Rückkehr des Glaubens

 

Eine weltweite Renaissance der Religionen würde den Beginn des 21. Jahrhunderts kennzeichnen, so der SPIEGEL in seiner Weihnachtsausgabe 2000. Der  Frage, warum der Mensch glaubt und wie es mit dem Glaube weitergeht, war ein Titelthema gewidmet.

 

Doch bereits die Titelseite des Spiegels zeigt den grundlegenden Glaubensirrtum:

"JENSEITS DES WISSENS" steht in großen Lettern auf dem Titelblatt. Diese Aussage spiegelt wieder, was alle Welt denkt. Auch der heutigen Theologie spricht diese Sichtweise aus dem Herzen. Glaube ist völlig aus dem Verstand verbannt. Glaube und Wissen scheinen sich gegenseitig auszuschließen. Doch hier liegt ein Irrtum von historischer Dimension. 

 

Denn seit Jesus steht der Glaube nicht jenseits des Wissens. Im Werden der Welt -diesseits des Wissen - gilt es das Wort, den Sohn Gottes wahrzunehmen. Diese Gotteswahrnehmung durch den Verstand/Logos ist vom Ursprung her die eigentlich christliche. Und auch heute ist nur mit Hilfe des Logos Gott mehr als nur ein Lippenbekenntnis oder eine rein innere, persönliche Angelegenheit, die allenfalls aus Traditionstexten abgeleitet wird. In Jesus ist das über Tradition hinausgehende Wissen, der lebendige Logos zur Offenbarung Gottes geworden. Dies ist mir durch die Auseinandersetzung mit zahlreichen biblischen, gnostischen  und apologetischen Texten der Antike zur Gewißheit geworden. Das Wesen, das sich hinter dem Bild des jüdischen Wanderprediger  verbirgt ist das Wort, der Verstand/Logos, der sich in allem Werden zeigt. Dieses schöpferische Wort, der Logos als Sohn Gottes verstanden, ist der urchristliche Glaubensgrund. Die Rückkehr der Religion geschieht nicht durch eine Erblindung, sondern eine Erkenntnis, die durch den Verstand das schöpferische Wortes Gott wahrnimmt.

 

In einem Sammelsurium verschiedener Aussagen zur Auflagensteigerung des  Nachweihnachtsspiegels kommt auch der Astronom des Papstes zu Wort. Der Jesuit ist Leiter eines in Arizona in Kooperation mit der dortigen Universität seit 1981 betriebenen Forschungszentrums des Vatikan. Er gehörte auch der Kommision an, die 1992 Gaililia Galilei rehabilitierte. Seine Aussagen, die ein neues Verhältnis von Wissenschaft und Religion zum Ausdruck bringen, sind die eigentliche Weihnachtsgeschichte. Der Leiter der astornomischen Forschung ist daher der Adressat eines Briefes, der sich an die Vertreter des Wissens und Glaubens gleichermaßen richtet.

 

 

Sehr geehrter Herr Georg V. Coyne,

 

während ich diese Zeilen schriebe tönt "zufällig" ein alte Schallplatte: Juliane Werding singt von einem Würfelspiel: "Niemand ahnt es, wie der Würfel fällt, doch nichts geschieht durch Zufall auf der Welt!" Ein altes Thema. Auch Einstein hat sich damit befaßt: "Gott würfelt nicht" war seine wissenschaftliche Erkenntnis. Gibt es ein Sinn-Ziel des vermeintlichen Zufalles, einen Verstand, der hinter allem evolutionären Spiel steht? Können wir nicht gerade heute durch die moderne Wissenschaft mehr denn jeh den Sinn sehen, der sich hinter allem vordergründigen Zufall verbirgt?

 

"Das Universum spielt seit 15 Milliarden Jahren Lotterie", so beginnt der Vortext zu ihrem Spiegelartikel. Doch sind wir wirklich nur Produkte eines blinden Zufalles oder ist die Lotterie der Genesis der göttliche Logos, wie dies die Väter des christlichen Glaubens vemuteten? Sind wir das Ergebnis eines sinnlosen, egoistischen Spieles der Materie oder steht hinter aller Evolution der von Gott gegebene Verstand? Ein Geist, ein schöpferisches Wort, das sich gegen alle Wiederstände Gehör verschafft?

 

Selbst die Zufälligkeit des Schlagertextes zeigt, wie Geist, Gefühl und vermeintlicher Zufall zusammenwirken: Es ist tatsächlich Zufall, dass ich die alte Platte aufgelegt habe. Doch ist es wirklich nur Zufall? War es Zufall, dass die Sängerin nach ihrer Schnulzenzeit sich anderen Texten zuwendete? Ist es Zufall, dass ein Texter das philosophische Thema des Zufalles aufgreift? Und ebensowenig ist es purer Zufall, dass ich vor vielen Jahren diese Platte gekauft und gerade jetzt auflegt habe, als Hintergrundmusik um mich mich - ebensowenig rein zufällig - mit dem Lotteriespiel des schöpferischen Logos zu befassen. Selbst dieses simple Beispiel zeigt, daß nichts in unserem Kosmos purer Zufall ist, alles von Geist gelenkt wird. Noch weit mehr als im banalen Beispiel aus dem Alltag wird dies bewußt, wenn wir uns die wissenschaftliche Beschreibung von biologischen oder physikalischen Prozessen  vor Augen führen. Etwa das Zusammenspiel der Zellen unseres Körpers oder die Wechselwirkungen des kosmischen Universums. Mit Zunehmen unseres Wissens um die Wechselwirkungen können wir erkennen, dass die Gesamtheit weit mehr ist als die Einzelteile, alles einem evolutionären Sinnziel folgt.

 

Vom Lückenbüßer zum Logos

 

"Brauchen wir Gott, um das Universum zu erklären?" so beginnt Ihr Text im Spiegel und zeigt damit das Thema der bisherigen Theologie. Doch Gott als Lückenbüßer für die Welterklärung hätte ausgedient, wie Sie folgerichtig bestätigen. Das Universum zu begreifen, dafür bräuchten wir keinen Gotte. Jedoch ihre Aussage, dass Ihnen die Fähigkeit dies zu denken von Gott verliehen wurde, macht Sie m.E. zum Jünger Jesus. Sie müssen wissen, daß ich dabei nicht von einem charismatischen Wanderprediger ausgehe, sondern vom lebendigen Wort in der uns bekannten und sinnvollen Personifizierung.

 

Gott ist nicht der Vater der Wissenslücken, sondern - so haben es die Denker der Antike gesehen - der des lebendigen Wortes/Logos/Verstandes. Alles sichtbare Werden, Wissen und Verstehen geht von Gott aus und offenbart uns seine Herrlichkeit. Gott als Erklärung für das Nichtwissen, Nichterkennen, das wäre so ähnlich, wie wenn wir Gott am Erntedankfest für das Nichtwachsen, das Nichtvorhandensein danken würden. Denn letztlich spielt sich im Denken und Erkennen nichts anderes ab, als auf der Ebene des materiellen Werdens. Während dort aus einer Vielzahl verschiedener Elemente ein sinnvolles Ganzes hervorwächst, entsteht im Kosmos unseres Kopfes eine Erkenntnis. All dieses geht von Gott aus. Allem Werde - ob dem der großen Kürbisse, den Ereignissen im Kosmos oder der Kreativität in unserem Kopf - liegt sein Logos/Wort zugrunde. Weder der Kürbis, dessen biologische Entstehung sich bis zurück zum Urknall beschreiben läßt, noch meine Gefühle und mein Geist, die durch Nerven und Körpersäfte wissenschaftlich nachvollziehbar gesteuert werden, entstehen aus einem Zufall.

 

Sie sprechen von einem Aberglaube, der Gott nur für das verantwortlich macht, was sich wissenschaftlich nicht nachvollziehen läßt. Doch dieser Aberglaube bestimmt noch nach wie vor unser theologisches Paradigma. Der Lückengott hat sich tief in die Theologie eingenistet und den Logos verdrängt. Wenn die Denker der Aufklärung in logischer Folge davon ausgingen, dass Gott ausgedient habe, dann ist dies Folge eines veralteten Gottesverständnises, das noch heute unser Welt- und Gottesbild bestimmt. Doch dieses dekadente Denken, das Gott nur als Erklärungsgrund für das logisch nicht Nachvollziehbare nutzt, ist relativ neu. Am Anfang der christlichen Religion stand ein völlig anderes Bewußtsein. Weder die jüdische, noch die frühchristliche Apologetik versuchte die Existenz des monotheistischen Schöpfergottes außerhalb der Kausalität zu belegen. Es bestanden klare Vorstellungen über die Wirkungsweise des Kosmos. Philosophische bzw. metaphysische Modelle, die das wissenschaftliche Weltbild der damaligen Zeit verkörperten, wurden nicht nur in den sog. gnostischen Texten Gottesvorstellungen vorangestellt. Auch für die Evangelisten war das schöpferische Wort, dessen Wiederverständnis, die Voraussetzung all ihrer Aussagen.

 

Sehr vereinfacht ausgedrückt, läßt sich der Übergang vom Vater des Logos zum Lückenbüßergott und damit dessen angeblichen Ende damit erklären, dass der Text, die Buchstabenlehre und nicht ein das Werden der Welt bestimmende Geist als Wort Gottes gesehen wurde. 

 

Statt Darwins Lehre als Bestätigung für den Monothesismus zu Betrachten, empirische Belegung einer frühjüdischen Erkenntnis, wurde und wird immer noch versucht, das Wissen zu verdrängen. Wen wundert es, wenn aus der wissenschaftlichen Erkenntnis bisher falsche Schlüsse gezogen wurden, wie dies z.B. im Sozialdarwinismus geschieht, der unser heutiges Wirtschaftsleben bestimmt. "Gott oder die Quanten" so die Pysiker, die nicht ahnen, dass sie in ihren modernen universalen Modellen nur eine neue Beschreibung des schöpferischen Wortes bieten. "Gott oder die Gene" so die Biologen, die - ohne es wahrzunehemen - im genetischen Alphabet nicht anderes buchstabieren als das Wort Gottes. Der Buchtext hat uns blind gemacht für das in der Schöpfung lebendige Wort Gottes. Teilhard de Chardin als Theologe oder der Nobelpreisträger Henry Bergson gehörten zu den wenigen Rufern in der Wüste, die im evolutionären Werden einen kosmischen Christus bzw. das Werk Gottes wahrnehmen wollten. Um dies mit dem historischen Glaubensgrund der christlichen Religion zusammenzubringen, dafür war für sie die Zeit noch nicht reif. In der Evolution den Logos zu lesen, der unserem Glauben als Gottesoffenbarer zugrunde liegt, dafür war es noch zu früh. Der Buchstabenglaube bzw. das Mißverstänis der Bibel, das bisher versuchte eine biologische Erklärung zugunsten des 7-Tagewerkes auszuschließen, verbietet bis heute Jesus als den schöpferischen Logos zu begreifen.

 

Jesus ist wirklicher der, wie ihn die Evangelisten beschrieben. Was die päpstliche Autorität in ihrem Papier "Dominus Jesus" in Erinnerung ruft und fromme Christenkreise blind- bzw. papierglaubig behaupten, stimmt. Jesus ist Grundlage aller Schöpfung, vor rund 2000 Jahren präexistentes Wort in menschlicher Gestalt. Der historische Jesus ist gleichzeitig Christus des Glaubens, ewiger Sohn Gottes,  Wort von dem alles ausgeht. Solange wir jedoch im evolutionären Werden keinen Sinn sehen, das planetare Zusammenspiel als puren Zufall betrachten, wird es nicht möglich sein, in der historischen Gestalt  Jesus mehr wahrzunehmen, als einen besonders begabten jüdischen Wanderprediger, wie dies die heutige Theologie tut. Die Wahrnehmung des Gotteswortes im Werden ist quasi die Voraussetzung, um hinter dem Bild  die eigentliche Grundlage des christlichen Glaubens zu verstehen. Erst wenn wir das Wort Gottes in der Schöpfung wahrnehmen, werden wir wieder neu glauben. Durch die Wahrnehmung des lebendigen Wortes wird das uns bekannte Bild des Wanderpredigers in keiner Weise verneint. Nur dessen Verniedlichung hat ein Ende.

 

"Wenn Gott uns etwas von sich selber sagen will, dann tut er dies durch seine Schöpfung. Darum versuche ich als religiös Gläubiger, mit Hilfe der Wissenschaft zu sehen, was sie über Gott zu sagen hat." Genau diese Aussage im Spiegelartikel macht Sie zu einem neuen Jünger dessen, von dem der Herausgeber des Spiegel in seinem Buch "Jesus Menschensohn" behauptet, er wäre nur eine Erfindung der Kirche.

 

So wie die Laboratorien unserer Vorfahren Stätten der Andacht waren, so können wir auch heute wieder das natürliche Werden zum Ausgangspunkt unseres Glaubens machen. Sie nennen Stonehenge als Beispiel alter Gottesanbetung. Das südenglische Steinmonnument, diente bereits 3000 Jahre vor Jesus nicht nur der Himmelsbeobachtung, sondern war auch Kultstätte zur Götterverehrung. Weit vor allem wissenschaftlichen Verstand haben unsere Väter auf verschiedene Weise das Wort Gottes auf mystische Weise wahrgenommen. Auch wenn wir hinter die Texte des Alten Testamentes lesen, dann erkennen wir, dass auch sie ohne die Wahrnehmung des schöpferischen Wortes in aller Natur nie geschrieben worden wären. (Doch dies bedarf einer eigenen, tieferen theologischen Betrachtung.)

 

Für was im Süden Englands die Steine standen, dafür stand später im Schnittpunkt zwischen Orient und Okzident, zwischen Mythos und philosophisch-wissenschaftlichem Weltverständnis der schöpferische Logos: auf sein Verständnis in Menschengestalt gründet unser christlicher Glaube. Nicht die Wunder eines Wandercharismatikers, sondern das Wunder eines neuen Sehens und Hörens des schöpferischen Wortes - christlicher Glaube an Jesus als den Sohn Gottes - verbirgt sich hinter den Geschichten der Evangelisten. Das eigentliche Wunder ist nicht, was wir nicht erklären können, sonden was sich im evolutionären Werden wissenschaftlich nachvollziehen läßt. Dessen Wahrnehmug als Wort Gottes wird auch bei der Entwicklung unserer Kultur Wunder wirken.

 

Es geht nicht darum, die Bibel gegen ein Biologiebuch einzutauschen. Die naturwissenschftlichen Beschreibungen waren nicht Gegenstand der antiken Theologie und brauchen es auch nicht zu werden. Doch wie damals muß der Glaube auf das lebendige Wort gründen, wie auch Sie es in der wissenschaftlichen Naturbeschreibung verstehen. Um den christlichen Glauben neu zu begründen, bedarf es daher Wissenschaftler wie sie, die sich zu Wort melden.

 

Statt einer sinnlosen Lotterie gilt es heute im evolutionären Werden den schöpferischen Logos als das präexistente Wort Gottes neu zu betrachten. Die Gesetze der Physik, der Chemie und der Biologie beschreiben den Bauplan Gottes, sind seine Gesetze, sein Wort, nach denen ER die Genesis be-stimmt. Alle Formgebung ist SEIN ewiger In-form-ationsprozeß. Das Universum verdankt sich keinem Hokus-Pokus. Unser Planentensystem und alles was wir darauf vorfinden ist eine Folge seines Verstandes/Logos, der heute neu zu verstehen ist.

 

Nicht durch Menschenworte wird es zur Rückkehr der Religion kommen, sondern nur durch die neue Wahrnehmung des schöpferischen Wortes diesseits des Wissens. Ein ökumenischer Weltethos, wie er nicht nur in der Weihnachtsausgabe des Spiegel herbeigerufen wird,  ist ohne das schöpferische Wort als wahrhafte Grundlage Schall und Rauch. Was in der Antike als Sohn Gottes bezeichnet wurde, läßt sich heute neu als schöpferische Tat-sache sehen. Voraussetzung für eine Leben mit Verstand ist ein vernünftiges Verstehen des schöpferisches Wortes in allem Leben. Erst so können wir begreifen, warum Religion weit mehr ist, als Trost im Elend, eine kollektive  Zwangsneurose, die dank wissenschaftlicher Aufklärung geheilt werden kann. Nicht über-natürliche Mächte, sondern die vernünftig über alle Natur herrschende Macht als das Wort Gottes ist der wahre Grund christlichen Glaubens. Nicht Gewalt, sondern Geist wird zur Rückkehr des Glaubens führen.

 

Der Dialog zwischen den Religionen, wie er heute verlangt wird, läßt sich nicht durch eine gegenseitige Verflachung bzw. einen Vergleich der oberflächliche Ethik oder aufgesetzter Lehren entfachen, sondern auf Grundlage einer verschiedenförmigen Wahrnehmung des ewigen Wortes. Statt z.B. nur vor fundamentalistischen Moslems zu warnen, kann deren Glaubensfundament als das wahrhaft christliche verstanden werden. Weit mehr als im christlichen Glauben, wo Kirchenbücher bzw. Glaubensdogmen als Grundlage gesehen werden, berufen sich die Moslems auf das in allem lebendige Wort Gottes. Nicht ein Kampf der Kulturen braucht bevorzustehen, sondern ein gegenseitiges Verstehen und Lernen.

 

Die jüdisch-christliche Bibel bietet nach wie vor die Basis für das neue Verständnis des schöpferischen Wortes für die westliche Kultur. Ohne Altes wie Neues Testament als Ausdruck einer schöpferischen Tat-sache, zeitgmäßte Umsetzung des lebendigen Wortes zu verstehen, werden wir weder im Unter- noch im Aufgang der Sonne mehr als den Ablauf eines rein natürlichen Vorganges sehen. Die Problematik scheint jedoch darin zu bestehen, dass wir -  um Bilder der Bibel begreifen zu können -   gleichzeitig den Verstand Gottes als Grundlage allen Werdens verstehen müssen. Ohne ein Denken, wie es in Ihren Ausführungen anklingt, müßte sich die heutige Kirche weiterhin auf alte Glaubensdogmen als Grundlage ihres Glaubens berufen, auch wenn sie sie selbst kaum mehr glaubt. "Dominus Jesus", wie es die päpsttliche Lehrer verlangt, geschieht nicht durch ein Aufwärmen alter Dogmen, sondern deren neues Verstehen.

 

Die für die Rückkehr unseres Glaubens und Verstandes notwendige Voraussetzung, ist ein neues Verständnis, des in allem natürlich nachweisbaren Werdens sichtbaren Gotteswortes. Um die Diskussion über ein neues Naturverständnis zu entfachen, können anerkannte Wissenschaftltler wie Sie einen wesentlichen Beitrag leisten.

 

 

Nachtrag:

 

 

Auch die Leserbriefe zum Spiegelbericht sind ein himmelschreiendes Spiegelbild unseres Unverstandes

 

"Der Mensch glaubt, weil er weiß, dass sein Wissen nicht ausreicht, den Sinn für sein Leben zu rechtfertigen. Also schafft er sich oder hofft er auf oder glaubt er an Höheres, damit das an sich Sinnlose doch noch einen Sinn erhält."

 

Die Spiegelredakteure haben diese Aussage ausgewählt und groß abgedruckt, weil sie stellvertretend für das derzeitige Denken steht.

 

Wer nicht weiß, muss glauben

 

so nicht nur das säkularisierte Weltbild, sondern auch das Selbstverständnis unserer Theologie. Glaube und Wissen als gleichberechtigte Partner nur nebeneinander zu begreifen, wie ein anderer Spiegelleser erhofft, das wäre zu wenig. Jesus von Nazareth hat die Welt entmythologisiert, wie ein weiterer Leser einwirft. Die alte und neue christliche Bekehrung besteht nicht aus einem Rückfall in den Gesetzesglaube oder gar in den Mythos, sondern einem Wechsel des Gottesverstandes: vom Traditionstext zum lebendigen Wort.

 

Neu: nur wer weiß, wird wirk-lich an Gott glauben

 

wie es z.B. bereits bei Johannes nachzulesen ist: "Niemand kommt zum Vater denn durch mich." Kein von sich eingenommener Wanderprediger den Johannes hier sprechen läßt, sondern das im Verstand der Antike lebendige Wort war es, von dem diese und alle anderen Glaubensaussagen ausgehen.

 

Jesus lebt

 

Der Mensch schafft sich nicht selbst ein Höheres Wesen, um seiner Natur einen Sinn zu geben, sondern kann von einem in allem natürlichen Werden sichtbaren Sinn/Logos die Offenbarung Gottes, dessen verständliches Wort wahrnehmen. Unser Naturwissen reicht heute - Gott sei Dank - aus, um uns nicht nur als nutzlose Kinder eines evolutionären Universums zu sehen, sondern im Kontext des kulturellen Traditonsgutes als verstandbegabte Wesen, deren größte Aufgabe es ist, ein das gesamte All bestimmendes Wort Gottes zu verstehen und in ihrem Alltag zu leben.

 

"Die Hure Vernunft", von der Martin Luther sprach, braucht nicht länger ein sinnloses Spiel in einem sinnleeren Alltag zu treiben, sich jedem Zeitgeist an den Hals zu werfen und die Tradition zu verneinen. Sie wird helfen das zu erreichen, was Luther wollte, den Menschen mündig zu machen: das Wort Gottes, dessen Logos zu verstehen.