Apokryphen: Ausdruck des in
der Antike verstandenen Logos/Wortes
(Unfertiger Text)
Die Menschheit steht an einem Ufer. Allgemein herrscht
die Empfindung vor: am alten Gestade können wir nicht bleiben, die Traditionen
haben ausgedient. Wir müssen aufs offene Meer hinaus, in die Weite, neuen
Werten entgegen.
Aber welches Schiff trägt auf dem offenen Meer und führt
wirklich ins Neue? Viele vertrauen sich
ungeprüften Methoden an. Die meisten davon sind löchrige Boote, die schnell
versinken oder auf Nimmerwiedersehen im Nebel verschwinden.
Wo wäre ein Schiff, das sicher ist?
Sehr geehrter Herr Dr. Sasse,
(stellvertretend für die heutige theologische Lehrmeinung)
bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie schon wieder persönlich anspreche, gleichwohl sich meine Überlegungen an die heutige Theologie insgesamt richten. Doch Ihre Ausführungen über die Apokryphen beim pfälzischen Bibelverein sind Anlass, mich erneut mit den außerkanonischen Texten auseinander zu setzen. Auch wurde mir bei Ihrem Vortrag erneut vor Augen geführt, welch umfangreiches Wissen um die Zusammenhänge der Textentstehung bei Ihnen vorhanden ist. Wie kann ich mit meinen wenigen Kenntnissen über die Entstehung des Kanons oder die Bedeutung der Begriffe etwas beitragen oder gar zu einer neuen Sichtweise aufrufen? Gerade bei Ihren Ausführungen, ebenso angesichts des Wissens anderer Zuhörer, die weit besser als ich die Texte der Bibel kennen und um die Zusammenhänge wissen, ist mir die schiere Unmöglichkeit meines Vorhabens wieder vor Augen geführt worden. Trotzdem will ich es wagen, Sie bzw. die heutige Theologie aufzufordern, die außerkanonischen antiken Texte mit neuen Augen zu erforschen, daraus neue Perspektiven für das Wesen des christlichen Glaubens zu gewinnen. Welch gewaltige Leistung könnte erbracht werden, wenn nicht ein stümperhafter Laie, sondern Lehrer mit Ihrem Wissen die Apokryphen mit neuem Auge lesen würden.
Auch Ihr modernes und umfassendes Verständnis der im Kanon enthaltenen Texte kann dabei von großem Nutzen sein. Denn je besser wir den geistigen Hintergrund der Bibel kennen, nicht mehr nur von banalen Geschichten ausgehen, desto mehr können wir auch aus den Texten lernen, die nicht in den Kanon aufgenommen wurden.
1. Aufforderung zum Neuverständnis
Meine Aufforderung, die Apokryphen mit neuen Augen zu lesen will ich dabei mit dem vorgeschalteten Text über die Argonauten begründen. Er steht auf dem Buchdeckel der Edition-Argo, die zwei von Konrad Dietzfibinger formulierte und kommentierte Werke über Schöpfungsberichte und Apokryphe Evangelien aus Nag Hammadi herausgegeben hat, die ebenso wie verschiedene gnostische Texte oder amtskirchengerechte Ausführungen über „Verborgene Bücher der Bibel“ mein Denken über die Apokryphen bestimmten. Denn im Schiff, nach dem dort gerufen wird, sehe ich nichts anderes wie die Arche, die bereits Noah in eine neue Zeit rettete. Sie als Arch-äologe und mit meinem Denken teilweise vertraut wissen, dass ich dabei keinen Holzkahn vor Augen habe, auf den ein frommer Mann jeweils zwei Wesen jeder Art packte, um sie vor einer meteorologischen Katastrophe zu retten, sondern das Urprinzip allen Seins, das ich neu begrifflich machen möchte und in dem ich ewige Gottesoffenbarung vermute.
Während die Verfasser der Edition Argo auf das menschliche Denkvermögen setzten, will ich dazu auffordern, mit unserem Denkvermögen nur dieses Ur-prinz-ip/ den Sohn Gottes/ den Logos/ das Wort Gottes/ die in allem Werden sichtbare Vernunft wieder wahrzunehmen, den historischen Jesus neu zu verstehen.
Nicht unsere Vernunft, sondern die neue Wahrnehmung einer schöpferischen Vernunft, hinter der sich nichts anderes verbirgt als das was in der Antike als Weisheit, Wort, Logos...bezeichnet und als offenbarender Gottessohn gesehen wurde, bringt uns m.E. in eine neue Zeit. Auch alte Traditionen, bisher gelesene Texte haben dabei nicht ausgedient, sondern sind der Garant, dass löchrige Boote, neue Denkweisen nicht im Nebel auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Nur wenn es uns gelingt, die neuen Denkweisen mit dem bisher Gedachten auf einen Nenner zu bringen, haben wir ein tragbares Schiff. Und hierzu wäre Ihr umfangreiches Wissen gefragt.
Die Herausgeber der Edition Argo rufen nach einem Denkvermögen, das Vorurteile ablegt, sich nicht an Altes festklammert und dadurch verdirbt, sondern ein offenes Denken, welches der Weite aufgeschlossen ist, ein neues Denken, das vom Herzen ausgehen soll und vom Glaube an das Neue inspiriert ist. Nur so würden wir wie damals die Argonauten zur notwendig neuen Erkenntnis kommen. Diesem Ruf kann ich mich nur anschließen. Und ich bin sicher, dass ich dabei bei Ihnen auf offene Ohren stoße, da Sie für neue Auslegungen der alten Texte stehen. Bitte entschuldigen Sie und versuchen Sie zu verstehen, dass ich trotzdem nach einem neuen unvoreingenommenen Lesen der Apokryphen rufe. Denn solange wir das historische Wesen des in der Antike neue geborenen Glaubens in einem vom Stanquartier Kapernaum um den See Genezareth ziehende Wandercharismatiker sehen, werden wir in den neutestamentlichen Apokryphen nur Verherrlichungsreden lesen, die sich auf einen jungen Reformjuden beziehen oder fromm und frei erfunden sind. Und wie sollen wir die alttestamentlichen Apokryphen lesen, in denen Jesus bereits lebendig ist?
Nein, mit einigen Begriffen von einer präexistenter Weisheit, die in den Texten genannt wird, lasse ich mit nicht abspeisen. Auch der Verweis auf gnostische Logoslehren, kosmologischer Aussagen oder anderer Begriffe, die meinem Denken über das ewige schöpferische Gotteswort entsprechen, wäre zu wenig. Es geht nicht um einzelne Texte wie „Das Buch der Weisheit“, „Jesus Sirach“ oder zwischentestamentliche Texte und Philosophien, in denen ich schon lange ein Neuverständnis erkenne, das m.E. den Menschensohn des Neuen Testamentes ausmacht. Vielmehr will ich nachweisen, dass ein neues Verständnis des schöpferischen Wortes Grundlage aller Apokryphen wie auch der im Kanon enthaltenen Texte ist. Es geht nicht nur um einige begrifflichen Übereinstimmungen. Der Geist, der aus all den umfangreichen Texten spricht, die uns teilweise erst heute zugänglich sind, ruft uns auf das Wort neu zu verstehen. Hier in diesen Texten ist das lebendig, was das historische Wesen unseres christlichen Glaubens ausmacht. Während die altbekannten Bilder der kanonischen Texte uns den Blick für das Wesentliche verbauen (gleichwohl auch deren Verfasser nichts anderes vor Augen hatten und in verständlicher Form vermitteln wollten), ist in den außerkanonischen Texten das Wesen noch weit deutlicher lebendig. Die Essenz der neuen Erkenntnis, die zur Zeitenwende geführt hat, kann angesichts all der hier gemachten Aussagen kein verherrlichter/verchristianisierter Jungjude gewesen sein. Es geht um weit mehr.
Es ist undenkbar, dass es ohne das neue Verständnis des Wortes zu all den unzähligen Texten gekommen wäre, die sich heute vor uns ausbreiten. Nicht was dazu geführt hat, dass man einen den historischen Jesus für den Messias hielt, ihn als Gottessohn, als Weg, Wort und Logos bezeichnete will ich fragen, sondern nachweisen, dass er es wirklich war. Und dazu geben die Apokryphen Gelegenheit, auch wenn sie das schöpferische Wort aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchten und viele der Texte zurecht als Häresie ausgesondert wurden.
Wer nur nach einer Begründung sucht, warum ein Wanderprediger christologisiert wurde, muss unseren Glauben für eine Halluzination halten, so wie es unlängst in einem Spiegeltitel über den „gedachten Gott“ zum Ausdruck kam. Doch unsere Christologie hat einen ganz klaren historischen Grund. Und der ist in das in den Apokryphen herauszuhörende schöpferische Wort. Wäre das Wort Gottes nicht neu verstanden, so könnte das sich in Paulus & Co. ausdrückende neue monotheistische Paradigma nur als pure Einbildung betrachtet werden. Die Apokryphen sind Zeugnis, dass das neue Verständnis des Wortes historische Wirklichkeit war. Jesus hat wirklich gelebt, das Wort, der Sohn hat den Vater neu offenbart.
Gleichzeitig lassen die Apokryphen erkennen, warm dieses Wort genau in der uns aus der Bibel vertauten Weise vor einer Verflüchtigung bewahrt werden musste, warum es wichtig war, ihm die bekannte Gestalt zu geben und warum nur die eindeutige Geschichte, wie wir sie aus den kanonischen Evangelien kennen, ebenso wie die Anknüpfung an altjüdische Vorstellungen die Voraussetzung für all dies war, auf das wir heute so stolz sind. Was wäre aus der Welt geworden, wenn sich nur Mysterien, Vergeistigung, Weltabgewandtheit durchgesetzt hätten? Hätten wir heute eine Wissenschaft? An was würden wir glaube?
Weil aber die heutigen Glaubensbilder nicht mehr tragen, das schöpferische Wort nicht mehr wahrgenommen wird, erscheint es wichtige, in den Apokryphen neu dem Wesen des christlichen Glaubens zu suchen. Gerade unsere neue Sichtweise der einst sinnvollerweise in den Kanon aufgenommene Texte kann dabei auch das bisherige Denken über die Apokryphen von Missverständnissen befreien.
2. Was sind Apokryphen?
3. Was unterscheidet Apokryphen von kanonischen Texten?
4. Welche Lehren ziehen wir aus den Apokryphen?