Das Wesen des Logos als
Weltformel und Gotteswort
Der Schluss am Anfang:
(Denn die hier gemachten Behauptungen ergeben und begründen sich erst durch die folgenden Überlegungen.)
Wesen?
Weil die sichtbare Welt, das gesamte Universum wie ein vernünftiger Organismus verstanden
werden kann, der handelt, wirkt, sich entwickelt.
Weil die wesen-tliche Erkenntnis des in der Antike verstandenen Logos keine Lehre von einer ausgedachten Weltformel war, sondern das vernünftige Verständnis dieses in der Schöpfung wirksamen Gotteswortes.
Weil nicht in einer abstrakten Logoslehre, sondern nur in der uns bekannten Gestalt eines Menschen das Verständnis des Logos seine kulturelle Leistung bringen konnte. Weil dieses Wort in Menschengestalt das Wesen unseres christlichen Glaubens war und ist. Nur seine Verehrung, nicht eine philosophische Erkenntnis, die Menschen zur Vernunft gebracht hat und bringen wird.
Weil die hinter der heute wissenschaftlich wahrgenommenen Weltwirklichkeit stehende Schöpfungsvernunft als eigenständiges Wesen gesehen werden muss, um das historische Wesen des christlichen Glaubens denken zu können ohne in Doketismus oder un-bestimmten Pantheismus bzw. Panchristus zu verfallen.
Weltformel?
Weil alle Formgebung der Welt von einem Logos ausgeht, alle naturwissenschaftlichen Formeln sich von einer übergeordneten Vernunft ableiten, deren Zeugen sind.
Weil auch die theologischen Formeln, ob christliche Trinität oder weiter gefasst das fernöstliche Tao geistige Formeln sind, die im Logos ihren Ausgangspunkt haben, diesen auf verschiedene Weise begründen und umsetzen.
Weil nicht die Worte menschlicher Autoren, nicht menschliche Vernunft für die Moral des Menschen maßgebend sind, sondern die vom Schöpfer der realen Welt ausgehende, das von ihm in der Formgebung aller Welt gesprochene Wort.
Weil eine bei globaler Wirtschaftsweise und die gesamte Welt betreffenden Zukunftsprobleme eine gemeinsame Ethik notwendig ist, die sich nicht auf traditionellen Moralvorstellungen, Mehrheitsmeinungen oder modernen philosophischen Modellen aufbauen lässt, sondern auf der zeit- und kulturgerechten Wahrnehmung eines universellen Gotteswortes, wie es auch in der Antike verstanden wurde.
Gotteswort?
Weil in der westliche Welt der Logos als Gotteswort verstanden wurde und neu verstanden werden kann.
Weil es in der natürlichen Realität des vernünftigen Werdens verständlich ist: Geschichte und natürliche Genesis von den Hebräern und Judengriechen als Wort Gottes erkannt wurde.
Weil durch das Wort der Autor aller Dinge und allen Denkens wahrgenommen und verstanden werden kann und muss, dieses Wort sinngebend war und ist: Diese Stimme alles Geschehen be-stimmt und be-stimmend ist für das menschliche Leben und Handeln.
Weil die menschliche Vernunft sich an diesem Wort ausrichten muss.
Weil nur das „STIMMT“ was sich als Stimme/Wort dessen belegen lässt, von dem alle Vernunft ausgeht. (Alle Be-stimmung-en, Ab-stimmungen bei Entscheidungen zur persönlichen Lebensweise wie in globalen Gesellschaftsfragen, ebenso wie die emotionale Stimmung das Wort Gottes, den Logos als Grundlage haben muss.)
Am Anfang war der Logos
Und der Logos war bei Gott
........
Wenn ich meinen Überlegungen zum Logos den Johannesprolog – und damit die uns Christen bekannteste Aussage über den Logos bzw. die kurzgefasste Weihnachtsgeschichte des Johannes - voranstelle, dann bedeutet dies nicht, dass ich nur das vierte Evangelium als einen Ausfluss der Logoslehre sehe. Auch wäre es zu kurz nur einzelne Aussagen der Briefliteratur und Christologie von der Lehre über eine Weltenwort/vernunft beeinflusste betrachte. So erklärt die Theologie derzeit die Zusammenhänge des Neuen Testamentes mit dem das antike Denken im gesamten Orient und Okzident bestimmenden Verständnis einer Weltvernunft/Logos. Vielmehr will ich versuchen nachzuweisen, dass das gesamte Alte und Neue Testament von diesem der Schöpfung zugrunde liegenden Logos/Wort be-stimmt wurde und hier das eigentliche Wesen des christlichen Glaubens in menschlicher Gestalt zu suchen und zu sehen ist. Von seiner Wahrnehmung im heutigen Weltverständnis kann eine Heilswirkung erfolgen, wie sie im Neuen Testament beschrieben ist.
Den Logos auf die griechische Philosophie zu beschränken, wo der Logos-Begriff gebraut wurde, wäre dabei eine seine Bedeutung verkürzendes Missverständnis. Denn der Logos ist zwar ein Grundbegriff der antiken Philosophie und Theologie. Doch was mit Logos bezeichnet wird, betrifft keineswegs nur das griechisches Denken. Letztlich kam und kommt keine Theologie ohne den Logos aus, auch wenn er oft einen völlig anderen Namen hat.
Gleichwohl wir den in der Antike als Wesen verstandenen Logos betrachten müssen, er uns plastisch macht, um was es ging, was Grundlage des Denkens war, dürfen wir dabei nicht stehen bleiben. Der Logos wäre sonst nur ein Produkt oftmals metaphysisch wirkende antike Spekulation, für unser Weltbild ungeeignet. Den Logos in die heutige Begriffswelt zu übertragen, ist jedoch kein einfaches Unterfangen, da es im modernen Sprachgebrauch keine synonymen Begriffe gibt, alle heute vergleichbaren Worte nur verschiedene Logos-Aspekte umschreiben. Weder Vernunft, Wort, Weltgesetz oder Schöpfungs- bzw. Evolutionsprinzip noch Naturnorm, Sinn, Selbstorganisation des Kosmos oder gar die vielbeschworene – allerdings nur als physikalische Gleichung gesuchte -Weltformel drücken in ihrer gegenwärtigen Bedeutung das aus, was den Logos ausmacht. Gleichwohl wären all diese Begriffe zu gebrauchen, um den Logos, der insbesondere in den theologischen Texten viele Namen hat, zu beschrieben.
Am einfachsten scheint der Logosbegriff im heutigen Sinne erfassbar zu sein, wenn man sich eine Art Software vorstellt, eine universelle Vernunft, die hinter allem sichtbaren natürlichen Werden steht und somit auch menschliches Sein, Sinn, Denken und Sprechen bestimmt. Der Logos ist der unsichtbare Stoff, warum sich aus dem Sternenstaub die Welt zu dem entwickelte, was wir heute als so selbstverständlich betrachten. Er ist im naturwissenschaftlichen Modell seit dem angenommenen Urknalles zu beobachten, empirisch nachzuweisen. Sein Wesen ist die Vernunft des Organisms, aus dem heraus sich alles was wir heute als natürliche Selbst-organisation sehen entwickelte und die Welt immer weiter im natürlich-biologischen Gleichgewicht hält.
Wenn dann gleichzeitig von einem der Welt zugewandten „Antlitz“ oder einem sichtbaren Präsent sein des selbst unsichtbaren Vatergottes gesprochen wird, der selbst im verborgenen bleibt, sich durch den Logos, sein gesprochenes Wort offenbart, zeigt dies die Spanne, in der dieser Begriff gebraucht wurde und weist gleichzeitig auf ein Defizit des heutigen theologischen Denkens hin.
Eigentlich dient das gesamte Projekt dazu, das Leben des Logos als reales schöpferisches Wesen und somit Grund des vernünftigen Glaubens zu belegen. Hier können daher nur Überlegungen zur Begriffsbestimmung im engeren Sinne angestellt werden. Bevor die Bedeutung des seit Heraklit gebrauchten Logosbegriffes im griechischen Denken und seine Weiterentwicklung im Rahmen der christlichen Erkenntnis hinterfragt wird, soll daher aus heutiger Sicht vor allem die Problematik angesprochen werden, die sich mit dem Begriff ergibt. Gleichzeitig versuche ich den Paradigmenwechsel aufzuzeigen, der sich durch die Wahrnehmung des Logos als Gotteswortes ergab und ergeben wird.
1. Wesen und Unwesen des
Logos/Wortes aus heutiger Sicht
Die folgenden Überlegungen können den Logos nicht erschöpfend erklären. Sie wollen jedoch einige Aspekte des Denkens über den Logos aufzeigen und dabei gleichzeitig auf Probleme und Missverständnisse aufmerksam machen.
Wenn der Logos aus heutiger Sicht betrachtet wird, bedeutet dies keine Beliebigkeit bzw. eigenmächtige Begriffsbestimmung. Vielmehr soll versucht werden, vom heutigen Standpunkt zu umschreiben, was in der Antike als Logos oder Wort Gottes die Voraussetzung des theologischen Denkens war.
1.1. Der Logos
wird nicht ausgedacht, sondern kollektiv verstanden
Wenn der Logos als Urprinzip angesehen wird, als Weltmodell oder eine Philosophie bzw. Theologie, wie dies in heutigen Definitionen oft geschieht, dann werden wir ihm nicht gerecht. Denn bei all diesen Begriffen gehen wir davon aus, dass ein menschliches Theoriengebäude beschrieben wird. Dies allerdings würde uns auf eine völlig falsche Fährte führen. Was wir mit Logos umschreiben ist der Stoff (die Software), aus dem die sichtbare Welt existiert. Es gibt nichts existenteres als die Wirk-lichkeit, aus der das Wirk-gefüge der realen Welt in Gang gesetzt und gehalten wird. Wer in den Garten der Natur schaut kann diese Wirk-lichkeit sehen. Wer den evolutionären Fortschritt seit dem Urknall nachvollzieht, kann die Wirk-lichkeit des Logos beweisen.
In einer Zeit, in der wir von „Selbst“-heilungskräften des ökologischen Naturgefüge, des gesamten Kosmos oder unseres Körpers sprechen, alle natürlich/logische Schöpfungsordnung als selbst-verständlich sehen, Gotteshandeln nur im Unerklärlichen vermuten, tun wir uns schwer mit dem Verständnis eines Logos. Der Logos ist so selbst-verständlich geworden, dass wir ihn nicht verstehen. So wie wir genau wissen, dass sich eine vierrädrige Blechkiste nicht selbst bewegt und steuert, sondern – gleichwohl wir sie als Auto-mobil bezeichnen – sie von Brennstoffen getrieben wird und von einem hoffentlich vernünftigen Fahrer oder eine von einem solchen ausgehenden Programmierung gelenkt werden muss – halten wir es auch bei der Naturbetrachtung. Doch alles wird letztlich von einer Vielzahl von Ursachen geleitet, die auf eine universale Vernunft zurückgeführt werden können. Diese ist keineswegs verborgen, sondern wird im Rahmen der verschiedenen Wissenschaften wahrgenommen. Auch wenn sie derzeit kaum einer als Logos bezeichnet oder gar als Gotteswort wahrnimmt.
Den Logos auf bestimmte Lehren zu begrenzen, z.B. von Bio-logie als Natur und Theo-logie als Gotteslehre sprechen, wäre zu wenig. Denn wenn wir heute von solchen Lehren sprechen, dann sehen wir etwas, das von Menschen ausgeht. Doch der Logos ist nicht das menschliche Denken, sondern die Vernunft, die der Schöpfung zugrunde liegt. Wir können durch unsere verschiedenartigen Lehren den Logos nur verstehen. Bei der Verwendung des Logosbegriffes ist der eigentliche Lehrer kein Mensch, sondern das hinter dem Werden stehende Unsichtbare. Unsere Natur- und Gesellschaftslehren sind somit nur aus dem allumfassenden Logos/Wort abgeleitete menschliche Modelle und Sprechweisen, die dann von menschlichen Lehrern vermittelt werden.
Wenn ich jedoch davon ausgehe, dass der Logos/das Wort nicht nur einfach wahrgenommen wird, sondern verstanden, dann bringt diese eine Steigerung zum Ausdruck, die mir für die Umschreibung des Logos als weitere wichtige Wesensvoraussetzung erscheint. Für wahr halten kann ich vieles. Beim der Verwendung des Wort/Logosbegiffes setzte ich das Verständnis einer natürlichen Logik voraus. Auch wenn ich selbst die Funktion nicht konkret beschreiben kann, nicht genau weiß, wie z.B. aus Funkwellen Fernsehbilder oder Töne werden, so gehe ich von einer zugrunde liegenden Logik aus. Und ebenso muss ich auch beim Schöpfungsgeschehen eine Logik voraussetzen. Vom Logos spreche ich heute nur dann, wenn sich das Werden naturwissenschaftlich erklären lässt. Was ein religiöser Zauber bzw. Mythos oder eine rein metaphysische Spekulation, eine nicht nachprüfbare naturwissenschaftliche Behauptung bleibt, kann in diesem Sinne heute nicht als Logos bezeichnet werden. Es würde sonst der antiken Verwendung des Begriffes nicht gerecht werden. Denn die Griechen leiteten den Logos aus ihrer damals aktuellen Naturlehre ab. Von einer Logik, die sie in ihren antiken Modellen beschrieben. Die Tatsache, dass wir viele antiken Welterklärungsmodelle anders formulieren, manche als antike Metaphysik ablehnen, andere inzwischen empirisch ausgearbeitet haben, ändert nichts an der Notwendigkeit, den Logos durch die auf dem Tisch der jeweiligen Wissenschaft liegenden Theorie nachzuweisen. Auch das Hören auf innere Stimmen oder das blinde bzw. rein traditionsorientierte für wahr halten menschlicher Aussagen hat mit dem historisch nachweisbaren Logosverständnis nichts zu tun. Der Logos wurde nicht aufgrund einer Predigt, sondern eines Denkprozesses verstanden.
Wort ist das, was ich verstehen und mitteilen kann oder könnte. Wenn ich von Wort spreche, darf die Aussage somit nicht im Mythos oder Dunkel des Undenkbaren bleibt, sondern muss kommuniziert werden können, allgemeinverständlich sein. Das heißt auch: Über dessen Begrifflichkeit muss ein Konsens besteht. So wie Wort im Sinne unseres Sprachgebrauches nur der Gedanke ist, der ausgedrückt werden kann und verstanden wird, so handelt es sich auch bei dem präexistenten Schöpfungswort nur um die vom wachen Verstand wahrnehmbare höhere Vernunft. Um dieses Wort verständlich zu machen, muss darüber allerdings ein kollektiver Konsens bestehen.
Die in der Antike vorhandene kollektive Gültigkeit ist weiterer Wesenskern des Logos. Denn wenn ich von Wort spreche, setze ich eine Allgemeingütigkeit voraus. Zu einem Wort wird ein Begriff erst, wenn ein gewisser Konsens über die Aussage, den Inhalt der zusammengesetzten Buchstaben besteht. Ein Wort ist nicht das, in dem jeder etwas anderes vermutet. Dies würde nur zur Sprachverwirrung führen, nicht zur Verständigung. Doch von einem gemeinsamen Verständnis gehen wir aus, wenn wir den Begriff Wort gebrauchen. Wort ist also nicht nur das, was das der Einzelne versteht. Ein individueller Gottesglaube gründet in diesem Sinne so wenig auf einem Wort Gottes wie eine rein persönliche Welterklärung „Wort“ genannt werden könnte. Wort geht von einer kollektiven Gültigkeit aus. Auch wenn in verschiedenen Ländern unterschiedliche Begriffe gebraucht werden, muss doch in einem Denkraum ein Konsens über den Bedeutung der Buchstabenanordnung bestehen, damit wir von Wort sprechen können.
Wenn ich den Begriff Wort für das Schöpfungsgeschehen gebrauche, gehe ich auch von einem Konsens über eine vernünftig nachvollziehbare Naturordnung aus. Denn so wie ein Wort nicht die rein zufällige Buchstabenanordnung ist, so kann auch das Schöpfungsgeschehen, wenn ich es als „Wort“ bezeichnen, nicht als willkürlich, zufällige Schauspiel der geistlosen Materie gesehen werden. Und dieser Logos muss gemeinsam in gleicher Weise verstanden werden, damit es zum Wort wird. Wenn jeder im Sonnenaufgang nur eine andere Ausdruckskraft sieht, wird daraus kein Wort. Erst wenn wir hinter dem Naturschauspiel in gleicher Weise die schöpferische Vernunft sehen, sprechen wir die gleiche Sprache, können wir dazu Wort sagen. Und genau hier liegt die große Chance eines neuen urchristlichen und somit universalen Gottesverständnisses.
Im naturwissenschaftlichen Denken gehen wir heute wie selbstverständlich von einer Allgemeingültigkeit aus. In China wird die Weltentstehung kaum anders erklärt als in Europa. (Nur einige konserativen Amerikaner, fälschlicherweise kreationistische Christen genannt, wollen die Welt noch Buchstäblich erklären. Die sogenannten Kreationisten versuchen ein evolutionäres Werden abzustreiten, um die Bibel bzw. die Urkunde vom Wort Gottes gültig zu halten. Statt im jeweiligen wissenschaftlichen Weltbild das Wort Gottes hören zu wollen, wovon ich ausgehe, streiten sie die sichtbare Kreation Gottes ab. Sie wie ich wollen das Wort Gottes und die uneingeschränkte Schöpfungsmacht Gottes bestätigen, wenn auch auf völlig unterschiedliche Wege. Denn wer ist bereit, die Bibel – im übertragenen Sinne – wört-lich zu verstehen, als antike Bilder vom Wirken des Wortes/Logos? Nicht als Urkunde eines zaubernden Gotteswesens, sonder Urkunde vom Wort, das im jeweiligen Stil und Weltverständnis der Zeit verfasst wurde. Denn auch nach der Genesis geht die Welt nicht aus göttlichem Zauber hervor, sondern dem Wort Gottes. Doch dies ist ein anderes Thema.) Im naturwissenschaftlichen Weltbild besitzen wir heute nicht nur ein logisches Verständnis des Weltgeschehens, sondern auch eine selbstverständliche Allgemeingültigkeit. Wir halten somit das Wort Gottes in Händen, ohne es als solches zu verstehen. Der Weg vom Sternenstaub bis zum vernunftbegabten Wesen liegt ausgebreitet vor uns: Wie besser kann man den Logos, das Wort Gottes beschreiben? Wie besser kann sich Gott offenbaren, als in seinem sichtbaren, von uns verständlichen Wort? Was hält uns davon ab, die schöpferische Vernunft als offenbarendes Gotteswort zu verstehen?
1.2. Der Logos
war Grundlage antiken Denkens, das Natur und Gott verband
Eine weitere Verkürzung des
Logosbegriffes wäre es, ihn allein im Rahmen der griechischen Philosophie seit
Heraklit sehen zu wollen. Der Logos, auch wenn er noch nicht als solcher
bezeichnet wurde, bestimmt das naturwissenschaftliche Denken von Anfang an und
weit über Heraklit hinaus. Während dieser den Logosbegriff erklärte, setzte ihn
das in Sokrates, Platon oder Aristoteles zum Ausdruck kommende Denken um. Doch
der Logos war dabei die selbstverständliche Voraussetzung der griechischen
Naturwissenschaft, von dem aus dann die Normen des menschlichen Zusammenlebens
bestimmt wurden. Wenn wir z.B. unsere Demokratie aus Demokrit ableiten, dann
war es der Logos, der dessen Lehre zugrunde liegt. Unserem Demokratieverständnis
fehlt dieser Logos. Schöpferische Be-stimmung/Wort ist in unserem
Gesellschaftsmodell nicht mehr die Grundlage. Nur ein darwinistischer
Kurzschluss, der das Recht der Stärkeren rechtfertigen soll, wird leider
konkret gelebt. Doch er steht abseits des Logos, der wahren Vernunft. (Der
Kurzschluss liegt u.A. darin, nur einzelne Naturgesetze auf menschliche
Verhältnisse anwenden zu wollen, ohne diese als Ausfluss eines Schöpfergottes
zu verstehen, einer Bestimmung, die weit über mich hinausgeht. Denn dadurch würden wir erkennen, das wir
unsere Stärke auf menschliche Weise im
Sinne des Gesamten einsetzen sollen, sie kein Selbstzweck ist. Ohne ein
vernünfiges Gottesbewusstsein vergeuden wir unsere Kräfte, setzen sie nicht im
Sinne einer kosmischen Vernunft ein, die in der Antike als Logos bezeichnet
wurde, dienen der Unvernunft.)
Auch wenn der Begriff Logos in erster Linie auf bestimmte philosophische Schulen und vor allem die frühchristliche Theologie beschränkt bleibt, so darf nicht verkannt werden, dass bereits das hebräische „Wort“ ganz genau das beschreibt, was die Griechen mit Logos bezeichnen. Die Bibel, nicht nur das gesamte Neue, sondern auch das Alte Testament setzt dieses Wort voraus, baut darauf auf. (An anderer Stelle muss hierzu der Nachweis gebracht werden.)
Das vorchristliche Judentum sprach von „Weisheit“ und hatte mit der Sophia ein weibliches Wesen vor Augen, das im Grunde die gleichen Aufgaben erfüllte, wie der griechische Logos. Ein durch Vernunft bestimmtes Weltgeschehen war die gepriesene Weisheit, die bei Daniel, Solomo, Hiob oder Jesus Sirach besonders besonders deutlich zutage tritt und als solches benannt wir. Diese schöpferische Weisheit war Wegweiser für den menschlichen Lebensweg. Weisheit ging nicht vom Menschen aus, sondern von Gott. Weise war es, dies zu erfassen und umzusetzen.
Doch der Weltfaktor, der in verschiedenen jüdische Schulen als Bildgestalt der Sophia zu sehen war und später von den Griechen-Juden als Logos gedacht wurde, lässt sich auf diese beiden Gestalten nicht beschränken. Es wird eine gesonderte Aufgabe sein nachzuzeichnen, wie die Propheten ihren Prophezeiungen auf die gleiche Wesenheit gründeten, die sich in anderer Form auch in der Apokalyptik ausdrückt. Diese schöpferische Weisheit, der Logos geht auch den Psalmen voraus. Die Volksfrömmigkeit wäre ohne das darin enthaltene Verständnis nicht gewesen. Die Lieder und Gebete sind die Umsetzung und Lobpreisung einer in der Weltwirklichkeit wahrgenommenen höheren Vernunft.
Wenn später die Evangelisten, die uns teilweise die Geschichte des Logos in einer menschlichen Gestalt erzählen, Psalmen-, Propheten- und Weisheistexte verwendeten, in ihren Erzählungen und Gleichnissen das umsetzen, was geschrieben steht und Jesus Psalmworte sprechen lassen, dann wurden diese ihm nicht in den Mund gelegt, wie heute von der Theologie gedacht wird. Das lebendige Wort hat wirklich gesprochen, wurde neu verstanden. Wir können ahnen und ableiten wie das, was wir Christen als Lebensgeschichte eines jungen Märtyrers betrachten, die Verwirklichung des in der Antike auf verschiedene Weise wahrgenommenen Gotteswortes ist. Wenn durch Jesus die Schrift erfüllt wurde, wie immer wieder von den Verfassern des Neuen Testamentes gesagt wird, dann war es keine Abschreiberei von alten Texten, sondern die Umsetzung einer bereits von den Alten erkannte Vernunft. Die messianische Wirkung lag in der menschlichen Gestalt, die der Logos annahm. Nur auf diese Weise konnte das Wort wieder lebendig werden, seine Aufgabe erfüllen.
Auch wenn in Rom wie in der gesamten mittelalterlich Theologie das Bewusstsein des Logos weitgehend erlosch. Der Weg scheint vernünftig gewesen zu sein. All unser Wissen, unsere Freiheit und Fähigkeit ist daraus geworden. Ohne die uns so ans Herz gewachsene – und inzwischen leider den Verstand verbauende - Gestaltwerdung des Logos/Wortes wäre nicht nur die Erkenntnis einer Weltvernunft völlig verloschen, sondern hätte sich auch der Glaube an einen einzigen allumfassenden Schöpfergott verflüchtigt. Doch dessen offenbarende Präsenz ist der primäre Wesenskern des Logos.
1.3. Logos ist
keine Ersatzbezeichnung für den Schöpfergott
Wenn wir in theologischen Texten lesen, dass durch den Logos alles geschaffen ist, das Wort alles bestimmt, dann wird leicht aus dem Logos eine Alternativ- oder Ersatzbezeichnung für Gott. Doch damit verwandeln wir den Logos ins Gegenteil. Aus dem Gegenstand der Offenbarung soll so der Offenbarte werden. Das wiederspricht sich. So hebt sich die Offenbarung auf. Der Logos wird zum Gesetz, das geglaubt werden muss. Das primäre Wesen des Logos wird so verleugnet. Ein präsent machen des unsichtbaren Schöpfers ist nicht möglich, wenn wir den Logos wie einen gesetzten Gott lesen. Es entsteht allenfalls ein Panchristus oder ein un-bestimmter – d.h. nicht von der Stimme bzw. dem gesprochenen Schöpfungswort ausgehender – Glaube. Gott kann überall sein und nirgends, ganz wie beliebt. Er wird nur noch als Projektion einer menschlichen Predigt gesehen.
So, wie wir im Rahmen der christologischen Deutung heute Christus als eine Art Miniaturausgabe des Gesetzgottes betrachten, geschieht dies in der derzeitigen Theologie teilweise auch mit dem Begriff des Logos. Insbesondere dann, wenn der Logosbegriff mit Christus identifiziert wird, geht es oft nur noch um eine Miniaturausgabe Gottes, dem die Theologie dann eine mythologische Tarnkappe aufsetzt. Doch die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Sohn/Wort/Christus und Vater setzt voraus, dass wir den Logos verstehen, der sich hinter diesen Bezeichnungen verbirgt. Wenn wir den Logos zu Gott machen bzw. Christus als eine Art Gott verstehen, ohne die das dahinter stehende vernünftige Schöpfungshandeln in der Weltwirklichkeit wahrzunehmen, missverstehen wir ihn. Wo das Wort, der Logos selbst zu Gott wird, kann er nicht als unsichtbaren Erzeuger und Erhalten verstanden werden. Denn das von ihm ausgehende Wort bleibt ungehört.
Wie das von mir gesprochene oder geschriebene Wort nur von mir ausgeht, nicht ich selbst bin, sowenig ist die Schöpfung bzw. die ihr zugrunde liegende Vernunft mit dem Schöpfer selbst gleichzusetzen. Die Vernunft, die sich in allem Werden zeigt, ist nicht Gott selbst, sondern wie in der Antike gesehen, nur der Sohn, das vom unsichtbar bleibenden Vater hervorgebrachte Wesen.
Wenn wir die verschiedenen Denkströmungen der Antike durchleuchten, wird möglicherweise ein anderer Aspekt der unterschiedlichen Begriffsverwendungen deutlich. Während der Logos, die griechische Weltvernunft einfach vorhanden war, präexistent, bringt die im hebräischen gebrauchte Bezeichnung Wort klar zum Ausdruck, dass eine andere Instanz dahinter steht, ein Wesen das gesprochen hat. Während der griechische Logos nicht unbedingt auf einen Schöpfer schließen muss, einfach vorhanden ist, in einer Art Pantheismus selbst zu vergöttern ist, weist die Bezeichnung Wort auf die primäre Offenbarungsfunktion hin. Das Wort setzt einen Sprecher voraus. Wenn also die Weltvernunft, das Werden als Wort Gottes bezeichnet wird, dann ist dies eine Weiterführung des griechischen Denkens. Was von den Griechen wieder neu belebt, im Rahmen ihrer verschiedenartigen philosophischen Schulen weiterentwickelt und auf die zwar noch metaphysisch wirkende Weltwirklichkeit bezogen wurde, war im Grunde bei den Hebräern bereits vorgezeichnet. Dort allerdings nicht als Naturgesetz und nicht als Glaubensdogma, sondern als Wort eines einzigen Schöpfergottes, von dem die gesamte Genesis in vernünftiger Abfolge All ausging.
1.4. Logos als vernünftige Gottespräsenz
Bei all den Überlegungen laufen wir immer wieder Gefahr, den wichtigsten Aspekt der gesamten Logoslehre zu übersehen. Es ist die Gottespräsenz, die im Begriff des Logos bestimmend bleibt. Wenn die alten Griechen die Väter unserer Natur- und Geisteswissenschaften sein sollen, dann darf nicht weiter übersehenen werden, was sie vorausgesetzt bzw. gesehen haben. Es waren nicht reiner Naturbetrachtung oder geistiger Modelle, die geschmiedet wurden. Die Gottespräsenz war beim der antiken wissenschaftlichen Denken selbstverständlich. Was die Hebräer mit Wort und die Juden mit Weisheit bezeichneten, wurde im Logos verstanden.
Wo das Wort Gottes nur in Büchern und im christlichen Logos eine hellenistische Kirchenlehre gelesen wird, kann der Logos in der Weltwirklichkeit kaum verstanden werden. Wenn heute der Logosbegriff erklärt wird, kommt diese Präsenz, das Sprechen Gottes in der Wirklichkeit des heute sichtbaren Werdens nicht vor. Nur Prinzipien antiker Wissenschaft werden gesehen. Auch wenn hochintelligente Naturwissenschaftler sich über Logos, Kosmos, Eros Gedanken machen, dabei die verschiedenartigen Modelle der Welterklärung darlegen, geht es nicht um Gottespräsenz. Bei den heutigen Erklärungen über ein sinnvolles Werden, eine neu, naturwissenschaftlich gesehene Weltvernunft, wird Gott nicht präsent. Auch wenn auf manchen Buchdeckeln der modernen Autoren von Gottes Hand zu lesen ist, scheint dies mehr der Verkaufsförderung zu dienen. Der eine Schöpfergott kommt in Wirklichkeit nicht vor. Gottespräsenz bleibt den Bibellesern überlassen. Denn nur die blättern bekanntlich im Wort Gott.
Das Gesetz als Ort der Gottespräsenz soll hier keineswegs verneint werden. Vielmehr war seine Existenz Voraussetzung für das Werden der westlichen Welt, das Wachsen der wissenschaftlichen Erkenntnis, auf die wir heute so stolz sind, gehört es zum Weltenverlauf, ist Teil des Wortes. Auch der Inhalt soll nicht als Wort Gottes verneint werden, sondern das genaue Gegenteil. Als Urkunde des hier beschriebenen Gotteswortes ist es nachzuweisen.
Unser Problem heute, dass auch innerhalb der Bibel Gott nicht mehr präsent ist. Die Bibel wird zwar als Wort Gottes bezeichnet, ihr Inhalt aber nicht wirklich als von Gott gesprochenes Wort verstanden wird. Was wir heute lesen ist nicht der Logos Gottes. Wir sehen Lehren, die von gläubigen Menschen ausgehen, aus jüdischen Mythen abgeleitet wurden, hellenistischen Christologien entspringen oder von einem Wanderprediger, den man Wort Gottes nannte, verkündet wurden. Zwar versuchen wir, die Bibel vernünftig zu verstehen, doch die Gottespräsenz geht so immer weiter verloren. Alle Texte werden auf vorangegangene Traditionstexte bezogen, auf Innenansichten bestimmter Menschen zurückgefürt.
Das Wort, von Gott ausgehende Weltvernunft,
die allem Werden zugrunde liegt, wird in den Texten der Bibel so wenig
wahrgenommen wie in den naturwissenschaftlichen Beschreibungen. Doch genau das
betrachte ich als eigentliches Wesen des christlichen Glaubens: Kein
Wanderprediger, keine Kirchenlehre und kein blindes Fürwahrhalten alter Texte
war der Antike Anlass für ein neues Präsent sein Gottes. Die Gottespräsenz
in der Wirklichkeit allen Lebens, der Logos als Wort Gottes ist das eigentlich
historische Wesen unseres Glaubens.
Wenn über viele Jahrhunderte hinweg der fleischgewordene Logos als ein historischer Mensch als Offenbarungswesen betrachtet wurde, so entspricht auch das der Vernunft, war wie aufgezeigt notwendig. Doch wenn z.B. heute Atheisten Jesus zwar als einen besonders begabten jungen Juden, einen Freiheitskämpfer....sehen, glauben sie deswegen noch lange nicht an Gott. Warum auch? Die heutige Vorstellung vom historischen Jesus als einem menschlichen Wesen, das als Wort Gottes verherrlicht wurde, bewirkt das Gegenteil von Glaube. Der Weg zur Wahrnehmung eines Gotteswortes in der Welt-wirklichkeit, dem was in der Antike als Logos bezeichnet wurde, wird versperrt, solange wir uns als Nachfahren eines besonders begabten Predigers verstehen und nicht das von ihm verkörperte Wort.
Was uns heute fehlt ist nicht die
Wahrnehmung eines Wanderpredigers/phlilosophen/heilers oder von diesem
ausgehende Predigten. Die gibt es wie Sand am Meer - und genauso gestalt- und
haltlos: Flugsand, der kein festes Fundament für ein fortgeschrittenes Denken
über Gott zu geben kann. Was uns
fehlt ist eine Präsenz Gottes in Geschichte, Naturbetrachtung bzw. der gesamten
Genesis. Und genau die war im Logos gegeben.
1.5. Das Wesen
des Logos liegt im Werden
Wer im Werde der Welt eine vom Schöpfergott ausgehende Vernunft versteht, der kann nicht in starren Gesetzen und dem was gewesen war seinen Glauben begründen wollen. Nicht in dem was einst gesagt wurde, sondern was permanent von Gott gesagt wird, liegt der Glaubensgrund.
Gesetze, Katechismen, auch wenn in ihnen vom Logos gesprochen wird, Lehren zum Ausdruck kommen, die dem in der Antike verstandenen Logos entsprachen, stehen dem Logos im Wege, laufen Gefahr ihn ins Gegenteil zu verwandeln. Das Festhalten an dem was einst sinnvoll war muss nicht der heutigen höheren Vernunft zu entsprechen. Doch daran muss sich das Verhalten messen lassen. Nicht menschliche Meinungen, was wir oft mit Vernunft bezeichnet ist hier gefragt, sondern eine Vernunft, die sich aus der schöpferischen Vernunft ableiten lässt, einem höheren Sinn und Zweck des Menschen gerecht wird.
Doch ebenso wenig wie die alle Lebensnormen der Antike, auch wenn sie damals vernünftig waren, noch heute eine höheren Vernunft entsprechen, kann der Glaube auf alten Aussagen gründen. Nicht in Welterklärungsmodellen der Antike, sondern in wissenschaftlichen Weltbeschreibungen von heute muss sich das Wort Gottes verstehen lassen. Denn genau das unterscheidet den Logos vom Gesetz. Das Gesetz ist wie ein eingefrorener Logos. Es ist starr und unbeweglich. Ein Fluss, Fortschritt kann so nicht stattfinden. Allenfalls ein Wegbrechen, wie es heute beim Bibellesen geschieht. Doch bereits Heraklit erkannte: „Alles fließt“. Im Fluss des Lebens liegt der Logos. Doch wenn wir das Wesen des Logos im Werden wahrnehmen, dann müssen wir auch im Denken über Gott fortschreiten. Während das Gesetz versteinert, unbeweglich wird und den lebendigen Glauben nicht begründen, ein Abfall vom Glaube durch eine Gesetzlichkeit praktisch vorprogrammiert ist, bleibt der auf den Logos gründende Glaube beweglich, entwickelt sich weiter.
1.6. Der Logos
als Gegensatz zu Mythos und Gesetzlichkeit
Wo eine universelle Vernunft wahrgenommen wird, aus der alles hervorgeht, da muss selbstverständlich auch der Glaube vernünftig begründet werden. Logos und Mythos schließen sich dabei ebenso wenig aus wie Gesetz und Logos. So wie dem Gesetz des Glaubens der Logos, das schöpferische Wort zugrunde liegt, so auch dem Mythos. Der Mythos ist als eine bildhafte dem jeweiligen Verständnis gerecht werdende Beschreibung des Logos zu verstehen. Im Mythos wird das Schöpfungshandeln beschrieben, wird die Vernunft des Schöpfergottes in lebendigen Bildern zum Ausdruck gebracht und bewahrt.
Auch war es vernünftig, die bildhafte Ausdrucksform zu wählen und ist es vernünftig, den Mythos zu bewahren und nicht einfach zu entfernen, wie dies derzeit bei der Betrachtung biblischer Berichte oft geschieht. Was nicht in einen geschichtlichen Rahmen passt oder gar bei der buchstäblichen Betrachtung als historische Realität verneint wird, lässt man einfach beiseite. Statt die sich hinter den Bildberichten stehende historische Realität zu verstehen, werden sie oft abgestritten oder als alte Mythen abgetan.
Und doch scheint der Logos dem Mythos entgegenzustehen. Denn im Begriff des Logos drückt sich ein Verstehen aus. Wo der Mythos bleibt, wird dem Logos der Weg versperrt. Den Mythos dürfen wird allenfalls als Murmeln Gottes sehen. Ein Wort will verstanden werden.
Eine Gesetzlichkeit bleibt starr. Was einst vernünftig war, wird beibehalten, ob es noch der Vernunft ent-spricht oder nicht, ist nebensächlich, kann nicht zählen. Wenn nur das Gesetz der Tradition be-stimmt geht es nur um dessen Einhaltung, unabhängig von vernünftiger Einsicht. Ob z.B. das einst sinnvoll Schächten heute noch Sinn macht, ist unerheblich. Das am Sabbat in den Brunnen gefallene Kind hat Pech gehabt. Wo das Wort Gottes selbst spricht ist die schöpferische Vernunft, die Stimme Gottes be-stimmend, ent-spricht das Leben des Menschen seiner Sprache/Wort.
Der Gegensatz zwischen Gesetz und Logos bzw. die Problematik unseres heutigen Glaubens kommt in der Auseinandersetzung der angeblichen Kreationisten mit der Amtskirche und der nur von einem rein materialistischen Weltbild ausgehenden Naturwissenschaft besonders deutlich zum Ausdruck.
Die Ursprungsfrage wird von den sogenannten Kreationisten als Mittelpunkt christlicher Lehre erkannt. Doch statt im Logos, einer allumfassenden und naturwissenschaftlich bewiesenen Vernunft, werden die Buchstaben des Gesetzes als einzige Begründung gesehen. Auf in den Augen der Naturwissenschaftler pseudowissenschaftliche Weise wird versucht die Evolutionslehre abzustreiten. Statt in der natürlichen Kreation des gesamten Kosmos das Wort Gottes wahrzunehmen, wird nur im Gesetz gelesen. Fälschlicherweise wird dies dann noch als Fundamentalismus bezeichnet. Falsch deshalb, weil am Anfang nicht das Gesetz stand, sondern der Logos, der Fleisch und damit auch Gesetz werden musste. Denn das Christentum verdanke sich nachweislich keinem besonders begabten Schriftgelehrten, sondern dem historisch nachweisbar lebendigen Wort, das in der Antike als Logos gelehrt wurde.
In diesem Logos löst sich der angebliche Gegensatz zwischen Gesetzlichkeit und lebendiger Wahrnehmung auf. Denn im Grunde geht es den Kreationisten nicht um eine Bibelbestätigung durch naturwissenschaftliche Kopfstände, wie sie derzeit von den atheistischer Wissenschaft als lächerlich gemacht werden, sondern um die Bewahrheitung der Kreation Gottes. Und genau die war durch den Logos gegeben, ob wir ihn nun in frühphilosophischen Lehren oder späterer christlicher Ausprägung erkennen. Doch wurde die Kreation Gottes nicht einfach aufgrund traditioneller Texte angenommen ohne nachzudenken und nicht durch Naturwissenschaftsverdrehung bestätigt, sondern im wissenschaftlichen Weltbild der Antike auf Grundlage des Logos erkannt.
Wenn heutige Pfarrer von Gott reden, der aus sich heraus Himmel und Erde gemacht hat, dessen Kraft den gesamten Kosmos bestimmt, dann bleibt das schöpferische Wort unberücksichtig. Nur das Gesetzt, die Ur-kunde des Logos, wird ganz selbstverständlich als Wort Gottes gelesen. Natürliches Werden wird wie in einer Art Selbstschutz ausgeblendet. Darüber wird nicht nachgedacht. Kann es auch nicht, solange wir über Jahrhunderte eingeübt und vorgegeben, Gotteshandeln nur im Hokus Pokus, dem nicht zu erklärenden Zauber suchen. Wenn Jesus zitiert wird als der, in dem Tod und Auferstehung sichtbar werden, dann bleibt dies ein Lippenbekenntnis, von einem unbegreiflichen Gott. Doch genau der war im Logos ursprünglich begreifbar geworden. Weder ein Wanderprediger, noch ein unsichtbarer Gott war Gegenstand des Neuen Testamentes. Der Herr, von dem Paulus gesprochen hat, und in dessen Hand unser Leben und Tod liegt, ist nicht einfach ein vor-gesetzter Gott gewesen. Denn damit würden wir Paulus ins Gegenteil verwandeln. Auch wenn er nicht das Ende des Gesetzes war, wie vor wenigen Jahren noch viele Theologen behaupteten. Keine Gesetzlichkeit, sondern der im gesamten Kosmos sichtbare Logos, war Grundlage des neuen Glaubens. Im vernünftigen Gotteshandeln, dem schöpferischen Logos, aus dem heraus Paulus schrieb bzw. das neue theologische Paradigma ausgegangen ist, hat sich damals der einzige Schöpfergott offenbart.
Wer vom Logos ausgeht bracht keinen Kampf zwischen Naturwissenschaft und biblischer Lehre mehr zu führen. Das Heilshandeln Gottes wird in Rahmen der wissenschaftlichen Welterklärung wahrgenommen. Jede biologische Erfahrung bringt den Logos/Wort Gottes neu ans Licht. Aus dem Mund Gottes wird die Wirklichkeit der Welt be-stimmt. Jede nachweisbare Weiter- und Höherentwicklung lässt auf das Hören des schöpferischen Wortes schließen. Evolution ist eine Form der Erkenntnis von höherer Vernunft, bei der sich das im Sinne des Schöpfers tauglich-vernünftige auf Dauer durchsetzen wird. Darauf haben wir sein ewiges Wort, das sich in der Weltwirklichkeit nachlesen lässt. Nicht der kurzfristig Stärkere, sondern was dem schöpferischen Sinn in seiner jeweiligen Art gerecht ist, wird langfristig beibehalten. So ist die Biologie allen Lebens und nur so hat sich alles zu dem entwickelt, für was wir heute Gott als freie, geistbegabte danken dürfen. Tod und Krankheit haben in diesem schöpferischen Plan ebenso ihre Be-stimmung, entsprechen dem Wort, einer nachweislichen biologischen Vernunft, wie alles was in der Natur geschieht. Durch den Logos wird die sichtbare Welt zum Zeugnis der Schöpfung Gottes. Was gibt es mehr an offenbarer Gottespräsenz? Und sah, dass es gut war...Und sprach...schied Licht von der Finsternis...all dies wurde im Logos antik naturwissenschaftlich bestätigt.
Nicht durch Verleugnung der Naturwissenschaft oder ihre Nichtbeachtung, sondern in einer neuen Sichtweise des natürlichen Geschehens kann die Kreation Gottes sichtbar gemacht werden. In diesem sichtbaren Handeln eines vernünftigen Schöpfers liegt heute das Wesen des Logos. Wenn wir dem historischen Jesus gerecht werden wollen, müssen wir daher zu einem neuen Verständnis kommen, das wie damals den Logos im gesamten Kosmos als schöpferische Wirklichkeit erkennt.
Das Gesetz hat damit nicht seine Schuldigkeit getan und kann gehen. Ohne das Gesetz könnten wir die Wirklichkeit des lebendigen Wortes nicht wahrnehmen. Wenn wir nicht nachvollziehen könnten, um was es en Denkern damals ging, könnte das im gesamten Kosmos wirkende Wort nicht neu als präexistentes Wesen wahrnehmen. Wir hätten nur das Naturwissen in der Hand, ohne zu wissen, dass es hier nur um eine neue Beschreibung des Gotteswortes geht. Doch wer will den Naturwissenschaftlern verdenken, dass sie in einen Atheismus verfallen, wenn das Wort Gottes in buchstäblicher Weise betrachtet, durch einen nichterklärlichen Zauber die Welt hervorgebracht haben soll. Und wenn auch die Amtstheologie die buchstäbliche Lehre von der Genesis aufgegeben hat, so bleibt das Gotteshandeln im Verborgenen, geisterhaft. Die Naturbrechungen eines jungen Wunderheilers sollen dann auf die Schöpfungskraft Gottes schließen lassen. Wie wenig. Selbst wenn diese Wunder dann als Übernahme alttestamentlicher Texte, Symbole abgetan werden, sie werden immer unwirklicher. Wie soll ein normal denkender Naturwissenschaftler dabei erkennen, dass es das damals als Logos bezeichnete Wort Gottes war und ist, dass Wind und Wellen bestimmt, der Logos das gesamte Weltgeschehen lenkt? Kein junger Jude hat seine Jünger vor dem Untergang bewahrt, sondern das lebendige Wort, das damals verstanden wurde.
Selbstverständlich haben viele große Naturwissenschaftler die über die reine Materie hinausdachten eine schöpferische Kraft wahrgenommen, wissenschaftlich erkannt, dass Gott nicht willkürlich wirkt, zufällig würfelt. Doch wo Gott ins Gesetz verbannt wird, darf nicht verwundern, wenn aus den meisten Naturwissenschaftlern atheistische Materialisten werden. Sie arbeiten am Logos, ohne ihn als solchen wahrzunehmen. Wieso auch, es war ja angeblich nur ein historischer Wanderprediger mit Namen Jesus, der anschließend als Christus vergöttert wurde.
Nur durch den Glauben können wir die Gesetzlichkeit überwinden. Damit ist klar, dass der Glaube kein Fürwahrhalten alter Texte und Traditionsmythen ist. Christlicher Glaube gründet auf dem lebendigen Wort Gottes, durch das die Welt existiert und in dem sich die Machart bzw. die Macht Gottes offenbart. Nur davon geht menschlicher Sinn und Moral aus. Alles andere sind pharisäerhafte Forderungen, gut gemeint, nicht unbedingt falsch, aber unerfüllbar. Der Bruch in der Menschheitsgeschichte mit dem Schöpfergott kann nicht durch einen Rückfall in den Mythos geheilt werden, nicht durch eine blinde Buchstabengesetzlichkeit, wie sie aus Amerika überschwappt, nicht rein persönliche Frömmigkeit und nicht menschliche Prediger, die sich als Evangelisten bezeichnen. Das Evangelium ging vom schöpferischen Wort aus, dem Logos, der allem Werden zugrunde liegt.
1.7. Das
Wort/der Logos als Mittel der Diskussion bzw. dialektischen Forschrittes
Das schöpferische Wort ist nicht nur die Mitteilungsform des unsichtbaren Gottes an die Menschen, es vermittelt nicht nur, sondern ist ebenso Mittel zu Dialog und Diskussion. Wie gezeigt, ist das Wort kein starres Gesetz, sondern im Fluss, muss sich einem ewigen Fortschritt, einem permanenten Neuverständnis unterziehen.
Wen wundert, dass das Wort daher auch Stoff der Diskussion zwischen den verschiedenen Kulturen und Zeitepochen war und sein wird?
Was sich im fernen Osten in der Lehre vom Tao ausdrückt, wurde von den Hebräern Wort Gottes und den Griechen Logos genannt. Auch wenn unterschiedliche Aspekte jeweils im Vordergrund stehen, die Wesenheit bleibt die gleiche. Und all diese Lehren gehen von Gott aus, wollen ihn begründen und seine Vernunft auf verschiedene Weise verwirklichen. Auch wenn heute beim Yoga nur Gymnastische Übungen vollzogen, die Akupunktur wie eine schulmedizinische Übung abgehandelt wird, es ging um mehr. Auch wenn die Philosophen der Aufklärung das Werden der Welt im Rahmen einer Dialektik erklärten, lässt sich in diesem Dialekt das schöpferische Wort wahrnehmen. Doch genau die Verschiedenartigkeit der Wahrnehmung, die letztlich zum Fortschritt, einer Weiterentwicklung führt, macht einen weiteren Wesenskern des Logos aus.
Auch die antiken Denker waren uneins über das wahre Wesen des Logos/Wortes, sein Verhältnis zu Gott. Die Auseinandersetzung, ob der Logos ein Gotteswesen bzw. ein göttlicher Aspekt selbst sei, also eine Art Gott oder nur ein Ausfluss des transzendenten Gottes, der wesensgleich ab nicht wesenseins war, beschäftigte das antike Denken. Ich kann nicht weiter davon ausgehend, dass die Kirchenväter auf den Konzilen darum gestritten haben, wie man am besten einen Wanderprediger vergöttert. Der Grund der Auseinandersetzung war die verschiedenartige Form der Wahrnehmung des Gotteswortes, die unterschiedliche Betonung dessen verschiedener Aspekte und Wesenheiten. Wie das Wort im Verhältnis zum Vatergott steht und nicht wie ein Mensch verherrlicht werden sollte war Stoff der Diskussion. Gerade in der Auseinandersetzung der selbst von ihren Gegnern als christlich anerkannten Lehren, die wir als Gnosis abtun mit einer Auslegung, die sich als Amtskirche durchsetzte, ist deutlich zu erkennen um was es in Wirklichkeit geht. Nicht um einen jungen Juden, den wir für den historischen Jesus halten, wurde gestritten, sondern um das lebendige Wort, das damals in den verschiedenen Denkschulen wahrgenommen und auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck gebracht wurde. Der Logos liegt allen Lehren zugrunde, die sich zur Zeit Jesus nachvollziehen lassen. Die Frage war: Wie er dauerhaft verstanden bzw. im Kontext des traditionellen Denkens der Welt verständlich gemacht und zur Wahrnehmung des einen Schöpfergottes führen kann?
Viele verschiedene Lehren lassen sich im frühen Christentum ausmachen. Sehr unterschiedliche Ausformen des Logos und daraus abgeleitete Lebenslehren sahen sich als wahrhaft christlich. Viele von ihnen verschwanden oder wurden bereits vor ihrer Verflüchtigung ausgeschieden. Auch darin ist eine vernünftige Entwicklung nachzuvollziehen.
Keineswegs alle Lehren, die den Logos zur geistigen Grundlage hatten mündeten in das Christentum, auch wenn ich heute im historischen Jesus eine Fleischwerdung des Logos, der damals wahrgenommenen Weltvernunft vermute, so bedeutet dies nicht, dass mit dem Christentum die Vielzahl der verschiedenen philosophischen Lehren verstummten. Die Stoa existierte weiter, auch wenn der ihr zugrunde liegende Logos im Christentum menschliche Gestalt angenommen hatte und viele der philosophischen Denker als Christen zu sehen sind. Wir wissen auch, dass noch lange nach Christus die Bilder von Abraham, Orpheus, Apollonios und Jesus nebeneinander standen.
Dionysos, Isis und andere hellenistische Göttersöhne hatten mit dem Gottessohn Jesus ihren Geist noch nicht aufgegeben. Doch die Zeit der Göttersöhne scheint abgelaufen gewesen zu sein. Auch der römische Kaiserkult und germanische Naturvergötterung waren ihrer Zeit nicht mehr gewachsen. An ihre Stelle trat der christliche Glaube. Doch kann die Mission nicht von einem Menschen ausgegangen sein, den wir heute für den historischen Jesus halten. Der Logos war im frühen Christentum noch weit lebendiger als heute. Wenn sich römischer Kaiserkult, germanische Naturverehrung und hellenistisches Götterwesen ebenso wie andere orientalische Glaubensformen im Christentum wiederfanden, dann kann es kein Wanderprediger, sondern das lebendige Wort, der Logos Gottes gewesen sein, von dem die Mission ausging und der der gemeinsame Nenner war.
1.8. Der Logos
offenbart Wirken und Willen Gottes: Wachsen und Wohlstand
Warum bei der Wahrnehmung des Logos als Gotteswort das traditionelle Gesetz nicht mehr bestimmend ist, sondern die vom Schöpfer ausgehende Vernunft, wurde bereits dargestellt. Doch ebenso bedeutend ist, das sich im Verständnis einer vom Schöpfer ausgehenden Weltvernunft alles Werden und Wirken auf Gott selbst beziehen lässt. Das Wirken Gottes wird in der Wirklichkeit des Weltgeschehens erfasst. Die Güte und Allmacht Gottes, die Vergebung, Rechtfertigung, Gerechtigkeit und Richterfunktion, das alles ist vom Logos ausgehend – der nicht gläubig gesetzt wird, sondern verstanden - vernünftig nachzuvollziehen. Wer vom Logos ausgeht, fragt nicht das Gesetz was Gott macht, sondern sieht, dass die in der Tradition beschriebene Allmacht mit der alltäglichen Realität übereinstimmt.
Und so wie das Wirken, lässt sich vom Logos ausgehend auch der Wille Gottes im schöpferischen verstehen. Nicht ein Naturgesetz, sondern Gotteswille als über aller Natur stehende Vernunft werden verständlich. Wer von einer Vernunft, einem Wort ausgeht, das hinter allem Werden und Wachsten steht, der führt nicht nur alles Wachsen auf Gott zurück, sondern der sieht auch im vernünftigen Wohlstand schöpferischen Willen. Fortschritt und Weiterentwicklung des Verstandes gehören dann – wenn wir im evolutionären Werden das Wort Gottes verstehen – zum unumstößlichen Gotteswillen.
Die Verhaltenregeln des Neuen Testamentes sind somit weder alte aufgewärmte Tradition, noch nur eine etwas modernere Ethik oder Moralvorschrift. Hinter allem steht Verstand und Vernunft. Das Gebot der Nächstenliebe wie dich selbst, gehört dann ebenso zur vernünftigen Lebensweise, wie dies in der goldenen Lebensregel der Aufklärung erklärt wird. Darin nur eine Philosophie oder Weltethik im heutigen Sinne zu vermuten, wäre eine Verkürzung. Es ist der unmittelbare Wille Gottes, der aus seinem Wort, einer allem Werden zugrunde liegenden Vernunft abgeleitet wird.
Keine Verhaltensweise, keine Vorschrift würde im Rahmen dieses Denkens zum Selbstzweck. Alles Verhalten muss sich der schöpferischen Vernunft unterordnen, weiterentwickeln. Ob die in das Neue Testament hineingelesene Verzichtsethik, Moralvorstellungen oder sonstige Lebenslehren, alles muss sich am Logos messen lassen, einer höheren Vernunft unterordnen.
Vernünftig ist in dieser Denkweise gleichzusetzen mit natürlich, sinnstiftend/^-voll, logisch. Alles Werden ist heute als natürlich, logisch zu erklären. Der Sinn der Welt und mir als winziger Teil davon, sind durch das Wort eines Schöpfervaters vorgegeben, das im natürlichen Geschehen wahrgenommen werden kann. Ich bin somit nicht mehr Kind eines schöpferischen Universums, sondern erkenne hinter aller Materie, die mich ausgedrückt hat, die Stimme des Vaters. Nicht pures Naturgesetz, sondern vernünftiges Gotteswort sind maßgebend für ein Verhalten. Wie kann ich auf menschliche Weise zur vernünftigen Genesis beitragen? Wie kann ich der schöpferischen Zielsetzung, dem Wille eines Vaters, von dessen Wort alle Welt ausgeht, gerecht werden? Diese Fragen bestimmen das Denken eines Menschen, der den Logos als Wort Gottes versteht, wie dies in der Antike gegeben war.
Wer in allem natürlich-evolutionären Werden das Gotteswort versteht, der hat nicht nur keinen Zweifel am wohlbringenden Schöpfungswirken, für den ist menschlicher Wohlstand kein Missstand, sondern Wille Gottes. Wobei sich selbstverständlich Wohlstand nicht am willkürlichen Egoismus Einzelner messen darf, die den ihnen von oben be-stimmten Sinn ihres sein nicht sehen. Wohlstand des Menschen muss im Sinne des vom Logos ausgehenden Denkens von übergeordneten Vernunft ent-sprechen. So ergibt sich eine völlig neue Vorstellung von Wohlstand. Doch das Wesentlich dabei: wer vom Logos ausgeht, verlangt nicht den Verzicht auf Wohlstand und Wachstum, den Lustverlust, sondern ein Ausleben wahrer Lust. (Epikur lässt grüssen.)
Doch all dies Denken ist keine Philosophie im heutigen Sinne und war es auch in der Antike nicht. Denn wer die Weltvernunft als Sohn Gottes sieht, der verlangt ein vernünftiges Denken über Gott in der Weltrealität. Diese Philosophie, die von Gott ausgeht, ist und war wahre Theologie, auch wenn Gesetzeslehrer, die weiterhin nur einen Wanderprediger als Grund des Glaubens annehmen, dies abstreiten müssen.
1.9. Eine neue Wahrnehmung des Logos/lebendigen Wortes würde Wunder bewirken
Zwei Millionen Menschen suchen einen Außerirdischen, ist aktuell zu lesen. Forscher rund um den Globus versuchen intelligentem Leben auf fernen Planeten nachzuspüren. Andere sehen in Außerirdischen Lebewesen den Anlass für bisher unerklärliche Weltwunder. Der Mensch sucht verzweifelt nach einem Wesen, das seinem gleicht. Zahlreiche Fernsehserien ernähren sich von der Suche des Menschen nach im verwandte Wesen im fernen Weltall.
Ein Logos, der dem Weltgeschehen zugrunde liegt, wird vorausgesetzt, jedoch nicht wahrgenommen. Doch wer wie selbstverständlich auf anderen Planeten Wesen vermutet, die ähnlich gewachsen sind wie der Mensch, wer zumindest von einem vernünftigen Gleichlauf des gesamten Universums ausgeht, der vertraut im Grunde auf das, was in der Antike als Gottessohn gesehen wurde. Wie sonst könnten wir auf den Gedanken kommen, dass auf fernen Planeten Wesen wachsen würden, die uns Menschen in irgendeiner Form ähneln, wenn wir nicht ein vernünftiger Schöpfungshandeln über alle Grenzen von Zeit und Raum hinweg voraussetzen würden. Der präexistente Logos ist eine Realität, die unserem gesamten Denken zugrunde liegt, auch wenn er als solcher nicht gesehen wird. Was die Aramäer und Ägypter angesichts der planetaren himmlischen Ordnung vermuteten, ist für uns so selbstverständlich, dass wir es nicht mehr beachten.
Doch nicht allein das Universum, dessen Vernunft in Evolutionslehre und Urknalltheorie nachmodelliert wird, sondern auch das menschliche Verständnis des Wortes ist universal nachzuweisen. Was sonst als das, was in der Antike als der Logos liegt zugrunde, wenn wir heute Kultstädten der Inkas ausgraben, die ägyptische oder anderen orientalischen Kultformen gleichen. Kein Kulturaustausch per Brieftauben, kein gegenseitiger Austausch oder ein Abschreiben, wie es heute bei theologischen Erklärungen Tagesordnung ist und kein gemeinsames Bibellesen per Internet hat zu einem solchen Gleichklang der Kultformen geführt. Es war das schöpferische Wort, das allem Werden zugrunde liegt. Auch wenn dieses Wort auf unterschiedliche Weise wahrgenommen und umgesetzt wurde, es ist ein Autor, von dem es ausgeht.
Um das Paradox auf den Punkt zu bringen: Gäbe es wirklich auf anderen Planeten menschenartige Wesen – wovon ich nicht ausgehe, weil ich vermute, dass die Vielfalt schöpferischer Kreativität unser Vorstellungsvermögen übersteigt – sie würden das Wort Gottes auf ihre spezifische Weise verstehen und verehren. Denn erst durch die Wahrnehmung des Wortes, eines Kultes auf der jeweiligen Stufe entwickelte sich das menschliche Wesen. Auch wären mit großer Sicherheit ähnliche Stufen bei der Wahrnehmung des schöpferischen Wortes nachzuvollziehen, wie in der Entwicklung der Erdenbürger. Und würden unsere Nachbarn auf fernen Planeten bei ihrem Kult von diesem Wort ausgehen, ihm eine ihrer Entwicklung angemessene Gestalt geben, ich würde sie als Christen bezeichnen.
Denn die Denker der Antike träumten weniger von menschenartigen Lebewesen auf fernen Planeten, gingen aber vom Logos allen Lebens aus. Ihre Hoffnung galt einem Wesen, das den Lauf der Planeten bestimmte, dem das gesamte All eine sichtbare vernünftige Ordnung verdankte. In dieser in allem Werden sichtbaren Software sahen sie eine reale Gestalt. Die Wahrnehmung bzw. das Verständnis dieser Vernunft, so hofften sie, sollte die Menschen zum vernünftigen Glauben bringen, einer vernünftigen Lebensweise führen. Wer will ihnen verdenken, wenn sie dieser Vernunft eine menschliche Gestalt gaben? Keine der philosophischen Lehren, die auf den gleichen Logos bauten, ihn jedoch nicht in der christlichen Form personifizierten, hat sich erhalten. Keine konnte die Welt auch nur annähern so weiterbewegen, wie dies durch die Gestalt des Wanderpredigers geschehen ist. Wo ist die Stoa? Wer richtet sich nach Epikur? Wem hat Sokrates noch was zu sagen? Was können alle gnostisch-philosophischen Lehren zu einem vernünftigen Leben beitragen? Was sich erhalten hat ist einzig die Denkweise, die das Wort als menschliches Wesen sah. Hierin lag also die wahre Philosophie.
(Die Trennung der Begriffe Theologie und Philosophie ist eine Erfindung der Neuzeit. In der Antike nahm die Philosophie das vernünftige Denken über Gott wahr, setzte sein in der Schöpfung lebendiges Wort, seinen Logos um. Eine Aufgabe, der heute weder die säkularisierte Philosophie, noch eine Theologie, die nur in alten Büchern blättert, nachkommt.)
Doch nicht nur die rein philosophischen Systeme der Antike sind untergegangen. Noch schneller haben die neuzeitlichen Philosophien ihren Geist aufgegeben. Die Hoffnungen der humanistischen Aufklärung haben sich nicht erfüllt. Alle nur auf menschliche Denkmodelle gründende Ismen brachten und bringen nicht wirklich ein vernünftiges Wesen hervor. Weder von sozialistischen Gesellschaftsmodellen, noch von freiheitlichen Demokratie ging ein vernünftiges kollektives Verhalten hervor. Vielmehr beweist die Geschichte der Gegenwart, dass Kommunismus und ego- bzw. kapitalzentrierte Marktwirtschaften das genaue Gegenteil bewirken. Das Projekt eines philosophischen Humanismus mag gescheitert sein. Jetzt wäre die Zeit reif, sich auf eine Philosophie zu besinnen, die 2000 Jahre zwar nicht ohne Tadel, aber wirkungsvoll war: denn aus ihr ist erst die Aufklärung hervorgegangen.
Doch die Welt ist ein Fluss. Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Was in der Antike wirkungsvoll war, muss heute neu überdacht werden. Die Story vom Wanderprediger ist und bleibt wahr und richtig. Doch heute müssen wir sie als Lebensgeschichte des lebendigen Wortes in Menschengestalt lesen. Das in der Antike verstandene Wort Gottes gilt es im heutigen Weltbild neu zu verstehen.
Erst wenn wir die Wirkung verstehen, die von den verschiedenen Ausformungen die vom Verständnis eines Logos/lebendigen Wortes ausgegangen sind, können wir erfassen was uns heute fehlt.
Wenn wir nachvollziehen, wie aus mystischen Göttervorstellungen ein auf Verstand gründender Glaube, aus toten, die Vernunft ins Gegenteil verkehrenden Gesetzen ein waches Gottesverständnis, aus einer nicht mehr zeitgemäßen und unfruchtbaren, eine wirkungsvolle Gotteswahrnehmung wurde, die auf das Wort, den in der realen Schöpfungs-wirklichkeit verstanden Logos gründete, können wir verstehen, was uns heute fehlt.
Erst wenn wir das Christentum nicht als Ausfluss der Verherrlichung eines Wanderpredigers oder aufgewärmter jüdischer Traditionen, sondern als neue wahrhaft vernünftige Wahrnehmung des schöpferischen Logos begreifen, können wir erkennen,
welche Wunder das Verständnis einer realen schöpferischen Vernunft im wissenschaftlich nachweisbaren Weltgeschehen bewirken würde.
(Ein Glück für die heutige Theologie, dass sie das Christentum weder als wahre Philosophie sieht, noch für ein vernünftiges Denken verantwortlich gemacht wird. Mit der Wahrnehmung einer universellen, aller Schöpfung zugrunde liegenden Vernunft, dem was in der Antike als Logos bezeichnet wurde, hat heutige Theologie scheinbar nichts zu tun. Sie hat es gut. Weiterhin hält sie einen altruistischer Wanderprediger und Wunderheiler hoch, den die Hellenisten als Logos verherrlicht hätten. So kann man trotz kollektiver Unvernunft in Frieden leben, eine Moralpredigt halten, die Welt und die Kirchenaustritte beklagen und wenn’s hoch kommt individuelle Seelenmassage für einen kleinen Rest Kirchentreuer betreiben, einen in der globalen Welt notwendigen Weltethos verlangen. Woher der kommen soll? Wie Gott heute in Umsetzung der angeblichen Aufklärung vernünftige als Vater des Alles begriffen werden kann? Mit all dem hat christliche Theologie scheinbar nichts zu tun. Es war ja nur ein als Logos verherrlichter Wanderprediger. )
2. Durch
Betrachtung alter Lehren den Logos neu ans Licht bringen
Auch bei der folgenden Betrachtung des antiken Bewusstseins vom Logos spielt die neue Perspektive, aus der heraus die christliche Religion hier betrachtet wird, eine entscheidende Rolle. Im antiken Denken werden Zeugen des wahren christlichen Wesens gesucht.
2.1. Der
historische Wanderprediger steht dem Wort im Wege
Auch wenn die Logoslehre, die über 1000 Jahre vor allem den griechischen Sprachraum beherrschte, von der heutigen Theologie anerkannt wird, so bleibt doch ihre Bedeutung für das christliche Denken im Dunkeln. Was hat uns der Logos, das lebendige Wort zu sagen, wenn wir nur die Nachfahren eines besonders begnadeten Predigers, Philosophen oder Wunderheilers sind?
Zwar wird heute belegt, dass Johannes nicht nur in seinem Prolog vom Logos spricht, sondern seine ganze Lehre von diesem ausgeht, doch gleichzeitig wird weiter das Heil in einem historischen jungen Juden gesehen. Auch viele andere Aussagen des Neuen Testamentes, die Brieftheologie und ebenso zwischen- und alttestamentliche Texte werden als Ausfluss der Logoslehre nachgewiesen. Doch ist Paulus nur mit der Logoslehre in Berührung gekommen, wie versucht wird zu entschuldigen, nahm er nur eine Anleihe beim griechischen Denken auf, um einen jungen Juden zu verherrlichen, oder gründet seine neue Theologie nicht vielmehr auf den hinter der Logoslehre stehende Weltverstand? Können wir nicht erst die uns gerade von Paulus beschriebene Glaubenswende und ihre Heilswirkung begreifen, wenn wir statt eines einfachen Menschen das in Jesus personifizierte Wort, den lebendigen Logos sehen?
Wie aus fast unerklärlichem Grunde, wird weiter am historischen Wesen eines Wanderpredigers festgehalten, der dann der eigentliche Heilbringer gewesen sein soll. Auch wenn sich der Grund für dieses Festhalten nachvollziehen lässt, eine historische Grundlage ist ebenso wenig gegeben wie eine vernünftige Begründung für diese Form der Vorstellung. Wer sich die geistige Entwicklung der Antike vergegenwärtigt, der kann nicht weiter nur einen Wunderheile oder was über diesen gesagt und gedacht wurde als Wesen einer Glaubenswende wahrnehmen wollen. Er würde sonst nicht nur gegen den Verstand, sondern auch gegen die Vernunft verstoßen.
Gleichwohl heutige Geisteswissenschaftler wie Wilhelm Kelber in „Die Logos-Lehre von Heraklith bis Origenes“ die Logosblindheit beim Lesen der Bibel beklagen, deren Bedeutung für die Bibel ausführlich belegen und das antike Denken kenntnisreich schildern, bleibt ihnen verborgen, das das Verständnis des Logos/Wortes allen Texten vorausgeht. Solange ein Wunderheiler als historischer Grund angenommen wird, kann nicht der Logos in Menschengestalt als Grundlage erkannt werden. Es ist ein theologischer Teufelskreis.
Solange wir blind sind für den unserem Glauben zugrunde liegenden Logos der Bibel, begreifen wir nicht, welche Bedeutung der Logos hat, der das Werden der Welt bewirkt, sich dort zeigt. Doch solange wir hier im Leben dem natürlichen Logos keine Gestalt geben, bleibt der Theologie keine andere Wahl, wie an einem historischen Menschen als eigentlichen Grund festzuhalten. Solange im natürlichen Geschehen keine schöpferische Vernunft wahrgenommen wird, muss die Theologie an einem historischen Menschen festhalten. Sie hätte sonst nur eine antike Begrifflichkeit in Händen. So ist sie gezwungen einen antiken Che Guevarra als ihren Ausgangspunkt zu sehen, statt das Wort Gottes an den Anfang zu stellen.
2.2. Durch ein
umfassendes Verständnis die Logosblindheit überwinden
Um den Logos der Gegenwart begreifen zu können, müssen wir in der Geschichte nachschlagen. Die Geschichte des Logos bzw. in einer umfassenden Betrachtung auch des gesamten Schöpfungsverständnisses, kann hier nicht ausgebreitet werden.
Alten Schöpfungsmythen bis zur heutigen Urknalltheorie und vielen anderen heute kursierenden kosmologischen Modellen müssten sonst beschrieben werden. Symmetrieordnung oder die damit verwandte Chaostheorie und selbstverständlich die Evolutionstheorie und alle naturwissenschaftlichen biologischen und physikalischen Beschreibungen wären aufzuaddieren und dort die Vernunft nachzuweisen.
Die gesamte philosophische Lehre, von der frühen griechischen Naturlehre bis zu neuzeitlichen Philosophie kann als Geschichte des Logos nachgeblättert werden. Auch wenn hier nur an wenigen Stellen vom Wort Gottes gesprochen wird, Übereinstimmung oder gar Deckungsgleichheit mit der Theologie nur der Antike anzutreffen ist, so liegt doch aller Philosophie das Verständnis einer vernünftigen Schöpfungsordnung zugrunde. Gerade an der philosophischen Entwicklung, dem Spannungsverhältnis zwischen Theologie und Philosophie lässt sich die Leidensgeschichte des Logos nachlesen. Erst wenn wir das Wesen unseres christlichen Glaubens nicht in einem Wanderprediger sehen, sondern im schöpferischen Wort, werden wir verstehen, warum nicht nur Naturphilosophen oder Denker wie Schelling, die konkret den schöpferischen Logos beschreiben, sondern z.B. auch Hegel und Goethe den Gottessohn in Händen halten, ohne ihn als solches erkennen zu können. (Denn der ist nach theologischer Lehre ja noch immer nur ein Hoheitstitel, den die Frühchristen zur Verherrlichung eines menschlichen Gurus bei den Hellenisten ausgeliehen hätten.)
Wo der historische Grund christlichen Glaubens in einem Wanderprediger gesehen wird, da spielt auch Teilhard de Jardin keine Rolle. Wenn der aus der Naturwissenschaft stammende Theologe in der Evolution einen kosmischen Christus erkennt, dann sprechen wir nur von Mystischer Erscheinung. Wenn der Nobelpreisträger Henry Bergsohn das Modell einer natürlichen ganzheitlichen Schöpfungslehre entwickelt, hat dies nichts mit unserem heute als historisch verstandenen Jesus zu tun. Auch Alfred Whitheads Prozesstheorie bleibt eine intellektuelle Spielerei, solange wir nicht begreifen, dass die im Prozess des Werdens nachgewiesene Vernunft das Wort Gottes ist, das am Anfang allen religiösen Denkens und insbesondere christlichen Glaubens steht.
Auf die Darstellung des Logos in den verschiedenen Stufen der Entwicklung muss hier verzichtet werden. Es müssten sonst beginnend mit den Ägyptern, die das Bewusstsein kosmischer Ordnung der Nachwelt in den Baudaten ihren Pyramiden hinterlassen haben, zahlreiche Zeugen des Logos aufaddiert werden.
So wäre das Tao als fernöstlicher Tatsachenbericht der schöpferischen Tat des Logos ebenso zu sehen, wie der Tanz der Shiva und in anderer Göttergestalten personifizierte Schöpfungswesenheiten im Hinduismus. (Klarer und einfacher als in einer Darlegung des Tao habe ich bisher noch kaum die Beschreibung des schöpferischen Logos gelesen.)
Auch Schöpfungsvorstellungen von Naturvölkern würden sich bei einer umfassenden Betrachtung zu Wort melden. Wo besser, als z.B. in der berühmten Mahnrede des Indianerhäuptlinges Seattle an den Weisen Mann drückt sich das aus, was ich als Logos sehe. Was moderne ökologische Lehre nachweist, wird hier in einfachen Worten als höhere Ordnung erklärt. Zeigt der Indianerhäuptling und in seinem Gefolge nicht die gesamte neue Naturlehre eine schöpferische Vernunft, der sich die menschliche Vernunft unterzuordnen hätte? (An anderer Stelle habe ich Vermutungen darüber angestellt, ob in wenigen Jahren von der ökologischen Lehre nicht mehr wegen ihrer Bedeutung für eine der Biologie entsprechenden Lebensweise gesprochen wird, sondern sie nur noch als Neuerfindung des Logos gepriesen wird?)
Auch unsere europäischen Ahnen, die ebenso im natürlichen Ablauf eine höhere Ordnung erkannten, dürften bei einer umfassenden Betrachtung des von Schöpfungsvernunft nicht vergessen werden. Auch wenn sie dazu keinen Logos sahen und kein Wort eines Schöpfergottes wahrnahmen. Ob bei Germanen oder Kelten, in allen Naturvölkern lässt sich die Ahnung von einem frühen Logos nachweisen. Nicht nur das berühmte Stonhege ist Zeuge eines Kultes, einer frühen Gottesverehrung, die von einer Schöpfungsordnung oder -vernunft ausgeht. (Ich gehe heute sogar davon aus, dass die für barbarisch gesehenen Goten weniger von der Lehre eines Zweibeiners christlich missioniert wurden, als vom christlichen Logos. Auch wenn ich dafür noch keinen geschichtlichen Nachweis zu erbringen vermag, ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie die germanischen Völker von einem jungen Juden zu begeistern gewesen sein sollen, den wir heute für den historischen halten. Ist ein Denken, das nur von einer Missionierung durch die schöne Jesusgeschichte oder einen orientalischen Mythos ausgeht, nicht allzu banal. War nicht vielmehr in der Zeit der Heidenmission noch im frühen Christentum ein Logos lebendig, der die verschiedenen Vorstellungen vereinend aufnahm und fortentwickelte? Machen wir es uns nicht zu einfach, wenn wir z.B. bei unseren Festtagen zwischen heidnischen Kult und christlichem trennen, ohne nach der gemeinsamen Theologie von versinnbildlichter Fruchtbarkeit der Natur und christlichem Glaubensgrund zu fragen? Doch wer nur von einem Wanderprediger ausgeht, nicht vom Wort Gottes, für den stellen sich diese Fragen nicht.)
Auch die Moslems, wie weit mehr als wir Gesetz- bzw. Katechismusgläubigen ihr Gottesbewusstsein auf die sichtbare Allmacht, die reale Allgegenwärtigkeit Allahs gründen, will ich nicht zu wahren Christen machen. Doch wenn ich ihren Lehren vertraue, dann baut der Glaube der Moslems weit weniger auf dem Koran, als wir Bibelgläubige bisher denken. Unabhängig davon, dass sich auch in den Wurzeln des Islam orientalische Vorstellungen einer schöpferischen Vernunft nachweisen lassen, die in Mohamed einen sinnvoll umsetzenden Lehrer gefunden haben, scheint auch im gegenwärtigen Gottesverständnis der Moslems der Logos lebendiger als bei uns Christen.
Bei all dieser umfassenden Betrachtung eines Bewusstseins realer schöpferischer Vernunft dürfte selbstverständlich die Unterscheidung zur Logoslehre der Griechen und dem christlichen Gottesbewusstsein aufgrund des Logos nicht außer Acht gelassen werden. Doch wer, wie heutige Theologie von einem Wanderprediger als historischem Wesen seines Glaubens ausgeht, für den stellt sich auch diese Frage nicht. Die Probleme der verschiedenen Vorstellungen, die Gefahr des Pantheismus oder das fehlende vernünftige Verständnis der oftmals im kultischen Mythos bleibenden Religionen, denen somit eine Realität fehlt, die bei den Griechen gegeben war, kann nicht weiter nachgefragt werden. Denn was hat das alles mit einer Religion zu tun, die sich auf einen als Messias verherrlichten jungen Juden beruft? Das schöpferische Wort wird nur in von Menschen gesetzten Buchstaben gelesen. Warum das Christentum eine Weiterentwicklung der verschiedenen Vorstellungen der schöpferischen Vernunft war, spielt keine Rolle. Welche Bedeutung der Logos, das Wort in Menschengestalt im Kontext der verschiedenen Kulturen hat, kann nicht interessieren. Jesus war ja nur ein....
2.3. Das Wort Gottes im
jüdisch-hebräischen Kulturkreis
Wenn wir den Kreis der Betrachtung des Logos enger ziehen, kommen wir zur Wort Gottes Lehre im frühen Monotheismus der Hebräer. Hier liegen die eigentlichen Wurzeln christlichen Glaubens.
-Abrahmam als personifizierter Anfang eines frühen vernünftigen Gottesverständnisses, das keine willkürlich Sterndeuterei ist, sondern sich aus der Wahrnehmung einer vernünftigen himmlischen Ordnung ableitet.
-Moses als Geschichtsgestalt eines Denkens, das von Wort eines einzigen Schöpfergottes ausgeht. Auch hier bringt das Wort Gottes keinen Zauber hervor, sondern ein vernünftiges Werden der Genesis in Schöpfungsschritten, die der modernen Evolutionslehre nahe kommen. Gleichzeitig gehen vom Wort Gottes vernünftige Gesetze aus, deren theologische Tiefe, z.B. des Bilderverbotes, erst heute richtig bewusst wird. Auch die Verhaltensnormen sind von einer Vernunft, die heute kaum zu überbieten ist, aber das Verständnis einer Schöpfungsordnung voraussetzen. Denn wenn Moses vom Wort Gottes spricht, hat er es im Gegensatz zu uns nirgends abgelesen. Vielmehr haben es die Hebräer aus einer höheren Vernunft abgeleitet.
-Propheten setzen die Vernunft in ihrer Religionskritik um. Ihre Prophezeiungen sind nicht aus der Hand gelesen, sondern von einer vernünftigen Lehre abgeleitet. Der Monotheismus als Verständnis vom Wort eines einzigen Gottes geht von Jesaja aus, dessen Schriften in der Antike zum vorrangigen Gegenstand Auseinandersetzung werden. In der Hoffnungen der Propheten drücken sie das aus, was sich später in Jesus als Logos in Menschengestalt erfüllt.
-Psalmen sind Lieder und Gebete der Volksfrömmigkeit, die ebenso das Verständnis eines Logos, einer vernünftigen Schöpfungshandlung voraussetzen. Nicht einem willkürlichen Gotteswerk gilt das Lob, sondern dem Wort/Logos Gottes, das in aller Natur betrachtet wird.
-Apokalyptiker sind eine andere Form die Schöpfungslehre bildhaft umzusetzen. Heute können wir erkennen, dass sich hinter den Beschreibungen keine banale Innerlichkeit, sondern höchster philosophisch-theologischer Verstand versteckt, der von einer vernünftigen Höherentwicklung der menschlichen Wesen ausgeht, quasi eine evolutionäre Erkenntnis voraussetzt.
-Weisheitslehrer beziehen sich ganz konkret auf das, was die Griechen mit Logos umschrieben. Ohne das Verständnis des schöpferischen Logos wären die sich in Daniel oder Jesus Sirach. ausdrückenden jüdischen Weisheiten nur leere Worte.
-Zwischentestamentliche Literatur ist ein besonders guter Zeuge des in der antike lebendigen Logos. Philo von Alexandrien ist ohne den Logo undenkbar. Seine Verhaltenslehre und sein allegorisches Verständnis der alten jüdischen Texte geht vom Logos aus, den er mit der griechischen Philosophie gemeinsam hat.
3. Der
Logos als gem-ein-same Grundlage griechischen und christlichen Geistes
3.1. Das
lebendige Wort Gottes als Wesen des historischen Jesus neu wahrnehmen
Griechisches Denken darf nicht weiterhin nur als eine Randerscheinung des Frühchristentums betrachtet werden. Es hat, wie wir wissen, den Kulturraum, aus dem das Christentum hervorgeht maßgeblich geprägt. Wenn der christliche Kult im Kontext des damaligen Zeit betrachtet werden soll, können wir nicht weiter all den großartigen Geist ausblenden und so tun, als wäre die gesamte Theologie nur zur Verherrlichung eines jungen Juden geschehen, der mit einigen Anhängern um den See Genezareth gezogen ist. Wer heute den Verstand erfasst, der hinter den antiken Lehren steht, der kann und muss einfach erkennen, dass das Wesen der gesamten christlichen Lehre nicht ein einfacher Mensch, sondern der Logos in Menschengestalt ist.
Doch selbst wenn heutige Theologen nachweisen, wie sehr die Logoslehre mit dem Neuen Testament verwoben ist, das geisteswissenschaftliche Verständnis der Antike mit dem Christentum zusammenhängt, bleibt der gemeinsame Nenner verborgen. Auch wenn daher die Lehre vom Logos in höchsten Töne gelobt wird, wissenschaftliche Untersuchungen angestellt werden, welch enorme Auswirkungen sie auf die Verfasser der christlichen Texte und die gesamte Theologie hatte, das Wesen des Logos bleibt okkult. Allenfalls wird eine art antiker Rudolf Steiner als Ausgangspunkt christlicher Religion vermutet. Von einer Wahrnehmung des Logos in Menschengestalt als dem messianischen Wesen sind wir weit entfernt, obwohl wir es in Händen halten.
Wer im realen Werden, einer universalen schöpferischen Vernunft nicht das lebendige Wort liest, der scheint auch das Wesen des antiken Denkens nicht als das erfassen zu können, was es nachweislich war, wenn wir den antiken Texten glauben schenken wollen. Trotz aller Erkenntnis über die Bedeutung der damaligen Logoslehre bleibt weitgehend verborgen, um was es den antiken Denkern in ihren Beschreibungen des Logos ging. Wir können so zwar die antiken Lehren analysieren, ihre umfassende Bedeutung für das gesamte Denken und das Neue Testament nachvollziehen, doch Rede vom Logos bleibt reine Innenansicht. Es wird nicht vom in der Antike wahrgenommenen Wesen aller formhaften Materie und allen gestaltgewonnenen Geistes ausgegangen, sondern bleibt ein Mythos. So werden innere Stimmen einzelner Menschen gehört, statt das lebendige Wort Gottes, das das gesamte Denken be-stimmte.
Die Wirklichkeit der antiken Aussagen kann nur gesehen werden, wenn wir von einem in der heutigen Weltwirklichkeit wirksamen Gotteswort ausgehen. Doch wenn wir das Christentum vernünftig begründen wollen, können wir uns nicht weiter nur auf einen besserwissenden Wanderprediger berufen. Dazu ist unser Wissen über das in der Antike lebendige Wort, ob als Gottessohn, Logos oder Weisheit bezeichnet, zu groß. Wer angesichts dieses Wissens weiter zur theologischen Tagesordnung übergeht und macht, wie wenn nichts gewesen wäre, der macht sich schuldig. Denn die Schuld können nur die bezahlen, die Vermögen besitzen. Hier ist die historisch kritische Theologie gefragt: nicht weiter Abbau zu betreiben, sondern ein neues, zeitgemäßes Verständnis des historischen Wesen von dem messianische Wirkung ausging steht an. (Denn Doketismus betreibt nicht, wer im Logos ein reales in aller Schöpfung wirksames Wesen sieht und dessen menschlicher Gestalt einen Messias. Eine Scheinleiblehre ist die Christologie, wie sie die heutige Theologie vertritt. Denn diese Christologie heutiger Prägung hat keine Grundlage in einer schöpferischen Realität. Auch der Rückzug in den Mythos bietet keine Rettung, kann dem menschlichen Wesen keine reale Gestalt geben.)
3.2. Die Logoslehre bei Heraklit
Wenn ich Heraklit herausgreife, so bedeutet dies nicht, dass sich die Logoslehre nur auf ihn bezieht. Der Logos war vielmehr Grundlage des gesamten antiken griechischen Denkens. Doch in den unter dem Namen Heraklit überlieferten Texten lässt sich das antike Gedankengut besonders gut rekonstruieren, um auf das Wesen des wahren monotheistischen Glaubens zu schließen, wie es in Christus Mensch und somit zum Messias wurde.
Das antike Denken sah im Logos eine Wesensäußerung des Vatergottes. Die Erschaffung der Welt war die mit dem Logos verbundene Tätigkeit. Nicht im Mythos, in vorgegebene Texte der Tradition oder inneren Stimmen, sondern in der Welterschaffung nahmen die Griechen den Logos wahr. Nur im Logos lässt sich die Göttlichkeit Jesus begründen, ohne dass dieser als Gott aufgeht, an den man einfach glauben muss. Doch die Bestimmung als Gottessohn kommt vom Schöpfungsakt her. Der Autor des präexistenten Wortes ist allein Gott.
Die Hauptinhalte der Logosophie sind die Schöpfungslehre. Im antiken Verständnis des Werdens der Welt wird der Logos verstanden. Durch die Wahrnehmung dieser Vernunft begründet der Mensch nach den griechischen Denkern seine Erkenntnisfähigkeit. Die wahre Welt- und Naturerkenntnis ist damit der Anfang der Erkenntnis des Logos selbst. Nicht mehr in althergebrachten Mysterien, im willkürlichen Spiel von Göttergestalten, sondern in erkannter Ordnung des grandiosen lebendigen Organismus des gesamten Kosmos wird der Logos verstanden.
Nach Auffassung der modernen Religionswissenschaft ist das ursprüngliche Jesusbild erst nachträglich mit dem vorchristlichen Gedanken des Logos und der Gottessohnschaft in Verbindung gebracht worden. Die Logoslehre als Vorbereitung auf das zentrale Ereignis der Menschheitsgeschichte, den Beginn einer Zeitrechnung, die nicht mehr von menschlichen Königen und Kaisern ausgeht, sondern der Geburt des Gottessohnes in Menschengestalt, kann so nicht verstanden werden. Doch welch ein Erkenntniswandel sich im Chrsitentum anbahnt, lässt sich in Ephesus, der Heimat Heraklits nachvollziehen.
Die an den Mittelmeerufern Kleinasiens im 11. Jahrhundert vor Christus einwandernden Griechen verwarfen den hier herrschenden Fruchbarkeitskult nicht, sondern führten ihn auf höherer Ebene weiter. Die Verehrung der Kräfte alles Werdens, die sich im Götterbild der „Diana polymastos“ der Allernäherenden zeigt, wird nicht verneint, sondern neu verstanden. Neben der nährenden Mutter „alma mater“ die noch heute für unsere Hochschulen steht, gesellt sich in antiker Aufklärung eine Vatergestalt, von der alle Vernunft ausgeht.
Wenn wir heute Naturwissenschaft betreiben, betrachten wir nach wie vor nur das Wesen der Mutter, untersuchen die Materie, die alles hervorgebracht hat. Ganzheitlich denkende junge Naturwissenschaftler erklären dann verzückt, wie wir Kinder des Universums seien, aus Sternenstaub von der Selbstorganisation der Materie hervorgeracht. Auf der anderen Seite stehen die Geisteswissenschaftler, die ihre Philosophien nur auf vorhergegangene Lehren zurückführen und die Theologen, die dann die christliche Lehre nur als Produkt von Mutter Kirche betrachten oder aus traditionellen Texten und Mythen hervorgegangen. Im übertragenen Sinne wird so nur die Urgroßmütter gesehen, nicht jedoch der Vater, ein Wesen, das hinter allem vernünftigen Werden steht.
Doch genau das war der Fortschritt, der sich dann in der christlichen Theologie begründet. Kein Wanderprediger hat von seinem Vater gesprochen. Das lebendige Wort hat ihn offenbart. Die Einsicht, dass im Werden der Natur und in der Entfaltung des Menschengeistes die gleiche Kraft tätig ist, der geistige und der materielle Kosmos durch ein Wort ins Leben gerufen wurden, gehört nachweislich zur ephesischen Mission.
Wenn die Griechen an Stelle alter Heiligtümer der Karer die ersten Tempel aus Stein bauten, dann machen wir uns darüber kaum Gedanken, halten dies für selbstverständlich. Doch auf was baut unsere Naturwissenschaft heute. Der Logos des Heraktlit scheint verloren gegangen. Christus ist nur noch ein schöner Schein, Ersatzbegriff für Gott. In unserem Wissen bauen wir nicht weiter, sondern betreiben eine vom antiken und christlichen Denken völlig losgelöste Wissenschaft. Das damals wahrgenommene Wort wird verleugnet und mit ihm der Vater.
Wenn es stimmt, was die christliche Theologie vom neuen Testament sagt, dass in Jesus der Vater offenbart wurde, dann ist dies nur im Verständnis des Logos vorstellbar. Es ist einfach absurd weiter nur von frommen Sprüchen eines Wanderpredigers auszugehen. Johannes, bei dem Jesus aussagt, dass kein Weg zum Vater führt als durch ihn, hat keinen Alleinseligmachungsanspruch eines jungen Juden begründen wollen. Er hat charismatischen Prediger Worte in den Mund gelegt. Es handelt sich um eine nachvollziehbare Logik: Nur durch den Logos ist den Menschen die Vorstellung vom Vater möglich. Die Metapher vom Vater drückt dabei deutlich aus, wo unser Problem liegt. Mit männlicher Überheblichkeit hat dies nichts zu tun. Eher umgekehrt. Denn die sogenannten Männer sind im antiken Sinne längst zu Muttersöhnen geworden. Ob sie Muskeln spielen lassen oder ob Naturwissenschaftler Welterklärungen abgeben, sie bewegen nur Mutter Materie, halten sie für das allein von sich aus gebärende Wesen. Und ebenso scheinen auch die Theologen dem Problem des Ödipus erlegen zu sein. Denn eine Theologie, die sich auf Textlehre beschränkt, Christologie nur als Produkt von Mutter Frühkirche versteht und denkt, das alles sei einfach bei Großmutter Moses abgeschrieben oder von Urgroßmutter Abraham ausgehender Mythos, der bleibt das in der Antike vorhandene Vaterverständnis verborgen. In Ephesus, wo einst nur die Mutter verehrt wurde, lässt sich durch den von Heraklit geprägten Logosbegriff eine antike Aufklärung, ein Verständnis des Vaters nachvollziehen. Auch wenn durch Johannes erst im Logos der Sohn Gottes und seiner menschlichen Ausprägung der Messias des Monotheismus gesehen wurde, so muss Heraklit bei der Betrachtung des historischen Wesens mitbeachtet werden.
Über den Menschen Heraklit etwas konkretes sagen zu wollen, würde uns möglicherweise auf falsche Fährte führen. Wie bei Sokrates besteht die Gefahr, dass wir zu schnell nur einen antiken Lehrer und nicht mehr den Logos sehen, um den es in der Lehre geht, der bei Heraklith definiert und unter Sokrates umgesetzt wurde. Mit der Entblätterung des Mythos vom Menschen Heraklit ginge dann auch die Lehre vom Logos verloren. Nach der Überlieferung hat Heraklit etwa 500 vor Christus im Tempel von Ephesus gelebt und gedacht. Wir haben es also mit einer frühen Theologie zu tun und nicht mit einer in unserem Sinne philosophischen Lehre.
Und wenn wir wissen, dass Kaiser Justinian in Ephesus an gleicher Stelle Kultstätten für den Evangelisten Johannes errichteten ließ, können wir davon ausgehen, dass er die Zusammenhänge der verschiedenen Zeitepochen weit besser verstand, als wir heute. Der Verfasser des Logos-Evangeliums hat nicht zufällig in Ephesus gelebt. Er war eine Weiterentwicklung die auf das allem Werden zugrunde liegende Wort baute, das bereits lange vor Heraklit in Ephesus in verschiedenen Göttergestalten verehrt wurde.
Der Zusammenhang des Menschen mit dem Makrokosmos wurde nun im hellen Licht des Verstanden wahrgenommen und als Menschenwesen geschildert. Als die alten Mysterien in Dekadenz geraten waren, wurden so übersinnliche Wahrheiten und Erfahrungen der europäischen Welt bewusst gemacht und erhalten. Der Weg zu einem neuen kollektiven Gottesbewusstsein, das Goten und Griechen, Juden und Römern verband, war geboren. Wenn in Ephesus eine Emanzipation von kosmischen Naturlehren eintrat, so war es nicht deren Ablehrung, sondern die Anerkennung im erweiterten Sinne, ohne dass die kosmische Realität verloren ging, was unser heutiges Problem ist. Eine Einweihung in die Erkenntnis schöpferischer Realitäten, die kein religiöses Mysterium blieb, sondern vom Verstand verarbeitet und verständlich gemacht wurde, ging von Ephesus aus. Ein europäisches Prinzip des Einweihungswesen, das sich nach wie vor in Lehrergestalten zum Ausdruck brachte, wofür auch die hartnäckig ausgeprägte Individualität Heraklits Beleg ist, war in Ephesus beheimatet.
Aus dem Mythos ist nachweislich der Logos geworden. Das ist in allen Lehren nachzulesen. Wo Nachtschwärmer, Zauberer, Mänaden und Mysten die Menschen geißelten, wurde der Logos geboren. Während im alten Orient die Mysterienpriester noch den Götterbildern selbst nachhingen, wurde in Ephesus der Logos der natürlichen Schöpfung als das in den Bildern gezeigte Wesen wahrgenommen. Die Lehre vom Logos, die Heraklith im Artemistempel schuf und niederlegte hat er nicht aus alten Texten oder Gehirngespinsten, sonder der natürlichen Genesis abgeleitet. Clemens von Alexandrien gebraucht später für den Logos das Bild der Milch, die aus den lebensspendenden Brüsten der Mutter kommt. Was sich in menschlicher Sprache und Gedanken offenbart wird aus dem Logos des natürlichen Werdens abgeleitet.
Heraklit war dabei kein Einzelkämpfer, die von ihm beschriebene Erkenntnis war Gegenstand des gesamten griechischen Denkens. Die frühe griechische Naturphilosophie war ihm vorausgegangne. Die theologische Umsetzung des Logos in Lebensnormen und Staatsbildung, wie wir sie später bei Platon lesen, muss ebenso mitbetrachtet werden, wie Pythagoras. Und wenn wir heute neu erkennen, wie alles mit allem logisch zusammenhängt, von einer universellen Weisheit und somit erkennbaren Vernunft geleitet wird, dann sind wir wieder dort, wo Heraklit und seine Mitdenker waren. Nur dass uns die Fähigkeit fehlt, daraus eine für die Menschen nachvollziehbare und umsetzbare Theologie zu entwickeln, den Logos sprechen zu lassen, wie das die am Anfang christlichen Glaubens stehenden Apostel und Evangelisten taten. Naturverständnis und Gotteslehre bleiben bei uns getrennt, führen ein völlig verschiedenartiges Leben. Der gemeinsame Logos als Wort Gottes bleibt verborgen. Es war nur ein historischer Wanderprediger, der verherrlicht wird.
Wenn Heraklit von Genesis spricht, dann gibt es keinen Unterschied zwischen dem, was er als natürliches Entstehen der Welt nachvollzieht und dem, was später als griechischer Buchtitel für das erste Buch Moses gewählt wurde. Der ewige Logos war kein Mysterium, sondern die Milch, die aus der sichtbaren Materie bzw. deren Werden herging.
3.3. Das Problem der
Wahrnehmung des Logos: in der Gestalt Jesus überwunden
Heraklit gebraucht in den uns überlieferten Schriften für das Wesen, das ich bisher versucht habe zu umschreiben ausschließlich den Begriff Logos.
Zu diesem Logos, der ewig ist,
finden die Menschen keine Beziehung, weder bevor noch nachdem sie von ihm
hörten. Da doch alles gemäß diesem Logos entstanden ist, gleichen sie
Unerfahrenen, auch wenn sie von diesen seinen Worten und Werken erfahren haben,
von denen ich berichte, indem ich jedes nach seiner Entstehung erkläre und
zeige wie es sich damit verhält.
So beginnt der von Heraklith überlieferte Text. Auch wenn die gesamte griechische Philosophie den Logos dreht und wendet, wenn Platon als eine aus dem Logos ausgehende Theologie betrachtet werden kann, sich seine Staatslehre ebenso wie seine Normen aus der schöpferischen Normalität des Logos ableiten, so scheint das Problem der Unbegreiflichkeit die Denker beschäftigt zu haben. Wurde nicht auch in Sokrates der Logos auf griechische Weise sichtbar gemacht? Wer in Sokrates nicht nur einfach einen schlauen Lehrer sieht, der persönliche Ansichten verbreitete, die von ihm überlieferten Diskussionen nicht als Tonbandaufzeichnungen von willkürlich streitenden Philosophen betrachtet, sondern als Streitgespräche um die wahre, von einer höheren Ordnung bzw. einem vom Schöpfer aller Kreatur vorgegebenen Vernunft, der kann in ihm einen personalisierten Menschenlogos verstehen. Auch Sokrates, der sich wie wir aus seiner Apologetik wissen, nicht als eine Wissenserweiterung betrachtete, sondern als Erneuerung des mystisch-hellenistischen Götterkultes, hat sein Ziel nicht erreicht. Es bleibt auch nach Sokrates schwer eine Beziehung zum Logos des Schöpfers herzustellen, sein Wort zu verstehen und zu vermitteln. Doch Sokrates ist nicht endgültige gescheitert. Die Schöpfung geht weiter.
Welch geniale Lösung muss es daher gewesen sein, dem Logos die uns bekannte Gestalt zu geben? Wer sich in die Situation des damaligen Denkens hineinversetzt, den bei Juden, Griechen, Römern und später auch Goten herrschenden Kult betrachtet, die vorherrschenden Hoffungen und Vorstellungen, der kann erkennen, warum der Logos in der bekannten Form Fleisch werden musste, warum er nur in Menschgestalt messianische Wirkung hatte. Wenn ich in diesem Sinne von gen-ialer Lösung spreche, so bedeut dies, dass die Menschwerdung kein theologischer Trick war, sondern der Logik der Zeit entsprach, dem Logos der Genesis gerecht wurde, gelebtes Wort. Auch wenn ich heute zutiefst bedauere, innerlich schreie, weil die Kirche an Ostern den Menschen kaum mehr vermitteln kann, als einen jungen Märtyrer, der für seinen Glauben starb, so scheint all dies der durch die Schöpfung Gottes vorbestimmte Weg zu einem neuen Verständnis des Wortes zu sein.
Wie den hellenistischen Mythen liegt auch dem jüdischen Gesetzesglaube der Zeit vor Jesus der schöpferische Logos zugrunde. Und so wie im Werden die schöpferische Vernunft nicht wahrgenommen wird, so kann scheinbar auch das den griechischen und jüdischen Traditionskult bestimmende Wort nicht von der Allgemeinheit erkannt werden. Erst in der Menschengestalt war diese Wahrnehmung gegeben, wurde zum Allgemeingut bzw. Gut der gesamten Gemeinde, war bestimmend für die gesamte westliche Welt.
Die Menschwerdung des Logos war in diesem Sinne keine Mystifizierung. Vielmehr hat sie den Logos erst verständlich gemacht. Das Weltenwort wurde in der Person des Jesus von Nazareth wahrgenommen, nicht innere Stimmen bzw. eine besonderen Art von Erkenntnis in sich selbst, sondern im Sohn/Wort Gottes in Menschengestalt lag der Schlüssel, der dem Logos des Heraklit zur vernünftigen Wahrnehmung verhalf. Aus einem Mythos war so ein Logos geworden. Statt mystischer Verehrung von willkürlichem Götterspiel oder unverstandener jüdischer Gesetzlichkeit war einige Hundert Jahre nach Heraklit durch die im historischen Jesus fleischgewordene Weltvernunft ein Fortschritt zu verzeichnen.
Heraklit und auch später die Christen sahen weder sich selbst als Logos, noch eine unsichtbare Gottesgestalt, sondern ein eigenständiges Wesen. Wäre es ihnen um eine Art Miniaturausgabe Gottes gegangen, wie dies die heutige Theologie in Christus sieht, so wären alle Aussagen über den Logos als geistiges Urbild der Schöpfung, als Mittler zwischen Gott und den Menschen unverständlich. Denn im Verständnis des Logos liegt die Offenbarung des Vaters. Der Logos ist das, was vom Vater ausgeht, der Sohn, das Wort: er ist weder selbst der Autor noch nur ein Mensch.
Der Logos ist die unerschöpfliche Vernunft des Schöpfers, die die Menschen erfüllen muss. Ähnlich wie Paulus, der immer wieder deutlich sagt, dass nicht er spricht, sondern er nur ein Sprachrohr des Logos ist, lässt sich auch Heraklit verstehen. Die erschaffene Welt ist gemäß des Logos entstanden, logoserfüllt. Doch nicht der Logos ist der Schöpfer selbst. Dieser bleibt unsichtbar, was wir sehen ist nur der Sohn. Gerade nach Ephesus schreibt Paulus von der Hoffnung auf Glaubenseinheit und die Verwirklichung bzw. Allfülle des Christus, der von Heraklit noch als Logos bzw. Weltvernunft bezeichnet wurde. ( Pseudopaulus in diesem Sinne ist nicht, wer nicht in das bei banaler Lesweise vermutete Zeit- oder Ortsraster passt, sondern wer nur von Jesus spricht, jedoch nicht vom fleischgewordenen Wort, dessen realer Gestalt als Grund einer neuen Theologie ausgeht!) Wenn Heraklit im Menschen einen Wendepunkt in der Weltentwicklung analysiert und ihm eine besondere Bedeutung beimisst, dann ist dies darauf zurückzuführen, dass der Mensch das einzige Wesen mit bewusster Vernunft ist. Alle anderen Wesen hören zwar auch auf das schöpferische Wort Gottes, folgen einem Instinkt oder ihren natürlichen Trieben um artig zu leben. Nur der Mensch muss sich des Wortes Gottes scheinbar bewusst werden, immer wieder neu. So wie damals nur in Menschengestalt der Logos vermittelbar war, wird heute durch das Verständnis einer in aller Natur- und Geisteswissenschaft buchstabierten Weltvernunft eine zeitgemäße Vermittlung des Glaube und Gotteswillen möglich sein. Den Mensch hat Heraklit als Mitarbeiter am Logos gesehen. Das Feuer der menschlichen Vernunft wird nach Heraktlit durch den Logos Gottes am lodern gehalten. In seinem Sinne müssen nachlegen.
Den von ihm verstanden Logos,
der den gesamten Kosmos im Gange hält, können wir heute neu begreifen. Es ist
die Vernunft, die sichtbar ist, seit dem Urknall, die sich in den
physikalischen bzw. biologischen des gesamten Alles ebenso zeigt, wie in der
Funktion unserer Körper und Köpfe. Denn ohne diese Wahrnehmung wird der
Logosbegriff zum Mysterium, verkehrt sich ins Gegenteil.
Das Wissen um das lebendige
Wort, das noch bis ins frühe Mittelalter Gegenstand des Denkens und der
Diskussionen um das wahre Wesen Jesus gewesen sein muss, ging verloren. Was
über viele Jahrhunderte ohne groß zu denken akzeptiert wurde, ist in der neuen
Wahrnehmung des Wortes neu zu verstehen. Es geht dabei im Grunde nicht um das
Wort selbst, sondern dessen Autor, den Schöpfervater aller Genesis, den ewig
sprechenden Gott.
Nicht in losgelöster moderner
Philosophie bzw. nur einer neuer Naturbetrachtung lässt sich ein Fortschritt
erzielen. Wie damals muss an das bestehende angeknüpft werden. Auch wenn
Heraklit von einer Christologie noch weit entfernt ist. Was Wesen des
historischen Jesus lässt sich nur im neuen Verständnis des von Heraklit
definierten Logos erkennen.
Es würde zu weit führen, alle
Textstellen aufzuführen, die auf Übereinstimmungen zwischen Neutestamentlichen
Aussagen und den von Heraklit stammenden Aufzeichnungen hinweisen. Einzelne
Textstellen aufzugreifen wäre auch der falsche Weg. Vielmehr wurde das gesamte
Neue Testament vom Logos getragen, gingen seine Verfasser ebenso wie die
gesamte Frühkirche von einer schöpferischen Vernunft aus, deren Verständnis uns
verlorengegangne ist. Im fleischgewordenen Logos, der in den Evangelien zu uns
spricht, drückt sich der kosmische Logos aus, beschreibt er sein historisch
nachvollziehbare Lebens- und Leidensgeschichte, sowie die von seinem
Verständnis ausgehende Heilwirkung. Alle Aussagen, die von Jesus ausgehen,
ebenso was von der Frühkirche über ihn gesagt wird und in unsere Dogmen und
Glaubensthesen eingegangen ist, lässt sich nicht von einem Wanderprediger, wohl
aber vom lebendigen Wort aus vernünftig begründen, ist eine Logik, die sich
ergibt. Wer uns in der bekannten Gestalt anspricht, ist der präexistente Logos,
nach dem das gesamte All gestaltet ist, als Person. Auch wenn Himmel und Erde
vergehen, wird die schöpferische Vernunft bestehen bleiben.
Doch solange wir in unseren
Osterpredigten nur von einem jungen Palästinenzer ausgehen, der wegen seines
Glaubens sein Leben gab, wie dies derzeit
sinnloserweise täglich junge glaubensverblendete Moslems tun, predigen wir
nicht nur einen Glauben der Unvernunft. Das Hauptproblem liegt darin, dass
einem zeitgemäßen Verständnis des Wortes der Weg verbaut wird. Das verengt Bild
Christi bewirkt einen beschränkten Bewusstseinshorizont, der einerseits einen
irdischen-menschlichen als eigentliches Wesen wahrnehmen will, andererseits
eine Christologie wie einen Gottesersatz predigt. Was angesichts des antiken
Denkens die Glaubensvoraussetzung war, bleibt dumpfen persönlichen
Vorstellungen überlassen, die meist außerhalb des Verstanden stattfinden. Den
Schrecken, der nach dem Hebräerbrief auch Moses überkam, als er den lebendigen
Logos hörte, will sich die heutige Theologie ersparen, lieber hält sie am Nichts
fest, als neu zu denken.
3.4. Die Stoa als Schwester
des historischen Jesus
Die stoische Philosophenschule
fällt zeitgleich mit dem von uns angenommenen Leben Jesus. Auch wenn ich die
Stoiker nicht zum eigentlichen Wurzelwerk des christlichen Glaubens machen,
sondern in deren damaligem Denken nur nach dem Wesen des zeitgleich
entstandenen christlichen Glaubens forschen will, so scheint sich hier das
Leben Jesus als des lebendigen Logos besonders deutlich zu bewahrheiten. In
historischen Jesus sehe ich selbstverständlich keinen stoischen
Jungphilosophen, der etwas zu tief ins Glas der Philosopie gesehen hat und nun
den Pharisäers sagte, wo es lang geht. Vielmehr lässt sich im Denken der
Stoiker der lebendige Logos nachweisen. Hier wurde er nicht nur definiert, wie
bei Heraklit, sondern in Lebenslehren umgesetzt. Die vernunfterfüllten Lehren
der Stoiker, deren Weisheiten heute hochbezahlte Verhaltenstrainer meist am
Anfang ihrer schlauen Ausführungen an die Wand werfen, damit ihre Zuhörer
begeistern, waren Ausformulierungen des Menschenlogos, der von einem göttlichen
Logos ausging. (Ob die Berater von Mac Kinsey & Co., die Seneca und
Sokrates im Munde führen, dabei die schöpferische Vernunft zur Grundlage
haben,, kann bezweifelt werden.)
Wie Sokrates, Platon und Aristoteles, die wir als große philosophisch-wissenschaftliche Vorbilder sehen, und die in die Zeit zwischen Heraklit und die Stoa fallen, können auch die Stoiker als vom schöpferischen Logos erfüllt betrachtet werden. Sie dachten und schrieben aus dem Logos heraus, den Heraklit – und das muss immer mitgelesen werden – aus der Betrachtung der natürlichen Ordnung/Vernunft herausgelesen hatte. Und wenn die Stoiker ihre Verhaltenslehren auf den Logos gebaut haben, dann war auch bei ihnen das schöpferische Wort Gottes lebendig, wurde auf philosophische Weise umgesetzt. Ob die Stoiker den Logos als bereits als Wort Gottes verstanden oder ob genau dies die weiterführende Leistung des christlichen Denkens war, soll im Verlaufe der folgenden Überlegungen beleuchtet werden.
Wer im historischen Wesen des Christentums nur einen besonders begabten Wanderprediger sieht, den gesamten Geist der damaligen Zeit dabei weitgehend unter den theologischen Tisch kehrt, der muss bei einzelnen Berührungspunkten zwischen Christen und Stoikern stehen bleiben, die sich dann meist auf die angeblich christologische Verherrlichung beschränken. Die gemeinsame Herkunft von Paulus und Zenon, einem Lehrer der Stoa, wird ins Felde geführt. Doch schon in der Ortsbezeichnung Tarsos ist mit Sicherheit mehr zu sehen, als die zufällige Heimat bzw. Geburtsstätte zweier jüdisch-griechischer Theologen, die später angeblich voneinander abgeschrieben haben sollen. Besser als durch geografische Ortsangabe Tarsos, die Schnittstelle zwischen Orient und Okzident, kann die Herkunft des neue Denkens kaum angegeben werden.
(Es würde hier zu weit führen,
alle Lehrer aufzuaddieren, die sich um die Weiterentwicklung der Lehre vom
Logos großartige Gedanken gemacht haben. Das nicht zuletzt auch von asiatischen
Ufern ausgehende Denken über einen schöpferischen Logos hat das gesamte antike
Europa geprägt, sich bis nach Rom durchgesetzt. Die Überein-stimmung der
gesamten frühchristlichen Lehren mit der Denkweise der Philosophen ist bekannt
und nicht zufällig. Christen und Philosophenschulen gingen vom gleichen Wort
aus, auch wenn sie ihm verschiedene Gestalt gaben. Doch angesichts all dieses heute offenliegenden Denkens den
historischen Jesus nur als einen jungen Juden sehen zu wollen, ist ein Hohn für
den Logos, der in ihm Mensch war. Wie kann die heutige Theologe angesichts all
ihres Wissens weiter so tun, als sei die gesamte christliche Mission nur von
der anschließenden Verherrlichung eines jungen palästinenzischen Märtyrers
ausgegangen? Die Dornenkrone lässt
grüßen.
Nicht nur das Wesen christlichen Glaubens wird so verleugnet. Auch die Begründung Jesus als wahrer König
der Juden kann nicht wirklich von einem besserwissenden und anschließend
christologisch verherrlichten Wanderprediger ausgehen. Was die Juden gegenüber
allen anderen Kultformen auszeichnet: Kein menschlicher Kaiser war Gegenstand
ihrer Gottesverehrung. Was die Griechen als Logos bezeichneten, das Wort
Gottes, war seit Anbeginn der Mittler bzw. Grundlage eines vernünftigen
Glaubens an einen einzigen Schöpfer des gesamten Universums und somit auch
Autor menschlicher Geschichte. Dieser bildlose Glaube war darauf angewiesen,
das Wort zu verstehen, um nicht in eine reine Gesetzlichkeit abzutriften und
sich so ins Gegenteil von Vernunft zu verkehren, vernünftigen Glauben zu
verhindern. Und genau hier liegt die messianische Leistung des historischen
Jesus. Was in den Schriften der Stoiker als Logos beschrieben wird, die
schöpferische Vernunft, das Wort Gottes, wurde wie ein Lebewesen verstanden. Die
Christen, die nicht weniger Bildung besaßen, als ihre stoischen Freunde, deren
Weltbild das Gedankengut des gesamten griechisch-römischen und somit auch
orientalischen Kulturraumes war, führten das Denken um den Logos als kosmisches
Lebewesen weiter. Im Gegensatz zu den Stoiker sahen sie darin wirklich den
König der Juden. Christen war danach Logos-Denker, die nicht nur stoisch
philosophierten, sondern sich mit dem jüdischen Kult und den traditionellen
Texten auseinander setzten. In den alten jüdischen Texten bzw. Mythen wurde so eine frühe Lehre erkannt, die den
gleiche Logos zur Grundlage hatte, wie er im Rahmen des antiken Weltbildes neu
wahrgenommen wurde. In zahlreichen Texten der frühchristlichen Denker lässt
sich ebenso wie in zwischentestamentlicher Literatur ein erweitertes
Verständnis der alttestamentlichen Texte nachlesen, das darin den Logos als
Glaubensgrund und Hoffnung der Juden erkannte. Diesen galt es dann als
Gottessohn in menschlicher Gestalt zu verehren. Die Verfasser des Neuen Testamentes
haben verstanden was sie schrieben. Wenn alte Texte herangezogen, Psalmen und
Prophetenworte von Jesus ausgesagt wurden, dann hat der Logos gesprochen, das
Wort, das ihnen auch als Grund jüdischen Glaubens galt und in dem sie den
Messias der Juden erkannten.
Auch wenn die Stoiker für diese Glaubensform wenig Verständnis hatten, diese für
unvernünftig hielten, wie aus selbst von Philosophenkaiser ausgehender
Christenverfolgung und theologischen Briefwechseln der frühchristlichen
Apologeten zu erkennen ist, so hat die Geschichte gezeigt, dass die wahre
Vernunft bei den Christen war. Auch gnostische Lehren, die sich als eigentliche
Christen verstanden und die wie Stoa und Christen der Frühkirche vom gleichen
Logos ausgingen, konnten sich nicht durchsetzen, haben sich verflüchtigt. Doch
über all das braucht heute an Ostern angeblich nicht weiter nachgedacht zu
werden. Es war ja nur ein historischer Wanderprediger, das mehr bleibt
allenfalls ein Mythos.)
3.5. Der Logos als Same von
Geist und Materie
Insbesondere die Denker aus Alexandrien scheinen eine besondere Ausprägung des Logosbegriffes hervorgebracht zu haben. Der Logos spermatikos brachte noch deutlicher zum Ausdruck, dass alle Welt vom Logos ausgeht, die schöpferische Vernunft der Same ist, aus dem alles Sein seinen Ursprung hat. Auch hier ging es nachweislich nicht um ein göttliches Wesen, sondern ein bzw. das von Gott ausgehender Wirk-same. Eine wesenhafte Kraft wurde wahrgenommen, die in Mensch und Kosmos gleichermaßen wirkte, die vergleichbar mit der Vorstellung vom keimenden Leben alles hervorgebracht hatte und miteinander verband. Wo dieses Denken fehlt wird der Betrachter zum Materialisten. Das Prinzip allen Lebens, das weder unsere heutige Naturwissenschaft noch die derzeitige Geisteswissenschaften wahrnehmen, war für die Stoiker selbstverständlich. Erst die neuere Naturwissenschaft hat sich auf den Weg gemacht, im Rahmen einer ganzheitlichen Betrachtung des biologischen Geschehens einen höheren Geist erkennen zu wollen. Zwar ist man noch weit davon entfernt, darin das Wesen des christlichen Glaubens zu sehen, doch in der neuen Naturwissenschaft wird oftmals ein Logos in heutiger Sprache ausgesprochen. (Nicht nur bei vielen populärnaturwissnschaftlichen ganzheitlichen Betrachtungen, sondern auch bei ernstzunehmenden Naturwissenschaftlern z.B. dem Heistenbergschüler Dürr ist dies besonders deutlich herauszuhören.)
Weitere Aussagen über
- den Logos spermatikos, der wie deutlich zu machen ist, auch für das menschliche Denken und Handeln die Leitung übernehmen sollte
- die Bedeutung den Logos/die Weltvernunft als Wesen zu lieben, weil nur das, was man liebt, man auch lebt
- den Logos im antiken jüdischen Denken, bei Weisheit und jüdischen Apologeten
- die Ausprägung der Logosgestalt und der von ihr ausgehenden Ethik in den Evangelien und den Apokryhen
- die Ausformung und Umsetzung des Logosgedankens in der Gnosis, die sich als christlich verstand
- den Logos als Ausgangspunkt des frühchristlichen Denkens und Gegenstand der ersten innerkirchlichen Auseinandersetzungen (Neubetrachtung der Konzilsstreitigkeite, nicht als Streit um die Verherrlichung eines jungen Juden, sondern der Frage nach dem richtigen und zeitgemässen Verständnis der Logosgestalt)
- die Verflüchtigung des Logosgedankens als eigentlichen Glaubensgrund im frühen Mittelalter, seine Verdrängung durch das Bild, das ihn so bis heute bewahrte und einziger Halt war und noch ist
- das Auseinandertriften von Wissen um das Werden der Welt und dem Gotteswirken, im weiteren Geschichtsverlauf und die Rückübertragug der Autorität aufs Gesetz
- die verlorene Autor-ität Gottes als Schöpfer des Weltgeschehens, der, nachdem nun auch das Glaubensgesetz seine Autorität verloren hat, nur noch blind-persönlich für wahr gehalten wird
sind noch zu machen. Denn nur eine vernünftige Beweisführung, die sich auf geschichtlich nachweisbare Denkzeugnisse bezieht kann erst genommen werden und zum Neudenken auffordern.
4. Die
Wende in der Wahrnehmung des Wortes/Logos
4.1. Das Christentum:
Erneuerung des jüdischen Monotheismus durch den Logos
Wenn wir vom Logos als dem eigentlichen christlichen Wesen ausgehen, stellt sich die Frage, was war im Christentum anders. Warum musste es ein Christentum geben, welche Leistungen erbrachte das christliche Denken gegenüber der Logoslehre?
Auch ein moderner Atheist, der aufgrund eines neuen naturwissenschaftlichen Weltbildes als Monist bezeichnet werden kann, ähnlich wie die Stoiker von einer allumfassenden kosmischen Kraft oder Vernunft ausgeht, wird fragen, was der ganze christliche Kult um eine menschliche Person soll? Warum es nicht genügt von universalen Prinzipien auszugehen, aus denen alles hervorgegangen ist? Wieso wir darin das Wort Gottes sehen müssen oder gar noch die menschliche Gestalt eines Jesus? Selbst wenn er bereit ist, den Glauben an eine menschliche Gründergestalt aufzugeben, weil die ihm eh wenig zu sagen hat, wird er kaum begreifen können, was diese mit seinen Vorstellungen von allumfassenden schöpferischen Prinzipien zu tun hat.
Ein Blick zurück an den Anfang christlichen Glaubens lässt erkennen, worin auch heute die Heilwirkung eines gemeinsamen Nenners liegen würde und umgekehrt: Warum es damals ein großartiger geistiger – höchst intellektueller - Fortschritt war, die Logoslehre im jüdischen Kult neu aufgehen zu lassen.
Betrachten wir uns den griechisch-römischen Kult zu Zeit der Stoa: Trotz aller geschilderten philosophischen Erkenntnis, von einem vernünftigen und einheitlichen Gottesverständnis war man weit entfernt. Weiterhin war eine menschliche Person, Gegenstand der Verherrlichung. Der Kaiser war nicht nur weltlicher Herrscher, sondern stand auch im Mittelpunkt des Kultes. Daneben trieben nach wie vor zahlreiche Göttergestalten ihr Unwesen. Mythengestalten in den unterschiedlichsten Formen, die verschiedene schöpferische Funktionen und menschliche Wesenheiten verkörperten, gehörten zum Weltbild. Auch die philosophischen Anschauungen waren keineswegs einheitlich. Und welche Ethik, welches Gesellschaftsmodell konnte aus dem Kult abgeleitet werden? Ging die Weisung der Griechen in der Antike wirklich vom erkannten Logos aus oder wurden diese nach wie vor nur durch Gesetze von Menschen gemacht? Konnte der Kult zu Umsetzung einer vernünftigen Lebensweise beitragen, wie sie in den Logoslehren herausgearbeitet wurde? Auch wenn die Anschauungen des Logos nicht nur Philosophien im heutigen Sinne waren, sondern der monotheistischen Gotteserkenntnis sehr nahe kommen, ein einheitlicher universeller Glaube, der zum gesellschaftlichen Gelingen beitrug, ist kaum erkennbar.
Was also war der angebliche Vorsprung des griechisch-römischen Kultes, vor dem jüdischen Gottesverständnis, gegenüber dem sich die jüdischen Apologeten zur Wehr setzten? Was entsprach der wahren Vernunft? Was nützen alle philosophischen Weisheiten, wenn der Ritus zur geistigen Einübung fehlt? Wie kann die schöpferische Vernunft Herz und Verstand, Geist und Gefühl, den ganzen Menschen erfüllen und so zur Erfüllung eines vernünftigen Lebens führen? Aus meiner Sicht war es eine weit intellektueller Denkweise, den Logos auf jüdische Weise als Wort des einen Schöpfergottes wahrzunehmen und dabei die Gültigkeit des traditionellen Kultes anerkennend weiterzubauen. Die Ausdrucksform des Logos in der menschlichen Gestalt, als Erneuerer, Begründung bzw. Messias des jüdischen Monotheismus kann als Fortschritt gesehen werden. In diesem Neuverständnis des Wortes – nicht in der Verherrlichung eines Wanderpredigers - haben die Juden-Griechen das erkannt, was die jüdische Tradition als Messias erwartete und was Jesaja als leidenden Gottesknecht sah. (Muss nicht auch die prophetische Tradition neu gedeutet werden? Saßen in Babylon Blinde und verfassten hoffnungsfrohe Texte oder ist nicht vielmehr auch das dort nachzuvollziehende monotheistische Gottesbewusstsein auf eine Einsicht in die Vernunft und Ordnung des reale Schöpfungsgeschehens zurückzuführen. War nicht das, was die Griechen Logos nannten auch für den Propheten auf andere Weise bewusst? Gerade ihre Kritik am Kult ihrer Zeit und ihrer konkreten Aussagen über den Schöpfer des gesamten Kosmos lässt erahnen, dass ihre Aussagen von einem Bewusstsein getragen wurden, das bei den Griechen als Logos bezeichnet wurde.
Wie bereits erwähnt, beweist auch der Geschichtsverlauf den Vorsprung des jüdisch-christlichen Kultes vor allen anderen inzwischen längst verflogenen Weltbildern der Antike, von denen keines auch nur annähern die Vorstellungen der verschiedene Völker vereinen konnte, wie das im christlichen Glauben geschah. Die Vermittlung und Mission der Menschen, die Bekehrung von dekadentem heidnischem Kult erfolgte durch die menschliche Gestalt des Logos, nicht durch eine philosophische Lehre. Keine Weisheitslehre und kein griechische Logosophie hat die westliche Welt weiterbewegt, letztlich zu dem gemacht, was wir heute sind. Keine Philosophie, sondern die Personifikation des Logos in menschlicher Gestalt entfaltete messianische Wirkung.
Und auch bei er Betrachtung heutiger Weltbilder bzw. moderner Logoslehren ziehen Vorstellungen, die keinen einheitlichen Kult auf Basis der Tradition bieten den Kürzeren, können nicht erfüllen was sie versprechen. Was ist aus den Hoffungen unserer Väter in die in Wirklichkeit vaterlose -nur von Mutter Materie ausgehenden- Aufklärung geworden? Welche Visionen hat unsere heutige Gesellschaft noch? Wohin hat uns das säkulare Denken geführt? Sicher ist es nicht einfach, angesichts der Unvernunft unsers heutigen Glaubens atheistischen Denkern die Vernunft eines monotheistischen Kultes auf traditioneller Basis beweisen zu wollen. Ohne die Vision eines auf die neu verstandene schöpferische Vernunft gründenden die Glaubenstradition erneuernden Bewusstseins, würde ich die moderne Monisten und Atheisten nicht bekehren wollen. Wäre das Christentum nur das, was an heutigen Hochschulen gelehrt wird, Auffrischung des jüdischen Glaubens durch antiautoritäre Parolen eines jungen besonders begnadeten Predigers oder Philosophen, der dann der besseren Propaganda wegen als Logos verherrlicht wurde, es wäre damals kein Fortschritt festzustellen, noch heute einer zu erwarten.
4.2. Geist und Gefühl
gemeinsam machen den menschlichen Logos aus
Ist uns nicht heute längst bekannt, dass es nicht genügt ein Geistesgebilde nur abstrakt analytisch aufzunehmen? Wissen wir nicht ganz genau, wie wichtig Bilder und Personen für die Freisetzung der notwendigen Emotion sind? Lässt sich mit all diesem Wissen um die psychologischen Zusammenhänge unseres Denkens und Fühlens in der christlichen Religion kein großartiger Fortschritt gegenüber dem reinen Logoskult erkennen. Wir hantieren mit dem Modell der rechten und linken Hirnhälften um klar zu machen, wie bedeutend bildhafte Vorstellungen und emotionale Anschauungen für die Freisetzung der gesamten geistigen Kräfte sind. Doch wer von den modernen Verhaltenslehrern ist bereit in somit notwendigen Kultbildern dann auch einen Fortschritt zu akzeptieren? War ist damals nicht wahrhaft vernünftig die Logosvorstellung in die christliche Form zu bringen? Allein um die von der Philosophie beklagte Problem der Unvorstellbarkeit des Logos für die Allgemeinheit bzw. das nicht Wahrnehmen dieser für sie selbst realen Wesens durch andere war es wichtig, dem Logos eine allgemeinverständlich und verständliche Gestalt zu geben. Muss es nicht in der antiken Ausdrucksweise völlig selbstverständlich gewesen sein, den Logos als menschliche Person auszuformen? Sind uns in dieser Form auch andere philosophische Wesenheiten bekannt gemacht worden, die allerdings nicht annähernd eine solche Weltbewegung in Gang setzten?
Auch die Anknüpfung der Logoslehre an die jüdische Religion kann vom lebendigen Wort als christlichem Wesen aus mit neuen Augen betrachtet werden. Was von den jüdischen Apologeten (nachweislich Schüler des schöpferischen Logos) in der Philosophie/Theologie der Hebräer neu als sehr sinnvoll erkannt wurde, kann hier nicht weiter ausgeführt werden, würde zu weit führen. Wenn die zwar im Orient lebenden, jedoch griechisch denkenden Schüler des Logos von Moses und den jüdischen Propheten so begeistert waren, dann mit Sicherheit nicht, weil sie jetzt blindgläubig wurden. Auch können es keine innere Stimmen gewesen sein, die zur Verehrung alter Mythen riefen. Vielmehr muss es das neu verstandene Wort, die Einsicht in den tiefen Sinn der alten theologischen Ansichten und Ausformungen gewesen sein, die sie die traditionellen Lehren aufgreifen und dem Logos eine Gestalt geben ließ. Die Tradition, dem bisher verstandenen Wort zu ent-sprechen, es neu zu erfüllen statt blindwütig abzureisen und nur einen emotionslosen und sich in verschiedenartigen Geistesgebilden verlierenden Logoskult zu betreiben, entspracht höchster Vernunft, d.h. somit dem erkannten Wort. Angesichts der sich heute vor unserem Auge sichtbar ausbreitenden philosophischen Logoslehre und dem wachsenden Wissen von Entstehung und geistiger Grundlage alttestamentlicher Aussagen lässt sich heute nachvollziehen, wie sinnvoll es in der Antike war, den Geist der Väter vom einzigen Schöpfer und dem von ihm ausgehenden und alles bestimmenden Wort zu bewahren und weiterzuentwickeln. Nicht nur die jüdischen Apologeten und Weisheitslehrer sind Nachweis für ein Neuverständnis des Alten. (Möglicherweise ist darauf sogar erst die Verfassung des Altes Testamentes in der bekannten Form zurückzuführen.) Auch an vielen Stellen des Neuen Testamentes, der apokryphen Literatur und Texten frühchristliche Theologen lässt sich nachweisen, dass der in Moses personifizierte hebräische Monotheismus aufgrund der Logoslehre neu verstanden wurde. Doch wer, wie die heutige Theologie, nur von einem verherrlichten Wanderprediger ausgeht, eine schöpferische Vernunft nicht wahrnimmt, der muss folgerichtig annehmen, die gesamte Christologie bzw. christliche Logoslehre sei nur entstanden, um den Griechen zu gefallen bzw. dem durch prophetische Aussagen verherrlichenden Jungprediger gleichzeitige einen philosophischen Anstrich zu geben. Der Fortschritt, die Bedeutung, die die Weiterführung von einer Logos- bzw. Wort Gotteslehre im Rahmen der traditionellen monotheistischen Religion hatte bleibt ebenso verborgen, wie die Vernunft, die in einer heutigen erneuenden Bestätigung des christliche Glaubens liegen würde.
Doch wohin führen Ideologien, die
nur auf menschliche Vorstellungen bauen? Wohin steuert heute eine Welt die die
Wahrnehmung einer höheren Ordnung völlig verloren hat? Können grüne Parolen die
Menschen wirklich zu einem ökologisch vernünftigen Leben bewegen, wenn hinter
der Ökologie nicht das schöpferische Wort gesehen wird? Wie kann die Welt
vernünftig wirtschaften, wenn jeder nur den Sinn in sich selbst und nicht in
der Verwirklichung einer höheren Vernunft sieht? Wie lässt sich in einer immer globaler denkenden und handelnden
Welt eine gemeinsamer Ethos begründen und umsetzen, wenn nicht auf das Wort
eines gemeinsamen Schöpfergottes? Was bringt es, wenn wir, wie manche modernen
New Age-lehrer den Logos nur in fernöstlichen Theologiemodellen, alten Mythen
oder anarchischen Naturkulten und nicht in der eigenen christlichen Tradition
verstehen? Welche allgemeingültige ethische Weisung und Sinngebung kann von
einer Erkenntnis ausgehen, die mir zwar die Sterne als physikalische Schwestern
zeigt, auf Basis heutigen Wissens naturphilosophisch den Menschen als Kind des
Universums sieht, dabei jedoch nicht an das anknüpfen kann was wir Jesus nennen.
(Doch der war, wie an heutigen Hochschulen gelehrt wird, nur ein besonders
begabter Wanderprediger.)
Heute wäre die Zeit reif, um das in der Antike vernünftig verstandene Wort, als das Wesen unseres christlichen Glaubens neu zu verstehen. Denn was nützen alle naturwissenschaftliche Einsichten in universale schöpferische Ordnung, naturphilosophische Lehren oder modern-intellektuelle Logosschwärmereien, wenn ihnen der höher Sinn fehlt, der Bezug zum Bewusstsein an der Wurzel unserer christlichen Kultur nicht hergestellt werden kann? All diese reinen Naturlehren führen nicht zu einer notwendigen Erneuerung unsres kulturellen Betriebssystemes. Denn damit vergleiche ich die Religion. Der Logos umfasst die Software der gesamten Genesis wie auch des menschlichen Geistes. Die Religion hat in diese Organismus eine Aufgabe, die mit dem Betriebssystem eines PC zu vergleichen ist. Das Funktionieren von Programmen, wie sie durch die Weiterentwicklung des Wissens und Weltwirtschaften notwendig sind, setzt ein erweitertes Betriebssystem voraus. Doch wie Microsoft seine Betriebssysteme nur erweitert, verbessert dabei die Anwendung der alten Systeme beibehält, auf diesen aufbaut, so funktioniert auch der Logos allen Lebens und notwendigerweise auch das religiöse Bewusstsein. Wie in der Evolution aller Natur nur eine Weiterentwicklung, eine Veredelung des Alten zu Neukreationen führt, so kann auch im Kosmos der Erkenntnis ein neues Verständnis nicht sein, ohne das Alte in sich aufzunehmen. Ohne dessen sinnvolle Fortführung ist kein wirklicher Fortschritt.
Computerprogramme konnten die Christen damals nicht als Gleichnisse verwenden. Doch die Beispiele im natürlichen Werden sind uns aus dem Neuen Testament wohlbekannt. Wenn von Weizenkörnern und Weinbau gesprochen wird, dann wird damit der in aller Schöpfung lebendige Logos bewusst gemacht. Und diesem Logos ent-sprechend führte nur ein Neuverständnis des Wortes/Logos, das auf dem jüdischen Aufbaute und in Geist und Emotion den Logos verwirklichte zum Fortschritt.
Und so wie damals kann heute ein kultureller Fortschritt nur ein Weiterbauen an alten Bildern bedeuten und nicht deren Verwerfung. Solange die Bilder tragen, sind sie die Säulen der Theologie, Pfeiler eines notwendigen Kultes. Doch wer heute in der leeren Kirche sitzt, in die stummen Gesichter der ungläubigen Männer schaut, wenn von Auferstehung und ähnlichen Dingen gesprochen wird, der kann nicht weiter schweigen. Ein neues Verständnis des Alten im Sinne eines schöpferischen Fortschrittes scheint genau heute notwendig. Wer vom Logos ausgeht, wird die alten Lieder von Jesus noch lauter singen und wer das Wort in allem Werden versteht, wird dem bärtigen Jesus an den Wegkreuzen noch mehr Beachtung schenken. Ja erst im Bewusstsein, dass es nicht nur um einen aufgesetzten Mythos geht, der von alten jüdischen Texten im Rahmen religiöser Vergötterung eine jungen Religionsrebellen abgeschrieben wurde, sondern in ihm der Logos lebendig war und ist, werden wir die alten Lieder und Wegkreuze wieder mit neuem Leben erfüllen.
4.3.Wie an Karfreitag der Logos/die Vernunft gekreuzigt wird
O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Spott und voller Hohn, oh Haupt zum Spott gebunden mit einer Dornenkron...
Du edles Angesichte, davor
sonst schrickt und scheut, das große Weltgewichte, wie bist Du so bespeit...
Paul Gerhard, von dem der Text dieses Kirchenliedes stammt, das ich heute an Karfreitag mit voller Begeisterung singe, war kein Logosschüler. Doch Johannes, der uns die Kreuzigungsgeschichte erzählt, hat nicht die Story vom Tod eines jungen jüdischen Märtyrers aufgeschrieben, sondern ging von dem aus, was die Stoiker als Logos lehrten. Auch wenn der Verfasser unseres Liedtextes den Logos nicht in der Form der Stoiker kannte, für ihn war Jesus weit mehr als das, was heute an Karfreitag in einer Fernsehdokumentation über die Jesus-Verschwörung gezeigt wird und was beim Gottesdienst gepredigt wird bzw. wir beim Singen vor Augen haben. Während Paul Gerhard in diesem, wie vielen anderen seiner Lieder den Christus hochleben lässt, dabei die Eigenschaften des schöpferischen Logos und Licht der Menschen besingt, gehen wir heute nur noch von einem historischen Menschen aus, der als Christus/Messias vergöttert wurde.
Wir sehen nur noch einen Unruhestifter, wie es angeblich keinen größeren in der Geschichte gegeben hätte und dessen unbequeme Ansichten nicht in das Konzept der römischen Machthaber passte. Denn diese sollen, so die neue Erkenntnis eine Dokumentarfilmes zu Karfreitag, jetzt für den Tod Jesus allein verantwortlich sein. Der Tod eines einfachen Wanderpredigers, wie damals viele durch die Gegend gezogen sind, wird geschildert. Neben vielen anderen Professoren hat der Religionswissenschaftler und Schriftexperte Carsten Peter Thiede alte Schriftquellen analysiert und jetzt bestätigt, dass die Juden zu unrecht für den Tod Jesus verantwortlich gemacht werden.
(In einem anderen Text habe ich mich bereits vor vielen Jahren mit Prof. Thiede auseinandergesetzt. Während er damals durch einen winzigen Punkt – wie Mückendreck - auf einem Papyrusschnipsel die historische Realität des Matthäusevangeliums bzw. dessen Frühdatierung belegen wollte, versuchte ich das dem Matthäusevangelium zugrunde liegende Wort/den Logos bereits damals in der historischen Geistesgeschichte und dem Wirkmechanismus der gesamten Welt zu belegen. Es erschien mir paradox: während ich die Wahrheit im antiken Geschichtsprozess und dem Werden der Welt belegen wollte, stand hier ein winziger Punkt auf einem Papyrusschnipsel mit Mittelpunkt der Beweisführung. Und gerade in der Tatsache, dass bestimmte Textabschnitte die sich mit Christus auseinandersetzen oder gar das ganze Matthäusevangelium viel früher geschrieben wurden, als bisher angenommen, zeigt, dass wir unser bisheriges Bild überdenken müssen. Wenn Matthäus oder Johannes bzw. von ihnen verwendete Verfasser vordatiert werden, dann ist das Denken nicht weiter haltbar, das von späteren Legenden um einen jungen Juden ausgeht. Doch, dass vom Logos als Gottessohn bereits vor dem von uns angenommenen Geburtstag Jesus gesprochen wurde, ist bekannt.)
Ausschnitte aus einer Prozession, in der im Baskenland der Leidensweg Jesus nachgestellt wurde, waren in den Film eingestreut, wie wenn damals an Karfreitag ein Kameramann dabei gewesen wäre. Alles wirkt weit authentischer als in Oberammergau. Für einen normal denkenden Menschen, der sich nicht weiter mit dem christlichen Glauben befasst und mit solchen Bildern aufgewachsen ist, kann es keine Zweifel geben. Er hat Respekt vor diesem Rebellen, auch wenn er sich nicht weiter dafür interessiert, der antike Wanderprediger ihm heute nichts mehr zu sage hat. Einen Menschen, gar einen jungen palästinenzischen Glaubensmärtyrer zu verherrlichen (ähnlich wie sie vorher in der Tageschau auf den Bekennervideos zu sehen sind), davon ist der moderne Mensch weit entfernt. Gott sei dank. Denn nur so geht das Denken weiter, wird die Vernunft, die an Karfreitag gekreuzigt wurde, neu ans Licht komme.
Auch die Schandtafel wurde gezeigt, die Holztafel, auf der Pontius Pilatus lt. Johannes in Hebräisch, Griechisch und Latein „König der Juden“ schreiben ließ. Denn was auf der Tafel stand war die kurz gefasste Anklage, die zur Kreuzigung führte. Auf den Einwand, er solle schreiben: „Er sagte er sei der König der Juden“ hat dieser nach Johannes gesagt „was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben“. Doch statt all das, was von Johannes über das Kreuzigungsgeschehen ausgesagt wird, auf den Logos zu beziehen, von dem Johannes und alle damaligen Denker nachweislich ausgegangen sind, hat das Bild vom Wanderprediger uns scheinbar den Verstand geraubt. Gleichwohl er immer wieder vom Christus spricht und wir wissen, dass die Frühchristen, die den Begriff Christus prägten, den Logos zum Gegenstand des Glaubens hatten, gleich wohl selbst im Dokumentarfilm gesagt wird, dass es in den Evangelien nicht um Geschichtsschreibung im herkömmlichen Sinne geht, präsentiert Professor Thiede jetzt ganz selbstverständlich die Schandtafel als Beweisstück. Wie wenn es keinen Zweifel an der Echtheit gäbe, wird ein von der Mutter des Kaiser Konstantin zur Veranschaulichung des christlichen Glauben aus dem heiligen Land geholte Holztafel als Beweis für die historische Wahrheit präsentiert. Die Schandtafel kommt so nochmals zu Ehren. Denn was uns hier ohne hörbaren theologischen Widerspruch zugemutet wird, ist eine Schande für die dem christlichen Glauben zugrunde liegende Vernunft.
Auch wenn den Titel des
Dokumentarfilmes „die Jesus Verschwörung“
nicht nur auf die im Film mitwirkenden Wissenschaftlern beziehe, sondern
mir die heutige christliche Theologie insgesamt vorkommt, wie eine Verschwörung
gegen die Vernunft/den Logos, eine Jesusverschwörung ist historisch
nachzuvollziehen. Wenn sich der Hohepriester Kaiphas aus Angst vor religiösem
Machtverlust mit Herodes und Pilatus verschworen, wovon ich ausgehe, dann waren
es nicht nur drei Männer, die einen Komplott schmiedeten. Ist es nicht völlig
absurd, dass sich damals drei so mächtige Männer wegen eines einzelnen, historisch
unbedeutenden einzelnen Menschen ein solches Aufheben gemacht hätten? (
Nachdem in der profanen Geschichtsschreibung in keiner Weise ein Rebellenführer
erwähnt wird, geht kein Neutestamentler davon aus, dass der historische Jesus
eine besondere politische Bedeutung gehabt hätte. Warum sollte daher wegen
eines umherziehenden Predigers, von denen es viele gab, ein solcher Prozess
stattgefunden haben?) In einer
Zeit, in der an einem Tag nachweislich Tausende hingerichtet wurden, um
politisch/religiöse Ordnung zu halten, hätte man kurzen Prozess bzw. keinen,
aber mit 100prozentiger Sicherheit nicht einen solchen gemacht, wie er heute im
Karfreitagsfilm nachgezeichnet wird, um das jüdische Volk von der Schuld zu
befreien. Wegen der Majestätsbeleidigung und Amtsanmaßung eines einfachen
Wanderpredigers wäre kein solcher Prozess gemacht worden. Es war der Logos,
von dem die Beleidigung der kaiserlichen Autorität ausgeht. Er ist die Anmaßung
gegenüber dem Kult, der das Gesetz als Autorität in Händen hält. (Wie
vernünftig es ist, das
Geschichtsgeschehen in Bilder zu fassen zeigt sich bereits an diesem kleinen
Beispiel. Wie besser könnte beschrieben werden, um was es damals im
Geistesgeschehen ging. Auch wenn die Begriffe Amtsanmaßung und
Majestätsbeleidigung nicht aus dem Evangelium stammen, sondern aufgrund der
dort beschriebene Prozessgeschichte verwendet wurden, wie besser lässt sich
beschreiben, um was es damals ging? Hohepriester und Römerkaiser und Judenkönig
mussten um ihre Autorität fürchten. Doch kein Wanderprediger, wie er im
Karfreitagsfilm als historisches Wesen gezeigt wird, hätte sie ihnen streitig
machen können. Dies war nachweislich
das, was das gesamte Denken der Antike als Logos bezeichnete, das damals verstandene
Wort bzw. die schöpferische Vernunft, an der sich auch die Menschen
auszurichten hatten. Nur von ihr ging Gefahr für die menschlichen Autoritäten
aus.)
Wenn nun Heerscharen von Geschichtsforschern, Archäologen und Theologieprofessoren aufgeboten werden, um eine Geschichtswahrheit zu belegen, deren historische Unrealität zum Himmel schreit, dann kommt mir auch heute der Karfreitag wie eine Verschwörung gegen die Vernunft vor. Doch solange ein Wanderprediger für die gesamte Theologie das eigentliche Wese ist, hat scheinbar keiner Zeit hier nach der historischen Realität zu suchen.
Warum Pilatus seine Hände in Unschuld gewaschen hat, wieso er später Christ werden konnte (wie verschiedene Texte behaupten), ebenso wie das gesamte von den Evangelisten geschilderte Prozessgeschehen, das alles kann erst vernünftig nachvollzogen werden, wenn wir nicht von einem verurteilten Rebellen, sondern der Vernunft in Menschengestalt als Gegenstand eines Geschichtsprozesses ausgehen, der nachweislich stattgefunden hat.
Das jüdische Volk trifft bei dem Karfreitagsverbrechen wirklich keine Schuld. Der Gerichtsprozess kann neu aufgenommen werden. Doch wenn der Grund christlichen Glaubens der Christus ist, von dem selbst im Dokumentarfilm immer gesprochen wird, auch wenn nur Knochen von einem Wanderprediger gezeigt werden, dann muss die Revision den Logos und die von ihm ausgehende Gefahr beleuchten. Wer hat den damals den als Sohn Gottes gesehenen Logos ans Messer geliefert? Der Prozess ist als Geschichtsereignis neu zu verstehen. Warum war es notwendig, dass die Vernunft in Menschengestalt gestorben ist? Spielen nicht auch die Prozessbeteiligten nur ein Statistenrollen? Geht es um einen notwendigen Prozess, der zum Wachstum der universellen Vernunft notwendig war? Trägt der Rückfall in reinen Traditionsglauben, eine Gesetzlichkeit die Schuld, dass die Vernunft, der Logos sein Leben lassen musste? War es der griechisch-römische Kult, der den jüdischen Messias, das neu verstandene Wort verhinderte oder gehört nicht dies alles was war zur Notwendigkeit der Schöpfung? Die Frage nach der Majestätsbeleidigung ist neu zu stellen. Mit Sicherheit standen sich auch römischer Kaiserkult und Vernunft im Wege. Auch heute hat die Vernunft viele Feinde, fühlen sich nicht nur ein unvernünftiger Glaube von der Vernunft bedroht, sondern auch weltliche Autoritäten. Doch solange wir im Wesen unseres Glaubens nur einen Wanderprediger sehen, können wir die Fragen, die sich mit den Geistesströmungen der Antike und gleichzeitig heutigem Denken auseinandersetzen, nicht stellen. Auch heute wird der Vernunft nur eine Dornenkrone aufgesetzt. Unfruchtbares Gestrüpp wird auf den Logos übertragen, von dem alles Leben ausgeht. Daneben wird ein Wanderprediger als historisches Wesen verherrlicht und somit verhindert, dass das lebendige Wort verstanden wird.
Die Frage nach der Verantwortung für den Tod Jesus kann nur aus dem Verständnis des Johannes heraus beantwortet werden. Und dem ging es nicht um die Lebensgeschichte eines jungen Juden, sondern die des Logos, wie er bei den Stoikern und den judenchristlichen Denkern lebte. Sein Leben und Leiden hat Johannes beschrieben. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir die Kreuzigungsgeschichte des Johannes so auslegen, wie wenn dieser einfach Psalmtexte oder die Aussagen der Propheten auf einen jungen Juden übertragen hätte. Der war nicht Gegenstand des Denkens, um das es damals ging und das eine wahre Explosion an großartigen Texten der ganz verschiedenen Art hervorgerufen hat.
Die jüdisch-griechischen Denker erkannten – auch das wird in vielen Texten bestätigt - ,dass der jüdische Glaube auf das Wort gründet, das jetzt als Logos bezeichnet wurde. Denn was wir z.B. im 22. Psalm lesen, ist keine Vorahnung auf die spätere Kreuzigung eines Religionsrebellen, sondern lässt auf das schließen, was später als Logos lebendig war. Die dort geschilderte Gottverlassenheit könnte auch heute heißen. Der Psalmbeter ruft, doch das Wort Gottes wird nicht gehört. Solange das Wort, der Logos nicht verstanden wird, bleibt der eine Schöpfer, aus dem alles hervorgegangen ist, verborgen.
Was der Beter des Psalmes sagt, bezieht sich nicht auf den Schöpfergott, den Vater direkt, sondern das, was später als Wort/Sohn/Logos gesehen wird. Johannes hat nicht in blinder Traditionsfrömmigkeit alte Texte übernommen, diese auf einen jungen Juden übertgragen, sondern erkannt, dass in den Psalmtexten das Gotteswort leidet. Es war der gleiche Logos, der später von Philo als Gottessohn gesehen und von den stoischen Philosophen als kosmische Vernunft bezeichnet wird.
Die in der Begriffswelt des Alten Testamentes bewanderten Theologen könnten sicherlich auch auslegen, um was es ging, wenn im Psalmtext vom Würfeln um die Kleider gesprochen wird, von den Hunden, die ihn umgeben oder den Knochen, die er zählen kann. Mit Sicherheit dann hat es sich um das gleiche Wesen gehandelt, das später als schöpferisches Wort verstanden und heute neu verspottet wird.
Und ist dieser Spott trifft nicht nur das in der Antike neu erwachte, sondern auch das in alttestamentlicher Zeit verstandene Wort, dessen theologische Bedeutung unter den Tisch gekehrt wird. Denn wenn nur von einem jungen Juden gesprochen wird, den Johannes verherrlicht haben soll, bleibt das Verständnis des im Schöpfungs- und Geschichtsprozess wirksamen Wortes, wie es in den Alttestamentlichen Texten nachzulesen ist, nur ein Mythos. Durch unser heutiges Bild vom historischen Jesus wird somit nicht nur der Logos des Neuen, sondern auch der des Alten Testamentes verleugnet. Der von der Welt verfluchte ist kein Wanderprediger. Der im von Johannes herangezogenen Psalm genannte Baum des Lebens wird später Logos genannt. Johannes hat den Psalm nicht in seine Kreuzigungsgeschichte aufgenommen, weil er einen historischen Menschen hochstilisiert wollte. Er hat den Logos, der von Hebräern und hellenistischen Denkern in gleicherweise als Lebensbaum verstanden wurde, leiden sehen. Dornenkrone, Spott sind wie alle Aussagen des Evangelisten sind heute als historische Realitäten der Geistesgeschichte zu verstehen. Doch solange wir nur einen verspotteten Wanderprediger sehen und einen alten Psalmenmythos vor Augen haben, der ihm später übergestülpt wurde, können wir das Wort, die verstandene schöpferische Vernunft nicht wahrnehmen, die damals wie heute dem Hohn der Herrscher über die Buchstaben/Gesetze und das weltliche Wissen ausgeliefert ist.
Jesus war wirklich der König der Juden. Jedoch kein junger Prediger oder Philosoph der eine Schule gründete und später als Messias bzw. als Miniaturausgabe Gottes verchristianisiert wurde kann als König der Juden betrachtet werden. Nicht ein Miniaturgott oder Menschenvergötterung, sondern der Verstand des schöpferischen Wortes ist es, was das wahre Israel auszeichnet und von anderen Kultformen abhebt. Genau das haben die jüdisch-griechischen Denker wie Philo von Alexandrien erkannt. Im Hebräischen Glauben haben sie eine großartige Philosophie gesehen, die über abstrakte griechische Geistesgebilde hinausging. Sie haben das Wort/den Logos/die Vernunft verstanden, die die den jüdischen Glauben gegenüber dem hellenistischen Götterkult, abstrakten metaphysischen Lehren und Kaiserkult auszeichnet. Nicht das Gesetz der Juden selbst, sondern das diesem zugrunde liegende Wort, der von Philo als Sohn Gottes und später in menschlicher Gestalt gesehene Logos steht am Anfang des jüdischen Glaubens. Doch wie soll eine Theologie, die Judentum und Christentum nur als Buchreligion sieht, das verstehen und akzeptieren können? Das Wort, das dem Buch vorausgeht, bleibt heute verborgen. In der Antike war es lebendig.
Doch das ist Hoffnung und Aussage von Ostern: Was sich in der gesamte Schöpfung zeigt und vormals nur wie der Sonnenaufgang am Ostersonntag als Naturschauspiel verherrlicht wurde, wird jetzt als Wort Gottes neu verstanden. Im Neuverständnis der Natur und gleichzeitig auch des Wesens unsers Glaubens lässt sich der präexistente Logos als Wort Gottes von jedermann neu verstehen. Dass das Frühlingsfest der Germanen, der Fruchtbarkeitskult der Heiden, der in der Göttin „Ostera“ zum Ausdruck kam und das christliche Ostern in einem Fest zusammenfallen ist kein Zufall. Der Grund ist mit Sicherheit auch nicht darin zu sehen, dass das heidnische Fest genutzt wurde, um die Bedeutung von der Wiederbelebung eines menschlichen Märtyrers zu versinnbildlichen, wie dies aus vielen heutigen Erklärungen herauszuhören ist. Auch im heidnischen Kult wird der schöpferische Logos verherrlicht, der nicht nur die Natur bestimmt, sondern auch für die notwendige neue Erkenntnis sorgt. Mit gleicher Sicherheit wie jeden Tag die Sonne aufgeht, werden auch wir eines Tages das Wort Gottes neu verstehen. Die Aufgabe der heutigen Theologie wäre es, hierfür den Weg frei zu machen und Lesehilfe zu geben, damit jeder selbst als freier gebildeter Mensch den Logos als Wort Gottes verstehen kann.
5. Der
Logos als Grundlage einer gemeinsamen Sinngebung und Ethik
5.1. Vernünftige Lebenslehre setzt die Wahrnehmung schöpferischer Vernunft voraus
Wenn heute junge Intellektuelle angesichts der Globalisierungsproblematik oder der durch neue Technologien wie z.B. der Gentechnik gegebenen Gefahren verzweifelt nach einer Weltethik rufen oder einer erneuten Humanisierung, machen sie die Rechnung ohne das Wort Gottes. Doch diese Rechnung kann nicht aufgehen.
Zwar wird richtig erkannt, dass der Mensch ein kulturelles Wesen sei, das sich in einem be-stimmten Bezug zur Welt, zu anderen Menschen, zu seiner gesamten Mitwelt setzen müsse. Doch wird dabei zwar von Kult gesprochen, aber nicht an das gedacht, was eine Kultur ausmacht. Von einem gemeinsamen Kult, einer Gottesverehrung wird nicht ausgegangen. In der modern gedachten Bestimmung kommt auch die Stimme, das Wort Gottes nicht vor. Das Selbstverständnis des modernen Menschen geht nur von sich, vom Menschen aus. Folgerichtig wird nur nach einem humanistischen Ideal gerufen. Doch genau das hatten wir schon, führte nicht zu einer kollektiven Vernunft, weder im Osten, noch im Westen. Warum sollte es jetzt funktionieren, nur weil Bioethik oder globales Handeln eingeklagt werden soll?
Die Stoa wird dann bei modernen Philosophen oft als Quelle des Humanen herangezogen. Doch genau hier zeigt sich der Trugschluss. Denn die Stoa ist nicht als Philosophie im modernen Sinne, sondern als Theologie zu verstehen. Wie die Verfasser des Neuen Testamentes gingen die Vertreter der Stoa vom Logos aus. Johannes & Co. haben nicht die Stoa abgeschrieben, sondern die gleiche Grundlage: Das Wort Gottes wurde verstanden und auf unterschiedliche Weise umgesetzt.
Wenn bei den Stoikern der Mensch durch Erkenntnis erst zu sich selbst findet, dann ist es genau das, was uns fehlt. Hinter der antiken Annahme, dass der Mensch erst zum eigentlichen Menschen wird, wenn er den beschwerlichen Weg der Erkenntnis auf sich nimmt, steht zwar eine kognitive Philosophie. Doch was erkannt wurde, was der stoischen Vernunft vorausgeht, war die Wahrnehmung des Logos. Die Philosophie, die nicht an bestimmte örtliche oder einen kulturellen, politischen Kontext gebunden ist, setzte Verständnis eines universalen Gotteswortes voraus. Wer heute von der Stoa schwärmt, kann dies nicht ohne Logos tun, der sich aus der schöpferischen Wirklichkeit ableitet. Die kosmopolitische Dimension des stoischen Denkens liegt ebenso wie die des Neuen Testamentes in einer universalen Gültigkeit des Gotteswortes begründet und nicht in einem Alleinseligmachungsanspruch heutiger Prägung, sei es religiös oder modern humanistisch. Weder die Verfasser des Neuen Testamentes, noch der Stoa waren innenorientiert. Sie gingen vielmehr vom schöpferischen Wort aus, das den Menschen vernünftig machen sollte. Nicht die Selbstbeherrschung im Sinne der Verneinung eigener Natur, wie es gerade in christlicher Moral gepredigt wird, kann als Ziel erkannt werden. Dem Eros steht der Logos zur Seite. Den Menschen zu seiner wahren Natur, zu seinem schöpferischen Sinn zu führen, stand auf der theologischen Tagesordnung. Dies geschah im Kontext des kulturellen Umfeldes, des vorausgegangenen Gottesverständnisses.
Die Distanz zu seinem Ego wurde nicht durch pure Selbsterkenntnis erreicht, sondern indem das gesehen wurde, was die Christen Sohn Gottes nannten. Erst so konnte sich der Mensch verwirklichen, ohne sich, seine Natur zu verneinen. Das war das eigentlich Neue. Nicht alte Texte, andere Menschen oder deren Moralpredigt führten zu diesem Ziel, sondern die Wahrnehmung des schöpferischen Wortes/für Stoiker des Logos.
Was wir im Neuen Testament nachlesen können, ist eine Weiterführung des Denkens, das wir in der Stoa finden. Der Logos in Menschengestalt kann als Fortschritt gesehen werden. Denn er war letztlich der Mittler, der die Menschen der verschiedenen Kontinente im Kontext ihrer gehabten Vorstellungen zur vernünftigen Lebensweise führte. Wer spricht außer einigen Jungphilosophen, die einem nicht funktionierenden Humanismus nachtrauern noch von der Stoa? Vieltausendmal mehr als die rein intellektuelle theologische Umsetzung hat der Logos in Menschengestalt die Welt geprägt. Nicht die Stoa, sondern die christliche Umsetzung des Logos hat zu dem geführt, auf das wir heute stolz sind. Freiheit des Denkens und Fortschritt im Wissen wäre nicht, wenn es nicht das von den verschiedenen Völkern verstandene und akzeptierte Wort in Menschengestalt gegeben hätte.
Doch das in Stoa und Neuem Testament umgesetzte Recht ist kein Ausdruck nur eines kollektiven Selbstverständnisses im heutigen Sinne, sondern der kollektiven Wahrnehmung des Gotteswortes. In den „Ich-Worten“ Jesus bei Johannes ebenso wie in der Bergpredigt, wo sich Jesus über das bisher verheißende erhebt „ich aber sage Euch“ spricht das lebendige Wort, das hier etwas von sich sagt und von dem das gesamte Evangelium handelt. Doch dieses Wort, das griechisches Denken und Neues Testament be-stimmt, bleibt heute ungehört. Was bleibt sind pharisäische Forderungen: gut gemeint, jedoch ohne Jesus unerfüllbar. (Wie sagt unsere Theologie: Es war nur ein historischer Wanderprediger....Wen wunderts, wenn junge Philosophen, die die Religion längst als gestrig betrachten nur nach neuer Humanität rufen und bei der Betrachtung der Stoa das eigentliche Wesen verkennen. So werden moderne Humanisten und traditionsfromme Moralapostel gemeinsam zu Pharisäern. Sie fordern das Richtige, was jedoch ohne die Wahrnehmung des lebendigen Wortes unerfüllbar bleibt.)
Wen wundert es, dass bereits ein Naturforscher und seiner Zeit vorauseilender Geist wie Goethe mit den gewaltigen Logos-Sätzen des Johannesprologes rang. Im vergeblichen Bemühen des Faust, den ersten Satz des Johannes zu entziffern, zeigt sich, was Goethe bewegte. Viel weiter als Goethe schien die Theologie von einer Erklärung entfernt zu sein. Allenfalls wurde auf hellenistische Einflüsse von außen hingewiesen. Eine Folge war auch, dass die Kenntnis von den Logosanschauungen im Alten wie im Neuen Testament verlorenging.