Gerhard Mentzel

Schänzelstrasse 9

67377 Gommersheim                                                                                     25. Februar 2005

 

Tel. 06327 5449

www.gerhard.mentzel@gmx.de

 

 

 

 

 

 

Spiegel Hamburg

Redaktionen

Wissenschaften und Gesellschaft

Brandstwiete 19

 

20457 Hamburg

 

 

 

 

Anregung für einen Beitrag, der Anstoß zur autoritätskritischen, rationalistischen theologischen Aufklärung geben - das Anliegen Rudolf Augsteins fortsetzen  - soll

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

seit vielen Jahren gibt mir der Spiegel immer wieder Anlass, mich mit theologischen Themen auseinander zu setzen. Anfangs waren es die autoritätskritischen Kommentare zu Kirchenthemen und auch das Jesusbuch Ihres Herausgebers Rudolf Augstein, die mich als quereinsteigenden Laien nach der Grundlage des christlichen Glaubens fragen ließen. Ihre bibelkritischen Berichte, ebenso wie die jeweils zu Weihnachten oder Ostern aufgegriffenen Titelthemen sind ein guter Spiegel heutiger Hochschullehre bzw. des derzeitigen christlichen Historie- und das davon ausgehende Selbstverständnis. Sie machen immer wieder deutlich, dass das nach wie vor viel zu buchstäbliche Verständnis der biblischen Texte völlig untauglich geworden ist. 

 

Insbesondere die von der gesamten Theologie wie selbstverständlich vorausgesetzte Prämisse, dass es sich beim historischen Jesus um einen einfachen Menschen handelte, dem ein himmlisches Christus-Wesen aufgebunden wurde, ist aufgrund des vorhandenen Wissens unhaltbar. Nach jahrelangem Lernen bei vielen Theologen und Historikern – auch wenn die allesamt nur einen Wanderguru und dessen Verherrlichung im antiken Geschehen verorten wollten - bin ich mir sicher, dass es beim Grund der damaligen Glaubenserneuerung unmöglich um den altruistischen Anführer einer Armenbewegung, eine philosophische Einfärbung oder einen dogmatisch gesetzten Christusgott ging, den man dann einfach glauben muss. Vielmehr lässt sich nachvollziehen, wie in den neutestamentlichen Geschichten ein Geschichts-Prozess antiker Aufklärung beschrieben wird, bei dem die damals wie ein präexistentes Wesen gesehene kosmisch-irdische Vernunft (Weisheit/Wort/Logos) allen antik-wissenschaftlich erkannten Werdens als eigentliches Glaubensgesetz, wahrer König erkannt und in menschlicher Gestalt ausgedrückt wurde. Was das Gegenteil von Verschleierung war, sondern vernünftig: vor gnostischer Vergeisterung und Verflüchtigung bewahrte, die Aussagen in altbekannten Geschichts-Bildern vermittelbar machte und durch den Kirchenkanon den Glaube bis zur Aufklärung getragen hat.

 

Zwar müsste den theologischen Lehrern klar sein, dass es vor 2000 Jahren keinem der griechischen Reformjuden bzw. theologischen Aufklärer im Entferntesten eingefallen wäre, einen jungen Guru, wie wir ihn vor Augen haben, zu einer Art Gott zu erheben. Doch verbieten die festgefügten Vorstellungen jeden Fortschritt im Nach-denken antik erneuerter Monotheismusgrundlage. Die heutigen Historienhypothese bzw. das davon ausgehende theologische Weltbild müssen die Vernunft ausschließen. Ohne etwas verheimlichen zu wollen, wird so die unserem Glauben und seinen Bildern zugrunde liegende Vernunft unter Verschluss gehalten. Weil jeder Zweifel an einem historischen Menschen mit Namen Jesus die eigene Lehre völlig auf den Kopf stellen würde, scheint es eine Art Selbstschutz für das eigene Weltbild zu sein, der jegliches Hinterfragen der historischen Person Jesus als völlig absurd abtut. Selbst nachdem dieser Gutmensch nicht nur für moderne Menschen keinerlei Rolle mehr spielt, sondern auch für den Glauben an den Schöpfergott im Grunde völlig unbedeutend geworden ist, verlangt das heutige Historienverständnis an einem Charismatiker und einem aufgesetzten Christus als unergründliches Gottesmysterium festzuhalten. So wird nachgewiesen, dass es über den bisher für historisch gehaltenen Jesus nichts zu sagen gibt, alle Evangelisten wie sonstige Aussagen über Jesus Christus von einem hoheitlichen Wesen handeln, das für die damaligen Denker nicht einfach ein gesetzter Gott war, sondern in dem personifiziert wurde, was altjüdisch u.A. als universelle schöpferische Weisheit gesehen und von der menschlichen Autorität aus dem Tempel ausgesperrt wurde. Doch schließt die festgefügte Vorstellung von einem Gutmenschen alle historisch-wissenschaftliche Untersuchung dieser im kosmischen Geschehen erkannten Weisheit/Vernunft als Geschichtswesen aus. Ein ernsthaftes Hinterfragen der heute zu erkennenden natürlichen Vernunft, einer Software allen mikro- und makrokosmischen Geschen,  ist so unmöglich. Sie wird erneut theologisch ausgesperrt.

 

Auch wenn alle vernünftigen Argumente aufgrund des antiken Geistesgeschehens und der uns davon vorliegenden Literatur dafür sprechen, so steht jemand, der die Gestalt Jesus als bildlich fleischgewordene Vernunft/schöpferische Weisheit nachweisen will, gegenüber der unüberwindbaren Professoralprämisse auf völlig verlorenem Posten. Selbst wenn durch eine von einem präexistenten Wesen ausgehende Exegese nicht nur die bisher als historisch gelesenen Inhalte, sondern auch die hoheitlichen Aussagen des Neuen Testamentes bestätigt und dem Glaube ein vernünftiger Grund gegeben werden können, so schließt sich das für heutige Hochschultheologie völlig aus. Aufklärungs-Atheismus, Aberglaube sowie die gesamte Vergeisterung und Mystifizierung der Glaubensinhalte sind die logische Folge.

 

Als ich daher die Weihnachtsausgabe des Spiegel mit dem Titel über modernes medienspektakuläres Gralsrittertum in Händen hielt, wolle ich erst erneut wieder meine theologischen Lehrer für ihre mysteriösen Phantastereien anklagen. Da es jedoch scheinbar der theologischen Lehre selbst unmöglich ist, eine in rationaler Vernunft erkannte schöpferische Vernunft zum Thema zu machen, sie als handelndes und sprechendes Wesen des neuen Testamentes bzw. Grund antiker Glaubensaufklärung zu hinterfragen, habe ich mich dafür entschieden, mich erneut an das „Unternehmen Aufklärung“ zu wenden. Für die heutige Lehre, die bisher immer die Vernunft verteufelt bzw. für den Abfall vom Glaube verantwortlich machte und einen buchstäblichen oder rein persönlich geglaubten Gott voraussetzte, ist es unmöglich, über eine rational nachgewiesene natürliche Vernunft als christliches Offenbarungswesen nachdenken zu wollen.

 

Wie Sie auch in verschiedenen unter www.theologie-der-vernunft.de hinterlegten Briefen und Texten ersehen können, war der Spiegel, stellvertretend für die zeitgemäße Aufklärung, bereits oft der Adressat meiner Apologetik, die (wie auch jüdische und christliche Apologetik, auf die ich mich immer wieder beziehe) nicht als populistische, die dogmatische alte Lehre mit naturwissenschaftlicher Vernunft einfärbende Verteidigungsrede, sondern Ruf nach dringend notwendiger Reform verstanden werden soll. Die beigefügten, wie die in der Homepage hinterlegten Texte erheben weder den Anspruch einer systematische Theologie, noch der wissenschaftlichen Arbeit. Doch hoffe ich hierin Beispiele geben zu können, warum wir ein aufgeklärtes, allegorisches biblisches Verständnis benötigen, das nicht altfundamentalistisch nach einem blind gesetzten Gott, sondern nach einer schöpferischen Weisheit/Vernunft/Wort hinter den handelnden Gestalten fragt und welche Wirkung für unser Selbstverständnis wie unsere Gesellschaft davon ausgehen könnte.

 

Ich hoffe deutlich machen zu können, warum der christliche Glaube gerade für die aufgeklärte Gesellschaft mit Sicherheit weit mehr ist als eine mysteriöse Schönrederei und Forderung nach Glaube ohne Wissen sowie unbegründetes Hoffen auf eine bessere Welt, wie dies leider heute den Anschein hat. Die Frage nach dem wahren Wesen Jesus bzw. der schöpferischen Vernunft darf das „Unternehmen Aufklärung“ weder blindgläubig frommen Fundamentalisten oder Phantasten, noch allein Wissenschaftlern überlassen, die die natürliche Vernunft bisher von amtswegen ablehnen mussten. Es geht um weit mehr, als bekannten Glaubens- oder Schriftgelehrtenstreit. Im Welt- und Gottesverständnis der aufgeklärten westlichen Welt vollzieht sich ein genereller Wandel. Das von einem neuen Historien- und Bibelverständnis ausgehende Selbstverständnis des modernen Menschen ist maßgebend für das Miteinander der Kulturen, das Gelingen der Gesellschaften und das individuelle vernünftige (schöpferische bzw. schöpfungsgemäße) Verhalten.

 

Der "Anstoß zur Aufgeklärten Suche nach dem Heiligen Gral: dem fassbaren Grund christlichen Glaubens" wie weitere unter der genannten Homepage hinterlegten Texte sollen Ihnen Anregung für eigene Fragen geben. Vor allem wäre von der Theologie die konsequente Umsetzung des selbst zutage geförderten Wissens zu fordern, um zu einem neuen aufgeklärten Verständnis des alten Textes, wie der in der natürlichen Schöpfung lebendigen Weisheit/Vernunft als Offenbarungswort zu führen. Ich bin sicher, dass der Spiegel durch kritische Fragen an die heutige Lehrhypothesen einen wichtigen Beitrag zur theologischen Aufklärung geben könnte.

 

Sollten meine Überlegungen nicht nachvollziehbar oder schlüssig sein, so würde ich mich über konkrete Argumente, die mein Denken wieder gerade rücken oder auf den Boden der Realität holen, sehr freuen. Vielen echten Dank daher für eine kurze Nachricht.

 

Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung

 

Mit freundlichen Grüßen

 

 

Gerhard Mentzel