Galtaterberief: Begründung des Logos
Die gesamte Bibel ist letztlich ein Zeugnis des
schöpferischen Logos, des vernünftigen Gotteshandelns. Und gerade die
neutestamentlichen Texte sind Belege für ein neues Bewusstsein, ein offenbares
Verständnis des göttlichen Wortes. Ein Text, an dem sich besonders gut
verdeutlichen lässt, dass es den Verfassern um den lebendigen Logos in Person
und nicht um einen Wanderprediger oder dessen Verherrlichung geht, ist der
Galaterbrief.
In hervorragender Weise wird hier die Heilsbedeutung
der neuen Gotteswahrnehmung gegenüber dem blinden Führwahrhalten des
Traditionstestes (Gesetzes) verdeutlicht. Der Brief bringt die theologische
Auseinandersetzung zwischen Alt und Neu, das Verhältnis, zwischen dem neuen
Verständnis des Wortes und dem bisherigen Gesetzesglaube auf den Punkt.
Verfasst vom
neuen Paradigma
Wenn der Galaterbrief wirklich ein "echter
Paulusbrief" ist, wie die Exegeten bemerken, dann nicht, weil hier keine
geografische oder zeitliche Einordnung im Wege steht, was gewöhnlich die
Neutestamentler dazu bringt, verschiedene Paulusbriefe als Psydotexte zu
bezeichnen. Auch die Literaturform ist es nicht, die erkennen lässt, dass es
sich hier um einen original Paulusbrief handelt. Die Echtheit besteht darin,
dass die gleiche Erkenntnis des lebendigen Logos als neuer Mittler zwischen
Gott und den Menschen zugrunde liegt und in einer dem bisherigen jüdischen
Gesetz entsprechenden Personifizierung dieses Logos (Wanderprediger Jesus) eine
messianische Wirkung (Wiederbelebung des Gesetzesverständnisses durch das
lebendige Wort) gesehen wird. Das Verhältnis des neuen Glauben, der Wahrnehmung
des lebendigen Wortes gegenüber dem traditionellen Gesetz wird uns hier
begeisternd beschrieben. Welcher Mensch der Verfasser war, ist im Grunde
unerheblich, wesentlich ist, dass er von einem neuen theologischen Paradigma
ausgeht: damit ist er echt.
An wen sich der Brief richtet, sollte theologisch
hinterfragt werden. Ein simples Missionsschreiben an eine zufällige Gemeinde in
Galatien , das wäre zu wenig. Wir haben es hier mit tiefen theologischen
Aussagen zu tun, die am Beispiel der Beschneidung die Bedeutung des
christlichen Glaubens, der sich weder auf Menschen, noch Traditionstexte
gründet oder bestimmten Ritualen gründet, das neue Paradigma des
monotheistischen Glaubens auf den Punkt bringt. Die Frage nach den Galatern
sollten die Exegeten nicht rein geologisch beantworten, sondern geistige
Adressaten suchen.
Die folgenden Überlegungen zur Deutung des
theologischen Textes sollen belegen, dass die Christologie des Paulus keine
Propagandapredigt eines Heidenmissionars ist, der den jüdischen Glauben
bekämpft, sondern sehen in Paulus einen Verfasser des neuen jüdischen
Paradigmas. Der Glaube an Gott wird für Paulus nicht durch das Gesetz oder
einen Menschen mit Namen Jesus, sondern durch den in der Person Jesus gesehenen
lebendigen bzw. wiederverstandenen Logos Gottes begründet. Der Christus des
Glaubens ist die historische Realität, die damals erkannt wurde. Es ging Paulus
um einen Wanderprediger und dessen Verherrlichung, noch um eine religiöse Fiktion bzw. ein
philosophisch-theologisches Geistesgebilde. Der reale Grund des christlichen
Glaubens war das wiederverstandene präexistente Wort Gottes.
1. Legitimiert
durch den Logos
"Nicht von Menschen und auch nicht von Gott
durch Menschen ernannt bzw. zum Apostel berufen", so beginnt der
Paulusbrief. Wer also hat Paulus berufen, was bewegt ihn zum Schreiben, woher
bezieht er seine Legitimation? Jesus
war für Paulus nicht nur ein guter Mensch, kein charismatischer Jude, wie er
heute als historischer Jesus an theologischen Hochschulen gelehrt wird.
Schon ist das mild-wissende Lächeln der
Religionslehrer zu sehen. Sie wissen, dass es Paulus nur um den
"Nachösterlichen" ging. Schnell wird das Denken des Paulus mit einer
Christologie abgetan, gar als pure Propaganda gesehen, die dazu diente den
Heiden den jüdischen Glauben überzustülpen. Doch selbst wenn wir völlig
blind Paulus ins tiefste Judentum
heimholen, was soll der Grund für diese neue,
Glaubensverkündung gewesen sein? Eine Christologie aufgrund altjüdischer
Texte, dies kann doch kein
ernstzunehmender Exegete gerade Paulus, der gleichzeitig als das Ende der
Gesetzlichkeit genannt wird, unterschieben wollen. Auch wer nicht von einem
lebendigen Wort ausgeht, kann die Legitimation weder an einem
charismatischen Menschen, noch an
Gesetzestexten festmachen. Doch was sonst ist der neue Glaubensgrund? War es
ein Mythos, dem Paulus verfallen ist, eine innere Stimme seines tiefsten
Selbst, wo der moderne Mensch angeblich Wahrheit finden soll, oder hat Paulus
das Wort Gottes wieder neu verstanden, wie es in den Texten ausführlich
beschrieben ist?
Wer wie die heutige Theologie im historischen Jesus
nur einen jungen Juden sieht, dem bleibt alles unverständlich bzw. der
banalisiert die ganze Sache, der kann nur ein religionspolitische Propaganda
sehen. Was soll dann das Gerede vom Auferstandenen? Wenn sich nachweisen lässt,
dass ein gestorbener Wanderprediger nicht wieder das Licht der Welt erblickt?
Was sollte eine wundersame Wiedererweckung a la David Copperfield mit dem
Christusverständnis des Paulus zu tun haben? Kleingläubiger geht’s kaum, als
die nachweislich neue Theologie auf solche Absurditäten zurückzuführen.
(Damaskuserlebnis als Halluzination, nachzulesen bei Jungtheologen, die damit
ihren Professoren nach dem Munde reden.) Doch damit wäre letztlich der gesamte
christliche Glaube als Schein entlarvt. Das gesamte Geistesgut, das uns so
großartig in den theologischen Texten des Neuen Testamentes entgegentritt,
erledigt.
Paulus ist nicht von einem Auferstanden ausgegangen,
wie er heute von Theologen wie Prof. Lüdemann richtigerweise abgestritten wird.
Paulus ging es weder um einen wiedererweckten Wanderprediger, noch war eine religiöse Einbildung, eine
Eigenprojektion, der Grund seines Glaubens. Auch wenn der Begriff des
lebendigen Wortes bzw. Logos in seinen Briefen nicht vorkommt. Deren
Wahrnehmung muss vorausgesetzt werden, wenn nicht alles sinnloser Schall und
religiöser Rauch sein soll.
2.
Vergebung durch den neuen Verstand
"Jesus Christus, der sich selbst für unsere
Sünden dahingegeben hat", so heißt es im Text der Paulinischen Theologie.
Doch wollen wir allen ernstes annehmen, dass ein toter Wanderprediger in der Waagschale
unsere Sünden aufwiegt? An vielen stellen des Galater- ebenso wie anderer
Paulusbriefe wird der Tod Jesus und seine Auferstehung als Voraussetzung
angesehen, die einem neuen Gottesverständnis notwendigerweise vorausgeht: Der
Verstand des lebendigen Gotteswortes muss sterben, damit wir den Schöpfer des
Alles, sein Wort wieder neu, in angemessener Weise verstehen können. Eine
Weisheit über die Regeln allen Werdens, die der Verfasser hier auch auf das
Gottesverständnis anwendet. Nicht blinder Glaube aufgrund traditioneller
Überlieferungen spricht uns im Galaterbrief an, sondern eine Wahrnehmung über
das vernünftige Werden der Welt, wie wir sie bereits bei Platon vorfinden. Dieses Wort Gottes gibt dem Verfasser
seine Legitimation. Vergebung geschieht durch den Verstand, den uns Gott
gegeben hat. Den Verstand, die
großartige Gottesgabe für Zweibeiner gilt es zu gebrauchen.
(Die Aufgabe wäre, die gesamten Texte des
Galaterbriefes im Hinblick auf das lebendige Wort, den neuen Gottesverstand
auszulegen. So geschichtlich ein neues Paradigma des Paulus zu begründen und
dazu beizutragen, auch heute neu zu verstehen.)