen den Ruf nach dem Mysterium nur als weiteren Beweis sehen, dass alles nur frommes Geisteskonstrukt sei, das persönlichen Bildern entspringt, rein religiöse Menschenrede. Die frohe Botschaft, die nach allem was wir wissen nur vom Schöpfungswort, nicht von einem gutherzigen Guru oder Geisteskonstrukten ausgegangen sein kann, wird so zum Steinbruch für einen reinen Humanismus, der so wenig Bezug zum Schöpfer des Kosmos hat, wie alle sonstigen Ismen.

 

Im Kontrast zur Dogmatik will ich daher ebenso wie Sie mit allen Sinnen herausbekommen – jedoch nicht allein was der Text will -  sondern was Jesus, das lebendige Wort Gottes zu sagen hat. Wenn ich modernen Menschen helfen will zu Jesus zu finden, meinen Kindern den Glauben an den einen Schöpfer vermitteln möchte, dann darf ich mich nicht auf den Ruf nach einem Mysterium beschränken. Ein Nebelwesen hat nichts zu sagen, kann die von Ihnen bemängelte Unterscheidung zwischen unechten, nachösterlichen und echten Jesusworten nicht aufheben. Ich will mich daher auch nicht damit begnügen, dass jeder Satz von Jesus sein könnte, sondern bin sicher, dass sich nachweisen lässt, wie jede Aussage des Neuen Testamentes wirklich vom lebendigen Wort Gottes ausgeht.

 

Auch die von Ihnen aufgeführten Beispiele für heute missverstandene biblische Bedeutungsaussagen lassen sich nur vom schöpferischen Logos aus beurteilen:

 

So wird ein Schwuler, dessen Ehe gar durch einen sich auf Christus berufenden toleranten Theologen gesegnet ist, die von Ihnen zitierten Aussagen Jesus zur ehelichten Treue sehr schell auf seine Ehe beziehen. Nicht nur, dass der neutestamentliche Text hierzu nicht wirklich etwas hergibt. Ob ein charismatischer Reformjude die gleichgeschlechtliche Partnerschaft befürworte oder Schwulensegnung ablehnte, ist völlig belanglos. Wenn wir jedoch nicht wollen, dass Jesus auf eine universelle Toleranz reduziert, christlicher Glaube zum Spielball der Beliebigkeit wird, wie sich gerade in Beispiel der Beurteilung der Ehe bestens zeigt, dann müssen wir nach dem schöpferischen Wort und Wille fragen. Erst wenn wir ernsthaft und wach überlegen, was aufgrund einer unvoreingenommenen Beurteilung all unseres Wissens um die Natur, wie deren menschlicher Umsetzung im Sinne der schöpferischen Prinzipien bzw. Vernunft wäre, dem Logos Gottes entspricht, können wir m.E. sagen, ob Jesus Schwulensegnung will oder nicht. Nur den Text zu drehen und zu wenden oder auf innere Stimmen zu hören, bringt uns nicht weiter, führt nur zu Mein-ungen, ob sie menschlich oder mysteriös begründet werden.

 

Auch das Verhältnis Jesus zum himmlischen Vater kann vielmehr vom schöpferischen Logos ausgehend, als nur durch die reine Interpretation von Buchstaben bestimmt werden. Was Kind sein im Sinne Jesus bedeutet, ob blindes Gehorsam oder Wachsen und Verstehen im Vordergrund stehen, bleibt den jeweiligen Interpreten überlassen, wenn wir das Wort nicht hören wollen, das hinter allem Wachsen und Gedeihen steht. Während sich Ihre Kollegen kräftig darüber streiten, ob Jesus ein oder gar der eine Gottessohn sein wollte oder man ihn nur später dazu machte, wäre m.E. theologisch danach zu fragen, warum die Software bzw. Vernunft, die hinter der Entstehung der Welt aus Sternenstaub steht, wirklich der eine Sohn Gottes ist, der auf den einen Vater verweist. Als durch die Vernunft des Schöpfers aufgeklärte Menschen brauchen wir nicht einfach jemand anzubeten, der uns als Vater vorgesetzt wird, sondern können ge-hörsam sein, den Vater verstehend befolgen. Wir haben heute die Gabe, den natürlich-schöpferischen Sinn unsers Seins mit wachem Verstand wahrnehmen zu können, den Wille im Wort des Schöpfers zu verstehen und brauchen uns nicht gegenseitig zu überreden oder betend einzureden, was uns vorgesetzt wird. Wie wir wissen, haben sich mit blinden Gebeten die jungen Moslems Mut für den Massenmord in New York gemacht. Und ich bin überzeugt, dass auch Präsident Bush betet, bevor er Glaubenskriege und die Welt in den ökologischen Ruin führt. Ohne das schöpferische Wort zu verstehen, werden Koran wie Bibel leider allzu oft dazu gebraucht, sich selbst das einzureden, was wir selbst für richtig halten.

 

Auch warum Jesus wirklich der Bräutigam des neuen Israel ist, die Liebe Gottes zu seiner Welt verkörpert, lässt sich nach allem was wir erleben nicht wirklich in persönlicher Spiritualität, vom Bauch oder Buch aus beurteilen, sondern vom schöpferischen Logos, dem in allem Werden zu verstehenden Wort. So entspringen auch die Lebenslehren, die sich in den von Ihnen genannten Gleichnissen verstecken und die oft gar nicht so richtig zu unserem humanistischen Jesusbild passen wollen, nach meinem Verständnis dem schöpferischen Logos. Sie sind keine frommen Sprüche, nur alte Lehren neu aufgewärmt, sondern die logische Umsetzung der schöpferischen Vernunft, die den gesamten Kosmos bestimmt und die jeden Tag im Sonnenaufgang ihren sichtbarsten Moment hat.

 

Wenn Sie daher sagen, dass Jesus beim Sonnenaufgang „Zuhause angerufen hat“, dann kann ich Ihnen nur zustimmen. Nicht jedoch, weil ich den Sonnenaufgang nur als ein Symbol für die in einem besonders begnadeten Reformjuden aufgegangen Sonne der Gerechtigkeit oder eigene Erscheinungen sehe. Vielmehr vermute ich hier den bereits von verschiedenen alten Kulturen wahrgenommenen (teilweise auch pantheistisch) sichtbarsten Ausdruck des präexistenten und zuverlässigen universalen schöpferischen Wortes. Auch die Fragen, ob in Jesus wirklich Vergebung der Sünden ist oder nach dem mit Sterben und Mitleiden in Jesus lassen sich vom Logos allen Lebens aus beantworten und nicht allein durch dogmatische Behauptungen, fundamentalistische Buchstäblichkeit, moderne Beliebigkeit oder ein unverstanden zu bewahrendes Mysterium. Viele der sich Ihren Ausführungen anschließenden Fragen rufen förmlich danach, die Vernunft Gottes antworten zu lassen, die vor 2000 Jahren in einer menschliche Gestalt wahrgenommen wurde.

 

Ich hoffe verständlich machen zu können, dass es mir dabei weder darum geht, eine persönliche Erfahrung zu Wort kommen zu lassen, noch die eines anderen Menschen. Der Logos bzw. das schöpferische Wort ist kein Phantasiegebilde menschlicher Philosophie, sondern eine Software/Vernunft, die im Einklang mit biblischen Erfahrungsberichten hinter allem natürlichen Werden deutlich wird. Auch wenn ich davon ausgehe, dass die Mystiker des Mittelalters nichts anderes als genau das gehört haben, was ich heute wach als Wort Gottes verstehen will, die Mystik keineswegs die Unwahrheit spricht, sondern das schöpferische Wort in eine Bildsprache bringt, so hoffe ich, dass heute Zeit reif ist, das Wort mit wachem Verstand neu verstehen, es vermitteln zu können und zur Bestimmung eines menschlich-vernünftigen Lebens werden zu lassen. Die Voraussetzung dazu wäre ein neues Nachdenken über den ursprünglichen Grund unseres christlichen Glaubens, die nur von Fachautoritäten wie Ihnen angestoßen werden kann.

 

Die sich an ihren Vortrag anschließenden Fragen zeigen erneut, dass Ihr Forderung nach der Bewahrung des Mysterium verhallt, möglicherweise auch von Ihnen nicht wirklich befolgt wird. Alle Anfragen machen deutlich, dass trotz aller biblischen Bedeutungsaussagen zu Jesus nichts anderes als ein menschlicher Heilsprediger mit Sonderbegabung gesehen und gesucht wird. Doch selbst auf die bohrenden Fragen Ihrer Teilnehmer nach der Kindheit Jesus, zu der die Autoren des Neuen Testamentes keine Auskunft geben, könnte das vor 2000 Jahren in Jesus menschgewordene Gotteswort antworten. Religionswissenschaftler wären gefragt darüber nachzudenken, wie sich das Verständnis des Gotteswortes entwickelt hat, welchen Weg der schöpferische Logos im jüdisch-griechischen Monotheismus nahm und wie bzw. warum er zur menschlichen Gestalt wurde. Wenn Sie daher Ihre Hörer darauf verweisen, auf die Wiederkunft Jesus zu warten, um diesen nach seinen Kinderjahren zu fragen, kann ich dem nur zustimmen. Doch der, auf den wir warten, wie wenn er nicht auferstanden wäre, lebt wirklich.

 

Wenn ich Sie als Neutestamentler erneut bitte, meine vom Schöpfungswort als Geschichtsgestalt ausgehende Sichtweise zu beurteilen, dann ist mir wohl bewusst, wie absurd für Sie meine Vorstellung vom historischen Menschen Jesus sein muss. Trotzdem hoffe ich, dass Sie Ihren Kritikern nicht nachziehen. Warum kann nicht ein junger Theologe damit beauftragt werden, die Entstehung des Eingottglaubens bei den Kindern Israels, den entscheidenden Bundesschluss zwischen dem entdeckten einzigen Gott und seine wechselvollen Beziehungen im Laufe der Jahrhunderte von schöpferischen Wort aus zu beurteilen, das in Jesus Mensch wurde? Auch die Fülle von Humanismus und hoher Ethik des Judentums, die heute in der hebräischen Bibel nachgelesen wird, wäre auf den Logos Gottes zu beziehen und so in neuer Weise nachzuweisen, warum Jesus wirklich ein Kind des jüdischen Gottesbildes war und ist.

 

Wie sagten Sie noch im Hinblick auf die Kritik an Ihrer damaligen Doktorarbeit über Jesus als Juden „wer zu früh kommt, den bestraft die Kirche.“ Wenn stimmt, dass hinter allem Werden das schöpferische Wort steht, dann ent-spricht auch der Wandel unseres Jesusbildes seinem Wille. Vielmehr müssen wir die Folgen eines Festhaltens tragen. Wer zu spät kommt, den bestraft in diesem Sinne nicht einfach das Leben.

 

Gerhard Mentzel