Gerhard Mentzel                                                                                  15. November 2003

Schänzelstr. 9

 

67377 Gommersheim                                                                                

Tel. 06327 5449

 

 

 

Herrn

Prof. Klaus Berger

 

 

 

Bitte um Beurteilung eines Glaubensverständnisses, welches das präexistente Schöpfungswort an den Anfang stellt, somit von einer in aller kosmischen Kreativität wirk-samen Vernunft Gottes bzw. dem Logos in Menschengestalt als dem historischen und heutigen christlichen Glaubensgrund ausgeht

 

 

Sehr geehrter Herr Professor Berger,

 

seit vielen Jahren sind die in Ihren Büchern zum Ausdruck gebrachten theologischen Thesen für mich Anlass zum Nachdenken. Auch zahlreiche Veranstaltungen – ob. z.B. vor vielen Jahren eine Diskussion mit Gerd Lüdemann und Ihnen zum Thema Auferstehung oder Ihre Ausführungen zum Mythos der bultmannschen Entmythologisierung bei der evangelischen Landeskirche in Kaiserslautern, ebenso wie Ihre Vorträge bei der katholischen Akademie Speyer, dem Heinrich Pech Haus Ludwigshafen oder dem ökumenischen Bildungszentrum Mannheim – waren Anlass, mich mit dem antiken Geschehen und den Grundlagen unseres Glaubens auseinander zu setzen. Selbstverständlich sind Sie in den Ausführungen Ihres von seinem „Doktorvater“ tief beeindruckten Schülers Dr. Markus Sasse beim Pfälzischen Bibelverein, die mich jeweils in meinen Überlegungen zu einem neuen Verständnis des Gotteswortes bestärken, präsent. Auch wenn ich in Ihren zahlreichen Büchern über die theologische Bedeutung des Neuen Testamentes sowie den geistesgeschichtlichen Hintergrund oder der zusammen mit Ihrer Frau entstandenen erweiterten Zusammenstellung des Neuen Testamentes lese, drängen sich mir die folgenden Schlüsse auf:

 

Der geschichtliche Jesus muss mit dem Christus des Glaubens identisch sein. Es kann keine Unterscheidung zwischen echten Aussagen über einen historischen Jesus und anschließenden, nachösterlichen Christologien geben. Die vielfältigen theologischen Denker der damaligen Zeit können bei allem was wir heute wissen unmöglich von dem ausgegangen sein, was als historischer Mensch und einer angeblich aufgesetzten Christologie gelehrt oder gar als davon unabhängiges Kirchenkonstrukt gesehen wird. Vielmehr sind die gesamten, uns in Fülle erhaltenen Texte nur in einer Wahrnehmung dessen zu begründen, den Johannes als Weltvernunft und gleichzeitig Sohn Gottes erkannte und in dem auch die anderen Evangelisten, wie die gesamte Gnosis das in Menschengestalt präexistente Wort, Weisheit Gottes, Licht der Welt bzw. den lebendigen Offenbarer und Wegweiser sahen. Und genau dieses damals als menschliche Person lebendige „Wort Gottes“ könnten wir nach meiner Gewissheit in der Gegenwart des heutigen Wissens um das reale Werden der Welt neu wahrnehmen. Was dagegen spricht, ist unsere total vermenschliche Vorstellung vom historischen Wesen des christlichen Glaubens und einem davon weitgehend unabhängigen Christus, der von der Theologie meist nur noch in vernebelter Form, wie eine Miniaturausgabe Gottes verkündet wird.

 

Was Ihre Schüler bei der Suche nach den Knochen eines jungen Juden in Palästina ausgraben und wie sie die theologisch-philosophischen Hintergründe belegen, lässt keinen anderen Schluss zu, als dass in der Antike ein Denken war, das sich unmöglich mit unserem Banalbild des christogisierten Religionsrebellen auf einen Nenner bringen lässt. Sie erbringen aber gleichzeitig den geschichtlichen Nachweis für das, was ich für den eigentlichen Grund des christlichen Glaubens halte und damals als ein reales von Gott gezeugtes Wesen gesehen und in Menschengestalt vermittelt wurde. Hinter dem menschlichen Wesen des Jesus von Nazareth muss daher das Schöpfungswort gesehen werden. Denn damals kann kein Wanderguru, sondern die Wahrnehmung des Schöpfungswortes im Gleichklang mit einem allegorischen Schriftveständnis nicht nur in Alexandrien und Antiochien, sondern gerade in Jerusalem (Qumran als Schriftquelle) zu einer geistigen Wende geführt haben. Nur hieraus ist die Gottesgewissheit zu erklären, die weit über das alte Gesetzwort hinausging. Die Evangelisten scheinen das Schöpfungswort im Modell des antiken Weltbildes als reales Wesen gesehen zu haben und ließen es in verdichteter und verständlicher Form sprechen.  

 

Wenn mir Ihre Kollegen die Bibeltexte erklären, mich auf den aktuellen Stand der historischen Forschung auch über das alte Testament bringen, dann zwingt sich mir immer wieder der Schluss auf, dass dieses alles Werden bestimmende „Wort“ das eigentliche Thema war: ob bei Moses, apokalyptischer Theologie, in volkstümlicher Weise bei den Psalmen oder den prophetischen Auseinandersetzungen. Doch wie sollen wir erkennen, dass Jesus im Alten Testament lebt, auch bei Moses nicht Gott selbst, sondern sein lebendiges Wort Befreier war, wenn wir ihn nur so sehen, wie er heute an den theologischen Hochschulen gelehrt wird? Und wie können wir diesen heute m.E. wieder lebendigen Jesus gar in der Realität naturwissenschaftlicher Weltbeschreibungen wahrnehmen, uns wieder aus der Fremdheit führen lassen, wenn angeblich nur ein als Logos verherrlichter junger Jude gewesen sein soll oder es nur einen unbedeutend gewordenen Mythos in Fremdheit zu erhalten gilt?

 

Auch wenn die heutige Sichtweise ständig dazu führt, dass Jesus eigene Meinungen in den Mund gelegt werden, die gesamte Bibel zur menschlichen Beliebigkeit manipuliert wird, geht es mir primär nicht um die Wahrheitsfrage. Vielmehr befürchte ich, dass es die heutige Theologie nicht nur versäumt, den christlichen Glaubensgrund im realen Werden des Evolutionsprozesses bzw. im Sprachgebrauch unseres heutigen Weltbildes wahrzunehmen, sondern dass unsere total vermenschlichte Vorstellung vom historischen Wesen genau dies verhindert. (Somit permanente Judasierung betreibt.) Denn der von aufgeklärter Antike verstandene Logos wäre heute m.E. im modernen naturwissenschaftlichen Denken wiederzuerkennen. Was Einstein als Vernunft allen Werdens bezeichnete und über den bisherigen Materialismus hinausgehende Denker gar als Logos oder in zeitgemäßer Metapher als „Software“ aller scheinbaren Selbstorganisation der Schöpfung sehen, müsste m.E. von christlicher Theologie als „Wort und Sohn Gottes“ zum Thema gemacht werden. Ich vermute, dass gerade die Metapher vom Zusammenspiel zwischen einem unsichtbar bleibenden Sinn- und Softwaregeber und der greifbaren Hardware - wobei alles eng verwoben, auch die Hardware aus der Software hervorgegangen ist – ein gutes Verständnis dessen vermitteln könnte, was in der Antike als Logos oder Gotteswort als ein reales Wese gesehen und als Sohn ins Verhältnis zum Vater gestellt wurde. Von der mir von oft empfohlenen Spiritualität (weitgehend Hören auf mystische oder eigene innere Stimmen) möchte ich mich daher keineswegs inspirieren lassen. Vielmehr will ich in Bezug auf das Urchristentum in der klaren Kausalität des kosmischen Wunderwerkes das Wort Gottes und ewige Bestimmung hören, gleichzeitig die Bibel als Ur-kunde dieses Wortes verstehen und daraus Bestätigung für ein heutiges Hören in aller Natur/Logik nehmen.

 

Mir ist bewusst, dass auch die Schulwissenschaft noch weit davon entfernt ist, in dem von ihr ständig zutage geförderten Wissen um die unendliche Logik allen geschichtlichen und natürlichen Werdens den Logos als Wort und Sohn Gottes wahrzunehmen. Noch immer wird nicht vom art(igen)gerecher Schöpfungstauglichkeit, sondern dem Recht des bösen Starken, purem Zufall oder angeblichem Genegoismus gesprochen. Statt eine Vernunft zu thematisieren, die jedes Wesen mit dem ihm von Gott gegebenen Gaben schöpferisch auszuleben hat, wird die Natur meist mit menschlichen Augen beurteilt und völlig außerhalb die Erkenntnis gestellt. Warum aber sollte darüber weiter nachgedacht werden, was nutzt naturwissenschaftliche Neubetrachtung, wenn nicht die Weltvernunft des Johannes, sondern nur eine besonders begnadeter Wanderprediger – bei dem dann Theologen eine vergeisterte „Nahtodeserfahrung“ als Inspirationsquelle und wundersame Naturbrechungen als Autoritätsbeweise nachweisen wollen - angeblich das eigentlich historische Wesen christlichen Glaubens ist? Wie sollen Naturwissenschaftler sich als Werk-zeugen des einen Schöpfers verstehen, in der nachweislichen Vernunft/Software der Genesis den Sohn des selbst unsichtbaren aber personal anzusprechenden Schöpfers des Alles verstehen, wenn ihnen die Theologie permanent sagt, dass angeblich nur ein aufgrund antik-mystischer Begrifflichkeit propagandistisch verherrlichter Religionsrebell war? Der kosmisch wirksame Grund, den Philo im Sohn Gottes sah, den selbst die griechischen Göttersöhne hatten, wird zwar erklärt, bleibt aber bei heutiger Betrachtung belanglos. Selbst in der ZNT wird dann über die Christologie des Philo nachgedacht, ohne dies eine Seite weiter mit der Suche nach dem historischen Glaubensgrund bzw. –Gründer in Verbindung zu bringen. Auch die Prozesstheologen, deren Untersuchungsgegenstand m.E. der Gottessohn ist, scheinen nur in einen Pantheismus  zu verfallen bzw. wissenschaftlich-komplexe Konstrukte ohne menschliche Bestimmung hervorzubringen, wenn nur ein historischer Rebell, statt das Schöpfungswort in menschlicher Person verstanden wird. Wo in der Software aller scheinbaren Selbstorganisation des Kosmos der Sohn Gottes als christlicher und geschichtlicher Offenbarungsgrund nicht einbezogen wird, enden naturwissenschaftliches New Age und alle Prozesstheologie in moderner Metaphysik. Die Jünger Whiteheads reden zwar von einer Christologie, bringen ihre Theorien jedoch nicht mit der neutestamentlicher Theologie auf einen Nenner. In der menschlichen Gestalt des Gottessohnes sehe ich die Brücke vom antiken Monismus zum nachvollziehbaren Monotheismus, über die wir auch heute gehen müssen. Die Trinität wird so zu einer logisch nachvollziehbaren und höchst aktuellen geistigen Weltformel, statt wie alle Wesensaussagen des Neuen Testamentes (die durch die neue Perspektive kausal zu belegen wären) einfach weggewischt zu werden.

 

Den sog. historischen Jesus bei der theologischen Deutung beiseite zu lassen, wie u.A. von Bultmann gefordert, führt daher m.E. ebenso wenig weiter, wie nur auf die dogmatische Bewahrung der Glaubenswahrheiten zu bestehen. Und auch eine allegorische Vergeistigung oder ein Doketismus, wie bei heutiger Christologie zu beobachten, kann nicht das Ziel sein. Vielmehr kann uns bei all unserem Wissens um die Funktionsweise unseres Denkens und Erkennens – mehr noch als Origenes, Justin  & Co. - klar sein, wie notwendig es ist und war, die vielfältigen Erscheinungsformen des Gottessohnes in eine geschichtlich-menschliche Gestalt zu fassen, so die alte Geistesgeschichte vermittelnd fortzusetzen. Erst hier liegt m.E. die messianische Wirkung, die bei philosophisch-pantheistischen Gebilden oder auch bei Philo noch nicht war. (In strengem Sinne wäre es danach falsch, bereits bei Philo von einer „Christo“logie zu reden. Denn erst in Menschengestalt entfaltete der Logos messianische Wirkung.) In ähnlicher Weise hat auch die Kanonisierung und die eindeutige Bewahrung der menschlichen Gestalt bis heute den christlichen Glauben vor dem Verfall bewahrt. Erst so ist uns all das gegeben, auf was unsere Kultur so stolz ist und was uns heute neu (über Mutter Kirche und Materie hinaus) bis zur aufgeklärten Wahrnehmung des „Vaters“ führen kann. Die menschliche Gestalt des Jesus von Nazareth ist somit ein Teil schöpferischer Logik, die sich in ihm ausdrückt und keinesfalls nur ein Scheinwesen. Gerade heute könnte von einem erneuten Verständnis dieser menschlichen Gestalt, in der sich die vielfältigen Erscheinungsformen des Schöpfungswortes vereinen und die traditionelle Lehre und modernes Wissen verbindet, eine messianische Wirkung ausgehen.

 

Während meine verquerte Verwendung des Gotteswortbegriffes die meisten meiner theologischen Lehrer völlig verwirrt, fand ich nach vielfältigem Bohren bei Dr. Sasse Verständnis für meine Fragen. Ein Argument, das gegen meine Sichtweise des historischen Geschehens sprechen würde ist er mir bisher ebenso schuldig geblieben, wie gegen die verlangte neue Wahrnehmung des Gotteswortes/sohnes in der Software allen natürlichen Werdens. Auch wenn er meiner Perspektive nicht folgen kann, ihm das bisher durch ihn selbst vermittelte Weltbild verbietet, in der Realität des natürlich-logischen Werdens nach dem ursprünglichen Gotteswort zu fragen, weil man ihn für völlig verrückt halten müsste, wenn er von der Prämisse der heutigen Professoraltheologie abweichen würde, machte er mir Mut, mich an Sie zu wenden.

 

Ob bei Ihrem Referat „Gottes Wort? Menschenwort?“ in Mannheim oder beim Lesen aktueller Rezessionen in der FAZ wird mir immer wieder bewusst, wie völlig fremd mein Denken auch für Sie sein muss. Welch eine Anmaßung ist es, am eingefleischten Bild des jungen Juden zu wackeln, die Texte des Neuen Testamentes als vom Schöpfungswort ausgehend und dessen Leben, Leiden und Heilswirken beschreibend verstehen zu wollen? Und trotzdem will ich es wagen und gerade Sie bitten, meine Schrift- und Schöpfungswort vereinende Vorstellung zu beurteilen. Denn all das, was ich bei Ihnen über Jesus Christus gehörte habe:

-der den Gesetzestext zum Wort Gottes werden lässt,

-die Herrlichkeit Gottes im konkreten Geschichtshandeln und aller Genesis erkennbar macht,

-uns vor reiner Verbalinspiration bzw. der Koranisierung eines buchstäblichen oder rein menschlich beliebigen Bibelverständnisses befreit,

-als Einbruch der Wirk-lichkeit Gottes in unsere Welt über Privatoffenbarungen und Zeugen hinaus die Weltbilder wieder auf einen Nenner bringt,

-den einen Schöpfer gegenwärtig macht, uns jenseits abstrakter Modelle Gewissheit gibt...

lässt keinen anderen Schluss zu, als dass es beim Wesen des christlichen Glaubens um das im Menschen Jesus lebendige Schöpfungswort geht. Was damals Mensch werden musste, scheint heute nur durch eine neue Perspektive von dessen wahrer geschichtlicher und gleichzeitig kosmischer Realität verständlich zu werden. Aus diesem neuen christlichen Selbstverständnis ergeben sich m.E. völlig neue Aufgaben und Perspektiven des christlichen Glaubens, die alle Lebensbereiche umfassen und ihn zu einer gesellschaftsgestaltenden Kraft machen könnten. Allein kognitive Erkenntnis reicht nicht. Genau darum scheint es mir dringend notwendig, das in heutiger Theologie vorhandene Wissen endlich umzusetzen und die alten Bilder mit neuen Inhalten zu erfüllen. Nur so wäre z.B. die in aller Ökologie sichtbare schöpferische Vernunft/Logos zur Leitlinie des Lebens zu machen, der der Mensch begeistert und in bewusster, liebevoller Anbetung des Schöpfergottes und dessen Sohnes folgt.

 

Wer wäre besser befähigt über das eigentliche Wesen des Neuen Testamentes nachzudenken oder Fragen zu stellen, die gegen den Strom gerichtet sind, als Sie? Welch grandiose Antworten und Begründungen des universellen Glaubensgrundes könnten Sie geben, wenn Sie über die von Johannes als Gottessohn erkannte und in menschlicher Gestalt zum Messias gewordene Weltvernunft zum Thema der Theologie machen, nach dessen neuer Sichtweise im heutigen Weltbild fragen würden? (Denn deren heute nachweisbare Realität scheint mir Voraussetzung, um das Wesen des eigenen Glaubens über einen einfachen Menschen hinaus verstehen zu können.) Welche historische Wirklichkeit, die weit über einen reinen Symbolgehalt oder blinde Übertragung alttestamentlicher Begriffe hinausgeht, könnte aus den Geschichten herausgelesen werden, die man heute als höchst wundersam betrachtet, oft unbeachtet lässt und abtut? Ich hoffe deutlich machen zu können, dass dabei nicht die Verneinung des historischen Jesus, sondern dessen Beweis als geschichtliche Persönlichkeit und gleichzeitig kosmische Realität und Weltgesetz auf dem Programm steht.

 

Wäre es nicht verantwortungslos in einem Zug, der in die falsche Richtung fährt einfach weiterzufahren, zu verlangen die „Fremdheit“ zu ertragen oder durch dogmatische Mythen die Fenster verhängen zu wollen? Wenn, wie Sie analysieren, die heutige Theologie krank ist, die biblische Botschaft total vermenschlicht wird, bisherige Entmythologisierung und historisch-kritische Exegese nur zum Abbau und zur Verniedlichung führt, ist es dann nicht höchste Zeit, über die bisherige Hypothese des historischen Jesus nachzudenken, dabei jedoch gleichzeitig die kosmische Realität des christlichen Wesens theologisch zu thematisieren?

 

Wenn die zum gemeinsamen Haus gewordene Welt immer mehr in Aberglaube und Atheismus fällt, der nur zu ökologischer und ökonomischer Ungerechtigkeit führt, nicht nur im Nahen Osten auf sinnlose Weise um das heilige Land gekämpft, sondern im Namen Gottes selbst im tiefsten Afrika blutig gemetzelt wird, gleichzeitig uns Gott jedoch die geistige Freiheit und Fähigkeit geschenkt hat, sein Wort auf aufgeklärte Weise in der Gegenwart des Wissens zu hören, ist es dann nicht höchste Zeit neu hinzuhören?

 

Wenn die Christologie als Wesensbestandteil des Geistes der westlichen Welt nicht mehr ernst genommen wird, die Gesellschaft nicht zur schöpferischen Vernunft führt, weil sie nur als abgeschriebene Lehre gesehen, ihre Inhalte als höchst abstrakt abgelehnt werden, ihr scheinbar die verständlichen theologischen Inhalte fehlen, wäre es da nicht angebracht, nach der Weltvernunft des Johannes zu fragen, sie in heutiger Sprache zu konkretisieren?

 

Ich erwarte nicht, dass man meine Thesen übernimmt. Dies würde im völligen Gegensatz zu dem stehen, was ich als Zukunft eines durch die Logik Gottes begründeten Glaubens vermute. Denn der Mensch der Zukunft wird m.E. nicht mehr glauben, was vor-gesetzt ist, was Vorgesetzte sagen und verlangen oder sich gar von irgendwelchen Ideologien leiten lassen. Frei und mündig wird er das überlieferte, wie das in der Natur lebendige Wort verstehen. Um was ich bitte, ist ein tiefgehendes Fragen, das nur von theologischer Autorität ausgehen kann.

 

Was spricht dagegen, den geschichtlichen und den präexistenten Jesus Christus als Schöpfungsmittler auf einen Nenner bringen und so das Wort Gottes als Weltvernunft im natürlichen Werden neu verstehen zu wollen?

 

Wie können wir den von Gott mit naturwissenschaftlichem Verstand begabten Menschen von heute einen monotheistischen Gott vermitteln, sein universales Wort als menschliche Bestimmung verständlich machen? Welchen Beitrag kann dabei ein mit seinen Anhängern um den See Genezareth ziehender Wunderheiler oder ein unbegründbarer Mythos leisten?

 

Was würde dem christlichen Glauben verloren gehen, wenn er in der Geschichte Jesus – von Geburt bis Auferstehung - das lebendige Wort, den präexistenten Logos verstehen und heute in allem nachweisbaren natürlich/logischen Werden neue Offenbarung begreifen würde, statt mit leeren – allenfalls menschlichen - Händen dazustehen?

 

 Aber was alles könnte der christliche Glaube und somit die menschliche Gesellschaft durch die neue Sichtweise des Gottessohnes in der Gegenwart unseres Wissens gewinnen?

 

Ich befürchte: Solange kein anerkannter Geisteswissenschaftler zu Fragen Anstoß gibt bzw. neue Denkmöglichkeit in Erwägung zieht, werden wir über das festgefahrene Weltbild vom als Christus verherrlichten Wanderguru nicht hinwegkommen. Die Christologie bleibt dann eine völlig belanglose Lehre, deren weiterer Zusammenbruch besiegelt scheint: Ein menschlicher Kult, den keiner wirklich ernst nimmt und der keine gesellschaftsgestaltende Kraft entfalten kann. Nur Sie können zum neuen Quer-denken Anregung geben, um so neue verbindende und verbindliche Antworten zu erhalten. Könnte nicht ein junger Theologe damit beauftragt werden, die gesamte christliche Thematik vom Schöpfungslogos aus zu beleuchten? Oder in ZNT eine Diskussion angeregt werden, die das am Anfang stehende Wort, statt eines aufgemotzten Menschen zum Thema macht?

 

Sollte allerdings die von mir gesehene christliche Glaubensbegründung so absurd sein, dass es sich nicht lohnt darüber nachzudenken, so bitte ich dies mir offen zu sagen. Dann kann ich Gott und seinem offenbarenden Sohn (wer und was das dann auch immer sei) danken, dass ich endlich wieder mehr Zeit für Familie, Freizeit und Freunde habe.

 

Über eine kurze Beurteilung der hier skizzierten Sichtweise würde ich mich sehr freuen.

 

Mit echter Hochachtung, herzlichem Dank

und freundlichen Grüssen.

 

 

Gerhard Mentzel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die obigen Gedanken können ebenso wenig eine abschließende Argumentation bieten, wie die zahlreichen Überlegungen, die in letzter Zeit teilweise durch Aussagen von Ihnen angestoßen, an Sie gerichtet sind und Dr. Sasse überlassen wurden. Auch die unter www.theologie-der-vernunft.de hinterlegten, oftmals unvollständigen, unkorrigierten und zu überarbeitenden Texte sind nur laienhafte Zeugnisse für den in Menschengestalt lebendigen Schöpfungslogos, die oft auf Beiträge von Ihnen Bezug nehmen oder durch Sie angeregt wurden. Doch sie alle lassen keinen anderen Schluss zu: Jesus Christus lebt wirk-lich. Es liegt am Amtsverständnis unseres Glaubens, ob die Welt ihn aufgeklärt wahrnehmen kann.