Gerhard Mentzel
Schänzelstr. 9
67377 Gommersheim September 2004
Professor
Dr. Klaus Berger
Heidelberg
Erneute Bitte um Beurteilung von Überlegungen, wie der Logos allen Lebens taube Blüten einer biblischen Buchstäblichkeit zu neuem Leben erwecken könnte
Sehr geehrter Herr Professor Klaus Berger,
Ihre Gedanken im Kommentar der FAZ zu einem sich nach Ihrer Sicht fälschlicherweise auf die Bibel berufenden Ökumenismus will ich aufgreifen. Denn wenn ich dem Folge, was Sie dort über den falschen Umgang mit der Bibel sagen, dann sehe ich mich darin bestätigt, in neuer Weise nach dem Schöpfungswort zu fragen, das den biblischen Texten zugrunde liegt. Die Probleme mit dem Wesen unseres Glaubens, die Sie auch in Ihrem neuen Jesusbuch erneut analysieren, lassen sich m.E. nicht lösen, indem wir nur nach einer Bewahrung des buchstäblich gesetzten Mythos rufen oder Jesus ins Hinterzimmer des persönlichen Herzens verbannen, wo er vor der Vernunft geschützt werden soll. Doch gerade in Ihrem neuen Buch spricht mich ein Mensch an, der sich zutiefst gläubig mit dem christlichen Glauben auseinandersetzt und mit der derzeitigen Entwicklung ganz und gar nicht einverstanden ist. Ich erlaube mir daher Sie nochmals zu bitten, meine Überlegungen zu beurteilen, die unser heutiges Verständnis vom Wort Gottes hinterfragen und im historischen Jesus von Nazareth die menschliche Ausformung des im antiken Weltbild wieder neu verstandenen Schöpfungswortes sehen.
Ihre Erbostheit über eine oberflächliche Gleichmacherei bzw. ein einigendes Einerlei kann ich durchaus nachvollziehen. Als Lebenslüge Numero eins bezeichnen Sie in ihrem FAZ-Beitrag die Meinung, „die Bibel“ oder „allein die Schrift“ sei Maßstab der Vereinigung der Kirchen. Sicher zurecht weisen Sie auf die völlig verschiedenen Theologien hin, die allein im Neuen Testament enthalten sind und verdeutlichen m.E. schon hierbei, dass es dort nicht um die Lehre eines charismatischen besonders begabten Gesetzeslehrers gegangen sein kann. Was zu dreizehn verschiedenen Theologien führte, kann nur das schöpferische Wort Gottes, die griechisch neuerfahrende Welt-Vernunft in menschlicher Person gewesen sein, wie sie hinter allem jüdischen Gesetz und auch den alten Glaubensgestalten steht. Jede neue Erkenntnis über das Denken der Antike zwingt uns über einen Glaubensmärtyrer hinaus, den angeblich die Gelehrten nur vor den Kirchenkarren bzw. eine etwas erneuerte Gesetzeslehre spannten und zu einer Miniaturausgabe Gotte machten, nach dem jüdisch-griechisch wiederverstandenen Schöpfungswort zu fragen, durch das sich der eine Gott erst wieder offenbarte.
Wenn Sie als einer der bekanntesten Schriftlehrer beklagen, dass die Schrift allzu oft ideologisiert und nach eigener Willkür interpretiert wurde, sie es nie pur gäbe, sondern immer nur in der Lektüre derer, die sie auslegen, wird es dann nicht Zeit, in neuer Weise nach diesem Wort selbst zu fragen, das den Verfassern des Neuen Testamentes die Feder führte? Wenn weder die Schwulensegnung oder Verurteilung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, noch die Einheit oder Verschiedenheit der Kirche in den Buchstaben der Bibel zu begründen ist, muss dann nicht das Wort Gottes im natürlichen Werden der Welt auch heute wiederverstanden werden, damit wir den Wille Gottes kennen?
Wird der Text der Bibel nur von den Anhängern der Ökumene gekitzelt, bis das Gewünschte herauskommt oder auch von deren Gegnern? Wenn nach Ihrer Einschätzung die Ökumenisten durch ihre Berufung auf die Bibel ihre Zuhörer für dumm verkaufen wollen bzw. jeder den Text interpretiert wie er will, wie soll durch die Berufung auf die Bibel das Gegenteil bewiesen werden? Und wie soll aber dann der Glaube eines aufgeklärten Volkes oder gar der Welt begründet werden, wenn wir erkennen, dass die biblische Buchstäblichkeit keinen Halt mehr bietet, sondern der Glaube verbogen wird und sich für viele daher verbietet?
Ich befürchte, dass es heute nach wie vor die Buchstabenbezogenheit ist, die der Bibel die Bedeutung nimmt, ihre Inhalte abbaut, statt sie anzuerkennen. Ohne das Schöpfungswort hinter den biblischen Wesensaussagen wahrzunehmen, werden auch in der modernen Exegese immer nur noch ältere Texte als Begründung herangezogen. Doch können alte Mythen, Erscheinungen und Erkenntnisse frommer Vorfahren wirklich der Grund eines Glauben für aufgeklärte Menschen sein? Führt unser heutiges Bibelverständnis nicht vielmehr dazu, die Bedeutungsinhalte zu verkürzen und die biblischen Aussagen als unhistorisch abzulehnen, statt sie einem allegorischen Verständnis zuzuführen, das die Geschichtsrealität belegt?
Auch was wir derzeit in Amerika oder im Nahen Osten an buchstäblichem Glauben beobachten können, kann mit Sicherheit nicht der Weisheit des Schöpfers letzter Schluss sein. Vielmehr zeigt sich gerade heute, wie von zwei monotheistische Kulturen im Namen von Buchstaben all zuviel Blut vergossen und die Welt in den Ruin gestürzt wird. Ohne darüber urteilen zu wollen, können wir gerade in Amerika beobachten, wo ein Glaube hinführt, bei dem Buchstaben im guten (?) Glauben gelesen und gebraucht werden. Wenn amerikanische Christen ohne weiteres Nachdenken an die alten Mythen bzw. biblische Geschichten glauben und die Kirchen wieder voll sind, dann müsste doch alles gut sein, was bei uns beklagt wird. Doch ist es das wirklich? Genügt es, wenn inzwischen die meisten Amerikaner die biblischen Bilder aufgrund innerer Stimmen bzw. Erweckungserlebnisse und gekonnter Sonntagsrhetorik wörtlich nehmen, die Christen dort „ohne Wenn und Aber“ an Gott und Jesus als Christus und Gottessohn glauben, während bei uns ständig gezweifelt, gewackelt und entgegen ihrer Warnung alles theologisch verflacht wird? Auch dass die politischen Entscheidungen vom Glaube getragen werden, die gesellschaftlichen Weichenstellungen oftmals religiösen Ursprung haben, müsste einem guten Christen aus dem Herzen sprechen. Doch was meist dabei herauskommt, die Welt in unschöpferischer Unvernunft, soziale Ungerechtigkeit und ökologisch an den Abgrund führt, kann nicht Ziel dessen sein, der den Kosmos geschaffen hat und geistbegabte Wesen wachsen ließ, die gemeinsam in seinem Sinne wirken sollen.
Nicht die von Aufklärungseuropäern gern angeprangerten Auswüchse des Glaubens, die drohende Talibanisierung Amerikas und der Missbrauch der biblischen Botschaft für politische Zwecke macht mir Sorge. Vielmehr sehe ich in Amerika ein leuchtenden Beispiel, wo moderne Buchstäblichkeit hinführt. Dabei wird gerade in manchen modernen amerikanischen Kosmologien, Evolutionsphilosophien oder ganzheitlichen Theorien auf der Suche nach einer physikalischen Weltformel das Schöpfungswort besonders deutlich. Auch wenn das Schöpfungswort derzeit in naturwissenschaftlichen Theorien ein Schattendasein führt, nur von einigen New Age Anhängern ernst genommen wird. Und wo der schöpferischen Vernunft die Tür verschlossen wird, da scheint der Aberglaube in christlichen Begrifflichkeiten zu allen Ritzen hereinzukommen. Wenn dann gar von (m.E. fälschlicherweise) sog. „Kreationisten“ angeblich im Namen Jesus Christus oder vielmehr der Buchstaben zuliebe das vernünftige Werden ausgeschlossen, „Schöpfung“ wie selbstverständlich nur außerhalb der natürlichen Weltentstehung angenommen wird, dann ist das, was Thema der antiken christlichen Theologie war, endgültig auf den Kopf gestellt. Das schöpferische Wort, wie es damals nicht nur von Johannes, sondern dem gesamten Neuen Testament als Sohn Gottes angenommen wurde, in menschlicher Gestalt messianische Wirkung hervorbrachte und in der Entstehung der Welt aus Sternenstaub wieder verstanden werden könnte, muss der menschlichen Buchstäblichkeit zuliebe stumm bleiben. Statt in aller Evolution den einen wegweisenden Logos, die allem gemeinsame schöpferische Vernunft zu verstehen, die vor 2000 Jahren als Sohn Gottes bzw. konkretes Wesen am Werk gesehen wurde und nicht nur natürliche Auslese und Zufall, werden Buchstaben hochgehalten und religiöse Ideologien damit gegenseitig ausgespielt. Auch wenn es nicht gewollt wird, so ist durch diese Buchstäblichkeit aufklärerischer Atheismus, Aberglaube sowie der Kampf der Kulturen vorprogrammiert. Von einer grenzüberschreitende universale Offenbarung, wie sie vor 2000 Jahren in der Gestalt Jesus gesehen wurde, sind wir beim heutigen Verständnis des historischen Jesus weit entfernt.
Weder die Einheit der Kirche, noch die der verschiedenen monotheistischen Kulturen kann hergestellt werden, in dem man nur die Zweige an den äußeren Enden zusammenwurstelt, sich auf einheitliche Äußerlichkeiten einigt bzw. Riten gemeinsam abfeiert, ohne die grundlegenden Fragen zu klären. Wissenschaftler wie Sie wären notwendig, um nach dem Schöpfungswort als der Wurzel zu fragen, aus der der gemeinsame Stamm, nicht nur der christlichen Kirchen, sondern des gesamten Monotheismus gewachsen ist. Gerade bei Ihnen lese ich immer wieder, wie die Weltvernunft bzw. der Logos Gottes das eigentliche Thema des Neuen Testamentes bzw. jüdischer Weisheitsliteratur und der Frühkirche ist und warum das schöpferische Wort in menschlicher Person die notwendige Ausdrucksweise war und bleibt. Die Problematik einer persönlichen Ansprache Gottes, die Sie u.A. in Ihrem Buch „Ist Gott Person?“ schildern konnte vor 2000 Jahren nicht gelöst worden sein, indem jetzt ein junger Jude an Stelle Gottes als Christus gesetzt und vergöttert wurde. Vielmehr lässt sich heute aufgrund des Wissens um unsere Psychologik nachvollziehen, warum das Wort Gottes für menschliche Vorstellung, Vermittlung und Ansprache einer menschlichen Gestalt bedarf.
Auch Ihr Schüler Dr. Markus Sasse macht in seiner „Geschichte Israels“ deutlich, dass in der geistigen Auseinandersetzungen zwischen Juden, Griechen und Barbaren weit mehr als ein charismatischen Reformprediger gewesen sein muss, der statt altjüdischer Gesetzesgestalten, römischer Kaiser, pantheistischer Götter oder griechischer Philosophiebegriffe als Gottessohn angebetet wurde. Wenn wir ernst nehmen, was über den historischen Jesus als Grund eines erneuerten universalen Monotheismus im Neuen Testament wie außerkanonischen Texten ausgesagt wird, dann müssen wir nach dem Schöpfungswort fragen, das sich in seiner Person ausdrückt. Was in den alten Glaubensvorstellungen verschiedenartige, jedoch unbrauchbar gewordene Ausprägungen hatte, muss damals neu verstanden und vermittelbar gemacht worden sein. Und genau dieses Wesen wäre heute wieder neu zu konkretisieren, dem aufgeklärten, wachen Verstand zugänglich zu machen. Nur diesem Logos hinter der menschlich bleibenden Gestalt des historischen Jesus, nicht einem pantheistischen Philosophieprodukt oder einer abstrakten unansprechbaren Theorie des Weltalls will ich durch ein Fragen nach der christlichen Wurzel das Wort reden.
Nichts spricht gegen die Verschiedenheit kultureller Erscheinungsformen. Nur die Vielfalt hält die Kreativität am Leben, führt weiter. Doch wenn die Buchstaben allein nicht mehr tragen, weder Offenbarung geben noch Wegweisung sein können, sondern Gott ins Reich der Mythen verbannen, verdunkeln und die Kulturen trennen, was spricht dagegen, das an der Wiege des Neuen Testamentes, wie des gesamten Monotheismus verstandene Schöpfungswort zum Thema zu machen?
Es würde mich sehr freuen von Ihnen oder einem Ihrer Schüler konkrete Gründe zu hören, was an meiner Sichtweise des historischen Geschehens und christlichen Glaubensgrundes falsch sein soll bzw. gegen das neue Verständnis des Neuen Testamentes, wie des schöpferischen Wortes im modernen Weltbild des ewigen Werdens der Welt spricht.
Mit freundlichem Gruß
Gerhard Mentzel
Längst wissen wir, dass die Anpassung an sich verändernde Außenbedingungen die Voraussetzung jeder Existenz ist, eine ewige R-evolution auch in der Erkenntnis der Weg zur Bewahrung wäre. Alle reden von notwendigen Veränderung, ohne dass wirklich Neues zu denken gewagt wird. Auch nach kreativer Vernetzung wird gerufen, ohne dass versucht wird, bisher Getrenntes zusammenzudenken. Doch große Erfolge entstehen in Zeiten des Umbruches, aus den Krisen heraus. Auch in unserer Kirche. Eine Durchbruchinnovation unserer Gesellschaft wäre nicht die Erfindung einer neuen Dampfmaschine oder Informationstechnologie, sondern ein neues Verständnis der Information (Wort bzw. Formgebung) von Oben, das nur von theologischer Autorität angestoßen werden kann. Wie weit muss der Panik-Pegel in der Theologie noch sinken, damit nicht weiter der besondere Grund bzw. Gründern unseres christlichen Glaubens in Frage gestellt wird, sondern die professoralen Prämissen über sein geschichtliches und ewig lebendiges Wesen?
Befreiungsschlag oder theologische Bankrotterklärung?
Doch in Ihrem neun Buch beschriebene Jesus ist mehr als ein buchstäbliches Mysterium des persönlichen Glaubens. Das präexistente Wesen lebt wirklich!
Es liegt am Verständnis des im Neuen Testament beschriebenen historischen Wesens, ob ihn die Welt wieder wahrnehmen kann oder ob er immer weiter verflacht und verflüchtigt, so zur Un-wirk-lichkeit wird. Was Sie als historische Wirklichkeit in Form der Mystik bewahren wollen, ist als heute in allem evolutionären Werden verständliches Wort Gottes wirk-lich. Doch solange wir nur einen Mythos hochheben, wo vor 2000 Jahren der Logos lebte, betreiben wir Vernebelung, verhindern wir den Wiederverstand des Wortes und machen den Glauben für die Welt wundersam, unglaubwürdig oder verlangen Aberglaube.
Auch wenn Sie in Ihrem neuen Jesusbuch noch so sehr nach der Hoheitlichkeit unseres Heilandes rufen, so befürchte ich, dass das Bild des glorifizierten jungen Juden als eigentlich historische Realität genau dem im Wege steht. Sie beziehen sich auf die Gefahr von Zirkelschlüssen und wollen daher darauf verzichten, ein bestimmtes Jesusbild vorauszusetzen. Doch können wir das wirklich, wenn wir immer nur davon ausgehen, dass es bei Jesus um einen ganz besonderen Reformjude ging? Auch wenn wir ihn entsprechend der biblischen Aussagen gleichzeitig als Gottessohn anreden, die Wahrheit der Mystik betonen, so sind und bleiben das für die moderne Welt leere Titel, wenn wir den schöpferischen Logos nicht wahrnehmen, der hinter der Person des geschichtlichen Menschen Jesus steht. Doch schlimmer noch als die von Ihnen zurecht vielfach angeprangerte Verflachung unseres Jesusverständnisses erscheint es mir, dass das Bild des gutherzigen Menschen – ob man wie fast die gesamte Theologie annimmt, dass er aus kirchenpropagandistischen Zwecken zum Christus gemacht wurde oder ob man die Mystik der Buchstaben „ohne wenn und aber“ für wahr hält – davon abhält, den lebendigen Logos Gottes als präexistente schöpferische Präsenz und christliches Offenbarungswesen mit wachem Verstand hinter den biblischen Geschichten wie in aller natürlichen Genesis wahrzunehmen.
Während uns durch das Wissen um die historischen Gegebenheiten und das Denken der Antike die Möglichkeit geschenkt wird, nachzuvollziehen, wie sich gerade in Galiläa oder der jüdischen Diaspora ein neuer Geist von der Wirk-lichkeit, der irdischen Präsenz Gottes in seinem präexistenten Schöpfungswort entwickelt hat, bleibt der junge Mann aus Galiläa fremd und unwirklich. Dieser Jesus hat der heutigen Welt nichts mehr zu sagen. Selbst wenn er in seine gesamten Hoheitlichkeit geglaubt wird, ist er kaum mehr als eine Wärmeflasche fürs Herz, um besser einzuschlafen, wird gleichzeitig für vielfältige Zwecke propagandistisch interpretiert.
Ich befürchte, dass das von Ihnen angeprangerte Jesusverbot, das Sie auf die historisch-kritische Exegese und die Ideologen und Schwätzer (die ihn ideologisch vereinnahmen oder zur psychologischen Sphinx umdeuten) beziehen, noch eine dritte Seite hat, zu der das blindwütige festhalten an bestehenden Vorstellungen gehört. Doch es sind nicht falsche Buchstaben, die im Wege stehen, sondern unsere Bilder davon, die genau zu dem führen, was Sie als verkürzende kritische Exegese oder ideologische Vereinnahmung beklagen. Wenn ich verzweifelt nach einer neuen Wahrnehmung des Schöpfungswortes rufe, das hinter der christlichen Religion steht, dann geht es mir nicht um die Abschaffung der historischen Realität des geschichtlichen Menschen. Ganz im Gegenteil bin ich gewiss, dass sich gerade aufgrund unseres heutigen Wissens auch die Schöpfungslogik der geschichtlich menschlichen Person in Bezug zu vorangegangenen Vorstellungen nachweisen lässt. Das präexistente Wesen, das ich so vor Augen habe, ist weder wissenschaftlich abstrakt, noch ein Produkt menschlicher Psyche oder philosophischen Denkens. Vielmehr gibt es kaum etwas konkreteres als genau diese Vernunft, die wie eine Software alle Hardware: unseren Kopf und Körper wie den gesamten Kosmos mit aller seiner Kreativität bestimmt und aus der alles hervorgegangen ist. Und von genau dieser Weltvernunft in menschlicher Person handeln nach meiner festen Überzeugung nicht nur die apokrypischen Texte, die meist als gnostisch beiseite gelassene Literatur und die bisher als Verherrlichungsrede angenommenen Briefe, sondern das gesamte Neue Testament.
Ich bin nach allem, was ich von Ihnen, Ihren Schülern und Kollegen über die damaligen Denker weiß gewiss, dass es nicht die Herzensangelegenheit gesetzgläubiger Juden gewesen sein kann, die zu den Ihnen weit besser als mir bekannten biblischen Bedeutungsaussagen im Hinblick auf des menschliche Wesen Jesus geführt hat. Alles, was Sie in Ihrem neuen Buch als historisch und gleichzeitig hoheitlich bewahren wollen, lässt sich vom ewigen Schöpfungslogos aus ganz logisch belegen. Ich will mit meinen Überlegungen nicht Jesus Christus vor das Gericht menschlicher Vernunft zitieren, wie Sie es den aufklärerischen Theologien vorwerfen, sondern ihn aus dem Hinterzimmer der Un-wirklichkeit befreien, in den ihn die menschliche Vernunft meint sperren zu müssen.
Vielmehr befürchte ich, dass Ihr Verlangen, die biblischen Aussagen einfach als geschichtliche mystische Wahrheit zu bewahren, die Bankrotterklärung der von Ihnen angeklagten neutestamentlichen Theologie nur bestätigt. Gehen Sie wirklich neue Wege, wenn Sie aufgrund der historisch-kritischen Nichtnachweisbar die neutestamentlichen Bedeutungsinhalte ins Reich der Mystik verbannen, in der der von Gott so geschaffene moderne Mensch nur Dunst und Nebel sieht. Ist es für den Glauben meiner Kinder und Kollegen (letztlich die Kirche) nicht völlig nebensächlich, ob es bei den neutestamentlichen Aussagen um geheimnisvolle Mysterien geht, die von dem hochangesehenen Heidelberger Professor Berger als historisch gesetzt werden oder sie im bultmannschen Sinne als unbedeutend für den Glaube gesehen werden? Setzen Sie durch Ihr Verlangen, das Neue Testament als Mysterium zu betrachten nicht Jesus genau dem aus, was sie z.B. in Ihrer Kritik gegenüber der Mythostheorie Bultmanns vermeiden wollen? Können die Buchstaben verhindern, dass Jesus heute zum Spielball psychologischer Spielerein, vor den Karren politischer Ideologien gespannt wird und rein persönlichen Projektionen sowie menschlich beliebigen Moralvorstellungen dient?
Dabei ließen sich alle Wesensaussagen, die Sie als buchstäblich-mystische historische Wahrheit bewahren wollen, als geistesgeschichtliche Realität belegen, wenn wir nicht weiter einen jungen Juden, sondern das damals jüdisch-griechisch neu erfahrene Schöpfungswort an den Anfang des Denkens setzten würden. Nur im Logos Gottes ihn Menschengestalt, nicht in mehr in den vielfältigen Mythen der Antike oder einem dem Gesetzesgott nachgestellten menschlichen Guru war der Schöpfer selbst leibhaftig. „Wer mich sieht, sieht den Vater“ ist nur eines von unzähligen Selbstzeugnissen Jesus die belegen, dass es den Schreibern der Bibel um das Schöpfungswort in Gestalt ging, nicht um einen jungen Guru, den der Kurz-schluss heutigen Verstandes den Anfang setzt. Die Nähe des Sohnes zum Vater, die Sie beschreiben als größtmögliche Verwandtschaft, engste Beziehung einer Person zur anderen, lässt wie alle Bedeutungsaussagen nur auf den damals lebendigen Logos schließen, nicht auf einen jungen Juden mit Sonderbegabung, der heute ins mystische Hinterzimmer zu sperren wäre. Was damals kein Mythos war, sondern ein konkretes Wesen, braucht auch heute keine blind zu glaubende und somit manipulierbare Mystik zu bleiben. Es ist heute der Logos der lebt, der eine Wirk-lichkeit in der Welt hat und etwas bewirken kann, nicht die Mystik. Was Naturwissenschaftler als „herr“liche Selbstorganisation allen konstruktiven kosmischen Werdens bezeichnen und nicht einen wundersamen Mythos kann die Welt anknüpfend an die neutestamentliche Botschaft als den offenbarenden Sohn Gottes wahrnehmen. Und diese schöpferische Vernunft der naturwissenschaftlich wach nachweisliche Sinn allen Werdens und nicht mühsam entzifferte und doch nur manipulierte alte Mythen sind es, die den Menschen von Heute und Morgen Wegweisung geben können. Wir wissen heute oftmals, was schöpferisch vernünftig wäre, können mit Hilfe logischen Denkens und unter größtmöglicher Ausschaltung von Vorurteilen und Eigenenteressen nach dem wahren Willen des Schöpfers fragen, dessen Wort seit unser Entstehung aus Sternenstaub sichtbar ist und jeden Morgen beim Sonnenaufgang besonders deutlich hervortritt. Jesus spricht heute in der wissenschaftlichen Aufklärung zu uns, er ist nicht nur eine geheimnisvolle Mysteriengestalt, dessen Wille in persönlicher Spiritualität unter Ausschaltung des Denkens zu erkunden wäre. Wenn stimmt, was das Neue Testament sagt, in Jesus das präexistente Schöpferwort lebendig war, er auferstanden ist bzw. dieses Wort immer wieder zu verstehen sein wird, dann wäre es m.E. die Aufgabe von Neutestamentlern, dieses Wort den denkenden Menschen verständlich zu machen und seinen Willen zu erkunden.
Die Voraussetzung all dieser Überlegungen ist das Verständnis einer Vernunft in allem natürlichen Werden. Ohne diese wäre auch meine Rede von einem realen Wesen als lebendigem Wort/Logos nur eine nicht nachvollziehbare persönliche Inspiration. Ohne die Realität des Wesens, auf das m.E. das Neue Testament gründet, wissentlich wahrzunehmen, bleibt nur die Zuflucht im Mysterium. Wenn Ihr Urteil zutrifft, dass die Menschen damals bestätigen konnten, dass der eine Schöpfergott in Jesus Wirk-lichkeit geworden ist, dann kann ich jedoch nicht weiter einen zufälligen Menschen mit Namen Jesus an den Anfang des Neuen Testamentes stellen, der als Sohn durch Vorbildverhalten oder seine Verkündung..., nachösterlich... gewirkt, Vergebung der Sünden war oder nur im Rahmen der Gemeindebildung zur Offenbarung... wurde und ein ewiges Geheimnis bleiben soll. Auch war es kein im Rahmen griechisch-philosophischer Welterkenntnis selbstgebasteltes abstraktes Wesen, das zur Erlösung führte, sondern die Weltvernunft, die von Maria in menschlicher Gestalt ausgetragen wurde.
Doch wie sollen heutige Neutestamentler in gemeinsamer Arbeit mit Naturwissenschaftlern in neuer Weise zur Maria werden, dem in der Kreativität des Kosmos wirk-samen Kind Gott zum Ausdruck verhelfen, es den Menschen unvoreingenommen vermittelbar machen, wenn Sie trotz all Ihres Wissen um die Bedeutungsaussagen – auch im Hinblick auf die Gebärerin des Gotteswortes in Menschengestalt – von einem palästinensischen Mädchen als der eigentlichen Gebärerin unsers Glaubensgrundes sprechen. Solange Sie einen jungen Juden bzw. papierne Dogmen eines Mysteriums von einem einfachen Menschen an den Anfang Ihrer Überlegungen stellen, statt entsprechend des von Ihnen an den Anfang gestellten Johannes, vom Schöpfungswort, der Weltvernunft als reales sowie menschgewordenes Wesen aus zu lesen bzw. zu erklären, muss auch Maria samt ihrer unbefleckten Empfängnis durch den Heiligen Geist nur eine wundersame Hebräerin bleiben, die auf wundersame Weise einem später hochstilisierten Religionsrebellen das Leben schenkte. Ein Wesen, das unvoreingenommen den wirklich vom heilen Geist gezeugten Logos Gottes als Mensch zum Ausdruck brachte und in Mutter Kirche zu suchen wäre, kann so nicht vorkommen. Auch Josef bzw. das jüdische-gesetzliche Gottesverständnis einem exegetischen Vaterschaftstest zu unterziehen, jedoch aus der Perspektive des präexistenten Wortes aus, könnte m.E. eine lohnende Aufgabe für einen jungen Neutestamentler sein. Nicht die absurde Diskussion um die Vaterschaft eines Zimmermannes, der seine fremdgegangene Frau vor einer Steinigung bewahren wollte, wie in christlichen Dokumentarfilmen von Ihren Kollegen dargelegt, sollte fortgesetzt werden oder Josef und Maria samt Empfängnis zum Mysterium erklärt werden. Vielmehr wäre theologischer Verstand gefragt zu überlegen, wie weit nur der jüdische Glaube, die alte Gesetzlichkeit in der Gestalt Jesus literarisch neu aufgewärmt wurde, oder ob wirklich ein neuer heiler, vom einen Schöpfergott ausgehender Geist gezeugt hat, was die Kirche zur Welt brachte, so Gottes lebendiges Wort mit Hilfe der alten Buchstaben und monotheistischer Glaubensvorstellungen jüdisch-griechisch neu verstanden wurde.
„Mit etwas mehr Fantasie der Forschung könnte vielleicht eine größere Pluralität am Anfang des Christentums deutlich werden“ schreiben Sie. Doch solange wir das nur auf eine religiös-mystische Wirklichkeit beziehen, können wir das in allem natürlichen Werden lebendige Wort als Sohn Gottes nicht sehen, sind wir von historischen und heutigen hard facts weit entfernt, führt auch die Mystik nur zum weiteren Abbau. Doch die schöpferischen facts, der Logos Gottes und keine frommen Phantasien haben nach allem, was ich lese zum historischen Wesen geführt, das zu einer Erneuerung des alten Monotheismus und eine Erfüllung der Mythen führte. Auch was ich als jüdische Mystik oder in den von Ihnen übersetzten Psalmen von Qumran lese, lässt mich erkennen, dass es vor 2000 Jahren nicht um einen Mythos oder einen Supermenschen, sondern in anderen Begrifflichkeiten um den Logos des natürlichen, realen Lebens ging, der damals (auch wenn dies auf uns heute meist metaphysisch wirkt) aufgeklärt wahrgenommen, geschichtlich zum Menschen wurde.
Diesen Logos allen Lebens sehe ich nicht nur in aller Natur, sondern selbst in den von Ihnen angeklagten theologischen Verflachungen und Verdrehungen des Christusverständisses. Denn vor dem Neubeginn steht die Not. Dies ist der logische Weg aller Natur. All das, was sie anklagen und dafür sicherlich von vielen Ihrer Kollegen schief angesehen werden, verlangt jedoch nicht die Mystifizierung der Wahrheit Jesus, sondern bahnt den Weg zu seinem neuen Verständnis. Somit beweist sich auch im Weg der Erkenntnis eine herrliche Software, die in heutiger Entwicklung eine neue Wahrnehmung der christlich geschichtlichen Wahrheit not-wendig macht, auf den ursprünglichen Weg zurückführt.
Es sind nicht nur die von Ihnen angeklagten Forschungsklischees sondern ist die fest eingefleischte Hypothese von einem junge Reformjuden als dem eigentlich historischen Wesen, die zum Selbstläufer geworden von der Wahrnehmung eines präexistenten Offenbarungswesen in aller natürlichen Schöpfung abhält. Wenn, wie Sie analysieren, heutige Lehrentwicklung in eine abgeschirmten schmalen Bassin erfolgt, das einem barocken Vogelbecken in einem Schlosspark ähnelt, dann hilft es uns nicht weiter, die Historie nur als Mystik bewahren zu wollen. Vielmehr wird der von Gott so geschaffene moderne Mensch gerade das als barockes Vogelbecken werten. Statt im Fluss allen Lebens nach dem Logos Gottes zu fragen, der in der Antike lebendige Quelle der Offenbarung war und m.E. auch heute zeitgemäße Wegweisung sein könnte, wird nur im abgestandenen Wasser gedümpelt.
Während der Naturwissenschaft die schöpferische Vernunft über allen alten Materialismus des sinnlosen Zufalls längst wieder modern ist, plätschert die Theologie in einer Pfütze, in der alles als Glorifizierung eines jungen Juden mit zufälligem Namen Jesus, propagandistische Vergötterung, Aufwärmen vorangegangener Mythen sowie persönliche Mystik bzw. Spiritualität... angesehen wird. So kommen wir nicht weiter, können wir die Wirk-lichkeit Gottes nicht neu zur Welt bringen. Der Reichtum der alten Texte bzw. der Grund der christlichen Religion lässt sich jedoch im Logos belegen, der in nur den christlichen Glaubenstexten, sondern allem Werden zugrunde liegt. Fortschritt liegt nicht einfach im Ertragen von Fremdheit der alten Texte, sondern einem neuen Verständnis, das Fachwissen voraussetzt, wie es Ihnen gegeben ist. Mit der Mystifizierung lässt sich die Minimalisierung des christlichen Glaubensgrundes nicht auflösen, sondern in einem allegorischen Verständnis, das den Logos Gottes statt die eigene Vernunft an den Anfang setzt. Der Verfall der Werte, die Sie in Ihrem Buch beklagen bedarf eines neuen Verständnisses des Gotteswortes, wie es von Ihnen als kritischer, ernstzunehmender und für die Wahrheit des Glaubens engagierter Wissenschaftler durch neue Fragen nach der eigentlichen Wurzel angestoßen werden könnte.
Nicht die größtmögliche Verwandtschaft eines Wandergurus zum himmlischen Vater, der deswegen zum Gottessohn erklärt wurde oder nach Ihrer Lesweise wirklich war, lässt sich nachweisen, sondern die des im damaligen Denken lebendigen Logos Gottes, der hinter der Weltvernunft wahrgenommen wurde, zu den Jüngern sprach, wirklich Anteil am kraftvollen, unzerstörbaren ewigen Leben hat und direkt aus der Hand des Schöpfers kommt. Er ist es, der auch heute die Wirk-lichkeit Gottes präsent machen könnte, ohne das uns vertraute und verständliche menschliche Gesicht zu verlieren. Doch erst wenn Theologen den Grund unseres christlichen Glaubens nicht weiter Mystifizieren und dabei nur einem wundersamen Menschen einen dogmatischen Mythos umhängen, sondern auch dem damals bei den gottesfürchtigen Griechen lebendigen Logos eine Chance geben, kann hinter abstrakten Theorien des Alles bzw. einer Software der evolutionären Selbstorganisation, die alle Naturwissenschaft beschreibt, der uns vertraute leibhaftige und persönliche ansprechbaren Gottessohn wahrgenommen werden.
Mir ist es einfach unverständlich, wie eine Theologie, die immer wieder darlegt, dass es bei Johannes um die Weltvernunft in Gestalt ging oder der Geschichtsschreiber Lukas als gottesfürchtiger Grieche die Geschichte des alles hervorbringenden schöpferischen Geistes schrieb, dessen Wirken auf dem Weg vom heidnischen Galiläa nach Jerusalem als zwei Pole versteht, gleichzeitig die Bedeutung der zwischentestamentlichen Literatur betont, die den philosophisch erkannten abstrakten Logos bereits als Gottessohn identifiziert, gleichzeitig um die Spruchweisheit und das frühkirchliche, apologetische Denken weiß, das die menschliche Gestalt des Gotteswortes betont..., nur danach fragen kann, was ein charismatischer Wanderguru wollte, wie er mystifiziert wurde...
Heute ist es möglich, mit wachem Verstand, das Wort zu verstehen, aus dem die Schöpfung hervorgeht und das sich in der Vernunft und natürlichen Ordnung fortsetzt, die gesamte gesellschaftliche Entwicklung und allen Fortschritt bewirkt. Warum wir dieses Wort, von dem das Neue Testament als Licht der Welt wie in vielen ähnlichen Begriffen spricht, bei aller neutestamentlichen Exegese völlig an den Rand gedrängt? Warum darf selbst bei Ihnen, der ständig die Hoheitlichkeit betont und zumindest als Mysterium erhalten will, die Realität der christlichen Religion nur bei einem jungen Juden gesehen werden? Sollten wir moderne Jünger des Mythos sein, wenn uns gerade das Neue Testament sagt, dass wir vom Logos Gottes ausgehen können, der nicht nur eine Wort- bzw. Buchlehre, sondern das lebendige Wort in Person ist?
Führt nicht gerade die Mystifizierung unseres Glaubensgrundes zu einer Vergeisterung Gottes, wie Sie sie beklagen? Durch den Verweis auf Buchstaben und die Suche nach rein persönlicher Inspiration und Kontemplation lässt sich die weitere Vergeisterung unseres Glaubens nicht verhindern. Wohl aber durch das Hören des ewigen Wortes, das seine menschliche Ausdrucksform in der uns bekannten Gestalt des Gottessohnes bewahrt. Das Mysterium wird uns weder sagen können, was Jesus wirklich wollte, noch den Weg des Glaubens in der Gemeinschaft der Kirche weiterführen können. Von was lässt sich eine größere Wirkung für die Welt erwarten, wenn wir nur weiter mystifizieren oder im realen schöpferischen Wirken nach der Wirklich dessen fragen, der uns im biblischen Wort mit antiken Augen vorgestellt wurde?
Was ein junger Jude über Gott dachte, was er wollte, sagte und angeblich wundersam bewirkte, wie er theologisch mystifiziert wird und dogmatisch seine Bedeutungsinhalte hochgehalten werden, ist für die Welt – dem Schöpfer sei Dank – unbedeutend geworden. Ich bin gewiss: Der Gott des Gesetzes hat uns befähigt, heute den, der hinter all den Dogmen und christlichen Bedeutungsinhalte steht und die bekannte menschliche Gestalt behält, mit neuen Augen zu suchen und zu sehen.