Christologie: vom Mythos zum Logos

 

(ein noch in Bearbeitung befindlicher Text)

 

Überlegungen zur geistesgeschichtlichen Grundlage der Christologie als Wesen eines vernünftigen Glaubens, bei der das griechische Denken zur Sprache kommt.

 

Die Christologie, heute weitgehend  als überkommener Mythos betrachtet, soll als damals zeitgemäße,  vernünftige Ausdrucksform eines in der Antike neu entstandenen vernünftigen monotheistischen Gottesverständnisses begründet werden, das den Logos in menschlicher Gestalt als Gottessohn wahrnahm und so für Juden und Griechen gleichermaßen messianische Wirkung entfaltete, den Mythos zum lebendigen Logos führte. So soll der Weg zu einem unserer heute wissenschaftlichen Erkenntnis gerecht werdenden neuen Verständnis des Gotteswortes geebnet werden:  Christologie 2002, die neue Wahrnehmung des in aller Bio-logie lebendigen und in der Bibel bezeugten Logos in Menschengestalt als Wesen des christlichen Glaubens.

 

Die heutige Theologie liest einen Großteil der Texte des Neuen Testamentes als Mythen. Insbesondere die Christologie wird als hellenistische Überfrachtung eines sog. „historischen Jesus“ abgetan, der in den Augen der meisten Theologen nur ein junger jüdischer Wanderkyniker, Essener oder einer anderen Religionsgruppe entsprungener Reformjude war, der durch die Christologie mythologisch erhöht wurde. Gleichwohl es keinen Text über den heute als historisch betrachteten Jesus gibt, lt. theologischer Lehrmeinung alle biblischen und außerbiblischen Aussagen über Jesus vom sog. “Nachösterlichen“ ausgehen, wird die Hypothese eines einfachen Menschen hochgehalten, der als der eigentliche historische bezeichnet und durch seine Anhänger hochstilisiert, messianisiert wird. Obwohl alle neutestamentlichen und außerkanonischen Texten davon ausgehen, dass das Wort Gottes/der Sohn/die Weisheit Mensch wurde, behauptet die heutige Theologie das Gegenteil: Sie setzt trotz all des von ihr verbreiteten Wissens um die theologischen Hintergründe einfach weiter auf einen einfachen Menschen, der anschließend als Messias betitelt wurde. Unter der scheinbaren Ausschaltung allen Wissens um die ganzheitliche Weltsicht der Griechen, in deren Sprache und Geist uns die Texte des Neuen Testamentes überliefert sind und unter Missachtung deren großen, in langer Geschichte gewachsenen vernünftigen Welt- bzw. Gottesbildes, wie des eigenen gesunden Menschenverstandes, werden unsere Glaubenstexte einfach als fromme Märchen gelesen. Zwar wird von den Griechen, in deren Denken Wissenschaft, Kunst und Glauben ein festgefügtes Ganzes ergaben, in hellsten Tönen geschwärmt wird, doch geht man gleichzeitig davon aus, diese Denker wären wie einfältige Fromme aus unseren Tagen einem jüdischen Wanderprediger nachgelaufen oder hätten diesen als Logos verherrlicht. Ein Unding.

 

Die Einsichten in die für die Existenz des Kosmos wie des menschlichen Seins grundlegenden Gesetzmäßigkeiten einer höhere Ordnung/Vernunft, wie sie in den Dichtwerken Homers, in den Lehrsätzen eines Pythagoras, im Rechtsverständnis eines Solon oder in überragender Weise in der Theologie eines Platon noch deutlicher zum Ausdruck kommen, werden anerkannt. Doch darin das in Jesus aufgegangene Licht der Menschen wahrzunehmen, den fleisch- bzw. menschgewordenen Logos, davon ist man weit entfernt.

Die historisch haltlose Hypothese eines inzwischen zur Banalität herabgewürdigten Reformjuden, der nachweislich nur in Köpfen neuzeitlicher Theologen existiert, von dem wie die gleichen Theologen selbst längst sagen, keiner der antiken Texte handelt, steht dem Verständnis des lebendigen Wortes/Logos im Wege. Um einer beschränkten Vernunft gerecht zu werden, wird das angeblich historische Wesen Jesus zu einem einfachen Wanderprediger mit Ausnahmebegabung herabgewürdigt, der beliebig vor den Karren eigener Moralvorstellungen und Mein-ungen gespannt wird. Was bleibt ist der Missverstand von einem Menschen und dessen Mythos sowie eine nur den eigenen Maßstäben und nicht dem Wort Gottes/Logos allen Lebens gerecht werdende Moral/Verhaltenslehre. Religionsdogmen und biblische Aussagen, die nicht ins Bild dieser verkürzten Betrachtung passen, werden einfach über Bord geworfen, als alte Mythen abgetan, allenfalls als fromme Hoffnung oder blinde Übernahme alter Glaubensvorstellungen verstanden. Ein angeblich aufgeklärtes Denken opfert so dem Missverstand, statt den historischen Grund christlichen Glaubens zu verstehen und die für heute notwendige Konsequenz zu ziehen: Wissen und Glaube neu auf einen Nenner zu bringen, im naturwissenschaftlich nachweislichen Werden das Wort Gottes wahrzunehmen.

 

Während ein Teil der Theologen die Christologie als überkommen ablehnen, sich so dem Judentum nähern wollen und gleichzeitig versuchen, auf diese Weise die Geschichte der Urchristenheit verständlich zu machen, indem sie sich auf einen historischen Menschen als geistigen Ursprung beschränken, allenfalls vom „Auferstandenen“ sprechen und ausgehen, halten andere die Christologie bzw. Hoheitsfunktion des Heilandes, sein präexistentes Wesen weiterhin hoch. Doch auch hier wird der „Christus des Glaubens“ neben den geschichtlichen Menschen gestellt. Es entsteht so eine Art Miniaturausgabe Gottes, an die man einfach glauben muss. Der Christus wird so zum Mythos, allenfalls als Hellenisierung oder als Propaganda zur Verherrlichung des historischen Menschen gesehen. Solange wir einen historischen Menschen für das eigentliche Wesen halten, müssen wir den Christus/Messias als Mythos betrachten, kann die vom präexistenten Wort/Logos in Menschgengestalt ausgehende messianische Wirk-lichkeit nicht wahrgenommen werden.

 

Die menschliche Ausformung des Gotteswortes/Logos, die am Anfang unseres Glaubens vernünftiger Mittler zwischen Gott und den Menschen, vernünftige Offenbarung war, wird so zur Glaubensverhinderung. Denn wer will noch an Mythen glauben? Wer glaubt einer alten Religionspropaganda der Frühkirche, die aus ihrem menschlichen Gründer einen Messias machte? Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei, in denen die Menschen einem von Menschen verherrlichten Menschen vertrauen. Auch das traditionelle Gesetzes, das nach eigenen Meinungen und Moralvorstellungen ausgelegt, das lebendige Wort oft ins Gegenteil verwandelt, nimmt kaum einer mehr ernst. Die Vernunft ist gewachsen. Doch auch die Vernunft, den geschichtlichen Grund des christlichen Glaubens neu zu verstehen. Denn hierum geht es: das historische Geschehen der Vernunft nicht durch Reduzierung auf einen Menschen, sondern dem neuen Verständnis des Gotteswortes in einer damals zur Vermittlung notwendigen Menschenform zugänglich zu machen. Der Mythos - ob die angeblich wundersame Legendenerzählung aus dem Leben eines historischen Menschen, wie dessen Lebenslehen - soll keineswegs verleugnet, sondern kann als Ausdruck des Logos verstanden werden. Die vom Logos in Menschengestalt ausgehende messianische Wirkung ist zu begründen.

 

Doch geht es bei aller Lehre vom Logos nicht um messianisierendes, christologisierendes Menschenwerk. Der Logos um den es geht ist nicht dem Geist der jeweiligen Autoren entsprungen oder bezeichnet nur deren Lehren, sondern soll als vernünftige Ausformung eines in der Antike als realen Gotteswortes, einer alles Sein bestimmenden Weisheit verstand und somit eines realen Wesens nachgewiesen werden. Denn dessen neues Verständnis muss in Anknüpfung an das antike Urchristentum als Weiterentwicklung bzw. Erlösung des heute toten Gesetzesglaubens auf dem Programm einer zeitgemäßen Philosophie/Theologie stehen. Zwar ist ein Neuverständnis der alten Texte Folge und Voraussetzung. Doch im Vordergrund steht die neue Wahrnehmung des im Werden aller Natur wie menschlicher Geschichte lebendigen Gotteswortes, das für jedermann verständlich werden kann.

 

Nicht mehr der Glaube an menschengemachte Mythen, sondern der vom Schöpfer ausgehende Logos führen zum modernen, zeitgemäßen Gottesverständnis. Denn ein Glaube, der dem urchristlichen entspricht, schließt die Vernunft nicht aus, sondern begründet Gott aufgrund das Wissens um das in der Natur und Geschichte lebendigen Gotteswortes, das er den Menschen auf zeitgemäße Weise vermittelt, wissenschaftlich-empirisch begründet.

 

Hier soll der Nachweis erbracht werden, dass die Verfasser der uns bekannten Evangelien ebenso wie die der zahlreichen urchristlichen Texte im Rahmen der frühen theologischen Auseinandersetzung um das Wesen Jesus weit mehr vor Augen hatten als einen Menschen oder dessen Messianisierung im Sinne heutiger christliche Lehre. Die Ausformung des Gotteswortes/Logos in Menschengestalt soll auch als in damaliger Zeit vernünftige, weil zur Vermittlung notwendige menschengerechte Gestaltgebung begründet werden.

 

 

1.       Die moderne Theologie verherrlicht den Mythos vom Menschensohn statt den Logos Gottes

 

Was einzelne Theologen wie der Prof. für Neues Testament am renommierten Forschungszentrum in Clarmont (Kalifornien) auf den Punkt bringen, beherrscht in Wirklichkeit das gesamte theologische Denken unserer Zeit. In seinem Buch „Wer schrieb das Neue Testament“ hat Burton L. Mack radikale These vertreten, die den historischen Jesus völlig in den Hintergrund stellen und die gesamten Texte als Mythen, Verherrlichungen oder zeitgemäße Propagandaliteratur betrachten lassen. Auch wenn viele Theologen eine so radikale Sicht zumindest nicht offen wagen, so geht doch ein Großteil des modernen Denkens in die gleiche Richtung. Gleichwohl einerseits am Bild eines historischen Menschen herumgebastelt und wild entschlossen auch ohne wirklich historische Fakten festgehalten wird, glaubt die heutige Theologie, dass es sich bei der Christologie um einen Glaubensmythos handelt, der heidnisch-hellenistische und jüdische Überlieferungen harmonisieren sollte.

 

Auch viele Theologen, die Macks Thesen aufs schärfste verurteilen, sich wie z.B. der Heidelberger Hochschullehrer Gerd Thyson in seinem neuesten Jesusbuch weiter nur an einen historischen Menschen halten und die von einem Menschen ausgehende Messianisierung versuchen wissenschaftlich zu rekonstruieren, tragen zur Mythologisierung unseres Glaubens bei. Denn wenn es zum Beispiel stimmt, was der Paderborner Papyrologe Carsten Peter Thiede behauptet, dass es schon ganz frühe Augenzeugenberichte gibt, die synoptischen Evangelien vordatiert werden müssen, dann hätten Mätthäus & Co. nur ihren Guru nach dieser Lesweise schon bereits zu Lebzeiten als Mythos betrachtet. Noch zu Lebzeiten des angeblich historischen Menschen hätte er nachösterlich diesen zu Messias gemacht. Auf für Griechen völlig unvorstellbare Weise wäre ein einfacher Mensch zum Mythos hochgelobt worden. Für den Logos bleibt in diesem Denken kein Raum. Doch selbst Neutestamentler, wie der Heidelberger Prof. Klaus Berger, die die Einheit des Jesus und Christusbildes fordern, Johannes an den Anfang des Evangeliums stellen und nachweisen, dass es diesem um den im griechischen Denken genannten Logos ging, halten heute leider nicht mehr als einen Mythos in Händen. Solange nur ein reformierender Mensch das eigentliche historische Wesen bleibt, scheint für den Logos/die Vernunft kein Platz. Was bleibt ist ein Ruf nach Bewahrung des Mythos. Auch wenn Berger die mit dem Namen Bultmann verbundene Entmythologisierung der Bibel als Mythos betrachtet, auf einen frommen Mythos lässt sich heute kein Glaube gründen. So geht der christliche Glaube zu Grunde. (Was gleichzeitig Grund und Voraussetzung für einen Neube-gründung zu sein scheint.)

 

Notwendig ist nicht die Verneinung, sondern die Reaktivierung des Mythos durch die Realität des Logos bzw. des in der natürlichen Schöpfung als lebendig nachweisbaren Gotteswortes, das am Anfang stand und heute neu zu verstehen wäre. Die Betrachtung des antiken Denkens, die uns gerade Berger in seiner Neuübersetzung und -zusammenstellung des Neuen Testament zugänglich macht, zwingt uns, neu über die Grundlage unseres Glaubens nachzudenken. Es ist doch einfach absurd anzunehmen, das Auftauchen eines heute als historischer Jesus gezeichneter Reformjuden hätte im griechischen Kulturraum, in dem nachweislich die Verfasser der Texte lebten und dachten, eine solche Explosion an hochtheologischen Texten und Auseinandersetzungen ausgelöst. Und ebenso unmöglich ist es davon auszugehen, die damaligen Denker wären nur einem frommen jüdischen Mythos hinterhergelaufen, hätten nicht mehr als innere Stimmen oder alte Texte in ihren Händen gehalten und darauf einen neuen Mythos gegründet. Doch trotz aller wissenschaftlichen Auseinandersetzung damit, betrachtet die moderne Theologie die gesamte Christologie wie einen antiken Mythos.

 

Mack geht inzwischen soweit, nicht nur die Christologie, sondern das gesamte Neue Testament als einen Mythos zu lesen. Gehörte er noch vor kurzem zu den Hauptprotogonisten der „Kyniker“-These, die in Jesus einen Wanderphilosophen vermutet, so interessiert ihn der von seinen Kollegen hochgehaltene „historische Jesus“ heute überhaupt nicht mehr. Der amerikanische Religionswissenschaftler glaubt, dass die Faszination des „historischen Jesus“ längst zu einer erbaulichen Größe geworden ist. Mythenmacher waren nach Macks Ansicht am Werk, als das Neue Testament geschrieben wurde. Mit einem historischen Menschen hätte alles nichts zu tun. Und hier sehe ich viele Übereinstimmungen mit anderen Theologen, die sich als modern Vertreter des christlichen Glaubens verstehen. Paulus und seine Propaganda werden für die Christologie verantwortlich gemacht und somit weitgehend aussortiert, wenn nach dem wahren geschichtlichen Grund unseres Glaubens geforscht wird. Auch Johannes mit seinem hoheitlichen Jesusbild, der dann meist als christlicher Gnostiker abgetan wird, fällt dieser Sichtweise zum Opfer. Die gesamten außerbiblischen Texte, ob Apokryphen, antike Apologeten oder die als Kirchenväter anerkannte Theologen, die in höchsten Tönen vom lebendigen Gotteswort sprchen, brauchen dann nicht weiter betrachtet zu werden. Denn das alles wäre nur frühchristliche Propaganda, frommes Gerede, Mythologisierung...gewesen. Der Abbau führt so weit, dass von den eigentlichen Aussagen der Bibel ebenso wie der Unmenge teils neuentdeckter Texte nichts mehr bleibt. Alles sind dann nur Aussagen, die vom Auferstandenen ausgehen, keine geschichtliche Bedeutung hätten, Christologien. Nur für die, die an Mythen glauben, weiterhin auf Märchen setzten, bleibt die Bibel dann noch von Bedeutung. Eine gemeinsame Glaubensgrundlage ist so nicht mehr gegeben, die bleibt jedem persönlich überlassen.

 

Während streitbare Theologen wie Gerd Lüdemann aussprechen, was andere denken, dass es die Auferstehung eines Menschen nicht gegeben habe, alles nur nachgezeichnete alte Texte sind, halten moderne Hochschullehrer, wie der Heidelberger Michael Welker dagegen, dass die Auferstehung einer frommer Denkweise entsprungen sei, nicht als leibliche Wiederbelebung gelesen, sondern als Hoffnungen der Anhänger im Rahmen der Gemeindebildung nachgezeichnet werden müsse: ein Mythos eben. Und von diesem Auferstehungs-Mythos aus wird dann die ganze Christologie zum Mythos. Denn mit der zutreffenden Aussage der heutige Theologie: das gesamte Neue Testament sei vom Auferstandenen aus zu lesen, wird alles zum Mythos. Ein Neuverständnis des Schöpfungswortes/Logos, das sich in menschlicher Form ausdrückt, als die eigentliche Auferstehung zu verstehen, davon sind wir noch weit entfernt. Solange nur nach einem historischen Wandermystiker und seinen ihn mythologisierenden Anhängern als geschichtliche Grundlage christlichen Glaubens geforscht wird, wird dem Verstand der Weg versperrt, der lebendige Jesus verleugnet. Trotz alles Wissens wird an einem palästinensischen Märtyrer festgehalten, der fast ein Vorbild für die unzähligen Glaubensselbstmörder unserer Zeit sein könnte. Und der soll dann der einzige geschichtliche Grund unseres Glaubens sein! Wie können wir alten Griechen und antiken, von schöpferischer Weisheit schwärmdenden Juden so etwas zumuten? Wie können wir heute das glauben?

 

Wer wie ich, die Aussagen des Neuen Testamentes und erst recht die frühchristlichen Texte als vernünftige Ausdrucksform des Logos belegen will, wird heute nur ein müdes Lächeln ernten. Längst scheint den Theologen klar zu sein, dass es keinem der Verfasser um die Lebensbeschreibung eines Menschen geht, den sie allerdings nach wie vor für das eigentliche Wesen des christlichen Glaubens halten. Die gesamte Christologie wird längst als Mythos oder als propagandistische Verherrlichungsrede begriffen. Was nützt es daher, wenn ich versuche mühsam nachzuweisen, dass die Aussage der theologischen Briefe und Evangelien nicht von einem Menschen mit Namen Jesus ausgingen, sondern vom lebendigen Logos und dessen Leiden beschrieben, wenn alles längst als Mythos betrachtet, als fromme Hoffnung abgetan wird? Was sollen alle Überlegungen, die die Leben Jesus Erzählungen der Synoptiker im neuen Licht erscheinen lassen, wenn der Theologie längst darüber lächelt, ihr klar zu sein scheint, dass mit all dem was in der Bibel zu lesen ist, nicht das Leben eines historischen Menschen beschrieben wird, sondern ein Glaubensmythos? Doch warum wird weiter nur ein historischer Mensch verherrlicht, dessen theologische Bedeutungslosigkeit längst belegt wird und über dessen Existenz wir nichts wissen?

 

Der Logos, der dem vermeintlichen Mythos zugrund liegt und der sich nicht auf menschliche Lehrmeinungen oder ein Aufwärmen alttestamentlicher Aussagen beschränkt, bleibt so verborgen. Solange wir den Wanderprediger als eigentliches Wesen sehen, wird der Logos/das lebendige Gotteswort verleugnet.

 

Der ehemalige Spiegelherausgeber Rudolf Augstein hat angesichts der heutigen theologischen Lehrmeinung in seinem neuen Buch „Jesus Menschensohn“  zurecht das gesamte Neue Testament als Menschenwerk, Legendensammlung zur Verherrlichung von menschlichen Lehrmeinungen analysiert. Der christliche Glaube löst sich damit auf. Glaube ist dann allenfalls noch eine für manche Menschen sinnvolle Halluzination. Wo Gott als Vater, Erzeuger des vernünftigen Werdens ausgedient hat, gibt es nur noch einen gedachten Gott, eine Projektion menschlicher Moralvorstellungen oder frommer Philosophie. Gott bzw. der Glaube an ihn ist dann nur bestimmten menschlichen Hirnwindungen, eventuell einer Überfunktion des Schläfenlappens zu verdanken, wie unlängst im Spiegel versucht wurde nachzuweisen. Glaube ist dann nicht das reife Produkt eines Denkvorganges, der im gesamten Prozess kosmischer Bio-logik einen Logos als Gottes-zeugnis wahrnimmt, wie das unsere Kirchenväter in ihren durchaus unterschiedlichen Christologien vertreten, sondern entsteht aus der Fehlschaltung bestimmter Hirnfuntkionen. Denn wenn es stimmen würde, was die heutige christliche Theologie von ihren eigenen Wurzeln denkt, wäre alles nur Menschenwerk, allenfalls ein zu erhaltender Mythos.

 

Doch der als Kritiker der Kirche bekannte Augstein, der sich bereits seit seiner Inhaftierung im Rahmen der legendären Spiegelaffäre intensiv mit der Jesusfrage beschäftigte, scheint denen, die er kritisiert auf den Leim gegangen. Auch er klebt fest am Bild eines historischen Menschen. Wie die von ihm kritisierten Glaubensvertreter übersieht er den schöpferischen Logos, der den gesamten Texten zugrunde liegt und der weit über einen von Menschen verfassten Mythos hinausgeht. Denn gerade das scheint das eigentliche Wesen des Neuen Testamentes auszumachen: Es geht nicht um einen Mythos, sondern einen vernünftig nachvollziehbaren Glauben. Keine unerklärlichen Göttergestalten und keine menschlichen Meinungen, sondern ein vernünftiger Grund begründen den christlichen Glauben. Nicht antike Menschen oder alte Texte, die nur von Menschen neu interpretiert werden, sondern das schöpferische Wort, der Logos Gottes waren Grund eines neuen Glaubens, der an in der bekannten Gestalt an das alte jüdische Gottesverständnis anknüpfte. Durch den selbst taub gewordenen jüdischen Gesetzesglaube an den einen Schöpfergott wurde griechische Geisteswissenschaft erst zu ihrer Blüte gebracht. Wenn uns der Logos als Wanderprediger vorgestellt wird, dann war dies ein notwendiger Weg, um zwischen Gott und den Menschen zu vermitteln, entsprach also ebenso höchster Vernunft. Heute wäre es vernünftig, über den vermenschlichten Jesus und die als Mythos gelesenen Bibeltexte hinaus in allem natürlichen Werden wie in menschlicher Geschichte neu das Wort zu verstehen.

 

Im Gegensatz zur modernen Theologie gehe ich nicht von einem Mythos aus, der vor 2000 Jahren von Menschen zur Verherrlichung eines Menschen oder deren Lehrmeinungen verfasst wurde, sondern will versuchen, den Logos/das schöpferische Wort in historischer Menschengestalt als Grund christlichen Glaubens neu erfahrbar/verständlich zu machen.

 

Ich denke, dass inzwischen auch klar sein dürfte, dass es dabei nicht um eine Bibelfrömmigkeit geht, die blind die alten Texte bewahren will. Denn in dem oben beschriebenen urchristlichen Sinne können nicht Traditionstexte – alte Gesetze - die Glaubensgrundlage sein, sondern das vom Schöpfer im Prozess allen Werdens gesprochene lebendige Wort, das sich mit Hilfe der alten Textzeugnisse neu entschlüsseln lässt. Weil aber auch den Traditionstexten wie den außerbiblischen Mythen der schöpferische Logos zugrunde liegt, bewahrheiten sich die alten Aussagen erst in einem neuen Verständnis. Nicht Abbau von biblischen Aussagen, Reinigung von Mythen, wundersamen Erzählungen, sondern deren neues Verständnis und gleichzeitig Erfüllung stand auf dem Plan urchristlicher Theologie und kann neue Tagesordnung sein.

 

 

 

2.       Das griechische Denken als vernünftige Begeisterung und Begründung des jüdischen Glaubens

 

Um zu belegen, welche Vernunft dem neuen christlichen Gottesverständnis zugrunde liegt, bedarf es der Betrachtung der griechischen Denkweise. Denn längst ist doch bekannt, dass fast alle Aussagen über Jesus und den christlichen Glauben nicht nur griechisch geschrieben, sondern auch vom griechischen Denken geprägt sind. Der gesamte Kulturraum, von Alexandrien bis Antiochien, kann nicht von Athen abgetrennt betrachtet werden. Auch wenn, wie wir in der frühchristlichen Diskussion nachlesen können, die Vorstellungen verschieden waren, so war doch auch dort, wo heute die Heimat des „historischen Jesus“ vermutet wird vom griechischen Geist geprägt.

 

Wenn trotzdem Jesus als aus dem Geschlecht Davids kommend gesehen wurde, keine neue Religion, sondern die Neubelebung des Judentums das urchristliche Bestreben war, dann belegt dies keine Gegnerschaft zu einem vernunfterfüllten griechischen Denken, sondern ist ein Neuverständnis des hebräischen Kultes vorausgegangen, wie wir es bei Philo nachlesen können. Der griechischen Philosophie unterstellen zu wollen, sie hätte einfach eine fromme jüdische Mythologie aufgrund deren Texte betrieben, wie dies letztlich die derzeitige Theologie tut, stellt den griechischen Geist auf den Kopf. Auch die Verherrlichung, Mythologisierung eines Menschen, wie dies bei heutiger theologischer Betrachtung geschehen sein müsste, erscheint völlig undenkbar.

 

Wenn ich mir erlaube, als Titus Überlegungen anzustellen, von welcher Sichtweise der Welt die Verfasser der christlichen Texte ausgingen, so bitte ich dies nicht als Anmaßung zu betrachten. Doch vieles lässt sich lockerer  ausdrücken und in einer dem Titus möglichen Polemik besser auf den Punkt bringen.

 

Gleichzeitig will ich damit der antiken Schreibweise gerecht werden, in der die Namen der Verfasser nichts mit deren familiärer Abstammung zu tun haben, sondern es selbstverständlich war, im Namen bestimmter Denkweisen, philosophisch/theologischer Programme zu schreiben, die auf diese Weise personifiziert wurden. Familiennamen im heutigen Sinne spielten dabei keine Rolle und doch ist die Persönlichkeit des Verfassers eine Realität, hat der Name einen realen Grund, der weit über einen einzelnen Menschen hinausgeht. (Das Festhalten an menschlichen Einzelpersonen und verwerfen von angeblichen Pseudoverfassern, die nicht in dieses banale Bild des vermeintlichen Geschichtsablaufes passen, ist nur noch lächerlich, gleichwohl es sehr ernst Folgen hat.)

 

Dabei spielt auch eine Rolle, dass die Gedanken zu einer solchen Betrachtungsweise in Griechenland entstanden sind. Konkret war es auf Kreta: Angesichts einer großartigen Geistesgeschichte, lebendiger Zeugnisse einer Kultur, für die die christliche Religion weder Zufall noch Rückfall in Mythen gewesen sein kann und keine fromme Frühkirchenpropaganda, was sie bei heutiger Lesweise wäre.

 

Anstoß als Titus aufzutreten gab auch der Besuch einer nach diesem Paulusschüler genannte Kapelle, entstanden im 6. Jahrhundert innerhalb eines Palastes der Minäer, die frühe Zeugen eines hochstehenden und wie ich denke, für ihre Zeit vernünftigen Kultes sind. Auch ist die Titusbasilika auf minäischen Urgrund ist m.E. nicht zufällig aus einem Apollo- oder Artimestempel herausgewachsen. In den Steinen spricht eine geistesgeschichtliche Entwicklung, die ich versuchen will als Titus – Schüler eines neuen christliche Paradigmas – nachzuzeichnen. Denn ich denke, dass Paulus, der zusammen mit Titus Kreta besucht haben soll und dessen Name ich als Synonym für verschiede Verfasser eines neuen monotheistischen Paradigmas lese, wirklich auch auf Kreta war. Der sich in Paulus ausdrückende neue auf die Vernunft/den Sohn Gottes gründende Glaube an einen Schöpfergott hat im gesamten griechischen Kulturraum geblüht und geistige Früchte hervorgebracht, an denen wir bis heute zehren.

 

 

Titus an die christliche Theologie

 

An alle Theologen, die Christus nur als Mythos betrachten,

ebenso an solche, die denken, dass ein einfacher Mensch das eigentliche Wesen des christlichen Glaubens war!

 

Wenn ich Titus mich zu Wort melde, will ich an dieser Stelle keine Lesehilfe zu dem nach mir benannten neutestamentlichen Brief geben, der mich als Schüler des Christologen Paulus auszeichnet. Vielmehr verstehe ich mich als Grieche und will aus dieser Perspektive dazu anregen, die Christologie und somit das Wesen des Neuen Testamentes besser zu verstehen, mit Missverständnissen aufräumen.

 

Mir liegt es fern, Euch über die groß Kulturgeschichte der Griechen zu belehren. Das alles gehört zu Eurem Bildungsschatz, ist Stoff Eures Wissens, das besser als es uns möglich war, die Zusammenhänge der griechischen Naturphilosophie, ihre Ableitung aus vorhergegangenen Weltbildern und die Weiterentwicklungen erkennen kann. Auch wisst Ihr, dass es seit Sokrates unser Ziel war, den alten Mythos mit neuem Leben zu erfüllen. Der Logos als unser Lehrer war dabei keine mythologische Größe. Erstmals von Heraklit wurde dieser Begriff für eine den gesamten Kosmos beherrschende geistige Kraft gebraucht, die sich in aller Kreation ausdrückt ohne darin aufzugehen. Weit mehr als Urprinzipien und abstrakte Ideen hat dieser Logos in der von mir vertretenen „christlichen“ Lehre eine begreifbare menschliche Gestalt angenommen. Etwas altgeschwollen gesagt: „Gott hat seinen Sohn zu den Menschen geschickt“. Doch das alles ist hier noch nicht das Thema. Ich will es den im Anschluss „zu Wort“ kommenden frühchristlichen Theologen überlassen, selbst Aussagen zu ihren Texten, ihren theologischen Auseinandersetzungen um das Wesen des Logos/Gottes- und Menschenwortes und die notwendige Weise seiner Menschwerdung zu machen.

 

Vielmehr will ich die Missverständnisse Eurer Christologie gerade im Hinblick auf uns Griechen überwinden. Es will mir einfach nicht in den Sinn, wie Ihr als Bildungsbürger des 3. Jahrtausend davon ausgehen könnt, wir Griechen hätten im Rahmen der Christologie nur eine neue propagandistische Mythologie entworfen. Nichts wäre uns ferner gelegen. War es doch wie Ihr wisst das große Anliegen unseres gesamten Denkens, die eigene mythologische Götterdämmerung zu überwinden. Alles was wir als griechische Philosophie betrieben und von Euch immer wieder zitiert wird, muss doch in Wirklichkeit als Weg zu einer vernünftigen Theologie betrachtet werden. Dabei haben wir Homer als Verfasser unserer alten Mythen sehr geschätzt, hat er doch erstmals Ordnungsmuster in den Götterhimmel gebracht. Das schöpferische Zusammenspiel der Götterwesenheiten wurde in den alte Mythen den Menschen verständlich gemacht. Was Ihr psychologische Schwächen und Probleme nennt, wurde bereits in unseren alten Mythen verarbeitet. Längst bevor Eure schlauen, sich oftmals über den Glauben hinwegsetzenden Psychotherapeuten die Probleme menschlichen Zusammenspieles ergründeten, hat sich ein Urwissen darüber in unseren Göttermythen niedergeschlagen. Da aber altes Wissen um das menschliche Zusammenspiel und das Werden der Welt nicht aber nur ein banales Märchen war, sondern in den Euch bekannten Mythen auf göttliche Wesen bezogen und ein übergeordneter Sinn gesehen wurde, lässt sich bereits in Homers Erzählungen ein Logos herauslesen. Wir haben daher unsere alten Mythen nicht einfach abgelehnt, für überholt erachtet, sondern durchaus ihren Sinn, ihre Logik gesehen. Und doch ging es uns Griechen der Zeitenwende um eine Erneuerung der Glaubensgrundlage. Waren unsere Naturphilosophen nicht bereits schon lange vor Platon auf der Suche nach einer Vernunft, einem Logos, der außerhalb des Menschen lag, sich im gesamten kosmischen Geschehen ausdrückte und Leitlinie für menschliches Leben sein sollte? Hatte doch Platon in seiner Ideenlehre bzw. seiner gesamten Philosophie nichts anderes im Sinn als eine Theologie, die sich aus einer übergeordnete Vernunft ableitete.

 

Wie könnt Ihr nun aber uns, die Verfasser der neutestamentlichen Texte, die ihr gleichzeitig als Platonisten bezeichnet, einfach als Mythenmacher abtun? Wäre es nicht ein Unding anzunehmen, wir hätten einfach alte jüdische Texte mit unseren philosophischen Vorstellung vermengt, neue Mythen entwickelt, um unseren Zeitgenossen den jüdischen Glauben besser verkaufen zu können. Vielmehr haben wir die wahre Vernunft des Glaubens der alten Hebräer und des Monotheismus der Propheten erkannt.

 

Auch ist es absurd davon auszugehen, wir hätten einfach den jüdischen Glaubensvorstellungen blind unsere Philosophien übergestülpt. Doch das wäre die Konsequenz Eures Denkens von unserer Christologie. Warum traut Ihr Theologen uns keine vernünftige Theologie zu? Nur weil ihr, gefangen in einem Gesetzesglauben unfähig geworden seid, im wissenschaftlich nachgewiesenen Werden der Welt Gotteswirken wahrzunehmen könnt Ihr scheinbar nicht einsehen, dass unserem Glauben vom Wissen um eine Vernunft war, die von Gott ausging und alles bewirkt.

 

Auch wenn unsere alten Mythen von einem vernünftigen Monotheismus, wie er sich in Moses ausdrückt, noch weit entfernt waren, so sind doch auch in unseren Mythen viele Vorstellungen eingeflossen, die auf das frühe Verständnis eines vernünftigen Werdens schließen lassen, wie sie in noch hervorragender Form bei den Hebräern bereits zu finden war und theologisch umgesetzt wurde. Im Rahmen unseres das Werden der Welt ergründenden philosophisch/theologischen Denkens haben wir im Laufe der Jahrhunderte vor Jesus neu eine alles be-stimmende Vernunft erkannt, die bei den Hebräern bereits als Stimme, Wort oder Weisheit des einen selbst unbenannten und unsichtbaren Gottes verstanden wurde. Wenn wir Griechen in Alexandrien, Antiochien wie Athen von der hebräischen Denkweise und dem monotheistischen Glauben begeistert waren, die alte Texte von Moses, den Psalmen und Propheten übersetzten und sie versuchten der Welt verständlich zu machen, dann könnt ihr uns doch nicht als blinde Buchgläubige abtun, die dann rund um einen Reformjuden einen Mythos aufgebaut hätten. Nichts wäre uns ferner gelegen. Der bereits lange vor uns aus David von Abraham abgeleitete Logos des hebräischen Glaubens war Gegenstand unseres Glaubens, von dem die Geschichten des Neuen Testamentes berichten. Und auch dass dieser Logos eine Menschengestalt annahm ist kein Mythos im heutigen Sinne dieser Bezeichnung. Die gesamte Geistesgeschichte muss betrachtet werden, um zu erfassen, warum der Logos eine menschliche Gestalt annehmen musste, es vernünftig war – der Menschenlogos folgte somit dem Gotteslogos – um zwischen Gott und den Menschen vermitteln, einen Glauben begründen zu können.  Was Ihr als Evolution bezeichnet war für uns der Ort, wo sich das Wort Gottes sichtbar zeigte. Und Tauglichkeit setzt sich durch, auch in der Theologie. Eine Sonntagspredigt, die vom Gehorsam des Sohnes gegenüber dem Vater, dem Kreuzestod und Auferstehung spricht, ohne den Logos mitzulesen, sondern nur einen Menschen und dessen Mythos vor Augen führt, ist untauglich geworden. Die Aufgabe von Euch Theologen wäre es, den von uns wie den Vätern des monotheistischen Glaubens verstanden Logos, des wahren und ewig wirkenden Gotteswortes neu verständlich zu machen.

 

1.        Vom großen Geist, in dem ein neuer Glaube gewachsen ist

 

Wie bereits gesagt, liegt es mir fern, Euch über die griechische Geschichte zu belehren. Die große geistige Vergangenheit des antiken griechischen Denkens könnt ihr weit besser überblicken, als es mir damals möglich war. Eure Lehrbücher sind voll davon. Und kaum ein moderner Schreiber, der nicht Zitate unserer Zeitgenossen gebraucht, sich auf Aussagen der alten Griechen beruft. Ob naturwissenschaftliche Thesen vorgestellt werden oder geisteswissenschaftliche Überlegungen, mit großem Stolz werden die neuen Erkenntnisse oft mit Aussagen der antiken Griechen in Verbindung gebracht.

 

Ihr wisst um die Herkunft des hellenistischen Kultes. Ihr kennt die Minäer und Dorer, die bereits 2000 Jahr vor uns in einem für damalige Zeiten fast unvorstellbaren Fortschritt eine Hochkultur mit handwerklichem Geschick entwickelten. Doch wenn Ihr Knosos oder  Gortys besucht und die Fähigkeiten unserer Vorfahren bestaunt, dann wird kaum an den Kult, die Gottesanbetung gedacht, die den damaligen Fortschritt und alle bestaunenswerten Fähigkeiten erst hervorbrachte. Ihr wisst, in welch engem Kontakt wir mit der ägyptischen Hochkultur standen, die Ursprung des hellenistischen Geistes und aus der sich auch die Hebräer befreien ist. Und Ihr forscht eifrig über den Austausch zwischen Orient und Okzident, der an der Wiege Europas stand.

 

Je mehr Euch heute die Logik, der Sinn der alten griechischen Mythen bewusst wird, desto mehr müsst Ihr doch hinter allen Mythen den Logos erkennen, auf den die von uns verehrten Kulturen gründeten. Gerade auf Kreta wird doch die vernünftige Kreation Gottes in besonderer Weise augenfällig. Ihr wisst, das es nicht einfach schöne Geschichten waren, wenn z.B. von Zeus und der Zeugung der Königstochter Europa berichtet wird. Die alten Mythen machen Sinn, geben auf bildhafte Weise einen geistesgeschichtlichen Vorgang wieder, eine verdichtete höhere Wahrheit.. Liegt es da nicht auf der Hand, dass auch wir dem von uns als real gesehenen schöpferischen Logos eine menschliche Gestalt als Gottessohn geben mussten. Nicht in Fortsetzung einer Götterdämmerung, die einfach naturverehrenden, pantheistischen Götterglaube auf jüdische Geistesgebilde übertrug bzw. zur Verherrlichung eines jungen Guru verwendete. Denn nicht der Mythos, sondern der Logos war das Thema der Theologie unserer Tage, für die ich als Titus stehe. Nichts wäre uns ferner gelegen, als einen Menschen zum Mythos zu machen und gar darauf den Glauben gründen zu wollen. Wir

Ist nicht auch Zeus dem Mythos zum Opfer gefallen?

 

Dass all dieses Denken erst auf der Weg war zu einer vernünftigen Erkenntnis des einen Schöpfergottes und Vaters war, braucht Ihr mir nicht vorzuhalten. Mir ist bewusst, dass der Mutterkult, ob bei den Minäern oder in den Göttertheorien erst eine Vorstufe zur Erkenntnis des einen Schöpfervaters darstellt. Doch warum ihr denkt, wenn wir von Gott als Vater sprechen, hätten wir nur den Vater eines jungen Juden und angeblichen Messias im Sinn, der alten jüdischen Denken entsprach bzw. einen Mythos, ist mir unvorstellbar. Längst werden in den Seminaren Eurer Volkshochschulden ganzheitliche Theorien, wie die im Zusammenhang mit der Muttergöttin Gaja, gelehrt. Und all dieses Denken wurde uns in die Wiege gelegt, war Voraussetzung, um das schöpferische Wort des einen Vaters des Himmels und der Erde in seinem vernünftigen Handeln zu verstehen.

 

Und Ihr erkennt auch, wie sich unser Denken entwickelt hat, ihr blättert in unseren Büchern seit Anbeginn unser Auseinandersetzung mit dem natürlichen Werden. Ihr wisst, dass es unser Anliegen war, in der natürlichen Entstehung der Welt eine übergeordnete Wahrheit zu sehen. Nicht mythischer Götterkult oder verspielter philosophische Selbstzweckmetaphysik, sondern eine aus einer übergeordneten Vernunft abgeleitete, vernünftige Theologie war nicht nur Sokrates Anliegen, sondern Ziel der von Euch verehrten antiken Denker. Doch gerade deswegen erstaunt es mich, wie Ihr über all das, was ihr über die Herkunft unseres Denkens wisst, bei der christologischen Forschung so einfach hinweggehen könnt. Ist Euer Griechischstudium, die Auseinandersetzung mit unserer Philosophie nur Selbstzweck, Studienverschwendung? Sind Eure Bildungsreisen nur purer Zeitvertreib? Was soll es, wenn Heerscharen von Theologen sich mit ihren Gemeindegliedern sich auf die Spuren des Paulus begeben und dabei nur den Reisebericht eines angeblich christologisierenden Mythenmachers nachvollziehen? Den Weg, den das neu aus dem hebräischen wie dem griechischen Denken erwachsenen Gotteswortverständnisses damals nahm, bleibt so verborgen. Angesichts der Einfältigkeit, mit der Ihr uns zeichnet, habe ich mich schon oft im Grab gewendet. Es kommt einem das Grauen zu hören, was ihr von uns Griechen denkt. Gleichwohl Ihr wenn Ihr durch die Ausgrabungsstätten zieht davon schwärmt, wie aus dem Zusammenprall der verschiedenen Kulturen sich geistige Kreativität entwickelt hätte, eine schöpferische Kraft freigesetzt worden wäre, wird die christologische Konsequenz unseres Denkens als frommes Märchen gelesen. Alles, was nicht in Eurer einfältiges Denken passt, wird als Mythos abgetan.

 

Gleichwohl Ihr selbst in Euren Volksmärchen einen Sinn seht, auch über unsere hellenistischen Mythen hochintelligente Betrachtungen fertigt, so die Vernunft nachweist, die selbst dem alten Denken vor unserer Zeit zugrunde liegt, scheint der Christusmythos in Euren Augen nur eine fromme Erfindung, religiöse Verherrlichungsrede.

 

Und wenn Ihr in diesem Zusammenhang vom Mythos sprecht, dann bleibt nichts, was historischen Wert hat, nichts, was noch heute eine wirklich messianische Wirkung entfalten könnte. Doch wenn wir vom Logos in Menschengestalt als einem Messias für Juden und Griechen gleichermaßen gesprochen haben, dann nicht im Sinne der Verherrlichung eines Menschen, dessen Mythologisierung, sondern sind von einer realen messianischen Wirkung ausgegangen, die vom Wort in Menschengestalt ausging. Doch all das, was wir Wort/Logos nannten, wird von Euch nicht mehr gelesen. Ihr tönt zwar, man müsse im Kontext der damaligen Kultur verstehen. Doch was dabei als historischer Jesus herauskommt, ist nur ein uneheliches Kind, das eine Palästinenzerin einem Handwerker mit Namen Josef unterschob. Und den hätten wir dann verherrlicht. Die ganze Rechnung Eures Denkens um die christliche Geschichte macht Ihr ohne uns Griechen und unseren Geist. Wie wenn wir nicht gewesen wären, es keine griechische Kultur gegeben hätte, die in kreativer Symbiose mit dem hebräischen Monotheismus zu einer modernen, fortgeschrittenen Form der Erkenntnis geführt hätte.

 

Was denkt Ihr Euch eigentlich dabei, uns einen solchen Schwachsinn zu unterstellen. Wenn es nur Eure eigenes Unwissen wäre, das Euch veranlasst, auch uns des Unverstandes zu bezichtigen, so wäre dies noch zu verzeihen. Doch vielmehr muss ich eine theologische Anmaßung und Überheblichkeit erkennen, die einfach davon ausgeht, wir Griechen wären geistig zurückgeblieben gewesen. Denn anders ist Euer Denken über unsere Trinitäts-Theologie bzw. Christologie kaum zu verstehen. Wie könnte Ihr die schöpferischen Tat-sachen, den Logos, auf denen sich unsere Lehren vom Vater, Sohn und dem heiligen Geist gründeten einfach beiseite schieben und nur die Verherrlichungen alter Texte oder menschlicher Personen sehen?

 

2.        Den Logos des Mythos verstehen

 

Wenn Ihr den Begriff Mythos gebraucht, dann schwingt dabei die Un-wirklichkeit mit. Es geht dann weder um historisch wahre Begebenheiten, noch eine inhaltliche Wirklichkeit. Die wahrhaftige Biografie von realen Wesen sind so gesehen nicht das Thema von Mythen. Vielmehr werden die Mythen als ausschmückende Überzeichnungen, menschliche Geistesgebilde gelesen, die oft in der Schublade der Erbauungsliteratur abgelegt werden. Leichtfertig werden die Mythen als fromme Märchen abgetan, ohne sie als bildhaften Ausdruck einer nur so zu vermittelnden Wahrheit zu erkennen. Während selbst alte Märchen als sinnvolle Volksweisheiten entschlüsselt werden, wird der Mythos weiterhin als eigentlich unwahr betrachtet. Und genau hier zeigt sich das Problem Eurer Mythologisierung des Neuen Testamentes. Statt die Inhalte zu bewahr(heit)en, wird purer Abbau betrieben.

 

Wenn wir uns mit unseren Mythen auseinandergesetzt haben, dann hat dies nicht zur Ablehnung, dem Abbau der hellenistischen Mythen geführt, sondern zu einem neuen Verständnis des zugrunde liegendenden Wesens. Was den Besuchern des alten Griechenland und besonders von Kreta auf Schritt und Tritt vor Augen geführt wird, ist eine Form von Theologie, hinter der sich weit mehr verbirgt als Erbauungsliteratur oder Heldenepen zur Verherrlichung irdischer Wesen. Das sich im monotheistischen Mythos von Moses ebenso wie dem der hellenistischen Göttergestalten ausdrückende Gotteswort galt es für uns in der Antike im lebendigen Prozess des realen Werdens zu verstehen. Und auch unsere Metaphysik war kein Mythos, sondern eine unserem damaligen Weltbild entsprechende Wissenschaft vom Werden der Dinge, indem wir genau dieses Wort, den Logos verstanden, der auch als Gegenstand des Kultes der Vergangenheit erkannt wurde. Hiervon ging die Reform unseres Gottesverständnisses aus, nicht von religiöser Verblendung oder einem jungen Reformjuden, wie dies doch allen Ernstes an Euren Hochschulen gelehrt wird. Ich denke, dass es für ein Verständnis unser Texte, wie sie u.A. im Neuen Testament zu finde sind, von großer Wichtigkeit ist zu begreifen, wie wir die alten Überlieferungen verstanden haben. Die diesen Texten zugrunde liegende Vernunft galt es in neuer Form fleischwerden zu lassen.

 

Es würde hier zu weit führen, Euch den Logos der griechischen Mythen aufblättern zu wollen. Auch wäre es Eulen nach Athen tragen, Euch Theologen darüber belehren zu wollen, dass unsere Mythen keine erbauliche Dichtung, sondern eine Verdichtung theologischer Weisheit darstellten. Ihr wisst doch besser als wir, dass die schöne Helena kein junge Frau war, die von Homer verherrlicht wurde und sich im Beziehungsgeflecht der zahlreichen Götter in vermenschlichter Form das menschliche Zusammenleben ebenso wie die Beziehung zu übergeordneter Sinngebung zeigte. Was auf den ersten Blick als chaotische Schicksalslenker zu sehen war, lässt sich bei genauerer Betrachtung doch längst als logisches Zusammenspiel verstehen. Ordnung im Götterhimmel zu verstehen, für die letztlich der Göttervater Zeus stand, das war Homers Verdienst. Höhen und Tiefen der menschlichen Psyche und ihr Bezug zur theologische Ordnung war das Thema der Epen. Die Neigung bzw. Notwendigkeit göttliches Handeln in vermenschlichter Form zu vermitteln ist bei den monotheistischen ebenso wie den hellenistischen Erzählungen zu erkennen. Und so kann nachvollzogen werden, warum auch von uns die schöpferische Vernunft/der Logos/das Gotteswort in menschlicher Form zu vermitteln war. Der Gottessohn musste eine menschliche Gestalt annehmen, um als Messias wirksam zu werden. Uns ging es weder darum, nur den in für verschiedene Göttergestalten verwendeten Gottessohnstitel oder Inhalte alter Göttermythen auf einen Reformjuden zu übertragen oder diesem ein theologisches Geistesgebilde überzustülpen, wie ihr unsere Christologie verkürzt. Vielmehr müsst Ihr doch unser ganzes philosophisches Denken, das sich u.A. in Stoa oder bei Epikur ausdrückt mitbedenken. Ihr wisst doch, dass es der Logos war, der Gegenstand der verschiedenen philosophischen Lehren war. Wieso sollten wir angesichts dieser philosophischen Erkenntnis uns blindwütig einem Mythos auf einen Menschen hingeben. Der in unseren Philosophien nachgewiesene Logos wurde als Gottessohn bzw. in Menschengestalt lebendige Wort gesehen. Nirgends steht, dass ein Mensch verherrlicht, mythologisiert wurde. Das ist allein Eure Lehre. All unsere Aussagen, ob im Neuen Testament oder in sonstigen philosophischen Texten gehen davon aus, dass der Gottessohn Mensch wurde. Diese Tatsache wird von Euch einfach verkehrt und als Mythos abgetan.

 

Einschub:

 

An die feministische Theologie,

 

was soll Euer Gezanke, um die Geschlechtlichkeit Gottes oder seines Sohnes? Gleichwohl es sinnvoll ist, die unterschiedlichen Wesenheiten der verschiedenen Vorstellungen, die sich hinter den „männlichen“ und „weiblichen“ Bezeichnungen verbergen, bewusst zu machen, sollten doch erst die gemeinsamen Grundlagen nachzuweisen. Wenn wir über männlich und weiblich im philosophisch-theologischen Sinne nachdenken, sollten wir uns von der heutigen Vorstellung dieser Begriffe befreien, die nur die menschlichen Wesen, Mann und Frau gegeneinander stellt. Denn das war nicht unser Thema. Vielmehr waren unsere Überlegungen philosophischer bzw. theologischer Art: z.B.

Ist das hervorbringende Wesen identisch mit Gott oder ist vielmehr ein hinter allem sichtbaren Geschehen stehender Schöpfer das göttliche Wesen?

Geht es beim Logos nur um die Lehre der menschlichen Verfasser, die dem Wort zum Ausdruck verholfen haben oder steht auch dahinter ein schöpferischer Geist, ein Vater, von dem alles ausgeht? Haben die Verfasser somit nur ihr eigenes Wort aufgeschrieben, eine ihrem Geist entsprungene Beliebigkeit oder haben sie das schöpferischen Wort selbst verstanden und ausgedrückt?

 

Ihr verlangt, dass die Weisheit, die am Anfang stand, aus der alles hervorging und die bis heute alle Welt im Innersten zusammenhält als weibliches Wesen bezeichnet wird. Sie sei in die Vorstellungen der verschiedenen Religionen eingeflossen, ihrem Walten sei Ausgleich und Harmonie zu verdanken, kosmisches und irdisches Sein werde durch diese Weisheit bestimmt, die im Symbol des Kreises zu sehen sei, in anderen Kulturen als Tao, Ruah, Maat oder Sophia und auch als hervorbringende Energie erfahren werde. Doch wäre es nicht viel wichtiger, in der Weisheit das Wort Gottes zu verstehen, als sie nur feministisch zu vereinnahmen wollen?

 

Wenn wir von die jüdische Gottesweisheit als das Wort Gottes bezeichnet haben, dann wollten wir doch nicht den Frauen etwas wegnehmen. Vielmehr muss doch ein anderes Verständnis der gleichen Wesenheit hinter dem Wechsel von weiblich in männlich stehen. Ein theologisch begründeter Tausch, den ich versuchen will nachzuzeichnen.

 

Doch bevor wir die Unterschiede von männlichem und weiblichem Verständnis untersuchen sollten wir doch klar bekennen, dass es bei der weiblichen Weisheit/Sophia um eben das ging, was wir als Wort Gottes, Logos gesehen haben und dessen menschliche Gestalt christliche Wirkung hatte. Doch genau bei dieser Wesenheit, die Ihr als Weisheit weiblich vereinnahmen wollt, trennen sich unsere theologischen Wege. Denn so viel Ihr auch die Mutter Weisheit lobt, die alles Leben auf Erde und im gesamten Kosmos hervorbrachte, was uns fehlt ist deren Verständnis. Die Weisheit, das Wort, der schöpferische Logos über den wir uns streiten, ist unwirklich geworden. Sie oder er werden nur noch als Mythos gesehen, entleere Begriffe in einem frommen Märchen. In der Realität des theologischen Weltbildes unserer Religion kommen sie nicht vor, werden nur noch in schwärmerischer Weise als leere Worthülsen gebraucht. Und männliche wie weibliche Theologen gehen in Wirklichkeit nicht von der Weisheit, dem Logos als dem eigentlichen Wesen unseres Glaubens aus, sondern setzen auf einen jungen Juden, der von seinen Anhängern als Weisheit/Logos verherrlicht worden wäre.

 

Ihr werft der heutigen Theologie vor, sie hätte durch männliche Machtergreifung alles zunichte gemacht, sei für den Gottestod im Geist der Gesellschaft verantwortlich. Doch ist nicht genau das Gegenteil der Fall? Ist es nicht eine im philosophischen Sinne weibliche Sichtweise, die heute vorherrscht, jedoch den Glaube nicht mehr tragen kann? Mit einer Unterscheidung zwischen Mann und Frau hat diese Frage nichts zu tun. Auch bitte ich die folgenden Überlegungen nicht als Anschuldigung gegen die heute von Männern wie Frauen geübte „weibliche“ Welt- und Gottessicht zu verstehen, sondern nur als nüchterne Problemanalyse.

 

Ihr werft der Theologie vor, sie hätte die Welt entmythologisiert. Die Natur wie der gesamte Kosmos wären so entgöttlicht worden.  Doch ist dies nicht zu kurz gesehen? Unser gemeinsames Problem ist die Entgötterung der Weltwirklichkeit, der Natur und allen Werdens. Doch ist dafür der Logos, die vernünftige Seite der Weisheit verantwortlich zu machen, die Gegenstand griechischer Betrachtung war oder ist es genau umgekehrt? Habt Ihr nicht alles zum Mythos gemacht, was wir alten Griechen mit wachem Verstand als Weltvernunft erfassten? Fehlt Euch nicht vielmehr dieses vernünftige Verständnis der Weisheit, die alle Welt hervorbrachte? Genügt es wirklich nur davon schön zu singen und zu schwärmen, das Denken den Pferden zu überlassen, weil die größere Köpfe haben?

 

Schon bei der Betrachtachtung der Schöpfungswirklichkeit befürchte ich, dass heute nicht eine die männliche, sondern die weibliche Sichtweise das Problem ist. Zwar wird die naturwissenschaftlich Erklärung der Welt auf vernünftige Weise vorgenommen. Doch wird dabei auch die Vernunft, die Weisheit erkannt, aus der alles hervorgeht? Oder bleibt unsere heutige, angeblich aufgeklärte Weltbetrachtung nicht bei der Mutter stehen? Unsere mater-ialistische naturwissenschaftliche Welterklärung erkennt doch in Wirklichkeit nur das jeweils hervorbringende Wesen als wesentlich an. Das ist doch genau das Problem der Entgötterung der Natur. In der naturwissenschaftlichen Erklärung aller Evolution kommt der erzeugend Geist, aus dem alles hervorgeht nicht vor. Nur die hervorbringende Materie, die weibliche Seite der Welt, wird gesehen. Vom „Vater“, der Thema unserer Theologie war, den wir vernünftig als Ursprung allen Wortes, aller Weisheit ableiteten, fehlt jede Spur. Und das nennt Ihr Aufklärung.

 

Eure naturwissenschaftliche Welterklärung, auch wenn sie bei der Mutter Materie stehen bleibt, mag im philosophischen Sinne männlich, vernünftig sein. Und diese vernünftige Sichtweise der Dinge hat zu dem geführt, auf was ihr so stolz seid, was zu Eurem Wohlstand und Wachsen beigetragen hat. Doch sie dafür verantwortlich zu machen, dass die Welt entgöttert wurde, das wäre das Kind Gottes mit dem Bad auszuschütten. Denn zu nichts anderes ist Euch nach unserer Sichtweise Verstand und Vernunft gegeben, ist der Sohn zur Erde gekommen, als den wahren Schöpfer des Alles vernünftig zu verstehen, sein Wort zu leben. Doch wie wollt Ihr das, wenn ihr nur fühlt, schöne Mythen malt, schwärmt und den Schöpfergott aus dem Verstand verbannt? Wenn wir Griechen von Wort/Logos, statt von Weisheit gesprochen haben, dann wollten wir doch damit eine neue Dimension in deren Verständnis zum Ausdruck bringen. Denn „Wort“ ist das, was verstanden wird, über was man sich vernünftig verständigen kann, was zur Verständigung untereinander dient, was die Vernunft des Schöpfergottes wie er einzelnen Menschen zum Ausdruck bringt, sichtbar und nutzbar macht. Doch ist es nicht genau das, was Euch heute fehlt? Könnt ihr Euch noch wirklich über das schöpferische Wort Gottes verständigen, versteht Ihr dieses Wort noch oder betrachtet ihr die Lehre vom Logos nicht längst aus der „weiblichen“ Brille, seht alles als Mythos, den Mutter Kirche hervorgebracht hat?

 

Denn auch Eure Betrachtung der biblischen Weisheit bleibt beim weiblichen, dem hervorbringenden Wesen stehen. Nicht nur, dass alles nur noch als frommer Mythos gelesen wird, vielmehr wird auch hier nur die Mutter, bzw. die hervorbringende Wesenheit und nicht der Vater gesehen, auch wenn er viel im Munde geführt wird. Behaupten nicht die vielen tausende von weiblichen wie männlichen Theologen Eurer Tage, die in der Christologie oder Beschreibung des Logos nur eine frühkirchliche Lehre lesen, dass Mutter Kirche das hervorgebracht habe, um einen jungen Juden, der als das eigentliche historische Wesen gesehen wird zu verherrlichen oder zu hellenisieren. Es soll darum gegangen sein, uns Griechen so für den jüdischen Glauben zu gewinnen. Die Vernunft, die uns bewogen hat, die Vernunft Gottes – die Ihr als Weisheit bezeichnet – in menschlicher Form zum Ausdruck zu bringen, wird verkannt. Der Logos, den wir entsprechend der von uns verehrten jüdischen Weisheit in der menschlichen Gestalt Jesus zu Wort kommen und somit messianische Wirkung entfalten ließen, wird nur als Geistgebilde gesehen, Gegenstand einer Lehr oder als Lehre selbst missverstanden. Die Christologie, die schöpferische Wesenheit des Welt- und Gotteswortes, wird so als ein allein von der Frühkirche in die Welt gesetzter frommer Mythos gelesen. Menschensohn und Gottessohn sind dann nur heute vielfach in Frage gestellte, beliebige, meist aus alten Texten abgekupferte Titel für ein männliche Mutter Teresa. Und uns Griechen wird so allen Ernstes unterstellt, diese als Gott verherrlicht zu haben. Während Ihr Frauen uns vorwerft, wir Griechen hätten das Denken in den Glauben eingeführt, die Gotteslehre entmythologisiert, sollen wir doch nach Eurer heutigen theologischen Hochschullehre nur einer jüdischen Mythologie bzw. Christologie aufgesessen sein.

 

Auch für den heutigen Missverstand darf nicht eine Entmythologisierung verantwortlich gemacht werden, sondern zeigt die Realität das genaue Gegenteil. Denn während wir Griechen einen den gesamten jüdischen Traditionslehren zugrunde liegenden Weisheit in vernünftiger Weise zur Sprache gebracht haben, in Ihr den unserem Weltbild zugrunde liegenden Logos erkannten, hat für Euch doch alles nur noch einen mythologischen Gehalt. Adam, Abraham oder Moses werden nicht mehr mittelalterlich als einfache Männer gesehen, sondern nur noch als Figuren frommer Märchen, als geschichtlich unwirklicher Mythen abgetan. Und genau das ist das Problem. Denn mit männlicher theologischer Aufklärung hat das nichts zu tun. Vielmehr müsste hinter dem Mythos erst die Realität dessen erkannt werden, was Ihr Weisheit nennt, was als Wort Gottes zu all den Geschichtsgestalten gesprochen hat, sich in ihnen und ihren Geschichten verständlich gemacht hat. Nichts anderes war unser theologische Tagesordnung, als die Weisheit, aus der alle Welt hervorgeht, in vernünftiger Weise zur Sprache zu bringen. Wenn wir dafür Bilder gewählt haben, die verständlich waren und dem Verständnis des jüdischen Volkes wie der hellenistischen Göttervorstellungen entsprachen, dann war das nur vernünftig. Euren Vorwurf, wir hätten die Bilder verworfen, nur die linke – angeblich männlich analytische, logische - Gehirnhälfte genutzt, geht in die Leere. Vielmehr ist doch genau dies unser Problem. Die Notwendigkeit, was Ihr als rechte Seite des Denkens bezeichnet, das bildhaftes Verständnis, für Gefühl und Emotion verantwortlich, zu einem wahrhaft Ganzheitlichen Verstehen zu nutzen und an bekannte Vorstellungen anzuknüpfen, führt doch genau zu dem Problem das ich heute beklage.

 

Zwar haben wir in unserer Zeit, wie Ihr wisst einen Teufel getan, den menschgewordenen Logos, das fleischgewordene  Schöpfungswort in Wandbildern zu malen, doch allein die notwendigen Sprachbilder führen zu dem, was ich heute bitter beklage. Wenn Heerscharen von Theologie heute einen jungen Juden für den eigentlichen historischen Jesus halten, täglich tausende von inhaltlich sehr interssanten Texte verbreitet werden, die jedoch nur einen Wanderprediger mit Namen Jesus als Ausgangspunkt vor Augen haben, dann hat sich in Wirklichkeit nicht die von uns Griechen männlich vernünftige Sichtweise durchgesetzt. Der Logos ist längst wieder zum Mythos geworden. Gleichwohl die gesamten theologischen Texte Eurer Zeit Zeugnis für den Logos ablegen könnten, werden weiter nur bildhafte Mythen betrachtet, bleibt Euer Denken darin gefangen.

 

Ich denke, mir weitere Argumente ersparen zu können, dass weder eine Entgöttlichung von Sexualität, Natur, Körper oder Materie Ziel unserer Erkenntnis war. Doch nicht die pantheistische Verehrung der Natur, des hervorbringenden Wesen war unsere Sache, sondern die Vernunft, die von Gott ausging, jedoch alle Natur, Kosmos und Körper bestimmte,  z.B. auch in der Geschlechterbeziehung bzw. menschlicher Sexualität lebendig ist und sinnvoll gelebt werden muss. Mit blinder neu Naturvergötterung kämt ihr auch heute nicht weiter, das wäre nur ein Rückfall in alte Religionen. Den aller Natur zugrunde liegenden Logos, nicht nur in der puren Schönheit zu fühlen, sondern in der naturwissenschaftlichen Lehre erkennbar ist, gilt es neu zu verstehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Begriffe wie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weisheit, die am Anfang war, ist identisch mit Wort Gottes......

 

(Weitere Beispiele für das Neuverständnis der sich in einzelnen Götter-Mythen ausdrückenden schöpferischen Ordnung, vernünftiges Gotteshandelns und ihren Einfluss auf christliche sind noch anzufügen. Wobei jeweils der christliche Text nicht als ein Aufwärmen alter Mythen – die heutige Leseform der Theologie - sondern als eine Auferstehung des Götterhimmels in zeitgemäßer Form, auf dem Weg zu einem vernünftigen monotheistischen Gottesverständnis verständlich zu machen wäre.)

 

3.        Die Vision göttlicher Ordnung/Vernunft in Menschengestalt

 

(Das Christentum als Theologische Auseinandersetzung mit dem besonders in Augustus aufgeblühten römischen Kaiserkult, Vergötterung eines Menschen, als deren vernünftige Antwort die Chritstologie verstanden werden kann. Gleichzeitig als weiterer Nachweis, dass es im Christentum nicht um Verherrlichung eines Menschen gegangen sein kann. Kein junger Jude, statt eines Kaisers Gegenstand der Vergötterung, sondern das wahre Wort Grund der Christologie war.)

 

Wer sich mit dem zur Zeit Jesus herrschenden Kult, der Theologie der Zeitenwende auseinandersetzen will, um uns Griechen-juden bzw. Christen wirklich zu verstehen, der kann den Kaiserkult nicht außer Acht lassen. Die Denkweisen bzw. Vergötterung des Oktavian auf Rom zu beschränken, wäre zu wenig.  Nicht nur rein politisch hatte sich das römische Reich über den gesamten Mittelmeerraum ausgebreitet, war dort zu finden, wo auch das Christentum erwachte. Auch wenn die Römer den von ihnen unterworfenen Völkern weitgehende Religionsfreiheit gewährten, so können doch die Kultformen nicht in der Form abgegrenzt werden, wie dies heute zwischen verschiedenen Religionen geschieht. Ein Verbinden der vom Ursprung her unterschiedlichen Denk- und Kultformen war Tagesordnung. Die verschiedenen theologischen Modelle, die sich in unterschiedlichen Mythen ausdrückten flossen oftmals zusammen. Nicht zuletzt die steinernen Zeugen eines großen römisch-griechischen Kultes zur Zeit Jesus rund um Jerusalem belegen, was dort gedacht wurde. Weit mehr, als bisher aufgrund eines banalisierten und verkürzenden Verständnisses der jüdischen Bewegungen zur Zeit Jesus muss das dort mit eingeflossene griechische Denken berücksichtigt werden. Mir geht es dabei nicht um den, wie Ihr wisst, von den Makkabäern möglicherweise zurecht bekämpfte heidnischen Kult. Vielmehr waren doch auch die Makkabäer auf der Suche nach einer neuen vernünftigen

 

 

 

 

4.        Verhaltenslehren vom Logos ausgehend

 

Aufzeigen, dass Religion nicht als frommer Selbstzweck, sondern als Voraussetzung für ein vernunfterfülltes Zusammenleben, notwendige Staatenbildung gesehen wurde, gleichzeitig nachweisen, dass N.T. diese Vernunft lebendig machte. Auf heute hinweisen, Unvernunft unseres Verhaltes und Unfähigkeit allein aus Tradition, alten Texten vernünftiges Verhalten abzuleiten. Notwendigkeit eine allumfassenden Vernunft....

 

Gleichzeitig nachweisen, dass es völlig absurd wäre davon auszugehen, die Griechen hätten die ethischen Lehren eines Reformjuden zum Gesetz gemacht bzw. alte ethische Verhaltenslehren nur in einen neuen Mythos gegossen.

 

 

5.        An die feministische Theologie