Der Hellenismus als Zeuge des historischen Jesus
Wer aufgehört hat, im christlichen Wesen nur einen verherrlichten Wanderprediger wahrzunehmen, sondern Wort/Logos des Schöpfergottes in Menschengestalt wahrnimmt, der kann aus den philosophischen Strömungen zur oder vor der Zeit Jesus ganz neue Erkenntnisse gewinnen.
Thema der folgenden
Überlegungen ist keine theologischer Besserwisserei über das wahre Leben Jesus:
Es geht um den Aufruf zu einer dringend Glaubens-not-wendigen neuen Wahrnehmung des lebendigen
Wortes/Logos im naturwissenschaftlich beschriebenen Werden als eigentliche
christliche Offenbarung im historischen und heute lebendigen Jesus: In allen
biologischen Abläufen, ebenso wie dem evolutionären Prozess der Entstehung und
Weiterentwicklung unseres Universums, der Wirkungsweise unseres Körpers unseres
Kopfes oder auch der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit lässt sich eine
Vernunft nachweisen, ist ein göttlicher Logos lebendig. Hier überall zeigt sich
heute mehr denn je das über allem stehende schöpferische und einzige Wort
Gottes: Jesus
lebt wirklich. Ein vernünftiger Glaube ist Voraussetzung, um die
Gesellschaft und somit die menschlichen Individuen zur Vernunft – zum
sinnvollen, nachhaltigen schöpferischen Verhalten – zu bringen.
Wäre der historische Jesus nur das, was an den heutigen theologischen Hochschulen gelehrt wird, es wäre völlig unerheblich ob er ein cynischer Wanderphilosoph, ein Essener oder sonst ein charismatischer Prophet bzw. Prediger war. Auch die heute daneben gestellten mühsamen Begründungen eines Christus des Glaubens, der Wirkkraft des Christus in der Geschichte oder bei den blind an ihn glaubenden Menschen, können der Beliebigkeit ihrer vielfältigen Lehrer überlassen werden, sind im Grunde unbedeutend. Das alles führt nicht zum vernünftigen Glauben, bringt keine göttliche Offenbarung, hat keine Heilswirkung.
Der Hellenismus bzw. das Welt- und Gottesverständnis der Griechen hat bei diesen Vorstellungen vom historischen Jesus oder Christus des Glaubens kaum etwas zu sagen. Zwischen der hellenistischen Wahrnehmung des Logos, einer schöpferischen Vernunft als Wort Gottes im natürlichen Geschehen und der Gotteslehre aufgrund des Gesetzes liegen Welten. Doch genau dieser Weltenwechsel ist die geistesgeschichtliche Wirklichkeit, die uns im Neuen Testament beschrieben wird und die Voraussetzung für eine vernünftige Offenbarung der Wirk-lichkeit Gottes, sowie für das Christ sein heute wäre. Solange wir in unserer Vorstellung an einem historischen Menschen hängen bleiben, können wir die Bedeutung des damaligen Geschehens nicht erfassen. Doch noch schlimmer: wir versäumen das, was damals die Christen ausmachte und was wir heute von den Hellenisten lernen können: die Wahrnehmung des lebendigen Gotteswortes in allem natürlichen Werden. Vor lauter Lesen in alten Büchern übersehen wir die dort nachweisbar beschriebene und neu not-wendige Offenbarung Gottes durch sein lebendiges Wort/Logos. Wir verleugnen das, auf was wir uns als Christen berufen. (Kreuziget ihn rufen Kirche und Hochschullehrer.)
Der Hellenismus und insbesondere die mit Epikur überschriebenen Denkweise verleiht dem im kosmischen Werden erkannten schöpferischen Wort/Logos eine menschliche Form, holt ihn in die Lebensbeziehungen der Menschen, erkennt in sinnvoller Lust, jenseits der reinen Begierde, dessen Verwirklichung. Auch wenn die Begriffe noch in unterschiedlicher Weise gebraucht wurden: Epikur ist eine der vielen Wurzeln des neu verstandenen Gottes- bzw. Schöpfungswortes, das sich für uns in der Gestalt des wanderpredigenden Jesus verdichtet.
Erst in der menschlichen, den jüdisch-hebräischen Monotheismus weiterführenden und nicht nur für griechische intellektuelle Denker, sondern das gesamte Volk verständlichen, mit Herz und Verstand anzusprechenden Gestalt liegt die messianische Wirkkraft des neu verstandenen Gotteswortes. Die griechische Naturphilosophie/-theologie und ihre daraus abgeleitete Sittenlehre, wird hier nur als Adventzeit betrachtet. Doch ohne den Hellenismus hätte es im jüdischen Glauben keine Weiterentwicklung gegeben, wäre auch in den jüdischen Religionsbewegungen kein neues Verständnis des vernünftigen Gotteswortes gewesen. Ohne den Logos würden wir an Weihnachten vor einer leeren Grippe stehen.
Im Hellenismus wurde die griechische Sprache sowie Lebensformen maßgebend für den gesamten orientalischen Raum. Noch wichtiger erscheint allerdings, dass die Denkweise der Griechen sich mit Alexander dem Großen rund um das östliche Mittelmeer verbreitete. Das griechische Denken, sowie ein diesem zugrunde liegende vernünftiges Verständnis vom Werden der Welt als Gotteswort/Logos muss bei allen Aussagen mitgelesen werden. Während wir heute oft nur die Sittenlehren und die naturwissenschaftlichen Beschreibungen nachlesen, bleibt die vorausgehende Theologie weitgehend unbeachtet. Doch die Theologie war nicht nur bei Sokrates und Platon das Wesen des Philosophierens. Auch beim hellenistischen Denken spielt die Theologie die Hauptrolle. Welche Bedeutung aber die hellenistische Theologie für das Neue Testament hat, lässt sich erst erfassen, wenn wir in Jesus keinen historischen Menschen sehen. Das von den Hebräern in der Geschichte des Volkes Israel verstandene Wort wurde von den Hellenisten (und besonders deutlich bei ihren jüdischen Vertreter, wie z.B. Philo von Alexandrien) als das universale Wort verstanden, das allen Naturprozessen zugrunde liegt, die gesamte kosmische Ordnung bestimmt und auch für den Menschen maßgebend ist.
Der Hellenismus, der nach allgemeiner Leseweise mit Kaiser Augustus endet, kann als offene Kultur betrachtet werden, die direkt ins christliche Zeitalter einmündet. („Als alle Welt sich schätzen ließ...“Auch wenn sich keine Volkszählung nachweisen lässt, der Evangelist hat mit der Zeitangabe der Geburt Christi recht.) Der Hellenismus hat jedoch nicht die Mittelmeerländer und angrenzenden Gebiete griechisch missioniert, indem er ihnen seinen Geist überstülpte oder sie per Gesetz zu einem neuen Glauben zwang. Ein offener Gedankenaustausch, indem die jüdische Apologetik – die vernünftige Begründung der jüdisch-hebräischen Glaubenslehren - eine wesentliche Rolle spielte, war Voraussetzung, um ein neues Gottesverständnis bzw. ein neues Verstehen des von einem universalen Schöpfer ausgehenden Wortes hervorzubringen. Nicht Gesetz, sondern Geist/Vernunft/Logos wurden zum neuen Grund des Glaubens.
Seit wir die Welt nicht mehr als Machwerk eines willkürlichen Zaubergottes, sondern als evolutionären Schöpfungsprozess sehen können, in dem Gott sein Wort, seine Vernunft verwirklicht, wissen wir, welche Bedeutung sinnvollen neuen Beziehungen und Verbindungen zukommt. Ein Prozess gegenseitiger Anregung ist Ausgangspunkt jeder schöpferischer Kreativität, jeden neuen Denkens. Wenn die Geschichtsbücher vom Schmelztiegel der Kulturen schreiben und die heutigen Schriftgelehrten abfällig vom Synkretismus sprechen, der nach dem Zusammenbruch des Alexander-Reiches geistige Inhalte der verschiedenen Religionen verband, dann darf darin ein Neubeginn gesehen werden, ohne den es das Neue Testament nicht gäbe. (Das syrische Großreich, wo der sog. Synkretismus in besonderer Weise nachgewiesen wird, war nach heutiger Lehre Heimat der Denker, die für uns das Alte und das Neue Testament verfassten oder anders: traditionelle Glaubenstexte neu verstanden. Hierzu verschiedene ältere Texte, u.A. „Von Damaskus noch Jerusalem“ der Weg eines neues theologischen Paradigmas: Paulus.)
Das Verblassen des traditionellen griechischen Götterglaubens und das Neuverstehen des jüdischen Gotteswortes werden heute weitgehend unabhängig voneinander betrachtet. Ja eigentlich wird gar nicht wahrgenommen, dass das jüdische Gotteswort neu verstanden wurde. Dass dies not-wendig war und im christlichen Glauben wirklich geschah, ist zwar Grundlage fast aller christlichen Glaubensdogmen, bleibt aber ein reines Lippenbekenntnis, pure Behauptung aus Propagandagründen, solange wir das historische Wesen Jesus nur als Wandercharismatiker betrachten, dem später eine hellenistische Lehre übergestülpt wurde. Erst im Wesen des Hellenismus wird deutlich, was den jüdisch-gesetzlichen vom christlichen Glauben aufgrund Geist/Verstand/Logos unterscheidet.
Nicht nur die griechischen Göttermythen wurden von den hellenistischen Denkern allegorisch ausgelegt, auch die jüdische Glaubenstexte wurden, wie sich nicht nur bei Philo von Alexandrien nachlesen lässt, allegorisch verstanden. Das neue Verstehen der alten Glaubensaussagen - womit sich unter anderem die heute oft als Heimat des angeblich historischen Jesus verehrten Essener Tag und Nacht beschäftigten - war eine wesentliche Voraussetzung für den geistigen Fortschritt. Doch keinesfalls nur bei Philo oder den Essenern (die möglicherweise nur ein Modell für wahrhaft Gläubige, eine Art Musterfromme waren), sondern in den vielfältigen jüdischen Bewegungen zur Zeit Jesus lässt sich dieses neue Verstehen feststellen, ist der Glaubensprozess im Fortschritt und ringt gleichzeitig mit der alten Gesetzeslehre. (In der Leidensgeschichte Jesus und den Anschuldigungen der Pharisäer machen uns die Verfasser der Evangelien diesen Geschichtsprozess sehr anschaulich.)
Wenn alte Götter verschwinden, wird oft der Vorwurf erhoben, dass sich Gott nach der neuen Leseweise nicht mehr um das irdische Geschehen kümmere, er seiner Macht enthoben würde. Auch hier lassen sich Parallelen im hellenistischen und jüdisch-christlichen Gottesverständnis nachvollziehen. Während den griechischen Philosophen oft vorgeworfen wird, sie hätten die Götter ihren bisherigen Aufgaben entzogen, wurde die christliche Gnosis angeschuldigt, den alten Schöpfergott des Gesetzes verlassen zu haben. Letztlich steht dieser Vorwurf zwischen dem gesamten jüdischen und christlichen Denken. Wenn später die griechischen Verfasser des Neuen Testamentes jüdischen Traditionstexte aufgreifen und darin die Jesusgeschichte erzählen, wollen sie nicht nur das Alte bewahren oder zur Glaubwürdigmachung ihrer eigenen Aussagen benutzen. Sie haben die Texte der Tradition verstanden, wollen sie erneuern, ihnen einen neuen Sinn verleihen, der ohne das Verständnis des lebendigen Wortes in allem Werden nicht wäre. Erst so lassen sich die Evangelisten als wahre Juden verstehen: erst im Wort wie sie es wahrnehmen, war der im Geschichts- und Schöpfungsprozess wirksame Gott zu verstehen, seine Tat-sache offenbar. Was wir heute als antiken Monismus abtun, führte damals zu einer vernünftigen Begründung eines universalen Monotheismus.
Die hellenistischen Denker haben die Welt nicht entgöttert, sondern wollten sie nur vom Götter-Unwesen befreien. Es scheint zu kurz gesehen, wenn z.B. von den Epikureern behauptet wird, ihr Gott wäre für das kosmische Geschen nicht mehr zuständig gewesen. Evtl. ist das beim jüdischen Denken im Vordergrund stehende Geschichtshandeln Gottes bei den Hellenisten zu kurz gekommen. Doch der im Werden der Welt wirkende Gott wurde philosophisch (denkerisch/vernünftig) begründet. Nur so ist zu verstehen, warum die Vernunft des natürlichen Werdens Ausgangspunkt der Sittenlehre war, die für die von Epikur sowie den weiteren hellenistischen Denkrichtungen formuliert wurde. Die vernünftige Begründung des kosmischen Geschehens durch Stoss und Druck, Zusammenspiel der Atome, das von Demokrit übernommene Weltmodell, schloss den Schöpfer nicht aus, sondern erkannte seine Vernunft. Doch wer heute die Evolution bzw. alles natürliche Werden zwar nicht mehr abstreitet, aber völlig neutral betrachtet, wie dies heutige Hochschultheologie tut: somit die Weltwirklichkeit entgottet, der muss auch bei den Hellenisten von einer Entgottung bei der mechanistischen Naturbeschreibung ausgehen.
Eine über aller Natur stehende Zweckmäßigkeit (Logos/Wort) ohne die das hellenistischen Denken undenkbar wäre, wird heute oft ebenso verkannt, wie in neuen empirischen naturwissenschaftlichen Beschreibungen nicht das Wort Gottes verstanden wird. Wer gewohnt ist, nur in un-natürlichen Abläufen Gotteshandeln wahrzunehmen, Auferstehung oder die Wunder Jesus als simple naturbrechende Gottesbeweise betrachtet, für den sind all diese Gedanken unfassbar. Für diese bleibt das Wort Gottes allein auf einen Buchtext bezogen. Nicht der bei den Hellenisten und vorher den Hebräern lebendige Logos, sondern nur ein heute nicht wirklich ernst genommenes, willkürlich ausgelegtes Buch/Gesetz bildet so die geistige Grundlage, die keine mehr ist. Wunder als Wirkungsweise des damals lebendigen vernünftigen Gotteswortes, das auch die heutige Kirche von Blindheit befreien, eine lahme Theologie zum Fortschritt bringen und ein totes bzw. bewusstloses Gottesverständnis zum Leben erwecken könnte, werden als weitgehend bedeutungslos abgetan, nur literarisch oder tiefenpsychologisch begründet. Dabei ist in den Wundererzählungen eine genaue Handlungsanweisung gegeben: den Logos in Menschengestalt wahrnehmen d.h. an Jesus glauben, auf die andere Seite des Jordan wechseln, das alte ablegen, neu verstehen.
Auch die damalige Zeit war reif für eine Neubegründung der alten Religionen. Die Geschichtsbücher beschreiben uns in der Zeit nach Alexanders Tod eine Epoche, die geprägt war vom Verfall der traditionellen Bindungen. Gleichzeitig wurden die Unterschiede zwischen Griechen und Nichtgriechen (Barbaren) bedeutungslos. Ein kultureller und wirtschaftlicher Austausch machte die Welt kleiner und gleichzeitig universalistischer. Ein Weltbürgertum entstand, in dem das alleingelassene, von den alten Göttern befreite Individuum seinen Platz neu be-stimmen musste (Wort wahrnehmen musste). Der Sinn des Einzelnen in der Gesellschaft war nicht mehr vorgegeben, sondern musste gesucht und gesehen werden. Es ließt sich fast wie heute, wenn da eine wichtige Aussage nicht wäre: eine Bruch mit früheren Philosophien/Theologien hätte es bei den Hellenisten nicht gegeben. Ihr Denken hätte in vielfältiger Weise an vorhergegangnes Wissen angeknüpft. Die hellenistischen Denker hätten den homer’schen Götterglaube, altgriechische Theologie/Philosophie und neu aufblühendes naturwissenschaftlich-mathematisches Denken miteinander verbunden. Wenn das bei uns nur auch so einfach wäre. Wissen und Glauben leben getrennt. Im Namen der Vernunft wird allenfalls der damals lebendige Logos abgestritten, aus dem historischen Jesus nur eine unbedeutende Banalität gemacht, statt in ihm das Fleischgewordene Gotteswort zu verstehen.
Der Weg des Lebens, vernünftige Verhaltensweisen, die Bestimmung des Menschen...all dies was unsere Lehrbücher füllt, wurden damals nicht aus weltabgewandten Traditionstexten oder gottlosen Philosophien bzw. pantheistischen Lehren abgeleitet, sondern aus einer vernünftigen Theologie, die wir heute oft nur noch als Philosophie bezeichnen. (Weil für uns heute Glauben das vernünftige Denken in natürlich-realen Kategorien eines waren Schöpfers scheinbar ausschließt.) In dem wir verstehen, dass der Hellenismus nichts anderes verstand als das Wort/Logos/Vernunft eines einzigen Weltenschöpfers, können wir vieles nachvollziehen, was sich später im Christentum als wesentlich erweist. So ist ein universaler Glaube, eine Erkenntnis des einen Schöpfervaters, die vom Sohn Gottes ausgehenden Verhaltenslehren – letztlich alle Glaubensaussagen des Neuen Testamentes und der Kirche - ohne das dem Hellenismus zugrunde liegende Welt- und Schöpfungsverständnis Schall und Rauch. Der lebendige Logos als das zugrunde liegende Wesen, den wir von den Hebräern als Wort/Vernunft Gottes kennen, und der den jüdischen Monotheismus begründet, muss mitgelesen werden. Auf ihn bauen auch die hellenistischen Belehrungen auf.
Die Einfachheit des Lebens, das die Cyniker lehrten (Nach Aussagen mancher neutestamentlicher Forscher soll Jesus ein Cyniker gewesen sein.), Epikurs Überwindung der Unlust und stoische Gelassenheit und Unterordnung unter eine universale Vernunft ebenso wie die Lehre der Offenheit nach den Skeptikern sind nicht der puren Natur entsprungen. Wenn die Idee der Natur als Konstante der damaligen Kultur galt, wie sich auch im ästhetischen Ideal der hellenistischen Kunst zeigt, so haben wir es mit weit mehr zu tun als moderner Naturphilosophie heute, die Gott allenfalls noch auf dem Buchdeckel benennt. In den ewigen Naturkonstanten wurde eine göttliche Ordnung erkannt. Das Wort Gottes wurde in den hellenistischen Lehren im Menschenleben verwirklicht.
Was uns später die Kirchenlehrer
allesamt als Logos und Grund unseres Glaubens vorstellen, wurde von den
Hellenisten verstanden.
Epikur gehört zu den philosophischen Zeugen, durch die ein eines theologisches Paradigma gezeugt wurde. Die Rede vom Verstand/Wort/Logos Gottes ist ohne das griechische naturphilosophische Denken, das in Epikur seine Umsetzung in vernünftige Lebenslehre fand, nicht denkbar, bliebe pure jüdische Behauptung, die allenfalls in alten Mythen und Gesetzen begründet wird.
Doch Jesus ist weder Neuplatoniker noch Stoiker, Epikureer oder ein Vertreter einer sonstigen Philosophen- oder Prophetenschule. In Jesus ist der Same aufgegangen, der in der jüdischen Diaspora bzw. der Synthese altmonotheistischen mit griechischem Denken Nahrung fand und zu einem neuen vernünftigen Gottesbewusstsein wuchs, das wir als lebendiges Wort vernünftigerweise bisher in der Gestalt des Wanderpredigers Jesus wahrgenommen haben.
Gerade die Vielzahl der verschiedenen gnostischen Absonderlichkeiten und philosophischen, oft sehr abstrakten Lehrmeinungen, die sich im Hellenismus ebenso wie der christlichen Entwicklung nachzeichnen lassen zeigen, wie wichtig die theologische Weiterentwicklung und die Verdichtung des auf die göttliche Vernunft gründende neue Gottesverständnis in der menschlichen Gestalt des Jesus war. Die abstrakte philosophische Lehre, die nur von wenigen verstanden wurde und nur für die Denkschulen, nicht jedoch für das Volk von Bedeutung war, hätte keine Heilswirkung entfalten können. Unverstand und Verflüchtigung waren das Los der hellenistischen Lehre, die allerdings in der späteren Menschwerdung des Wortes einen unsagbaren Schatz hinterließ.
Wenn heute angeblich aufgeklärte Menschen z.B. im politischen Geschehen den Verstand ausschalten, Programme und Inhalte der Parteien völlig unbeachtet lassen und ihre Herzen allein an menschliche Persönlichkeiten hängen, (jüngst als Begründung für die nochnicht-Nominierung des CDU Kanzlerkandidaten beklagt) kann klar werden, warum es damals höchst vernünftig war, dass das schöpferische Wort eine menschliche Gestalt angenommen hat. Vernunft ist mehr als das, was sich im Großhirn abspielt. Vernünftig ist es, die gesamte Lebenskraft, d.h. vordergründig die emotionale Kraft zu nutzen. Und dazu bedarf es weit mehr als einer philosophischen Logos- bzw. Gotteslehre. (Viele weitere Gründe sprechen für das Wort in der uns bekannten Person des Wanderpredigers, u.A. gegenüber den Atheisten begründet.)
Die neue Menschwerdung des Wortes war die Voraussetzung für dessen Weiterleben. Wie Sokrates in Leben und Lehren die gelebte philosophische Vernunft verkörpert und Moses den hebräischen Monismus, das altjüdische Verständnis des Gotteswortes, so drückt sich in der Gestalt Jesus der göttliche Logos selbst aus, der zum Menschenlogos wird. Er ist allerdings keine Philosophiegestalt und kein verkörpertes Gesetz, sondern gelebtes Gotteswort persönlich. Nur in dem das Wort Fleisch wurde, menschliche Gestalt annahm und sich als eine Gesetzeslehre verstehen ließ, konnte es sich selbst gerecht werden. Um zum Grund des Glaubens werden zu können, dem monotheistischen Gottesverständnis zu universaler Gültigkeit zu verhelfen, um sich verständlich zu machen und vor philosophischer Verflüchtigung zu bewahren, war notwendig, was sich ereignet hat. Nur so hat sich das von den jüdischen Propheten im Prozess der Glaubensgeschichte des Gottesvolkes verstandene und dessen neue universale Wahrnehmung vorausgesagte Wort erfüllen können. Nur so hat es messianische Wirkung wahrgenommen.
Doch um dieses Wort zu verstehen und nicht nur ein Aufwärmen alter Texte, innere mystische Stimmen oder Verherrlichungsreden zu vermuten, wie dies die derzeitige Theologie weitgehend tut, müssen wir das neue Testament im Kontext des in der Antike neuentstandenen theologischen Denkens lesen. Denn was wir in religiöse Traditionstexte versunken als hellenistische Philosophie abtun, war in Wirklichkeit eine neue vernünftige monotheistische Theologie, aus der sich das Verständnis des einen Vaters bzw. Schöpfers rational begründen lässt.
Bibellesung im Kontext der Zeit kann das, das Denken des gesamten orientalischen Kulturraumes bestimmende, griechische Geistesgut nicht weiter unbeachtet lassen oder nur eine Übernahme von Texten zur Verherrlichung eines besonders begabten jungen Juden durch spätere Kirchenväter vermuten. Der christliche Religionsgründer ist mehr als ein zum Mythos gewordener, verherrlichter Mensch. Der Grund der neuen christlichen Religion wäre ohne das Denken über eine der natürlichen Schöpfung zugrunde liegende göttliche Vernunft/Wort/Logos nur eine leere Rede gewesen. (Was er heute ist.) Die von den Kirchvätern durchgängig gebrauchte Bezeichnung Logos für den heute als historischen Wanderphilosophen abgetanen Jesus, wäre nur ein jüdisch-hellenistischer Hoheitstitel für eine legendenumwobene historische Gestalt, die jedoch für heutiges Denken völlig belanglos erscheint. Ein neues theologisches Paradigma hätte es nicht wirklich gegeben. Alle Rede vom Auferstandenen wäre nur eine neue Form der blinden Predigt, bliebe purer Mythos. Nichts anderes – auch wenn auf viel höherer wissenschaftlicher Ebene - wird heute an theologischen Hochschulen gelehrt. Doch diese Lehre steht dem Logos/Wort Gottes, seinem neuen Verständnis im naturwissenschaftlich nachvollziehbaren Werden als eigentliches Wesen des urchristlichen Glaubens im Wege. Alle christliche Lehren werden ohne den Logos zu purer Beliebigkeit, in die wir gestern Keuschheit, heute Verzichtsethik, morgen eine ganz andere menschlich-zeitbedingte Moral hineininterpretieren.
Bei den der Schule Epikurs zugeschriebenen Überlegungen zeigt sich, wie die aus dem vernünftigen schöpferischen Handeln abgeleiteten Verhaltenslehren zu einem sinnvollen Leben in vernunftgeleiteter Lust führen sollte. Doch ebenso wie die pharisäischen, nur auf die Gesetze gründenden Lebenslehren, sind die rein philosophischen Verhaltenslehren nur leere und somit unerfüllbare Forderungen. Erst durch den göttlichen Logos, die Bezugnahme des Denkens vom monotheistischen Schöpfergott aus und durch dessen Sohn/Wort in Menschgestalt, lässt sich ein Fortschritt und eine Erfüllung der philosophischen Forderungen verwirklichen.
Dem neuen Testament liegt ein neues Gottesverständnis zugrunde, das im Denken Epikurs nachvollziehbar ist. „Was ginge uns verloren, wenn wir das geistige Gut der Antike nicht mitbeachten würden?!“, so wird in kirchlichen Akademieveranstaltungen die Einführung zu einem Vortrag über Epikur begonnen. Doch beachten wir die sich durch die griechische Philosophie ergebende Gotteslehre wirklich? Welche Bedeutung hat das vernünftige Denken über die natürliche Schöpfung und ihren Schöpfer, wenn wir von christlicher Offenbarung sprechen? Wie weit sind wir vom damaligen Denken entfernt? Alles was wir beachten sind die ethischen Forderungen, die Aussagen über Verhaltenslehren. Wie selbstverständlich begründen junge Theologen, die nach der neutestamentlichen Besitzethik fragen ihre Aussagen in philosophischen Ansichten zur Zeit Jesus. Platon und alle ihm nachfolgende Philosophien müssen dann als Begründung der Aussagen Jesus herhalten. (z.B. ZNT 8) Der schöpferische Verstand/Wort/Logos Gottes, von dem diese Aussagen abgeleitet wurden, ist längst verlorengegangen, wird nicht mehr verstanden. Doch genau das ist es, was wir von den alten Griechen lernen können, was das Wesen des neuen theologischen Paradigmas ausmacht. Weder den Platonisten, noch den Stoikern oder Epikureern ging es um oberflächliche ethische Lehren, wie wir sie aus antiken Texten herauslesen, übernehmen oder verwerfen, ganz nach eigenem Belieben. Epikur, so lernen wir heute, hat keine alten Lehren nachgeplappert. Er hat weder jüdisch-mosianischen Gesetze, noch griechisch-sokratische Weisheiten aufgewärmt. Was er seinen Zeitgenossen als Verhaltenslehren mit auf den Weg gab, hat er aus der übergeordneten Schöpfungsordnung, anders gesagt, vom Wort/Logos Gottes abgeleitet. Er ist von einer himmlischen Vernunft ausgegangen. Solange wir bei den Hellenisten nur Spielregeln zur Lebensführung ohne die vorausgehende Gottes- und Welterklärung lesen, sind es nur leere Lehren, die nicht auf das Wort Gottes gründen, unerfüllbar bleibende menschliche Forderungen. Und genau hier liegt der Fortschritt, der sich damals durch die theologische Weiterführung der philosophischen Welterklärung zum Wort Gottes in verständlicher Menschengestalt ergeben hat.
Wer allerdings beim Wort Gottes nur an die Bibel denkt, die Buchstabenzeugnis des schöpferischen Wortes ist und Jesus für einen als Wort vergötterten Wanderprediger oder -philosophen hält, der wird nicht verstehen, um was es damals ging. Der wird auch nicht verstehen, warum ich Epikur, der seine Gottes- und Veraltenslehre auf den Logos des einen Gottes gründet, für einen frühen Jünger Jesus halte. Auch wenn die christliche Lehre bei Epikur noch nicht zu erkennen ist, sich erst später entwickelte und Epikurs Ethik später von der Frühkirche verworfen wird, im Grunde seines Glaubens ist er bereits weit christlicher als wir heute, die wir noch nicht mal nach dem Buchzeugnis des Wortes leben, sondern längst unsere menschliche Moral in die Bibeltexte hineinpredigen.
Denn eine Predigt wird nicht dadurch christlich, dass sie besonders human ist oder alles in Aussagen und Verhaltensweisen begründet wird, die sich auf eine Wanderprediger und seine Anhänger berufen. Wie bei Epikur & Co.- aber ebenso auch bei den jüdischen Propheten und Apokalyptikern - muss das lebendige Wort Ausgangspunkt der Lehren sein. Dem vernünftigen Gottesverständnis muss das Verständnis des Wortes vorausgehen. Genau das haben uns auch alle Verfasser des Neuen Testamentes gelehrt. Jesus bzw. das lebendige Wort Gottes ist der Dreh- und Angelpunkt aller Aussagen über Gott und seinen Willen.
Es gilt, sich neu das gesamte Geistesgut der damaligen Zeit vor Augen zu führen, das weit über die im Philosophieunterricht aufaddierten Griechen und deren naturwissenschaftliche und ethische Lehren hinausgeht. In der jüdischen Weisheit, Prophetie und Apokalyptik wird das, was das Wesen des hebräischen Gottesverstandes und des neues hellenistischen Denkens war, oft noch deutlicher. Und jede neue Erkenntnis über die alten Texte und das dahinter stehend Denken ist ein neuer Mosaikstein, der das Bild des großartigen Geistes, der damals herrschte, klarer erscheinen lässt. Aus der Geschichte können wir lernen: begreifen, was uns heute fehlt, den alten monotheistischen Glauben vernünftig werden und verstehen lassen. Statt weiter Abbau zu betreiben, ist der Glaube zu begründen und durch die neue Wahrnehmung des Worte im wissenschaftlich nachweisbaren Werdens zum Fortschritt zu führen.
Wäre der historische Jesus nicht mehr, wie er an heutigen theologischen Hochschulen gelehrt wird, es wäre sinnlos weiterzudenken. Statt dessen könnten wir uns auf Geheimnisse berufen. Doch die damalige Geistesküche war keine esoterische Geheimniskrämerei und kein zufälliger Wind, der anschließend verherrlicht wurde. Aus den Verstandesgaben Gottes wurden höchst genussvolle Gerichte zubereitet, die 2000 Jahre geistige Nahrung, Annäherung an Gott gaben. Heute daraus lernen heißt nicht, nur einzelne ethische Lehren herauszubrechen bzw. weltabgewandte oder atheistische Philosophie zu betreiben, sondern den Logos Gottes neu zu verstehen.
Auch Epikur kann nicht aus der gesamten antiken Philosophie bzw. Gotteslehre herausgebrochen betrachtet werden, wie es leider oft geschieht und wo er dann leicht zum Lustapostel wird. Die Stoa, mit der Epikur bzw. das damit überschriebene Denken im Dialog steht, muss mitgelesen werden, ebenso wie Platon, Sokrates, Heraklit und viele mehr, die dem Gedankengut zugrunde liegen und von Epikur fortentwickelt werden.
So kreist die Theologie der Stoiker einzig um den Logos. Gott wird als die schöpferische Urkraft und Ursache allen Seins erkannt. Es mag sein, dass die Stoiker den Logos mit Gott/Zeus gleichsetzen, in ihm noch nicht den Sohn sahen, der als einziger den Vater offenbart, und noch weit davon entfernt waren, eine einheitlich-universale Lebenslehre daraus abzuleiten und dem Logos eine menschliche Gestalt zu verleihen. Den Sohn des Gottes Abrahams darin wahrzunehmen war noch nicht. Doch die Einsicht in eine vernünftig wirkende Kraft, einen das gesamte Weltall ordnenden Logos, kann gerade für uns heute, die wir wissenschaftlich diese Vernunft beschreiben, nicht hoch genug eingeschätzt werden. Was wäre, wenn wir in der naturwissenschaftlich definierten Welterklärung, die in allem eine Zweckmäßigkeit erkennt, eine Weltvernunft erkennen würden? Könnte so nicht der göttliche Logos in Klarheit vor unserem Auge erscheinen?
Während die heutige Theologie diesem Denken vorwirft, den Logos selbst vergottet zu haben, vergöttert sie weiter einen Wanderprediger, in dem sie den Ursprung ihrer Lehre sieht. Wer also von beiden betreibt Götzendienst? Während der Hellenismus im kosmischen Geschehen keineswegs einen die Natur selbst vergötternden, unbe-stimmten Pantheismus betreibt, sondern in dem allem Werden zugrunde liegenden Wort/Vernunft versteht, aus dieser schöpferischen Stimme menschliche Bestimmung ableitet, macht die heutige Theologie menschliche Lehren zum Wort, vergöttert Traditionstexte und eigene Ethik sowie innere Stimmen. Wer verehrt also die falschen Götter?
Auch wenn das unter der Bezeichnung Epikur zum Ausdruck kommende hellenistische Denken noch nicht den Sohn Gottes sieht, der z.B. bei Philo von Alexandrien definiert ist, als wenn möglicherweise der Logos selbst noch als eine Art Gott verstanden wird, so können wir doch von Epikur lernen den Logos zu verstehen. Denn er ist nach christlicher Lehre eins mit Gott, aber nicht gleichzusetzen. Erst durch die Wahrnehmung des göttlichen Wortes ist uns Offenbarung gegeben. Das Verständnis des Wort/schöpferischen Verstandes ist Voraussetzung für den Glaube an Gott. Wie sollte es mit Gott gleichgesetzt werden?
Aufgabe: Noch
auszuformulierenden Überlegungen zur
Von Epikur lernen, wie die
rein philosophische Lehre ins Leben zu holen ist: wie von platonische Ideenlehre
zum realen Lebensideal, wie Jenseitshoffnungen in die derzeitige Welt geholt
werden.
Den weiteren Weg beschreiben,
wie hellenistisch-sittliche Forderungen aufgrund neuer vernünftiger Erkenntnis
erst später durch Jesus in Diesseits geholt werden, sich verwirklichen lassen.
Wie damals der göttliche Logos aus der schöpferischen Logik der Physik gelesen wurde, so lässt sich auch aus moderner Naturwissenschaft, die von einer umfassenden Ökonomie bzw. Ökologie ausgeht, neu das Wort Gottes heraushören. Der Logos, die Weltvernunft lässt sich neu aus der Naturwissenschaft wahrnehmen. Erst diese Wahrnehmung wird nach Ansicht der
Stoiker zu einer vernünftigen, dem schöpferischen Plan gerechtwerdenden Lebensweise der Menschen führen. Der den gesamten Kosmos durchdringende Logos wurde als Feuer gesehen, das auch im Kopf der Menschen lodern muss. Der Logos wurde auf geisteswissenschaftliche Weise als Lebensodem nachgewiesen und selbst wie eine Art Lebewesen gesehen. Lust, Unlust, Begierde, Furcht, Faulheit....waren nach der stoischen Lehre dem Logos/einer göttlichen, aber auf Erden wie im Weltall wirkenden Vernunft zu unterstellen. Von einer stoischen Unbewegtheit, einer sinnentstellten Apathie waren die Stoiker ebenso weit entfernt wie Epikur von einer Lüsternheitslehre oder einem inhaltslosen Leben heutiger Spaßgesellschaft.
Vieles gäbe es noch über die das großartige Denken der griechischen Philosophen zu sagen. Sei es ihr Sprachverständnis, ihre Suche nach dem wahren Wesen der Worte, ihre Erkenntnislehren oder die zugrunde liegende Physik und Welterklärung. Buchbände sind damit gefüllt und viele Aussagen sind oft sehr widersprüchlich oder werden so gesehen.
Die Spannweite, unter der heute die alten griechischen Lehren ausgelegt werden, lässt verstehen, wie wichtig es in der damalige Zeit gewesen sein muss, dem Logos und der daraus abgeleiteten Lehre eine Gestalt zu geben, wie wir sie als wanderpredigenden Jesus kennen. Das gesamte Wissen der zahlreichen, teils als philosophisch anerkannt oder gnostisch abgetanen, Weisheits- bzw. Erkenntnislehren, die wir zwar versuchen zu katalogisieren, die aber sehr wahrscheinlich weit vielgesichtiger sind als angenommen, verdichtet sich in der uns vertrauten Gestalt. Das ist höchste Vernunft: Was in vielfachen Modellzeichnungen und widersprüchlichen weitschweifenden Beschreibungen der philosophischen Lehrbüchern versucht wird, verständlich zu machen, drücken die Evangelisten in verständlicher Sprache und einfachen Bildern aus. Und doch kann es heute kein Wanderprediger mehr sein, dem wir blind vertrauen müssen, obwohl ihn niemand mehr wirklich ernst nimmt und dessen einstige Offenbarung für uns Gesetz ist. Das Bild eines historischen Wanderprediger verbaut das Verständnis des schöpferischen Wortes, des Logos, der die wahre Offenbarung war und ist, für Griechen und Juden gleichermaßen. Alle angeblich modernen Christologien, die in einer humaner Ethik, einem Rückfall in Mythos oder innerer Stimmen, der Wirkungsgeschichte des christlichen Glaubens Christus neu entdecken wollen, müssen sich daran messen lassen, ob sie zu einem vernünftigen Glauben und leben beitragen können.
So wie das Individuum im Heranwachsen die Vernunft als sein wahrhaft naturgemäßes Wesen erkennt, so vollzieht es sich auch im Kollektiven Bewusstsein. Wir sind ewige Kinder, die permanent lernen und – wie damals die alten Griechen - den Vater in der Sprache ihrer Zeit immer neu verstehen müssen. Den Monotheismus des Moses können wir heute neu vernünftig begründen: dann ist Jesus lebendig.
Das Denken der Epikureer geht vom Garten aus. So steht es in allen Geschichtsbüchern. Doch anzunehmen, dass nur eine philosophische Schule in den Garten gebaut wurde, Lehrgespräche auf der grünen Wiese stattfanden oder im Blumenmeer, wäre mit Sicherheit zu wenig. Auch wenn die Natur, das Blühen, Grünen bzw. die gesamte Schönheit und ökologische Ordnung der Natur und des gesamten Kosmos Ausgangspunkt bleibt, versuche ich ein Denken zu verstehen, das vom Paradies/Garten, also einem anzustrebenden Zustand göttlicher Ordnung ausgeht, der Ziel und wahre schöpferische Bestimmung sein sollte. Heutige Theologen werden einwenden, dass die alttestamentliche Bezeichnung Paradies (griechisch Garten) ganz anders zu verstehen sei. Sie haben das Paradies längst in eine bestimmte Schublade gesteckt, die mit Epikurs Lustgarten nichts zu tun hat. Wer Gott nur aus alten Gesetzen ableitet, aus Büchern kennt, der kann nicht anders. Mit dem im Garten sichtbaren Logos hat unser heutiges Gottesverständnis nichts am Hut. Doch welche Heilserfahrung würde gerade heute unser Glaube erfahren, wenn wir im naturwissenschaftlich nachvollziehbaren Wachsen und Gedeihen, in der natürlichen ökologischen Ordnung das Wort Gottes verstehen würden?
Ich bin sicher: genau in diesem Garten stand Epikurs Schule. Das hellenistische Denken ging von einem natürlichen Schöpfer aus, dessen Wille versucht wurde zu verwirklichen. Erst wenn wir in Gott den wahren Schöpfervater verstehen, der nicht willkürlich waltet, sondern für den Wohlstand verantwortlich ist, von dem alles Werden, alle Weiterentwicklung ausgeht, können wir begreifen, wo die Besonderheit der Lehre Epikurs liegt. Gott kann nicht das Leid, den Lustverlust der Menschen wollen, das würde seinem Logos widersprechen. Und doch gehört das Leid zum Leben. Nur Dank des ihm gegebenen Verstandes kann der Mensch dazu beitragen, den wahren Weg zu finden und Lustverlust zu vermeiden. Denn wer vom Garten aus argumentiert, der kann nicht das Leid, das asketische Opfer, die Selbstaufgabe, die über viele Jahrhunderte auch christliches Denken prägte, dem der Logos verloren war, als eigentlichen Willen Gottes erklären.
Wenn heute z.B. Eugen Biser verlangt, im Rahmen einer m.E. fälschlicherweise so genannten Neuentdeckung des Christentums, Gott nicht mehr als den grausamen, sondern den gütigen Vater zu verstehen, dann trifft er genau das, was die Epikureer auszeichnet. Im Christentum hat sich wirklich eine Wende ergeben, die von einem Gott ausgeht, der das Gute für die Menschen will. Doch all dies kann nicht aus Gesetzen bzw. alten Berichten abgeleitet werden, auch wenn hier Welt- und Gotteserfahrung spricht. Den Willen Gottes im Schöpfungswort vernünftig begründen, Theologie vom Garten aus, das war bei Epikur gegeben.
Zweifelsohne gehört Epikur zu den meistgeschmähten Philosophen der Antike. Aufgrund der Ausrichtung seines Denkens an einem lustvoll erfüllten Leben wird ihm übertriebener Liebesgenuss ebenso wie übermäßige Lust am Essen und Trinken nachgesagt. Von Gelagen und Hetären wird von seinen Gegnern gesprochen, die ihn somit zum Gespött machen. Doch wie so oft, ist es schwer die historische Wahrheit nachzuvollziehen. Auch der damals philosophische Disput dürfte sich der Bilder bedient haben und ist somit nur schwer zu verstehen. Nicht zuletzt die Schüler Epikurs haben versucht, das eigentliche Wesen des in Epikur zum Ausdruck kommenden Denkens vom Vorwurf der sinnlosen Völlerei und Unzucht zu befreien und die Vernunft, den Logos der Lehre zu belegen. Die an der Vernunft ausgerichtete Lust als Ziel und Antriebskraft allen Lebens zu erkennen, ist eine Sichtweise, die sich durchaus mit der Lehre und Lebensweise Jesus vereinen lässt. Der glückliche Mensch und die Vermeidung von Schmerz ist Ziel seines Verständnisses von vernünftigem menschlichen schöpferischen Verhalten. Nicht grobsinnige Lust, sondern glückliches Leben im ausgewogenen Gleichmaß ist anzustreben. Die Aufgabe der Philosophie ist für Epikur kein Selbstzweck, sondern hat zur Verbesserung der Lebenspraxis einem Lustgewinn beizutragen. Aus der Vernunft entspringt für ihn die höchste Lust.
Wenn heutige Psychologen die Antriebskräfte des Menschen vor allem in einem Streben nach Sicherheit begründen, dann ist das nichts anderes wie der Lustverlust, den Epikur zum Thema seiner Theologie machte. Denn wie sollte die Güte Gottes belegt werden, wenn Gott gegen die Lust sprechen, Lustverlust verlangen würde. Die Sicherheit und Zuversicht, die begründete christliche Hoffnung auf ein besseres Leben setzt voraus, dass nichts von uns verlangt wird, was gegen das Leben, gegen die Lust spricht. Sie ist die Zugkraft, die den Logos weiterbewegt. (Wer allerdings den Willen Gottes nur schriftgelehrt aus gesetzten Buchstaben herausliest, der wird dieser Argumentation nicht folgen können. Wer nicht von einem schöpferischen Wort ausgeht, dessen Gott kann alles wollen, auch wenn es noch so unsinnig wäre. Es muss sich nur in einem weitgehend der menschlichen Interpretation überlassenen Text begründen lassen, muss nicht einer schöpferischen Vernunft/Wort entsprechen.)
Den Gleichklang von epikureischer Philosophie mit christlicher Lehre nur im lustigen Leben eines Wanderpredigers zu suchen, dem man nachsagt, dass er gerne Wein trinkt und auch sonst keinen abstinenten Lebenswandel pflegt, wäre zu wenig. Doch auch wenn eine solche Betrachtung höchst banal ist: selbst die einfachen Bilder lügen nicht. Der Logos verkörpert seine Lehre. Vieles, was noch vor wenigen Jahren an asketischem Selbstzweck als Nachfolge Jesus gepredigt wurde, gehört inzwischen der Vergangenheit an. Heute stellen uns die Schriftlehrer die christliche Lehre in veränderter Form dar, die sich viel besser mit den Lehren eines inzwischen ebenso verfeinerten Verständnisses von Epikur vereinen lässt. Wie die als Theologie bezeichnete Schriftlehre, die vieles im neuen Licht erscheinen lässt, fördert auch die in der als Philosophie bezeichneten Lehre eine weiterführende Sichtweise zu Tage. (Die in Wirklichkeit nichts anderes als Theologie war.)
Doch ich denke, dass die Bedeutung der Lehre Epikurs für den christlichen Glauben in einer tieferen theologischen Schicht zu suchen ist. Das Verständnis von Schöpfung und das Ziel und der Wille des Schöpfers ist zu hinterfragen. Epikurs Verdienst liegt möglicherweise darin, dass er mehr noch als seine stoischen oder anderen hellenistischen Diskussionspartner den Logos in Diesseits holt. Das Ziel ist keine Erfüllung im fernen unbestimmten Jenseits, sondern im realen Leben. Auch was sich jetzt noch nicht erreichen lässt, sondern erst in Zukunft, muss kein Jenseits sein, sondern ist als reales Leben zu sehen. Es ist der Logos in seiner Entwicklung.
Weder asketische Selbstverleugnung, Verzicht als Selbstzweck bzw. sinnloses Selbstopfer wird von Epikur verlangt, sondern die größte gemeinsame Lust ist das Ziel, der sich die eigene Lust unterstellen muss. Opferkult, zu dem auch das Selbstopfer zählt, gehört der Vergangenheit an. Wohl muss sich der Mensch der höheren Vernunft unterwerfen, ihr seine Gier und Lust unterstellen. Genau das ist in den hellenistischen Schulen gewollt. Doch das Ziel des Schöpfers ist für Epikur die Schönheit, das Wohlergehen der Menschen. Die Lust, der Lebenstrieb ist es, der die Genesis in Gang hält. Doch dieser Welt-Betrieb wird als Verwirklichung des schöpferischen Wortes, einer höheren Vernunft gesehen. Wenn aber – und damit sind wir bei der frohen Botschaft der Evangelisten – Gott Vater das Beste für uns will, unseren Wohlstand, Freude, erfüllte Lust als weiteren Antrieb zum Leben, dann kann ein Lustverlust bzw. bisher gepredigter asketischer Selbstzweck nicht das göttliche Ziel sein. Gott will, dass wir leben, sonst wäre er nicht der Schöpfer. Er kann keine Opfer aus purem Selbstzweck wollen, die seinem schöpferischen Wort widersprechen, unvernünftig sind.
Nur in einer Überwindung fehlgedeuteter Gesetze/Buchstaben, aus denen der altjüdische Tieropferkult und ebenso die asketisch-sinnlose christliche Leidensverherrlichung ihre Nahrung bezog, lässt sich ein Leben im Sinne des Schöpfers führen. Nicht an alten Gesetzen hat sich Epikur orientiert sondern die Naturmechanismen durchschaut. Dass Epikur dabei nicht am fälschlicherweise so genannten Darwinismus hängen bleibt, wie wir ihn heute zumindest im Wirtschaftsgeschehen real ausleben bzw. weit von banaler Übertragung biologischer Verhaltensmuster auf menschliches Leben entfernt ist, lässt sich leicht nachvollziehen. Natur ist für Epikur gleichzusetzen mit dem Logos, dem Wort Gottes, das er in der Natur liest. Zum menschlichen Verhalten gehört dessen Vernunft, die sich einer höheren Vernunft unterstellen muss, dazu. Das erst ist menschliche Natur. Der Verstand ist damit die Voraussetzung zum vernünftigen, natürlichen Leben.
Ist Gott als Vater oder Mutter anzusprechen? Wer nur nach Buchstaben, nicht nach dem Logos glaubt, landet dort, wo wir heute sind. Der in den Leserbriefen der Kirchenblätter nachzulesende Streit, ob Gott als Vater oder Mutter anzusprechen ist, bei dem sich angebliche Fundamentalisten und Feministen einen heftigen Streit liefern, wäre lächerlich, wenn sich hierin nicht der Ernst der Lage zeigen würde: eine inhaltliche Leere.
Der Grund, auf dem die Griechen Gott als Vater verstanden, waren keine Buchrollen, keine Buchstaben, sondern das lebendige Wort: der Sohn, der den Vater offenbarte, das Wort, das Gott aufgrund seiner Funktion. Dieses Verständnis des schöpferischen Wortes zur Lebenslehre weiterzuentwickeln war Epikurs Verdienst.
Doch uns ist die Funktion Gottes, das Schöpfungsverständnis, verlorengegangen. Vom heutigen Standpunkt aus verehren wir nur die Mutter, wo bei den Hellenisten Verständnis des Vaters war, ist heute Fehlanzeige:
- Die Naturwissenschaftler sehen nur in Mutter Natur, der Materie, das hervorbringende Wesen. Sie sprechen von „Selbst“organisation der Materie...statt vom Sohn/Vernunft der über allem steht und den Vater bezeugt.
- Auch den Geisteswissenschaftlern fehlt heute das Verständnis des Vaters: Die modernen Theologen denken, dass die Christologie ein Werk von Mutter Kirche wäre. Sie halten die Christologie nur für eine Fortschreibung, sehen nur die alten jüdischen Mythen und Traditionstexte, die in ihren Augen nur neu formuliert und hellenistisch eingefärbt wurden. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind so nur Bezeichnungen, die aus Texten abgeleitet werden und nicht im realen Schöpfungsgeschehen vernünftig begründet sind. (Hierzu: Trinität als geistige Weltformel.)
- Die Modernen, angeblich aufgeklärten Denker sehen nur ihren, den menschlichen Verstand und beten die eigene Vernunft an. Auch ihnen fehlt das Verständnis eines vernünftigen Vaters, von dem diese Vernunft ausgeht, dessen Vernunft über allem steht.
Doch von genau dieser Vernunft gingen die Griechen aus!
Zur Aufklärung reicht es nicht, die Story vom Klapperstorch zu verneinen. Ebenso wenig aufgeklärt ist der Mensch nicht, wenn er die ihn hervorbringende, ausdrückende Mutter als alleinigen Urgrund annimmt. Aufklärung bedeutet den Vorgang der Zeugung zu verstehen, die Funktion des Vaters wahrzunehmen.
Dieses Verständnis des Vaters fehlt uns, solange wir das in Geschichte und Genesis wirksame Wort/Logos/Vernunft Gottes nicht wahrnehmen.
Aufgabe:
Das Denken Epikurs
nachzeichnen, daraus die Bedeutung eines neuen Paradigmas begründen, das dem
Neuen Testament zugrunde liegt. Nicht nur den Zusammenfluss von griechischer
und hebräischer Religion und den Fortschritt in griechischer Götterlehre und
Philosophie aufzeigen: Auch in Epikur den historischen Jesus bezeugen und seine
Bedeutung für die dringend notwendige Weiterentwicklung unseres theologischen
Denkens heute begründen.
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Epikur weiterinterpretieren, Welterklärung und sinnvolle Lebensführung nach Prof. Erler,
Vortag an der Kath. Akademie Speyer und weiterer Texte.....
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Epikur nicht als gottesfernen Materialisten im Sinne
heutiger Naturwissenschaft bzw. pantheistischer oder atheistischer Philosophie
stehen lassen, sondern als Verehrer weil Versteher des wahren Schöpfungswortes
nachweisen (Über die verschiedenartigen Begriffe hinweg eine gemeinsame
Bedeutung belegen)
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In Epikur die vernünftige Umsetzung, Nützlichkeit
der alten rituellen Handlungen oder der Notwendigkeit des Gebetes aufzeigen
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Logos-Lehre aus dem Garten, Schöpfungserfahrung als
Lebenslehre im antiken Weltbild verständlich machen (Philosophie/Theologie vom
Paradies aus, einem Zielzustand des schöpferischen Gotteswortes, mehr als
Naturlehre. Daraus abgeleitet, wie menschlichen Leben in Lust sein sollte.
Nicht auf menschliche Meinungen, sondern das Wort des einen realen
allumfassenden Schöpfervaters gegründet, seinen Willen verwirklichend.)
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Daraus Neue Testament neu definieren, dessen
Grundlage auf höherer, schöpferische Vernunft und seine Sinnhaftigkeit für
Lebensführung belegen
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Die derzeitigen Neudefinitionen der
neutestamentlichen Aussagen in Epikur begründen
-
Rolle der Natur, des gesamten Universums als
Wirkgrund des Schöpfungswortes neu entdecken
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Die Evangelien bzw. die Verdichtung des Logos in
Menschengestalt im Sinne des epikureischen Geistes, dessen Weiterführung
erkennen lassen. Nicht als Fortführung einer vernünftigen, nur von Menschen
ausgehenden Philosophie im Mythos, sondern vernünftiger Fortschritt auf der
damals neudefinierten Grundlage des neu verstandenen Gottessohnes
-
Die antiken Hoffnungen auf ein goldenes Zeitalter
aufgrund gemeinsamer vernünftiger Erkenntnis heute neu schüren
-
Begreiflich machen, wie im Sinne der Hellenisten
heute im gesamten kosmischen Geschehen, den biologischen Beschreibungen und
erst recht im Werden des Welt-alles das Wort als Offenbarung des auf Erden und
im Weltall wirk-lichen Gottes wahrzunehmen ist: Jesus lebt wirklich,
das Wort Gotte ist neu verständlich!!!