Die folgenden Überlegungen versuchen zu klären, wie
sich im gedanklichen Feld der Antike durch das Verständnis des Logos als
Gottessohn ein großartiger geistiger Fortschritt gegenüber der Vielzahl
verschiedener Kultformen und konkurrierenden Göttersöhnen ergeben hat.
Es wird gefragt, welch messianische Wirkung auch im
Hinblick auf die hellenistische Götterwelt von einem eindeutigen Schöpfungs-
bzw. Gottesverständnis erwartet wurde, wie es der hebräische und bei Jesaja neu
entwickelte Monotheismus bot.
Gleichzeitig wird durch die Betrachtung der
Funktionsweisen und Wesenheiten der verschiedenen philosophisch-mythischen
Göttergestalten der Griechen versucht, das eigentliche Wesen des den Vater
offenbarenden Gottessohnes zu erklären, der durch seine Menschwerdung
gleichermaßen zum Messias der Juden und Griechen wurde.
Die historische Gestalt Jesus soll so als Gottessohn
und Messias nachgewiesen werden. Denn nur
in menschlicher Gestalt war der Logos, das göttliche Wort für Juden wie
Griechen P(p)räsent, lebendig. (Gottesgeschenk und Präsenz ohne selbst
pantheistisch unbestimmt in allem aufzugehen, Natur selbst zu sein, sondern
transzendent zu bleiben.)
Auch hier geht es nicht nur um ein anderes
Geschichtsverständnis bzw. theologische Besserwisserei, sondern um ein neues
Verständnis des schöpferischen Wortes im Rahmen unseres heutigen
wissenschaftlichen Weltbildes. Dies setzt allerdings ein anderes christliches
Selbstverständnis voraus: Die Menschwerdung des allumfassenden schöpferischen
Wortes – nicht die anschließende Verherrlichung eines Menschen - soll als Wiege
des christlichen Glaubens begründet werden. Voraussetzung für eine neue
vernünftige Wahrnehmung des den Vater offenbarenden Wortes/Gottessohnes
in allem heute sichtbaren Werden.
Wenn hier vordergründig die griechischen
Göttergestalten bzw. Zeussöhne für die Gottessohnbegründung und gleichzeitig
die Menschwerdung Jesus herangezogen werden, so heißt dies keinesfalls, dass im
Neuen Testament bzw. der Christologie nur die griechischen Göttermythen in
jüdischer Weise umgesetzt wurden. Doch um das Neue Testament bzw. die
historische Gestalt Jesus und gleichzeitig seine Gottessohnschaft (nicht nur
als religiösen Titel, sondern Tat-sache) verstehen zu können, müssen wir den
Kontext des hellenistisch-jüdischen Denkens, aus dem heraus das gesamte, uns
heute zu Füßen liegende, weit über den Kanon hinausgehende Textgut der Zeit
verfasst wurde, weit mehr beachten als bisher. Die gesamten jüdischen
Traditionstexte, die Messiaserwartungen und insbesondere auch die
zwischentestamentliche Literatur (die
allerdings auch hellenistisch beeinflusst ist), ließe ebenso gut als Beleg für
die Gottessohnschaft und die not-wendige Menschwerdung des Wortes heranziehen.
Doch hier steht das griechische Denken im Vordergrund. Denn es soll nicht im
Stile heutiger Theologie nachgewiesen
werden, warum dem historischen Jesus solche „Hoheitstitel“ zu recht verliehen
wurden, sondern warum er der wirk-liche Gottessohn in Menschengestalt und somit
der Messias war. Warum sich die Funktion der Göttersöhne in der Gestalt des
Nazareners vereint.
Die antiken Mythen sind nicht ohne Grund wesentliche
Tragsäulen der europäischen Tradition. Wenn, wie heutige Geisteswissenschaftler
nachweisen, wir wie griechische Göttergestalten weit mehr unser Denken bzw.
unsere geistige Identität und unsere kulturellen Fundamente bestimmen, als
bisher angenommen, dann hat dies einen einfachen Grund: In den griechischen
Göttermythen und Gestalten kommt das gleiche Wort Gottes zum Ausdruck, auf das
die Juden seit altershehr ihren Glauben gründeten. Es ist das schöpferische
Wort, von dem alles heute wissenschaftlich nachweisbare Werden ausgeht. Nur
wird es in antiken Mythen in anderer Weise umgesetzt. Odysseus, Ödipus, Orpheus
und Achilles sind ewig modern, weil in ihnen Schöpfungserfahrung, wozu auch
menschliche Stärken und Schwächen gehören, personifiziert sind. Kosmische und
kulturelle Wesenheiten werden heute ganz selbstverständlich aus den
Göttermythen gelesen.
Was sich für uns im präexistenten Sohn Gottes
verdichtet, war das von den griechischen Göttern gelebte Schöpfungswort. In Jesus von Nazareth hat dieses Wort eine
für alle Welt verständliche Neuverfassung erfahren, von deren Heilswirkung bis
heute unser kollektives Bewusstsein gespeist wird.
Doch Leben ist ein Wandern. Bereits die alten Juden
sind ausgezogen, um das gelobte Land zu suchen. Die himmlische
Schöpfungs-Stimme, das ewige Wort Gottes, wies dabei den Hebräern den Weg und
kann auch heute wegweisend sein. Den neuen Wegen zu folgen, auf die Jesus uns
wies, kann nicht bedeuten, nur blind zu glauben, was antike Denker
aufgeschrieben haben, also weiter an ein bedeutungslos gewordenes Jesusbild zu
glauben. Wer in allem evolutionären Werden das Wort Gottes wahrnimmt, der kann
nicht nur an gewesenen Vorstellungen festhalten, sondern muss im Vertrauen auf
den Schöpfergott neue Wege gehen.
Als vor einigen Jahren der katholische Theologe
Alexander Sand bei einem Vortrag „Jesus, Sohn Gottes oder Menschensohn“ die
Bezeichnung unseres Religionsstifters als Gottessohn auf die griechischen
Göttersöhne zurückführte, schrie ich laut auf. Ganz erschrocken schauten mich
die Teilnehmer des Vortragsabends der VHS damals an, als ich einen Hahnenschrei
ausstieß. (In einem frühen Text „Der Hahnenschrei“ als bis heute unverschickten
Brief an Prof. Sand, versuchte ich später meinen innerlichen Aufschrei zu
begründen.) Bereits damals – noch lange vor meiner Auseinandersetzung mit dem
gesamten religiösen Denken der Antike - ging ich davon aus, dass Jesus wirklich
der Gottessohn sei. Ich identifizierte die schöpferische Synthese, der alles
Werden entspringt – damals von mir noch nicht als Logos, sondern „ES“ gesehen,
das zwischen zwei Menschen ebenso wie in der schöpferischen Materie
funktioniert und durch eine kosmische Kraft „Liebe“ getrieben wird – mit dem
Wort Gottes als dem historischen Wesen unseres Glaubens.
Als nun Prof. Sand die Bezeichnung Gottessohn u.A.
auf griechische Götterbezeichnungen zurückführte, dachte ich in der Person des
katholischen Theologieprofessors den leibhaftigen Petrus zu erkennen, eine der
Verleugnungen Jesus mitzuerleben. Denn so wurde die Gottessohnschaft zu einer
Hoheitsbezeichnug, die nicht die Wirk-lichkeit ausdrückt, sondern nur auf einen
Wanderradikalen angewendet wurde.
Heute will ich selbst den Versuch unternehmen, in
den griechischen Göttersöhnen, den zahlreichen hellenistischen Kultfiguren, den
Grund des Gottessohnes in Menschengestalt nachzuzeichnen. Doch meinen
Hahnenschrei gegenüber der Hochschultheologie halte ich aufrecht. Weiterhin
betreibt sie Verleugnung des Gottessohnes, gleichwohl sie durch ihr Wissen um
die historischen Zusammenhänge und geistesgeschichtlichen Hintergründe den Weg
frei macht für ein neues Verständnis, das weit über den historischen
Wanderprediger mit Namen Jesus als Glaubensgrund hinausgeht.
Doch wenn heute von der Theologie u.A. griechische
Mythen aus der Umwelt des Neuen Testamentes zur Begründung für Evangelientexte
herangezogen werden, dann geschieht das im Grunde auf der gleichen Ebene, auf
der Prof. Sand die wirkliche Gottessohnschaft des historischen Jesus abstritt,
indem er frühe jüdische und vor allem hellenistische Bezeichnungen hervorholte
und darin den Grund sah, warum auch der Wanderprediger Jesus als Gottessohn
bezeichnet wurde. Bei dieser Art von Begründung geht es nie darum, dass Jesus
der Gottessohn ist, sondern nur ob ein antiker Charismatiker von seinen
Anhängern als solcher bezeichnet wurde. Das schöpferische Wort in
Menschengestalt kommt nicht vor. Es wird weiter verleugnet. Die angeblich
historische Gestalt eines Menschen mit besonderer Begabung, die, wenn alle
Stricke reißen, Textzeugen als Glaubenszeugnisse gelesen werden, fast nur noch
im Turiner Grabtuch nachzuweisen ist, steht dem Verständnis des lebendigen
Wortes in der Gestalt des historischen und gleichzeitig präexistenten Jesus im
Wege.
All die vielen heutigen Begründungen der
Amtsexegeten, ob Texte des AT herhalten müssen oder hellenistische Begriffe,
haben nur einen Hintergrund: es wäre nicht historische Wirklichkeit, sondern
wurde nur so gesehen, so erzählt, so gedacht, so bezeichnet. Ob die Wunder
Jesus, die Weihnachtsgeschichte oder die Auferstehung exegetisch untersucht
werden: wenn wir all dies weglassen, was nach heutiger Lesweise aus dem AT auf
den historischen Jesus übertragen bzw. ihm in den Mund gelegt wurde oder nur
dem sonstigen religiösen Umfeld entspringt, es bleibt eine banale Gestalt, ein
Nichts, kein wirklicher Sohn Gottes. Die Texte des Neuen Testamentes lösen sich
auf, ohne dass der schöpferische Wirk-grund gesehen wird, wie er für die
griechischen Halbgötter ganz selbstverständlich vorausgesetzt wurde. Das
schöpferische Wort, der Logos/ Sohn Gottes lebt in den griechischen Göttermythen weit deutlicher, als in unserer
Hochschullehre vom historischen Jesus, der dann nur als Heiland, Gottessohn,
Christus... bezeichnet wurde. Während heute bei der Frage, ob Jesus wirklich
der Sohn Gottes war, allenfalls verzweifelt versucht wird, die Gottessohnbezeichnungen
in den eigenen Glaubenstexten nachzuzählen, waren die Göttersöhne bei den alten
Griechen lebendige Gestalten.
Ihre Funktionswirkung in der natürlichen Schöpfung
zeichnete sie als Göttersöhne aus. Nie und nimmer wären die Griechen auf die
Idee gekommen, die Sohnschaft von Dionysos & Co. aus alten Texten
nachweisen zu wollen, wie wir dies mit Jesus tun. Für sie war es schöpferische
Wirklichkeit, der sie Gestalt verliehen. Göttersöhne waren bei den Hellenisten
denkerisch nachweisbar im natürlichen Werden. Was wir heute bei der
naturwissenschaftlichen Betrachtung übersehen - nicht zuletzt weil die Theologie den Gottessohn als hellenistisch
verherrlichten jungen Juden gefangen hält und somit seine wahre
Gottessohnschaft selbst verleugnet – war bei den Griechen Fakt: Nicht rein
mechanische Selbstorganisationsprinzipien, sondern Gottessöhne nahmen die
normale Funktion im natürlichen Geschehen wahr. In den naturwissenschaftlichen
Beschreibungen der Antike wurden die verschiedenen Söhne des einen
Schöpfergottes gezeichnet, waren Vorboten des neuen Verständnisses eines
universalen, präexistenten Gottessohnes.
(Ein Hahnenschrei ist selbstverständlich auch bei
der heutigen Naturwissenschaft angesagt. Doch wie können Biologiestudenten
erkennen, dass z.B. die genetischen Buchstaben das Wort Gottes beschreiben, den
Sohn Gottes zeichnen, wenn Theologen nebenan das Wort Gottes nur in alten
Büchern lesen, allenfalls sich auf einen Mythos berufen und viele das von ihnen
selbst entmannte Offenbarungswesen der Christenheit nur als einen anhand
jüdisch-hellenistischer Texte hochstilisierten jungen Juden hochhalten. Können
sie so den schöpferischen Logos als das historische und heutige Wesen des
christlichen Glaubens nicht verstehen? Und doch macht scheinbar die heutige
Theologie erst den Weg frei für ein neues Verstehen. (Wie damals geht die
Verleugnung dem wieder lebendig Werden bzw. dem neu Verstehen des Gotteswortes in Menschengestalt voraus.)
Aus der religiösen Umwelt des Neuen Testamentes will ich lernen, was das Offenbarungswesen unseres christlichen Glaubens war und ist – und warum es ganz selbstverständlich war, das in der Schöpfung wirkenden Wort (heute würden wir von einer universalen Vernunft reden) als menschliches Wesen anzusprechen.
1.
Ein klares Bild im Kontext konkurrierender Götterwesen
„Konkurrenz belebt das Geschäft – Götter und
Halbgötter zur Zeit Jesus“ so der Titel eines Vortrages von Dr. Markus Sasse,
der gleich zu Beginn eine Tabelle vorlegt, die einen guten Überblick von den wichtigsten
griechischen Kulten zur Zeit Jesus gab. Über 20 verschiedene Kultfiguren, denen
jeweils ganz konkrete, allerdings ganz unterschiedliche kosmische Funktionen
zugeschrieben werden, sind aufgelistet. Dabei ließe sich die Tabelle mit
Sicherheit noch fortsetzen, denn uns ist nur ein kleiner Teil der unzähligen
Götterfiguren erhalten geblieben. Öffentliche Kulte, zu denen auch Staats- und
Kaiserkulte zählten, konkurrierten mit Mysterien: Geheimkulten, in die man erst
eingeweiht werden musste. Von Rom aus gesehen musste auch das Judentum als eine
Art Mysterienkult verstanden werden.
In wahrhaft multikultureller Weise lebten die
verschiedenen Kultformen nebeneinander und konkurrierten gleichzeitig mit
zahlreichen philosophischen und gnostischen Denkweisen dieser Zeit. Eine
besondere angeregte Auseinandersetzung lässt sich auch zwischen dem
hellenistischen und jüdischen Denken nachweisen. Nicht nur die Makkabäertexte
sowie jüdischen Apologeten wie Philo von Alexandrien und Josephus Flavius geben
darüber ein gutes Zeugnis ab. Und heute lernen wir, wie uneinheitlich die
religiösen Bewegungen im Judentum zur Zeit Jesus selbst waren, wie
verschiedenartig selbst dort das Wort Gottes verstanden wurde, wie wenig
eindeutig oder gefestigt der Glaube an den einen Gott und Schöpfer der gesamten
Genesis bzw. Geistesgeschichte war. Wir reden von den Propheten wie von
aufklärerischen Reformern und wissen auch, dass die Weisheitslehrer und
Apokalyptiker sich mit der Theologie ihrer Zeit heftig auseinandersetzten und
eine Erneuerung des Alten Glaubens anstrebten. Es würde zu weit führen, an
dieser Stelle alle Erneuerungsbemühungen in den verschiedenen Verästelungen
aufzuführen, die in der Zeit der Entstehung des Neuen Testamentes nachzuweisen
sind. Auch von einer klaren Trennung der verschiedenen theologischen
Strickmuster können wir nicht weiter ausgehen. Wir wissen, wie grundlegend der
Geist der Griechen im gesamten vorderen Orient verbreitet war, das Denken und
die Kultformen bestimmte und welch tiefe Spuren gleichzeitig die jüdische
Theologie bei vielen Hellenisten
hinterlassen hat. Der Hellenismus kann nicht einfach als Umfeld des Neuen
Testamentes gesehen werden. Er war wesentlicher Bestandteil der antiken
Denkwelt, war das Feld, in dem ein neuer jüdischer Monotheismus gewachsen ist.
Von Judengriechen wurde das Neue Testament verfasst. Und nur so ist es zu
verstehen. (An anderer Stelle muss untersucht werden, wieso auch unser Altes
Testament nicht nur ein Abpausen oder Aufschreiben alter Mythen und
Traditionstexte war, sondern auch hier das vom hellenistischen Geist geprägte
apologetische Denken die Feder geführt hat.)
Ein kunterbuntes Kulturleben lässt sich auch in Rom
beobachten wo seit der Hellenisierung
Kaiserkult und philosophisch-theologische Denkrichtungen heftig
konkurrierten. Doch Konkurrenz – ob im Orient oder Okzident - belebt nicht nur das Geschäft. Es ist als
Voraussetzung für einen geistigen Fortschritt zu sehen. Konkurrenz erzwingt
auch Klarheit. Wie heute war es damals not-wendig, Wahrheit und Ein-deutigkeit
zu suchen, in der die Vielfalt aufzugehen ohne sie völlig aufgeben zu müssen.
Welch eine Heilswirkung müssen sich die damaligen
Denker von einer einheitlichen Gotteswahrnehmung in einer Gestalt erhofft
haben, die die verschiedenen Vorstellungen sinnvoll vereint und fortführt?
Allein die Matrix mit den verschiedenen griechischen
Göttergestalten und ihren unterschiedlichen Heilswirkungen und Funktionen, die
mir beim Vortrag von Dr. Sasse in die Hand gedrückt wird, zeigt, wie wichtig
die Verdichtung der verschiedenen Vorstellungen in einer Gestalt war. Wenn mich
heute ein Atheist fragt, was der ganze theologische Schwindel mit der
menschlichen Gestalt einer schöpferischen Vernunft solle, warum es nicht
genügen würde, die natürliche Wirkkraft des Kosmos, die Schönheit
schöpferischer Natur selbst anzubeten, werden ich ihm diese Liste als Argument
vor Augen halten. Erst als eindeutige Gestalt, die gut griechisch als Mensch
ausgedrückt wurde, konnte das schöpferische Wort, das vorher auf
unterschiedliche Weise – jeweils zwar philosophisch beschrieben aber
verschiedenartig personifiziert - wahrgenommen wurde, eine messianische Wirkung
entfalten. Erst so war es für die Menschen der Antike wahrnehmbar und ging von
ihm eine richtungsweisende Wirkung für das Verhalten aus. Was wir heute
praktizieren ist vergleichbar mit der Verschiedenartigkeit der damaligen
Kultformen. Jeder bastelt sich seinen eigenen Gott, seine persönliche Ethik.
Und neben den unzähligen oft rein persönlichen Gotteswahrnehmungen der Restgläubigen
herrscht im außerreligiöse Bereich ein reichhaltiger Kult, zu dem im weiteren
Sinne auch die zahlreichen naturwissenschaftlichen Betrachtungen, die
Naturheilkundler, Ökologen oder Kosmologen gezählt werden können. Sie alle
verehren, auch wenn sie verschiedenartige Bezeichnungen gebrauchen, letztlich
einen Logos, eine schöpferische Vernunft von der alles sichtbare Werden
ausgeht. Indem wir uns ausmalen, welche Glaubenswirkung heute davon ausgehen
würde, wenn wir in den verschienenen natürlich nachweisbaren Wirkungsweisen das
Wort des einen Schöpfergottes verstehen würden, können wir erahnen, was damals
gedanklich geschehen ist, wie die griechischen Denker durch das
jüdisch-monotheistische Gottesbewusstein Ordnung in ihre vielzehligen
Vorstellungen brachten. Wer sich, wie die antike griechische Philosophie auf
dem theologischen Weg vom Mythos zum Logos befindet, homer`sche Mythen in
antiker Natur- und Geisteswissenschaft gedanklich nachvollzieht, Hierarchien
aufstellt, um Ordnung in den Götterhimmel bzw. die sich inzwischen dahinter
verbergenden Philosophien auf einen Nenner zu bringen, der muss im jüdischen
Monotheismus dafür einen fruchtbaren Nährboden finden. Hier breitet sich das
Feld für einen geistigen Fortschritt aus, dem wir das Neue Testament verdanken,
in dem sich die verschiedenen Vorstellungen sinnvoll verdichten. Nicht
Meinungen einzelner Menschen, die sich an einen Tisch setzten und auf eine
Geschichte einigten liegen Neuen Testament zugrunde. Es ist die verdichtete
Geschichte der Theologie des wieder lebendig gewordenen Wortes in
Menschengestalt. Dieses lebendige Wort ist kein wiedergekautes kollektives
Bewusstsein der Ahnen - ob Hebräertexte oder Homermythen - sondern deren
Bewahrheitung in einer neuen Wahrnehmung im wissenschaftlichen Weltbild der
Antike.
Wie damals wird auch heute weder ein zu verherrlichender Wanderprediger, noch ein willkürlicher Synkretismus der verschiedenen Denkformen die Lösung sein, zu einer einheitlichen universellen Gotteswahrnehmung führen. Auch eine philosophische Einigung auf eine übergeordnete Weltvernunft, das Auffinden einer heute vielfach gesuchten naturwissenschaftlichen Weltformel, wäre kein wirklicher Fortschritt, gleichwohl uns das ganzheitliche Denken der Naturwissenschaft den Weg zur neuen Gotteswahrnehmung ebnet. In Anknüpfung an das antike Denken will ich in einer naturwissenschaftlich nachweisbaren, das gesamte Universum be-stimmenden Vernunft, die Stimme/Wort des schöpferischen Vaters verstehen. So den historischen nachweisbar als menschliches Wesen Wirkkraft entfaltenden Sohn erkennen. Es geht um das Gotteswort, das nach der von Juden-Griechen verfassten Weihnachtsgeschichte Mensch wurde. Der Logos, der in der Bilderschwemme unser heutigen Weihnachtsvorstellungen längst untergegangen ist, lebt. Die unvoreingenommene Maria (so bezeichne ich in der Tradition der Glaubenstexte die Frühkirche), hat keinen griechischen Mythos als göttliches Menschenwesen geboren, sondern den Logos Gottes menschliche Gestalt gegeben. Was wir als Wort Gottes bezeichnen, wurde von den alten Griechen im Rahmen naturphilosophischer Vorstellungen vom Werden der Welt verstanden. Wenn wir an Weihnachten verkünden, dass „Gott Mensch geworden ist“, dann dürfen wir nicht länger von einem historischen Menschen ausgehen, der durch die Kirche vergöttert wurde, weil irgendwelche Auferstehungsvisionen... Wirklich vom Auferstandenen ausgehen, vom neu verstandenen Wort/Sohn Gottes.
2. Verschiedene Götter: philosophische Aspekte des
einen Gotteswortes
Als ich vor wenigen Jahren die Ausstellung
„Mysterium Wein“ im historischen Museum der Pfalz in Speyer besuchte und mir
dabei die dem Zeus-Sohn Dionysos zugeschriebenen Wirkungsweisen vor Augen
führte, dachte ich, dass in den Göttermythen der Sohn/das Wort Gottes
wesentlich besser beschrieben sei, als in den zahlreichen Bibeltexten, die den
menschlichen Jesus malen. Vorher hatte ich vor allem in fernöstliche Lehren den
Logos zu finden versucht, den ich für das christliche Wesen hielt. Im Tao sah
ich damals noch die perfekte Theologie,
Beschreibungen für eine Schöpfungslogik, die nach meiner Meinung die
schöpferische Tat-sache wesentlich besser zum Ausdruck brachte, sich mit
wissenschaftlichem Weltbild vereinen lies, als alle biblische Lehre. Heute ist
mir bewusst, dass der schöpferische Logos eine menschliche Gestalt benötigte,
wie sie in der Bibel zu lesen ist. Doch die philosophische Grundlage dieses
Logos, die sich wie auch das Tao mit naturwissenschaftlicher Lehre auf einen
Nenner bringen lässt, darf nicht außer Acht gelassen werden. In der Beschreibung
der Wirkungsweise des Weingottes Dionysos ist eine schöpferische Wirk-lichkeit
lebendig. Kein kollektives Bewusstsein der Ahnen kommt hier zum Ausdruck,
sondern kosmische Realität, die vom vernünftigen Schöpfungshandeln Gottes in
der gesamten Vegetation ausgeht. In diesem hellenistischen Glauben erübrigt
sich die Frage, ob Gott die Welt geschaffen und sich selbst überlassen hat, ob
dies göttlich und anderes wieder zufälliger Selbstzweck ist. Das ganze
kosmische Geschehen wird von den Griechen im Rahmen der verschiedenen
Göttervorstellungen, die noch nicht zur Ganzheit gelangt sind, als Werk des
ganz kon-kret wirkenden Gottes gesehen. Alle Kreation geht von Gott aus, der
noch die Form verschiedener hellenistischer Göttergestalten hat.
Wer Gott nur aus Buchstaben ableitet, wird diesen
Glauben leicht als Pantheismus abtun und damit eine Problematik ansprechen, die
nicht unbeachtet bleiben kann, gerade was unsere angeblich aufgeklärtes
wissenschaftliches Weltverständnis betrifft. Gerade das Denken der Aufklärung
war in Gefahr, in einen Pantheismus abzufallen über den die Hellenisten aus
meiner Sicht längst hinweg waren. Doch Aufklärung kann es nicht sein, die Natur
selbst oder ein in ihr eine unbestimmt aufgehende Schöpfungsmacht pantheistisch
zu verherrlichen. Genau das versuche ich beim Hellenismus zu lernen. Hinter all
den frühen – wenn auch für uns spekulativ metaphysisch klingenden –
Weltbeschreibungen, stand wie wir heute wissen, eine frühe natur- und
geisteswissenschaftliche Betrachtung, für die all unser vielfältiges Wissen nur
noch verfeinernde Fußnoten sind. Denn selbst ob das Weltall im
griechisch-geozentrischen Sinne oder nach moderner Astronomie und Physik
betrachtet wird, ist im Grunde gleich. Das Wesentliche liegt in der Erkenntnis
eines vernünftigen Werdens, einer realen umfassenden Ordnung, der alles
ge-horcht. (Das zugrunde liegende Wesen wurde Logos genannt. Die Hebräer hörten
das Wort Gottes.) Mathematik und Physik wurden von den Hellenisten nur als neue
vernünftige Ausdrucksformen für das verstanden, was bereits in Homerschen
Mythen lebendig war. Die antiken Philosophie hat die alten Mythen nicht
abgelehnt, sondern sie in ihren wissenschaftlichen Betrachtung bewahrheitet.
Was wir in Gestalt der verschiedenen griechischen Götter sehen, sind keine
alten Märchen, sondern die wissenschaftlich wahrgenommene Machart der Welt, die
auf Gotteswirken bezogen wurden, wie es die alten Göttermythen erklärten. Das
ist es, was uns fehlt.
Während der gesamten griechischen Philosophie, für
die im Zeitalter Jesus vor allem für Stoa und Epikur stehen, blieb der
Göttermythos lebendig, wurde die Philosophie im religiösen Kult ausgelebt und
weitergeführt. Im Wort des einen Schöpfergottes scheint dieses Denken, der nach
Ordnung und Hierarchien suchende hellenistische Kult, einen Fortschritt gesehen
zu haben.
All das, was von den auf uns skurril wirkenden
griechischen Göttern an schöpferischen Wirkungsweisen ausgesagt wird, mag zwar
mystisch klingen und bei oberflächlicher Betrachtung mit wissenschaftlicher Realität
nichts zu tun haben. Dabei wird jedoch oft übersehen, wie hochwissenschaftlich
die Hellenisten dachten, welch großartiges philosophisches Denken die Menschen
der Antike umtrieb. Selbst Philosophenkaiser wie Mark Aurel, bleiben dem alten
Kult treu. Doch getragen wurde er von einer philosophischen Theologie.
(Eigentlich liegt der Witz schon darin, dass wir Philosophie und Theologie
trennen, zwei verschiedene Begriffe gebrauchen müssen: so verkommt Theologie
zur Schriftlehre und Philosophie hat nicht mehr mit einem denkerischen
verstehen des Schöpfungswortes zu tun.)
Ob Asklepios (Gott der Heilkunde, heute noch
Wahr-zeichen der Apotheker und Ärzte), der Abbild für die Heilkraft unseres
Körpers war, der für die Schönheit der schöpferischen Vegetation stehende
Adonis oder der die Kreativität des Kosmos verkörpernde Weingott Dionysos, es
waren alles schöpferisch wirkende Wesenheiten des Zeus, deren Wirken in der
Zeit Jesus philosophisch bewahrheitet wurde. Dion-ysos, Sohn des Zeus, war für
die griechischen Denker eine schöpferische Realität, die religiös ausgelebt
wurde. Der gesamte Kult war nicht nur gelebte mystische Tradition, sondern
entsprach schöpferischen Tatsache, die in Gestalt verschiedener miteinander
wetteifernder Götter gesehen wurde und sich in einem Logos/Wort verdichtete.
Der gesamte Kult, die Musik genauso wie die Mathematik wurde aus einer der
schöpferischen Ratio abgleitet, einem Logos, wurde in einer realen, allem
übergeordneten schöpferischen Vernunft gesehen der für uns menschliche Gestalt
angenommen hat. Die Grundlage für all dieses Denken, den gesamten Kult, bildete
ein hellenistisches Bewusstsein, das in himmlischer Harmonie und Ordnung, einen
göttlichen Plan erkannt. Im Weltall haben die Hellenisten das Wort Gottes
ebenso verstanden, wie in der Wirkungsweise der Kosmos unseres Menschlichen
Körpers. Was wir heute allenfalls als Monismus abtun, muss damals zu einer
Neubegründung des jüdischen Monotheismus geführt haben.
(Pla-ton und So-krates – ebenso zwei Menschen-Gestalten in denen sich das griechisch-philosophische Denken vom Logos der Welt ausdrückt, deren menschliches Wesen jedoch für die daraus hervorgehende Theologie völlig unwesentlich ist - sind so als Zeugen des Gottessohnes zu sehen, nicht nur Vorlagen für religiöse Evangelienschreiber und frühkirchliche Denker, die ihren Anführer verherrlichen wollen oder aus propagandistischen Zwecken bzw. weil dies so üblich war, philosophische Begriffe übernahmen.
Die Wesenheit des Platon ist der reale schöpferische Plan, das sich im Werden ausdrückende Wort, der Logos, nicht die Meinung eines antiken Philosophenmenschen oder die innere Stimme von dessen Lehrer. Der Lehrer war auch für Sokrates, von dem ich nach wie vor wie von einer historischen Gestalt rede, gleichwohl die völlig unwesentlich war und ist, der Logos. Von einer übergeordneten Vernunft wurden in Dia-logen die wahrhaften Denk- und Verhaltensweisen abgeleitet. Die historischen Wesenheit der beiden antiken Philosophengestalten liegt in der zugrunde liegenden neuen vernünftigen Gotteserkenntnis, die nicht nur in die griechischen Halbgötter eingeflossen ist, sondern auch bei der Betrachtung unseres Gottessohnbegriffes mitgelesen werden muss. Gleichzeitig wird klar, dass die griechisch-philosophische Theologie weder ein Monotheismus, noch eine Art Frühchristentum war. Gerade die Vielzahl der konkurrierenden Kulte und Halbgötterwesen ist Beleg, dass erst später in der Synthese mit dem hebräischen Denken eine ein-deutige universale Erkenntnis des Schöpfergottes erhofft wurde. Jesus von Nazareth war somit nicht nur Messias der Juden, sondern auch Blüte der frühen griechischen Theologie, die sich der antiken Naturphilosophie abgleitet wurde.)
Der jüdischen Apologetik kommt dabei eine weit
bedeutendere Rolle zu, als bisher angenommen. Sie ist nicht nur
Verteidigungsrede, die propagandistisch den jüdischen Glauben gegenüber dem
hellenistischen Kult in Schutz nimmt, der von sich denkt weit höher zu stehen
und die Juden für gott- und geschichtslose Barbaren hält. Auf einer höheren
Ebene scheint die gemeinsame schöpferische Logik erkannt worden zu sein. Der
jüdische Monotheismus wird so griechisch vernünftig neubegründet. Nur von
diesem Verständnis aus lässt sich verstehen, was im Neuen Testament zu lesen
ist. Das lebendige Wort Gottes in Menschengestalt spricht hier zu uns. Seine
Leidensgeschichte ist zu lesen.
Auch die Verfassung der alttestamentlichen Texte
scheint von einem neuen Schöpfungsverständnis auszugehen, wie es bei
Deuterojesaja deutlich wird. Auch hier hat die geistige Diaspora - ob in
Alexandrien oder Babylon - zu einem neuen Verständnis geführt, hat mit
Sicherheit kein blinder Glaube, sondern
die Synthese des babylonischen und ägyptischen Denkens mit dem
hebräischen die Feder geführt.
Die heutige Theologie geht weder bei Altem noch
neuem Testament von nacherzählten Tagebüchern, ob eines Moses oder eines
Menschen mit Namen Jesus aus. Sie sagt, dass alle Text des Neuen Testamentes
nur vom Auferstandenen aus zu lesen sind. Ebenso wird das alte Testament nicht
nur als Sammlung jüdischer Mythen gelesen, sondern versucht, ein neues
Verständnis der alten Vorstellungen an den Anfang der neuen Verfassung zu
stellen. Bei beiden Bibelhälften hat das Wort Gottes die Feder geführt. Doch
während das Alte Testament vom Wort Gottes handelt, die Geschichte des
Gottesvolkes, sein Verständnis vom Wort Gottes erzählt wird, hat im Neuen
Testament das Wort Gottes selbst menschliche Gestalt angenommen. So erst kann
es zum Fortschritt führen.
Denn durch die menschliche Gestalt konnte der
Gottessohn, das neu verstandene Wort zum Messias der Juden und Erlöser der
Griechen werden.
3. Erst in Menschengestalt wurde das Wort zum
Messias
So wenig die in den Göttermythen beschriebenen
Schöpfungsfunktionen von einem Menschen ausgingen, so selbstverständlich war es
für Griechen, die Halbgötter als menschliche Gestalten zu zeichnen und zu
verehren. Kein Grieche wäre auf den Gedanke zu kommen, die als Götterwesen
abgebildeten Gestalten als Menschen in der Geschichte nachweisen zu wollen.
Das Wesen der Göttersöhne waren nicht ihre
menschlich Realität. Der Grund der hellenistischen Religion waren schöpferische
Wesenheiten. Das Wesen der Göttersöhne waren die verschiedenen
Schöpfungsfunktionen:
-Vegetation, Hervorbringen
-Wachstum
-Körperliche Gesundung
-Kosmische Ordnung
-Metere-logik (himmlische Wettergötter)
-Fruchtbarkeit............
Ein bärtiger Asklepios als historisches Wesen wäre
für die Hellenisten völlig nebensächlich, gleichwohl der für die Heilkunde
zuständige Gottessohn so abgebildet wurde. Das Wesen des Asklepios lag in der
Heilsfunktion der menschlichen Körper, die in ihm als göttlich gesehen wurde.
Ein hochstehendes Kurwesen, das als Vorgänger unserer heutigen Schulmedizin
ebenso wie für die Naturheilkunde gelten kann, wurde in seinem Namen ausgeübt.
Asklepios war nicht das Wappentier antiker Medizinmänner, kein von Menschen
aufgesetztes Logo. In ihm bildeten die Griechen den göttlichen Logos ab, der
für den menschlichen Körper zuständig war. Und logischerweise muss die Anbetung
dieses Asklepios etwas bewirkt haben, war sie für den körperlichen
Selbstheilungsprozess förderlich war. Doch von „Selbst“-heilung zu sprechen,
führt auf die falsche Fährte. Für die Griechen war es der Gottessohn, der
geheilt hat. Die Anbetung des Asklepios war kein Hokus Pokus oder ein blindes
Placebo, das geheilt hat. Durch die Verehrung von Asklepios wurden körperliche
Heilswirkung freigesetzt, in der die göttliche die Kraft gesehen wurde. Was
könnte z.B. in heutiger Medizin bewirkt werden, wenn die oftmals sehr
vernünftigen Vorschriften nicht als rein medizinische Verordnungen, sondern von
einer höheren Vernunft vorgegeben erkannt würden? Wenn nicht nur
Naturheilkunde, sondern das hinter den Selbstheilungskräften stehende
schöpferische Handeln wahrgenommen würde? Wenn im Wirkprozess unseres Köpers
ein Wort verstanden würde, das den körperlichen Kosmos be-stimmt und selbst
dann in Ordnung bringt, wenn oftmals durch eigene Unvernunft Unordnung
entstanden ist, würde dies nicht nur die gesamte Medizin revolutionieren,
sondern auch unser Verhalten verändern. Doch das ist hier nur am Rande ein
Thema. Im Vordergrund steht eine diesem Verständnis von Heilswirkung durch das
Gotteswort vorausgehende Theologie.
Wer von einem Gottessohn ausgeht, wie er in den
griechischen Halbgöttern als reales kosmisches Geschehen gesehen wurde, der hat
aufgehört, lokalen Gottheiten, selbst gesetzten Götzen (wozu ich auch
Buchgötzen zähle.) zu dienen. Der göttliche Logos ist universal. Er bestimmt
das gesamte Weltall. Lokale Gottheiten lassen sich dem universalen Logos
unterordnen, indem ihr Bezug zum universalen schöpferischen Logos erkannt wird.
Alles Wort geht von einem Gott aus. Wenn also verschiedene lokale Kultgestalten
in eine Ordnung gebracht werden, so geschieht dies nicht willkürlich bzw. durch
menschliche Meinungsmehrheiten, sondern geht von einem universalen Wort, Logos
aus, der als real gesehen wurde. Ich denke, dass hierbei der hebräische
Monotheismus den Hellenisten behilflich war. Die Struktur in olympischen
Götterhimmel haben nicht griechische Philosophen gebracht, sondern erst die
Erkenntnis des einen Gottessohnes/Wortes, von dem die Juden ausgingen.
Doch wie kann diese Gnosis/Erkenntnis vor einer
Verflüchtigung, vor esoterisch unfruchtbarer Geheimniskrämerei, die dem
Gemeinwesen nicht dienlich ist, bewahr werden? Wie kann dem neuen Glauben eine
vernünftige Gestalt gegeben werden?
Wenn das von einem Schöpfergott ausgehende Wort der
Juden und der den Göttergestalten der Griechen zugrunde liegende Logos als eine
Wesenheit erkannt wurden, was lag näher, als diesem Logos/Wort eine menschliche
Gestalt zu geben. War es nicht selbstverständlich, dass ein Denken, dass die
aus dem göttlichen Wort abgeleite jüdische Weisheit personalisierte ebenso wie
die griechischen Philosophegestalten und hellenistischen Halbgötter den all
diesem Denken zugrunde liegenden Logos in Menschengestalt zum Ausdruck verhalf?
Die historische Gestalt des Jesus von Nazareth ist
dabei weit mehr als eine menschliche Figur, die in der die griechischen Götter
verdichtet oder jüdische Traditionstexte aufgewärmt wurden. Das Wort geht vom
jüdischen Gott aus, der sich jetzt im universal gesehen Sohn wirklich
offenbart. (Keine religiöse Einbildung aufgrund alter Frömmigkeit oder
überliefertet Vorstellungen, sondern neuer Verstand in kosmischer Realität auf
Grundlage alter beibehaltener Bilder.) Die historische Gestalt des in Bethlehem
geborenen Gottessohnes hat es wirklich gegeben. Die gesamten Texte des Neuen
Testamentes sind allegorisch zu lesen: Geistesgeschichte, die sich real
zugetragen hat, in begreifbaren, die Tradition bewahrheitenden Bilden. Das
Leben Jesus wird so nicht zum willkürliche Geistesgemälde, sondern kann als
reales historisches Geschehen gesehen werden.
Muss es damals nicht völlig außer Frage gestanden
haben, dem Logos menschliche Gestalt zu geben? Es war somit keine Verhüllung,
Verschleierung oder ein theologischer Trick zur Bewahrheitung eigenen alten
Glaubens – wie sehr vereinfacht
ausgedrückt, oft in heutiger Theologie gedacht wird. Die Menschengestalt
des göttlichen Logos war selbstverständliche theologische Tagesordnung. Auch
wenn über das wahre Wesen Jesus in der frühen Christenheit bekanntlich viel
gestritten wurde, so muss im Wort, nicht in einem historischen Menschen das
eigentliche Wesen gesehen werden. Wer behauptet, im Kontext der antiken Zeit zu
denken, die historische Wahrheit erkennen zu wollen, der kann nicht weiter nur
einen hergelaufenen Wanderprediger sehen wollen, den seine Anhänger wegen einer
angeblichen Auferstehung verherrlichten, weil sie einen Messias erwarteten.
Das Auferstehungsgeschehen ist so als reales
Ereignis neu wahrzunehmen. Es geht nicht darum, dass griechische Mythen, die
von Herakles erzählt wurden, von Plutarch abgeschrieben und auf den eigenen
Messias übertragen wurden, wie moderne Theologen denken. Nicht weil das so
üblich gewesen wäre oder als theologischer Trick gesehen werden kann, um die
Hellenisten von der Hoheit eines historischen Menschen oder des aufgrund
jüdischer Texte gesetzten Christos zu überzeugen, ist Jesus auferstanden. Das
Wort in Menschengestalt wurde zum neuen Leben erweckt. Hierin lag das Heil, die
messianische Wirkung für Hellenisten, die vom Denken der alten Hebräer ausging.
Die Menschwerdung des Gottessohnes ist nicht länger
als Geheimnis in die Schublade eines blinden – für viele Menschen überkommenen
- Glaubens zu stecken. Blinder Glaube ist nach der aufgezeigten Sichtweise das
genaue Gegenteil von christlichem Glauben. Christlicher Glaube ist vernünftige
Wahrnehmung einer über alle sichtbaren, natürlichen Schöpfung stehenden
Vernunft, wie sie sich in heutiger Naturwissenschaft nachweisen lässt. Auch
wenn wir heute wissen, dass die Sonne zwar eine wesentliche Aufgabe für unsere
Welt hat, von ihren Strahlen unser irdisches Leben be-stimmt wird, aber damit
noch lange nicht der gesamte Prozess kosmischen Werden zu erklären ist, können
uns die Söhne des Sonnegottes den Weg zu einem neuen christlichen Verständnis des
Gotteswortes weisen. Die Menschwerdung des Gottessohnes kann ebenso schlüssig
erklärt werden, wie die Präexistenz unseres christlichen Glaubensgrundes bzw.
seine Funktion als das einzige, den einen, allumfassenden Schöpfergott
offenbarendes Wesen.
Wer kann das noch?
Ein Wanderphilosoph, den die heutige
Hochschultheologie für den historischen hält nicht, und ebenso wenig der
daneben gesetzte Christus des Glaubens, der ohne die oben aufgezeigt reale
Schöpfungsfunktion kein Gottessohn wäre, sondern nur Menschenwort!
Es ist der vorletzte Tag 2001 als ich diesen Text
beende. Ich sitze neben dem germanisch-heidnischen, das ewige Grünen
symbolisierende - und somit wirklichen
- Weihnachtsbaum mit seinen mein Gemüt erleuchtenden Lichtern. Bevor ich meinen
Laptop anwarf, habe ich in echter Freude den darunter stehenden Stall mit Maria
und Josef sowie das Christuskind in der Krippe erleuchtet.
Im gleichfalls eingeschalteten, das Dunkel des
frühen Morgens durchbrechende Weihnachtsstern
im Fenster sehe ich ebenso einen Ausdruck des schöpferischen Wortes, wie
in der vitalen roten Strahlkraft des Weihnachtssternes auf der Fensterbank vor
der ich sitze und in den verschneiten Garten schaue. Gleichwohl mir dort im
Frühjahr die kreative Kraft – zu der auch die pflanzenden menschlich Hände
gehören – die schöpferische Vernunft in konkreter Form vor Augen führt. Auch im
sternenklareren Himmel des heutigen Vollmondmorgens wird in der alles Leben
hervorbringenden astronomischen Schöpfungs-Ordnung Gottes Vernunft sichtbar. Und
ebenso verkörpert der das Dunkel der Nacht verdrängende Sonnenaufgang, wie er
mich gerade bewegt, die verlässliche schöpferische Vernunft weit deutlicher,
als das Kind in der Krippe.
Und doch werde ich neben der Krippe unter dem
Weihnachtsbaum auch die zweite, derzeit fast vom Schnee verdeckten Stallung im
Garten auch im nächsten Jahr wieder aufbauen. Erst in der hier abgebildeten
Form war ein geistiger Fortschritt. Erst in der von den Evangelisten
ausgedrückten Menschengestalt wurde der Gottessohn zum Messias, nahm alle
Gnosis konkrete, vernünftige und verständliche Gestalt an.
Doch solange wir unser Herz nur an einen
fälschlicherweise so bezeichnenden historischen Jesus hängen, der nicht nur
alles andere als historisch, sondern vor allem völlig bedeutungslos geworden
ist, können wir das von den hellenistischen Juden neu verstandene Wort Gottes
nicht im heutigen wissenschaftlichen Weltbild verstehen und die Krippe bleibt
leer. Nicht Gotteskind, sondern nur ein so genanntes Menschenkind liegt dann
darin. Die heute dringend Not-wendige Offenbarung des einen wirk-lichen
Schöpfergottes muss noch warten.
Weiter Aufgaben:
-
Die Schöpfungsfunktion der hellenistischen Halbgötter hinterleuchten
und vom heutigen wissenschaftlichen Weltbild aus begründen.
-
Die Probleme des Pantheismus hinterfragen, begründen, warum in den
Gottessöhnen nicht Gott selbst, sondern sein sichtbares Schöpfungshandeln
verherrlicht und somit das Pantheismusproblem (jüdisch wie griechisch) gelöst
wurde.
-
Die Probleme heutiger Lehre von Gottessohnschaft und somit auch von
Christologie aufzeigen, die neben den historischen Jesus einen Glaubenschristus
stellt, der so zum un-bestimmten Gott
selbst wird. (Eine Art theologischer Pantheismus.)
-
Trinität als Weltformel für das
notwendige, immer wieder im Kontext des Wissens zu begründende kollektive
Gottesbewusstsein nachweisen.
-
Die Gottessohnschaft des Wortes, der Weisheit, des Logos... in
alttestamentlichen Texten beleuchten. Dabei jedoch nicht nur nach Titel suchen,
die auf einen antiken Wanderprediger übertragen wurden, sondern die
Schöpfungsfunktion der personalisierten Wesenheiten hinterfragen.
-
Ebenso in der zwischetestametliche Literatur (z.B. bei Philo) oder
gnostischen Texten nachvollziehen, wie sich der Übergang vom hellenistischen
Logos, zum historischen Jesus zugetragen hat. Untersuchen, welcher Wandel auch
im griechischen Weltbild dieser Denker stattgefunden hat?
-
Das dem neuen Monotheismus zugrunde liegende Denken betrachten. Was war
neu, als von der Vielzahl der Göttersöhne auf einen Gottessohn geschlossen
wurde?
-
Tautologieproblem lösen: Nicht wegen eines gesetzten Gottes auf
Gotteshandel in Schöpfung/Sohn/Wort/Logos schließen. Sondern von einem
zeitgemäßen Weltbild ausgehend Gottes-wirk-lichkeit im kosmischen Geschehen
wahrnehmen und mit dem bisherigen Glaubensbildern auf einen Nenner bringen.
-
Eine weit über die bisherige Theologie hinausgehende Aufgabe:
Gottessohnschaft im heutigen
aufgeklärten wissenschaftlichen Weltbild klären, indem hinter den Selbstorganisationsprinzipien,
innerhalb unseres Körpers, des Geschichtsverlaufes sowie des gesamten Kosmos
nicht purer Zufall, sondern eine übergeordnete schöpferische Vernunft
nachgewiesen wird. (Weltzeugung nicht dem Zufall überlassen, sondern von einer
Vernunft ausgehen, die in der Antike andere Namen hatte.)