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DER SPIEGEL
Redaktion
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Leserbrief zu "Gab es Christen vor Jesus?"
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Werner Harenberg,
vielen Dank für die vielen Denkanstöße zu unserem Jesus-Bild, zur Krise der Kirche, ebenso wie zu gesellschaftlichen Problemen durch eine in vielen Bereichen völlig irrationale, weder zukunfts- noch gesamtheitlich ausgerichtete Verhaltensweise von uns Individien, die wir keinen höheren Halt haben. Was in ihrem Beitrag erneut auf den Punkt bringen: "Mit unserem Jesus-Verständnis stimmt etwas nicht", ist der Grund für Kirchenleere, die Geistlosigkeit unserer Gesellschaft und ihrem unvernünftigen Verhalten. Der schöpferische Verstand/LOGOS ist uns verloren gegangen.
Wir sind wahrhaft jüdischer als wir denken. Doch nicht, weil vor 2000 Jahren nichts Neues war, sondern weil wir das Wesen des christlichen Glaubens nicht wahrnehmen können.
Unser Geist scheint gefangen im "abgeschriebenen" Gesetzesbild eines charismatischen Wanderpredigers mit Bart, einer männlichen Mutter Teresa, völlig ohne theologische Bedeutung. Nichts von neuem Denken! Was wir wahrnehmen ist nur noch ein "buch"(Gesetz)halterischer Merkposten ohne großen Wert, hat mit dem damals als Messias erkannten und im Menschen begreifbar gewordenen kaum noch etwas zu tun. Die himmelschreiende Banalität unseres heutigen - auch von der Kirche verkündeten - Jesus-Bildes ist es, die Sie durch Ihren Beitrag bewußt machen. Vielen Dank, daß Sie dieses Problem, mit dem sich vor Jahren auch Augstein in seinem Jesus-Buch beschäftigte, öffentliche zur Sprache bringen. Die Leere unserer Lehre muß belegt werden. Aber nicht um sie zu verneinen, sondern sie mit einem neuen lebendigen Bewußtsein zu füllen, ohne daß ein Buch-stabe weggenommen oder geändert wird. Wenn wir hinter die - wie in der Natur für das Gedeihen notwendige - Hülle der heutigen Kirchenlehre schauen, werden wir feststellen, daß sie keinesfalls leer ist, nicht nur Predigt einer eigenen Projektion und Vergabe theologischer Titel. Doch die Kritik, die auf die christliche Lehre einschlägt ist wie das Dreschen des Getreide, durch das erst das Korn befreit wird.
Ohne es wahrzunehmen, werden Sie, wie auch die anderen Kritiker, Teil eines kreativen Wesens der geistigen Weiterentwicklung, dem wir nicht nur unseren kognitiven Fortschritt, sonderen die gesamte Kosmogenese verdanken. Großartige und hochbegabte Weisheitslehrer haben vor fast 2.000 Jahren richtigerweise dieses Wesen (WORT/LOGOS) als Sohn Gottes bezeichnet und in der Person des Wanderpredigers zum Ausdruck gebracht, es so den Menschen so verständlich gemacht. Keine Angst, ich will weder Augstein noch andere Kritiker zum Messias machen. Kein Mensch kann ein Messias sein. Weder wäre ein Wanderprediger oder Kirchengründer ein Messias gewesen, noch können sich heutige Medien-Propheten oder Kirchenmänner diesen Titel verdienen. Denn bei der Bezeichnung Christus/Messias geht es nicht um einen Titel, der als besondere Auszeichnung verliehen wird, wie ein besonderer Orden. Auch wenn die amtstheologische Auseinandersetzung, die sich auch in ihrem Beitrag wiederspiegelt, diesen Eindruck erweckt. Ein Messias ergibt sich nicht durch die Erhöhung eines charismatischen jungen Juden durch die spätere christliche Theologie. Messias ist nichts, was man machen kann, sondern die Macht, Wirkung die von ihm ausgeht. Erst die Lösung unserer Lebensprobleme durch die Erneuerung unserer Glaubensgrundlage entscheidet darüber, ob Jesus der Messias war und ist.
Die Urchristen dachten damals diesen Messias gesehen zu haben. Sie gingen davon aus, eine den Herausforderungen des vernünftigen Denkens der Zukunft gerecht werdende Glaubensgrundlage im lebendigen LOGOS zu sehen.. Warum erstarren wir in den literarischen Bildern dieses neuen Glaubens, die wir nach und nach abreißen? Wäre es nicht viel wichtiger, dem Kern des damaligen Denken neue Nahrung zu geben.
Nachdem sich auch Augstein unlängst mit Paulus auseinandersetzte, halte ich es für angemessen, daß dieser Ketzer gegen das Gesetz der jüdischen Kirche und gleichzeitig Vertreter des neuen Paradigmas auf die Abrißbescheinigung im Spiegelartikel antwortet.
Aus einer neuen Perspektive betrachtet, die nicht vom charismatischen Wanderprediger ausgeht, sondern vom leibhaftigen lebendigen LOGOS, ergeben sich für viele der oft von Ihnen Herr Harenberg in der Auseinandersetzung mit zentralen Glaubensgrundlagen - wie Jesus und Kirche, Jungfrauengeburt und Auferstehung - im Spiegel gestellten Fragen völlig neue Lösungsansätze.
Auch wenn es vermessen ist, so will ich als Sprachrohr des Paulus doch ein kleines Stück dazu beitragen, daß der Wunsch von Erzbischof Dyba zum 50. Geburtstag des Spiegel in Erfüllung geht. Wenn ihm eine gute Fee drei Wünsche freistellen würde, dann wäre einer davon die Bekehrung von Rudolf Augstein. (Ich gehe davon aus, daß er dabei auch andere Spiegelautoren im Auge hatte.)
Zwischen der konserativen christlichen Dogmatik und angeblich aufgeklärten Atheisten, die Woche für Woche der Gesellschaft den Spiegel der Unvernunft vor Augen hält zu vermitteln, mehr als mein frommer Wunsch.
Mit freundlichen Grüßen