Pilatus oder die Pharisäer?
Lebt Judas noch?
Liefert der Ruf nach Rückkehr zum Mysterium den Logos bzw. Sohn Gottes ans Messer?
Überlegungen, die sich aus einem Beitrag von Professor Berger im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21. August 2002 ergaben. In Bezug auf einen neuen Film „The Passion“ wurde unter dem Titel „Pilatus heißt die Kanaille“ der Römer für den Tod eines jungen Religionsrebellen mit Namen Jesus (den man später zum Gottessohn ernannte) hauptverantwortlich gemacht.
Der Beitrag machte mir schlagartig wieder deutlich, wie die Hypothese eines einfachen historischen Wanderrebellen, der von Römern und Juden hingerichtet wurde, die Welten trennt. Solange in treuer Gefolgschaft eines buchstäblichen Bibelverständnisses den deutsche Bildungsbürgern von jemand wie Prof. Berger dieses Bild vermittelt wird, kann denen weder der große geistesgeschichtliche Bedeutungsinhalt der biblischen Inhalte bewusst werden, noch kann jemand auf den Gedanken kommen, im natürlichen Werden, von dem der wissenschaftliche Teil der Zeitung handelt, das schöpferische Wort erkennen zu wollen. Der Beitrag von Prof. Berger im Feuilleton der Frankfurter ist damit ein weiteres kleines Beispiel, wie das buchstäbliche Verständnis des Neuen Testamentes dem m.E. möglichen und greifbaren Neuverstand des lebendigen Gotteswortes in der Wirklichkeit der Welt den Weg verbaut.
Wenn es stimmt, was ich nachweisen will, es beim Wesen des urchristlichen Glaubens nicht nur um einen später hochgejubelten jungen Juden, sondern um das präexistente Wort/die Vernunft/Logos des einen universalen Schöpfergottes ging, dann wird genau dieses hier und heute verleugnet. Indem der von mir hochangesehene Theologe nur einen Religionsrebellen zum Thema des Prozesses macht verhindert er m.E., dass neu nach dem eigentlichen Wesen unseres Glaubens als Wort des Schöpfungsautors in der Wirklichkeit heutiger Welt gefragt werden kann. Wird somit die Gesetzlichkeit oder das buchstäbliche Verständnis der biblischen Lehre erneut zum Judas? Ist evtl. gar erst von heute aus auch die antike Schuldfrage zu klären? War die politische Exekutive in unserer unheilvollen Geschichte bzw. sind auch heutige geistige und gesellschaftliche Fehlentwicklungen und Unvernunft nicht nur eine Folge des Missverstandes, der im Grunde von Schriftgelehrten und Pharisäern verursacht ist?
Sehr geehrter Herr Professor Klaus Berger,
wäre nicht Ihr Namen unter dem Beitrag zum neuen Passionsfilm im Feuilleton der Frankfurter gestanden, hätte ich weitergeblättert. Dass Pilatus statt der Pharisäer jetzt als Hauptverantwortlicher für den Tod Jesus dargestellt wird, ist heute theologische Tagesordnung, selbst bei den traditionsorientierten Passionsfestspielen in Oberammergau zu beobachten. Doch die Prozessfrage soll nicht primäres Thema der folgenden Überlegungen sein.
Gleichwohl gehe ich davon aus, dass wir das Problem der unheilvollen Belastung des jüdischen Volkes durch den christlichen Glauben, der zu millionenfachen Morden führte, nicht lösen werden, wenn wir nur in gut gemeinter Auslegung der Literatur dem Römer die Schuld in die Schuhe schieben. Auch die in modernder christlicher Theologie zu beobachtende Rücknahme aller christlicher Bedeutungsinhalte und die Rückkehr ins Judentum, ebenso wie der Versuch, alles zum Mysterium zu erklären, löst die Probleme nicht, sondern kehrt diese nur unter den Tisch. Solange wir an Buchstaben als alleinigen Glaubensgrund und Beurteilungskriterium festhalten, ohne diese als allegorischen Ausdruck des bereits von Hebräern verstandenen Schöpfungswortes (höherer Vernunft, aus der alles hervorgeht) zu hinterfragen, bleiben die verschiedenen Buchreligionen nebeneinander stehen.
Warum es im Christentum weder um eine sektenartige Abspaltung Andersdenkender oder Verneinung des jüdischen Monotheismus durch die Trinität ging, kann m.E. nicht nachvollzogne werden wenn wir als das eigentliche Wesen nur einen Religionsrebellen zeichnen, über den zu Gericht gesessen wurde. Warum nicht das jüdische Volk oder eine geistige Oberschicht für die Verurteilung verantwortlich war, sondern vielmehr ein rein gesetzliches Gottesverständnis kann beim derzeitigen Bild des historischen Jesus nicht hinterfragt werden. Es kann nur zu oberflächlich-buchstäblichen gegenseitigen Überbietungen und Anschuldigung kommen. Aussagen von Johannes und Paulus werden dann gedreht und gewendet, ohne sich dabei selbst angesprochen zu sehen. Auch wenn die Stellen des Neuen Testamentes, die sich gegen den jüdischen Glauben wenden, diesen gar als Gottesmörder verurteilen, getilgt werden, bringt uns das nicht wirklich weiter. Indem wir einfach über diese Aussagen hinweggehen, sie versuchen abzutun, versäumen wir darüber nachzudenken, dass es den Verfassern nicht um ein bestimmtes Volk ging, das angeschuldigt werden sollte, sondern um das Problem des rein gesetzlich Gottesverständnisses, das sich nach christlichem Denken vom jüdischen Schöpfergott entfernt hatte. Auch daraus etwas für die Problemlösung unseres eigenen heutigen Glaubens zu lehren, schließt sich so aus. Doch drohen wir so nicht selbst zu Mördern des lebendige Schöpfergottes der Weltwirklichkeit zu werden, ohne das jüdische Volk vom unsinnigen Vorwurf des Gottesverrates zu befreien?
Vielmehr erwarte ich von einem neuen christlichen Selbstverständnis, das im Wesens seines Glaubens das in der Kreativität des gesamten Kosmos, somit der gegenwärtigen Welt das schöpferische Wort erkennt, dass sich auch das Verhältnis zwischen den monotheistischen bisher reinen Buchreligionen neu bestimmen lässt. Die jüdische Wurzel wird so keineswegs verleugnet. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Denn m.E. ging es im Christentum um das neue, zeitgemäße Verständnis der monotheistischen Wurzel im Licht des hellenistisch-jüdischen Weltbildes. Jesus ist als genau das in Geschichte und aller Genesis gesprochene schöpferische Wort/Vernunft/Logos zu verstehen, was das hebräische Gottesverständnis hervorbrachte.
Wäre es nicht nur im Hinblick auf das Verhältnis von Juden und Christen hilfreich, sondern könnte möglicherweise auch gegenüber dem Islam zur Neubestimmung führen, wenn sich die christliche Theologie nicht allein auf das Buch, sondern das schöpferisch-lebendige Wort des gesamten kosmischen Werdens berufen könnte, das m.E. allen Buchreligionen zugrunde liegt? Doch solange es angeblich im Urchristentum nur um einen einfachen Religionsgründer gegangen sein soll, wie ihn Ihr Beitrag über den Prozess Jesus zeichnet, ist daran nicht zu denken, wird jedes Verlangen nach einem Neuverständnis des lebendigen Wortes im Wind eines festgefahrenen christlichen Weltbildes verhallen. Angesichts der Menge von Aussagen unzähliger anerkannter Amtsautoritäten, die nur von einem einfachen Menschen ausgehen, der anschließend glaubenspolitisch verherrlicht wurde, muss mich jeder heutige Zeitgenosse für verrückt oder übergeschnappt halten, wenn ich vom lebendigen Wort und ewigen Logos rede, dies im heutige Verstand als Grund christlichen Glaubens begreiflich machen will. Allein der Begriff eines lebendigen Schöpfungswortes oder Gotteslogos muss für die Menschen absurd und unbedeutend bleiben. Ein Neuverständnis des den verschiedenen Religions-büchern zugrunde liegenden einen, allumfassenden und ewigen Gottes-Wortes in der Gegenwart unseres Wissens bzw. aufgeklärten Weltbildes, für das m.E. in der christlichen Theologie gerade heute die Zeit reif wäre, schließt sich weiterhin durch Buchstäblich- bzw. Gesetzlichkeit aus.
Heute, wie in unserer unsäglichen Geschichte sehe ich im politischen Handeln nur eine Folge des fehlenden Geistes, der von anderer Stelle vorenthalten wird. Für die Software bzw. das grundlegende Betriebssystem der Gesellschaft sind nach meiner Sicht nicht die Politiker verantwortlich. Die zeitgemäßen Grundprogramme im Kopf der Menschen sind Aufgabe der Geisteswissenschaft. Die Politik – ob damals bei Hitler oder heute - führt nur aus, was von den Programmierern des Geistes vorgegeben wird. Die Professoren an den theologischen Hochschulen der westlichen Welt, auch wenn sie heute völlig im Hintergrund stehen, sind hauptverantwortlich für das Welt- und Gottesbild der Gesellschaft bzw. das daraus entstehende Handeln.
Ich bin davon überzeugt, dass wir auch ein völlig neues Verständnis für die Schuldfrage an der Kreuzigung Jesus (der lebendigen Vernunft/Wort Gottes) und das im Neuen Testament als Gegner Jesus benannte Pharisäer- bzw. Judentum haben können, wenn wir über den wahren Grund unseres Glaubens neu nachdenken. Nicht das eigentliche Volk Israel (das auf den Schöpfer hört), sondern eine Form von des Buch- bzw. reinen Traditionsglaubens, der in blind gewordener Buchstäblichkeit befangen war, hat m.E. damals dazu geführt, dass die antike Gesetzlichkeit ihren eigenen Grund und König an Kreuz lieferte. Und genau das befürchte ich, ist auch heute der Fall. Mir ist bewusst, dass ich damit eine ungeheuerliche Anschuldigung ausspreche und mit der von einem Schöpfungswort in Menschengestalt ausgehenden allegorischen Auslegung mutterseelenallein stehe. Immer wenn ich neue theologischen Abhandlungen in Händen halte wird mir bewusst, wie völlig abwegig dieses Jesusverständnis für jemand klingen muss, der seit seines Lebens von einem jungen Juden ausgegangen ist, der anschließend als Christus verherrlicht wurde. Man müsste annehmen, die Heerscharen von Hochschullehrern, die alle von der Hypothese eines einfachen Menschen ausgehen, können sich doch nicht irren. Da mich jedoch alle Geschichtsaussagen zur Entstehung des unseres Glaubens ebenso wie die theologischen Bedeutungsinhalte in der Sichtweise des menschgewordenen Wortes/Logos bestätigen und dieses Wort heute wieder zu hören wäre, kann ich mich nicht zufrieden geben, mit dem was mir als christlicher Glaube vor-gesetzt wird. Ich halte gerade heute die Zeit für reif, die „Frohe Botschaft“ des Neuen Testamentes wie die gesamte Geschichte vom ewigen Schöpfungswort als eigentlichen Gottessohn in Menschengestalt ausgehend zu verstehen.
Wie in zahlreichen u.A. an Sie adressierten (teils unverschickten oder bei Dr. Sasse begrabenen) Beiträge und Briefen zum Ausdruck gebracht, will ich allen Ernstes nachweisen, warum der historische Jesus (identisch mit Christus) als menschliches Schöpfungswort/Logos/Weltvernunft/Gottessohn wirklich der König des altjüdischen Monotheismus war. Nach allem was ich bei Ihnen und Ihren Kollegen lese, kann es in der Antike nur um das von Gott im sichtbaren Kosmos wie in Geschichte gesprochene und von Menschen verstandene Wort gegangen sein, das Grundlage des hebräisch-hellenistischen Glaubens war. Am Anfang unserer christlichen Zeitrechnung hat dieses Wort als Mensch eine messianische Wir-lichkeit/ung entfaltete. Und genau diese Wirkung erwarte ich auch heute durch ein neues christliches Selbstverständnis, das in Bezug zum Neuen Testament die zeitgemäße Wahrnehmung des Schöpfungswortes in der Realität des evolutionären Werdens und die daraus abzuleitende menschliche Bestimmung zum christlich-theologischen Thema macht. Ich bin gewiss: Was damals der historische Jesus war und als Gottessohn erkannt wurde, lebt heute unter uns, wäre endlich für Jedermann bewusst wahrnehmbar.
Doch wie soll das gelingen, wenn ein anerkannter und der christlichen Selbstbanalisierung kritisch gegenüberstehender Neutestamentler wie Sie darstellt, dass es beim Prozess um Jesus nicht um die in der Antike heiß diskutierte Frage der rechten Wahrnehmung des in Johannes oder bei den Synoptikern als Gottessohnes menschgewordenen Schöpferwortes ging, sondern nur das Hin und Her um einen anmaßenden Heilsprediger? Die Hypothese vom historischen Jesus, der hingerichtet und anschließend als Heiland, Christus, Logos, Weltvernunft, Gottessohn hochgeadelt worden sein soll, die in Ihrem Beitrag in der Frankfurter sichtbar die Feder führt, verhindert, dass wir das im damaligen Weltbild lebendige Wort Gottes hinterfragen. Wen wundert es daher, wenn die Schuldfrage für den Tod Jesus, ähnlich wie die gesamte christliche Theologie, von den Zeitungsmachern nicht als eine wirklich wissenschaftliche Frage ernst genommen wird, und daher nur im literarischen Unterhaltungsteil der Frankfurter zu finden ist?
So wie meine christlichen Freunde aus dem Kirchenvorstand oder Presbyterium mich für völlig verrückt halten, weil ich mich mit der Jesusfrage auseinandersetze, statt mich der vielen Probleme der Welt anzunehmen, muss es doch erst recht den Lesern der Frankfurter gehen. Wenn es im Prozess nur um das gegangen wäre, was Sie im Zeitungsbeitrag zum Gegenstand Ihrer Untersuchungen machen, dann gäbe es nichts Nebensächlicheres, als sich mit der Schuldfrage am Tod Jesus zu befassen. Ist es nicht verständlich, wenn moderne Leser jeden heutigen Mordprozess für interessanter und wichtiger halten. Auch wenn wir den Jesusprozess mit ins Mysterium nehmen, durch das Sie die volle neutestamentliche Wahrheit bewahren wollen, wäre die Schuldfrage für die Zeitungsleser nicht mehr als literarischer Zeitvertreib. Jeder Story unserer Gegenwart, die einen nachvollziehbaren Hintergrund hat, wäre konkreter und wichtiger, als die Streitfrage eines nicht nachvollziehbaren Mysteriums. (Unabhängig davon müssten – wäre es damals nur um das gegangen, was heute Gegenstand der Untersuchung des historischen Jesus ist, moderne Lesern, die einige Seite weiter über die Probleme des fanatischen Islamismus oder christlicher Fundamentalisten nachdenken, dem Pilatus noch im Nachhinein dankbar sein, zumindest zustimmen. Ein Gotteskrieger, der die Herrschaft Allahs verlangt, statt die des Volkes oder staatlicher Herrschaftsideologien, von dem geht in den heutigen Augen westlich denkender Menschen Gefahr aus.)
Dabei hatte ich gerade von Ihnen erhofft, dass Sie die Frage nach dem eigentlichen Wesen des christlichen Glaubens zum theologischen Thema machen könnten. Verstehen Sie die folgenden Ausführungen daher bitte nicht als Anschuldigung eines theologischen Laien, der sich anmaßt zu fragen, ob Judas erneute Wirklichkeit geworden ist. Es ist der verzweifelten Aufschrei eines Christen, dessen Denken von einem in allem natürlichen Werden nachzuvollziehenden lebendigen Wort/Weisheit/Sohn Gottes ausgeht, dessen Bedeutung ihm in Ihren Büchern immer bewusster wird und der sich gerade von Ihnen einen Anstoß für einen Wandel des christlichen Weltbildes erhofft. Denn der drängt sich aufgrund der von Ihnen darstellten theologischen Bedeutungsinhalte des Neuen Testamentes geradezu auf.
-die Einheit des Glaubenschristus mit dem historischen Jesus verlangt,
-die Bedeutung der zwischentestamentlichen Literatur betont, bei der eindeutig der Logos als Gottessohn das Thema (z.B. bei Philo) ist und wo wie selbstverständlich die allegorische Auslegung alter Texte anwendet wird,
-die Ganzheit der im Neuen Testament gemachten Aussagen vor weiterem historisch kritischen Abriss bewahren will,
-Johannes an den Anfang stellt, somit einem oft als gnostisch und unhistorisch abgelehnte Evangelium historische Bedeutung gibt, was zu einem neuen Vorgehen im Verständnis zwingen würde,
-davor warnt, weiter zwischen historisch wahr und unhistorisch zu trennen, ohne die theologische Bedeutung zu beachten,
-die Krankheit heutiger Theologie analysiert, die alles bis auf angeblich wenige Wahrheiten herabwürdigt und so mit leeren Händen dasteht,
-auch in sonstiger Weise einer Neudatierung alter Texte das Wort redet und somit immer deutlicher macht, dass nicht ein verherrlichter Wanderprediger, sondern das in Menschengestalt lebendige Wort (die für die Welt sichtbare Vernunft/Weisheit Gottes) das Thema des Neuen Testamentes ist,
-bestens mit der gesamten frühchristliche Auseinandersetzung um das wahre Wesen des als Mensch lebendigen Wortes vertraut ist und der weiß, dass dieser Gottessohn/Logos/schöpferische Weisheit/Weltvernunft Thema jüdischer wie christlicher Apologetik und aller Kirchenväter sowie der von diesen abgelehnten Gnostik war,
-in seiner Neudatierung und –Zusammenstellung des Neuen Testamentes zahlreiche Texte aufnimmt, in denen ebenfalls deutlich zu erkennen ist, dass es damals um weit mehr ging, als wir leider aus den völlig bagatellisierten altbekannten Evangelien ableiten,
-die bisherige Form der Entmythologisierung als Mythos (bzw. falschen Weg) entlarvt,
-darüber referiert, dass es bei Johannes um die von den Griechen erkannte Weltvernunft ging, der philosophische Geist aus dem neutestamentlichen Denken nicht wegzudenken ist,
-den Menschen die Bedeutung des schöpferischen Logos für das antike Denken begrifflich machen und den Begriff des Logos als Schöpfungswort mit neuem Leben füllen könnte,
-die Gabe hätte verständlich zu darzulegen, wie die Überwindung der Trennung zwischen Gott und seiner von ihm mit Geist begabten weltlichen Wesen schon immer Aufgabe einer zeitgemäße und kulturgerechte Wahrnehmung des Schöpfungswortes/Logos war, der schöpferische Logos wirkungsvoll auf menschliche Sprache, Denken und Leben zu übertragen ist, (Was mir gerade im Schlussteil Ihres Buches über die Wahrheit des Neuen Testamentes bewusst wurde, auch wenn ich Ihrer Forderung nach Mystifizierung nicht folge, sondern in Ihnen jemand sehe, der den Logos des Mythos sichtbar machen könnte.)
-wie kaum ein anderer Neutestamentler die theologischen Wesensaussagen bzw. Bedeutungsinhalte des Neuen Testamentes belegt und so in den Grundlagen des christlichen Glaubens deutlich macht, dass es damals um weit mehr ging, als einen einfachen Menschen......
auf die in der Frankfurter Allgemeinen schwarz auf weiß nachzulesenden Weise nur von einem einfachen Heilsprediger reden, dem angeblich der Prozess gemacht wurde? Verraten wir somit nicht den eigentlichen Heilsprozess, der am Anfang unserer Zeitrechnung nachweislich stattgefunden hat und heute neue Wirkung entfalten könnte?
Wenn es wirklich nur um einen rebellischen jungen Juden gegangen wäre, müsste dann nicht die Kreuzigung im Nachhinein für richtig erklärt werden? Wird so nicht gerade der von Ihnen belegte Bedeutungsinhalt neutestamentlicher Aussagen erneut ans Messer geliefert?
Was hat ein anschließend glaubenspopulistisch hochgestapelter Heilsprediger den Lesern der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu sagen? Haben von solchen Heilslehren die Leser von heute nicht eh die Schnauze voll, auch wenn sie aufgrund ihrer humanistischen Bildung nicht mehr nach einer Hinrichtung rufen würden? Ob Pilatus oder die Pharisäer, was spielt das für eine Rolle, wenn es eh nur um die Aburteilung eines angeblich wundertätigen Sektierers ging, der für die Menschen von heute keine Rolle mehr spielt, zur Lächerlichkeit verkommen ist? Es ist dann allenfalls Stoff eines persönlichen Glaubens, über den man nicht redet, für ewig Gestrige und theologische Lehrer, die somit keiner richtig ernst nimmt.
Können wir wirklich trotz allem theologischen und geschichtlichen Wissen weiterhin über Prozess und Passion Jesus urteilen, wie wir das heute tun? Kommen wir weiter, wenn wir nur in der reinen Literatur lesen, den Prozess um das menschliche Verständnis des Gottessohnes bzw. Gottesordnung/vernunft/logos in menschlicher Gestalt unbeachtet lassen, den in der Antike das Eindringen des philosophischen Erkennens in den jüdischen Kulturraum auslöste? Sollte nicht gerade der von Ihnen im Aufsatz zum Passionsfilm als Hauptzeuge benannte vierte Evangelist deutlich machen, dass Platon, Philo, Plutarch... somit die gesamte philosophische Theologie und die diese begründende präexistente Weltvernunft/Logos als Schöpfungswort mitzulesen sind?
Müssen wir nicht hellhörig werden, wenn, wie Sie schrieben, Pilatus in manchen christlichen Kirchen gar als Heiliger verehrt wird, apokryphe Literatur seine Gestalt aus völlig anderer Perspektive beleuchtet, als wir dies heute – oft als gutgemeinte Wiedergutmachung gegenüber dem jüdischen Volk - verstehen wollen? Könnte es nicht sein, dass die in Pilatus zum Ausdruck gebrachte römisch-gebildete Denkweise wirklich erkannte, dass der historische Jesus Christus bzw. die zu verurteilende menschgewordene Schöpfungsvernunft der „König der Juden bzw. des Gesetzes war“? Wollte mit der Kreuzesinschrift wirklich nur ein römischer Staatsverwalter einen jungen Rebellen lächerlich machen, gleichzeitig der geistigen Obrigkeit einen Streich spielen, oder ging es in der Aussage des Evangelisten um weit mehr? Ich will mir hier keineswegs anmaßen, auf meine allegorische Weise die wahre Aussage der Texte entschlüsseln zu wollen. Doch m.E. führt kein Weg an einer allegorischen Auslegung, die vom lebendigen Wort in Menschengestalt ausgeht, vorbei. Die letztendliche Exegese muss den Experten vorbehalten bleiben, die den literarischen und geistesgeschichtlichen Kontext kennen. Um was im Einzelnen genau ging, ist möglicherweise auch nicht kriegsentscheidend. Wichtig wäre es m.E., den Menschen begreifbar zu machen, dass es sich beim Neuen Testament nicht um die Banalstory von einem hochgestapelten historischen jungen Juden handelt oder ein ewig geheimes Mysterium, sondern allem eine Logik zugrunde liegt, die uns auffordert, das schöpferische Wort Gottes in der uns geschenkten Weise neu wahrnehmen zu wollen, die geschichtlich geschehene Offenbarung so zu vergegenwärtigen.
Wird nicht auch in anderen christlichen Texten, die gar einen römischen Legionär zum eigentlichen Vater Jesus machen wollen deutlich, welchen Einfluss manche antiken Verfasser dem römischen Denken beimaßen. Sie verstehen sicher, dass ich aus meiner Perspektive bei Maria keine junge Hebräerin vor Augen habe, die sich mit einem Besatzungssoldaten mit Spitznamen Panthera einließ. Vielmehr will ich in neuer Geschichtsrealität nach Mutter Kirche fragen, die den Logos/das Schöpfungswort in Menschengestalt zur Welt brachte. Wenn Sie mir in Ihrem Buch über die mystische Wahrheit des Neuen Testamentes beibringen, dass in christlich-gnostischer Literatur dieser Römer Panthera „All-tier“ genant wurde, dann suche ich – vom Schöpfungswort in Menschengestalt ausgehend - nicht den tierischen Charakter eines Triebtäters, mit dem sich eine junge Jüdin einließ, sondern sehe möglicherweise ein römisch-hellenistischen Weltverständnis, das durch die „All-Natur“, das Wort des jüdisch-monotheistischen Gottes „bezeugte“. Selbst warum aus der Perspektive des jeweiligen Verfassers dieser Panthera, statt Josef (das Judentum) der Vater Jesus gewesen sein soll, lässt sich nachvollziehen, kann neu diskutiert werden. Auch warum letztlich der heile schöpferische Geist jenseits aller Wort/Sprachverwirrung wirklich gezeugt hat, und warum ein unvoreingenommenes, jungfräuliches Denken das Wort Gottes als Mensch zum Ausdruck brachte, könnte aus der Perspektive des Schöpfungslogos, gleichzeitig einer aller Kreativität zugrunde liegenden Logik, belegt werden. Wenn es nicht um einen Wanderprediger, sondern das lebendige Wort in Menschengestalt ging, werden viele – bei bisheriger Betrachtung oft völlig unsinnig erscheinender und gegensätzlicher - Aussagen von Geburt und Tod Jesus in völlig neuer Weise verständlich, lässt sich die Logik nachvollziehen.
Wenn stimmt, was ich denke nachweisen zu können, dass nicht ein hochgejubelter Mensch, sondern das Wort in Menschengestalt messianische Wirkung hervorbrachte, dann muss sicher auch die Messianisierung der römischen Herrscher bei der Beurteilung des Prozesses weit mehr mit herangezogen werden, als dies heute beim Drehen und Wenden der durch Buchstäblichkeit belanglos gemachten Evangelienberichte der Fall ist. Was nützt es, wenn in der ZNT die theologische Auseinandersetzung des jüdischen und römischen Weltbildes und Glaubens thematisiert wird, wenn es nur um einen anmaßenden Juden gegangen wäre, wie ihm bei Ihnen der Prozess gemacht wird? Wenn es in der Antike eine Herausforderung für den jüdischen Geist messianischer Hoffung gab, dann war das nicht ein anmaßender Wanderprediger, dem einige Fischer hinterherliefen, sondern u.A. die Messianisierung eines menschlichen Wesens im römischen Kaiser.
Es übersteigt meine Möglichkeiten, an dieser Stelle über die geistige Auseinandersetzung der Antike bzw. den Prozess des zu erneuernden Monotheismus weiter nachzudenken. Doch vermute ich, dass auch viele andere von Ihnen bei der Beurteilung des Jesusprozesses herangezogenen Hinrichtungen, wie die des Stefanus, Paulus oder Jakobus erst im Licht des damals als Mensch lebendigen Logos eine völlig neue Bedeutung erfahren. Nicht das jüdische Volk mache ich nach meiner Sicht der Dinge für all die Verurteilungen der angeblichen Ketzer verantwortlich, sondern ein damals gegen den Logos als lebendigen Gottessohn gerichtetes autoritäreres Verständnis und Festhalten an angeblich bild zu bewahrenden Buchstaben, das auch uns nicht unbekannt ist.
Wie können wir weiterhin davon ausgehen, dass es sich bei dem von den Evangelisten geschilderten Prozess und die anschließende Kreuzigung wirklich nur um die Frage der Verurteilung eines Religionsrebellen gehandelt habe, während wir uns gleichzeitig den hohen theologischen Gehalt der Evangelien und die Weisheit und Weitsicht ihrer Verfasser bewusst machen? Wären nicht viele der getroffenen Aussagen geradezu absurd, wenn wir nur die an heutigen Hochschulen vertretene Hypothese eines für einzig historisch gehaltenen jungen Juden zugrund legen? Ich will hier keineswegs die historisch-kritische Methode fortsetzen, wenn ich mich frage: Hätte in einer Zeit, in der Tausende ohne großen Federstrich ans Kreuz genagelt wurden, die Kreuzigung eines einzelnen geschichtlich scheinbar völlig unbedeutenden Rebellen einen solchen Prozess ausgelöst, wie Sie ihn in der Frankfurter Allgemeinen nachgezeichnet haben? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wieso wegen eines in den eigentlichen Geschichtsbüchern unerwähnten Reformpredigers ein jüdischer Rat oder ein römischer Staatsvertreter sich gegenseitig belästigt hätten. Auch dass wir die Aussagen der Evangelisten wie banale Prozessakten lesen, erscheinen mir völlig absurd. Wer war der christliche Spitzel, der jeweils im Prozess mitgeschrieben haben soll, von dem dann Johannes (der nach Ihrer Aussage vom späten gnostischen Verherrlicher zum Zeitzeugen des realen Geschehens wird) die wörtlichen Aussagen ableitet? Wieso überhaupt jemand wie Johannes oder die anderen hochgeistigen Verfasser auf einen angeblich historischen Charismatiker mit einer Offenbarung aufgrund dessen „Nahtodeserfahrung“ eine Theologie aufgesetzt haben sollen, hat mir noch keiner Ihrer Kollegen, die alle von sich selbst so etwas weit von sich weisen würden, erklären können. Aufgrund einer Mixtur von Mutter Teresa und Che Guevara oder gar eines besonders charismatischen Sektenführers zu glauben, gar zu völlig neuem Glauben aufzurufen und darauf eine Theologie zu gründen, das käme doch keinem heutigen Religionslehrer in den Sinn. Wieso wird so etwas ähnliches dann aber den Vätern unseres Glaubens unterstellt? Die gesamte Hoffnung des damaligen Denkens kann weder nur einem jungen Juden, noch einem Glaubensmysterium und alten Texten (einem Gesetzgott) gegolten haben. Die Explosion an hochgeistiger urchristlicher Literatur, wie sie mit völlig gegensätzlichen Aussagen gerade in den letzten 100 Jahren zutage gefördert wurde, kann m.E. nur vom Logos als Wort und Sohn Gottes, dessen neuer Wahrnehmung ausgegangen sein. Je mehr mir die derzeitige Theologie den großen Gehalt und Reichtum des antiken Denkens bewusst macht, desto absurder erscheint es mir im historischen Jesus und aufgesetzten Glaubenschristus nur das zu sehen, was an heutigen Hochschulen gelehrt wird.
Kann es angesichts der von Ihnen und Ihren Kollegen ständig geschilderten tiefgreifenden theologischen antiken Auseinandersetzungen mit Mysterienlehren und philosophischer Erkenntnis um den wahren Monotheismus bzw. dessen Erneuerung etwas bedeutungsloseres geben, als einen jungen Juden, der mit seinen Anhängern um den See Genezareth gezogen ist, wie er heute auch von Ihren Schülern als der historische Jesus vorstellt wird? Sollte wirklich nur einem jungen anmaßenden Wanderprediger der Prozess gemacht worden sein oder zwingt nicht all unser Wissen endlich davon auszugehen, dass es um das im Menschen Jesus lebendige Gotteswort ging? Dass die von Ihnen oft erhobene Forderung, den Mythos ohne weitere historisch-kritische Hinterleuchtung zu belassen, nicht erfüllt werden kann, auch dafür ist Ihr Beitrag in der Frankfurter ein Beleg. Denn was sonst als eine kritische Hinterfragung bisheriger Annahmen war dort Ihr Thema? Bitte entschuldigen Sie, doch ich befürchte, trotzt Ihre ständigen Bemühung, den christlichen Glauben vor einer verniedlichenden Verkleinerung zu bewahren, haben Sie im Chor der Banalisierer mitgesungen.
Ich hoffe verständlich machen zu können, dass ich die Aussagen der Evangelisten bei einer m.E. not-wendigen Neubetrachtung keineswegs als unhistorisch ablehne, ganz im Gegenteil. Nach der bisherigen Reduzierung durch die historisch-kritischen Nachfragen scheint mir gerade jetzt die Zeit reif - vom christlichen Denken ausgehend - die ganze geschichtliche Wahrheit der verschiedenen Religionen mit neue Augen zu sehen, den allegorischen Grund im lebendigen Wort zu verstehen. Gerade indem wir erkennen, dass es um den Gottessohn ging, das Schöpfungswort gegen blind gewordenes Gesetzwort stand, kann bewusst werden, dass uns die Evangelisten einen ganz realen Geschichtsprozess beschreiben, warum sie eine universellen Glauben erwarteten. Über die Rolle der Pharisäer, Sadduzäer und Gesetzeslehrer, gegen die sich Jesus wendete kann dann ebenso neu nachgedacht werden, wie die römische Staatsautorität und Religion. Auch die zeitliche Verbindung zum Passahfest (evtl. als der ursprünglichen Befreiung des Monotheismus von ägyptischen Menschenvergötterungen), der nächtliche Termin des Prozesses und was uns noch alles im Zusammenhang mit dem Prozess geschildert wird, gewinnt eine völlig neue Bedeutung, wenn wir nicht nur einen zu verurteilenden Wunderprediger vor Augen haben.
Es würde hier zu weit führen, neben dem Prozess gleich das gesamte Ostergeschehen in ähnlicher Weise zu hinterfragen. Doch all das, was Sie und andere Exegeten an theologischen Bedeutungsinhalten bestätigen, ich ständig in all Ihren Büchern lese, verlangt nach einem Neuverständnis des historischen Geschehens.
Wenn es sich, wie die Bibel aussagt, bei der Auferstehung nicht nur um ein Geistesgeschehen gehandelt hat, der Auferstandene kein Spuk oder Gespenst war, sondern der vorher leibhaftige wieder erschienen ist, müssen wir dann nicht fragen, ob es vorher wirklich nur um einen von Pilatus zum Tod verurteilten Wanderrebellen ging? Sollten wir nicht vielmehr nach dem wiederverstandenen Gotteswort hier auf der Erde, im realen Geschehen wie im damaligen Denken fragen, statt von einer Bildwelt der Jünger oder einem himmlischen Jerusalem die im Geist der Jünger bzw. der späteren Gemeindebildung Wirkung erzielt hätte?
Könnte das Wiederverständnis dieses Wortes, in der menschlichen Gestalt des Jesus von Nazareth wie im natürlichen Geschehen heute, nicht so etwas wie die damals geschichtswirksame Auferstehung sein? Könnten wir nicht gerade aufgrund unserer Probleme mit dem Gotteswort – der Selbstbanalisierung und Bedeutungslosigkeit biblischer Berichte für die Gesellschaft wie das gleichzeitige Unvermögen, im lebendigen Prozess der Welt ein schöpferisches Wort wahrzunehmen – die im Neuen Testament beschriebene Bedeutung eines solches Geschehens nachvollziehen?
Der noch heute lebendige Jesus als wieder wahrnehmbares Wort, um den es mir geht, ist kein philosophisches Geistesgebilde, sondern muss eine leibliche, kosmische Realität haben, wie einen konkreten Platz in Kopf und Herzen der Menschen. Er muss uns ansprechen und menschlich anzusprechen sein, aber hat trotzdem eine Autorität, die über Prediger, Philosophen, Professoren oder alte Propheten hinausgeht. Er geht wirklich durch verschlossene Türen, zeigt sich an vielen Orten, ohne Distanzprobleme und ist leider auch immer wieder unsichtbar. Er muss an allen bisher beschriebenen Merkmalen seiner Person (des Schöpfungswortes, wie des biblischen Menschen Jesus) zu erkennen sein, ist kein Mysterium, sondern was war und ewig sein wird.
Alle Erdschwere und (uns m.E. heute unten haltende) Begrenztheit des rein menschlichen Körpers Jesus sind mit diesem Wiederverstand aufgehoben, ohne abgewischt zu sein. Der Leib dieses Gotteslogos ist wirklich erfüllt von der Herrlichkeit Gottes, indem alles Werden der Welt – ob Sonnenaufgang oder hochkomplexe Ordnung der Mikrobiologie bzw. die in aller Evolution sichtbare Kreativität - auf sein wunderbares Wirken bezogen werden kann. Gottes Herrlichkeit ist somit nicht mehr unsichtbar, bleibt nicht nur dem Mythos vorbehalten oder der biblischen Behauptung, sondern ist für das Licht des Bewusstseins zugänglich.
Könnte es nicht eine theologische Aufgabe sein, für diesen Jesus Zeugen zu suchen, ob im Alten und im Neuen Testament, aber ebenso auch in der Tatsache des natürlichen Werdens, der Geistesgeschichte und des heutigen menschlichen Denkens?
Der Prozess um einen einfachen Aufrührer, der von Pharisäer zu Pilatus geschickt wurde, ließe sich möglicherweise noch in der von Ihnen dargestellten Weise nachvollziehen. Doch wenn wir ernst nehmen, was wir über Ostern und Auferstehung sagen und in der von Ihnen immer wieder verlangten Form die Ganzheit des Geschehens bewahren, müssen wir dann nicht auch den Gegenstand des Prozesses mit anderen Augen sehen als bisher? Und ich bin sicher, die Evangelisten beschreiben weder in der Prozessbeschreibung, noch der Auferstehungsgeschichte ein Mysterium, sondern in der damals verständlichen Sprache der Mythen die in ihren Augen endgültige menschliche Wiedergeburt des Gotteswortes und die davon ausgehende Wirkung. Gerade die von Ihnen immer wieder getroffenen Aussagen um das Auferstehungsereignis lassen m.E. keinen anderen Schluss zu, als dass es damals nicht um ein Mysterium ging, sondern das Schöpfungswort, somit auch der Logos bzw. die Logik des Gesetz wiederverstanden wurde. Nur wenn wir im „Leib“ des im Prozess verurteilten historischen Jesus gleichzeitig den präexistenten Gottessohn, das ewige und allumfassende Schöpfungswort/Logos sehen, können wir auch von „leiblicher“ Auferstehung reden. Statt nur abzustreiten oder in Mysterien flüchten zu wollen und – ganz im Gegensatz zum Geist des Neuen Testamentes - zu behaupten, es gäbe nichts zu sehen, lässt sich heute die Logik der Aussagen neu verstehen.
Die menschliche Gestalt des Gotteswort im wachen Bewusstseins neu verstehen, sie nicht nur als Geistesgebilde und Mysterium zu behaupten, würde das nicht dem Geist des Neuen Testamentes entsprechen? Welches Wunder könnte gerade erst heute von einer Wahrnehmung des Gotteswortes in der universell gültigen Begrifflichkeit des empirisch nachvollziehbaren natürlichen Werdens ausgehen? Wurde durch einen Wanderprediger oder einen blinden Glaube an alte Gesetze die Trennung der Menschen vom wahren Schöpfergott überwunden oder lässt sich eine neue Theologie nachvollziehen, die das Neue Testament ausmacht, ihren Grund nicht im alten Gesetz, sondern in Jesus Christus sieht? Kann sich die Hoffnung auf endgültige Wahrheit und Offenbarung, die aus dem Neuen Testament spricht, nicht im Geschichtsprozess unserer Zeitrechnung nachvollziehen lassen und auch heute Wirklichkeit werden? Was spricht dagegen, von der Gegenwart des Gotteswortes/Logos in der Wirklichkeit der Welt auszugehen, dies an den Anfang zu stellen? Selbst wenn es (aufgrund unserer Buchstabenversessenheit) heute schwer fällt, in der natürlichen Schöpfung bzw. der Weltwirklichkeit einen solchen Logos/ein Gotteswort wahrzunehmen, wie können wir uns einfach über die bisher unseren Glauben begründenden Texte hinwegsetzen, die den präexistenten Christus zum Hauptinhalt haben?
Wäre es nicht weit wichtiger ein lebendiges Wort zu bezeugen, durch das damals die Schwerkraft der nach unten ziehenden und das Schöpfungswort in Gegenteil verkehrende Gesetzlichkeit aufgehoben wurde, als nur nach einer Bewahrung von Mysterien zu verlangen? Von Verklärung zur Klarheit, vom Dunkel ins Licht, um in der sichtbaren Vernunft des gesamten natürlichen Werdens der Welt die Herrlichkeit Gottes neu wahrzunehmen: Was spricht dagegen auch heute diesen Weg zu gehen? Warum lassen wir uns durch eine Buchstäblichkeit immer wieder nach unten ziehen, behaupten alles sei nur ein nicht zu verstehender Mythos müsse so bleiben, blind bewahrt werden? Warum darf es nicht sein, dass uns der Vater gerade durch die wissenschaftliche Aufklärung, wie durch ein gleichzeitiges weitergehendes theologisches Verständnis christlicher Geschichte neue Augen geschenkt hat, um sein Wort neu zu hören, seine irdische Präsenz im ewig lebendigen Sohn bewusst zu sehen?
Wenn Johannes und Paulus – aber mit ihnen auch die anderen Evangelisten oder Aporyphen – vom Auferstandenen reden, dann hatten sie doch unmöglich nur das vor Augen, was an heutigen Hochschulen als historischen Jesus gesehen, als nachösterliche Erscheinung (meist wird dann von einer Vergeisterung der Anhänger eines Gottessohn genannten Guru ausgegangen) im Rahmen der Gemeindebildung bezeichnet wird oder Sie als Mysterium bewahren wollen. Den in der Antike Auferstandenen will ich in heutiger Sprache bzw. unserem wissenschaftlichen Weltbild zum Thema machen. Es geht mir nicht um ein Produkt des menschlichen Verstandes, das gegen eine alte Tradition und persönlich-innere Religiösität spricht oder nur eine rationalistische Glaubensrichtung, wie Ihr Schüler Dr. Markus Sasse in meinem Denken vermutet. Vielmehr befürchte ich, dass die menschliche Vernunft ständig genau dort zuschlägt, zu Kurz-schlüssen führt, wo nur „in heutiger Weise“ vom historischen Menschen, statt von der ewigen Vernunft Gottes ausgegangen wird. ( Wenn ich von Jesusvorstellung „in heutiger Weise“ spreche dann denke ich, dass bis noch vor wenigen Jahren das alte Jesusbild getragen hat. Es wurde bis zur Aufklärung nicht weiter hinterfragt und herabgewürdigt. Es entsprach somit dem Logos der jeweiligen Zeit, war wirk-sam/lichkeit. Doch wenn es stimmt, dass Gottes Wort nicht nur in alten Büchern steht, sondern alles evolutionäre Werden bewirkt, dann darf ich das Rad nicht rückwärts drehen wollen.) Was ich ernsthaft erwarte, ist eine Bestätigung der alten Mythen und Glaubenswahrheiten im Licht des von Gott geschenkten heutigen Logos, der sichtbaren Wirklichkeit allen nachweislichen natürlichen Werdens der Welt.
Doch solange keine theologische Autorität wie Sie die in der Antike vom Johannes als Zeugen des Jesusprozesses wahrgenommene Weltvernunft zum Thema christlicher Theologie macht, wird selbst jemand der guten Willens ist kaum begreifen, um was es bei Vernunft/dem Logos Gottes geht, wieso im gesamten natürlichen kosmischen Werden das im Buch beschriebene Wort Gottes verstanden werden könnte. Gleichzeitig ist ein wirklich weiterführendes naturwissenschaftliches Nachdenken über das Wort Gottes in der sichtbaren Ordnung m.E. nur möglich, wenn wir dort nicht nur neopantheistisch eine unbestimmte Kraft, Energie, Software... als eine Art Gott selbst suchen, (wie das in neuer Naturlehre oder New Age teilweise geschieht) sondern den altbekannten Gottessohn. Erst von ihm bzw. im Zusammensehen alter aufgeschriebener Weisheit mit der Wahrnehmung des Gotteswortes in heutiger Welterkenntnis kann schöpferische Bestimmung, Sinngebung und Wegweisung ausgehen. Wenn damals der Logos Mensch war, dann muss heute der diesem Menschen wie allem menschlichen Wissen zugrunde liegende Logos zum Thema gemacht werden. Dies kann nur durch jemand geschehen, der um die antike Bedeutung der Begrifflichkeiten bestens Bescheid weiß und dies neu zum Ausdruck bringen kann. Was damals Selbstverständlichkeit war und als Gottessohn gesehen wurde, kann nur durch die christliche Theologie vom Schattendasein befreit werden.
Auch wenn es als eine fast unmögliche Zumutung erscheint, von einem Lehrer der Schrift zu verlangen, in der Schöpfung selbst nach dem Wort Gottes zu fragen, ich sehe keine andere Lösung. Um dem Logos Gottes zu neuem Leben zu verhelfen und die Schöpferische Vernunft auf menschliche Lebensweise zu verwirklichen, bedarf es eines Wissens und einer Kraft, die dies alles auf einfache Weise den Menschen verständlich machen kann. Das Neue Testament als Mysterium bewahren zu wollen und nur einen Menschen mit Namen Jesus an den Anfang zu stellen, genügt in der Geschichte Gottes mit den in seinem Sinne/Logos ewig wachsendenden Kindern nicht mehr.
Auch der Missbrach der Prozess-Texte zu Progromen, was Sie zurecht als nicht im Sinne der Evangelien bezeichnen, kann durch den von Ihnen geforderte Mystifizierung nicht verhindert werden. (Ebenso wenig wie die monotheistische Glaubensspaltung zwischen Moslems und Juden bzw. angeblichen Christen.) Ich werde den Verdacht nicht los: Auch die Schuld am millionenfachen Judenmord trägt der gleiche buchstäbliche Missverstand, der damals zur Kreuzigung Jesus führte. Aus Fehlern der Vergangenheit zu lehren bedeutet daher m.E. weder nur den „Christus“ zurückzunehmen und alles christliche für rein jüdisch zu halten, allein aus dem Gesetz abzuleiten, wie es viele Ihrer Kollegen tun, noch allein Pilatus verantwortlich machen zu wollen. Auch im heutigen Prozess sind Zeugen gesucht, die das im gesamten naturwissenschaftlich und geschichtlich nachzuvollziehenden ewig lebendige Wort Gottes auf Grundlage der gesetzten Traditionstexte bezeugen: Nicht gegen Mythos und Gesetz, sondern zu deren Erfüllung. Einen antiken Wanderrebellen oder aufgesetzte Christus-Gläubigkeit als König der Juden, Erfüllung des Gesetzes, Sündenvergebung, endgültige Offenbarung, Niederreißer und Neuerbauer des alten Tempels... bezeichnen zu wollen, ist lächerlich. Trotz aller theologischer Glaubensverrenkungen hat mir das noch kein christlicher Lehrer schlüssig beibringen können. Warum aber von dem im antiken Weltbild wiederverstandene Schöpfungswort in Menschengestalt diese vom jüdischen Messias erwartete Wirkung ausging, lässt sich nachvollziehen.
Mit Bibel oder Koran in der Hand wird Krieg geführt und nicht nur im Nahen Osten sinnlos gesteinigt und in Amerika nach der Todesstrafe gerufen, während andere das Gegenteil heraus- oder hineinlesen, je nach Standpunkt bzw. persönlicher Meinung. Die Buchlehre allein hilft uns nicht mehr weiter, auch wenn wir sie zum Mysterium erklären wollen um die volle Wahrheit zu bewahren. Vielmehr befürchte ich, dass die Buchstäblichkeit letztlich genau zu den Problemen führt, die wir heute beklagen, für die wir Politik, Fundamentalismus oder Ideologien verantwortlich machen.
-Wenn die Fehler der Vergangenheit nicht völlig umsonst sein sollen, müssen wir daraus lernen und den Sonntag für Sonntag geforderten „Wandel“ herbeiführen, der zur neuen Wahrnehmung des präexistenten universalen Gotteswortes führen könnte. Nicht nur angesichts unserer heutigen geistigen und gesellschaftlichen Probleme, sondern gerade aufgrund des im Bereich der Naturwissenschaft wie der Theologie gewachsenen Wissens wäre dazu die Zeit reif.
-Wenn der Glaube zur vernünftigen Gestaltung der Weltgesellschaft beitragen soll, dann muss die christliche Theologie ihre eigene Banalisierung überwinden und damit beginnen, neu und möglichst unvoreingenommen nach dem Geist an der Wurzel ihres universellen Glaubens zu fragen. Dabei gilt es die bisherige Sicht nicht als falsch abzulehnen oder zu verurteilen. Hinter dem gesamten Weg des wachsenden Wissens und aller scheinbaren Umwege ist m.E. der Logos/Plan zu erkennen, lebt das Wort Gottes. Ohne das was war und ist, wäre die heute „Gott sei Dank“ mögliche neue bewusste, gemeinsame sowie Gemeinschaft bildende Sicht des universalen ewig offenbarenden Wortes bzw. Gottessohnes und dessen empirischer Nachweis nicht denkbar.
Bitte entschuldigen Sie, wenn ich mir erneut anmaße, Ihrer nur von einem verherrlichten Menschen ausgehenden Auslegungen der Bibel oder der Forderung, alles als Mysterium zu bewahren, wiederspreche und Sie gleichzeitig auffordere, das schöpferische Wort an den Anfang zu stellen. Doch wer wie ich die Chance sieht, durch ein neues christliches Selbstbewusstsein zu einer aufgeklärten gemeinsamen Sicht der Welt als großartiges Wunderwerk Gottes zu kommen, der kann sich nicht mit einem Mysterium zufrieden geben. Da Sie wie alle namhaften heutigen Theologen in der Hypothese vom einfachen historischen Menschen und der Bibel als dem allein maßgebenden Gotteswort befangen scheinen, ist es nur zu verständlich, dass keiner auf die Idee kommen kann, im kosmischen Geschehen der wissenschaftlichen Gegenwart den Gottessohn mit Namen wiederverstehen zu wollen. In diesem Sinne sind diese Überlegungen nur eine Analyse aus anderer Perspektive, keinesfalls eine Anschuldigung des derzeitigen Verständnisses. Doch wer wie ich denkt, heute erst wieder zu erkennende Zusammenhänge schlüssig nachwiesen zu können, der wäre unver-ant-wort-lich, würde sich gegenüber dem Schöpfer schuldig machen, wenn er sich nicht zu Wort melden würde.
Mir ist dabei bewusst, wie ungeheuerlich die Angriffe bzw. völlig anders die von mir verlangte Sicht gegenüber der derzeitigen theologischen Denkweise sind, die allein von den Texten als allein verständliches Gotteswort ausgeht. Doch wer wie ich in modernen naturwissenschaftlichen Beschreibungen bzw. allem natürlichen Werden den Logos/Wort Gottes zu verstehen glaubt, von dem seines Erachtens – bzw. aufgrund der Nachlese bei Ihnen und Ihren Kollegen - das Neue Testament handelt, für den kann es nur noch eine Autorität geben.
Ich hoffe verständlich machen zu können, dass es mir nicht darum geht irgendwelche Anschuldigungen auszusprechen, Glaubensaussagen für den modernen Zeitgeist zurechtzubiegen oder nur der eigenen Ratio gefällig zu machen, was bei flüchtiger Betrachtung oft gedacht wird. Die Vernunft, der Geist oder das schöpferische Wort Gottes sehe ich als alleinige Autorität, an der sich unsere Vernunft (auch die Auslegung) auszurichten hat. In diesem Sinne geht es mir nicht um eine theologische Besserwisserei oder nachts geträumte persönliche Glaubensbilder. Vielmehr halte ich es für meine Aufgabe, auf eine gerade erst heute wieder mögliche neue Sichtweise des Menschen Jesus und somit des in allem Werden lebendigen Logos aufmerksam zu machen. Mehr ist mir als Laien nicht möglich, muss theologischen Lehrern überlassen bleiben, die weit besser wie ich die Zusammenhänge kennen und zu ernsthaftem Nachdenken Anlass geben können.
Wenn ich mich erneut an Sie wende, dann will ich Sie keineswegs bedrängen. Doch ich sehe sonst keinen anderen Weg, die Vernunft/das Wort des Schöpfers aller Welt bei den Lesern der Frankfurter Allgemeinen und ihren Zeitgenossen zum Thema zu machen, sie aus dem literarischen Unterhaltungsteil in den naturwissenschaftlichen, politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Bereich zu holen. Aufgrund all dessen, was ich in Ihren Büchern lese müsste es sich doch gerade zu aufdrängen, in neuer Weise nach der in der Antike verstandenen Weltvernunft bzw. dem in der Gestalt Jesus lebendigen Gotteswort als dem eigentlichen christlichen Glaubensgrund zu fragen. Und ohne diese Vernunft als verständliches Wort Gottes auf menschliche Weise zur heutigen Lebens-wirk-licheit werden zu lassen, sehe ich keine Möglichkeit für eine schöpferisch-vernünftige Zukunft meiner und unserer Kinder.
Ein Anstoß, im bisher bewahrten Mysterium den in aller wissenschaftlichen Wirklichkeit der Welt lebendigen Logos Gottes als christlichen Gottessohn wahrzunehmen, so der heutigen Welt die aufgeklärte Wirklichkeit des Mythos begreifbar, das Wort verständlich und den lebendigen Jesus sichtbar zu machen, kann nur von jemand wie Ihnen ausgehen.
Mit echter und großer Hochachtung
(sowie der Hoffnung, dass Sie meine laienhaften Überlegungen nicht für allzu anmaßend und verrückt halte und ich trotz Ihres vollen Terminkalenders eine Beurteilung von Ihnen erwarten darf.)
Gerhard Mentzel
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August 2003