Bei Wasser und Brot

Gefangen im Gesetzesglaube

 

Eine Betrachtung zur Bedeutung von Abendmahl, Opfer und Sühne im Rahmen einer sog. "Keinen Winterakademie" der evang. Kirche im Casimirianum Neustadt.

 

"In Dir muß brennen, was Du in anderen entzüden willst", so Dr. Wagner als Mitglied des Kuratoriums der evang. Akademie und der Stiftskirchengemeinde. Es gelte ein altes Haus mit neuem theologischen Nachdenken zu füllen war sein Wunsch im Hinblick auf die Tagungsstätte.

 

Doch was sind neue theologische Inhalte? Was brennt in uns, wenn wir über Abendmahl, Opfer und Sühne nachdenken? Wer will von Feuer sprechen, wenn wir versuchen die Einsetzungsworte des Abendmahles mühsam im Alten Testament nachzu-buch-stabieren. War und ist das Feuer, das Jesus entfachte wirklich?

 

Bei den Überlegungen zum christlichen Abendmahl und den damit zusammenhängenden Aussagen von Priv.-Doz. Dr. Werner Zager begegnet mir das alte Problem: Kann es genügen, die Inhalte des Neuen Testamentes nur in der alten jüdischen Traditionsliteratur zu begründen? Ob wir sie als authentische Worte des charismatischen Wanderpredigers wahrnehmen, was heute kaum noch einer tut oder ob wir wie Zanger rituelle Lehren der durch den Wanderprediger hervorgegangenen Frühkirche sehen, die nur die Tradition der Tora weiterführten. Im Wanderprediger sehen wir einen jungen Juden, der evtl. die Aussagen des Alten Testamentes auf sich bezogen haben soll, sie kannte und verwendete. Wie wenn sich heute ein junger Sektenführer für den Messias halten und um dies zu beweisen den Märtyrer mimen würde. Warum er wirklich der Messisas war und ist, was uns zur Umkehr des Denkens und zur Sündenvergebung führen soll, was den weiterführenden  Geist des Neuen Testamentes ausmacht, dies alles wird hier ebensowenig deutlich, wie wenn wir nur ein pures Weiterbeteten alter Texte wahrnehmen. Kann es genügen, wenn wir die Aussagen der Tora einfach auf unseren Religionsgründer beziehen, der eigentlich gar keiner sein, sondern nur den jüdischen Gesetzesglauben an den einen Gott durch eine allgemeingültige, universelle Erkenntnis erneuern wollte? Reicht die reine Literaturwissenschaft, wie sie der Dozent im Seminar in exzellenter Weise betreiben, indem wir immer neue Textstellen der Tora nachblättern und

sinngemäße Inhalte oder gar wörtliche Rede unserem Wanderprediger in den Mund legen?

 

Müßte nicht das Neue Testament im lebendigen LOGOS begründet werden? Sollte nicht Jesus selbst das WORT sein, in dem Gott neu und ewig spricht, so die Texte der jüdischen Tradition bewahrheitet? Um dieses WORT zu hören ist es wichtig, die alten Texte zu kennen, nur im kreativ auf dem Alten aufbauenden Weiterentwickeln liegt sinnvolles Wachstum. Wenn damals jedoch in Jesus etwas erkannt wurde, worin die Erfüllung der alten Texte lag, dann muß es aber auch etwas Neues gegeben haben. Allein mit der Weiterführung von Passamahl oder der Bezugnahme auf alte Texte, ist es nicht getan.

 

Wir lesen nach bei Jesaja im Gottesknechslied, doch kann das allein der Grund des neuen Glaubens sein? Wir übertragen Gebetsformeln und lesen Psalmtexte, doch wären es nicht leere Formeln, wenn wir in den Formulierungen des Abendmahlgeschehens nicht das Neue sehen würden? Der Dozent gibt einer anderen Theorie den Vorzug. Er sieht die Begründung in Märtyrervorstellungen des Alten Testamentes. Alte Priester, die sich nicht den von heidnischen Königen verlangten Opfern beugten. Die Rede vom "sterben für...." sei wahrscheinlich von dort übernommen. Die Priester hätten das Lösegeld für die Schuld des Volkes getragen und das sei auf Jesus übertragen worden. Selbst griechisch-hellinistische Schriften könnten als Ursprung herangezogen werden. Auch wenn es dort genau umgekehrt war, in diesen Stroys ist der König für das Volk gestorben, müssen die hellinistischen Texte herhalten. Doch läßt sich so das Heilsgeschehen begründen? Sicher haben die Verfasser des Evangelium die alten Texte gekannt. Doch wollten sie uns mit der Übernahme alter Formeln und ritueller Handlungen nicht nur sagen, daß dies jetzt in Jesus neu wahr geworden sei?   

 

Unsere Geisteswissenschaftler sind darin ausgebildet, daß sonst nichts ist als ein Wanderprediger, dem Worte des Alten Testamentes in den Mund gelegt werden. Auch wenn sie dies 1000fach hochwissenschaftlicher erklären, als ich es ausdrücken kann, für viele kaum noch verständlich. Die theologischen Aussagen sind nur in in alter Tradition begründet, Messias bleibt ein von christlichen Schriftgelehrten verliehener Titel, er ist keine sich ereignende Realität unserer Religion, kein wirklich geschichtliches Geschehen. Wie wenn wir zu Wasser sagen würden, das sei der jetzt unser Wein. Nur weil wir die Gesetzestexte der Juden jetzt auf Jesus beziehen, einen Wanderprediger mit Namen Jesus ins Spiel bringen, ist noch kein neuer Wein daraus geworden. Warten wir noch auf die Wei(h)n-nacht? Mit rituellen Weihe- bzw. Abendmahlhandlungen kann der Pfarrer keine Sünde vergeben. Die not-wendige geistige Wende geht über ein künftig etwas humanere Verhalten hinaus. Wie sind wir durch Jesus jetzt eingeweiht, wie ist Gott der Schöpfer jetzt  präsent geworden, wenn wir ihn nur auf alte Gesetze beziehen?

 

Ein um alkoholkranke Mitbürger besorgter Mann fragte, ob es auch möglich sei, das Abendmahl mit Wasser zu feiern? Ob trotzdem die Heilswirkung eintreten würde? Wie hätte ich sagen sollen, was ich sehe: Wir sitzen bei Brot und Wasser, gefangen im Geist des Gesetzes, die Heilwirkung bleibt wirklich aus.Unser Bewußtsein beziehen wir nur aus alten Bücher. Das Neue Testament ist keine Erneuerung, Erfüllung, sondern erklärt sich nur noch aus dem Alten. Wenn heute eine Buße, Wende vollzogen wird, dann ist es die in die Zeit vor Jesus. Rückfall in die Religion die auf Gesetz gründet, aus Theologie ist die Lehre von Traditionsschriften geworden!

 

Schon bei der Einleitung zum Textvergleich über das Abendmahlsgeschehen, gibt uns der Theologe gewisse Vorgaben, die das derzeitige Denken demonstrieren: Bei Johannes, der im Licht von Ostern schreiben würde, wäre das Abendsmahlsgeschehen als Fußwaschung beschrieben. Die Synoptiker ebenso wie der noch früher schreibende Paulus im Korinterbrief hätten halt die historische Handlung besser gekannt, auch wenn es nicht mehr unbedingt als wörtliche Rede Jesus gelesen werden könne.

 

Ich will mich nicht auf Prof. Berger beziehen, der belegen will, daß das Johannesevangelium bereits viel früher verfaßt worden sein soll als angenommen, in der christlichen Chronologie das erste Evangelium sei. Doch wer gibt uns das Recht zu behaupten, bei den Synoptikern wäre nur ein banales historischen Geschehen aufgezeichnet oder alte Text neu verfaßt? Nur weil wir vor Ostern zurückgefallen sind, schieben wir das auch den Evangelisten in die Schuhe. Sind unsere Voraussetzungen falsch? Verleugnen wir so in wirklichkeit Jesus, statt ihn zu belegen? Wie soll der Opfertod eines christlichen Frühgandhi für uns die versprochene theologische Bedeutung haben, die wir ihn in unseren Lehren beimessen. Wäre dann der alte Inder (dieses Beispiel, weil sich der Todestag dieses zum Mythos gewordenen Märtyrer heute jährt), der die Nächstenliebe für kurze Zeit zur Blüte brachte, für uns als Mensch nicht bedeutender wie Jesus? (Von Gandhi wissen wir Konkretes, dieser war nicht nur Mythos, dem alte Texte angedichtet werden, er war wirklich Blutzeuge, der wegen seiner Ideale den Tod fand, wollte nicht mit seinem Tod nur alte Tradionstexte bewahrheiten bzw. sich selbst dadurch beweihräuchern,  wie ich die Äußerungen des Dozenten zu Passamahl oder Tod des Wanderpredigers weiterdeute.)

 

Ich denke, daß die Abendmahlserzählungen der Evangelisten weit mehr sind als ein Querschnitt alter Texte, so wie wir die amtlichen Einsetzungsworte zum Abendmahl aus verschiedenen Bibelstellen zusammengeschnitten haben. Ich sehe philosophisch gebildeten Weisheitslehrer in Alexandrien und in Antiochien, in dessen Umfeld die Evangelien verfaßt wurden. Hier hat sich ein Bewußtsein gebildet, das den Erzählungen zugrunde liegt. Dieses Bewußtsein will ich in den Texten suchen, nicht nur den Zusammenschnitt alter Bücher. Selbstverständlich ist es dazu wichtig zu wissen, was die Texte des alten Testamentes bedeuten, was es mit Sündenbocktheorie, rituellen Opferhandlungen oder dem Verspritzen des Blutes an die Bundeslade auf sich hat. Nur so wird klar, was die Evangelisten ausdrücken wollen, welche Heilswirkung sie von der Wahrnehmung Jesus erwarten. Ich bin gewiß, sie bauen dabei nicht auf die Heilswirkung der Worte von kultischen Vorgesetzten oder vorgesetzten Texten. Die erwartete Wirkung geht aus vom lebendigen WORT.

Wenn ich in Jesus nicht nur einen Wanderprediger erkennen will, sondern dieses lebendige WORT sehe, das die Männer damals in Damaskus in der Person Jesus zum Ausdruck brachten, dann stellen sich völlig neue Fragen: Was ist der Leib des LOGOS, der weit mehr ist als Mensch? Was ist das Blut Jesus, das für uns vergossen wurde, wo fließt heute der Geist des Neuen Testamentes, der weit mehr sein muß als alte Gesetzestexte? Was ist der neue Bund, der nicht ein banales Weiterbeten vorgegebener Texte sein kann?

 

Unser Dozent denkt, daß die Abkoppelung von Brot- und Weinworten etwas mit der damaligen Kulthandlung zu tun habe. Er sieht ein Sättigungsmahl von dem evtl. die religiöse Handlung separiert wurde. Ich sehe alle Texte nur symbolisch für etwas weit bedeutenderes: Ist das Wissen der Welt das heute bis zur Gentechnik reicht und bei richtiger Anwendung alle Menschen satt machen müßte, hinter dem Sättigungsmahl zu sehen? In allem Werden, von dem wir inzwischen ein gigantisches Wissen angesammelt haben,  drückt sich für mich der Leib des LOGOS aus. Die Technik des Brotbackens beherrschen wir, auch wenn wir inzwischen unsere Lebensmittel gegenseitig vergiften. (z.B. die Bauern in einem ruinösen Konkurrenzkampf dazu bringen un-öko-logos anzubauen, kaum noch eine Fleischsorte essen können, ohne unsere Gesundheit zu gefährden.......) Was uns fehlt ist der Wein? Uns fehlt der Geist, die Gaben richtig anzuwenden. Mit dem Wasser der Moralpredigt, die uns derzeit verabreicht wird, und die wir als Gotteswort bezeichnen, scheint es nicht getan.

 

Doch eine Weiterentwicklung unseres Gottesbewußtseins scheint verhindert zu werden, wenn wir die Begründung des Neuen Testamentes nur in alten Texten suchen. Wir scheinen gefangen im Gesetz, sitzen fest bei Brot und Wasser.

 

Nachtrag:

 

Für den Pfalzorginal-Pfarrer  Fischer, der im Nachbarort eine Weinprobe feierte, war die Sache viel einfacher. Für ihn ist es Fakt: Wein können wir trinken, den darf uns niemand verwehren. Auch Jesus habe dem Wein kräftig zugesprochen. Jesus habe aus Wasser Wein gemacht. Wie recht er hat.