Die Essener als Mutter Maria?

 

(Überlegungen, die aus einem evangelischen Studientag mit Porf. Stegemann heraus entstanden sind: War es das unvoreingenommene Denken der Essener, durch das das schöpferische Wort neu zum Ausdruck gebracht wurde.)

 

Viel Unsinn ist bisher schon über die Essener gesagt und spekuliert worden, seit die vor wenigen Jahrzenhnten in Qumran gefundenen  Schriftrollen mit ihnen bzw. dem Urchristentum in Verbindung gebracht wurden. Die Frage, ob die Essener als Mutter Maria zu sehen sind, mag daher als Gipfel des Absurditätenkabinettes gesehen werden. Zu verstehen ist sie erste, wenn wir in Jesus das neu verstandene präexistente Wort des Schöpfervaters wahrnehmen, das als Mensch das Licht der Welt erblickte und keinen von der Kirche als Logos verherrlichten antikenen Prediger.

 

Die Frage lautet: Haben die von dem neuplatonischen Juden Philo von Alexandrien, dem jüdischen Geschichtsschrieber Josefus Flavius (die zwei großen jüdischen Apologeten), ebenso wie dem römischen Schriftsteller Plinius erwähnten Essener die geistige Grundlage für ein neues theologisches Paradigma hervorgebracht? Sind die Essener bzw. das Denkmuster, das uns als Essener beschrieben wird, die Mutter des neuen Menschenverstandes vom Wort Gottes. Auch die Funde von Qumran (egal, ob wir die Siedlung am Toten Meer als Denk- oder antike Verlagswerkstatt betrachten) können Antwort auf diese Frage geben.

 

Waren die Essener jungfäulich?

 

Die von einem Teilnehmer beim evangelischen Studientag gestellte Frage über die Jungfräulichkeit von Mutter Maria, im Anschluß an den Vortrag von Prof. Hartmut Stegemann über Qumran und die Essener, erschien mir absurd. Wie kann man vom Apfelkuchen backen auf A....(Po)backen kommen? Mit den sachlichen Ausführungen über Qumran und seiner Siedlung, nach Stegemann eine antike Verlagswerkstatt der im Neuen Testament genannten Schriftgelehrten (hinter diesen vermutet er die Essener), hat die Frage nach der Jungfräulichkeit Marias wirklich nichts zu tun.

Oder doch?

 

Denn wer das Wesen Jesus im lebendigen Wort sieht, für den hat die Frage nach der Jungfräulichkeit Marias eine weit tiefere Bedeutung, als für die vier Studientagsteilnehmer, darunter auch Theologen,  die noch während der gesamten Mittagspause eifrig das Thema der Jungfrauengeburt wälzten und dabei wie üblich eine junge Jüdin vor Augen hatten. Die Diskussionen sind bekannt und banal. Sie führen nicht weiter. So kann die Wahrheit der Bibel nicht vernünftige begründet werden. Erst die allegorische Leseweise läßt erkennen, warum Maria (die Jesus hervorbringende Mutter Kirche) damals wirklich jungfräulich gewesen sein muß.

 

Gerade die Schilderungen über die sog. Essener zeigen, dass die Mutter des Menschensohnes Jesus (des neuen, aus dem Judentum hervorgegangen Gottesverstandes der Menschen) wirklich jungfräulich war. Denn die Essener haben die Thora nicht nur abgeschrieben, auswendiggelernt und neu nach eigenem Gutdünken ausgelegt, wie Stegemann dies beim Studientag der Evangelischen Landeskirche in Kaiserslautern darstellt. Die Essener haben ein neues Gottesverständnis hervorgebracht, das nicht allein von der jüdischen Traditon gezeugt war, nicht nur pures Abpausen alter Texte. Auch die Lebensweise der Essener war voll und ganz darauf ausgelegt, ein neues, "unvoreingenommenes" Verständnis hervorzubringen.

 

 

Die Essener als Büffel der Bibel

 

Heute höre ich - Prof. Stegemann ist dabei nur Sprachrohr dezeitiger Theologie -  die Essener seien reine Bibelkundler gewesen: "Bibelfromme Protestanten der Antike, nur am Bibeltext orientiert, haben diesen auswendig gelernt, gebüffelt". Die Thora sei die einzige Orientierung für sie gewesen. Prüfungen hätten Textwissen abgefragt, das im nächtlichen Bibelstudium (ein Drittel der Nacht) auswendig gebüffelt wurde. Auch die Einhaltung der durch die Thora vorgegebenen Moral-vor-schriften, Gesetze, sei für ein Ranking maßgebend gewesen, das über Stellung der Gemeindemitglieder entschied.

 

Doch welcher Geist hat hier wirklich geweht, wenn sich die Essener fernab vom alltäglichen Denken mit Jesaja, Psalter und Mose im nächtlichen Studium auseinandersetzten? War es nur das traditionelle Judentum oder war hier bereits das lebendige Wort zu hören, wie es später in der Gestalt des Menschen Jesus das Licht der Welt erblickt hat? War es eine Werkfrömmigkeit im heutigen Sinne die die Essener bewegte, noch eifriger zu sein, als das Gesetz  es verlangte oder war es das Verständnis vom Sinn/Logos, der sich hinter den Gesetzen verbirgt?

 

Fast alle heutigen Ausführungen über die Essener zeigen, zu welchem Wandel die Theologie fähig ist. Das Bild von der Bedeutung Qumrans hat sich in den letzten Jahren gewaltig gewandel. Doch ob es sich in Qumran um ein Denkschule bzw. ein Kloster oder um eine antike Verlagsanstalt gehandelt hat, erscheint nebensächlich. Erst durch den Wandel unserer Vorstellung vom Wesen Jesus werden wir verstehen, was uns die jüdischen Apologeten über die Esssenr sagen. Wer beim gesamten christlichen Weltbild bzw. der paulinischen Theologie nicht von einem neuen Paradigma ausgeht, dessen Basis das Bewußtsein des lebendigen Wortes ist, wie soll der bei den Essenern dessen Anfänge sehen? Wer hinter den Anfängen der Christenheit eine "kleine Klicke" vermutet, eine "mickrige Minderheit" (so der Theologieprofessor), die später durch die Propaganda Paulus Weltbedeutung erlangte, der kann auch bei den Essenern das lebendige Wort nicht erkennen. Stegemann, der auf die Frage warum Josephus Flavius soviel über die Essener und nichts über die Christen mit dem Beispiel auf eine "unbedeutende Sondersekte" antwortete, wie sie in jeder exbeliebigen Stadt vorkommen kann, ist auch hier dunkel-leuchtendes Beispiel für das derzeitige theologische Denken: "Wer von uns kennt jede Sondergemeinschaft, die in Marburg in einer Ecke sitzt". Die gesamte Entstehung der Evangelien wird von dieser Warte aus gedeutet. Die Wahrnehmung eines lebendigen Wortes spielt dabei keine Rolle, wie auch? Sie kommt im derzeitigen theologischen Denken nicht vor,  wird nur als Lippenbekenntnis bzw. im Verweis auf Glaubensdogmen gebraucht.

 

Auch die Frage des Studientagsteilnehmers, warum die Kreuzigung eines einzigen Aufrührers für Aufsehen gesorgt haben soll, wenn Pontius Pilatus 6000 angebliche Gottesleugner (so sahen die Römer die Juden) kreuzigen ließ oder 5000 im Tempel verbrannten, bleibt unbeantwortet. Das Allegorische Verständnis der Schrift, das bei den Essenern Alltag war, wird allenfalls zum puren Relativismus genutzt. Wer, wie das gesamte derzeitige theologische Denken das historische Wesen Jesus nur als jungen Juden sieht, der darf nicht darüber nachdenken, dass nie und nimmer wegen eines einzelnen Wanderpredigers ein solches Aufheben gemacht worden wäre, wie er uns alljährlich an Karfreitag (Neuerdings mit Entlastung der Pharisäer, Pilatus als Alleinverantwortlicher) vorgesetzt wird. Und doch hat der Prozeß stattgefunden. Gerade in den Schilderungen über die Essener wird etwas von der Leidesgeschichte des lebendigen Wortes deutlich.

 

Die Essener hätten es verstanden, die Propheten und Psalter in ihre Zeit umzusetzen, den Traditionstext der Thora allegorisch auszulegen, wieder lebendig werden zu lassen, so lernen wir von Stegemann. Doch das mit unserer Predigt heute gleichzusetzen, wo alte Texte als moralische Vorbilder vorgelegt werden, das wäre zu wenig. Die Esserner so zu sehen wie wir, wenn wir Kernkraftgegnerschaft aus Texten der Bergpredigt ableiten, das greift zu kurz. Wie können wir Blinden, die behaupten, es gäbe nichts Neues zu sehen, Glauben schenken?

 

Wenn die Essener die angekündigte Endzeit und die Messianische Erfüllung auf sich bezogen, dann war da auch eine wirklich neue Erkenntnis? Doch wie sollen wir das sehen, wenn wir auch in Jesus nur ein Aufwärmen der Tora wahrnehmen. Wenn wir in den Texten des Neuen Testamentes nur die alten Überlieferungen lesen, in die sich das Evangelium ebenso wie die Paulusbriefe (rein literarisch betrachtet), zerlegen läßt. Doch was bedeutet es wirklich, wenn sich die Essener als neuen Bund, Denker des Neuen Testamentes verstanden haben?

 

Mit Sicherheit war keine esoterisch ekstatischen Offenbarungen, keine nur innerliche Erfahrung, sondern ein Studium der alten Texte für das neue Verständnis maßgebend. Das zeigt die tiefe Auseinandersetzung der Essener und ihr Verscheiß an Schriftrollen, die im Quran produziert wurden. Doch es bleibt die Frage nach einem neuen theologischen Pardigma, das nicht allein durch die jüdische Tradition gezeugt gewesen sein kann.

 

Die Essener als edelsten jüdischen Hellinismus

 

In seinen "Bewegungen innerhalb des Judentum im Zeitalter Jesus" hat der jüdische Religionswissenschaftler Moritz Friedländer auch die Essener geschildert. Während  in all den von ihm geschilderten jüdischen Bewegungen ein neues Gottesbewußtsein durchschimmert (sich so das Judentum zur Zeit des lebendigen Wortes nachvollziehen läßt), vermutet er, ganz so wie die christliche Theologie, in den Christen allenfalls eine der vielfältigen Bewegungen. Obwohl Friedländer in seinen Berichten über die jüdischen Bewegungen zu Zeit Jesus die Lebens- und Leidengeschichte des Logos  ausführlich schildert, bleibt es ihm vergönnt, darin den Messias der Juden zu erkennen. Leidenschaftlich und engagiert beklagt Friedländer zwar das Ersticken eines neuen, vom jüdischen-Hellinismus hervorgebrachten Gottesverständnis durch das traditionelle Judentum. Doch Jesus bleibt für ihn vorerst noch Anführer einer neuen, allenfalls philosophisch geprägten Glaubenssekte.

 

Als Kenner der jüdischen Apologetik setzt sich Friedländer ausführlich mit den von Philo und Josephus geschilderten Essenern auseinander. Seine Ausführungen zeigen, daß der Geist der Essener nicht nur von der jüdischen Tradition gezeugt wurde:

 

Im vormakkabäischen Judentum sieht er eine das jüdische Denken beherrschende religiöse Richtung: die den vornehmsten jüdischen Hellinismus verkörpert und von der Weisheitsliteratur ihren Ausgang nahm.

 

Friedländer wendet sich gegen eine Verkennung des großen Einflusses des griechischen Geistes auf das nachexilische Judentum, der schwere Wunden auf Generationen geschlagen habe. Der Essenismus sei alles andere als ein Kind des Pharisäismus bzw. dessen Steigerung. Eine größere Täuschung könne es in der Theologie kaum geben, so Friedländer.

 

Mit Sicherheit ware es aber auch zu kurz, den Geist der Essener allein auf die griechische, nachplatonische Philosophie zu begründen. Auch wenn die großartigen Schilderungen der römisch bzw. philosophischen Schriftsteller, die den Essenern mehr Raum widmen als allen anderen jüdischen Religionsparteien, darauf schließen lassen, dass hier eine großartige Philosophie gesehen wurde, so darf das traditionelle jüdische Denken, die Kenntnis der Thora nicht außer Acht gelassen werden. Der lebendige Logos, das neu verstandene Wort, ist ebensowenig ein Kind stoischer oder sonstiger hellinistischer Philosophie wie pharisäischer  Traditonsüberlieferung. Es liegt auf der Hand, entspricht jeder modernen Lehre von Kreativität, dass erst die Synthese dieser scheinbaren Gegensätze zum neuen Paradigma geführt hat.

 

Bohren mit Verstand statt büffeln

 

Wie wir aus Unkenntnis das Christentum in das rein Jüdische zurückdrängen wollen, so hat nach Friedländer auch mit dem philosophisch geprägten Gottesverständnis der Essener im Zuge der Makkabäerbewegung eine Heimholung stattgefunden. Die einzigen historischen Überlieferungen seien diskreditiert, so aus dem Essenertum eine einfache Übertreibung des traditionellen Judentums gemacht worden. Die Nähe der Essener zu den Pythargoräern und der gesamten griechischen Philosophie sei so auf der Strecke geblieben. Wer also dem Juden Friedländer folgt, sieht in den Essenern alles andere als Büffel, die geistlos auswendig lernten. Ja, die Essener haben die Tora gelesen, doch war die Grundlage dafür der Verstand, den sie von Griechen gelernt hatten. Sie gingen von einem lebendigen Wort aus.

 

Auch wenn sie den Begriff des griechischen Logos nicht gebrauchten, es war die gleiche geistige Grundlage, der auch die bei Philo von Alexandrien auszumachende Christologie zugrunde liegt. Die Essener waren keine Musterfrommen, weil sie besonders moralisch bzw. jüdisch-gesetzeseifrig waren. Von Philo aus gesehen, der sie so bezeichnet, war das Muster ein geistiger Fortschritt. Selbst wenn die geschilderten Essener nur wirklich ein Muster gewesen wären, keine historische Realität (in der jüdischen Geschichtsliteratur kommen sie nicht vor), so wäre in diesem Muster ein neues forgeschrittenes Denken zu verstehen, wie es die jüdischen Apologeten für geeignet hielten.

 

Für eine Theologie, die zwar in der Christologie des Philo eine im gesamten Judentum weit verbreitete Theologie an der Schwelle zum neuen Testament erkennt, als geistige, religiöse und philosophische Voraussetzung, so Gerhard Sellin, in der von Hochschullehrern herausgegebenen Zeitschrift für neues Testament, doch in der gleichen Ausgabe die historische Wahrheit statt im von Philo verstandenen und vielgelobten Wort, in der Verherrlichung eines Wanderpredigers sucht, für die bleibt auch das Denken der Essener belanglos.

 

Die Essener sollen bei diesem Denken keineswegs von den Juden abgetrennt werden. Vielmehr ist das Bewußtsein des lebendigen Wortes auch bei anderen jüdischen Bewegungen der Antike nachweisbar. Jesus ist unter Pharisäern aufgewachsen. Auch Paulus ist als Pharisäer groß geworden. Die Religion des neuen Verstandes vom Wort Gottes ist bei den Juden aufgewachsen, ging aus dem Judentum hervor und war dessen Erfüllung. Gerade das kann historisch belegt werden, wird nur bei den Essenern besonders deutlich.

 

Ein Hinweis ist u.A. die allgeorische Schriftauslegung. Nicht nach Buchstaben, sondern geistig wurden die Texte verstanden. Genau  wie es das Neue Testament verlangt. Es würde zu weit führen, alle Übereinstimmungen zwischen Essenern und neutestamentlichen Aussagen aufzuzählen. Viel wichtiger als alle ethischen Ausrichtungen erscheint es, in  deren Ausgangspunkt das neue jüdische-griechische Paradigma wahrzunehmen. Auch alle rituellen Übungen, ob Gebete, Waschungen oder Opferkult der Essener mit jüdischen und christlichen Kulthandlung zu vergleichen, führt nicht viel weiter. Wichtig erscheint aber auch hier, dass die Essener nicht blind religiöse Rituale vollzogen haben, sondern ein neuer Verstand zugrunde lag. Allein die Änderung der Kulthandlungen läßt darauf schließen.

 

Weltfremd oder fortschrittlich

 

Folgen wird der flüchtigen Betrachtung der Beschreibungen, dann haben wir es bei den Essenern mit weltfremden Mönchen zu tun, die sinnliche Lust ablehnten und abseits der Welt dem Denken nachgingen. Allein schon wegen ihrer asketischen und von Gleichheit, ohne persönlchen Besitz bestimmten Lebensweise werden sie oft gerne von Christen vereinnahmt. Ähnlich wie gegenüber der Gnosis sind wir schnell dabei, das Etikett vergeistigt und weltfremd aufzukleben. Doch ist es wirklich das, was wir heute unter Aussteigern verstehen oder vergeistigten Weltfremden?

 

Um was ging es den Essenern, warum führten sie die vielfach beschriebene Lebensweise? War es Weltflucht oder wollten die Essener nicht vielmehr sich dem alltäglichen Denken entziehen, um so die Wahrheit zu erkennen. Keine werkgerechte Askese und kein moderner Ausstieg, sondern die Schaffung von Voraussetzungen, um neue Antworten auf alte religiöse Fragen zu finden, das Wort Gottes neu zu verstehen. Geflohen sind die Essener nicht vor der Welt, sondern dem allgemeingültigen, gewohnen Weltbild. Im Abseits der Wüste wollten sie durch die Kraft eines neuen Verstandes die Wahrheit suchen. Als Weltflucht im heutigen Sinne ist das nicht zu bezeichnen. Denn wer den geistigen Fortschritt sucht, der flüchtet sich nicht, sondern wendet sich zur Welt hin. Vom alltäglichen Denken abgewandt wollten die Essener das Wort Gottes neu hören. Mit dem Nachlesen von vorgesetzten Texten und Nachdenken über jüdisch-pharisäische Überlieferungen, gaben sich die Essener nicht zufrieden. Ihre gesamte Existenz war auf neue Erkenntnis ausgerichtet. Alles, was uns so absurd vorkommt, läßt sich bei näherer Betrachtung als Beleg für eine Lebensführung ausmachen, die auf ein neues Bewußtsein abzielt und somit keine Weltfabwendung, sondern eine Verbesserung der Lebensgrundlage zum Ziel hatte.

 

Ob die Essener oder die von Philo ebenso geschilderten Therapeuten, sie opferten ihr Leben nicht dem Unverstand, um die jüdischen Texte auswendig zu lernen und nachzuplappern, sondern suchten die Weisheit in einem neuen vom griechen Denken bestimmten Verständnis des Wortes. Sie wollten die geistige Grundlage des jüdischen Glaubens weiterbewegen. Die Lebensweiseweise war voll und ganz darauf aus, unvoreingenommen dem Wort zu neuem Leben zu verhelfen, den Logos Gottes neu zu gebären. Weder allein vom griechisch-philosophischen Weltbild, noch vom jüdischen Traditionsverständnis und nicht von menschlichen Institutionen oder deren Gesetzen ließen sich die Essener dabei leiten, sondern allein von Gott als Schöpfer. Aus seiner schöpferischen Ordnung, seinem ewigen Logos, leiteten sie ihre Lehren ab.

 

Auch wenn erst die menschliche Gestalt, die Inkarnation des präexistenten Wortes in der Person des Wanderprediger von Nazareth für die Mehrheit der Menschen verständlich war und so eine messianische Wirkung erzielen konnte, so können wir doch in den Essenern etwas von der Jungfräulichkeit erkennen, die die Mutter Jesus auszeichnete.

 

Nachlese bei Friedländer (über die Essener)

 

...mehr hellenisches als jüdisches Wesen...

 

...der nachplatonische Philosophie entlehnte Lebens- und Weltanschauung....

 

...nur so sei das hohe Lob, selbst vom Römer Pliniuns denkbar...

 

...Der Essenismus ein Kind des Pharisäismus, ja sogar eine Steigerung desselben!

Eine größere Täuschung hat es in der Geschichtswissenschaft wohl kaum gegeben.

(Und doch scheint zu stimmen sein, dass die Essener eine Höherentwicklung des

Pharisäismus waren, aus diesem hervorgegangen sind. Paulus war Pharisäer.

Im Pharisäismus ist das neue Verständnis des Wortes erwachsen.)

 

...Falsch seien auch die Einschätzung, bei den Schilderungen, die die

Essener in Höhe der griechischen Philosophie heben,  sie gar zu Pythagoräer

machen, habe es sich nur um Übertreibungen der Apologeten gehandelt.

(Möglicherweise sind die Essener wirklich nur ein Geistesmuster, eine ideale

Denkweise zur neuen Gotteserkenntnis. Doch scheint diese Denkweise nicht auf

einzelne Bewegungen beschränkt. Gerade so sind alle jüdischen Bewegungen zur

Zeit Jesus -des lebendigen Logos- als dessen Jünger zu verstehen. Auch Jesus bleibt

Jude. Er ist vielmehr als lebendiges Wort, dessen Erneuerung, nicht von Tradition

abzutrennen.)

 

...aus der Tatsache, dass Talmud und Midraschim von einer Partei der Essener

ebensowenig wissen, wie die altchristlichen Urkunden, kann nicht deren

Bedeutungslosigkeit abgeleitet werden.

(Evtl. wirklich keine neue Partei, sondern Weiterentwicklung bzw. Modell des

wahren Pharisäismus.)

 

...inbrünstigste Hingabe an den Erkenntnistrieb der Welt tiefstes Geheimnis in sich aufnehmen. ...mit gleichstrebenden und gleichgesinnten einem philosophischen Leben sich zuwendend....in Einsamkeit der Wüste um zur Erkenntnis über die Wahrheit der Welt zu gelangen...

 

...wie Platon, der auch in der weihevollen Hingabe an die Erkenntnis, an die idelale Erfassung des Universums höchste Entfaltung des Menschen sieht..

 

(Randbemerkung: Wie wenig wäre ein zufälliger Wanderprediger gegen die Suche nach Wahrheit, die im gesamten jüdischen Volk lebte. Doch Christen folgen keinem Furz, der zufällig war und als Kirchenchristologie aufgeblasen wurde. Der Wind der neuen Wahrnehmung des Gotteswortes hat bei den Essenern geweht, die daraus gezogene Weisheit war ihr Lehrer.)

 

...die sinnliche Lust wurde nicht abgetötet, sondern der Vernunft unterstellt. Nicht gegen die Leidenschaften, sondern nach dem Logos ausgelbt. Die Vernunft war nicht nur Bohrer nach der Wahrheit, sondern war auch Voraussetzung für ein gerechtes Verhalten.

(Weder Küngs Welteltethik - in Wahrheit nur neuer Humanismus mit dem Versuch eines religiösen Mantels-  , noch blinden Bibelbrocken folgten die Essener, sonder allein dem schöpferischen Logos, der Natur, die allen Dingen zugrunde liegt.)

 

...Der Inhalt der essenischen Lehre war somit ein philosophischer, an die heilige Schrift sich anlehnender, welche letztlich allegorisch ausgelegt wurde, ganz nach dem Vorgange des jüdischen Hellinismus, dem auch die platonische Vorstellung, daß Gott die Ursache des guten ist. Bei ihren gemeinsamen Mahlen pflegten die Essener diese Lehren.

(Solange wir den Verstand nicht verstehen, der den Essenern zugrunde liegt, haben wir den Eindruck des Mysteriösen. Wie besser kann man über den Schöpfer philosophieren als beim gemeinsamen Essen, der sinnlichen Aufnahme seiner ganz natürlichen Gaben. Wie sinnlos ist dagegen unser Fressen und Saufen - das Abendmahl eingeschlossen.).

 

... Die später von Paulus vertretene Auffassung, das Gesetz nur geistig zu verstehen, ist von den Essenern vorgegeben.

 

...So wenig die jüdisch-alexandrinische Schriftauslegung mit der pharisäischen, so

wenig hat die äußerliche pharisäische Reinigung mit der innerlichen essenischen

etwas gemein.

(Die Beurteilung der Taufe der Essener läßt sich nur im Hinblick auf ihre  neue Theologie, ihren geistigen Wandel vornehmen.)

 

...Die jüdische Religion wird als eine von Gott inspierierte Philosophie geschätzt. Darauf ist der massenhafte Zustrom der Heiden zum Judentum zu erklären.

(Auch wenn vieles was Friedländer von den Essenern sagt, sich nicht aus den Schriftzugnissen ableiten läßt, sondern als Aussage der Apologeten selbst zu verstehen ist, so zeigt es doch damals lebendige jüdische Denkweisen. Schließlich sind Philo und Josephus zwei Hauptzeugen dessen, was heute an Hochschulen über die jüdische Geschichte zur Zeit Jesus gelehrt wird.

 

...Die philsophische Forschung galt Gott, der Weltschöpfung und daraus sich ableitender Ethik...die Auslegung der heiligen Schrift geschieht durch sinnbildliche Erörterungen in Allegorien. Denn die gesamte Gesetzgebung scheint diesen Männern einem lebenden Wesen vergleichbar.

(Gesetz und Wort Gottes als lebendiges Wesen....Für das allgemeine Verständnis scheint die Theologie der Essener recht verworren. Wie einfach dagegen ist die Lehre vom Wanderprediger: Dies zeigt, wie notwendig das einfache Bild als Transportmittel der neuen Theologie war. Nur so wurde der wahre Logos verständlich.)

 

...Die von Paulus vertretene Verwerfung des Opferkultes ist den Essenern eigen. Entsprechend der jüdisch-hellenistischen Theologie hat sich der ganze Mensch selbst als Opfer in den Prozeß einer vernünftigen Schöpfung einzubringen.

 

...Als Sonnnenanbeter wurden die Essener betrachtet, wie die von Philo geschilderten Therapeuten. Ehe die Sonne aufgeht, sprechen sie nichts profanes, verbergen ihre Notdurft vor der Sonne, flehen die Sonne an, dass sie aufgehen möge...

(Auch wenn Friedländer versucht, die Essener von dem pharisäischen Vorwurf des Sonnenkultes freizuwaschen, genau hier zeigt sich ihr neuer Verstand des lebendigen Gotteswortes. Wie besser kann man im Verlaufe des Tages das lebendige Wort verstehen, als beim sichtbaren Aufgang der Sonne. Die Sonne ist nicht nur religiöses Sinnbild. Sie ist Ausdruckskraft des lebendigen Schöpfers, sichtbare Kraft des Logos und gleichzeitig bester Beweis, dass auch die geistige Dunkelheit durch die Gaben Gottes überwunden wird, neues Licht, Bewußtsein, dämmert. Wer den lebendigen Logos des Schöpfers, sein Wort in allem Werden wahrnimmt, wird verstehen, warum Josephus die Essener und Philo die Therapeuten die Sonne anbeten ließ.)

 

Es würde zu weit führen, alle Übereinstimmungen aufzulisten, die nicht nur Friedländer zwischen dem Christentum und den Essenern erkennt. Auch die Unterschiede zwischen Essenern und christlicher Theologie lassen sich aufarbeiten. Doch die Ausgangsbasis hat den gleichen Logos. Auch die Essener gehen wie Paulus und die Evangelisten von einer schöpferischen Vernunft als messianische Erfüllung für des jüdischen Glauben aus. Was uns als Wanderprediger bekannt ist, wurde von den Essenern als Messias erkannt.

 

Friedländern führt uns vor Augen, welche messianische Bedeutung die neue, vernünftige Gotteswahrnehmung der Essener bzw. der jüdischen Apologetik für den traditionellen Glauben hatte. Doch war es für ihn noch zu früh, darin den historischen Heiland zu erkennen, der uns als Jesus Christus bekannt ist.

 

Nochmals: Weder Essener noch Christen sind Anhänger eines menschlichen Lehrers oder einer bestimmten Philosophie. Es geht allein um die vernünftige Wahrnehmung des realen schöpferischen Logos, das Wesen der christlichen Lehre.

 

(Ein weiterer Aspekt der theologischen Mutter Maria:

Maria bleibt trotz ihrer Empfängnis noch Jungfrau. Nicht nur im Moment, wo die Frühkirche das Wort Gottes neu versteht, es im lebendigen Prozeß allen Werdens wahrnimmt, ist sie die Unvoreingenommene gewesen, sondern sie wird es auch bleiben. Was wäre uns erspart geblieben, wenn das wahr wäre?)