Heilung des theologischen Herzen

 

Überlegungen, die sich auf einen Aufsatz beziehen, in dem der  Neutestamentler Klaus Berger nach langen Jahren des theologischen Forschens und Lehrens Bilanz zieht und für das Verständnis der Schrift wie der Kirche insgesamt zu einem vernichtenden Urteil kommt. Er thematisiert eine tiefgreifende Krankheit der heutigen Theologie.

 

Krankheiten unseres Körpers bringen zum Ausdruck, dass wir etwas an unserem Verhalten ändern müssen. Sie sind oft Alarmzeichen auf dem Weg zu einer Neuausrichtung. Wenn Klaus Berger in seinem Beitrag für eine katholische Wochenzeitung unter der Überschrift

„Das kranke Herz der Theologie“

diagnostiziert, dass mit unserer Theologie selbst,  unserer Exegese des Neuen Testamentes im Kern etwas nicht stimmt, dann wird es höchste Zeit bei der Betrachtung des Neuen Testamentes die Perspektive zu ändern. Nur so ist es möglich, die biblischen Berichte als Wirklichkeit  zu verstehen und dem christlichen Glaube eine neue Perspektive zu geben.

 

Die hier vorgeschlagene Therapie besteht nicht darin, die gewohnten und sehr sinnvollen Bilder als unhistorisch anzusehen, wie dies die moderne Theologie oft tut. Doch erst wenn wir hinter den Mythen und Metaphern den eigentlichen Grund des christlichen Glaubens wahrnehmen, kann der Weg frei werden für ein neues aufgeklärtes monotheistisches Gottesverständnis. Dieses nimmt Gott nicht mehr außerhalb der Weltwirklichkeit wahr, sondern sieht im ganz natürlichen Werden das schöpferische Handeln als Wort und Gottessohn. Der Mensch von morgen erkennt somit in einer grenzübergreifenden Wirklichkeit den ursprünglichen jüdischen und christlichen Glaubensgrund.

 

Es handelt sich hierbei nicht um einen Monismus, der nur von einer universellen Wirklichkeit in aller Natur ausgeht und allenfalls zu einem modernen Pantheismus führt, sondern ein Neuverständnis des alten Gottessohnes und ewigen Schöpfungs-Wortes, das nur von einen unsichtbaren Vater bzw. Informatiker ausgehen kann. Auch kein moderner Monotphytismus, der von der Vergottung des Menschen Jesus ausgeht oder gar den menschlichen Jesus abstreitet und allein das fleischgewordene Wort sieht, kann Therapie sein. Vielmehr gehe ich davon aus, dass die heutige Theologie in der Lage wäre, durch das Wahrnehmen einer Vernunft/Logos in allem natürlichen Werden auch die Logik nachzuweisen, die der menschlichen Gestalt unsers Glaubensgrundes zugrunde liegt. Warum von ihr messianische Wirkung ausging, sie  schöpferische Wirk-lichkeit war, ist  heute nachzuvollziehen.

 

In diesem Sinne geht es nicht um eine persönliche theologische These über die richtige Leseweise des Neuen Testamentes oder ein weiteres Jesusbild, das neben die unzähligen heute kursierenden Eigenprojektionen gesetzt werden soll. Eine aufgeklärtes Verständnis Gottes in der Wirklichkeit der Welt, das nur durch ein neues Bewusstsein des christlichen Glaubensgrundes möglich wird, ist das Ziel. Die Theologie hat für ein zeitgemäßes, vernünftiges Gottesverständnis zu sorgen, damit die Gesellschaft und ihre Mitglieder nicht krank werden. Doch die heutige Theologie bzw. unser derzeitiges Verständnis von Jesus Christus verhindert den Glaube, statt das Wort Gottes vernünftig zu vermitteln. Die hier verlangte allegorische Leseweise des Neuen Testamentes wird nicht nur als Bestätigung biblischer Wahrheit, sondern vielmehr als eine Voraussetzung für ein zeitgemäßes Gottesverständnis der Gesellschaft und damit deren Gesunderhaltung oder  Genesung gesehen. Denn ein in logischer Weise auf die Vernunft Gottes gründender Glaube ist m.E. die Voraussetzung für ein vernünftig-schöpferisches Miteinander der Menschen.

 

Der hier vorgeschlagene Heilungsprozess geht nicht von Menschen aus, Ideologie und Lehren. Der Heiland ist der, der auch nach dem Neuen Testament die Heilungswunder bewirkte. Es geht um dessen Wahrnehmung in der Realität allen Werdens, über einen historischen Menschen hinaus.

 

 

Sehr geehrter Herr Professor Klaus Berger,                   

 

erlauben Sie mir, dass ich im Nachtrag zu meiner „Bitte um Beurteilung eines Glaubensverständnisses, welches das präexistente Wort/Vernunft Gottes an den Anfang stellt und somit vom Logos in Menschengestalt als dem eigentlichen Wesen des christlichen Glaubens ausgeht“ auf Ihre Ausführungen über „Das kranke Herz der Theologie“ Bezug nehme. Auch eine erneute Auseinandersetzung mit Ihrem Schüler Dr. Markus Sasse anlässlich dessen Aussagen über die Christologie im Johannesevangelium „Wie der Sohn so der Vater“ beim Pfälzischen Bibelverein, ist Anlass meine Überlegungen zu ergänzen.

 

Mir ist bewusst, dass ich mit den folgenden Thesen in einen völligen Gegensatz zu der derzeitigen theologischen Lehre trete. Doch geht es dabei nur um ein Weiterdenken, der von Ihnen selbst insbesondere gegenüber der historisch-kritischen Exegese gemachten Vorwürfe und Ihrer theologischen Darlegungen zum Neuen Testament. Wenn Ihnen oft der Vorwurf gemacht wird, nach Ihrer Kritik oder gar Polemik keine Lösung zu bieten, sondern genau das umzusetzen, was Sie vorher kritisieren, dann möchte ich Sie bitten, den Weg konsequent weiterzugehen. Als fortschrittlicher Denker, der die Glaubensgrundlage kennt wie kaum ein Anderer und der sich unbequemen Fragen nicht verschließt, durch Querdenken zwischen konservativer und historisch-kritischer Exegese zu neuen Schlüssen zwingt, könnten Sie den Weg zu einem völlig neuen Verständnis des Gotteswortes zu ebnen.

 

  1. Aufruf zu einem aufgeklärten Verstand des Gotteswortes

 

Die folgenden Ausführungen sollen begründen, warum wir heute ein über die menschliche Gestalt Jesus hinausgehendes Verständnis des christlichen Glaubensgrundes benötigen, um aufgeklärt den einen Schöpfergott wahrnehmen zu können. Unsere Vorstellungen von den historischen Glaubensgrundlagen bzw. den biblischen Geschichten oder Gestalten entscheiden über unser heutiges Gottesverständnis. Daher genügt es nicht, weiterhin nur Inhalte der Geschichten als angeblich ungeschichtlich abzustreiten oder die Bilder und Glaubensmythen in Blindheit als altbewährte Glaubenswahrheiten zu bewahren. Wir brauchen ein aufgeklärtes Bewusstsein von deren Bedeutung, um weiterhin vernünftig in Bildern sprechen, so Inhalte verdeutlichen und  – was primäres Ziel ist - dadurch das Wort Gottes in der Wirklichkeit allen natürlichen Werdens neu wahrnehmen zu können.

 

Das von mir erwartete neue „wörtliche“ Verständnis geht davon aus, dass das Neue Testament nicht die Legende von einem junge Religionsrebellen ist, sondern Leben, Leiden und Heilswirken des lebendigen Gotteswortes, des Schöpfungs-Logos in menschlicher Gestalt beschreibt. Erst von dieser Perspektive aus lassen sich dann die teilweise konträreren Aussagen der völlig verschiedenartigsten neutestamentlichen Texte als geschichtliche Begebenheiten betrachten. Mit Ihrem Wissen wäre es möglich, die geistesgeschichtliche Realität der biblischen Berichte zu belegen, statt alle christlichen Wesensaussagen dem Abriss zu überlassen und verzweifelt zu versuchen, rettend einzelne Begebenheiten oder Jesusworte als wahr festhalten zu wollen, die Texte als mystische Fakten und Glaubenswahrheiten im Unverstand bewahren zu wollen. Solange wir nicht bereit sind, über einen Menschen mit Sonderbegabung hinauszuschauen, bleibt nur dessen anschließende Verherrlichung und Hochtitulierung als Produkte persönlicher Glaubensbilder seiner Anhänger. Dass heute dann diese Titel wieder zurückgenommen, als Ausfluss einer propagandistischen oder literarischen Überzeichnung gelesen werden, ist die logische Folge. Die Wahrheit der gesamten Texte lässt sich m.E. erst nachweisen, wenn wir bereit sind, die Hypothese eines historischen Wanderpredigers zu hinterfragen und gleichzeitig den Logos als reales lebendiges Wesen wahrnehmen.

 

Es kann nicht genügen, nur gegen den heutigen Abriss zu sein, das Mysterium von einem Menschen mit Sonderbegabung bewahren zu wollen und gleichzeitig die Krankheit der Theologie zu bestätigen. Wo bleibt da das neue Bewusstsein von der Wahrheit? Wo liegt da eine zeitgemäße Gottesoffenbarung für die Menschen von heute? Die echte Vollmacht und gerade heute besonders notwendige Offenbarungs- und Heilswirkung Jesus kann nur wahrgenommen werden, wenn wir in ihm das lebendige Wort lesen, das in allem natürlichen Werden nachzuweisen wäre.

 

Um die Bibel zu verstehen und in dem von Ihnen geforderten Sinne vor dem Abriss zu bewahren, müssen wir eine neue Perspektive einnehmen, die wie damals vom präexistenten Schöpfungswort und Gottessohn ausgeht. Erst dann wird uns klar, warum Jesus bzw. das neu als Mensch zum Ausdruck gebrachte Schöpfungswort wirklich von einer unvoreingenommenen Mutter geboren ist, warum die unterschiedlichen Evangelien-Angaben über den Tod Jesus eine gemeinsame Geistesgeschichte zum Inhalt oder warum die Heilungserzählungen einen realistischen  historischen Hintergrund haben. Der „Herr des Sabbat“ war mit Sicherheit nicht nur ein besonders guter Sonntagsprediger oder ein Schriftgelehrter, der über die Bedeutung des Sabbat besser Bescheid wusste, als die Pharisäer. Wer sich die Dimension des Schöpfungswortes bewusst macht, der erkennt die Logik, die dem Sabbat zugrunde liegt. Im logischen Sinn des Sabbat sehe ich die Autorität des Gottessohnes, der als Jesus spricht. Nur von dieser Logik aus lässt sich der „Herr des Sabbat“ wie seine Äußerungen gegenüber den Pharisäern verstehen. Wir können uns drehen und wenden wie wir wollen. Die Hypothese von einem anschließend verherrlichten Menschen steht dem Verständnis der geistesgeschichtlich und historischen Wahrheit bzw. dem eigentlichen Wesen des christlichen Glaubens im Wege.

 

Wie Sie heute die Gesamtheit der biblischen Berichte als Wahrheit verstehen wollen und wie Sie die Bedeutung der oft vorschnell als unhistorisch abgelehnte Texte belegen, läuft darauf hinaus, dass wir die Frage wer Jesus wirklich ist, neu stellen müssen. Ohne ein neues Verständnis des christlichen Glaubensgrundes wird weder die historische Wahrheit des alten Schriftwortes, noch das in aller Natur zu hörende Gotteswort wahrgenommen. Und selbst wenn es gelingen würde, die Aussagen der Bibel in dem von Ihnen verlangten Sinne zu bewahren, was hätte ein rebellischer Jude oder ein alter Christus-Mythos den Menschen von heute noch zu sagen?

 

Wenn zutrifft, dass in Johannes die griechisch verstandene Weltvernunft bzw. das hebräische Schöpfungswort spricht, und wenn, wie Sie weiter sagen, Johannes von keinem anderen Jesus handelt, der von vielen Theologen als gnostisch und unhistorisch angesehene Evangelist also ebenso ernst zu nehmen ist, wie die Synoptiker, dann ergibt sich doch daraus nur eine Konsequenz: Der Grund der christlichen Kirche ist kein besonders begabter Guru, sondern das lebendige Wort/der Logos des Schöpfers. Eine Software, die heute in aller kosmischen Entwicklung (somit z.B. auch der Selbstorganisation der bio-logischen Systeme) sichtbar ist, lässt sich als Vernunft Gottes und präexistenter Sohn nachvollziehen.

 

Gerade Ihr Denken über die Bedeutung der biblischen Berichte fordert ein neues Fragen nach dem wahren Jesus geradezu heraus. Es genügt nicht, sich weiterhin nur einfach einen Wanderprediger vorzustellen und daneben einen Glaubensmythos zu setzen. Damit kann weder die Wahrheit der biblischen Texte belegt bzw. erneuert, noch das heute in allem Werden lebendige Wort Gottes verstanden werden.

 

Was nutzt alles großartige Wissen um den Geist der Antike und die Bedeutung neutestamentlicher Berichte, wenn es in falsche Annahmen eingebettet wird? Müssen wir dann nicht trotz allen Wissens zu völlig falschen Annahmen kommen? Was brächte es zu wissen, dass Manila die Hauptstadt der Philippinen ist, wenn wir denken würden, dass Philippinen in Skandinavien liegt? Und selbst wenn wir die einzelnen Straßennamen der Stadt und die Bedeutung der Bauwerke kennen würden, brächte uns das dann nicht wirklich weiter. Würden wir nicht alles, was wir über Manila wissen mit nordischem Leben in Bezug setzen, so zu völlig falschen Vorstellungen und Schlüssen kommen? Könnte es nicht sein, dass wir durch die heutige Hypothese vom historischen Menschen einer völlig falschen Vorstellung aufsitzen, zu falschen Schlüssen kommen und die Offenbarungsfunktion für uns heute verkennen?

 

Ist es daher wirklich zu viel verlangt, die Grundannahmen des christlichen Glaubens zu prüfen, statt die Doktoranten immer weitere Details aufarbeiten zu lassen? Was nützte es z.B., die frühchristliche Diskussionen über die richtige Christologie im Detail nachzuvollziehen, dabei aber immer nur einen vergötterten Menschen vor Augen zu haben? Könnte es nicht sein, dass es damals nicht um einen Glaubensgründer ging, wie wir ihn heute für historisch halten, sondern die richtige Darstellung und Einordnung des Gotteswortes in Menschengestalt das eigentlich Historische und Wesentliche ist? Was brächte es, weiterhin hochwissenschaftlich einzelne Textstellen auszulegen, solange wir nur davon ausgehen, dass ein aufmüpfiger junger Jude große Töne spuckte oder spätere Theologen ihm diese in den Mund gelegt hätten, wenn in Wirklich das Wort Gottes/die Weltvernunft in Person sprach?

 

Sie bringen eine „Herzkrankheit der Theologie“ zur Sprache, wie es sich dies in dieser Form kaum ein anerkannter Theologe trauen würde. Allenthalben wird eine Krankheit der Gesellschaft für den Unglaube verantwortlich gemacht. Obwohl alles von Gott gegeben ist, wird heute der Wohlstand der Gesellschaft oder das Wissen bzw. das vernünftige Denken der Aufklärung als Ursache für den Unglaube gesehen. Die Intellektuellen nehmen daher die Theologie schon längst nicht mehr ernst. Auch wenn weltweit nach verbindenden Werten gerufen wird, sieht man Glaube nicht als dessen Grundlage, sondern gar als „Verhinderung“ eines vernünftigen Gesellschaftsgefüges und weltweiten Miteinanders. Was noch geblieben ist, taugt allenfalls zur individuellen Befriedigung oder zur Manipulation der Menschen im Namen Gottes. (Wie jüngste Beispiele auf beiden Kriegsseiten bzw. tägliche Berichte aus dem Nahen Osten belegen.)

 

Die Kirchen versuchen zu vertuschen. Meist wird die Krankheit der eigenen Theologie gleich gar nicht zur Kenntnis genommen, die geistige und gesellschaftliche Entwicklung dafür verantwortlich gemacht, dass die Menschen heute nicht wirklich mehr an Gott glauben. Statt die eigene Verantwortung wahrzunehmen,  eine gesunde Theologie als Voraussetzung für den Geist der Menschen und die gesellschaftliche Entwicklung zu sehen, wird die Schuld abgeschoben. Der Balken im eigenen Auge war für die Theologie bisher kein Thema. In der Reduktion des Neuen Testamentes auf eine reine Moralpredigt, wird dann Sonntags von Kirchenbesuchern verlangt, die Schuld nicht immer bei den Anderen zu suchen, sondern bei sich selbst anzufangen. Die Kirche bzw. ihre Theologie, die voll und ganz damit beschäftigt ist, den Menschen Verhaltensvorschriften zu machen, fühlt sich nicht angesprochen. Doch was nützt es, wenn an den kirchlichen Akademien über Schöpfungsökologie, Bioethik, Gentechnik, Globalisierung und ähnliche Themen nachgedacht wird, wenn der grundlegende Wertmaßstab und die Sinngebung des Menschen andererseits nur in alten Büchern nachgelesen wird? Dass die Evangelisten den Menschen nicht nur Verhaltenslehren im heutigen Sinne machen wollten, sondern es ihnen in erster Linie um ein neues monotheistisches Gottesverständnis durch den offenbarenden Sohn ging, Leben in einer als schöpferisch erkannten Ordnung, kommt in der heutigen Moralpredigt kaum vor. Die Aufklärung und die Wissenschaften werden grundsätzlich als Ursache des Abfalls gesehen. Oft wird fromm weitergepredigt, wie wenn christlicher Glaube nur ein Frage des blinden „trotzdem für wahr Haltens“ alter Gesetze wäre. Doch nur wenn uns bewusst wird, dass etwas an der Grundlage des von den Menschen verlangten Glaubens nicht stimmt, etwas krank ist, kann eine Änderung herbeigeführt werden, die somit auch zum gesellschaftlichen Gesundungsprozess führt.

 

War nicht genau das die Problematik, die im Neuen Testament in den Pharisäern verdeutlicht wird. Geht es Lukas & Co in den Evangelien um eine falsche Lebensweise, wenn sich Jesus mit den Pharisäern auseinandersetzt, wie es heute in der Moralpredigt von der Kanzel ständig zu hören ist, oder war nicht vielmehr eine neue Logik bzw. Lesweise Gottes im lebendigen Wort das Thema der christlichen Theologen? Wird nicht gerade in den Pharisäern ein Denken deutlich, das an traditionellen Vorstellungen festhält und so das eigentliche Heilswesen verkennt? Laufen nicht auch wir heute Gefahr, die gesamte Jesusgeschichte vom rein gesetzlichen Standpunkt aus zu betrachten, nur einen anmaßenden bzw. nach seiner Auferstehung verherrlichten jungen Juden zu sehen, der so ein reines Kind des Gesetzes (eines Buch-stabenglaubens bzw. alter Überlieferungen) bleibt? Sind wir so nicht zu Pharisäern geworden, die nicht bereit sind, die Problematik ihres Denkens einzusehen und weiterhin den lebendigen Logos, der für uns der Heilsbringer wäre, ans Kreuz liefern? Wie können wir eine Gesundung herbeiführen, einen Heilungsprozess einleiten, wenn wir wie die Pharisäer die eigene Schuld nicht erkennen, unser Denken für ok halten? Gehen wir nicht zwangsläufig den Weg der Pharisäer weiter, sehen dann im Gottessohn nur eine Anmaßung, Hoheitstitel für einen Guru oder ein reines Geistesgebilde als eine Art christologische Gotteskonkurrenz bzw. Abbildung? Solange wir die geistesgeschichtliche Wahrheit dessen, was vor 2000 Jahren war nicht mit neuen Augen betrachten, aufgrund eines neuen Bewussteins der biblischen Wahrheiten die Offenbarungsfunktion des ewig lebendigen Schöpfungswortes nicht wahrnehmen, kommen wir immer wieder zu den alten Schlüssen: „Kreuziget den Ketzer...“ Das lebendige Wort als wahrer König der Juden, Grundlage des monotheistischen Gesetzesglaubens bzw. der alten Tradition bleibt unerkannt, Jesus bleibt dann nur ein junger Jude, den man in christlicher Verherrlichung und Anmaßung zum Messias machte. Glaube wird zur persönlichen Angelegenheit, bei der sich die Menschen allenfalls von den Buchstaben alter Mysterien begeistern lassen können. Die Einsicht in die Krankheit des heutigen theologischen Weltbildes, wie sie von Ihnen thematisiert wurde, steht am Anfang eines Heilungsprozesses. Der Einsicht in Krankheit bzw. Falschverständnis muss die Bereitschaft zur Änderung folgen.

 

(In Folge einer Auseinandersetzung mit der Beichte bzw. der Einsicht in die Lebenslogik der Anerkennung des eigenen Fehlverhaltens und des ausdrücklichen Willens zu Änderung, habe ich mich in einen Beitrag unter www.theologie-der-vernunft.de  mit der „Beichte der Theologie“ beschäftigt. Wer allerdings denkt, dass unser theologisches Denken ok ist, der muss meine Überlegungen für absurde Anmaßungen halten. Er  fordert von den Gemeindegliedern weiterhin nur die Beichte bzw. eine Verhaltensänderung, ohne zu erkennen, dass sich erst an unserer Theologie bzw. unserem Gottesverständnis etwas ändern muss, damit die Menschen zum vernünftigen Glauben kommen. So wird weiter festgehalten  und verhindert, dass den Menschen die Voraussetzung zum Leben nach einer schöpferischen Ordnung gegeben wird.)

 

Wie in vielen Beiträgen bereits zum Ausdruck gebracht, gehe ich allen Ernstes davon aus, dass die von Ihnen festgestellte Herzkrankheit der heutigen Theologie durch eine völlig neue Sicht des historischen Geschehen bei der Begründung des christlichen Glaubens heilbar bzw. die heutige Krankheit ein Wegweiser zu einer neuen Wahrnehmung des christlichen Wesens ist. Der Heilungsprozess geht dabei von dem aus, den man damals Sohn Gottes nannte. Doch Ihre Aufgabe wäre es, den Gesundungsprozess anzustoßen, die christliche Theologie zu einer neuen Sichtweise ihres Glaubensgrundes und somit des ewig offenbarenden lebendigen Sohnes zu bewegen.

 

Die Ursache der Krankheit ist Ihres Erachtens die heutige Exegese des Neuen Testamentes. Deren Aufgabe wäre es, einen Zugang zu Jesus zu schaffen, um unserem Glauben einen Grund zu geben. Doch sie beklagen, die heutige Leseweise würde nur zerstören ohne Hoffnung auf Rückkehr. Halten Sie es bitte nicht für eine Anmaßung, wenn ich genau von dieser Rückkehr spreche und denke, hierfür eine Möglichkeit zu sehen. Doch nicht ich, sondern nur Sie könnten den Stein ins Rollen bringen, der einem neuen zeitgemäßen Wiederverständnis des alten einen Schöpfergottes den Weg versperrt, ein universelles christliches Gottesverständnis verhindert.

 

Wenn heute ein Großteil der Pfarrer nicht mehr an die Auferstehung glaubt, lt. der theologischen Lehrbücher selbst Vaterunser oder Bergpredigt nicht von Jesus sein soll, er weder Abendmahl gefeiert noch eine Kirche gestiftet habe, die Wunder geleugnet werden, das Grab nicht leer gewesen sei und er schon gleich gar nicht durch den Heiligen Geist empfangen sein soll, wird es dann nicht höchste Zeit zu fragen, um wen es im Neuen Testament wirklich ging?

 

Von Jesus weiß man fast nichts. Vielleicht sind acht, vielleicht drei oder fünfzehn Jesusworte „echt“ und das Urteil ist je nach Professor unterschiedlich, stellen Sie unter Bezug auf die heutige Sichtweise fest. Doch könnte es nicht sein, dass mit dieser Sichtweise vom historischen Geschehen, der Hypothese vom einfachen Juden, der später verherrlicht wurde, etwas nicht stimmt? Zeigt sich nicht gerade in Ihrer Beurteilung des heutigen theologischen Bildes, wie dringend not-wendig wir ein neues Verständnis des Geschehens am Grunde unseres Glaubens brauchen? Könnte durch eine neue Sichtweise des christlichen Wesens nicht nachgewiesen werden, dass alle Jesusworte „echt“ sind, vom schöpferischen Wort ausgingen?

 

Was wäre an dem von mir erwarteten Verständnis einer schöpferischen Vernunft und deren menschlicher Wirksamkeit als dem eigentlichen christlichen Glaubensgrund so schlimm?

 

Und welche geschichtlichen Fakten stehen - wenn wir uns von den eigenen Vorstellungen frei machen und die Geschichten im Geist der Antike lesen - wirklich im Wege?

 

Könnten sich durch eine neue Perspektive des Neuen Testamentes nicht alle heute als unwirklich betrachtete Aussagen und Jesusworte (ebenso wie der von Ihnen vorgelegten Neuzusammenstellung mit zahlreichen bei heutiger Betrachtung unmöglich in das Geschichtsgeschehen einzureihender Apokryphen) bewahrheiten? Warum darf es nicht sein, deren Logik zu belegen, indem wir davon ausgehen, dass es nicht nur um einen wundersamen Wanderprediger mit besonderen Bewusstseinszuständen ging, der mit seinen Anhängern um den See Genezareth zog, sondern das in Ihm verkörperte präexistente Schöpfungswort, das damals ganz selbstverständlich als reales Wesen betrachtet wurde? Würde nicht das Bewusstsein, dass hier das lebendige Gotteswort in Menschengestalt gesprochen und gewirkt hat, alle Geschichten von ihm handeln, auch heute wahre Wunder bewirken, einer erlahmten Theologie auf die Beine helfen und von angeborener Blindheit befreien? Könnte uns nicht so klar werden, wieso es im Christentum nicht nur um jüdischen Gesetzesglaube und Mythen oder gar hellenistische Ideologien und Mysterien, sondern um ein völlig neues Bewusstsein des in der antiken Weltwirklichkeit sichtbaren und den Vater offenbarenden Gottessohn ging? Wenn das lebendige Wort als Erfüllung und Bestätigung der Tradition gesehen wurde, war es dann nicht vernünftig, die Literatur im bekannte Stile fortzuführen, an Bewährtes anzuknüpfen, dies zu bewahrheiten und zu bewahren?

 

Ist die Heilung des lahmen Lazarus nur von einem wundersamen Quacksalber ausgegangen, oder vom Christus, als dem menschgewordenen Wort? Wie könnte die erlahmte Theologie heute geheilt werden? Sehen wir in Jesus nicht nur eine Art Prophet mit christlichem Sondergut? Doch wurde nicht gerade in der Lazarusgeschichte von Johannes dargestellt, dass allein ein Prophet bzw. dessen Wahrnehmung die Heilung der Gemeinde nicht herbeiführen könne? Wenn – wovon ich ausgehe - Jesus wirklich lebt, das Wort Gottes in allem natürlichen Werden als eine Art Software des gesamten kosmischen Geschehens, ebenso wie unserer geistigen und gesellschaftlichen Entwicklung sichtbar ist, könnte nicht durch dessen Verständnis als der alte und eigentliche Gottessohn auch heute für uns eine Heilung der erlahmten Gemeinde ausgehen, die alle prophetischen Weissagungen weit übersteigen bzw. deren echte Erfüllung ist?

 

Doch nützt es m.E. nichts, neben die 1001 beliebigen modernen Jesusbilder einen kosmischen Christus zu stellen, der mit dem historischen Jesus nichts zu tun hat, indem wir z.B. Teilhard de Chardin nur neu interpretieren. Dies bliebe ein Hirngespinst heutiger Zeit. Auch eine Logoslehre ist kaum mehr als eine leere Worthülse, solange hierin nicht analog der Antike der Grund aller natürlichen Genesis und gleichzeitig das ewig gesprochene Wort neu verstanden, somit der präexistente Gottessohn in Menschengestalt als historischer Jesus gesehen wird.

 

Nur einer fundierte Exegese, die das Neue Testament aus einer neuen Perspektive betrachtet könnte den Nachweis erbringen, um was es damals wirklich ging und heute gehen sollte. Wenn das scheinbare Chaos der verschiedenen Jesusdeutungen einen schöpferischen Sinn ergeben soll, dann muss daraus ein neues einheitliches Verständnis Gottes und eine Erneuerung der christlichen Kirche erwachsen, durch welche die heutige Patchwork-Religiösität persönlicher Beliebigkeiten und Glaubensvermeidung überwunden wird. Doch hierzu hilft nicht die blinde Bewahrung der Dogmen oder Mythen, sondern das Verständnis deren Grundlage und Logik, zu der nur eine aufgeklärte Theologie beitragen kann.

 

Ich bin sicher, dass alle theologischen Deutungen des Neuen Testamentes aus der vom Logos Gottes ausgehenden Perspektive eine völlig neue Bedeutung erhalten. Wenn wir nicht nur einen wundertätigen Wanderprediger und seine Anhänger vor Augen haben, sondern in ihm das lebendige Wort in Person sehen, welches in diesem Sinne geschichtlich nachweisbar Blindgeborene geheilt hat, wirklich ein neues Licht für die Menschen war, wird m.E. auch uns ein Licht aufgehen. Es übersteigt meine Fähigkeiten, in allen Aussagen, wie ich sie z.B. bei Dr. Sasse im Hinblick auf das Johannesevangelium höre, auf das erneuerte antike Gottesverständnis zu folgern, darin die menschliche Gestalt des lebendigen Schöpfungswortes nachzuweisen. Doch je mehr mir die moderne Exegese die Zusammenhänge und die theologische Bedeutung aufzeigt, desto deutlicher wird bewusst, dass es logischerweise nur darum gegangen sein kann. Weder Johannes, noch die Synoptiker können nur einen jungen Juden vor Augen gehabt haben, wie er heute als historischer Jesus von Ihren Kollegen gelehrt wird.

 

Es bedarf eines theologischen Sachverstandes, dem meine Möglichkeiten nicht gerecht werden, um z.B. den Typos der blindgeborenen Gemeinde, des Gesandten bzw. des Teiches oder der Taufe in fundierter Weise in Bezug zu einem mit Sicherheit stattgefundenen Geistesgeschehen zu stellen, das ein neues Paradigma für das alte monotheistisches Gottesbewusstsein eröffnete. Und auch der Bezug zu Synagoge und Tempel sowie die Trennung, die scheinbar in Johannes stattgefunden hat, kann doch nicht ernsthaft weiter nur als die Abspaltung einer sektenartigen Gruppe gesehen werden. Läge in der Aufarbeitung der Geistesgeschichte des lebendigen Gotteswortes nicht eine Aufgabe für die christliche Theologie, die weit über das vergebliche und verzweifelte Suchen nach Resten eines jungen Religionsgründers oder der modern gewordenen Zurücknahme aller christlicher Hoheitsaussagen hinausgeht?

 

Die Bibel ist m.E. keine banale Beschreibung einer Volksgeschichte, in der Gott auf wundersame Weise allerhand Hokus-Pokus bewirkt hat, sondern ein Berichtsbuch von ewigem Wandel des Verständnisses Gottes bzw. vielmehr seines jeweils sichtbaren schöpferischen Wortes. Gerade die Schriftlehre könnte daher den Nachweis erbringen, wie das neue Gottes-wort-verständnis innerhalb des gesamten Judentums der Antike erwachsen ist, welchen Beitrag die verschiedenen Geistesbewegungen erbrachten, welche theologischen Auseinandersetzungen dort stattfanden und wie eine neue Gotteswahrnehmung in der antiken Weltwirklichkeit als wahrer König des alten Glaubens verstanden wurde. Auch welche Probleme gerade im Zusammentreffen mit dem griechischen Weltbild und der römischen Kaiservergötterung zu lösen waren und wie der Logos/das Wort Gottes bereits in Psalmen, Apokalyptik oder Prophetie lebendig war, jedoch durch eine Gesetzlichkeit erstickt wurde, wäre Aufgabe einer aufgeklärten christlichen Theologie. Diese könnte so den Nachweis erbringen, wie damals durch das reale Wesen des Sohn Gottes der Gott der Väter und Vater allen Lebens neu verstanden wurde und warum nur seine menschliche Ausformung messianische Wirkung hervorbringen konnte. Doch noch wichtiger ist: Sie würde damit nicht nur unser Verständnis des Schriftwortes heilen, sondern nach meiner Prognose den Weg für ein aufgeklärtes, wirklich grenzüberschreitendes universelles Gottesverständnis von heute frei machen.

 

  1. Statt Seele oder Software der Natur, den Sohn Gottes sehen und so das Neue Testament neu verstehen

 

Ich hoffe deutlich machen zu können, dass es mir weder um einen Fundamentalismus im Sinne eines Festhaltens an Buchstaben, noch deren Verneinung geht. Vielmehr erwarte ich durch ein neues Verständnisses unsers Glaubensgründers bzw. – grundes die biblischen Aussagen bewahrheiten zu können. Und ebenso bliebe ohne eine Bestätigung durch einen neutestamentlichen Bezug die heute aus moderner Naturlehre erwachsende Sichtweise völlig belanglos. In einer bisher als „Selbstorganisation“ und neuerdings wieder als „Seele der Natur“ oder „Software“ einen Gottessohn sehen oder das Gotteswort hören zu wollen, ist undenkbar, solange wir an der Sicht eines einfachen Menschen als historisches Wesen festhalten, auf den ein Christusmythos aufgesetzt wurde. Alles Schwärmen von einer Harmonie des Welt-alles oder von Weltformeln, aus denen alles vernünftige Werden hervorgeht, bleibt naturphilosophische Spielerei, solange wir hier nicht den Sohn Gottes sehen können, dieser von der Hochschultheologie nur ins Reich der Mythen verbannt wird. Was nützt ein Verständnis vom Gleichklang in Mikro- und Makrokosmos, wenn wir darin nicht das Wort Gottes verstehen, den ewigen Sohn erkennen? (Aus meiner Sicht ist daher die eigentliche Weltformel nicht nur eine physikalische Gleichung, wie sie heute gesucht wird, sondern möglicherweise das, was die antike Theologie als Trinität sah. Formeln vereinen verschiedene Berechnungen auf einem gemeinsamen Nenner. Und das ist m.E. im Neuen Testament durch die menschliche Gestalt des Gottessohnes geschehen.) Doch ohne ein Neuverständnis der Trinität bzw. der Verhältnisbestimmungen von Vater, Sohn und Heiligem Geist wird es uns heute weder gelingen, die Wahrheit der Glaubenstexte zu belegen, noch die m.E. dringend not-wendige Brücke zur neuen Naturlehre zu schlagen, um Gottes-wirken in die Welt-wirklichkeit zurückzuholen. Solange wir nicht bereit sind, die Hypothese des später verherrlichten historischen Menschen in Frage zu stellen, nicht ein anerkannter Theologe wie Sie dazu auffordert, in neuer Weise nachzudenken, gehen wir den Weg der Verneinung, Verniedlichung und Verleugnung unseres Glaubens weiter.

 

Es liegt an Ihnen, ob die Naturwissenschaftler begeistert von der schöpferischen Ordnung und universalen Gesetzmäßigkeiten in ihren Büchern blättern und die Bibel als Mythos belächeln, unbeachtet lassen oder ob gem-ein-sam in Schrift und Kosmos das Wort Gottes gelesen wird. Weder Ortspfarrer noch Papst können den Weg für ein neues Paradigma des aufgeklärten gemeinsamen Gottesverstandes frei machen. Autoritäten der Hochschultheologie sind gefordert, ein neues Nachfragen zu ermöglichen oder anzustoßen.

 

„Das All ist Gott. Es ist unendlich, und zahllose Sonnen mit ihren Planeten folgen in ihm

ihrer Bahn. Nichts in der Welt ist leblos, alles hat eine Seele. Gott kann von uns nicht würdiger verstanden werden, als dadurch, dass wir die Gesetze des Universums gestalten und erhalten, erforschen und nachleben.

 Jede Erkenntnis ist in diesem Sinne eine sittliche Tat.“

 

Die Problematik dieser Aussage, wegen der der Dominikanermönch Giordano Bruno im Jahre

1600 in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, wartet immer noch auf „Ihre“ Lösung. Im urchristlichen Sinne genügt es m.E. nicht, Glaube an Gott und Natur jetzt vereinen zu wollen, in dem wir nur einfach die Natur nicht weiter abstreiten oder „auch“ als göttlich ansehen. Vielmehr wäre hier wie in menschlicher Geschichte der präexistente Sohn Gottes zu sehen, das schöpfungswirksame, universelle Wort zu hören. Wenn wir das Weltall als Werkstatt Gottes ernst nehmen, dann gilt es im gesamten Universum die Stimme und somit Bestimmung Gottes für die gesamte Genesis zu verstehen. Eine neue Verhältnisbestimmung zwischen den menschlichen Geschöpfen und der Mitwelt lässt sich daraus ableiten. Kleinkarierte, total vermenschlichte Gottesbilder, die einem persönlichen Egoismus entspringen und von Gott dies und das erwarten, was gerade gewollt wird, werden überwunden, wenn wir in den unfassbaren Weiten des Weltall das Wort Gottes wahrnehmen. Auch das Verhindern menschlicher Selbstüberschätzung und gleichzeitig eine Gelassenheit gegenüber vielen für die Entwicklung der Gesamtordnung natürlichen Notwendigkeiten setzt voraus, dass wir im gesamten evolutionären Werden uneingeschränkt die Werksatt des Schöpfers, das wirk-same Wort des Töpfers bzw. Software eines Informatikers wahrnehmen. Solange aber nur von meist undefinierbaren „Spuren“ Gottes in der Natur gesprochen wird, statt vom offenbarenden Sohn, Gott „auch“ in der Natur wirken soll, fehlt uns das Verständnis, das an der Wiege des christlichen Glaubens stand. Das Wort Gottes in der freien Natur wird dann nur bei der Predigtlesung von Waldgottesdiensten gehört. Ob es verstanden und wahr-genommen wird ist ein andere Sache. Denn das dort oft recht frei interpretierte Schriftwort nimmt selbst die Kirche nicht mehr wirklich ernst.

 

Wo aber übergeordnete Werte jeglicher Art fehlen, muss der Mensch und sein Empfinden die Richtschnur bleiben: Persönliches Glücksgefühl ohne gesamtsamtschöpferischen Wert, bei der dann auch die Ehe nur als überkommenes Kirchenkonstrukt gesehen wird, ist einziges Maß einer modernen Moralisation, die sich jetzt gegen die alte Lehre richtet. Der Sinn für eine dauerhafte zweigeschlechtliche Partnerschaft zum Gelingen eines menschlichen Gesellschaftsgefüges, braucht dann nicht hinterfragt zu werden. Dass hinter den alten Religionsdogmen eine menschliche Lebenslogik steht, die von höherer Be-stimmung schöpferisch-menschlicher Wesen ausgeht, wird weder von der Kirche thematisiert, noch kann es deren Kritikern klar werden. Solange sich nur auf Buchstaben berufen bzw. ein alter Mythos bewahr wird, ist der Blick auf den Logos der Religions-Gesetze verbaut. Der Lebenssinn, der hinter der Institution Ehe steht, wird in einer sinnentleerte Welt mit den Buchstaben und Mythen ausgeleert. „Endlich frei“ hofft man sich von einer konservativen, veralteten Bevormundung befreien und seine Lebenspartnerschaft nach eigener Beliebigkeit gestalten zu können. Die nach wie vor gültige Vernunft/schöpferisches Wort, die aus dem Mund der christlichen Lehre spricht, aus einer kreativen Gesamtnatur auf menschliche Lebensweise übertragen wurde – ganz nach Giordano Bruno - kann nicht gehört werden. Denn was dieser Naturdenker pantheistisch als Gott annahm, könnte heute als für die menschliche Lebensordnung wegweisendes Wort verstanden werden.

 

Wie das von Gott selbst im Kosmos gesprochene Wort und das Wort seiner irdische Vertreter auf einen Nenner zu bringen ist, kann im derzeitigen Selbstverständnis des Christentums nicht klar werden, solange nicht anerkannte Lehrer nach dem Logos der neutestamentlichen Theologie fragen. Nur theologisches Wissen könnte begründen, wie vor 2000 Jahren die Weltvernunft als das im Kosmos gesprochene Wort bzw. Gottessohn gesehen wurde und warum dies damals nicht in neue Weltvergötterung oder Brunos Pantheismus führte. Mein Vermögen beschränkt sich darauf, weit unvoreingenommener als dies vielen Theologen, die ihr Leben lang ganz feste Vorstellungen lernten, in völlig freier Weise neu nach dem Verständnis des Gotteswortes und des Gottessohnes zu fragen und mit laienhaft erworbener theologischer Erkenntnis zu verknüpfen. Ihre weit größeren „Talente“ bestünden darin, das in allem sichtbaren Werden gesprochene schöpferische Wort neu zur Sprache zu bringen. Ihr im Sinn des Schöpfers (entsprechend dem Gleichnisses bei Matthäus) zu vermehrende Vermögen wäre es, dem Schöpfungswort selbst zu neuer theologischer Bedeutung zu verhelfen, in der gerade Ihnen möglichen Weise nach dem eigentlichen Wesen und Gotteswortverständnis am Anfang des christlichen, hebräischen und hellenistischen Denkens zu fragen.

 

Warum streiten wir weiter alles ab, was an Wesensaussagen bisher Hauptbestandteil des christlichen Glaubens war, verkürzen ihn bis zur völligen Belanglosigkeit, statt bereit zu sein, das historische Wesen von einer neuen Perspektive aus zu verstehen? Wer wie ich, vom damals griechisch als Weltvernunft, hebräisch als Wort, jüdisch als Weisheit Gottes verstandenen realen Wesen als dem im historischen Jesus lebendigen Schöpfungswort ausgeht, das menschliche Gestalt annehmen musste, um an-erkannt zu werden und messianische Wirkung zu entfalten, für den liegt die Logik der Aussagen auf der Hand. Auch das Johannesevangelium ist dann kein gnostisches Geistesgebilde, sondern beschreibt ein ganz reales Geschichtsgeschehen. Doch solange wir an dem „platten Postulat“ festhalten, dass ein einfacher Mensch nach Ostern verherrlicht wurde oder alles dem Mysterium überlassen, kommen wir nicht weiter. Die Leugnung der Stiftung von Sakrament und Kirche durch Jesus sowie aller Wesensaussagen des Neuen Testamentes sind die logische Folge der im Grunde nicht falschen, jedoch m.E. nicht mehr zeitgemäßen Sichtweise des historischen Jesus.  Falsch“ kann die einfache Sicht des Menschen Jesus nicht gewesen sein und ist sie nicht. Noch bis zur Aufklärung hat sie den Glauben getragen, den Menschen ein sinnvolles Gottesverständnis vermittelt. Wenn heute allerdings von diesem Jesus als Grund unserer Religion nichts reales mehr bleibt, unser Jesusverständnis gar den Gaube verhindert, ist es dann nicht höchste Zeit, das historisch Geschehen und die menschliche Gestalt  mit neuen Augen zu sehen?

 

Ich denke, dass es – u.A. auch aufgrund eines Denkens, das über den bisherigen Kurz-Schluss aus Naturwissenschaft und Darwins Lehren hinausgeht  - heute erst möglich ist, den Grund eines in der Antike gewachsenen neuen monotheistischen Glaubens verständlich zu machen. Und auch auf theologischer Seite ist so erst heute wieder zu begreifen, was sich hinter dem Christusgeschehen verbirgt, warum nicht nur ein wildgewordener Guru als Gottessohn christologisiert wurde, sondern die Wahrnehmung des im gesamten Kosmos von Gott gesprochenen ewigen Wortes in Menschengestalt eine Erneuerung der alten, gesetzten Glaubensvorstellungen bewirkte. Nicht zuletzt die neuen Textfunde lassen auf eine Wende im Gottesbewusstsein bzw. auf einen Geist schließen, der über die banale Betrachtung eines jungen Religionsrebellen weit hinausgeht. Ebenso zeigen zahlreiche Neudatierungen oder Neubetrachtungen der biblischen Berichte, dass die Zeit für einen Standortwechsel in der Beurteilung der in neuem Sinne als historische Tatsachen zu verstehenden Aussagen reif wäre.

 

Wer den Standort ändert, erhält neue Perspektiven. Auch die neue Sichtweise einer in allem natürlichen Werden wirksamen Vernunft oder Software, ist erst von der wissenschaftlichen Aufklärung in neuer Form möglich gemacht worden. Während noch bis ins Mittelalter das Werden schöpferischer Willkürlichkeit unterworfen war, ist jetzt erst die Logik aller natürlichen Vorgängen sichtbar, somit eine höhere (himmlische) Vernunft empirisch nachweisbar. Auch die Zeit, in der Biologie als Böse gesehen wird, scheint vorbei. Statt purer Zufall und das Recht des Stärkeren zu sehen, kann durch eine ganzheitlichen Sichtweise in jeweils artgerechtem Verhalten, d.h. menschlicher Kooperation, die wahre Umsetzung schöpferischer Logik gesehen werden. Jetzt wäre die Zeit, Gottes-wirk-lichkeit in die Welt zurückzuholen, sein Wirken in aller Natur/Logik im Sohn nachzuvollziehen. Denn genau dieses lebendige Wort bzw. der Gottessohn scheint mir am Beginn unseres Glaubens als Grundlage zur Erneuerung des Judentums gesehen worden zu sein. Doch um die Vernunft Gottes neu zur Sprache zu bringen, das schöpferische Wort zum Thema werden zu lassen, wären Sie Herr Professor Berger gemeinsam mit Ihren theologischen Kollegen gefordert.

 

Wenn wir über ein grenzüberschreitendes Hören  des Schöpfungswortes in allem natürlichen Werden der Weltgegenwart nachdenken wollen, dann müssen wir handfeste Beweise haben für ein antikes Christusverständnis haben, an das wir anknüpfen können. Dies ist nur durch fundierte Auswertung der alten Texte und archäologischer Funde möglich. In zahlreichen unter www.theologie-der-vernunft.de gesammelten Beiträgen habe ich bereits versucht zu belegen, dass es sich damals schlüssiger weise nicht nur um innere Stimmen aufgrund einer meditativen Versenkung oder die Weltwirklichkeit verneinender Spiritualität gehandelt haben kann, die nur alte Bilder und Mythen von willkürlichen Gottesmächten blind wiederholte und bewahrte. So vermute ich auch in der der christlichen Gnosis oft unterstellten Weltverneinung keine Ablehnung der Welt, sondern sehe vielmehr eine Verneinung der vorgegebenen Weltbilder. Dass eine andere Sichtweise oft missverstanden und von den Gegnern verunglimpft wird, kennen wir aus dem Neuen Testament. Auch verliefen mit Sicherheit viele Stränge der Erkenntnis/Gnosis in die falsche Richtung, führten zu falschen Schlüssen bzw. Verhaltenslehren oder zur weltfremden Vergeistigung oder Verflüchtigung. Doch das alles darf nicht darüber hinwegtäusche, dass eine konkrete Theologie vom vernünftigen Werden der Welt die Grundlage der antiken jüdisch-griechischen Gottesschau war. Auch wenn uns heute die vielfältigen antiken Modelle des kosmischen Werdens recht weltfremd und metaphysisch vorkommen, so war dies nichts anderes, als das damals wissenschaftliche Weltbild, in dem das Wort Gottes verstanden wurde. Die aufgrund der antiken, griechisch geprägten Weltbilder mögliche neue Wahrnehmen des Gotteswortes in allem natürlich-nachvollziehbaren Werden (ein neues Verständnis der alten und ewigen Stimme Gottes) muss somit neue Bestimmung und Sinngebung gewesen sein, die weit über das vorgegebene jüdische Gesetz oder den hellenistischen Göttermythos hinausging. Genau dies vermute ich hinter der Wirklichkeit des Christusgeschehens. Was in den antiken Philosophien nur angedacht und hoffnungsvoll erwartet wurde, konnte sich erst vollziehen, als nicht nur ein abstrakter stoischer Logos oder Philos Gottessohnslehre, sondern der Sohn in Menschengestalt vermittelt wurde. Doch nicht im Hören von persönlicher Spiritualität und Stimmen, die leicht nur eigene Ideologien hervorbringen, sondern im Hören und verständlichen Vermitteln des in allem Werden deutlichen Gotteswortes sehe ich daher auch heute den Sinn der christlichen Theologie.

 

Auch die apologetischen Texte, die Sie in Ihre Übersetzung des Neuen Testamentes aufgenommen haben, sind nur ein kleines Beispiel für den neuen Geist, der damals geweht hat und der auch in den Textfunden von Qumran nachzulesen ist. Nicht zuletzt Aussagen von Ihnen haben mir hierfür die Augen geöffnet und deutlich gemacht, dass es in Qumran nicht nur um ein Büffeln der alten Bibel gegangen sein kann, somit die Wiege des neuen Gotteswortverstandes nicht nur Alexandrien, Antiochien bzw. dem jüdischen Exil zu suchen ist, sondern auch in Jerusalem.

 

  1. Den alten Monotheismus neu begründen

 

Auch in der Antike scheinen sich Gesetzesglaube an den einen Schöpfergott und das griechische Weltbild ergänzt zu haben. Und wenn Sie sagen, dass auch heute die Theologie unter der Ausklammerung der Gottesfrage leide, dann zeigt dies doch, dass allein das Beharren auf den Mythos die Frage nach dem wirk-lichen Schöpfer nicht lösen kann. Denn nicht durch einen Mythos, sondern nur durch den Logos lässt sich der Monotheismus heute begründen. Und wie in der Antike scheint nur vom präexistenten Wort Gottes, dessen neuer Wahrnehmung eine Heilswirkung auszugehen, durch die unsere Krankheit überwunden wird.

 

Die Deutung biblischer Texte durch sachfremde Kriterien, indem ihnen nur das Fremdartiges übergestülpt wird und sie so zu einer modern scheinenden Aussage gezwungen werden, wie sie befürchten, kann sicher nicht das Ziel sein. Doch halte ich es für notwendig, nicht nur weiter die Bewahrung alter Mythen zu verlangen, die keiner mehr ernst nimmt, sondern das Wort in der Wirklichkeit der Welt neu zu verstehen. Hiezu können die alten Texte beitragen, indem sie uns auf dieses Wort hinweisen, den Weg zu einer neuem neuen Gottesverständnis zeigen.

 

Wenn wir von einem neuen Standpunkt aus die Grundlage des christlichen Glaubens betrachten, kann Vieles, das uns heute fremd erscheint helfen, den eigenen Logos und gleichzeitig auch die Logik der Dogmen und Bilder wahrzunehmen. Während innerhalb der christlichen Theologie der Logos/das Gotteswort scheinbar nur noch als Lehre betrachtet wird, ist die Weltvernunft bzw. eine Grundgesetzlichkeit allen natürlichen Werdens in fremdartigen Lehren oft noch als reale Existenz lebendig. Es ist daher keine billige Apologetik, wenn wir andere Welt- und Glaubensbilder heranziehe, um den Grund des eigenen Glaubens, das präexistente Gotteswort nachzuweisen. Von einem neuen Verständnis des Schöpfungswortes aus ist in der Beschreibung des Tao als ewig gültiges Weltgesetz allen Werdens das Wesen unseres Glaubens deutlicher zu erkennen, als in heutiger christlicher Theologie. Auch wenn es nicht darum gehen kann, auf fremde Metaphysik umzusteigen, sondern in der Wirklichkeit des wissenschaftlichen Weldbildes das Wort zu verstehen ist, so kann uns dazu das Tao als eine nach wie vor gültiges Modelldarstellung des kosmischen Geschehens dazu den Weg weisen. Und selbst der alte Indianerhäuptling Seattle, der von den Ökologen als eine Art Urvater angesehen wird, sagte in seiner berühmten Mahnrede an den „Weißen Mann“ mehr über den schöpferischen Logos aus, als oft in heutiger christlicher Literatur nachzulesen ist. Doch wer nur einen verherrlichten Rebellen vor Augen hat, der wird weder mich verstehen, noch aus dem fernöstlichen Welterklärungsmodell oder neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen etwas für den eigenen Glaubens lernen können. An eine m.E. mögliche und notwendige theologische Auseinandersetzung, die den Mehrwert der Gestaltgebung des Weltgesetzes in der Form des Jesus von Nazareth deutlich macht, die Besonderheiten der christlichen Ausprägung ewiger Schöpfungsvernunft gegenüber östlichen Lehren oder rein naturwissenschaftlichen Betrachtungen untersucht, ist schon gleich gar nicht zu denken.

 

Solange es nur um einen jungen Juden geht, den man zum Messias machte oder der als Mythos geheim bleibt, gibt es kein neue theologisches Paradigma, wie es in Paulus zur Kirche wird. Wir können dann weiterhin das Denken den Pferden überlassen.

 

 (Die sollen ja angeblich sogar am christlichen Glauben schuld sein: Ein Vierbeiner hätte Paulus abgeworfen und der dann eine Halluzination gehabt, so das logische Ergebnis der heutigen Hypothese eines verherrlichten jungen Juden, wonach auch Paulus nicht als verfasstes neues theologische Paradigma verstanden wird. Solange der  historische Jesus nur als ein Religionsrebell gesehen wird, bleibt Paulus ein Pharisäer, der die Anhänger dieses jungen Juden verfolgte, sich dann aus undefinierbaren Gründen ihnen angeschlossen hat und eine abgehobene, vom angeblich historischen Jesus  weitgehend unabhängige Theologie entwarf. Aber wahrscheinlich hat Gott den Gaul mit einer Nadel gestochen. Dann wäre auch das Bekehrungsereignis des Sektenbeauftragten der jüdischen Synagoge als göttliche Vorsehung zu erklären. Entschuldige Sie meine Entgleisung. Aber wird hier nicht deutlich, wohin die Hypothese vom historischen Menschen führt, welche Welten die Denkweisen trennen? Wenn wir uns weiterhin weigern, im Gottesverständnis des Paulus die neue Wahrnehmung der Weltvernunft als in Jesus lebendiges Gotteswort zu thematisieren, kann man mit Gott beinahe alles machen, ihn für jeden Hokus-Pokus verantwortlich halten und das dann als göttliche Fügung und Offenbarung bezeichnen. Wird so dem Logos Gottes, der der König der Juden war und auch Krönung unseres heutigen Gesetzesglaubens wäre, so nicht weiterhin nur eine Dornenkrone aufgesetzt?)

 

Wenn Glaube nicht zur puren Predigt alter Gesetze oder persönlichen Ideologien und Innerlichkeiten – für Außenstehende sinnlose Halluzinationen - werden soll, dann muss die Frage nach dem einen wahren Schöpfer aller Weltwirklichkeit neu gestellt werden. Hier hilft auch der allgemeine Schmusekurs Namens Toleranz nicht weiter, der sich nur am klaren Bekenntnis zum wirk-lichen Schöpfer des Himmels und der Erden vorbeimogelt, alles für gültig anerkennt. Gott wird zum puren Produkt unseres Gehirnkastens muss als reine Projektion des menschlichen Denkens aufgrund alter überkommener Bilder gesehen werden, solange nicht sein Sohn als Software in allem natürlichen Werden wie auch in den alten Glaubenstexten wahrgenommen wird. Um eine zeitgemäße Antwort auf die Gottesfrage geben zu können, müssen wir den altbekannten Sohn Gottes mit neuen Augen sehen. Solange wir nur einen Menschen drehen und wenden, bleibt uns das schöpferische Wort verborgen, die Offenbarungsfunktion Jesus eine pure Behauptung ohne Grund. Offenbarung kann dann allenfalls als Halluzination antiker Schriftsteller nachvollzogen werden. Bei rein buchstäblichem Verständnis kann sie nicht im nach wie vor existenten Sohn wahrgenommne werden.

 

Wenn Sie ein neues christliches Selbstbewusstsein verlangen, dann möchte ich Ihnen dabei voll zustimmen. Doch nicht durch Nichtbeachtung des heutigen Wissens und Beharrens auf alten Dogmen und Mythen kann dieses Selbstbewusstsein entstehen. Auch beliebige innere Bilder und persönliche Vorstellungen taugen nicht für ein neues Selbstbewusstsein. Vielmehr besteht die Chance für ein selbstbewusstes Christentum in einem neuen Selbstverständnis, das im Gottessohn nicht nur den Titel für einen Menschen sieht, sondern ihn neu zu Sprache bringt. Aufgrund einer neuen Sicht des historischen Geschehens kann alles Wissen dazu dienen, das Wort des einen Gottes neu verständlich zu machen. Selbst fremdartige Denkweisen und Theologien können dann den eigenen Glauben begründen.

 

Die Wahrnehmung von Information ist Abhängig von unserer Betrachtungsweise des christlichen Glaubensgrundes. Im Grund unseres Jesus Christus bzw. Gottessohnsverständnisses entscheidet sich, mit welchen Augen wir heute in der Weltwirklichkeit das Wort Gottes, damit den Vater verstehen und uns in die schöpferische Ordnung einbringen. Ein Rückgriff auf die wahre Mitte der urchristlichen Theologie, die heute aufgrund der Schieflage bzw. der Depression des christlichen Glaubens gefordert wird, ist nur durch das Wort des Schöpfers, der Wahrnehmung seiner Ordnung und Wirk-lichkeit möglich. Bei unserer heutigen Sichtweise des historischen Geschehens ist es ein Unding, den Sohn Gottes in allem natürlichen Werden nachweisen zu wollen und von ihm eine zeitgemäße Offenbarung zu erwarten. Wer nur von einem jungen Juden ausgeht, der zum Christus gemacht wurde, der darf sich nicht wundern, wenn die Gottesfrage unbeantwortet bleibt, ausgeklammert wird. Eine naturwissenschaftlich nachweisbare kosmische Wirk-lichkeit, in welcher der einzige und ewige Gottesoffenbarer heute als lebendiges Wesen zu erkennen wäre, kann in diesem Denkgebäude nicht vorkommen. Doch wenn wir im Gebäude der logischen Welterklärung das christliche Verständnis des Schöpfers verloren haben, dann müssen wir hier weitersuchen und neue Verbindungen herstellen. Das Neue Testament kann uns dabei den Schlüssel liefern.

 

 

  1. Im Mythos den Logos/das schöpferische Wort Gottes verständlich machen

 

Indem wir den eigenen Grund neu verstehen, brauchen wir logische Beweise und Schlüssigkeiten nicht weiter zu scheuen. Vielmehr führen dann gerade die logischen Schlüsse zur Offenbarung des Schöpfers. Von dieser Perspektive aus können auch die alten Mythen, die Inhalte der Schrift, ebenso wie kultischen Vorschriften und Riten schlüssig erklärt werden können. Auch Sie sind dann als Teil des umfassenden Logos Gottes zu verstehen. Doch es geht primär nicht um die Wahrheitsfrage in Bezug auf biblische Texte. Im Vordergrund steht die schlüssige Wahrnehmung des einen Schöpfers durch den präexistenten Sohn. Und der wäre mit den Augen des heutigen Wissens wahrzunehmen, wenn wir nicht weiter nur nach einem jungen Juden und dessen Erhöhung Ausschau halten würden. Den Weg dazu können nur Sie und Ihre Kollegen durch zeitgemäße Fragen frei machen. Indem Sie die Inhalte des Neuen Testamentes nicht weiter nur als geheim zu bleibenden Mythos betrachten und in Fremdheit bewahren wollen, sondern sachkundig die Realität des Geistesgeschehens belegen, aus dem heraus vor über 2000 Jahren ein neues monotheistisches Paradigma erwachsen ist, kann ein neues Verständnis des Gotteswortes erwachsen.

 

Nur in sinnvoller Anknüpfung an das antike Denken und die uns dort begegnenden Gestalten kann auch heute die Frage nach dem einen Schöpfergott mit offenen Augen neu beantwortet werden. Alle Versuche, Glaube und Wissen zusammenzubringen, muss vergebens sein, solange wir den Grund unseres Glaubens nur in einem geistbegabten jungen Juden sehen. Spiritualität in dem oben beschriebenen Sinn ist keine Vergeisterung, die nur innere Bilder bewegt, sich selbst gerecht wird und die Welt der Beliebigkeit überlässt. Durch einen neuen Geist, der an der Grundlage unseres Glaubens beginnt, wäre es heute möglich, mit offenen Augen im Prozess des wissentlichen Werdens den offenbarenden Sohn zu sehen und somit den Vater zu verstehen. Den Schlüssel hierzu halten Sie als anerkannter Bibelforscher in der Hand. Durch ein neues Bewusstwerden der historischen Realität, zu dem nur Sie den Anstoß geben können, kann die Frage nach dem einen Schöpfergott neu beantwortet werden. Und nur durch eine Ihnen mögliche Exegese, die den tiefgehenden Sinn der neutestamentlichen Texte (der hinter den Geschichten und Gleichnissen stehenden hohen Theologie zum eigentlichen Thema macht), kann die Brücke zu einem neuen Verständnis des Schöpfungswortes in allem kosmischen Geschehen geschlagen werden. Die bisher weitgehend literatur- und glaubensgeschichtliche Begründung biblischer Inhalte wird dabei keineswegs abgewertet. Vielmehr könnte durch das Verständnis der real existierenden Weltvernunft deren geschichtliche Logik nachgewiesen werden.

 

Allein die Bewahrung des Mythos kann daher das kranke Herz der Theologie nicht heilen. Aufgrund heutigen Wissens wäre jetzt die Zeit reif, in der neu zu verstehenden natürlich/logischen Schöpfungsvernunft die inhaltliche Logik der christlichen Lehren deutlich zu machen. Wenn die Weltvernunft des Johannes als Thema des Neuen Testamentes hinterfragt wird, kann gleichzeitig auch zur dazu beigetragen werden, dass die Vernunft Gottes gesehen wird und nicht eine Naturgesetzlichkeit oder rein denkerisch philosophische ethische Normen. Begann die Theologie mit Platon nicht auch bei der Betrachtung eines Weltplanes, eines Logos, der zur menschlich-gesellschaftlichen Norm werden sollte? Wenn aber im Christentum der Fortschritt darin bestand, dass der Weltenverlauf und die daraus denkerisch abgeleitete vernünftige Lebensweise als Logos/Wort Gottes gesehen wurde, wird es dann nicht auch für uns höchste Zeit, gesellschaftliche Unvernunft durch eine fortgeschrittene Theologie zu heilen? Nicht einfach, in dem eine Weltethik oder Ökologie als göttlich erklärt, sondern indem der Prozess allen Werdens im Kontext des antiken Denkens wieder neu als Gottes Sprachraum erkannt wird. Was den Prozess der Genesis und das gesamtmenschliche Werden, Wachsen und Gedeihen fördert, könnte somit als Gotteswort- und Menschenwort zugleich gesehen werden.

 

Wenn ich von der aufgeklärten neutestamentlichen Exegese erwarte, dass sie den Weg für ein neues Verständnis frei macht, dann bedeutet dies das Gegenteil von Rückzug. Nur die fachgerechte Auslegung christlicher Religionsgrundsätze kann verhindern, dass ein Neuverständnis des im gesamten Kosmos gesprochenen Gotteswortes in reinen Naturalismus oder die pantheistisch-theoretische Spekulation heutiger Prozesstheologie führt. Alles Spekulieren über den Prozess des natürlichen Werden führt nur zu Privatphilosophien, solange die Hochschultheologie den modernen Denkern nicht nachweist, dass hinter der Software allen Seins der Gottessohn zu sehen, das lebendige Wort als christliches Wesen zu verstehen ist.

 

Könnte nicht die gesamte theologische Arbeit, die heute die Bedeutungsinhalte der biblischen Erzählungen bzw. Worte Jesus immer offener legt, wahrhaft reife Früchte tragen, wenn wir dadurch gleichzeitig das im gesamten Kosmos hörbare schöpferische Wort neu verstehen würden? Könnte so nicht auch die Bedeutung des zu Zeitenwende unter den Menschen lebenden Gotteswortes, das laut Neuem Testament im gesamten Kosmos verstanden wurde wiederverstanden werden? Wäre nicht gerade mit Hilfe heutiger Exegese deutlich zu machen, warum das auch damals im Kosmos verstandene Wort über das alte Gesetz hinausgeht, dieses nicht abschaffend ersetzte, sondern erfüllte? Wird nicht in allen tiefgehenden theologischen Deutungen aller neutestamentlichen Texte deutlich, dass es sich damals um ein völlig neues sichtbar Werden des Sinnes des alten Gesetzes gehandelt hat, der präsent war?

 

Ob z.B. Tod und Wiederverstand des universellen Schöpferwortes im Ostergeschehen beschrieben werden, das Pfingstereignis die auch heute dringend notwendige ein-deutige Wahrnehmung der verschiedenen Deutungsweisen des Gotteswortes in den Wissenschaften deutlich macht oder in Weihnachten das Gotteswort in menschlicher Gestalt„Präsent“ wird, was alles könnten wir daraus lernen? Was sich in der Antike geschichtlich ereignete und heilsbringend war, mit offenen Augen feiern, um daraus die Kraft zur heutigen Verwirklichung zu finde, könnte das nicht auch für unsere Theologie heilend sein?

 

Sicher gehen die sich in unseren christlichen Festtagen ausdrückende Aspekte eines Glaubensfortschrittes viel weiter, als hier versucht laienhaft nachzuzeichnen. Doch die theologische Ausdeutung aller in der Bibel beschriebenen Ereignisse durch die amtlichen Exegeten führt mich immer wieder in die gleiche Richtung, gibt mir Gewissheit, dass es damals nicht um einen Mythos oder nur einen verherrlichter Menschen ging, sondern das Schöpfungswort in menschlicher Person.

 

Ob in Jesus die universale Liebe zu dem einen Schöpfergott und den gesamten Menschen begründet oder diese jetzt durch Jesus den Sinn der alten Gesetze „sehend“ wurden, es kann nur das im gesamten Kosmos gehörten Schöpferwort gewesen sein. Nur so hat sich das Verheißene jetzt erfüllte, lässt sich die Logik des gesamte Offenbarungsgeschehen in Jesus Christus, ebenso wie seine Funktion zur Tilgung der menschlichen Sünden d.h. der Überwindung der Trennung vom Schöpfergott erklärt werden. Vom Neuverstand des Schöpferwortes aus (also nachösterlich) erhält die gesamte christliche Lehre ein geschichtliche Logik, die weit über die reine glaubensliterarische Begründung hinausgeht, und die nicht durch Laien, sondern durch Lehrautoritäten zur Sprache zu bringen wäre.

 

Der „Herr über Himmel und Erde“ kann weder ein anmaßender Wanderprediger, noch eine Art Gott gewesen sein an den man einfach glauben muss, weil’s so Gesetz ist und der im Mysterium bewahrt werden könnte. Nur vom Logos/Schöpfungswort ausgehend ist neues „Sehen“ zu erklären und kann zu heutigem Sehen und Verstehen führen. Hinter der gesamten antiken Weisheit, wie hinter den christlichen Logien, die durch gebildete Juden-Griechen in sinnvoller Weise zur Geschichte verdichtet wurden, könnte aus neuer Perspektive der Logos Gottes erkannt werden, der gesprochen hat. Wäre dies für die heutige Theologie wie den gottlosen Weltverstand nicht weit heilsamer, als nur weiter nach den Knochen von Wanderpredigern zu graben, nur in alter Literatur nach gegenseitiger Glaubensbegründung zu suchen? 

 

Bitte ersparen Sie mir, dass ich einzelne biblische Texte beispielhaft aufgreife und darin die neue Dimension des antiken Verständnisses vom lebendigen Schöpfungswort verdeutliche. Sie haben das doch alles schon getan. Die theologische Bedeutung des christlichen Neuverstandes wird in den Büchern von Ihnen und Ihren Kollegen, die über eine rein moralische Auslegung hinausgehen, ausführlich beschrieben. Nur weil ich die Bedeutungsinhalte von Auferstehung, Erscheinung, Weltmission, Eschatologie .........(Sie wissen das doch alles viel besser) bei Ihnen erfahre, bin ich felsenfest davon überzeugt, dass damals das Wort Gottes in der Qualität der Weltwirklichkeit gesehen und verstanden wurde. Nur so kann ich alle Aussagen der modernen Auslegung nachvollziehen, begreifen wie sich das Christentum vom  bisherigen monotheistischen, nur auf alte Gesetzlichkeit bauende Gottesverständnis unterscheidet. Nicht in einem Christusmythos, sondern im Verständnis eines universalen Logos Gottes (der so heute nachvollziehbar und erfahrbar wäre), lässt sich der universale Missionsauftrag erklären, den der historische Jesus und seine Jünger verlangten. Die Vermittlung des im Kosmos gesprochenen Schöpfungswortes, statt vorzuschreiben, was andere zu tun oder zu glauben hätten, könnte das nicht eine neue Aufgabe für die Lehrer des Gotteswortes im 3. Jahrtausend sein?

 

          5. Im Heute das Gotteswort hören

 

Eine Exegese des Gesetzes, die über die bisherige Banaldeutung der Bilder hinausgeht, ist die Voraussetzung für ein waches, grenzüberschreitendes Verständnis des Gotteswortes in der Weltgegenwart. Nur aufgrund der Vermittlung der theologischen Bedeutungsinhalte durch die modernen Exegesen, die uns das Wesen des Christlichen Glaubens verdeutlichen, theologische Inhalte der Bilder, Geschichten und Aussagen erklären, können wir heute in aufgeklärter Weise das Gotteswort verstehen.

 

Auch die Probleme mit zeitlichen Einordnungen und Fragen über die Autorität der Verfasser könnten aus einer neuen Perspektive in logischer Weise beantwortet werden. Aufgrund unseres theologischen Wissens könnten die Jünger Jesus als Anhänger des lebendigen Wortes innerhalb des gesamten jüdischen Denkens  deutlich gemacht werden. Statt anzunehmen, dass nur einige Fischerfreunde hinter einem wundertätigen Großsprecher hergelaufen sind und dann durch spätere Verfasser symbolhaft als die 12 bezeichnet wurden, ist durch die Unersuchung des Judentum zur Zeit Jesus der Nachweis zu erbringen, warum Jesus wirklich 12 Jünger hatte. Gerade heute lässt sich aufgrund unseres heutigen Wissens um die Gesetze der kontinuierlichen Kommunikation und die Deutung alter Texte deutlich zu machen, warum der griechische Logos oder die in Qumran erforschte Wahrheit eine menschliche Gestalt annehmen musste? Allen frühchristlichen Denkern, wie beispielsweise Origenes, ist daher beizupflichten, wenn sie die menschliche Gestalt des Gottessohnes als den wesentlichen Bestandteil des erneuerten Monotheismus sahen. Doch gerade angesichts dieser Denker davon auszugehen, es hätte sich hierbei nur um die Verherrlicher eines mit seinen Freuden um den See Genezareth ziehenden Religionsrebellen gehandelt, scheint eine unhaltbare Zumutung. Bei all meinen Studien der biblischen und weiterer antiker Texte bin ich nicht auf eine Stelle gestoßen, die gegen die von mir vertretene Perspektive vom lebendige Wort in Menschengestalt sprechen würde. Jedes neue Wissen über das damalige Denken, jede theologische Deutung auch der alttestamentlichen Texte bestätigt, dass das lebendige Wort das eigentliche Wese war. Auch wenn diese Thesen im Hinblick auf die heutige Lehre vom historischen Jesus abenteuerlich klingen, wo gibt es eine Aussage, die gegen die von mir vertretene allegorische Sichtweise spricht???

 

Einen Beweis kann weder für einen historischen Menschen, noch die hier vertretene Perspektive des lebendigen Wortes in Menschengestalt gefunden werden. Doch wenn diese Sichtweise weit logischer und gleichzeitig aufschlussreicher ist, sich durch die gesamten jüdisch-apologetischen, neutestamentlichen und frühkirchlichen Texte bestätigt, warum sind wir so versessen darauf, dass Jesus nur ein einfacher Mensch war, den man nach seinem Tod vergötterte? 

 

Gerade die theologischen Inhalte zwingen doch zu dem Schluss, dass es um weit mehr als die anschließende Verherrlichung eines im Geist seiner Anhänger wiedererwachten oder gar leiblich zu neuem Leben gekommenen Menschen geht. Alles nur als Mythos bewahren zu wollen, so letztlich Christus nur zu einem Mythos zu machen, führt dann dazu, dass sich die theologischen Erkenntnisse selbst auflösen: mystifizieren. Weil sich niemand aufgrund alter Mythen sich in die Weltordnung Gottes einbringt, wird Glaube zur persönlichen Ansichtssache einzelner Menschen. Wer orientiert sich heute an alten Mythen, die angeblich nur von angeblich leichgläubigen Anhängern eines Wandercharismatikers mit Erkenntnissen aufgrund von „Nahtodeserlebnissen“ verfasst wurde? Wenn es wirklich nur die Verherrlichungs-Anhänger dessen gewesen wären, der heute an den theologischen Hochschulen als historischer Jesus gelehrt wird, wie könne wir dann von modernen Menschen erwarten, sie sollen solche Mysterien ernst nehmen sollten? Was haben wir noch zu verlieren? Was spricht laut Neuem Testament gegen ein Verständnis des kosmischen Schöpferwortes in der Weltgegenwart als das christliche Wesen?

 

Einzig die B(G)efangenheit  in einer buchstäbliche Lesweise der biblischen Aussagen und der gleichzeitigen Hypothese, dass der historische Jesus nur ein einfacher Mensch war, daneben ein Christus des Glaubens gesetzt wurde, spricht gegen einen neuen Standpunkt.  Ein neues christliches Selbstverständnis, das zu neuen Perspektiven führt, wird so verhindert. Doch genau diese Trennung zwischen Glaubenschristus und historischem Jesus halten Sie doch aus theologischen Gründen für ebenso falsch, wie Sie das banale buchstäbliche Verständnis anprangern, das nur zu einer ständigen Reduktion und Verkürzung der Inhalte führt.

 

Im dargestellten Sinne ist es daher alles andere als eine Frage des persönlichen Geschmackes oder kann den Einzelnen überlassen bleiben, ob wir weiter nur einen einfachen Menschen sehen, der verherrlicht wurde, daneben eine Kirchenchristologie/lehre stellen oder ob wir im christlichen Glauben künftig das im Kosmos gesprochene Schöpfungswort an den Anfang stellen. Nur indem wir bereit sind, über die alten Bilder hinaus das neue Bewusstsein zu beurteilen, das damals zu einer Erneuerung des vorgesetzten Gottesverständnis führte, können wir das im metaphysischen Weltbild wahrgenommene Gotteswort in dem uns durch die Aufklärung erwachsenen Weltverständnis grenzüberschreitend verstehen. Die Aufklärung wird so nicht zur Ablehnung des Schöpfergottes, sondern wird Werkzeug der ewigen Offenbarung des einen Vaters. Auch dass erst heute über das rein materielle Weltbild hinaus eine Software/Vernunft gesehen werden kann, durch die wir von Sternenstaub zu geistbegabten Wesen wurden, scheint zum vernünftigen Ablauf der Schöpfung zu gehören.

 

Der Theologie kommt bei einer neuen Sichtweise des eigenen Glaubensgrundes eine völlig neue Aufgabe zu, die weit über das Nachblättern in alten Berichten vom Gotteswort hinausgeht. Erst wenn im „Selbst“ nicht nur die Lobhudelei für ein jungen Juden oder eine aufgesetzte Lehre angenommen wird, kann ein neues Selbstbewusstsein der Theologie angestoßen werden, das in aller „Selbst“-organistion der naturwissenschaftlichen Darstellungen den Sohn Gottes erkennt: In Folge ein neues Gottesbewusstein der Christen, das weit über persönliche Spiritualität hinausgeht.

 

-Die Biologie bzw. die Lehre der belebten Natur könnte zum besten Nachweis für das lebendige Wort/den Logos Gottes werden. Selbst die Ausstattung des Menschen mit einem Schläfenlappen, der scheinbar zur Gotteserkenntnis treibt und indem bei bisherig-atheistischer Betrachtung der einzige Grund Gottes gesehen wird, könnte zur Begründung für die Vernunft/das Wort des Schöpfergottes werden, bei dem alles „seinen“ Plan hat. In allem, was wir bisher begeistert als wunderbaren „Selbst“-organistationsprozess bezeichneten, wäre in Anknüpfung an die Antike der Sohn Gottes sichtbar. In der Herrlichkeit des natürlichen Wunderwerkes, bei dem alles schöpferische zukunftsgestaltend und somit sinnvoll zusammenwirkt, wäre das Wort Gottes verständlich zu machen, um erst aus dem als vernünftig erkannten Gotteshandeln menschliche schöpferische Verhaltensweisen abzuleiten.

 

-Die Astronomie kann von einem neuen Standort aus als Lehre vom Lautsprecher des Logos Gottes betrachtet werden. Weder im Himmel, noch auf der Erde ist Gott selbst zu suchen, sondern nur sein Sohn präsent, sein Schöpfungswort verständlich. Während namhafte Biologen nach wie vor nur von der Wirkkraft des Bösen ausgehen, gar die Lüge zum Lebenselement ausrufen und den puren Genegoismus als Triebfeder allen Werden nachweisen wollen, gleichzeitig weiterhin von purem Zufall reden, wird bei heutiger Betrachtung einer beinahe unfassbaren kosmischen Ordnung bewusst, dass es mehr sein muss, als purer Selbsterhaltungstrieb der Körpersäfte und Zufall. In der schöpferischen Harmonie des Weltalls, aus der alles Werden hervorgeht, wäre daher das Wort Gottes weit besser verständlich zu machen, als in purer Biologie, die oftmals noch vor von sozialdarwinistischen Kurz-schlüssen geprägt wird. Gerade in der Logik eines wachsenden Weltalls, das in Milliarden von Jahren aus einstigem Sternenstaub geistbegabte Menschen hervorbrachte, könnte das Wort bzw. die universelle Gesetzmäßigkeit Gottes besonders deutlich erkannt werden. Mit Hilfe der modernen Teleskope wäre das bereits von Abraham (bzw. hebräischer Himmelsschau) verstandene Wort zu erkennen bzw. der zu sehen, der in der Antike neu als Gottessohn verstanden wurde. (Aber angeblich geht es ja nur um den Mythos von einem jungen Juden, dessen Titel aufgrund altgriechischer oder altjüdischer Begrifflichkeiten und Vorstellungen.)

 

-Die Physik, die als übergeordnetes Modell unser heutiges Weltbild weitgehend bestimmt, kann heute als Beleg dafür dienen, dass es neben aller Materie eine Software geben muss. Gerade die moderne Physik erbringt den Nachweis, wie das wunderbare Wirk-gefüge der Welt weit mehr ist, als die Summe seiner Teile. Selbst in der bisher als unbelebt betrachteten Natur wird so nach neuer Lehre der Logos Gottes belegt. Der Sohn Gottes könnte somit mit offenen Augen selbst im physikalischen Weltbild nachgewiesen werden.

 

-Die Psychologie und Anthropologie könnte uns heute sagen, warum wir genau die Vorstellungen brauchen, die wir bisher vom Grund unseres Glaubens hatten. Selbst warum wir in einem kosmischen Schnitt bzw. symmetrischer Ordnung natürliche Schönheit erkennen und so nicht nur eine herrliche Natur, sondern den Herrn bzw. Sohn Gottes sehen können und müssen, sollte sich logisch nachvollziehen lassen.

 

Alles Wissen um Kommunikation, Lernmethoden und die Logik der Fortführung und Entwicklung von Gottesvorstellungen bzw. Weltbildern wäre dazu geeignet nachzuweisen, warum es vor 2000 Jahren notwendig war, dass der Logos/das Wort Gottes genau die Gestalt annehmen musste, die wir kennen und die uns durch den Kanon erhalten blieb. Warum es sinnvoll war und ist, diesen Grund allen Seins in Bilder zu vermitteln, so ewige Wahrheiten zu bewahren und damit auch unsere Gefühlswelt anzusprechen, wäre aufgrund unsers heutigen Wissens erklärbar. Auch weshalb die alten oft verschmähten Riten, Feste oder sonstige kultische Verhaltensweisen ihren Sinn haben, um das Wort Gottes gemeinschaftlich auszuleben, zu verinnerlichen und zu leben, ist heute Dank unseres Wissens ums die menschliche Psyche, deren logisch-natürliche Zusammenhänge, erst allgemein verständlich.

 

-Die gesamten Geisteswissenschaften sind ebenso ein Beleg für das ewige Gotteshandeln, wie die Naturlehre. Der Gottessohn ist auch im Verlauf der menschlichen Geistesgeschichte sowie dem ewigen Zugewinn an wissenschaftlicher Einsicht und Gotteserkenntnis nachweisbar zu machen. Gerade in der Geschichte zeigt sich, dass menschliche Gemeinschaften auf die sich wandelnde Wahrnehmung des Gotteswortes im jeweiligen kulturellen Kontext angewiesen sind. Weder Ideologien noch humanistische Parolen, Philosophien und fortgeschrittene Menschlichkeit können Werte und einen gemeinsamen Sinn begründen. Bewusste Wesen scheinen seit Anbeginn der Menschheit auf die bewusste Wahrnehmung Gottes angewiesen. Was im Kosmos wie von selbst funktioniert und für schöpferische Ordnung sorgt, muss von uns als offenbarenden Sohn Gottes gesehen werden.

 

Während die Naturwissenschaften nur die Grundlagen des Wissens liefern, ihre Aufgabe darin besteht, zu forschen und für den meist materiellen Nutzen bzw. Nahrungserwerb einer wachsenden Menschheit und einer Verbesserung der Lebensbedingungen sorgen, wäre eine Zusammenschau und ein Verdeutlichen und Vermitteln des lebendigen Wortes - somit ein Beziehen auf Gott als den einen Schöpfer - die eigentliche Aufgabe der aufgeklärten neutestamentlichen Theologie. Die Theologie schafft somit erst die Grundlage für den Geist, der uns zur schöpferisch-menschlichen Gemeinschaft macht und uns die im Wissen zugewachsenen technischen Möglichkeiten im Sinne der Menschheit von Morgen nutzen lässt. Hierzu hilft weder ein Berufen auf alte Glaubenswahrheiten und Mythen bzw. Menschen mit Namen Moses oder Jesus, noch eine moderne Moralpredigt, die niemand mehr mit Moses, Jesus oder dem Gottessohn in Verbindung bringt.

 

Erst im Bewusstsein eines in aller natürlichen Schöpfung gesprochenen Wortes, das sich in den alten Gestalten ausdrückt, dort geschichtliche nachweisbar in Erfüllung ging, kann die heute richtige menschliche Verhaltensweise begründet werden. Vom Sohn bzw. einer übergeordneten Vernunft ausgehend wäre dann darüber nachzudenken, was im Kontext der jeweiligen Kultur die vernünftige menschliche Lebensweise sein soll. Der Logos/das lebendige Wort Gottes entscheidet dann über die menschlichen Gesetze bzw. Verhaltenslehren.

 

Im Vergleich des unvernünftigen, seine Zukunft vernichtenden sinn-los gewordenen Menschen von heute mit dem vernünftigen schöpferischen Gesamtablauf ewigen Werdens entsteht eine weitere neue Aufgabe der Theologie: Hier wäre in einer Art natürlichem Gottesbeweis aufzuzeigen, warum die menschliche Gesellschaft auf ein vernünftiges universelles Gottesbewusstsein angewiesen ist. Gott wird dadurch kein Mittel zum Lebenszweck (Morphium fürs Volk oder philosophisches Placebo) sondern beweist sich als Vater eines uns heute fehlenden Logos, der selbst unsichtbar bleibend alles Werden be-stimmt. Die Notwendigkeit, diese Stimme/Be-stimmung bzw. dieses Wort zu verstehen, ist gerade in der Neuzeit nachweisbar geworden. Nachdem menschliche Ideologien des Osten versagt haben und auch die humanistischen Hoffnungen des Westens in eine auf Egoismus gründende sich selbst regulierende menschliche Ordnung sich als unerfüllbare Träume erwiesen haben, ist die Zeit reif, den Grund unseres Glaubens neu zu thematisieren.

 

Der Logos/Sohn Gottes kann heute nicht nur als Voraussetzung des vernünftigen Werdens in aller Natur, sondern gleichzeitig sein Verständnis als für die menschliche Kultur als not-wendig nachgewiesen werden. (In Ökologie oder Ökonomie –ob Volks oder Betriebswirtschaftslehre- wäre aus einem neuen theologischen Selbstbewusstsein darzustellen, warum auf Dauer ein vernünftiges Gottesbewusstsein notwendig ist, warum nur so menschlichen Gemeinschaften zu einem schöpferischen, nachhaltigen Handeln bewegt werden können, das wahrhaft rationell und vernünftig ist.) Gerade die völlige Freiheit des Menschen in seiner Lebensgestaltung, seine heutigen technisch-wissenschaftlichen Möglichkeiten zur Selbstvernichtung und sein globales Agieren rufen nach einem Bewusstsein, das nur von einer selbstbewussten neutestamentlichen Theologie ausgehen kann.

 

(Ein Theologie, die weiterhin nur die Bibel dreht und wendet, selbst z.B. die Frage der zweigeschlechtlichen Ehe nicht mehr vernünftig begründen kann, allenfalls mit rein menschlichen Augen urteilt, in Buchstabenstreit verfällt oder gar die Glaubwürdigkeit der Bibel abstreitet, betreibt pure Papierverschwendung, wenn sie sich zu Weltfragen wie Gentechnik oder Globalisierung äußert. Die Predigt des Pharisäers mag gut gemeint sein, gleichwohl fehlt ihr die Begründung in realer schöpferischer Ordnung wie die Befähigung des Menschen, sie zu befolgen.)

 

Wenn es einen modernen Gottesbeweis gibt, dann gerade in der sichtbaren schöpferischen Ordnung des ewigen Werdens und der Einsicht, dass der Mensch darauf angewiesen ist, hier die Stimme Gottes zu verstehen, weil weder sein egoistischer Trieb noch sein natürlicher Instinkt allein eine leistungsfähige und zukunftstaugliche Gemeinschaft bilden können. Die menschliche Selbst-organisation versagt, wenn das Wort Gottes nicht aufgrund zeitgemäßer Vernunft verstanden wird.

 

Gerade aufgrund des Wissens der modernen Naturwissenschaft ist zu begründen, warum auch in der schöpferischen Selbstorganisation von Mirko- und Makrokosmos nichts anderes zu erkennen ist, als die Vernunft/das Wort Gottes. Die Existenz Gottes und die Notwendigkeit der Begeisterung für sein schöpferisches Wirken kann uns nur im lebendigen Wort deutlich werden. Menschliche Forderungen nach Verhaltensänderung sind reine Rhetorik, auch wenn sie versucht wird, diese religiös zu begründen. Die Aufgabe der christlichen Theologie kann es daher nicht sein, die Menschen nur über das richtige Verhalten zu belehren oder alte Geschichten zu erzählen und hoffnungsvoll zu predigen. Vielmehr sind heute die Menschen zu befähigen, das in aller Schöpfung lebendige Wort Gottes selbst zu verstehen, es zu leben und zu halten. Die Zuversicht in die Zukunft, die den Menschen dabei zu geben ist, hat ihren Grund im lebendigen, letztlich alles zum Guten bewegenden Wort Gottes, nicht in alten Glaubens-Hoffnungen und Mythen.

 

 

6.      Der neue Verstand setzt ein neues Verständnis des historischen Jesus voraus

 

Wie versucht zu verdeutlichen, setzen alle oben gemachten neuen theologischen Aufgabenbereiche nicht nur eine allegorische Leseweise voraus. Die erwartete Sichtweise des Gottessohnes im Prozess aller natürlichen Schöpfung fällt uns dabei nicht in den Schoß. Sie muss aufgrund einer fundierten Auseinandersetzung mit neuzeitlichen Naturwissenschaften, modernen Philosophien und einer allegorischen Vertiefung in die eigenen Glaubenstexte erarbeitet werden. Dieses Zusammendenken setzt voraus, das wir den Grund unseres Glaubens nicht weiterhin nur in einem toten jungen Juden und dessen Offenbarungsvisionen sehen oder einem theologisch nicht mehr existenten Christus nachgetrauert wird.

 

Doch solange Neutestamentler nur einen Wanderprediger mit besonderen Eingebungen als wahrer Jesus darstellen, kann das Wort Gottes nicht grenzüberschreitend im gegenwärtigen Wissen der Welt wahrgenommen werden. Es genügt dann angeblich im Buch zu blättern, dessen Abbau Sie selbst beklagen und das daher kaum jemand noch ernst nimmt oder alles persönlichen inneren Bildern zu überlassen. Glaube wird sonst zur ideologischen Beliebigkeit, bei der sich so jeder seine Bilder selbst bastelt und daran erbaut. Statt einen neuen Geist der Gemeinschaft zu gebären, der nicht fundamentalistisch vorschreibt, sondern befähigt selbst zu verstehen, wird auf dem heutigen Weg der christliche Glaube nur noch zur das reine Selbst befriedigenden Seelenmassage, bei jeder seine eigene ganz persönliche Spiritualität spielt.

 

Die Jesusfrage ist daher aufs engste mit der Gottesfrage verknüpft. Die Vorstellung des historischen Jesus kann nicht einer persönlichen Beliebigkeit überlassen bleiben, bei der neben die unzähligen modernen Bilder noch ein weiteres persönliches gebaut wird. Auch wenn es schmerzhaft scheint, sich von den tief eingefleischten Vorstellungen zu befreien, ohne eine neues Verständnis vom historischen Geschehen, dem Wort Gottes in Menschengestalt, versäumen wir es neu hinzuhören. Vor lauter theologischer Trauer um einen angeblich toten Gott versäumen wir es, den lebendigen Jesus Christus in der kreativen Ordnung allen Werdens wahrzunehmen, der als präexistentes Schöpfungswort den ewig wirkenden Vater verstehen lässt.

 

Die Begründung einer Kirche durch Jesus Christus setzt ein neues gemeinsames Gottesverständnis voraus, das sich nicht auf individuelle Bilder und Vorstellungen, noch auf alte Dogmen und Mythen beschränkt, sondern im ewigen Logos Gottes einen universellen Grund hat. Durch alle heutigen Vorstellungen vom historischen Geschehen kann keine Kirche, sondern allenfalls eine Sekte begründet werden. Weder der katholische Anspruch ist zu rechtfertigen, noch ist das Evangelium, die frohen Botschaft zu begründen. Wenn wir das Neue Testament auch nur halbwegs ernst nehmen, zwängt sich die Logik auf, dass es sich damals im historischen Gesehen um weit mehr gehandelt haben muss, als heute gesehen und als historisch gelehrt wird. Um das historische Geschen in neuer Weise zu belegen, braucht die Vernunft nicht beiseite geschoben zu werden. Was als nachösterliche Aussage angesehen wird und worauf sich das gesamte Neue Testament gründet ist nichts anderes als die reine Vernunft. Denn aus der neuen Perspektive geht es bei allen hoheitlichen Aussagen des Neuen Testamentes nicht um verliehene Titel, sondern theologische Tatsachen, deren Logik sich in der neuen Wahrnehmung eines Schöpfungswortes nachvollziehen lässt. Die Argumentation des Frühkirchendenkers Origenes gegenüber einer rein philosophischen Sichtweise des Gottessohnes wäre neu aufzugreifen. Heute ist nachweisbar, warum die Weltvernunft nur in der bekannten menschlichen Gestalt geschichtliche Wirkung hervorbringen konnte, die Menschen bis zur Aufklärung führte. In diesem Sinne, war es keine Mythologisierung oder eine Geheimlehre, sondern entsprach höchster Vernunft, dass uns das Schöpfungswort in menschlicher Gestalt vermittelt wurde.

 

 

7.      Fundiertes theologisches Wissen ist gefragt und gefordert

 

Mir ist bewusst, dass auch ich Gefahr laufe, so wie die unzähligen modernen Jesusdeuter, meine persönliche Sicht in die Historie hineinzuinterpretieren. So wie Jesus auf feministische  Weise zur ersten Frau gemacht oder von der Befreiungstheologie zum Volksbefreier erhoben wird, sehe ich auch bei mir das Problem, meine Sicht eines in aller Natur sichtbaren schöpferischen Logos in das Neue Testament hineinzulegen. Genau aus diesem Grund wende ich mich an Sie oder Dr. Sasse. Das Wissen um die Bedeutungsinhalte der biblischen Beschreibungen ist daher mehr als gefragt, als ich es zu leisten vermag. Es bedarf eines theologischen Sachverstandes und eines fundierten Wissens, um ernsthaft nachzuweisen, was der wahre Grund des urchristlichen Glaubens war, um so ein neues christliches Selbstbewusstsein begründen zu können.

 

Jeder Theologe, der seit seines Lehrlebens gelernt hat, dass man nichts über den historischen Jesus weiß, alles nur als Gemeindebildung und Kirchenchristologie zu lesen sei, der muss meine Thesen als völlig verrückt betrachten. Auch wenn Sie vom gleichen Bild des historischen Menschen ausgehen, wie die gesamte heutige Lehre, begegnet mir gerade in Ihren Büchern und Vorträgen ein Denken, das weit über ein den christlichen Glauben immer weiter verkürzende Vorstellung hinausreicht. Darum setze ich meine Hoffnungen darauf, dass von Ihnen ein neues Fragen nach dem wahren Wesen unseres Glaubens angestoßen werden könnte.

 

Wenn es stimmt, das Gott in aller Evolution spricht, dann verlangt er auch von der Geisteswissenschaft ein Weiterlernen, ein neues Wahrnehmen alter und ewiger Zusammenhänge. Denn wenn in Folge der PISA-Studie von Schülern und Studenten ein lebenslanges Lernen als Hebel der geistigen Entwicklung verlangt wird, dann gilt dies auch für die Geisteswissenschaft insgesamt. Allein ein Abstreiten alter Wahrheiten, wie wir es seit der Aufklärung erleben, kann mit Sicherheit nicht der einzige Sinn neuer Erkenntnis sein. Erst indem neue Zusammenhänge aufgezeigt werden, entsteht ein evolutionärer Fortschritt. In diesem Sinne könnte die Heilung des kranken Herzen der Theologie von einer neuen Suche nach dem historisch nachweisbaren Glaubensgrunds wie des Handelns Gottes im heutigen Wissen der Welt ausgehen, zu der Sie Anlass geben könnten.

 

Wenn jemand helfen kann, neue Fragen zu stellen, damit aus einem neuen Selbstverständnis bzw. Selbstbewusstsein christlicher Theologie ernsthaft über Zusammenhänge, einen gemeinsamen Nenner von Wissen und Glauben nachgedacht wird, dann sind Sie es. Ihr Wissen und Ihre Autorität könnte Anlass sein, nicht nur die Krankheit der Theologie zu beklagen, sondern einen Heilsungsprozess zu bewegen, der zu einem neuen aufgeklärt-mündigen und grenzüberschreitenden Gottesverständnis führt, in dem er die Gottes-wirk-lichkeit in die Welt zurückholt.

 

Wenn auch nur die allergeringst Hoffnung bestünde, was hindert uns daran, in neuer Weise nach dem Wesen des historischen Jesus Christus zu fragen?

 

In Hochachtung

 

Gerhard Mentzel

 

Juni 2003

 

 

Viele Grüße auch an Dr. Sasse,

an den ich mich meist stellvertretend für die moderne Theologie wende und der ebenso wie Sie Adressat der obigen Ausführungen ist.

 

 

 

 

 

Nachtrag:

Von Nikodemus und seiner Neugeburt:

 

Die Andacht zum Sonntag Trinitatis lässt mich nachdenken, was uns Johannes sagen wollte, als er von einem Oberen der Juden eine Neugeburt verlangte. Und wahrlich scheint es nicht einfach zu sein, ein Gottesverständnis, das ein ganzes Leben lang auf das Gesetz baute, jetzt plötzlich im lebendigen Wort begründen zu wollen. Doch wie kann eine christliche Theologie heute wieder in den Leib ihrer Mutter zurückehren, um neu geboren zu werden? Wie können wir heute neu aus Wasser und Geist geboren werden, wie Johannes verlangt? Welcher Weg wäre einzuschlagen, um nicht aus Fleisch/Gesetzesbuchstaben geboren zu sein, sondern aus Geist? Reicht es dazu einen Text hochzuhalten, als Mythos erhalten zu wollen oder auf innere Stimmen, spirituelle Eingebungen Einzelner zu verweisen?

 

Dass es dem Verfasser des Johannestextes nicht um den Aufruf eines Sektenanhängers ging, sondern eine knallharte theologische Auseinandersetzung, dürfte klar sein. Doch worin bestand die Neugeburt aus dem Geist, der über das Fleisch des alten Gesetzes hinausging? „Nicht in pharisäerhafter Selbsterlösung, sondern im Sohn Gottes liegt die Lösung“, wäre nach allem was wir Wissen die Antwort des antiken Theologen gewesen.

 

Nikodemus dürfe sich nicht in den Mutterleib verkriechen, verlangt der aus Johannes abgeleitete Predigttext heute. Und gilt das nicht auch für unsere derzeitige Schriftlehre? Der als Menschensohn vom Himmel gekommene Gottessohn lebt, wir müssen ihn nur neu, mit von Gott aufgeklärten Augen wahrnehmen. Der in heute von Mutter Kirche zu hörende Verweis auf einen nach seinem Märtyrertod wiedererweckten Wanderprediger, an den man einfach glauben müsse, hilft dabei so wenig, wie persönliche Auferweckungserlebnisse nach einer amerikanischen Sonntagspredigt.

 

Die Andacht zu Johannes 3. 1-8 (9-5) warnt gleichzeitig vor selbstgefälliger Werkgerechtigkeit, die verlangt aus eigener Kraft gerecht zu werden. Doch ist das nicht genau der Weg, den die heutige Theologie gehen will, wenn sie Jesus Christus zwar im Munde führt, aber längst davon ausgeht, dass es sich hier nur um einen Titel für einen jungen Juden gehandelt habe, gleichzeitig von den Menschen eine vernünftige Lebensführung verlangt? Wer denkt, alles kann gut werden, wenn die Menschen nur einfach das Gute tun, sich gegenseitig ein vernünftiges Verhalten vorleben, weiterhin einfach blind den Buchstaben folgen, der will aus eigener Kraft gerecht werden. Er gründet nicht auf das, was Johannes als  Christus sah und uns zu Christen macht. Doch nur vom Gottessohn und dessen Auferstehung kann lt. dem Neuen Testament der Glaube ausgehen und die Erneuerung des Menschen bewirkt werden. Genau diese Logik lässt sich heute nachvollziehen, wenn wir Jesus mit neuen Augen als das lebendige Wort  sehen.

 

Taufe und der hierzu notwendige Geist werden uns von Gott geschenkt, sein Sohn lebt wirklich. Ihn wahrzunehmen ist keine Selbstherrlichkeit oder anmaßende Selbstüberschätzung, sondern christlicher Glaube, der einzig auf den in Menschengestalt unter den Menschen lebendigen Sohn Gottes baut. Wer allerdings nur nach einem Religionsrebellen sucht und im Gesetz dessen Verherrlichung begründet, der kann diesen nicht sehen. Um neu zu hören und hinzuschauen, wie es die Trinitatispredigt verlangt, statt pharisäerhaft anzuprangern und Verhaltensänderung zu verlangen, brauchen wir ein neues Verständnis vom historischen Geschehen am Grund unseres Glaubens

 

 

 

 

Abschließend einige Überlegungen und Wünsche für die weitere Entwicklung, die gleichzeitig die mögliche Wirkung sowie einen Weg aufzeigen sollen:

 

Prophezeiungen aufgrund von Prognosen,

Visionen aus einer neuen Perspektive des christlichen Glaubens

 

-Ausgehend von einer neuen Fragestellung nach dem eigentlichen Grund des christlichen Glaubens entwickelte sich am Anfang des 3. Jahrtausend ein neues aufgeklärtes Gottesverständnis. Gotteshandeln wurde nicht mehr außerhalb die Wirklichkeit der Welt und das natürliche Werden gestellt oder pantheistisch unbestimmt in allem auf- und untergehen lassen. Vom natürlichen Logos Gottes ausgehend entwickelte sich so ein neuer universeller Glaube, bei dem sich die Theodizeefrage nicht mehr stellte. Alles, was sich in kosmischer und geistiger Entwicklung zeigte, wurde als scheinbar notwendig für den schöpferischen Fortschritt anerkannt. Selbst der mit der Aufklärung entstandene Abfall vom Glaube und die davon ausgehenden gesellschaftlichen Fehlentwicklungen wurden später als Teil eines Erneuerungsprozesses gesehen. Der durch die Aufklärung bedingt angebliche Gottestod erschien als notwendiger Teil eines großartigen evolutionären Fortschrittes zu einem grenzüberschreitenden Glaube.

 

-Der anerkannte und gleichzeitig auch umstrittene Heidelberger Neutestamentler Klaus Berger hatte damals mit spektakulären Thesen die Theologie bzw. neuen Fragestellungen zum Weiterdenken bewegt. Während allenthalben noch feierliche Vorleseübungen veranstaltet wurden, hatte er die Krankheit bzw. die Fehlentwicklung des theologischen Denkens zum Thema gemacht. Später stellte er die gesamte bisherige Leseweise in Frage und bahnte damit dem allegorischen Verständnis der Traditionstexte wie der Wahrnehmung des Schöpfungswortes im natürlichen Werden den Weg. Als hochkarätiger theologischer Denker, der es gewohnt war zwischen den Stühlen zu sitzen, hatte er sich nicht gescheut völlig quere Fragen zu stellen, die zu ganz neuen Antworten führten.

 

-Der Wissenschaftler, bisher durch viele kritische oder gar polemische Veröffentlichungen bekannt, die sich teilweise auch gegen übliche Lehrmeinungen richteten und so zwischen die Fronten von konservativer und historisch-kritischer Exegese geraten war, hatte durch Frage über das Wesen Jesus für Aufregung gesorgt. Während man ihm die Frühdatierung des Johannes und seinen neuen Konservatismus noch einigermaßen verzieh, sorgten sein konsequentes Weiterdenken bzw. seine Fragen zum Wesen des historischen Jesus an den Hochschulen für helle Aufregung. Berger war damals für eine theologisch tiefgehende, allerdings nicht immer mit der allgemeinen Leseweise übereinstimmenden Lehre bekannt. Aufgrund seines hervorragenden Wissens um das Geschichtsgeschehen und der theologischen Hintergründe hatte er bisher eine ganzheitliche Bewahrung der alten Texte verlangt und war bei seiner Exegese für die Akzeptanz der Fremdheit eingetreten. Nun machte der von vielen seiner Kollegen wegen seines umfassenden Kompetenz gelobten und seines großen Wissens geachtete Neutestamentler plötzlich ein neues mündiges Verständnis des Gotteswortes zum Thema, das den Logos der alten Texte als das historische Wesen belegen sollte.

 

-Er daher war von vielen seiner Kollegen, die schon vorher seine Denksprünge nicht nachvollziehen konnten, sich nun in ihrem einfachen Bild vom verherrlichten Religionsrebellen gestört fühlten, arg angefeindet worden. Wieso der von historisch-kritischer Auslegung in einen neuen Konservatismus zurückgekehrte Heidelberger Exegese nun solche irrsinnigen Fragen stellte bzw. wieso das die logische Konsequenz seiner bisherigen Denkweise sein sollte, konnte anfangs kaum jemand seiner Kollegen begreifen. Man befürchtete, dass Berger jetzt gar die Abstreiter biblischer Aussagen und Bedeutungsinhalte, wie z.B. den Auferstehungsleugner Gerd Lüdemann, die er vorher heftig kritisiert hatte, links überholen wolle und das ganze bisherige Werk des geschichtlichen Nachweises zunichte machen würde.

 

Schon bisher hatte man den unliebsamen Querdenker kaum verstanden und als Außenseiter abgelehnt, ihn dann gar als Steigbügelhalter einer überkommenen Dogmatik gesehen. Gleichzeitig war seine Inkonsequenz kritisiert worden, bei der er genau den Weg ging, gegen den er vorher scharf polemisiert hatte. Wieso er jetzt solche Fragen über Dinge stellte, die doch längst klar zu sein schienen, hatte helles Entsetzen innerhalb der Exegeten und Kirchenoberen ausgelöst. Nur die Autorität, die Berger nicht zuletzt durch seine zahlreichen Bücher bei er Bevölkerung und vielen kirchlichen Anhängern genoss, verhinderte damals, dass die Kritik seiner Kollegen Berger das Kreuz brach.

 

-Erst im Laufe einer langen und tiefgreifenden Auseinandersetzung konnte Berger, dem inzwischen einige seiner Kollegen in den Fragestellungen gefolgt waren nachweisen, dass er durch seinen Perspektive die biblischen Aussagen nicht nur bewahren, sondern als historische Tatsachen schlüssig belegen könne.

 

-In Folge der neuen Fragestellungen entwickelte sich ein Umdenkungsprozess, der bei einigen Theologen in ein neues christliches Selbstverständnis mündete. Auch einige anerkannten Naturwissenschaftler waren der Aufforderung der neuen christlichen Perspektive gefolgt und hatten von ihrer Sicht aus den Sohn Gottes als Software allen Seins verständlich gemacht. Letztlich war so erst die Voraussetzung geschaffen, damit man allgemeinverständlich  begreifen konnte, um was es bei der in den Reihen der Religionswissenschaftler diskutierten neuen Denkweise von einem lebendigen Gotteswort bzw. Logos ging.

 

-Nachdem die Diskussion auch in der Öffentlichkeit um sich gegriffen hatte, in allen Medien ein großes Thema war und sich auch aufgrund der Auswertung neuer Textfunde und archäologischer Erkenntnisse immer neue schlüssige Erklärungen für die Wahrheit und Bedeutung des biblischen Geschehens als heute wahrzunehmendes Schöpfungswort ergaben, konnte sich auch die offizielle Kirche nicht länger dem Gedankengut verschließen. Im schnellen Schwenk wurde erklärt, dass noch nie etwas anderes gelehrt hätte. Was im Grund ja auch zutraf.

 

-Ein langsamer Prozess setzte ein, indem plötzlich aus der völlig veränderten Perspektive die Wirklichkeit Gottes im natürlichen Werden als ewiger Sohn gesehen wurde und sich viele Menschen in neuer Weise zum christlichen Glauben an den einen Schöpfergott bekannten. Nicht traditionelle Gesetze, alte Vorschriften oder menschliche Meinungen bildeten jetzt die Grundlage für Handlungsnormen. Die Menschen begeisterten sich für das natürliche Werden und versuchten sich an der dort erkennbaren schöpferischen Vernunft zu orientieren, daran ihr Leben und Verhalten auszurichten. Bei besonderen Zukunftsentscheidungen oder Fragen der richtigen Norm, versuchten jeweils die exzellentesten Denker unter Einbringung allen Wissens völlig vorurteilsfrei zu erkunden, was im schöpferischen Sinne sei und somit dem menschlichen Logos entsprechen würde.

 

-Ohne die bisherigen Bilder zu zerstören, entwickelte sich eine intellektuelle Diskussion, bei der auf völlig neue Weise über das Verhältnis der verschiedenen Glaubensformen und vor allem der drei monotheistischen Religionen nachgedacht wurde. Weder in Volks- oder Glaubenszugehörigkeiten, noch in Glaubensgründern oder den von diesen gesetzten Lehrbüchern sah man nun den eigentlichen Grund des jeweiligen Glaubens. Auch wenn noch lange in dogmatischem Fundamentalismus an Buchstaben festgehalten wurde, so führten maßgebende Vertreter die monotheistischen Religionen auf das lebendige Wort des eine Gottes als einzige Autorität zurück. Im Autor des realen Lebens, dessen Wort sich in allem Werden ausdrückt und jetzt für Jedermann im gesamten Universum zu hören war, sah man so den eigentlichen Grund des monotheistischen Glaubens.

 

-Während einst meist nur aus eigenen Lehren abgeleitete menschliche Moralvorstellungen und Interpretationen eigener Gesetze verglichen wurden, sich gerade die monotheistischen Kulturen gegenseitig blutig bekriegten und die Welt von Chaos und Schrecken eines angeblichen Gotteskrieges bedroht wurde, Glaube von den Intellektuellen daher nur mit zu überkommene Unvernunft gleichgesetzt wurde, setzte nach dem gemeinsamen Verstand des Schöpfungswortes eine neue geistige Form der Auseinandersetzung ein. Die unterschiedlichen Aspekte der verschiedenen Verständnis- und Kultformen wurde in völlig neuer Weise hinterfragte. Von einem gemeinsamen in aller kosmischen Kreativität gesprochenen Gotteswort ausgehend, die unterschiedlichen Lehren beurteilend, erkennt man inzwischen die gemeinsame Abstammung in einer externen Autorität bzw. schöpferische Sinngebung. Durch das gemeinsame Verständnis eines allem Monotheismus zugrunde liegende Schöpfungswortes in der Weltgegenwart ergab sich eine völlig neue Verhältnisbestimmung der verschiedenen Religionen, die auch die nichtmonotheistischen Glaubensformen betraf, oft ein Lernen des eigenen Glaubensgrundes bei ganz fremdartigen Lehren ermöglichte.

 

- Als christliche Mission wird es jetzt nicht mehr gesehen, den Menschen alte Dogmen zu vermitteln, sie zum eigenen Glauben oder Heilsvorstellungen zu überreden, sondern ihnen im Kontext ihres kulturellen Umfeldes bzw. ihres jeweiligen Vorverständnisses das universelle schöpferische Wort verständlich zu machen.

 

-Während anfangs befürchtet wurde, es käme zu einem Bildersturm, wurden jetzt neue Wegkreuze errichtet und die Diskussion über die Kruzifixe in Klassenzimmern war ebenso verstummt, wie über die Wahrheit der Bibel. Im neuen Bewusstsein hatten die Bilder jetzt plötzlich eine Bedeutung erhalten, bei der die Menschen erkannten, dass sie ohne diese Bilder vom Weg abkommen und die Bilder gebraucht werden, weil nur sie den ganzen Menschen bewegen.

 

-Die anfängliche Angst, der persönliche Gottesbezug oder die persönliche Form der Anbetung könnten verloren gehen, haben sich ins Gegenteil verwandelt. Die Notwendigkeit, für diese persönliche Beziehung auf den Verstand nicht verzichten zu können wird inzwischen als selbstverständlich gesehen. Andererseits erkennt man inzwischen längst, warum ein persönlicher Bezug zu Gott und eine persönliche Ansprache notwendig ist, um sich mit kognitivem Geist und Gefühl ganzheitlich für das Schöpfungswerk zu begeistern und daran vernünftig mitzuwirken. Auch warum das Bewusstsein des real handelnden Vaters des präexistenten Gottessohnes (Schöpfungswortes/Logos) letztlich eine wesentliche Voraussetzung ist, um als aufgeklärter Mensch Gott persönlich ansprechen zu können, wird anerkannt. Das bewusste Gebet, als persönliches Sprechen mit Gott als dem realen Gegenüber und Geber aller Genesis ist inzwischen als sinnvoll oder gar notwendig für die menschliche Psyche nachgewiesen. Nur so glaubt man, könne der Mensch der kosmischen Ordnung gerecht werden, sich im Sinne einer höheren Vernunft schöpferisch verhalten.

 

-Auch die Befürchtungen, an der Allmacht des christlichen Gottes würden durch den alleinigen Bezug auf das schöpferischen Wort in der allumfassende sichtbaren Ordnung etwas verloren gehen, haben sich längst verloren. Nachdem nicht mehr ein willkürlicher Strippenzieher, sondern der Vater der Gesamtordnung natürlicher Genesis gesehen wurde, kam es den Gläubigen bald absurd vor, von Gott etwas verlangen zu wollen, was seiner eigenen Genesis, seinem schöpferischen Wort widerspricht. Während einst bei allen möglichen Gelegenheiten von rein menschlichen Vorstellungen ausgehend nach Gotteshilfe gerufen wurde (nach Regen oder Sonne, ganz nach persönlichem Belieben) geht man heute von echter Hilfe in der kausal nachvollziehbaren kosmischen Ordnung bzw. allem evolutionären Werden aus. Es bedurfte eines langen Umdenkungsprozesses, bis man damals begriff, wie menschlich anmaßend es sei, von einem Schöpfer allen natürlichen Werdens etwas Unnatürliches zu verlangen, ihn für bestimmte Naturereignisse anklagen oder ihn für gesellschaftliche und geistige Fehlentwicklungen aufgrund menschlicher Freiheit verantwortlich machen zu wollen. Zu lange hatten die Menschen im alten Paradigma gelernt, Gott außerhalb des natürlichen Logos zu suchen, ihn durch der Natur widersprechende Erscheinungen und Zauberwunder erkennen zu sollen. So hatten sie den Schöpfer auch für die Massenmorde der menschlichen Ideologie und des Aberglaube verantwortlich gemacht, der sich seinem Wort verweigert bzw. als Vorstufe auf dem Weg zu einem neuen Verständnis zu sehen war. Heute wird die gesamte natürliche Genesis, Genesung und Gesunderhaltung, letztlich alle irdischen Gaben, die die Welt weiterbewegen, als Ausdruck des Gotteswortes verstanden, als sichtbare Belege für Güte und Allmacht des Schöpfers. Was einst in persönliche Spiritualität abzurutschen drohte, ist zu einem allgemeingültigen Verstand geworden, der die freien Menschen bewegt.

 

-Während die Menschen ursprünglich die Befreiung von der Kirche als eine Emanzipation sahen, ist inzwischen klar geworden, warum es notwendig ist, sich in einer geistigen Gemeinschaft für den gemeinsamen Schöpfer zu begeistern. Auch warum nicht humanistische oder sonstige Ideologien den Geist der Gesellschaft tragen können, sondern eine Gemeinschaft notwendig ist, die der kulturellen Prägung entspricht und von einem gemeinsamen Schöpfer ausgeht, war offensichtlich geworden. Inzwischen ist längst auch jedem klar, warum nur durch kulturelle Praktiken, Riten oder gemeinsame Gebete und Feste Geist und Gefühl der Menschen für die schöpferische Ausrichtung zu mobilisieren sind. Es entwickelte sich ein Kult, der beinahe wieder Gefahr lief, zum Selbstzweck zu werden. Aus der christlichen Geschichte lernend, sieht man es heute als einen Wesensbestandteil des Glaubens, den hinter den Bildern, Geschichten und religiösen Praktiken stehenden Geist wach zu halten.

 

-Der einst nur purer Unterhaltung dienende kommerzialisierte Kulturbetrieb ist inzwischen wieder zum als notwendig erkannten Mittel menschlicher Gottesanbetung geworden. In modernern Musik, Malerei oder Literatur, die sich im Grund kaum verändert hat, ist jedoch jetzt der Logos Gottes das bestimmende Thema. Die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit eines kollektiven Kultes ist schon seit vielen Jahren zur Selbstverständlichkeit geworden. Selbst die einst völlig säkular verstandenen Lieder werden inzwischen mit völlig neuem Bewusstsein zur schöpferische Begeisterung gesungen.

 

-Auch wenn der Sinn der kulturellen Einrichtungen und Handlungen und die Notwendigkeit eines gemeinsamen Glaubens bewusst ist, so sieht man in der Anbetung Gottes keinen Selbstzeck. Es wird nicht mehr nach einem Glauben bzw. nach Opfern für ein besseres Jenseits oder spätere himmlische Freuden gerufen, sondern im gemeinsamen Glauben die Voraussetzung für das Funktionieren einer freien Gesellschaft gesehen. Doch ist man weit davon entfernt, den Glaube oder Gott selbst nur als Mitte zum Zweck zu denken. Vielmehr ist das am Schöpfer ausgerichtete Leben insgesamt zum Gottesdienst geworden. Es geht jetzt nicht mehr um blinden Glauben oder Enthaltsamkeit und Askese, um dafür später belohnt zu werden, sondern ein Leben, das der schöpferischen Ordnung, dem lebendigen Wort Gottes entspricht. Zwar ist bewusst, dass menschlicher Wohlstand durch den Glaube wächst und nur so eine zukunftsgerechte Entwicklung der Weltgesellschaft gewährleistet ist, doch steht nicht menschlicher Wille im Vordergrund. In Begeisterung für das Wirken Gottes in der Welt steht es für die Menschen im Vordergrund, ihre schöpferische Verantwortung wahrzunehmen.

 

-In einem völlig neuen Bewusstsein ist so aus einer ursprünglichen Belastung eine gemeinsame Lusterfüllung geworden. Während durch Jahrhunderte gegenseitiger geistiger Manipulation und Schüren einer sinnlosen Gier das Leben in schöpferischer Ordnung als Last empfunden wurde, der Verzicht zum Lustverlust führte, empfinden die Menschen nun bei einer vernünftigen, zukunftsgerechten Lebensweise Lusterfüllung. Die religiöse Einübung eines gemeinsamen Logos/einer schöpferischen Vernunft tief ins Bewusstsein, durch den gemeinsamen Kult, wurde dabei keineswegs als Manipulation gesehen, sondern eine notwendige Lebensschule.

 

-Schon bald war damals den Ökologen klar geworden, dass sich ihre Ziele nicht durch fromme Wünsche und staatliche Gesetze verwirklichen ließen, sondern nur durch das Offenbarwerden einer höheren Vernunft, die im gemeinsamen Bewusstsein und Kult zum Lebensideal wird. In der Erkenntnis der ökologischen Zusammenhänger wurde später eine Wurzel des neu entfachten Christusbewusstseins wahrgenommen, so dass inzwischen kaum noch jemand weiß, dass in der ökologischen Bewegung ursprünglich nur ein Fehlverhalten angeprangert bzw. eine naturgemäße Lebensweise verlangt wurde. Denn gerade die ökologische Lehre hatte erst die Grundlage geschaffen, den schöpferischen Logos (die übergeordnete und höchst sinnvolle Ordnung) mit neuen Augen zu sehen, das Wort Gottes zu verstehen. 

 

-Während die freie Ökonomie noch bis zum Beginn des 3. Jahrtausend auf den menschlichen Egoismus setzte und somit nicht nur zur Zukunftsvernichtung, sondern zur eigenen wirtschaftlichen Katastrophe führte, weil jeder nur das machte, was ihm selbst etwas brachte, wurden kurz nach dem Kollaps der Weltwirtschaft auch hier die alten Begriffe mit neuen Inhalten gefüllt. Das ökonomische Prinzip verlangt jetzt eine möglichst große schöpferische Leistung durch den Einsatz geringer Mittel. Inzwischen wird es als völlig selbstverständlich gesehen, dass ohne die Wahrnehmung eines sinngebenden und bestimmenden Gotteswortes auf Dauer keine Sozialsysteme bzw. Gesellschaftsordnungen funktionieren können. Wirtschaft und Wirtschaftlichkeit wird nun an der sinnvollen Zusammenarbeit der Unternehmen bei möglichst geringem Verbrauch gemessen. Vermögen wird als die Möglichkeit des Einzelnen gesehen, sich im Sinne der schöpferischen Gesamtheit einzubringen.

 

-Arbeitslosigkeit ist in Folge einer Neuorientierung zum Fremdwort geworden. Nachdem weder die Streichung der sozialer Errungenschaften die Menschen zur Arbeit bewegt hatte, noch finanzielle Anreize die Arbeitgeber bewegen konnten, für die Gesamtheit eine Leistung zu erbringen, sondern Arbeit entgegen aller scheinheiliger Beteuerungen weiter abgebaut wurde, war es klar geworden, dass hier nur eine geistige Neuorientierung hilft. Heute sehen sich die am Wirtschaftprozess beteiligten Individuen (ob Aktionäre, Arbeitnehmer oder –geber) als  Erfüllungsgehilfen einer schöpferischen Gesamtordnung. Die Lust an der Leistung ist inzwischen fester Bestandteil dieser Ordnung und sorgt dafür, dass die notwendigen Zukunftsaufgaben angepackt, soziale Ungleichgewichte behoben werden.

 

-Auch die weltliche Gesetzesbürokratie, die Anfang des dritten Jahrtausend lähmend wirkte, gehört der Vergangenheit an. Heute wird es als lächerlich und unbegreifbar betrachtet, wie damals versucht wurde, die Menschen durch immer neue Gesetze zur vernünftigen Lebensweise zu bewegen. Ironische Witze über eine Zeit, in der die Menschen das Gehör für das Gotteswort verloren hatten und gar die einstigen Freiheitskämpfer der sog. 68 Jahre nach immer neuen Gesetzen riefen, gehörten lange Jahre zur Tagesordnung. Selbst der Generationenvertrag, das Ausbleiben der Geburten, sollte damals, als die Menschen ihre Be-stimm-ung innerhalb der Genesis Gottes verloren hatten, durch Geldmittel und neue Gesetze geregelt werden.

 

Zusammenfassend:

 

Die Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die seit der französischen Revolution und später im Rahmen der Aufklärung und des Humanismus geträumt wurde, war erst mit Beginn eines neuen christlichen Zeitalters in Erfüllung gegangen. Doch nicht menschliche Revolutionäre und Parolen, politische Programme, Ideologien oder Philosophien hatten hierzu geführt. Jesus von Nazareth war in einer Höherführung des Wissens der Welt als das lebendige Wort und wahrer Sohn Gottes wiedergekehrt. Die ewige Gnade Gottes, die in der Person des historischen Heilandes gesehen wurde, führte zu einer Befreiung aus Unmündigkeit. Durch ein über bisherige reine Gesetzlichkeit hinausgehendes Bewusstsein entwickelte sich ein Denken, durch das das Wort Gottes zur grenzüberschreitenden Wirk-lichkeit eines universalen, unsichtbaren und selbst unaussprechbaren Schöpfers wurde. Nicht ein Weltuntergang, sondern eine neues Verständnis der Welt aufgrund eines neuen christlichen Selbst-verständnisses hatte zu einer Wende geführt. Auf freie und mündige Weise konnten nun die Menschen völlig ohne Dolmetscher das Wort Gottes im alltäglichen Werden als Bestimmung verstehen.

 

Hier wurden nur beispielhaft und sicher weit überzeichnet einige neue Denk- und Verhaltensweisen aufgeführt, die aufgrund eines neuen Bewusstseins vom Grund unseres christlichen Glaubens für die kollektive Entwicklung erwartet werden. Welche weiteren Auswirkungen ein vernunftbegründetes Gottesbewusstsein auf das Miteinander der Menschen im Alltag hat, wie sich so die Sinngebung, Lebensweise und das Selbstverständnis der Individuen verändert, könnte weiter ausgemalt werden. Auch welche Folgen sich durch ein sinnerfülltes Leben und ein neues Miteinander für unsere Psyche unser eigenes geistiges und gleichzeitig das körperliche Wohl ergeben, wie sich in allen Lebensbereichen durch das ganzheitliche Gottes-wort-verständnis im Rahmen natürlicher Ordnung eine neue Verhaltensweise ergäbe, lässt sich logisch nachvollziehen.

 

 

 

 

Sehr geehrter Prof. Berger, sehr geehrter Herr Dr. Sasse,

 

bitte entschuldigen Sie, dass ich in meinen Ausführungen wieder viel zu weitschweifend geworden bin und Sie nun auch noch mit meinen Zukunftsvisionen belästige. Doch die Frage über das Wesen Jesus, die nur von Ihnen angestoßen werden kann, worum ich Sie abschließend nochmals herzlich bitten und auffordern möchte, sind m.E. kein Selbstzweck zur Umsetzung einer neuen, nur der eigenen Vernunft gerecht werdenden Sichtweise. Auch wenn die Aussagen anmaßend und oft anschuldigend klingen, so möchte ich damit nur Anstoß zu Fragen geben, die nur von Ihnen ausgehen können.

 

Gerade aufgrund all Ihrer theologischen Deutungen und Aussagen über das geschichtliche Geschehen bin davon überzeugt: „Jesus lebt wirklich“, wir brauchen ihn nur mit den Möglichkeiten des heutigen Wissens wahrzunehmen, sein menschliches Wesen mit neuen Augen zu sehen. Die oben gemachten Prophezeiungen mögen überzeichnet sein, um Zielsetzung oder logischen Folgen einer neuen Wahrnehmung des christliche Wesen aufzuzeigen. Doch ich bin gewiss: Was bereits vor über 2000 Jahren von weitsichtigen theologischen Denkern erwartet bzw. wozu der Same gelegt wurde, kann heute Früchte tragen.

 

Von der Zusammenschau bisher für gegensätzlich gehaltener Denkbereiche – die Wahrnehmung eines Gotteswortes in Wissenschaft und traditioneller Lehre im christlichen Rahmen einer rationalen Synthese - erwarte ich einen Quantensprung unseres monotheistischen Glaubens. Nicht eine andere Jesusdarstellung ist das primäre Ziel, sondern ein aufgeklärtes Gottesverständnis, das von der Logik/Vernunft aller sichtbaren, natürlichen Schöpfung ausgeht, Gotteswirken in der Gegenwart der sichtbaren Welt wahrnimmt und darauf einen lebendigen Glauben gründet. Durch das neue Verständnis des historischen Jesus könnte hierzu der Weg frei gemacht werden. Gott wird dann nicht mehr in persönlichen Erscheinungen oder aufgrund blind akzeptierter Traditionstexte (eine Art Placebo) angesehen, sondern als Vater der in allem Werden nachweisbaren schöpferischen Vernunft als sein Sohn.

 

Ein antiker Wanderprediger hat der Welt so wenig zu sagen wie ein Mysterium, das kaum noch einer noch ernst nimmt. Eine zeitgemäße Gotteswahrnehmung in der Wirklichkeit des natürlichen Werden kann nur durch eine Weiterentwicklung des christlichen Glaubens realisiert werden, die sich in neuer Weise ihres christlichen Wesens bewusst wird. Erneuerung und Wandel können nur von einem neuen einheitlichen Verständnis des Gotteswortes ausgehen, das an der Wurzel des christliches Glaubens das lebendige Wort in menschlicher Gestalt wahrnimmt.

 

Ich bin nur ein Laie. Meine Möglichkeiten sind mit den gemachten Überlegungen erschöpft. Mein Wissen reicht nicht, um das lebendige Wort als Grund des monotheistischen Glaubens nachweisen und den Menschen heute vermitteln zu können. Ein neues Nachfragen und Nachdenken könnte nur von Ihnen in Bewegung gesetzt werden.

 

Es liegt an Ihnen, den Logos Gottes zum neuen theologischen Thema zu machen, um so ein zeitgemäßes, vernünftiges Gottesverständnis zu ermöglichen, die Krankheit der Theologie und somit der Gesellschaft zu heilen.

 

Mit großer Hochachtung und freundlichen Grüßen

 

 

 

Gerhard Mentzel

 

 

 

 

 

 

Ohne das in der Schöpfung lebendige Wort wahrzunehmen, scheint unser christlicher Theologie wie eine Kerze ohne Docht. Das notwendige Wachs allein kann nicht brennen. Alle theologischen Texte und aller Kult sind notwendig, aber ohne den Doch nutzlos. Sie hätten die Gnadengabe, den Docht wiederzuentdecken und anzuzünden, damit die christliche Lehre zu ihrer wahren Leuchtkraft für die Welt findet.