Die Bibel neu verstehen
Zur Heiligen Schrift wird ein Text erst, wenn wir in ihm bzw. durch ihn die vernünftige schöpferische Tat – das im realen Geschehen wirksame schöpferische Wort - wahrnehmen und er so den Verstand zum Glauben bewegt: das Wort verstehen und vernünftig leben lässt.
Erst wenn ein Text uns die Augen öffnet, zum fortgeschrittenen Verstehen führt, statt vom vernünftigen Gottesglaube abzuhalten, können wir ihn als Gotteswort bezeichnen. Was ein Verstehen verhindert, kann nicht Gotteswort sein, sondern ist der Gegenspieler. Wenn Gott der Geber, Ursprung der gesamten Genesis ist, Vater des Verstandes und allen evolutionären Werdens, dann muss eine Theologie, die dem Fortschritt im Wege steht, Gegenspieler, „Teufelswerk“ sein.
Was diese Überlegungen wollen:
- Durch das Wissen um die historisch-geistigen Hintergründe und deren theologischer Bedeutung die Bibeltexte allegorisch neu begreifen helfen.
- Den der Bibel zugrunde liegende Logos, das damals auf schöpferischer Realität bauende lebendige Gottesverständnis als das eigentliches Gotteswort begründen.
- Das Alte und Neue Testament als Zeugnis des in allem Werden lebendige Wort Gottes verstehen und gleichzeitig dessen Bedeutung für unser heutiges Gottesbewusstsein begreifen.
Die Überlegungen sind zum Großteil Weiterführungen bzw. Folgerungen einer Einführung in die Geschichte und Gedankenwelt, über die Entstehung und theologische Intention der biblischen Bücher, die der katholische Theologe Dr. Jörg Sieger in seinen Vorlesungen zum Alten- und Neuen Testament unter dem Titel „Bibel 2000“ zusammengefasst hat. Während die Vorlesung das aktuelle Denken derzeitiger Theologie wiederspiegelt, gehen die Überlegungen dieses Textes darüber hinaus.
Die Perspektive, von der aus diese Überlegungen angestellt werden:
- Ein Verständnis des Gotteswortes im Prozess des evolutionären Werdens.
- Die Bibel wird als Zeugnis dieses Wortes und gleichzeitig Hinführung zu dessen Verständnis betrachtet.
- Jesus wird als das in der Antike neu verstandene schöpferische Wort, Logos in Menschengestalt und somit als Begründung eines neuen vernünftigen, universalen und endgültigen Gottesbewusstseins gesehen.
1. Vernünftiges
Wiederverstehen des Gotteswortes: Auferstehung (pers. Anmerkungen)
Der Karfreitagsgottesdienst heute, 13. April 2001, führt mir erneut vor Augen, wie wichtig ein neues Verständnis der alt- und neutestamentlichen Aussagen ist.
Das Banalverständnis von Jesus, wie er uns im heutigen Gottesdienst vermittelt wird, ist himmelschreiend. Wen wundert es, wenn selbst an Karfreitag die Kirche leer ist? Die wenigen Männer, die neben mir mit verschlossenem Mund und evangelisch-eisernen Minen sitzen, wenn vom herzliebsten Jesus gesungen wird, tun mir leid. Was tun sie hier? Was lassen sie in blinder Tradition alles mit sich machen? Wenn die Pfarrerin von einem politischen Rebellen spricht, den seine Freunde verlassen hätten und der heute an Karfreitag von den Römern hingerichtet wurde, dann möchte ich am liebsten laut aufschreien. Der Hinweis, dass die Männer alle Jesus verlassen und nur Frauen ihm treu geblieben wären (die feministische Theologie lässt grüßen), ist nur noch lächerlich, obwohl sicher auch dahinter eine theologische Tatsache steckt. Der Logos, die Gottespräsenz im Verständnis ist uns längst verloren gegangen. Die Rede ist nur von einem Religionsrebellen, der neue Thesen vertrat und dafür heute an Karfreitag hingerichtet wurde. Doch wenn es stimmt, was ich denke und was mit jedem neuem Wissen um die Hintergründe der Bibeltexte bestätigt wird, dann findet hier und heute, in der Karfreitagskirche, so etwas wie eine Kreuzigung statt. Der Logos, die Präsenz des schöpferischen Verstande in der Welt als eigentliches Wesen des christlichen Glaubens kommt nicht vor. Jesus wird verleugnet. Wenn nur von einem jungen Juden gesprochen wird, der ein ach so gutherziger Wanderprediger war und wegen seiner Rebellion sterben musste, wird der Gottesverstand verspottet und zu Grabe getragen.
Zu Beginn des Karfreitagsgottesdienstes beten wir gemeinsam den Psalm 22, indem lange vor dem von uns angenommenen Karfreitagsereignis das Geschehen beschrieben wird, von dem die Evangelisten berichten. Das Werfen des Loses um die Kleider, die Klage des Jesus am Kreuz....Wie fast alle Berichte des Neuen Testamentes, so lässt sich auch das Kreuzigungsgeschehen im Alten Testament nachblättern und doch bin ich sicher, dass es sich um eine geschichtliche Wahrheit handelt: Es ging nicht um das Leiden eines besserwissenden Wanderpredigers, sondern die Kreuzigung des neuen vernünftigen Gottesverstandes, des damals lebendigen Logos. Die weltliche Präsenz des einen universalen Schöpfers musste damals sterben, damit wir heute neu verstehen können. Doch solange wir die Geschichte der Kreuzigung lesen, als ob es um ein antikes Polizeiprotokoll ginge, sind wir es, die dem Verstand Gottes ins Angesicht schlagen, ihn verhöhnen und verspotten. Es stimmt, es ist geschichtliche Wahrheit, die sich heute bestätigt: mit Essig und Galle wird der Gottesverstand abgespeist. Wie können wir die in der Antike lebendige Gotteswirklichkeit im Verstand, die Präsenz Gottes im lebendigen Logos als wirklichen König der Juden, sein Wirken und seinem Leiden begreifen, solange wir nur Schwachsinnsstorys von einem wundersamen Wanderprediger von der Kanzel verkünden?
Wer, wie die heutige Theologie, sich damit behilft, das Neue Testament nur als eine Neuinterpretation des Alten zu lesen, mystische Traditionstexte, die aufgewärmt und auf einen Wandercharismatiker übertragen wurden, zur Christianisierung eines besonders begabten und heiligen Menschen gedient hätten, der verleugnet damit nicht nur den Logos, der bei den Verfassern der Evangelien, wie in der gesamten Frühkirche lebendig war. Er verspottet auch den auf der schöpferischer Realität beruhende Gottesverstand der Juden, den Logos, der den alttestamentlichen Texten zugrunde lag.
Der Jesus, der heute am Ostersonntag in unseren Kirchen gepredigt wird und um den die Theologieprofessoren in der Auferstehungsdiskussion streiten, unterscheidet sich kaum vom Schwachsinn, den die frühchristlichen Figuren im Zeichentrickfilm des ZDF schmerzhaft auf die Spitze bringen. Nur, dass in der Kirche das alles etwas feierlicher abgehandelt wird. Wie im Kinderfilm geht es in der Kirche nur um einen „toten Zimmermann“ (so Kaiser Nero im Zeichentrickfilm zu Justin), der von seinen Anhängern bedeutungsvoll aufgemotzt wurde. Dieser Schwachsinn verhindert, dass wir in Jesus das schöpferische Wort in Menschengestalt wahrnehmen. Er verhindert das Verstehen der neuen Theologie, die das Neue Testament begründet. Das Schlimme daran: Wir versäumen die Auferstehung.
Ob ein wanderpredigender Sohn eines Zimmermanns nach seiner Hinrichtung durch die Römer wie ein antiker David Copperfield wieder auferstanden ist oder nur im Geist seinen Anhängern erschien, ist unerheblich. Wichtig ist, dass wir die Bedeutung der Bibel und das ihr zugrunde liegende Wort Gottes neu verstehen Das ist es, was uns als wiedererwachtes Wort von den Evangelisten verkündet wird.
2. Bedeutung der Bibel neu
begreifen
2.1. Je mehr wir wissen, desto
besser können wir verstehen
Eine Vielzahl von Informationen über den geistigen, geographischen und geschichtlichen Hintergrund der Bibel bzw. ihrer Verfasser ermöglicht uns heute ein völlig neues Verstehen. Die bisherigen Kritiker der Bibel und der Kirche betrachten die biblischen Aussagen heute oft als unwahre oder unbedeutende Religionsmärchen, die von Menschen zur Moralisation ihrer Mitmenschen erfunden wurden. Sie lehnen die Texte ab, weil sie denken, aufgeklärt zu sein. Die Bibel spielt daher im Alltag keine Rolle mehr. Ihre Lektüre ist in den Augen der angeblich Aufgeklärten nur noch Balsam für die Seele, trägt nicht zu Sehen bei.
Selbst die amtkirchliche Exegese teilt die Texte in geschichtliche Wahrheit und Unwahrheit, spaltet und wollen diese Überlegungen dann beitragen, die Wahrheit der gesamten Aussagen als allegorische Aussagen eines vernünftig/monotheistischen Gottesbewusstseins bzw. als Zeugnisse des schöpferischen Wortes/Logos verständlich zu machen.
2.2.Den Logos, das Wort Gottes
in den Bildern lesen,
Wer sind mit der Entstehung der Sprache auseinandersetzt erfährt, wie die Bilder die Vorstufte zur Buchstabenschrift sind, die für uns nicht mehr wegzudenken ist. Allenfalls Kinder oder Künstler drücken sich in gemalten Bildern aus. Realität findet für uns aufgeklärte Zeitgenossen nur noch in gesprochenen oder geschriebene Buchstaben statt.
Vor der einheitlichen Zuordnung von Bedeutungen zu bestimmten Buchstaben und Buchstabenreihungen war das Bild die einzige Möglichkeit, etwas verständlich zu machen. Verstand war nur in Bilder auszudrücken. Die Bedeutung des heutigen Wortes lag beim Bild. Was wir heute so selbstverständlich als Wort bezeichnen (und dabei nur Buchstaben vor Augen haben) war ein Bild. Doch nicht nur in der Art der Aufzeichnung, sondern auch im Inhalt bzw. Literaturstil war es am Anfang nicht anders möglich, als sich in Bildern auszudrücken. Und noch heute ist es oft besser einen Sachverhalt in Bildern auszudrücken, als ihn direkt zu beschreiben. Wir wissen, dass gerade im Vorderen Orient die Bildsprache noch heute sehr beliebt ist.
Wenn zum Beispiel ein mohammedanischer Theologe die Grundlagen des islamischen Gottesverständnises erklären will, wird er ganz selbstverständlich Bildgeschichten erzählen. Und die Zuhörer werden sie akzeptieren und hoffentlich auch verstehen. Kaum einer wird fragen, ob sich die Geschichte auch wirklich so zugetragen hat, wahr wäre. Darum geht es nicht. Die Wahrheit liegt in dem, was zum Ausdruck gebracht werden soll.
Auch was wir in der Bibel lesen sind Bilder, die ein ganz be-stimmtes Gottesverständnis zum Ausdruck bringen. Es geht weder um eine naturwissenschaftliche Beschreibung des Werdens der Welt, noch um Geschichtsschreibung im historischen Sinne. Dies gilt für das Alte wie das Neue Testament gleichermaßen.
Während die Theologie heute weitgehend akzeptiert, dass die Bibel die in Bildern spricht, nicht wörtlich zu nehmen ist, klebt sie weiterhin an einer Wörtlichkeit fest, die in die falsche Richtung führt. Ein Beispiel: Heerscharen von Wissenschaftlern vertun die Zeit damit, nach einem Schiffsfrack als Arche zu suchen. Der Spiegel berichtet darüber in einer Titelstory und führt so die Menschen weiter in den Unsinn. „Hat die Bibel doch recht“ ist als Überschrift zu lesen. Die Wahrheit der Bibel wird so im Alltag des Unverstandes an einer möglichen Sturmflut festgemacht. Wen wundert’s, wenn die meisten Menschen nur noch mit dem Kopf schütteln, schöne Geschichten, nicht mehr. Von konservative Kreationisten, die Selbst das Problem der großen Tiere auf einem kleinen Schiff biologisch-wissenschaftlich begründen wollen, um Wort und Wissen in Einklang zu bringen ganz zu schweigen. (Real erlebt. Der Referent war ein hauptamtlicher Mitarbeiter von Wort und Wissen.) Auf diese Weise halten wir die Menschen vom Wort Gottes ab.
Auch wenn wir, wie inzwischen die meisten, nur die biblische Beschreibung eines Weltuntergangsmythos sehen, der selbstverständlich auch in anderen Kulturen vorkommt, so bleibt uns die Bedeutung der biblischen Geschichte verborgen. Wir tun sie einfach als Weltmärchen ab.
Auf diese Weise wird es versäumt, nach der tieferen theologische Wahrheit zu suchen, den großartigen Verstand zu sehen, der hinter den ach so schönen Geschichten steht. Wer, um beim Beispiel der Arche zu bleiben, nur nach einem Schiff sucht, der kann nicht in Verlegenheit kommen, im Brockhaus den Begriff der Arche zu hinterfragen. Von einem Terminus der griechischen Philosophie, Kosmologie und Erkenntnislehre ist dort zu lesen. Die griechischen Geisteswissenschaftler, die uns die Geschichte von Noah überlieferten, hatten möglicherweise keinen Holzkahn vor Augen, sondern das im Brockhaus beschriebene Urprinzip das für die alten Griechen eine Realität war, von dem alle Gotteserkenntnis ausgeht. Die von vielen antiken Gelehrten im realen Schöpfungsgeschehen gesehene Grundgesetzlichkeit der Genesis, Ursache für die Entstehung aller Dinge, war für sie Voraussetzung und Ausgangspunkt aller Erkenntnis.
Wer nur nach einem Schiff Ausschau hält, kann nicht erahnen, was die am Anfang aller Naturphilosophie bereits von Anaxagoras erkannt Schöpfungs- oder Weltvernunft mit dem Wort Gottes zu tun. Wer nur einen Wanderprediger vor Augen hat, kann den Logos, der für uns Menschen eine menschliche Gestalt angenommen und so seine Wirkung entfaltet hat, nicht begreifen. Wieso von dessen Wahrnehmung wirklich eine messianische Wirkung ausgeht, kann dann nur in biblischen bzw. kirchlichen Dogmen belegt werden, nicht wirklich im Wort Gottes. Warum die Aussage der alten Griechen, dass die Wahrnehmung einer Arche (Urprinzip, Schöpfungsvernunft...) nur eine Bestätigung der biblischen Aussagen im Alten und im Neuen Testament ist, bleibt verborgen. Solange wir nicht bereit sind erwachsen zu werden und uns die tiefe Bedeutung der biblischen Bilder bewusst machen, solange wir weiter nach dem Grabtuch eines Wanderpredigers oder nach Schiffsfracks suchen, darin die Wahrheit der Bibel bestätigen wollen, bleiben uns die Augen verschlossen.
Ostern ohne das neue Licht des Logos. Auferstehungsgottesdienst nur sinnleerer Ritus, auch wenn wir sehnsüchtig nach Oste(r)n schauen, wo das Wort Gottes, eine den gesamte Kosmos bestimmende Vernunft, die von der Frühkirche als Logos gelehrt wurde, jeden Tag neu die Sonne aufgehen lässt. Auch was das christliche Ostern mit dem jüdischen Passahfest zu tun hat, wo die neue Befreiung liegt, bleibt verborgen, solange wir nur das Bild der Hinrichtung eins Aufrührers vor Augen haben. Eier und Hasen sind dann nur zufälliger Heidenkult, sinnloser Kultursynkretismus, haben mit einem angeblich auferstandenen Sektengründer nichts am Hut. Auch mit dem Neuerblühen der Natur hat dann das alles nichts zu tun, Osterb ist nur ein Datum, das auf dem Konzil von Nizäa von der Frühkirche festgelegt wurde, um den Glaubengründer ins rechte Licht zu setzen. Neues Aufblühen des Gotthebewustseins, geistige Fruchtbarkeit, Fortschritt: Fehlanzeige.
Erst wenn wir hinter den Bildern, die alles andere als einem blinden Mythos bzw. einer religiösen Innerlichkeit entspringen oder wie die angeblich aufgeklärte Kritik denkt, nur Scheininterpretationen zur Moralisation der Menschen sind, eine theologische Bedeutung wahrnehmen, werden wir den Verstand sehen, der hinter allem steht.
2.3. Wort war für Hebräer Ausdruck der Vernunft
Wir wissen, dass die althebräische Sprache für die Verfasser der Bibel eine besondere Bedeutung hatte. Sie war nicht nur die Sprache, in der vor dem griechischen und aramäischen die alttestamentlichen Texte geschrieben wurden. Auch später noch, in neutestamentlichen Zeiten, spielte Hebräisch eine besondere Rolle für das religiöse Denken. (M.E. nicht nur aus konserativ-nationalistischen Gründen, wie oft behauptet wird.) Bei der Betrachtung der Besonderheiten der Urbibelsprache fallen einige Dinge auf, die es sich lohnt weiterzudenken.
Der Mensch als Worte/Vernunft sprechendes Wesen
Im Hebräischen, bedeutet der Name Tier „das stumme“. Obwohl selbstverständlich auch die Hebräer wissen, dass Tiere Laute von sich geben und sich untereinander verständigen, erscheint ihnen das Tier im Gegensatz zum Menschen als stummes Wesen.
Während in unserem abendländischen Denken die Unterscheidung zwischen Tieren und Menschen durch die Vernunft, die Ratio, begründet wird, war es bei den Hebräern die Sprache. Was wir abstrakt mit Vernunft bezeichnen, wird bei den Hebräern ganz konkret an der Sprache festgemacht. Für die Ratio kennt das Hebräische keinen Begriff. Es gebraucht dafür den Begriff Sprache, macht Mensch sein dort fest, wo die Vernunft konkret zum Ausdruck kommt.
Ich gehe daher nicht davon aus, dass die Hebräer eine andere Vorstellung vom Menschen hatten, der Mensch für sie ein „animal loyuens“ war, sprechendes Wesen, im Gegensatz zum abendländischen „animal loquens“, dem vernünftigen Wesen, wie mir Jörg Sieger in seiner Vorlesung erklärt. Vielmehr wird mir bewusst, dass der Begriff „Wort“ für die Hebräer eine viel umfassendere Bedeutung hatte, als für uns.
Wenn die Verfasser der Genesistexte Gott sprechen lassen, dann hat sich an den Schöpfungstagen kein unerklärliche willkürlicher Hokus Pokus (Gott sprach. und es wurde...) vollzogen, sondern eine schöpferische Vernunft. Gottes Wort, hat sich in sinnvoll aufeinanderfolgenden Schritten realisiert. Nichts anderes als genau das, was wir erst seit wenigen Jahren hochwissenschaftlich nachvollziehen können, seit wir unser evolutionäres Werden aus dem Sternenstaub empirisch beschreiben, ist bereits in der Genesiserzählung nachzulesen. Was die alten Griechen in metaphysisch-philosophischen Modellen erklärten, war bereits von den Hebräern in einfachen Worten erklärt: die Welt war aus einer schöpferischen Vernunft, dem Wort Gottes heraus entstand.
Was wäre unserem Glauben in den letzten Jahrhunderten erspart geblieben, wenn unsere Urgroßväter die hebräische Bedeutung des Begriffes Wort beherzigt hätten? Statt Gott wegen des aufgeklärten Wissens zu verleugnen oder in persönliche Innerlichkeiten abzudrängen, hätten sie im immer sinnvoller erscheinenden evolutionären Geschehen eine Offenbarung der Genesis Gottes sehen können, ein sichtbar werden seines Wortes.
Wenn sich die Hebräer auf das Wort Gottes berufen (auch bei uns liegt vielen Begriffen aus der Sprachwelt ein viel umfassenderes Verständnis von Sprache zugrunden, das den Hebräern nahe kommt. Wenn wir uns be-rufen, dann „verstehen“ wir uns so. Unsere Be-stimmung bedeutet weit mehr als Laute von uns geben...), dann waren es keine Texte auf Tafeln oder in religiösen Schriftenrollen, sondern die vernünftige Tat Gottes im kosmischen Geschehen, zugleich Sinngebung für unserer sein.
Doch so weit sind wir auch heute noch nicht. Wenn Theologen vom Wort Gottes sprechen, sich darauf berufen und uns über den Sinn belehren wollen, so nehmen sie dabei nur ein Buch in die Hand. Hätten das die Hebräer auch getan?
Wer davon ausgeht, dass die Hebräer ihren Monotheismus nicht nur aus alten Traditionen ableiteten und nicht aus einem Mythos vom sprechenden alten Mann mit Bart, sondern beim Betrachten des Himmels die Realität einer schöpferische Vernunft/Wort, einen sinnvoll handelnden Gott, wahrgenommen haben, der möchte an Ostern, wenn der Pfarrer vom Wort Gottes spricht, im Gebet dessen Verständnis erbittet und anschließend nur die Bibel aufschlägt und statt vom in der Antike wiedererwachten Wort Gottes in Person, von einem ach so vorbildhaften Wanderprediger spricht, glatt aus dem Kirchenfenster springen. Und doch führt der Weg zum neuen Verständnis des in alle kosmischen Geschehen sichtbaren Gotteswortes als offenbarende Sinngebung und Wegweisung nur über ein neues Verständnis der traditionellen Texte.
Für die Hebräer war der Begriff Wort gleichzusetzen mit der im kosmischen Geschehen zu erfahrenden Vernunft Gottes. Für sie bedeutete Wort weit mehr als für uns, die wir die Bezeichnung ganz allgemein für Kommunikation gebrauchen oder für ein Wiederkauen alter
geschriebener Texte, die nur noch einen Buchwert beinhaltet.
Die Vernunft ist gleich dem Wort und der Verstand war damals das Organ, mit dem dieses Wort wahrgenommen wurde. Wie weit haben wir es heute gebracht? Unseren Kindern wird gepredigt, den Verstand vor der Kirchentür abgeben zu müssen, um die Mythen bzw. Gesetzestexte weiterhin glauben zu können. Glaube wird mit blindem trotzdem für wahr halten oder traditionellen Haltungen gleichgesetzt. Vernunft und Verstand, die Werkzeuge, mit denen die Hebräer und ebenso die Väter des christlichen Glaubens Gottes Wort wahrgenommen haben, sollen angeblich dem Verständnis des Wortes im Wege stehen. Verkehrte Welt.
Zum Denken sagten die Hebräer „Sprechen im Herzen“. Die von Kirchenlehrern verlangte Glaubenshaltung kam nicht durch anerzogene Muster oder innere unerklärliche Vorstellungen, sondern durch den Verstand, der das Wort, die Vernunft, den Logos Gottes wahrnahm und so zu einem vernünftigen Leben führte.
Mit „murmeln im Herzen“ für Meditieren drückt der Hebräer deutlicher aus, wie sich Denken und Meditieren unterscheiden. Besser als bei unserem abstrakten Begriff „Meditation“ wird so deutlich, wo die Besonderheit und das Problem der Meditation liegen. Auch hier arbeitet der Verstand, im Unterbewusstsein wird etwas wahrgenommen. Noch ist es nicht klar und deutlich zu verstehen. Meditation sprich nicht, sie murmelt nur etwas. Beim Murmeln ist dem Mensch das Wort noch nicht verständlich.
Die Hebräer murmelten nicht, ihnen war das Wort Gottes durch den Verstand bewusst. In ihren Bildberichten versuchten die Propheten den Menschen das Wort Gottes verständlich zu machen. Und je mehr ich in den neutestamentlichen Texten lese und je besser ich ihren geistesgeschichtlichen Hintergrund verstehe, desto mehr wird mir klar, dass auch am Anfang der christlichen Kirche ein neues hellwaches Bewusstsein des Wortes stand, das bereits die Hebräer verstanden. Der Monotheismus des jüdischen Glaubens, der immer wieder in Zweifel gezogen und durch den mit Alexander dem Großen hereinbrechenden Hellenismus und römischen Kaiserkult als geistesarme Gottlosigkeit betrachtet wurde, ließ sich durch das vernünftige Denken der griechischen Philosophen neu begründen. Nicht auf einen Wanderprediger oder einen dogmatischen Mythos haben die Weisheitslehrer der Antike ebenso wie die Kirchenlehrer der ersten Jahrhunderte ihre Hoffnung gesetzt, sondern in das lebendige Wort. Kein Wanderprediger, sondern die sinn- und wirkungsvolle Gegenwart des bereits durch die Hebräer wahrgenommenen realen Gotteswortes in der uns bekannten Gestalt war Gegenstand ihrer Auseinandersetzungen, die hart in gnostische Häresie und wahres Wort teilte.
Es ist unglaublich, wie wir heute die gesamten frühkirchlichen Texte - ob akzeptierte Evangelisten, Gnostiker oder ihre Gegner - lesen können, ohne den Logos, das schöpferische Wort als das eigentliche Wesen wahrzunehmen. Wenn vom Wort Gottes gesprochen wird, dann tun wir dies einfach als einen dogmatischen Text bzw. eine traditionelle Lehre ab, die auf einen jüdischen Wandercharismatiker übertragen wurde. Vom Wort Gottes Verständnis der Hebräer fehlt jede Spur. Doch wahrscheinlich wäre dies die Voraussetzung, um überhaupt zu verstehen, was Philo von Alexandrien als Sohn Gottes bezeichnete, was in Qumran als Lehrer der Gerechtigkeit wahrgenommen wurde und ebenso in Antiochien Zuhause war bzw. um was es den Vätern des christlichen Glaubens ging, wenn sie vom Wort Gottes in der Gestalt des Wanderpredigers sprachen. Ohne die Wahrnehmung einer schöpferischen Vernunft im realen Schöpfungsgeschehen, wie dies die Hebräer und Griechen gesehen haben, hat alle Rede vom göttlichen Logos keine Realität, wird als religiöse Wortspielerei betrachtet. Die messianische Wirkungsweise die von einer neuen Wahrnehmung des Schöpfungswortes für unser Welt-, Gottes- und Selbstbild und somit für unser gesamtes alltägliches Verhalten ausgehen würde, bleibt verborgen.
Auch wenn ich, wie die alten Griechen die Weltvernunft, die Hebräer das Wort Gottes und die Christen den Auferstandenen Wanderprediger, eine Wahrnehmung des Schöpfungswortes im heutigen wissenschaftlichen Weltverständnis als Voraussetzung für eine vernünftige Erkenntnis und gleichzeitig eine Bewahrheitung der biblischen Behauptungen sehe, so liegt darin kein Zirkelschluss. Die Grundlage dieses Glaubens liegt im Logos/Sohn bzw. dem lebendigen Wort Gottes selbst, das als umfassende Vernunft des evolutionären Schöpfungsgeschehen ab dem Urknall, in umfassenden Ökosystemen oder der biologischen Beschreibung der Wirkungsweise meiner Organe ebenso empirisch nachzuweisen ist, wie die Software des PC, auf dem ich diesen Text schreibe. Das schöpferische Wort, die im natürlichen Werden der Welt sichtbare Gottesvernunft ist Ort des Verstehens. Die in der Bibel festgehaltenen traditionellen Bekenntnisse sind nur eine Bestätigung. Die festgehaltene Gotteserfahrung und Erkenntnis der Glaubensväter ist der Garant, dass dieses neue Verstehen einen ewigen und festen Grund hat und sich geistiger Fortschritt nicht im angeblich aufgeklärten Nichts verliert.
2.4. Der Realitätsbezug der
Hebräer
Das heutige Verständnis der hebräischen Kultur und ihrer Sprache bietet eine Vielzahl weiterer Anhaltspunkte dafür, dass es sich nicht um abstrakte Glaubenstheorien gehandelt hat, sondern die reale Genesis die Grundlage für das religiöse Denken am Anfang der Bibel bildete.
Wie bereits verdeutlicht, verwendet das Hebräische wenig abstrakte Begriffe, sondern macht die Ausdrucksweise an konkreten Vorgängen des Schöpfungsgeschehen fest. Dass sich dahinter ein ganzheitliches Verständnis der Genesis verbirgt, lässt sich leicht am der Beziehung zwischen Mann und Frau erkenne. Wenn ein Mann eine Frau erkennt, dann kommt dabei ein Kind heraus. Doch verbirgt sich dahinter weit mehr, als nur ein Konkretisierungsschema. Ich sehe ein umfassendes Verständnis von Kreation im zwischenmenschlichen wie im geistigen Kosmos. „Geistige Liebe“ habe ich am Anfang meines Denkens die Erkenntnis bzw. die Kreativität genannt und so den „Gott ist die Liebe“ aus einer neuen Perspektive, als Bestätigung für sein schöpferisches Wirken (heute sage ich Wort) gesehen. Ob bei kreativer Erkenntnis in meinem Kopf oder dem natürlichen Prozess allen kosmischen Werdens, die Voraussetzung ist es immer, zwei Dinge in sinnvoll-schöpferischen Ein-klang zu bringen. Hinter allen schöpferischen Beziehungen sah und sehe ich die Kraft der Liebe. Denn so wenig wie ich die Geburt und das Werden meiner Kinder allein auf meine Körpersäfte oder meinen eigenen soziobiologisch erfassbaren egoistischen Genmaximierungstrieb oder gar evolutionären Zufall zurückführe, so wenig sehe ich in einen neuen Gedanken nur als ein von mir hervorgebrachtes Produkt. Der eigentliche Vater, von dem alles ausgeht, ob meine Kinder oder mein Verstand, lebt eine Stufe höher. Nur sein Logos und seine Liebe – ein sinnvoller Lebenstrieb, der Geist und Gefühl umfasst - sind für uns im Ablauf allen Lebens sichtbar.
Wenn ich versuche, mit meinem Ver-stand geistig etwas einzudringen um dadurch für mich etwas neues hervorzubringen, dann handelt es sich um das gleiche Prinzip, dem alle Kreation folgt und von dem, wie ich denke, auch die Hebräer ausgegangen sind, wenn sie einem höchst schöpferischen Vorgang, den wir blödsinnigerweise als Beischlaf bezeichnen, mit der Aussage kon-kretisieren „er erkannte sie“. „Liebe machen“, d.h. den Willen Gottes in Lebensbeziehungen realisieren, wäre da schon besser. (Ich denke, dass möglicherweise bereits der Begriff kon-kret beinhaltet: etwas auf die kreatürliche Realität zurückführen.) Die Hebräer waren mit Sicherheit „Kreationisten“. Jedoch nicht im negativen Sinn heute fälschlicherweise so bezeichneter meist amerikanischer Realitätsverneinter, die durch das Abstreiten der wissenschaftlichen Realität bzw. Beharren auf bibelwörtlichen Schöpfungsvorgängen versuchen, die Wahrheit des Gotteswortes zu bewahren. Das Wort Gottes war für sie in einfachen, ganzheitlichen kosmologischen Vorstellungen über die natürlicher Genesis bzw. Geschichte erfahrbar..
Von einem einfachen ganzheitlichen Denken der Hebräer über die Schöpfung Gottes dürfen wir auch ausgehen, wenn sie für innere Vorgänge die gleichen Begriffe verwenden, wie für äußere Abläufe. Die von den Hebräern gebrauchte Begriffe beziehen ihre Bedeutung aus dem schöpferischen Tätig sein bzw. Werden. Wortspiele mit gleichen Konsonanten, denen die gleiche Grundidee zugrunde liegt, gehören zum Alltag. (z.B. Wortwurzel mlk: das den Begriffen herrschen, König, beraten zugrund liegt...).
Das Wesen einer Sache wird nicht aus dem Sein, sondern aus dem Werden beschrieben. Für sein und werden gibt es nur einen Begriff. Wenn der König bezeichnet wird, dann aus der Tätigkeit heraus. In der Genesis wird die Werdensgeschichte der Menschheit erzählt. Und heute ist klar, dass es den Hebräern in der 7tage-Erzählung nicht um eine historisch-naturwissenschaftliche Beschreibung ging, die dann durch ein evolutionären Weltbild überholt wurde. Was Wesen des Menschen wurde aus dem lebendige Wort Gotte heraus verstanden. Der Mensch als geistbegabter Teil der Genesis Gottes, der vom Wort Gott gezeugt und aus Mutter Erde geboren ist.
Ein vernünftiges Werden aus dem göttlichen Logos heraus, wie es später von den griechischen Philosophen in vielschichtigen und bis heute oft unverständlichen metaphysischen Modellen auf sehr unterschiedliche Weise, in schier endlosen Beschreibungen ausgemalt wurde, haben die Hebräer in einfachen Worten zum Ausdruck gebracht. Im Gegensatz zu den vielfältigen Göttermythen der Hellenen, in denen die Weltentstehung als Werk miteinander streitender und spielender vermenschlichter Götterfiguren gezeichnet wird, malen uns hier Menschen der Urzeit ein Weltbild, das im Grunde dem modernen evolutionären Werden entspricht. (Nur, dass wir noch nicht so weit sind, hinter einem in allen wissenschaftlichen Disziplinen wirkenden sog. Selbstorganisationsprinzip das zu sehen, was damals als Wort Gottes, Sohn, Logos bezeichnet wurde.)
Wenn morgen Theologe darüber diskutieren, ob Jesus ein Jude war, dann werden sie ihre Überlegungen aus einem neuen Verständnis vom Wort Gottes heraus, in ganz anderer wie bisher auf einen jüdischen Zimmermann mit Namen Josef und sein jüdische Ehefrau Maria gründen. Sie werden auch nicht nur alttestamentliche Bibeltexte anführen, die im Neuen Testament aufgegriffen wurden. Vielmehr lässt sich bereits am Sprachstil der Hebräer belegen, das hier das lebendige Wort – die Gottespräsenz im Logos – geboren wurde. Aus dem Denken der Hebräer ist eine vernünftige Präsenz des einen, selbst unsichtbar bleibenden Schöpfer-Gottes hervorgegangen. Gezeugt hat sie Gott selbst. Ausgedrückt hat sie ein noch nicht durch das bisherige bzw. heidnische Denken eingenommene, sondern ein jungfräuliches „unvoreingenommenes“ jüdisches Wesen. Wer es etwas greifbarer braucht: Mutter Kirche, die das unverfälschte Wort Gottes um Ausdruck bringt, ihm verständliche Form in Menschengestalt gibt. Auch der jüdische Zimmermann, der Baumeister, Archi-tekt spielt in diesem allegorischen Verständnis des Textes eine wichtige Rolle. Die historische Wahrheit liegt nicht in einem gutmütigen Handwerker, der sich einen Bankert unterschieben ließ, sondern im Logos/Wort Gottes unter den Menschen, zu dem das planvolle philosophische Denken des jüdischen Baumeisters, Archi-tekten einen wesentlichen Beitrag geleistet hat.
Viel wäre noch über die Sprache und somit auch das Denken der Hebräer zu sagen. Ich bin sicher, dass mit jeder neuen Erkenntnis über die Besonderheiten der Hebräer besser verständlich wird, was zur aus dem jüdischen Glauben hervorgegangenen, ersten vernünftigen Wahrnehmung des Gotteswortes im Werden der Welt beigetragen hat. Die Texte des alten Testamentes, auch wenn sie oft erst später von orientalischen Weisheitslehrern mit inzwischen griechischer Bildung aufgezeichnet wurden, lassen sich aus diesem Weltbild heraus verstehen.
Längst wissen wir um die Symbolik und Besonderheiten der Hebräischen Sprache. Wir wissen, dass die Genesisgeschichte nicht als wissenschaftliche Beschreibung zu lesen ist, sondern das natürliche und menschliche Werden aus dem Wort Gottes zum Ausdruck bringt. Und genau das ist es was uns fehlt: die natürliche Ordnung als sichtbares Gotteswort verstehen. Ein Bewusstsein, das Gott nicht jenseits der realen Ordnung, im unerforschlichen, unerfahrbaren Geheimnis sieht, sondern die natürlichen Gegebenheiten als Gotteswort versteht, wie es bei der Betrachtung der Besonderheiten der hebräischen Denkweise und Sprache an vielen Stellen deutlich wird.
Die Gotteslehren des Moses, die Zehn Gebote, sind aus diesem Denken hervorgegangen. Für das menschliche Zusammenleben höchst vernünftige Gesetzte, die später von Platon bzw. Sokrates in endlosen Diskussionen aus einer höheren Vernunft abgeleitet werden, wurden bereits von den Hebräern als Ausdruck des Gotteswortes formuliert. Anhand unseres Wissens um die geistesgeschichtlichen Hintergründe der Hebräer können wir uns ein Bild davon machen, welches Bewusstsein die Gotteslehren und Lebensregeln hervorgebracht hat. Denn es genügt nicht nur zu wissen, dass die Geschichte vom alten Moses, dem Gott auf dem Berg Sinai ganz persönlich Tontafeln mit den Gebote in die Hand drückte (wie er heute im amerikanisierten, monumentalen Mosesfilm mit Lovestorys als Osterbeitrag gezeigt wurde) ein Mythos ist. Heute können wir erkennen, welch großartiger Geist der Geschichte zugrunde liegt. Es ist die Historie vom Wort Gottes, von der Wahrnehmung eines vernünftigen Wirkens Gottes im Geschichtswerk und allem Werden der Welt.
Während die heutige Theologie die
gesamte Christologie in erster Linie auf die Texte des Alten Testamentes
zurückführt, wird der Logos, der den Traditionstexten zugrunde liegt,
weitgehend übersehen. Das Wesen des Hebräische Denkens war ein Bewusstsein vom
vernünftigen Schöpfungs- und Geschichtshandeln Gottes im realen Geschehen, wie
es auch im damaligen Gebrauch bzw. Verständnis der Zahlen deutlich wird.
2.5. Zahlen als Ziffern des
lebendigen Logos/Wortes
Inzwischen ist längst klar, dass die Zahlenangaben der Bibel meist eine symbolhafte Bedeutung haben. Ob Altersangaben von Personen, Zeitangaben oder Zahlen wie 12 Jünger Jesus oder 12 Stämme, das alles wird von der Theologie als Ausdruck verschiedener Bedeutungsinhalte gesehen, die den verschiedenen Zahlen zugrunde liegen. Die eigentlichen Aussagen, um die es den Verfassern ging, lassen sich so oft entschlüsseln. Die Deutung der biblischen Zahlenangaben es ist eine wichtige Voraussetzung, um heute die Bedeutung der Bibeltexte mit dem Verstand/Logos begreifen zu können. Doch der Aspekt, der mich die hebräischen Zahlenangaben als Ziffern des lebendigen Gotteswortes erkennen lässt, ist ein anderer.
Es geht auch hier um das besondere Welt- und Schöpfungsverständnis der Hebräer, wie es sich auch im Sprachgebrauch wiederspiegelt. Wenn bestimmte Zahlen himmlische Ordnung und Vollkommenheit bei Hebräern, ähnlich wie in Babylon und Ägypten abbilden, dann handelt es sich eine reale kosmische Gegebenheit, die von den Hebräern auf den einen Schöpfer des Himmels und der Erde bezogen wurde. Die schöpferische Vernunft drückte sich im natürlichen Ablauf einsehbaren Ordnungsmustern aus, die den Bedeutungen der Zahlen zugrunde liegt.
Vieles weitere ließe sich aus den heutigen Lehren noch ablesen, was Aufschluss gibt über den hohen Geist, der damals bei den Hebräern geweht haben muss und der als Belegt für ein frühes vernünftiges monotheistisches Gottesbewusstsein gelten kann, das weit über das hinausragt, was wir vom frühen Ägyptischen Monotheismus wissen. Doch dafür scheinen sich die derzeitige Theologie, die eben dies alles auflistet, nicht wirklich zu interessieren. Wenn wir den jüdischen Glauben nur zufälligen Einzelgestalten wie der des alten Moses verdanken, so leicht verkürzt die heutige Lehre, dann hat alles Denken über den großartigen Geist der Hebräer keinen Sinn.
3. Palästina: Schauplatz eines
vernünftigen Schöpfungsverständnisses
3.1. Die besondere Lage als Geburtsstätte monotheistischen Gottesbewusstseins
Wer steht eigentlich wirklich hinter den Hebräern. Die Theologie scheint nicht zu wissen, wer die Urisraeliten in Wirklich waren. Ich habe daher schon lange aufgehört, die Israeliten an einem bestimmten Ort, in einem einzelnen Volk zu suchen: Israel ist dort, wo Gottes Wort verstanden wird. Und ich bin sicher, dass dies in Palästina während der uns im Alten Testament beschriebenen Epochen der Fall war. Wenn in den Schilderung Palästinas als Land beschrieben wird, in dem sich im Jahresverlauf klimatische und ebenso große geografische Gegensätze auf kleinstem Raum vereinen, dann lässt auch dies einen Rückschluss auf ein hier gewachsenes Verständnis auf einen vernünftig handelnden Schöpfer zu das hier gewachsen ist. Hier in Palästina scheint der real handelnde Gott, das vernünftige schöpferische Wort, schon früh verstanden worden zu sein
Auch die geschichtlich bzw. geografische Lage – eingeklemmt zwischen den beiden Hochkulturen der Ägypter und Babylonier – legt nahe, warum gerade hier eine frühe Weiterentwicklung der Erkenntnis stattgefunden hat. Wie später in Tarsus, an der Schnittstelle zwischen Orient und Okzident ein neues theologisches Paradigma geboren ist, so lässt auch der geistige Austausch der beiden alten Hochkulturen, der hier stattgefunden hat, auf eine neue geistige Entwicklung schließen. (Wobei ich die geografische Bezeichnung der Geburtsstätte Paulus für eine geistige Ortsangabe halte.) Wer sich mit Kreativitätstechnik bzw. der Frage, wie geistige Weiterentwicklung zustande kommt, wo geistige Sprünge, Entwicklungen (bis zu den Erfindungen der Neuzeit) zustande kamen beschäftigt, der kann erahnen, was der damalige Kulturaustausch mit den beiden benachbarten Hochkulturen bedeutet hat. Wenn in fruchtbarer Synthese die verschiedenen Kulturen, Welt- bzw. Gottesvorstellungen vereint wurden, dann liegt der Fortschritt auf der Hand.
Doch wie gesagt, für das Denken der heutigen Theologie, die zwar vorgibt, im Kontext von Zeit und Raum der damaligen Zeit zu suchen, können solche Gedanken über die geistesgeschichtlichen Hintergründe keine Rolle spielen. Die jüdische Religion ist für sie nicht das Ergebnis einer sinnvollen Entwicklung der Erkenntnis, theologischer Überlegungen früher Hochkulturen, sondern verdankt sich den traumhaften Offenbarungen von Einzelpersonen. Was gesehen wird ist nicht ein frühes vernünftige Gottesverständnis, die Wahrnehmung des schöpferischen Wortes durch das hebräische Volk. Vielmehr geht man davon aus, dass einzelne Gestalten eine irgendwie auch immer geartete Offenbarung hatten. (Schon der Begriff „Offenbarung“, verbietet m.E. ein solches Verständnis.)
Offenbarung wird heute nur im Buchtext wahrgenommen. Das Buch der sichtbaren Natur aus dem die Hebräer Gottes Wort verstanden haben und das zur Zeitenwende im Logosgedanke neues Zeugnis lieferte bzw. einen neuen vernünftigen Glaube zeugte, wurde im laufe der Jahrhunderte zugeschlagen.
Fortsetzung:
Hier wurde nur ein kleiner
Anlauf zum einem neuen Bibelverständnis genommen, der noch nicht mal die
Hebräer erschöpfend behandeln konnte.
Um den Weg zu einem
Verständnis des lebendigen Wortes in allem Werden nicht weiter zu versperren,
wäre ein grundlegend neues Verständnis der Bibel notwendig. Denn ohne die
Bibeltexte zu berücksichtigen und zu bewahrheiten, bringt uns alle
Naturbetrachtung nicht wirklich weiter.
Mit Hilfe all unseres Wissens
um die Bedeutung der Begriffe und ihren geistesgeschichtlichen Zusammenhang
wären daher die gesamten Bücher der Bibel als vom Wort Gottes ausgehende
Aussagen neu zu betrachten.