Gerhard Mentzel         

Schänzelstrasse 9

67377 Gommersheim                                                                                      September 2004

 

06327 5449 gerhard.mentzel@gmx.de

 

 

 

 

Dr. Heiner Geißler

Postfach 1167

 

66990 Dahn

 

 

 

 

Bitte um Beurteilung von Überlegungen zu einem neuen Verständnis des christlichen Glaubensgrundes

 

 

Sehr geehrter Herr Dr. Heiner Geißler,

 

erlauben Sie mir, dass ich mich an Sie als Politiker, Philosoph, Privattheologe sowie freier Querdenker wende und um die Beurteilung von Überlegungen zu einem neuen weiterführenden christlichen Historien- und somit Selbstverständnis bitte.

 

Sie vielen Jahren setze ich mich mit dem christlichen Glauben und seiner historischen Grundlage auseinander und bin inzwischen völlig sicher, dass es sich beim historischen Jesus weder um einen rebellischen Menschen, noch ein literarisches Abbild des Gesetzgottes als Christus gehandelt hat, wie er heute als ewiges Geheimnis gelehrt wird. Nach allem was wir heute über das Denken der Antike, die geistigen Auseinandersetzungen und das Glaubensgeschehen wissen, kann es nur der in allem Werden lebendigen Logos als Sohn Gottes bzw. das in der Welt präsente und den alles erzeugenden Vater offenbarende Schöpfungswort gewesen sein, von dessen Verdichtung in verständlich menschlicher Gestalt die geschichtliche Wirkung ausging. Bei ernsthafter Betrachtung können alle Evangelisten und Kirchenväter nicht von einem jungen Juden, sondern dem Logos, der schöpferisch wirksamen Vernunft Gottes in menschlicher Person ausgegangen sein. Dabei geht es mir nicht um die Ablehnung des geschichtlichen Jesus und seines menschlichen Wesens, sondern vielmehr dessen Neuverständnis und nachvollziehbare Begründung. Auch derzeit oft zurückgenommene christologischen Bedeutungsaussagen und Dogmen erscheinen so in völlig neuem Licht.

 

Die Geschichte der Gesetzes- bzw. Buchreligionen scheint ein Entwicklungs-Weg zu sein, der von vielen Missverständnissen begleitet, immer wieder zur gegenseitigen Ablehnung führte. Während am Beginn der Aufklärung das buchstäbliche Verständnis der Genesis den Glauben gegen das Wissen um das allmähliche vernünftige Werden stellte und zum bekennenden Atheismus führte, ist es heute unser Verständnis des Neuen Testamentes, das den Glauben gegen das Wissen und die Vernunft stellt. Wer im historischen Jesus das sieht, was derzeit alle Welt denkt und an den theologischen Hochschulen heute gelehrte wird, der muss wie Sie zu dem Schluss kommen, dass alle hoheitlichen und wundersamen Aussagen aufgesetzt sind, christliche Wesensausagen zurücknehmen. In diesem Sinne bleibt dann auch das wundersame christliche Offenbarungsgeschehen für den modernen Menschen ein Geheimnis, stehen nach wie vor die Aussagen (von jungfräulicher Geburt bis Auferstehung) dem Wissen um die Logik des natürlichen Werdens im Weg. Im Wissen um das vernünftige evolutionären Werden der menschlichen Geschichte wie des gesamten Kosmos gar das uns als rebellischen Wanderprediger vertraute christliche Wesen und alttestamentliche schöpferische Wort, somit urchristliche Offenbarung zu verstehen, schließt sich im heutigen Verständnis des Neuen Testamentes aus. Offenbarung kann dann nur außerhalb der Vernunft und des natürlichen Geschehens stattfinden. Glaube steht weiterhin gegen das Wissen. Selbst moderne Naturwissenschaftler, die längst jenseits des alten rein materialistischen Denkens das Bild eines kreativen Kosmos zeichnen und so den in der Antike metaphysisch artikulierten Logos empirisch belegen, verfangen sich in hochtheoretischen pantheistischen Vorstellungen oder wollen schöpferisches Handeln weiterhin nur im Außernatürlichen nachweisen.

 

Das heutige Verständnis vom historischen Wesen Jesus Christus führt somit dazu, dass Vernunft und Logik verteufelt, das Wissen um das kausale Werden der Welt für den Abfall vom Verständnis eines Schöpfers verantwortlich gemacht wird. Offenbarung wird auf die wundersamen Eingebungen eines antiken Guru, buchstäbliche Autorität oder persönliche Bilder bezogen. Während unser heutiges Leben – dem Schöpfer sei Dank - vom logischen Denken und Vernunft bestimmt ist, wird Glaube nach wie vor außerhalb gestellt. Doch ich gehe davon aus, dass der Christ von Morgen aufgrund eines neuen Geschichts- und somit Selbstverständnisses mit wachem Verstand in allem Wissen um das natürliche Werden der sichtbaren Welt die schöpferische Vernunft als ewigen Sohn und Wort Gottes: Offenbarung, Sinngebung und ethische Wegweisung wahrnehmen und sein Dasein daran ausrichten wird.

 

Durch ein Neuverständnis des historischen Glaubensgrundes bzw. einem unvoreingenommenen Fragen nach dem wahren Gründer hoffe ich, dass der Weg für ein aufgeklärt denkendes Verständnis des Gotteswortes im gegenwärtigen Weltbild frei wird. Nur in Anknüpfung an das urchristliche Denken über den wahren Sohn Gottes kann der Logos des Wissens bzw. des natürlichen Werdens als offenbarendes Wort Gottes begriffen werden: Ein Wiederverständnis, das vielfach grenzüberschreitend wäre und der Tradition nichts abschneidet, sondern bisherige Bilder und Kultpraktiken begründet und im Bewusstsein ihrer Vernunft beibehält. Nicht nur die Trennung zwischen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und biblisch-theologischen Erklärungen könnte aufgehoben werden, indem all unser Wissen auf eine offenbarende Vernunft des Schöpfers als Urgrund christlichen Glaubens schließen lässt. Auch zwischen den verschiedenen alten und gegenwärtigen Glaubensvorstellung könnte durch die Begründung der schöpferischen Vernunft im gemeinsamen Weltbild Versöhnung erzielt und Aberglaube wie moderner Atheismus überwunden werden.

 

Wie Sie dem beigefügten Text entnehmen können, waren gerade Sie bzw. Ihr Denken für mich unlängst aktueller Anlass, von dem meinerseits hochangesehenen Neutestamentler Prof. Klaus Berger ein neues Historienverständnis zu verlagen. Dessen Zerriss Ihres Buches „Was Jesus heute sagen würde“ in der FAZ und gleichzeitig zahlreiche Aussagen von Ihnen führten mir erneut vor Augen, wie dringend notwendig eine neue Sicht der historischen Begebenheiten und des geschichtlichen Jesus ist. Gerade weil ich Sie als einen sehr ehrlichen und engagierten Zeitgenossen schätze, der theologische Kenntnisse besitzt, philosophisch gebildet ist und auch einen besonderen Blick für die Schönheit der Schöpfung sowie die kosmische Ordnung bzw. Vernunft der Natur hat, hielt ich Sie für ein bestes Beispiel, Prof. Berger deutlich zu machen, dass von ihm bzw. der theologischen Wissenschaft die Gestalt unseres Glaubensgrundes zu hinterfragen sei. Nur so ist m.E. zu verhindern, dass weiterhin moderne Denker alle Bedeutungsinhalte bzw. hoheitlich-christologischen Aussagen als theologische Konstrukte der Frühkirche vom Tisch der denkbaren Realität wischen müssen, während gleichzeitig moderner Aberglaube in christlicher Begrifflichkeit seine Blüte treibt.

 

Denn gleichwohl der Heidelberger Neutestamentler die Schöpfungs-Vernunft, die ich im modernen Bild der Welt nachweisen will, als maßgebenden Grund der gesamten Evangelien- und Brieftexte belegt und in vielen seiner Bücher die Bedeutung des Weltgesetzes bzw. Logos hinter der biblischen Gestalt des Gottessohnes betont, geht er weiterhin von einem charismatischen Guru als eigentlichem Geschichtswesen aus. Statt nachzuweisen, warum das Schöpferische Wort in genau dieser menschlichen Geschichtsgestalt der antiken Vorstellung entsprach, nur so zu vermitteln war und zwischen den Weltbildern vermittelte, somit höchst vernünftig war und messianische Wirkung erzielte, wird immer nur argumentiert, warum angeblich ein junger Charismatiker als Logos oder Christus vergöttert wurde. Der Weg, das schöpferische Wort bzw. die Vernunft Gottes grenzüberschreitend und wach denkend mit Blick auf den Urgrund christlichen Glaubens dort wahrzunehmen, wo Naturwissenschaftler die Herrlichkeit des kosmischen Werdens seit dem Sternenstaub kausal beschreiben, ganzheitlich denkende Jungphilosophen längst wieder von einem ewigen Logos reden und sich dabei auf antike Vordenker berufen, wird so verbaut. Vielmehr müssen die Menschen aufgrund der heutigen Historientheorie genau zu den Schlüssen kommen, die Prof. Berger oder christliche Dogmatiker bei Ihnen kritisieren, wenn Sie die Christologie als Konstrukt der Frühkirche beiseite schieben wollen.

 

Die auf Diskette beigefügten Texten oder die vor Jahren angelegte Homepage www.theologie-der-vernunft.de zeigen weitere Beispiele, wie ich versuche, Theologen zu einer neuen Sicht bzw. einem unvoreingenommenen Hinterfragen des historischen Geschehens zu bewegen und dies begründe. Bisher bin ich aber jeweils auf völlige Ablehnung gestoßen. Wer das heutige Jesus- und Christusverständnis mit der Muttermilch eingesaugt hat, während seiner Studienzeit von allen theologischen Lehrern gehört hat, dass christliche Offenbarung außerhalb der Vernunft steht, der historische Jesus ein einfacher Mensch war, der als Wort und Logos verehrt und gelehrt wurde und dies dann Tag für Tag predigt oder sich wissenschaftlich damit beschäftigt, auf Bildungsreisen oder bei archäologischer Arbeit immer nur das Bild des angeblich nur nach seinem Tod vergötterten jungen charismatischen Guru vor Augen hat, dem scheint es unmöglich, auch nur im Entferntesten an diesem Weltbild wackeln zu können. So befürchte ich, dass ich auch bei Ihnen trotz Ihrer Weltoffenheit und Ihrer Bereitschaft oft auch gegen den Strom zu schwimmen auf Unverständnis stoßen werde. Doch ohne Querdenken kommen wir nie zu neuen Ergebnissen. Und die sind gerade im Hinblick auf den christlichen Glauben nach der wissenschaftlichen Aufklärung mehr als notwendig. Ein weiter so kann keine Lösung sein.

 

Ich hoffe daher, dass Sie trotz Ihres vollen Terminkalenders etwas Zeit für eine Antwort an einen theologisch und philosophischen Laien finden, der sich in seiner Freizeit allzu viel mit Fragen der christlichen Grundlagen auseinandersetzt und hierzu eine Vielzahl von kirchlichen Bildungsseminaren besucht und Bücher liest. Bitte verstehen Sie die beigefügten Texte nicht als Angriff auf Ihr Weltbild, sondern als verzweifelter Versuch zu einem neuen Verständnis dessen aufzurufen, auf den wir uns beide berufen. Als Bauernsohn – der Sie in der Dorfwirtschaft seiner Eltern bei einer Wahlkampfveranstaltung vor vielen Jahren bedienen durfte – bin ich mit der Scholle verhaftet. Beruflich arbeite ich bei der Sparkasse Rhein-Haardt als Marketingleiter und denke mit zwei Beinen auf dem Boden der Realität zu stehen. Gerade auch im wirtschaftlichen Alltag sehe ich, wie dringend notwendig eine neue gemeinsame schöpferischen Sinngebung ist, wahre Wirtschaftlichkeit weder allein durch politische Gesetze, ethische Ermahnungen oder fromme Forderungen zu machen ist. Auch wird mir täglich die völlige Bedeutungslosigkeit unserer heutigen Glaubensvorstellungen im Denken unserer Zeitgenossen, wie zur Lösung realer gesellschaftlicher Probleme vor Augen geführt. Doch wenn schon linke Intellektuelle nach gemeinsamen höheren Werten rufen, weil sie sehen, wie allein menschlich Ideologien und Programme versagen, die Politik nur den Unsinn der Gesellschaft verwalten kann, dann wird es Zeit, über eine schöpferische Software (das uns Christen in menschlicher Gestalt bekannte Wort Gottes) nachzudenken, aus der sich alle menschliche Bestimmung ableitet.

 

Buchstaben bzw. Schrifttraditionen trennen nach wie vor die Kulturen und führen zu gegenseitigen Ausgrenzungen, Anmaßungen und letztlich Kriegen, wie wir sie heute bitter beklagen. Indem von christlicher Seite aus das gemeinsame Schöpfungswort in aller Genesis zum Thema der Theologie – nicht persönlicher Spiritualität – gemacht wird, könnte der Weg zu einem universalen Glauben frei werden, wie er vor 2000 Jahren erwartet bzw. in Jesus begründet wurde.

 

In einem neue christlichen Historien- und somit Selbstverständnis sehe ich den Schlüssel, Glaube mit all seinen Bedeutungsinhalten denkbar zu machen, den modernen aufgeklärt denkenden Menschen zu einer schöpferischen Vernunft und Verantwortung zu bringen. Auch wenn viele meiner Überlegungen und Hoffnungen utopisch oder anmaßend klingen, so bin ich aufgrund unseres heutigen Wissens davon überzeugt, dass sie sich logisch nachweisen lassen und die Zeit für ein universales Neuverständnis des Schöpfungswortes, einer offenbarenden Vernunft im kosmischen Geschehen, wie hinter allen biblischen Bildern reif ist.

 

Es würde mich sehr freuen von Ihnen zu hören.

Mit freundlichem Gruß