Wir müssen von den Anfängen Kenntnis nehmen,
wenn wir sagen wollen, dass wir etwas verstehen.
Aristoteles
Überlegungen zu Ostern, eine Aufforderung neue Wege beim Verständnis des christlichen Wesens sowie der biblischen Texte zu gehen.
An alle für die Kirche Engagierte,
sehr geehrte Herr Klaus Koch,
bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie hier stellvertretend für viele in Sachen Kirche Engagierte persönlich anspreche. Doch verschiedene Texte des Evangelischen Kirchenboten der Pfalz sind Anlass für die folgenden Überlegungen, die das Thema Ostern und Auferstehung als eine Aufforderung zum neuen Verstehen betrachten. Und da wir uns aus Ihrer Zeit als Redakteur der Rheinpfalz kennen und ich Sie inzwischen als Kirchenjournalist und Kommentator des Kirchboten schätze, wende ich mich an Sie persönlich. Mit einem konkreten Gegenüber ist es oft einfacher Gedanken zum Ausdruck zu bringen, die im Grunde die gesamte christliche Gemeinschaft betreffen.
Als Zeitungsmann beschäftigen Sie sich oft mit gesellschaftlichen Fehlentwicklungen und hinterfragen die Missstände unserer Zeit. Ich denke, dass vieles, was wir im Zeitgeschehen beklagen, eine Ursache hat, die weit tiefer sitzt, als dies oft analysiert wird. Wenn wir in die Zeitung schauen sehen wir eine Welt, die ihren Kindern die ökologisch Zukunft frisst, die weltweit auch soziale Ungleichgewichte hinterlässt, die selbst in der einfachen Landwirtschaft keine wahren Lebensmittel produziert und gleichzeitig eine hochentwickelte Technik in Händen hält, die gegen gesundheitliches Leid und Hunger helfen könnte, aber im Selbstverwirklichungswahn einer sinnlos und somit wert(e)los gewordene egoistischen Welt mit Sicherheit das Gegenteil bewirken würde.
Als unrealistisch betrachte ich es, mit bisherigen Mitteln die Probleme lösen zu wollen. Was m.E. den Menschen fehlt ist ein Geist, der nicht von einer christlichen Moralpredigt und dem herunterbeten bzw. hineininterpretieren in alte Texte ausgeht, sondern dem, was in Wirklichkeit vor 2000 Jahren die christliche Kirche ausmachte. Das Wesen unseres Glaubens, das ich weniger in einem Wandercharismatiker, sondern im schöpferischen Wort/Logos in menschlicher Gestalt vermute, kann neu wahrgenommen werden. Daher möchte ich dazu ermuntern, sich mit der Geschichte, dem geistigen Hintergrund des christlichen Glaubens auseinander zu setzen und damaliges Denken auf die Gegenwart zu übertragen. Meine Überlegungen hierzu, mit denen ich Anstöße geben will und Mitstreiter für eine Reform des christlichen Verständnisses suche, finden Sie im Internet unter www.theologie-der-vernunft.de.
Dieser Überschrift zu Ihrem Kommentar in Kirchenboten Nr. 17/2002 kann ich nur zustimmen. Doch dürfen sich diese neuen Wege nicht auf Werbemaßnahmen, wie die derzeit heftig umstrittenen Plakataktionen beschränken. Auch die seelsorgerische Nähe, die auf dem Land noch gegeben sein mag, reicht nicht aus. Neue Inhalte können auch nicht durch Übernahme weiterer karitativer Aufgaben beschritten werden. Vielmehr befürchte ich, dass so nur die eigentlichen Probleme verdrängt werden. Wenn die Kirche das Rote Kreuz kopiert, ist sie keine Kirche mehr, sondern nur noch eine karitative Instanz. Auch die Psychotherapie für ältere Menschen und sonstige Anhänger kann nicht die eigentliche Aufgabe der Kirche sein. Ihr Wesen liegt im kollektiven Gottesverständnis, der Vermittlung eines zeitgemäßen vernünftigen Glaubens. Alle Plakataktionen, ob sich die Kirche als Kindergartenträger Profil geben will, mit flotten Sprüchen für die Presbyterwahl geworben oder die Osterfrage gestellt wird und auch die sich regelmäßig anschließende Diskussion bringen das Problem der Kirche nur auf den Punkt: Es fehlt der eigentliche Inhalt. Die Kirche ist leer geworden.
Doch um die Kirche mit neuem Leben zu erfüllen, müssen Inhalte her. Plakate reichen nicht. Verkündigung und Sakramentsverwaltung reichen greifen zu kurz, wenn die Menschen nicht mehr verstehen, was die Kirche zu sagen hat, welche Vernunft hinter dem christlichen Glauben steht!
Mehr als Theologen oder Gemeindepfarrer, die es oftmals mit Studenten oder sich noch interessierenden und traditionell zugehörig fühlenden Gemeindegliedern zu tun haben, wissen wir beide, dass die meisten Menschen mit den Glaubensaussagen der heutigen Kirchenverkündung nichts mehr anfangen können. Für den Großteil der uns heute im Alltag umgebenden Zeitgenossen ist es doch völlig absurd, sich mit Fragen des Glaubens auseinander zu setzen. Von theologischen Dogmen ganz zu schweigen. Alles was über Jesus, seine Auferstehung, die Bedeutung des Christus gesagt wird, ist für unsere Mitmenschen völlig irrational. (Und genau diese Dogmen können nur durch ein neues Verständnis des christlichen Wesens vernünftig begründet werden.) Auch wenn noch Kirchensteuer gezahlt wird – was mich oft wundert – kann doch in Realität nicht davon ausgegangen werden, dass die Mitglieder mit den Grundaussagen christlicher Religion noch etwas anfangen können. Mit christlichen Dogmen können wir heute doch nur noch nur zur Erheiterung beitragen.
Der christliche Glaube ist – selbst für die angeblich Gläubigen – inhaltslos und leer geworden. Selbst mit Menschen, die der Kirche noch nahe stehen, ist es kaum möglich, sich über eigentliche Glaubensthemen zu unterhalten. Kaum dass der Kirchenbote über die wöchentliche Bibellese und Sonntagspredigt hinaus sich mit Grundfragen unseres Glaubens auseinandersetzt. Die meisten Seminar-Programme unserer ehemals protestantischen Kirche können doch nur noch als Bankrotteklärung der Theologie gelesen werden. Ein Nachdenken über eigene Glaubensgrundsätze kommt so gut wie nicht vor.
Seit vielen Jahren versuche ich das Wesen des christlichen Glaubens aus einer neuen Perspektive zu betrachten und bin dabei auf Entdeckungen gestoßen, die mich hoffen lassen, dass der christliche Glaube zu seiner gesellschaftsbildenden, wahren Fortschritt bewirkenden, zukunftsgestaltende Kraft zurückfindet. Trotz vieler inhaltlicher und grammatischer Fehler habe ich es gewagt, unter der oben genannten Adresse den Hilferuf ins Netz zu setzen, um ins Gespräch kommen zu können. Es geht nicht um theologische Besserwisserei, sondern Bewältigung von ganz konkreten Problemen des gesellschaftlichen Alltages, die m.E. ohne die vernünftige Vermittlung eines zeitgemäßen Gottesbewusstseins nicht möglich sind. Auch wenn viele meiner Überlegungen ins Leere gehen, falsch sein sollten. Fest steht: Nur durch eine neue Sichtweise ihres Wesen kann die christliche Kirche zu neuem Leben erweckt werden, ihre dringend notwendige Aufgabe zur Glaubensvermittlung gerecht werden. Wie sehr die Zeit drängt, ist nicht nur in der täglichen Zeitung, sondern auch im Evangelischen Kirchenboten nachzulesen. Angesichts des Bildes, das unsere Gesellschaft und auch die Gläubigen selbst von der christlichen Religion und Glauben insgesamt haben, mag es völlig unverständlich klingen. Doch ich halte die christliche Kirche für die einzige Instanz, die die westliche Gesellschaft zur Vernunft bringen kann.
In seinem Pfingst-Kommentar beklagte Ihr früherer Chef Michael Garte unlängst, dass der Zeitgeist gegen Kirche, Glaube, religiöse Werte sprechen würde. Doch wer ist für den Geist der westlichen Welt verantwortlich? Während die Geistlichen die Verantwortung längst an Zeitgeist, Politik, Gesellschaft...abgegeben haben, sehe ich unsere Theologie in der eigentlichen Verantwortung. (u.A. in einem Text auf der Homepage „Verantwortung der Theologie“, der übrigens im letzten Teil an Sie gerichtet ist, habe ich hierzu einige Gedanken weiter ausgeführt. Ihr Kommentar zu den Hintergründen des 11. September war damals der Anlass.)
Wenn, wie Sie in einem weiteren Kommentar beklagen, der Krieg zurückgekehrt ist, dann mache ich allen Ernstes die heutige christliche Theologie dafür mitverantwortlich, so absurd das aussehen mag. Ob im Nahen Osten im Namen Gottes täglich Blut vergossen wird, der Terror des Glaubens auch bei uns Einzug hält oder die Wirtschaftsweise einer sinnentleerten westlichen Welt unsere Kinder an den Abgrund führt, ich sehe darin allen Ernstes eine Folge theologischer Fehlentwicklung oder konkreter: einer fehlenden Fortentwicklung. Der Zusammenhang für den Terror im Namen eines irrationalen Glaubens einerseits, einer gottlos gewordenen Welt andererseits und der fehlenden Fortentwicklung theologischen Denkens lässt sich nachvollziehen. In zahlreichen Texten habe ich hierzu Überlegungen zusammengetragen.
Zum Krieg zähle ich dabei nicht nur den unsinnigen Vernichtungskampf, bei dem sich Menschen oft im Namen Gottes mit Waffen gegenseitige umbringen. Auch das, was in der westlichen Welt im Namen des Kapitalegoismus (un)wirtschaftliche Tagesordnung ist, kann nicht im Sinne einer schöpferischen Vernunft sein, die für mich inzwischen christlicher Maßstab ist. Es würde hier zu weit führen, den ökologischen Irrsinn unseres Alltages, Arbeitslosigkeit oder wirtschaftliche Weltungleichgewichte aufgreifen zu wollen. Doch letztlich sind dies alles Folgen eines fehlenden gesamtverantwortlichen, sinnentleerten Denkens der jeweils nur auf sich selbst gestellten Individuen. Was wir tagtäglich beklagen hat geistige Ursachen. Der kollektive schöpferische Geist, für den die Kirche einst zuständig war, fehlt uns. Doch nach einem Zurück zu rufen, bringt uns nicht weiter. Eine neue Wahrnehmung der alten Inhalte steht auf dem Programm.
Um die Probleme zu lösen greifen alle Parteiprogramme zu kurz. Die Politik kann derzeit den Un-sinn, dem sie auch selbst unterliegt, nur verwalten. Die Verant-wort-ung liegt dort, wo das Wort Gottes verwaltet wird. Mit Sonntagspredigten und moralisch-ethischen Ermahnungen ist es nicht getan. Uns fehlt die Software. In einem vernünftigen christlichen Gottes- bzw. Schöpfungsbewusstsein sehe ich so etwas wie ein Betriebssystem, auf dem die uns durch die Möglichkeiten der weiterentwickelten Wissenschaft oder zusammengewachsenen Welt gegebenen Programme erst laufen können. Probleme, wie zum Beispiel der verantwortliche Einsatze von Gentechniken oder die globale Wirtschaftsweise, wie sie derzeit auch im Kirchenboten angemahnt oder innerhalb der Kirchenorganisationen ständig diskutiert werden, lassen sich letztlich erst lösen, wenn die Menschen aufgrund einer wahrgenommenen höheren Instanz verantwortlich denken. Doch dies erreichen wir weder durch Gesetze (wobei ich auch an die traditionellen Texte denke) noch durch moderne Moralpredigten. Vor einer verant-wort-lichen Lebensweise steht das vernünftige Verständnis dessen, was bisher als Wort Gottes bezeichnet wurde. Genau das lese ich inzwischen als Thema der paulinischen Theologie. Auch wenn man dies als Illusion abtun wird bzw. an dieser Stelle kein Raum ist, die zu erkennenden kausalen Zusammenhänge herzustellen: unrealistische Phantasterei ist es, die Probleme unserer Zeit auf andere Weise lösen zu wollen.
Ich halte die Geistlichen wirklich für den Geist der Gesellschaft verantwortlich, auch wenn diese denken die Verantwortung an Staat und Aufklärung abgegeben zu haben und meinen sich auf Karitas und Moralpredigt beschränken zu müssen. Mit dem von Ihnen geforderten Pazifismus kann und will ich mich nicht zufrieden geben. Zumindest nicht, was die Erneuerung des Glaubens betrifft. Krankheiten müssen geheilt, Probleme gelöst werden. Selbstverständlich will ich weder gegen die Kirche, noch gegen die heutige Theologie bzw. deren Verständnis in den Krieg ziehen.(Auch wenn ich manchmal befürchte, dass der spanische Windmühlenkämpfer ein Weisenkind gegen mein Vorhaben war.) Vielmehr will ich Anstoß geben, die Verant-wort-ung wahrzunehmen, das christliche Selbstverständnis weiterzuentwickeln. Auch als Schuldzuweisungen im üblichen Sinne können die Aussagen und Anklagen nicht verstanden werden. Sie sind Aufruf zur Weiterentwicklung in einem Prozess des geistigen Werdens, in dem auch alles, was auf den ersten Blick als Fehlentwicklung aufgelistet wird, seinen Sinn hat.
Alle in Sachen Kirche engagierte sind aufgerufen mitzuwirken. Wir sind es, die Verantwortung tragen für die Zukunft. Denn die Außenstehenden halten den Glauben eh für irrational, zumindest gestrig. Es geht mir keineswegs darum, dass meine Thesen von irgendjemand übernommen werden. Sie sollen Anstoß zum theologischen Weiterdenken geben. Über Anregungen von Andersdenkenden würde ich mich freuen, sie können die Überlegungen nur bereichern. Denn eines steht fest: Allein der Abbau von Inhalten, wie er derzeit in der historisch kritischen Theologie geschieht, kann nicht der notwendige Fortschritt sein. Gefragt sind neue Lösungen. Und die sind nach meiner festen Überzeugung greifbar nahe. Gerade der vollzogene Abbau dogmatischer Aussagen gibt uns die geistige Freiheit, den Sinn der alten Dogmen neu zu sehen. Mehr noch als im schultheologischen Denkschema Gefangene sind dazu Außenstehende aufgefordert.
3. Anstoß zur Auferstehung geben
„Alles Fremde kann nur bereichern, wenn wir dafür Raum schaffen“ darf ich unseren ehemaligen Kirchenpräsident zitieren. Das Sperrige, bisher nicht in den Denkrahmen passende müsse oft hereingelassen werden, um das bisherige Denken zu bereichern meinte Horst Hahn im Hinblick auf Fragen im Anschluss an einen Vortrag über Gnade und Gericht im Neuen Testament bei einem Vortrag im Bibelhaus Neustadt. Auch wenn Horst Hahn bei seiner Aussage nicht den christlichen Glauben im Blick hatte, sondern nur zwei kritisch fragende Teilnehmer. Damit hat er ein für die Entwicklung des gesamten Kosmos wie der Kulturen sehr wesentliches Entwicklungsschema aufgezeigt, aus dem sich die Kreativität ergibt, die alle Kreation bestimmt. Was ich von der heutigen Theologie verlange, ist nichts anderes. Denn je mehr mir der geistesgeschichtliche Hintergrund des Neuen Testamentes bewusst wird, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass auch damals Juden und Griechen durch einen gegenseitigen Austausch, das Aufnehmen jeweils anderer Elemente zu einer Erkenntnis kamen, die dem Christusereignis zugrunde liegt. Auch heute kann ein geistiger Fortschritt nur geschaffen werden, wenn das naturwissenschaftliche Weltbild nicht ausgegrenzt, sondern sinnvoll integriert wird. Und dies ist durch die neue Wahrnehmung des christlichen Wesens möglich.
Gerade die zwischen den Konfessionen umstrittene Rechtfertigungslehre, die letztlich das Thema von Dr. Hahn war, führt uns vor Augen, dass weder Werke, ethische Ermahnungen noch der Glaube als Werk, sondern die Gnade des Christusgeschehens auf den wahren Weg führt. So wie die Auseinandersetzung des Paulus der eigenen Tradition, dem jüdischen Pharisäertum galt, gilt es heute innerhalb der eigenen Tradition Raum zu schaffen, um bisher der christlichen Religion fremdes Denken einbinden zu können. In den verschiedenen Texten der Homepage versuche ich aufzuzeigen, dass uns alles, was wir für einen vernünftigen Glauben benötigen, bereits gegeben ist, wir es nur nicht bereit sind wahrzunehmen. Unsere bisherigen Vorstellungen vom Christus des Glaubens und einem daneben stehenden historischen Jesus als Reformjuden stehen dem Neuverständnis des Schöpfungswortes, das die Theologie der Zeitenwende bestimmte, im Wege. Wie zur Zeit Paulus, in dem die Grundlage zum Paradigma des lebendigen Wortes gelegt wurde, scheint das Gesetz-te Wort bzw. dessen buchstäbliches Verständnis eine vernünftigen Gotteswahrnehmung zu verhindern. Dabei wäre das neue Verständnis der biblischen Texte die Voraussetzung ist, das schöpferische Wort in der Wirklichkeit des naturwissenschaftlich nachvollziehbar und empirisch nachweisbaren Werdens wahrzunehmen.
Bei all meinen Überlegungen komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass unser derzeitiges Verständnis des historischen Jesus, der Anlass unseres christlichen Glaubens ist und bleibt, eine Weiterentwicklung unseres Verständnisses verhindert. Das, was wir als Wanderprediger sehen, will ich nicht durch einen kosmischen Christus ersetzen, sondern nachweisen, warum es vor 2000 Jahren höchst vernünftig war, dem kosmischen Gottessohn (griechisch Logos/Wort) eine menschliche Gestalt zu geben. Damit hoffe ich den Weg frei zu machen für ein neues Verständnis dieses Wortes in der Wirk-lichkeit unserer wissenschaftlichen Weltbeschreibung. Hierin sehe ich ein neues christliches Selbstverständnis, das dem Urchristentum entspricht und von dem gerade heute wahrhaft messianische Wirkung ausgehen könnte.
Nachdem Sie sich evtl. auch mit einigen meiner Thesen oder Texte auseinandergesetzt haben, wissen Sie, dass ich mit meinem Aufruf zur Auferstehung nicht einen rebellischen jungen Juden, der angeblich nach seinem Märtyrertod wieder lebendig wurde, nachträglich ins Leben rufen will. Gleichwohl durch das Neuverständnis des Wortes auch das Bild des Wanderpredigers als Abbild des lebendigen Logos seine Bedeutung begründen würde. Doch im Vordergrund seht das Neuverständnis des Schöpfungswortes Gottes in der Weltwirklichkeit.
Auferstehung wäre dabei so etwas, wie dieses Schöpfungswort, den präexistenten Logos in der heutigen Sprache zum Ausdruck zu bringen, dem heutigen Verständnis zugänglich zu machen. Hans Georg Gadamer, dem der Kirchenboten unlängst eine Seite widmete, hat dabei einen wesentlichen Aspekt der Auferstehung zum Ausdruck gebracht. Denn die Aufgabe der Hermeneutik sei es, den Menschen das Wort, die Sprache Gottes immer neu zu übersetzen. Sprache ist für ihn mehr als alltägliches Kommunikationsmedium, sondern Mittel um etwas zum Verstehen zu bringen.
„Verstehen“
definiere Gadamer grundsätzlich als „Sich-Verstehen in der Welt“ Alles Verstehen
ist Anwendung auf uns selbst, so dass wir mit unserer ganzen Existenz in den
verstandenen Sinn einbezogen sind.
Mit all meinen Überlegungen zum Logos, in dem ich keine antike Lehre oder philosophische Begrifflichkeit, sondern einen übergeordneten Sinn, eine im gesamten kosmischen Geschehen wirksame schöpferische Vernunft sehe, will ich deutlich machen, dass sich unser Schöpfer tagtäglich neu verständlich machen will. Erst in dem wir das schöpferische Wort in der Weltwirklichkeit verstehen, sind wir in den übergeordneten Sinn, eine universelle Vernunft einbezogen. Die Nacherzählung oder die Berufung auf Verhaltenslehren eines angeblich besonders begnadeten antiken Predigers, dem nach heutiger Hermeneutik meist nur alttestamentliche Texte, fromme Mythen in den Mund gelegt wurden, sind dafür zu wenig.
Das im lebendigen Austausch zwischen Vergangenheit und
Geschichte in Frage und auf die Probe gestellte „Meinen“ bezeichnet Gadamer auch
als „Vor-veständnis“. Wir stehen mitten in der Geschichte und der uns prägenden
Tradition drin. Ob wir uns dessen bewusst sind oder naiv annehmen, wir fingen
voraussetzungslos mit uns selbst an: an der faktischen Wirklichkeit von
Überlieferungen, ihrem vielfältigen Einfluss auf uns und unsere
Verstehenssituation ändert sich nichts.
Mit der Forderung nach einem „wirkungsgeschichtlichen Bewusstsein“ tritt Gadamer dem aufklärerischen Vorurteil gegen das Vorurteil provokant entgegen. Kein Verstehender ist ein leeres Blatt. Längst bevor ich etwas den Römerbrief lese, hat dieses biblische Buch eine die abendländische Christenheit beeinflussende Wirkung gehabt, die unser Verständnis ermöglicht und prägt. Nur dadurch, dass uns ein Verstehenshorizont umgibt, kann uns überhaupt etwas Neues, anderes, etwas Externes begegnen, das unseren bisherigen Horizont heilsam zu erweitern vermag.
Der aus dem Kirchenboten zitierte Beitrag bringt zum Ausdruck, dass es für Gadamer kein „letztes Wort“ gab, sondern das Verständnis immer weiter geht, jedes neue Verständnis die Tradition einbinden muss, durch sie erst möglich wird. Die Rückverwandlung der in der Schrift erstarrten Sprache der Vergangenheit in die lebendige Gegenrede bezeichnet Gadamer denn auch als die eingentlich hermeneutische Aufgabe. Die Kirche ist für ihn Hörraum, in dem das Wort immer wieder neu verständlich gemacht, und mündig verstanden wird, schließt Christian Schad in seinem Beitrag zum Tod des in Heidelberg lebenden Philosophen.
In meinen Augen drückt sich in den Überlegungen Gadamers nichts anderes aus, als das ewige Auferstehungsgeschehen des menschlichen Verstandes, dessen vordergründige Aufgabe es ist, das schöpferische Wort immer wieder neu zu verstehen. Wenn mir jedoch immer wieder beigebracht wird, Auferstehung sei so etwas wie die innere Erscheinung der Anhänger eines in der Antike hingerichteten Wanderpredigers gewesen, dann wird mir der Verstand genommen. Aber dieser Neuverstand wäre dringend notwendig. Ohne dass Jesus aufersteht, bleibt alle Kirche leer. Nicht Abbau von biblischen Aussagen ist angesagt, sondern Neuverständnis, das wissenschaftliche Erkenntnis und traditionelle Texte auf einen Nenner bringt. Nur eine Berufung auf alte biblische Aussagen, ein weiter so, das wäre demnach ebenso wie der angeblich aufklärerische Abbruch von alten Aussagen das Gegenteil von Auferstehung.
Allein unter Berufung auf biblische Aussagen die Auferstehung als gegeben und Voraussetzung zum Glauben anzuerkennen, wäre zu wenig. Auferstehung muss wirklich geschehen. Auch was Walter Saft in seinem Beitrag zur Auferstehung im gleichen Kirchenboten zum Ausdruck bringt, trifft zu: Auferstehung und Verwesung stehen nicht im Widerspruch zueinander, denn Auferstehung bedeutet nicht Reanimation, das heißt Rückkehr in das alte, verletzliche, zuletzt dem Tode verfallene Leben. (Ich denke ans Denken.) Sondern bedeutet eine neue Schöpfung in eine neue Welt hinein...
Auferstehung ist dabei auch ein biologischer Prozess, der der Logik allen Lebens gerecht wird. Die biologische Wiedererweckung eines Wanderpredigers wäre mit Sicherheit ein falsches Denken. Doch das präexistente Wort Gottes mit leben Erfüllen, das ist die Aufgabe der Christen. Der biologischen Betrachtung, die Beachtung des Auferstehensprozesses in aller natürlichen und geschichtlichen Schöpfung, kommt dabei für mich heute eine besondere Bedeutung bei. Denn in diesem Prozess ist nichts anderes lebendig, als das Wort, das nachweisbar für die Väter unseres Glaubens Anlass zum Evangelium war. Gnosis, Erkenntnis, will ich beileibe nicht so schnell verurteilen, wie dies bei heutiger theologischer Betrachtung geschieht. Falsche Gnosis, Geheimniskrämerei und grundlose Mysterienverherrlichung sehe ich allerdings nach wie vor als Problem. Heute jedoch vielmehr dort, wo man die Erkenntnis verdammt, sich auf Geheimnisse des Glaubens und einen Mythos beruft, dem der Logos fehlt.
Wer allerdings Auferstehung, Wunder... noch immer als biologiebrechende Gottesbeweise betrachtet, der kann der Biologie, der Logik allen schöpferischen Lebens nichts abgewinnen. Für den gibt es keinen Frühling der Religionen, denn Auferstehung bleibt ein unzugängliches Geheimnis, das dem Verstand nicht zugänglich ist. Ein Neuverstand des in aller Schöpfung lebendigen Wortes wird so verhindert. Jede Religion beruft sich dann auf ihr eigenes Buch, ihren persönlichen Gründer. Ein gemeinsamer Grund im universellen schöpferischen Gotteswort bleibt unverstanden.
4. An Ostern das universale Wort Gottes und den
traditionellen Text neu verstehen
Dabei drückt sich gerade im Erwachen der Natur in der Osterzeit nicht nur das aus, was an Ostern im Kopf der antiken Menschen geschehen ist, sondern wird der allen Religionen zugrunde liegende Logos in besonderer Weise sichtbar. Wer sich allerdings nur auf einen besonders begabten Wanderprediger beruft, für den bleibt dieses Wort unverständlich. Das Aufblühen der Natur ist dann nur ein zufälliges Beispiel, an dem die Anhänger eines besonders begnadeten jungen Juden diesen nach seinem Tod verherrlicht haben. Der präexistente Logos, das aller Schöpfung zugrunde liegende Wort, bleibt so nur ein dogmatisches Lippenbekenntnis, das einem Reformjuden übergestülpt wurde, heute bedeutungslos wäre.
Auch wenn erkannt wird, dass das Erwachen der Natur für viele Glaubensrichtungen sehr ersprießlich war, wie der Kirchenbote in seinem Osterbeitrag von Volker Rahm erkennt und die Auferstehungshoffnung damit eng zusammenhängt, hat der alte, die Natur verherrlichende Osterglaube damit nichts zu tun. Allenfalls ein Symbol für allgemeinen Aufbruch, germanische Fruchtbarkeitskulte, die sich im Ei, Osterhasen oder der Göttin „Ostara“ ausdrücken, werden gesehen. In weitergehenden Untersuchungen wir dann auch asiatische oder ägyptische Welteneier hervorgeholt. Auch dass das Passahfest der Juden seinen Ursprung in nomadischen Hirtenfesten hat, mit dem diese den Lenz begrüßten ist bekannt, bleibt aber unbeachtet. Denn bei uns Christen geht es ja angeblich nicht um den präexistenten aller Schöpfung zugrunde liegenden Logos, der, auch wenn auf Grundlage eines anderen Bewusstseins, Verehrungsgegenstand der alten Weltkulturen war, sondern nur um einen auf geheimnisvolle Weise im Geist wiedergesehenen Wanderprediger bzw. dessen anschließende Verherrlichung.
Bei der Banalität unserer Bibellese bleibt auch die Bedeutung der Befreiung aus Ägypten – gleichwohl als geistiger Neubeginn des auf das Wort Gottes gründenden Monotheismus erkannt – unbeachtet. Wenn dann nachgewiesen wird, dass sich die Geschichte so nicht abgespielt hat, es keinen historischen Zug der Hebräer gab, wird das mit Sicherheit geistesgeschichtlich nachweisbare Geschehen einfach ins Reich religiöser Legenden verbannt. (Auch dass beim blutigen Kampf um ein nur geografisch gesehenes gelobtes Land oder ein neues Jerusalem, derzeit völlig unsinnigerweise viel Blut fließt, weil dabei auf unmenschliche Weise nur leeres Stroh gedroschen wird, lässt uns zwar nicht kalt, doch finden wir keine Lösungen.) Wer sein Herz an das Bild eines bärtigen Rebellen gehängt hat, für den bleibt der Logos, der sich in der schöpferischen Kraft des Frühlings ebenso wie im täglichen Aufgang der Sonne besonders beieindruckend ausdrückt, verborgen. Fruchtbarkeit der Natur hat dann weder etwas mit dem Monotheismus der Hebräer noch mit christlichen Osterkult zu tun. Alle intellektuelle Auslegung der alten Texte bleibt hängen am ach so gutherzigen Jesus als dem eigentlichen historischen Wesen. Wie soll unsere Theologie in den unsinnigen Streit um das gelobte Land, in dem bereits Tausende umkamen und der täglich neue Opfer fordert, eingreifen, wenn sie nicht erklären kann, wieso in der Menschwerden des Logos das gelobte Land gegeben war. Wie soll sie zum Aufbruch ins gelobte Land aufrufen, wo es ihr doch nur um einen aufgrund alter Texte verherrlichten jungen Reformjuden geht?
Den einen Schöpfer Himmels und der Erde nehmen so nur noch die wahr, die „trotz“ aller wissenschaftlicher Erkenntnis an den alten Text (das Gesetz) glauben. Genau dieser Glaube aber, so unsere Dogmen, sei durch Jesus Christus überholt. Bei aller Bibellese wird immer wieder betont, dass dort wo früher starre jüdische Gesetze Orientierung boten, jetzt der Glaube an Jesus sei. In jeder Predigt wird von der Größe Jesus gesprochen, der die einzige und neue Brücke zwischen Gott dem Schöpfervater und den Menschen wäre. Doch wo der weiter nur der gute Wanderprediger bleibt, von dem es geschichtlich nichts zu wissen gibt, der angeblich nur anschließend als Christus, Gottessohn, Logos...dargestellt, vergöttlicht, verherrlicht, hellenisiert wurde, da ist alle Predigt nur leere Rede. Wen wundert’s, wenn in Neustadt konservative Christen auf die Strasse gingen um dagegen zu protestieren, dass im Saalbau beim Webber-Musical dieser als amerikanisierter Superstar dargestellt wurde. Doch in allen biblischen Aussagen und frühkirchlichen Dogmen wird Jesus eindeutig als der Superstar (wenn auch nicht im amerikanisierten Stil) vorgestellt. Alle Texte – ob Neues Testament, Apokryphen ebenso theologischen Überlegungen der Frühkirche wie ihrer geistigen Gegner wird von einem Verständnis getragen, das weit über den von uns angenommenen historischen Menschen hinausgeht. Blumekinder und Strapse, wie sie auf der Saalbaubühne zu sehen waren führen möglicherweise in die Falsche Richtung. Doch das tun Jesus-Darstellungen im Ben Hur Stil ebenso wie Dokumentarfilme, die das Leben eines jungen Palästinenzes zeigen. Der Judas aber, der im Musical Jesus anklagt, weil dieser sich zu dem gemacht hätte, was über ihn in hoheitlichen Aussagen gesagt wird und der ihn stattdessen zum einfache Menschen machen, ins alte Judentum zurückholen möchte, der ist im heutigen theologischen Alltag Realität.
In fast jeder der Bildmeditationen auf der Rückseite des Kirchenboten – wo oft Kreativität, Schaffenskraft und natürliche schöpferische Ordnung das Thema sind - drückt sich nach meinem heutigen Jesusverständnis das Wesen des in der Antike lebendigen Wortes/Logos besser aus, als in vielen theologischen Beschreibungen eines historischen Menschen. Doch solange wir den Menschen für das eigentliche Wesen halten, bleibt alle Naturbetrachtung nichtssagend, Ostern nur eine Totenfeier - allenfalls verbunden mit dem Stammeln von einer unbegründbaren Hoffnung in Auferstehung. Auch wenn diese Glaubensbilder 2000 Jahre getragen haben, keineswegs verneint werden sollen, sondern sich vernünftig begründen lassen, so scheint heute ein Neuverständnis unseres wahrhaft messianischen Glaubensgrundes notwendig.
5. Von Himmelfahrt zum Vatertag
Wenn Walter Saft im Kirchenbote beklagt, dass heute die Väter nur noch von Kneipe zu Kneipe ziehen, statt wie früher von Kirche zu Kirche, dann ist dies die Folge eines Missverstandes, den die Theologie zu verantworten hat. Prof. Saft schreibt, dass noch im Mittelalter Himmelfahrt als Weg zum Vater verstanden wurde. Wenn dies doch nur für uns auch so einfach wäre. Das Verständnis Gottes als Erzeuger, Vater, das ist es, was uns fehlt. Während die Naturwissenschaft nur Selbstorganisationsprozesse von Mutter Materie wahrnimmt, versteht sich die Geisteswissenschaft und insbesondere die christliche Theologie als Ergebnis von frühkirchlicher Christologie, die sie wiederum fast nur aus alten Texten und Mythen herleitet. Doch was Mutter Kirche in ihren Texten neu zum Ausdruck brachte, war das vom Schöpfervater ausgehende Wort. Nur durch den damals lebendigen Sohn, Wort, Logos wurde der Vater verständlich. Aufklärung kann sich nicht darauf beschränken, die jeweils hervorbringende Mutter Materie oder Mutter Kirche als den eigentlichen Erzeuger zu verstehen. Hat also Himmelfahrt doch etwas mit Vatertag zu tun?
Zurecht macht Prof. Saft auf das Missverständnis aufmerksam, das nur einen geografischen Ort und der Erhebung eines Menschen sehen lässt. Jesus jedoch völlig jenseits Zeit und Raum ansiedeln zu wollen, wäre ihn aus der Weltwirklichkeit zu verbannen. Erst wenn wir über den rein irdischen Menschen hinaus ihn als im gesamten Weltall wirkenden Logos, das Wort Gottes wahrnehmen, werden wir verstehen, warum Gott der eine Schöpfer, wirklich der Vater des Wortes und auch unser Erzeuger und ewiger Ernährer ist. Die Entfernung Jesus macht einerseits traurig und andererseits froh, deutet Walter Saft die Aussage von Johannes. Denn die Entfernung, die sich in der Himmelfahrt ausdrückt, sei gleichzeitig die Voraussetzung dafür, dass er nahe sein kann. Wie Recht er damit hat. Erst wenn wir den allzu irdischen Jesus loslassen, scheinen wir seine Bedeutung zu begreifen und verstehen das im biblischen Text sowie der gesamten Natur zum Ausdruck kommende Wort.
In all den vielen Kommentaren zu den biblischen Texten, die ich Woche für Woche im Kirchenboten lese wird doch längst belegt, um was es geht, was den neuen Bund ausmachen würde. Kein Mensch oder dessen Christianisierung wären vor 2000 Jahren als Problemlösung denkbar gewesen. Wir brauchen nicht nur den Hebräerbrief zu lesen, um zu wissen, wie die alten Texte als versinnbildliche Allegorien gelesen wurden: theologische Texte, die weit mehr als banale Geschichten beinhalten. Warum lesen wir sie nicht weiter so, wie das damals Selbstverständlichkeit war? Wieso betrachten wir den historischen Jesus auf eine Weise, deren Banalität himmelschreiend ist und aus dem gesamten Christentum nur einen Verherrlichungsverein für einen besonders begabten jungen Juden macht? Warum fällt es so schwer, die geistesgeschichtlichen Inhalte zu erfassen, um die es geht?
Was bisher noch in Wolken verborgen war, kann Dank des uns von Gott gegebenen Wissens um die Bedeutung der biblischen Bilder, wie der Ordnung in aller Natur neu zum Verständnis Gottes beitragen. Der einzige Mittler ist und bleibt dabei das in aller Schöpfung wirk-same Wort, der präexistente Logos Gottes oder zum besseren Verständnis: eine universelle Vernunft, die in allem natürlichen und geschichtlichen Geschehen sichtbar ist, verständlich gemacht werden kann.
Wenn die Aufgabe der Kirche die Verkündung und Vermittlung des schöpferischen Wortes ist, dann darf sich der Beitrag derer, die sich für die Kirche engagieren nicht auf Kassenverwaltung und Karitas beschränken. Kirchenrenovierung betrifft mehr als Mauerwerk und Einrichtung. Gerade die Aussagen von Hans-Georg Gadamer zum ewigen Wort bringen zum Ausdruck, dass Anstöße oft von Außen kommen müssen, weil im Prozess des Verstehens den bereits völlig beschriebenen Blättern allein der Neuverstand verbaut ist. Hierzu will ich alle in und für die Kirche Engagierte einladen.
Mit Moralpredigten und Hinweisen auf Missstände allein können wir unserer Verantwortung nicht gerecht werden. Auch kann ich nicht akzeptieren still zu warten, gleichwohl die Unvernunft des Alltages immer weiter fortschreitet, fehlender theologischer Fortschritt blutigen Tribut fordert und ein neues Verständnis zum greifen nach ist.
Denn ich bin sicher:
Die Kirche kann wieder zu einem Raum werden, wo das Wort Gottes nicht nur gepredigt und von einem kleinen Rest blind geglaubt, sondern vernünftig verstanden wird. Auch wenn dies alles ungeheuer vermessen klingt. Hierfür bitte ich um HILFE.
Mit freundlichen Grüssen und
Verständnis für alle Unzulänglichkeiten in meinen Texten und Thesen
Gerhard Mentzel
Nachtrag:
Im Nachbericht zur Landessynode in Speyer zitierte Hartmut Metzger die badische Synodalpräsidentin Margit Fleckenstein, die mit einer Anekdote das kirchliche Beharrungsvermögen angesichts notwendiger Reformen deutlich machte.
„Da fährt ein Mann im Bummelzug und stöhnt bei jedem Halt
laut auf. Was er denn habe wird er gefragt. Ja wissen Sie, sagt er, ich fahr
seit Stunden in die falsche Richtung und müsste längst aussteigen, aber es ist
so schön warm hier drinnen.“
Sie werden verstehen, dass ich bei dieser Anekdote nicht an die bei der Synode angesprochenen Themen denke. Fragen zu Strukturreformen, Finanzproblemen, Personalbudgetierung oder Residenzpflicht der Pfarrer müssen gelöst werden. Doch „Neue Perspektiven“ für die Kirche können sich hierdurch ebenso wenig ergeben, wie durch die Plakatwerbung. Um Zukunftshoffnungen zu haben, ist eine geistige Erneuerung notwendig, die weit über die angesprochenen Themen hinausgeht. Wir brauchen eine theologische Erneuerung, eine dringend notwendige Umkehr.
Was auf der Synode zu hören war, werte ich allenfalls als ein heiteres Stöhnen bei der Fahrt in eine immer leerer werdende Kirche. Und dabei denke ich nicht an abnehmende Zahlen von Besuchern oder Kirchenaustritte. Doch wer es sich so schön eingerichtet hat, wo es warm ums Herz wird, wenn vom Heiland gesprochen wird, einem historischen Wanderprediger, der in Wirklichkeit keine Bedeutung mehr hat, nur noch zur Interpretation moralischer Meinungen herhalten muss und persönlicher Erbauung, wer will da aussteigen? Jetzt wo der Verstand gerade erfasst hat, dass da nur ein besonders begabter junger Jude war, der nach seinem Tod verherrlicht, hellenisiert wurde, wer will sich da auf ein völlig neues Denkfeld begeben?
Wie mahnt Walter Saft in seiner Serie „Der Mensch als Christ“ im gleichen Kirchenboten: „Nicht loslassen, sondern Festhalten heißt die Parole in unserer leistungsbetonten Gesellschaft“. Ich habe in verschiedenen Texten darüber nachgedacht, warum dieses Festhalten an überkommenen Bildern und einem Buchstabenverständnis der Bibel für unseren bisherigen Glauben notwendig war. Doch jetzt scheint dieses Festhalten einem notwendigen Fortschritt im Weg zu stehen. Walter Saft: „Um die notwendige Reife zu erlangen, müssen die Menschen lernen loszulassen.“ Was für den Einzelnen im Hinblick auf sein Hab und Gut gilt, trifft in gleicher Weise auch für die heutige Theologie der Kirche zu. Wer ist bereit, einen Besitz aufzugeben?
Wenn unser pfälzischer Kirchenpräsident dazu aufruft, Mission zu betreiben, weil der missionarische Auftrag „integraler Bestandteil“ kirchlichen Lebens ist, dann will ich meine vermittelnde Aufgabe als „Protestant“ folgen. Laut Präsident Cherdon dürfe Mission nicht einengen und den Blickwinkel beim Lesen des biblischen Wortes verschmälern. Protestieren will ich z.B. gegen die jüngste Darstellung des Paulus im Kirchboten. Wer trotz all unseres Wissens um die historischen Umstände und geistesgeschichtlichen Hintergründe weiterhin ein solches Banalbild des aus jüdisch-hellenistischem Denken hervorgegangenen neuen theologischen Paradigmas zeichnet, der gibt denen recht, die den Glauben an Gott nur für eine Halluzination menschlichen Geistes halten.
„Höre Israel“ doch damit hat die sich in Moses ausdrückende Weisheit des hebräischen Monotheismus mit Sicherheit nicht die Worte eines alternden Predigers vor Augen und keinen blind nachzubetenden Traditionstext. In Jesus ist dieses Wort wieder lebendig geworden. In ihm wurde den Juden und Griechen bzw. der gesamten Welt das Wort offenbar. Im Logos war das verheißene Land gegeben. Doch wie sollen wir das wahrnehmen, wo wir es uns doch gerade mit dem historischen Wanderprediger so warm eingerichtet haben?
„Alles was ablenkt vom Verständnis des Wort Gottes“ ist von Übel“, so zitieren Sie in einem Kommentar im Kirchenboten die Väter der Reformation, die den Text über die Bilder stellten. Auch wenn ich heute befürchte, dass es gerade die in Buchstaben gemalten Bilder sind, die uns davor abhalten, als aufgeklärte Menschen den Schöpfervater zu verstehen, denke ich mich in der Tradition der Pfälzer Protestanten zu befinden. Heute geht es darum, mit dem uns von Gott gegebenen Vermögen das Wort neu zu verstehen, den Logos im Prozess allen Lebens wie beim Lesen der Bibel wahrzunehmen. Es geht um eine Reform, die den Wandel der Reformation weiterführt, die Menschen mündig macht, damit sie das Wort Gottes selbst verstehen können. In dem was wir um das natürliche Werden der Welt wissen, ist das Wort, die Vernunft des Schöpfers so deutlich zu hören, wie noch nie. Ein mündiges neues Verständnis des lebendigen Logos/Gotteswortes durch die Menschen selbst ist möglich. Nur darum geht es mir. Und dazu rufe ich um Hilfe bei allen, die sich in Sachen Kirche engagieren. Es geht keinesfalls darum auf das zu hören, was ich behaupte, sonder selbst neu verstehen. Nur hierzu will ich ermuntern.
Ich bin mir klar, dass all diese Kritik an heutiger Theologie und Kirche anmaßend und vermessen klingt. Doch angesichts eines immer gewisser werdenden Neuverständnisses vom Wesen unseres christlichen Glaubens, in dem ich das in allem Werden hörbare Wort/Logos erkenne, kann ich nicht anders. Die Unzulänglichkeiten bei der Artikulation meiner Gedanken und die vielen Fehler bitte ich zu entschuldigen.
Wahrscheinlich spielt nur mein Schläfenlappen verrückt (Bezug zu einem Text über den „Biologischen Beweis Gottes“ bzw. dem Bericht über den „Gedachten Gott“ der im Spiegel und in Kurzfassung auch im Kirchenboten zu lesen war.) und alles ist nur eine Halluzination. Sollte es so sein, bitte ich mir zu helfen.