HILFE !

 

Unhaltbarkeit der heutigen Sicht des historischen Jesus

 

Nach dem Abbau kommt ein neues Verstehen des Alten

 

 

Man sagt...

 

- er war ein Gammler, der durch das Land zog,

- ein Dichter, dessen Worte Stil hatten,

- ein Zauberer, der Wunder vollbrachte,

- ein Politiker, der frei machte, rebellierte,

- ein Sohn Gottes, der kam um Mensch zu sein, um uns aus der Sünde zu befreien.

 

In diesem Auszug aus einem modernen Lied ist das Problem der heutigen Theologie verdichtet und liegt gleichzeitig die Lösung:

 

Da steht ein Mensch der durch die Lande zog und Wunder wirke neben dem Gottessohn, der uns die Süden vergeben soll. Auch wenn bei der historisch kritischen Darstellung immer wieder betont wird, es gäbe keinen Gegensatz zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens, was nehmen wir wahr? Bleibt nicht nur blinder Glaube ohne historische Substanz? Solange wir bei unserer Betrachtung des historischen Jesus nur einen jungen Juden vor Augen haben, bleibt der Christus des Glaubens, den wir als Licht der Welt bezeichnen nur ein Dunkel.

 

Die moderne Theologie hat längst erkannt, dass alles was über den historischen Jesus und den Christus der Verkündigung seine Probleme in den ersten Worten des Liedes hat: „Man sagt“

 

Die bekannte Texte sind also Aussagen über..? Und genau an dieser Frage scheiten sich die Geister. Während hier historisch nachgewiesen werden soll, dass alle antiken Aussagen sich nicht auf einen historischen Menschen, sondern das damals lebendige Wort Gottes, den Logos in Menschengestalt beziehen, geht die heutige Theologie weiter von einem jungen Juden aus, über den etwas ausgesagt wurde.

 

Denn was wir selbst beim modernen Jesusliedes im letzten Vers singen, wird meist übersehen. Es ist kein Mensch gekommen, der Wort genannt wurde, zum Sohn Gottes gemacht...wie das die heutige Theologie nicht nur behauptet, sondern wovon alles theologische Denken ausgeht und worauf das gesamte derzeit vom Abriss bedrohte Lehrgebäude baut. Der Weg wurde in umgekehrte Richtung gegangen. Und dies ist Thema aller alten Texte. Was unserem Glauben zugrunde liegt ist der Logos als Sohn Gottes, der als Mensch gesehen werden musste, um die Menschen zum Glauben führen zu können. Nur so wurde er zur Brücke, wahre Offenbarung. Wer weiter die gesamten Texte nur von einem historischen Menschen ausgehend auslegt, der als Gottessohn gesehen wurde, stellt damit nicht nur alle biblischen Aussagen auf den Kopf, sondern verhindert einen zeitgemäßen Glauben, versperrt die Brücke. Solange nicht der Logos in Menschengestalt, sondern nur ein um den See Genezareth wandernder Mensch das historische Wesen ist, bleibt Offenbarung nur ein Lippenbekenntnis.

 

Eine Bibelhauskreistagung ist ein weiteres lebendiges Beispiel, soll Belege liefern, dass es höchste Zeit wird, das Evangelium vom Logos/Wort Gottes aus zu lesen, statt  Beschreibung einen besonders begabten Menschen.

 

Die hier über die Unhaltbarkeit des heutigen Jesus angestellten Überlegungen sind ein Hilferuf an die historisch kritische Theologie: aus heutigem Wissen den historischen Jesus Christus neu zu begründen.

 

Der Kreis:

Menschen, die tief im Glauben verwurzelt sind, sich jedoch vor neuem Denken nicht scheuen, Fragen stellen und Antworten suchen, auch wenn dadurch oft das bisherig Bild ins Wanken zu komme scheint. Der notwendige Selbstschutz ist allerdings so groß, dass besitzende Vorstellungen trotz aller neuen Einsichten beibehalten werden. Oder anders: Alle neuen Aussagen werden so sehr auf vorhandene, tief verwurzelte Vorstellungen übertragen, dass oftmals etwas ganz anderes verstanden wird, als gesagt.

 

(Doch dies trifft im Grunde nicht nur auf die Teilnehmer zu, die zwar die Ausführungen akzeptieren, weiterhin jedoch lediglich Tagebuchberichte eines jungen Juden vor Augen haben, sondern auf anderer Ebene auch die moderne Theologie. Trotz ihrer neuen Thesen über die historische Wirklichkeit, hält sie an einst gelernten Vorstellungsbildern fest, wie wenn kein neues Wissen wäre.)

 

Der Referent:

Dr. Markus Sasse, der durch sein provozierenden Thesen über den historischen Jesus befürchten muss, seine Zuhörer zu schockieren. Der junge Theologe ist dabei die beste Verkörperung der neuzeitlichen Theologie, die enormes neues Wissen um die historische Wirklichkeit hat, aber weiter am Bild eines Wanderpredigers festhält, von dessen Verherrlichung ausgeht. Gleichwohl faktisch nachgewiesen wird, dass alles so nicht war, nur aus sicher sehr sinnvollen theologischen Gründen „so gesagt“ wird, wird weiter das historische Wesen in einem jungen Jude und dessen Mythologisierung gesehen.

 

Der Vorredner:

Bereits Tagungsleiter Pfarrer Fischer vom Missionarisch-Ökumenischen Dienst der evangelischen Kirche bringt in seiner Begrüßung ein Problem zu Sprache, das zeigt: Beim historischen Jesus muss es sich um mehr als einen historischen Menschen gehandelt haben. Vielmehr ist in Jesus eine Zeitrechnung angebrochen, bei der der Glaube auf dem verstandenen Wort Gottes selbst gründet.

 

Nur der Hohepriester, der einmal im Jahr Zutritt zum Allerheiligsten hatte, sei zur Zeit Jesus zuständig gewesen, um zwischen Gott und den Menschen zu vermitteln. Auch bei den Römern, für die der Kaiser eine Art Gotteswesen, dessen irdischer Repräsentant war, waren die Priester Brückenbauer, die die Kluft zwischen den Menschen und Gott überwanden. Sie alle seien gescheitert, weil sie zu sehr in der Welt verhaftet waren. Wir Menschen könnten keine Brücke sein. Das allein sei Jesus vorbehalten.

 

Und genau darum geht es:

 

Auch wenn die moderne Theologie weiterhin nur einen Menschen als urchristliches Wesen sieht und ihrer Zuhörer bei der Betrachtung von Tagebuchberichten bleiben: Die christliche Brücke ist kein Mensch, kein Priester und kein Kaiser. (Auch wenn beide  - im auf heutige Verhältnisse übertragenen Sinne - nach wie vor an ihrer Macht festzuhalten scheinen.) Das in der Schöpfung wirksame Wort/Weltvernunft, der Logos in Menschengestalt war damals und ist heute nach der angeblichen Aufklärung die einzig gangbare Brücke für die Menschen. Alles andere sind allenfalls Stege für einen völlig individuellen Glauben, aufgrund Innerlichkeit oder Traditionsautorität. Ein Glaube, der somit nicht vom Autor der Schöpfung ausgeht, sondern von inneren Stimmen oder dem Gesetz und seinen Vertretern.

 

Wer sich, wie Pfarrer Fischer in seinem Vorwort auf den in Hebräer 4. 14-16 geschilderten Christus....beruft, der darf nicht gleichzeitig nur einen jungen Juden sehen, der wie wir leidvolle Erfahrungen gesammelt, in der Wüste war, als Märtyrer gestorben ist...Und wer all das Wissen der moderne Theologie hat, der muss weiter denken. Es bräuchte kein Abbau bestehende Bilder mehr betrieben zu werden. Vielmehr könnten wir die Bilder mit neuem Leben erfüllen, wenn wir im historischen Jesus nicht nur einen Wanderrebellen sehen würden.

 

Es geht im Neuen Testament nachweislich um den Logos, ihn gilt es neu zu verstehen. Durch das gewachsene Wissen der heutigen Theologie braucht den Teilnehmern der Bibelhauskreise der Glaube an den bebilderten Christus nicht genommen zu werden. Vielmehr wäre es möglich, ihnen, wie auch den vielen Menschen, die die Tür des Glaubens längst zugeschlagen haben, diesen Christus zu vermitteln. Doch erst wenn wir den historischen Jesus aus einer neuen Perspektive betrachten, werden wir erklären können, welch messianische Wirkung von der Wahrnehmung der schöpferischen Vernunft/Logos/Wort Gottes in Menschengestalt ausging. Aus neuer Perspektive ist zu begreifen, dass der historische Jesus gelebt hat und gleichzeitig wirk-lich wahrer Messias ist: Keine Vergottung eines Menschen oder ein menschliches Gottesbild, sondern schöpferische Vernunft in menschlicher Gestalt.

 

 

Der folgende Brief wendet nicht nur an den Referenten, sondern gleichzeitig an die gesamte moderne kritische Theologie. Es ist Hilferuf und Bitte, über die bisherige Denkweise vom historischen Jesus hinauszugehen, um so eine neue umfassendere Wirklichkeit der Evangelienwahrheit zu sehen. So den Weg frei zu machen, damit die Vernunft des Schöpfers neu wahrgenommen und ein kollektives Gottesbewusstsein begründen kann.

 

 

 

Sehr geehrter Herr Dr. Sasse,

 

vielen Danke für die zahlreichen Informationen, die ich bei den verschiedenen Themenabenden im des Pfälzischen Bibelvereines bei Ihnen erhielt. Wie Sie wissen, haben Sie mich in meinem Denken ein wichtiges Stück weiter gebracht. Ob in ihren Ausführungen zum Alten Testament, über Moses, die Propheten oder die hellenistischen Kultformen, überall versuche ich Zeugen für den lebendigen Logos zu finden, dessen menschliche Gestalt ich für den historischen Messias halte. Vielen Dank auch für Ihre Bestärkungen, was meine völlig andere Sichtweise des christlichen Wesens betrifft. Auch wenn sie völlig von Ihrer abweicht.

 

Auf Ihre Ausführungen über den „wahren Jesus“ war ich sehr gespannt. Und auch hier habe ich zahlreiche Anregungen erhalten, die mich darin bestärken, dass es höchste Zeit ist, den historischen Jesus, das Wesen des christlichen Glaubens, auf neue Weise wahrzunehmen.

 

Mit den folgenden Überlegungen will ich erneut Anstoß geben, das Wesen des christlichen Glaubens aus neuer Perspektive zu betrachten, somit über ein völlig neues Welt- und Gotteswortes nachzudenken, das im Grund dem Antiken Denken entspricht.

 

 

1. Jungfräulichkeit wiedergewinnen:

    Auf „harten Brocken“ vom historischen Jesus neu bauen

 

Sie sind für Ihre streng an der aktuellen historischen Erkenntnis orientierte Denkweise bekannt und bei den Teilnehmern der Abende im Bibelhaus beliebt. „Harte Brocken“ hatte Sie nach Ihrer Aussage auch für die Teilnehmer der Bibelhauskreistagung mitgebracht. Doch genau diese harten Brocken über die historischen Tatsache brauchen nicht weiter nur zum Abriss der historischen Wahrheit zu führen. Vielmehr ermöglichen sie ein neues Wissen von der messianischen Wirkungsweise des lebendigen Logos in Menschengestalt. Der befürchtete Abbau der historischen Wahrheit braucht nicht stattzufinden, wenn wir den historischen Jesus von einem neuen Standpunkt aus betrachten. Hierzu möchte ich Sie (und selbstverständlich auch andere Theologen), soweit mir dies als Laie möglich ist, erneut ermutigen.

 

Man könnte Berge versetzen, wenn man mit all dem fundierten Wissen, das ich bei Ihnen oder Ihrem Doktorvater Klaus Berger immer wieder bewundre, den lebendigen Logos in Menschengestalt zum neuen Leben erwecken würde.

 

Doch genau das scheint der heutigen Theologie nicht möglich. Wissenschaft kann nur betreiben, wer mit dem zu untersuchenden Gegenstand nicht verbunden ist, frei und unvoreingenommen ist in seinem Denken, so ihre Aussage zu Beginn. Wer daher mit der theologischen Muttermilch den einfachen historischen Menschen aufgesaugt hat, der kann sich von dieser Vorstellung scheinbar nicht mehr befreien. Oder doch? Ein Versuch sollte es wert sein.

 

(Auch wenn wir heute von Ihnen hören, dass das mit der Jungfrauengeburt so nicht zu verstehen sei, möglicherweise nur Jesaja, der von einer Frau gesprochen hat, die nicht bereits schwanger war, falsch abgeschrieben oder verstanden wurde, so will ich die Jungfrauengeburt als historische Wahrheit nachweisen. Auf neue Weise selbstverständlich: Nicht eine junge Jüdin, die den Sohn Josefs zur Welt brachte, aus dem man dann anschließend einen Messias machte und daher das Jesajazitat gebrauchte, um seine göttliche Herkunft zu belegen, habe ich dabei vor Augen. Auch kein philosophische Produkt kam als Mensch zur Welt. Die jungfräuliche Geburt des Logos lässt sich begründen:  In Ihrer Eingangsrede über die unvoreingenommene Wissenschaft haben Sie selbst den Belegt geliefert.

 

Wer nicht von der Geburt eines Wanderpredigers ausgeht, sondern antike Denker bzw. die Mutter Frühkirche sieht, die den Logos in neuer Form ausgedrückt hat, der beginnt die Aussage über die Jungfräulichkeit in völlig anderer Weise zu verstehen, wie dies bisher in hitzigen Diskussionen oft geschah. Wie Sie wissen, habe ich versucht, gerade in der Denkweise der als Essener von Philo geschilderten Geisteswissenschaft eine Unvoreingenommenheit bzw. Jungfräulichkeit nachzuweisen, die dem Logos in Menschengestalt zum Ausdruck verholfen hat.

 

Die Jungfrauengeburt  ist aus dieser  Perspektive betrachtet keine Propaganda für ein theologisch/philosophische Produkt oder einen jungen Juden. Nicht weil die jungfräuliche Zeugung auch von anderen Religionsgründern, Gottessöhnen... ausgesagt wurde, wie heute begründet wird, oder gar weil damit die Steinigung einer fremdgegangenen Jüdin verhindert wurde, wie allen Ernstes auch spekuliert wird,  sondern weil wirklich nur etwas Neues hervorbringen kann, wer noch unschuldig, unvoreingenommen ist. Wer bereits mit einem jungen Juden schwanger war bzw. die Christologie nur als frühkirchliche Glaubenslehre oder Hellenisierung ausgedrückt hat, der hat scheinbar seine Unschuld verloren.

 

Was heute die Theologie lehrt, ist wirklich nur der Sohn Josefs. Doch dies nicht, weil sie längst davon ausgeht, dass die Aussage über die Jungfrauengeburt eine christologische Rede ist, aus alttestamentlichen oder anderen Quellen auf Jesus übertragen. Die Heimholung der christlichen Erkenntnis in den Gesetzesglaube macht den von der Theologie derzeit verkündeten Jesus zum Josefssohn. Denn wo nur ein junger jüdischer Wanderprediger ist, wo nur alte jüdische Texte und Mythen gesehen werden, die auf den jungen Religionsrebellen übertragen wurden, da kann wirklich nicht vom Gottessohn gesprochen werden, da geht es auch im übertragenen Sinne nur um einen Gesetzes/Judensohn oder andererseits nur um ein philosophisches Produkt: Jesus bleibt Josefsohn.

 

„Wirkte sich die Unvollkommenheit der Jungfrau Maria negativ auf die Empfängnis Jesus aus?

 

Diese Frage stelle eine Teilnehmerin bei einem ganz anderen, fundamentalistischen Bibelkreis. In der anschließende Diskussion ging es dabei nicht um das, die Mutter Kirche, das den neuen Glauben zum Ausdruck bringende Wesen, sondern eine junge Jüdin, die, gleichwohl mit Josef verheiratet, biologisch durch den Heiligen Geist geschwängert wurde. War dies ein Fehltritt? Hätte Maria nicht heiraten dürfen, um für den Heiligen Geist frei zu sein, wurde gefragt?

 

Und genau da liegt das Problem: Die Frühkirche war verheiratet. Das vorangegangene Denken konnte und durfte nicht außer acht gelassen werden. Nur im Kontext des damaligen Verständnisses konnte der Logos das Licht der Welt erblicken.  Gemäß der Verheißung, dem Wort, das Gott Marias Vorväter – Abraham, Isaak, Jakob, Juda, König David, den Propheten...gegeben hatte, musste das Kind ein echter Nachkomme von Ihnen sein. Wie u.A. im Galterbrief 4.4. gesagt, konnte dies nur durch die uns bekannte Gestaltgebung erreicht werden. Ein geistiges Wesen braucht eine reale Gestalt um als Gegenstand religiöser Verehrung angesprochen werden zu können. Durch die gesamte Geschichte des menschlichen Geistes zieht sich wie ein roter Faden das Problem mit dem bildlosen Gott, das auf sehr unterschiedliche Art versucht wurde zum lösen. Der Logos, der nicht selbst Gott war und ist, sondern nur die von Gott ausgehende Vernunft, benötigte eine sichtbare Gestalt, um nicht ins Geisterhaft zu verfallen.

 

Bei den Frage, die sich mir heute stellen, geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern Lösungsversuche:  Hat die Gestalt, die von der heutigen Theologie als historisches Wesen gesehen wird noch einen geistigen Gehalt? Kann die daneben gestellte Christologie, die nur als Kirchenlehre gesehen wird, noch eine reale Gestalt vermitteln? Wie lässt sich das theologische  Proble der Vergeisterung unsers Glaubens lösen? Wie kann dem Wesenskern unseres Glaubens der Logos zurückgegeben werden, der dem Mythos zugrunde liegt?

 

 

 

 

 Sie sagten, sei erst wenige Jahre eine neue Forschung nach dem historischen Jesus möglich. Vorher betrachtete die Theologie die gesamten Aussagen als reine Glaubenszeugnisse. Doch die heutige Forschung bringt nur Fortschritte, wenn sie aus neuer Perspektive betrachtet. Über den Abbau angeblich historischen Gegebenheiten hinweg lässt sich bei allegorischer, vom Wort Gottes in Menschengestalt ausgehender Betrachtung, eine historische Gestalt und Geschichtswirklichkeit verstehen. Das neue Wissen kann dabei die Grundlage bilden.

 

Die Funktionsbezeichnung „Christus“ ist begründbar, wenn wir das Evangelium als Wegbeschreibung, Auswirkung des lebendig gewordenen Wortes/Logos lesen. Mit ihrem heutigen Wissen hält die Theologie die Creme in der Hand, mit der im Judentum Hohepriester und Könige gesalbt wurden. Doch wie bereits gesagt: es geht nicht darum Menschen oder deren geistige Modelle zu salben. Das Neue besteht gerade darin, dass der göttlich Logos selbst zum Messias wird, zum Erlöser. Die schöpferische Vernunft wird zum Mittler  zwischen Gott und den Menschen. Was im Urchristentum einerseits als Mensch erscheint, andererseits als gnostisch/philosophisches Modell, ist wieder als wahrer Sohn Gottes zu verstehen. Weder ein kosmischer Christus, noch ein moralpredigender junger Jude, sondern durch unser umfangreiches theologisches Wissen könnte die Einheit und auch die Wahrheit des Evangeliums neu begründet werden.

 

Denn für das, was wir für so selbstverständlich halten, dass der historische Jesus ein junger Jude war, haben sich die frühen Christen nicht interessiert. Auch wenn sie leidenschaftlich den Logos als Mensch sehen wollten, so war für die Kirchenväter und Apologeten der Logos /das Wort das primäre Wesen. All dies, was in der frühen Kirche gedacht wurde, gehört längst zum Wissen. Doch solange für Sie und Ihre Kollegen das Geschichtsgeschehen ein menschliches Wesen primär ist, bringt uns dieses Wissen kaum weiter.

 

2. Bilder vom damals Lebendigen Logos

 

Besser noch als in den Texten wird in den Abbildungen deutlich, um was es im Urchristentum wirklich ging, wer als historische Jesus wahrgenommen wurde. Sie zeigten Lichtbilder von ganz verschiedenartigen Christusabbildungen, die alle aus dem Rom des 4. Jahrhundert stammen. Da ist ein Hirte zu sehen, der das Schaf auf seinen Schultern trägt. Eine andere Abbildung in Ikonenform zeigt Christus mit dem Heiligenschein, eine himmlische Gestalt. Keines der wenigen frühe Jesusbilder, die ihn auf sehr unterschiedliche Weise zeigen, hatte mit einem historischen Menschen etwas am Hut. Schon allein die von Ihnen hervorgehobene völlige Verschiedenartigkeit der gezeigten Abbildungen, die alle aus einer im Grunde gleichen Lehre entspringen, zeit- und räumlich eng zusammenliegen, lässt darauf schließen, dass die Christen damals keinen historischen Jesus im heutigen Sinne im Kopfe hatten. Doch ist dies nur darauf zurückzuführen, dass die damalige Christen kein Interesse am historischen Jesus hatten bzw. von diesem wenig wussten, wie heute gelehrt wird? Oder ist diese Betrachtungsrichtung ein theologischer Fehlschluss, der einfach von heutiger Sichtweise ausgeht, die wie selbstverständlich einen jungen Juden voraussetzt, der später verherrlicht wurde?

 

Haben die damaligen Maler im historischen Jesus nicht vielmehr das gesehen, was sie abgebildet haben? (Was ebenso auch die Evangelisten beschrieben haben.) Waren es wirklich nur Verherrlichungsbilder für einen Wanderradikalen oder eine davon losgelöste spätere Christologie? Sollten wir nicht versuchen, die Entwicklung auch umgekehrt zu betrachten? Wer gibt uns das Recht weiter davon auszugehen, dass am Anfang nicht der Logos war, der dann im Textbild und in der gemalten Form zum Mensch wurde? Nur weil uns heute ein vernünftiges Verständnis fehlt,  uns heute das Verständnis des Logos bzw. einer Weltvernunft verloren gegangen ist, haben wir doch kein Recht die biblischen Aussagen auf den Kopf zu stellen, zu behaupten das alles wäre eine Art Propagandaschriftstellerei gewesen oder hätte nur inneren Glaubensbildern entsprochen?  Wenn am Anfang aber der Logos, das Wort war, wie es in den Jesusbildern zu sehen ist und aufgrund der biblischen und apokryphen Aussagen verstanden werden kann, dann gilt es diesen in der Geschichte zu suchen und nicht immer weiter nur nach den Knochen eines Wunderheilers zu graben.

 

 (In den erste Jahrhunderten wurde zwar  um das wahre Wesen Jesus heftig gestritten. Es wurde darüber nachgedacht, wie das schöpferische Wort und das Menschenwesen gleichzeitig, in einer Hypostase, zu sehen seien. Von einer heute getroffenen Unterscheidung zwischen einem historischen Jesus und einem Christus des Glaubens sind die damaligen Denker  nachweislich nicht ausgegangen. Ob sog. Gnostiker oder ihre Gegner, ob die Alexandrinische Schule oder das aus Antiochien hervorgehende Denken, das die menschliche Gestalt in den Mittelpunkt stellte. Der Logos war jeweils die Voraussetzung und nicht der heute für historisch gehaltene Jesus. Es ist allein unsere Sichtweise, die den historischen Jesus mit dem Menschen gleichsetzt und dann von dessen Vergötterung ausgeht.

 

Wäre dies  nicht eine Aufgabe der Geisteswissenschaft: Zu belegen, dass nie nur ein einfacher Mensch das Thema war, es der frühchristlichen Theologie vielmehr um die Frage ging, wie das lebendige Wort Gottes in Menschengestalt wahrgenommen werden konnte, ohne dass es seine göttliche Grundlage verliert und doch vermittelbar bleibt, menschlich verstanden wird? Diese Diskussion ist neu zu führen. Und gleichzeitig muss dabei aufgezeigt werden, dass der Logos nicht einfach eine Art neue Gottesbezeichnung ist, kein Erstatz-Begriff für einen unsichtbaren Gott, sondern dessen Präsenz in der Schöpfung. Auch kein Mythos, der allenfalls antiker Metaphysik entspringt, sondern natürliche Realität, Wirk-lichkeit des Werdens, ohne nur Natur zu sein: Name für eine Vernunft oder Software, die sich hinter allen Prozessen der  sog. Selbst-organisation der kosmischen Ordnung verbirgt: Heute naturwissenschaftlich neu nachzuweisen ist.

 

Bei den frühen Kirchenkonzilen kann es nicht um die Vergottung eines Menschen oder eines philosophischen Begriffes gegangen sein: Der damals auf noch metaphysische Weise im natürlichen Werden nachgewiesene Logos war, wie wir wissen, das primäre Wesen. Von Heraklith bis Origenes kreist alles Denken um diesen Logos, der in den jüdischen Texten Gottes Weisheit oder Wort genannt wird und am Anfang christlichen Denkens dann als Sohn Gottes gesehen wurde. Doch was taugt alles Wissen, wenn die Theologie weitermacht wie wenn nichts gewesen wäre? Noch schlimmer: Wir halten unsere Unfähigkeit Jesus so zu sehen wie damals,  für einen Fortschritt und behaupten dann einfach, das eigentlich historische Wesen wäre ein junger Wanderprediger. Den lassen wir ihn dann in Sephoris umherlaufen. Das Wesen des christlichen Glaubens wird so verleugnet, von heutiger Theologie vom Tisch gewischt. Wie wenn in Wirklichkeit  nichts gewesen wäre, als ein besonders begabter Besserwisser. (Wie können wir nur bei all unserem Wissen über den großartigen Geist des antiken Denkens weiter von einem solch banalen Verständnis ausgehen, wie dies heute geschieht? Es ist doch einfach völlig unvorstellbar, dass in dieser theologisch/philosophisch hochstehenden Welt von einem heute als historischen Jesus ausgegebenen Wesen eine besondere Wirkung ausgegangen wäre. Warum aber halten wir an dieser Vorstellung so verzweifelt fest?)

 

In hochwissenschaftlichen Arbeiten  wird dann z.B. versucht nachzuweisen, wie ein junger Jude aufgrund hellenistischer Mythen noch seinem Märtyrertod als Auferstandener gesehen wurde. Mythologische Auferstehungsvorstellungen zu einzelnen griechischen Göttergestalten wären danach einfach übernommen worden. Doch ist dies nicht zu wenig? Können wir aufgrund all unsers Wissen so weitermachen? War es nicht so, dass die damaligen Denker den Auferstandenen –den auch griechischen Götterwesen zugrunde liegende Logos, das Wort in Menschengestalt wiederverstanden -  für den historischen Jesus gehalten haben?

 

Entschuldigen Sie die Abschweifungen, ich wiederhole die Argumente allzu oft. Zurück zu Ihren Ausführungen über die führen Jesusbilder:

Allein die Erkenntnis, dass es den römischen Malern nicht um einen Menschen (von uns mit dem historischen Jesus gleichgesetzt) ging, wäre zu wenig. Denn in den Bildern ist zu sehen, was damals von Jesus (der zweifelsfrei noch eine Einheit war, denn um die Einheit der Person ging es bei den Konzilsdiskussionen) gedacht wurde: Ob durch den himmlischen Schein ein von Gott gesandter Lehrer oder im Alpha und Omega, Anfang und Ende, Schöpfung und Erlösung, die der abgebildete verkörpert, immer geht es um den Logos. Dies, und nicht ein Religionsreformer ist der wahre Hohepriester, der Hirte, die Brücke zwischen Gott und den Menschen. Weder ein Wanderprediger, noch eine Gottesabbildung, wie heute oft kurzgeschlossen wird, ist zu sehen, sondern das lebendige Wort in Menschengestalt.

 

Das in Menschengestalt abgebildete Wort/der Logos ist nicht mit Gott gleichzusetzen, wie es in unserer heutigen Christologie leicht getan wird, sondern die einzige Weltpräsenz des transzendenten Schöpfers, von dem das Wort/alles vernünftige Werden ausgeht. Genau das wird, wie Sie wissen, in der Antike vom Logos/Wort Gottes gesagt. Wer weiter von einem historischen Menschen ausgeht und den Christus weitgehend mit Gott gleichsetzt, in ihm nur ein antikes Kirchengemälde Gottes vermutet, wie dies die Theologie derzeit weitgehend tut, der muss zwischen beiden Wesen trennen. Karl Barth ist dafür ein Beispiel. Der Mensch mit Namen Jesus würde zum Götzen, wenn die moderne Theologie nicht den historischen Menschen und den als Gott gesehenen Christus trennte. Doch dieses geteilte Jesusverständnis ist eine moderne Erfindung. Am Anfang war Einheit. Gerade das ganz konkrete Bild des Wanderpredigers war wichtig, um diese zu bewahren, den Logos nicht in philosophischen Strömungen verfließen zu lassen. Und solange die Menschen nicht weiter darüber nachdachten, bewahrte das konkrete Bild, über das Mittelalter hinweg bis in die Neuzeit die Einheit. Erst jetzt trennen und reduzieren wir die historische Realität von einem Glaubenschristus, der statt Offenbarer zu sein, dann nur eine Art Gottesbild ist. Statt Mittler zu sein, wird nur noch eine Miniaturausgabe Gottes angenommen, an die man einfach blind glauben muss. Wen wundert es, wenn die Menschen nicht mehr wirklich an einen einzigen Schöpfergott Glauben, sich allenfalls einen persönlichen Glauben zurechtlegen und Jesus dabei in Wirklichkeit zur völligen Nebensache verkommen ist?

 

(Gerade die Entwicklung der Jesusabbildungen bzw. der heutigen Sichtweise als Gottesbilder, kann ein gutes Bild der Bewusstseinsentwicklung sein und uns dabei die ewigen Probleme mit den Gottesabbildungen bzw. dem Götzenglauben vor Augen führen. Hierzu ein eigener Text.)

 

Alles heutige Wissen läuft darauf hinaus, dass der Mensch, den wir für den historischen Jesus halten, nicht das Thema der frühchristlichen Theologie war. Weder die Synoptiker, Johannes, Paulus oder die Gnostiker, hatten das zum Thema, was wir heute als historisch halten. Und wenn, wie die heutige Exegese sicher zurecht sagt, durch die Person des Sohnes in allen Aussagen der Evangelien der Vater selbst hindurchscheint, keine menschliche Autorität gesprochen habe, sondern der Schöpfers selbst, dann sind die Wort Jesus wirklich so zu verstehen: Keine Behauptungen von Menschen. Die Aussagen Jesus wurden auch nicht einer menschliche Miniaturausgabe Gottes in den Mund gelegt. Die Autorität geht vom lebendigen Wort/Logos aus, das damals verstanden wurde, nicht nur Thema der Stoa oder absonderlicher Gnosis und hellenistischer Lehren, sondern historische Realität war. Kein philosophisches oder theologisches Lee(h)rgebäude, sondern Person – reales vernunftbegabtes Wesen - im Sinne der Antike: Weltvernunft mit Hand und Fuß.

 

Wenn, wie gesagt wird, in den Evangelien Jesus nicht aus sich selbst heraus redet, dann hat kein historischer Wanderprediger gesprochen. Wer weiterhin macht, wie wenn die Evangelientexte spätere Sammlungen von Aussagen eines Evangelisten im Sinne heutiger Prediger wären, nach diesem historischen Jesus sucht, dem hat der Schöpfers all sein Wissen scheinbar umsonst gegeben, denn er richtet sich im Grunde gegen das lebendige Wort. Wenn wir ernst nehmen, was wir bei der Auslegung des Neuen Testamentes längst sagen, dann beziehen sich auch die Verleugnungen, die Missachtungen - alles was Jesus angetan wurde – nicht auf einem Menschen, sondern drücken im Grunde gleiche Probleme aus, wie sie heue deutlich werden. Wer weiter nur einen historischen Menschen als Ausgangspunkt sieht, daneben ein Gotteswesen stellt, der betreibt Missachtung des präexistenten Wortes Gottes, auf das der Glaube der Urchristen ebenso wie das eigene Bekenntnis gründet.

 

Denn wenn es stimmt, dass das Wort das eigentliche Wesen ist, dessen neue Wahrnehmung/Glaube, heute wie damals not-wendig wäre, dann sind es wir, die nicht Wirklichkeit nicht an Jesus glauben, in ablehnen und verleugnen, auch wenn wir ihn noch so oft im Munde führen. Was Jesus angetan wurde und in unseren Predigten angeprangert wird, ist dann nicht nur eine Problemanalyse der Antike, sondern ebenso an die heutige Theologie gerichtet.

 

(Ist Gnosis christlich? Wie gesagt, sehe ich das Antike Bewusstsein des Logos nicht nur als Grundlage gnostischer Texte, sondern des gesamten Neuen Testamentes. Bisher jedoch wurden gnostische Texte, die weit deutlicher als die Synoptiker erkennen lassen, dass es sich bei Jesus nicht um einen einfachen Menschen handelt, sondern das Wort, den Logos in Menschengestalt, sehr schnell vom theologischen Tisch gewischt. Doch selbst wenn bestimmte Denkrichtungen damals sinnvollerweise als untauglich gesehen wurden, sie waren als christlich anerkannt, wurden ganz selbstverständlich als christlich bezeichnet.  Selbst in die Neusammlung des Neuen Testamentes von Prof. Berger sind doch Texte eingeflossen, die bisher als Gnosis abgetan wurden.  Stellt nicht Klaus Berger das Johannesevangelium an den Anfang der Evangelien und belegt auch so, dass es den Verfassern nicht um einen historischen Menschen ging, sondern sie weit mehr dahinter verstanden? Für ganz selbstverständlich hält Ihr Doktorvater, dass Johannes mit dem Logos, der Mensch geworden ist, die stoische Weltvernunft im Blick hatte. Die Überbietung des römischen Kaisers und der jüdischen Hohepriester der frühen Theologie ging also nicht von einem einfachen Menschen, sondern vom Logos in Menschengestalt aus.  Doch dann stellt sich immer wieder die gleiche Frage: Warum machen wir aufgrund all dieses Wissens weiter, wie wenn nichts gewesen wäre?

 

Dass heute nichts ist mag sein. Doch dass damals nicht mehr war, als ein junger Jude, der mythologisiert wurde, können wir nicht weiter behaupten. Doch nichts anderes geschieht durch die heutigen Darstellungen des historischen Jesus.)

 

Wenn wir keinen Gammler, Dichter, Zauberer oder Freiheitskämpfer in den frühen Jesusabbildungen finden, dann steht dem möglicherweise nicht nur das jüdische Bilderverbot entgegen, sondern mehr. Es ging den Vätern unseres Glaubens nicht um einen Mensch oder dessen Verherrlichung.

 

3. Bilder bewahren und lassen verstehen, werden als Selbstzweck zum Mißverstand

 

Wer den historische Jesus aus einer neuen Perspektive betrachtet, dem wird jedoch auch die Vernunft bewusst, die im Bilderverbot zum Ausdruck kommt. Sollte durch das Bilderverbot nicht genau das verhindert werden, was heute geschieht? Wenn stimmt was ich denke, dass das historische Wesen das Wort ist, dann ist unser derzeitiger Verstand den Bildern zum Opfer gefallen, die 2000 Jahre notwendig waren. Dann ist die Bedeutung des Bilderverbotes neu zu Verstehen, Ausdruck eines vernünftigen Glaubens,  somit Teil einer Theologie des Logos? Doch den gibt es ja angeblich nicht. Wie wenn wir das Lesen der uns vorliegenden Texte verlernt hätten, wird bei der heutigen Suche nach der Wirklichkeit Jesus der Logos nur zu einem weiterer Hoheitstitel für den als historisch gehaltenen Wandercharismatiker.

 

Wir scheinen dem Bild vom Vollbärtigen zum Opfer gefallen. Selbst die Warnungen der Theologen des 19. Jahrhundert, die seit Albert Schweizer allein schon aufgrund der unterschiedlichen Aussagen der verschiedenen Evangelien vor der Betrachtung eines historischen Menschenwesens warnten, werden in den Wind geschlagen. Obwohl wir wissen, dass es auch den Kirchenväter, die bei vollem Verstand die völlig verschiedenartigen Jesuserzählungen zum Kanon erhoben, nicht um ein Geschichtswesen im heutigen Sinne ging, wird weiter ein Wandercharismatiker als geschichtlicher Glaubensgrund verkündet. Wir sehen zwar die unterschiedlichen Absichten der verschiedenen Evangelien, die voneinander abweichenden Bilder, doch das lebendige Wort bleibt verborgen. Blindwütig wird weiter ein in Palästina  umherziehender Guru bzw. dessen Verherrlichungspropaganda als gemeinsamer Grund der Evangelien angenommen.

 

Nachdem angeblich die Verfasser neutestamentlicher Texte und die Maler der Jesusbilder kein Interesse am nach heutiger Lehre angeblich historischen Jesus hatten, sollen nun auch die Kirchenväter an diesem kein Interesse gezeigt haben. Doch ich bin sicher, dass für sie eine Evangelienharmonie gegeben war. Ist es nicht längst wissenschaftlich anerkannt, dass noch in den Zeiten der frühen Kirchenkonzile und der Kanonisierung der Logos das primär Wesen war?

 

Was die im Kanon enthaltenen Texte von vielen anderen frühchristlichen Theologien unterscheidet, ist sind die klaren Aussagen vom Logos in Menschengestalt. Auch wenn dieser in der Briefliteratur nicht vorkommt, so bleibt er die Voraussetzung.  Die Harmonie der im Kanon zusammengefassten Texte ist daher gegeben. Nur die bekannte Gstalt des Gottessohnes/Wortes konnte die notwendige Wirkung entfalten, den Glauben erhalten und zur Verbreitung beitragen. Dieses Benkenntnis zu Jesus in menschlicher Gestalt ist bei allen Texten des Neuen Testamentes gegeben, auch wenn über Ihn sehr unterschiedliche Geschichten erzählt werden. Doch das ist nur sekundär. Im Grunde drücken die verschiedenen Geschichten gleiches aus: Leben, Leiden und Offenbarungswirkung des lebendigen Wortes.

 

Die Kirchenväter, die sich zum Kanon entschlossen, um gegenüber Markion auch einen Einheitstext zu haben, gingen vom lebendigen Wort aus, das in den verschiedenen Evangelien in eindeutigerweise als Mensch zur Sprache kommt. Doch der gemeinsame Grund ist und bleibt das lebendige Wort Gottes und kein historischer Mensch, wie er heute als eigentlicher Jesus von Nazareth dargestellt wird.

 

Eine Theologie, die weiterhin nur einen historischen Menschen predigt, darf sich nicht wundern, wenn das Turiner Grabtuch als historischer Beweis nachgefragt wird, wie von einer Teilnehmerin Ihres Vortrages getan. (Bei der Weltausstellung in Hannover wurde mir der Zwiespalt unseres Weltbildes in besonderer Weise augenfällig: Wer vom lebendigen Logos allen natürlichen Werdens ausging, konnte die gesamte Schau als Beweis für das Wort Gottes betrachten. Selbst wenn die dort gezeichneten Zukunftsvisionen gleich 0 waren und oft nur werbefinanzierte Selbstdarstellung der Nationen betrieben wurden, in den Aussagen über das geschichtliche Werden der verschiedene Kulturen und den naturwissenschaftlichen Nachweis einer allumfassenden Vernunft wurde das Wort Gottes sichtbar gemacht. Im Papstpavillon wurde der Betrachter eines Besseren belehrt. Hier pilgerten die Besucher zum Turiner Grabtuch, um den Beweis für den geschichtlichen Jesus zu sehen. Doch nicht den Vatikan mache ich für diesen Irrglauben verantwortlich. Wer den historischen Jesus für einen Wandercharismatiker hält, der darf sich weder über die Frage der Teilnehmerin, noch das als Jesusbeweis ausgestellt Turiner Grabtuch wundern. Doch selbst die Legende, die vom Grabtuch erzählt wird, vom König von Odessa...,lässt sich verstehen, wenn vom Logos als historischen Wesen ausgegangen wird. Wie viele der absurd erscheinenden antiken Legenden geht es nicht um ein Menschenwesen, sondern das Gotteswort, ist der Logos das grund-legende Wesen.)

 

4. Die Bibel als Biografie des lebendigen Wortes verstehen

 

Im Hinblick auf die angenommene Spruchquelle Q sagten Sie, dass es sich um ein gutes Erklärungsmodell handele. Doch egal wie wir uns die Entstehung der Evangelien erklären, wir können doch bei keiner wissenschaftliche Betrachtung weiter davon ausgeht, bei einer solchen Spruchsammlung hätte es sich um die Rede eine historischen Menschen gehandelt. Nicht nur, dass solche Aussagen für uns heute völlig bedeutungslos wären. Es ist angesichts all unseres Wissens um die historischen Gegebenheiten undenkbar, dass die Evangelien nur eine solche Sammlung von überlieferten Worten eines Wanderradikalen sind. Doch ebenso wenig will ich die Aussagen auf alttestamentliche Texte reduzieren oder auf unerklärliche religiöse Rede, vom Auferstandenen ausgehend, der ein Mythos bleibt.

 

Gerade durch die fiktive Darstellung einer Spruchquelle aufgrund einheitlicher Jesusworte bei den Synoptikern wird deutlich, dass – vergleichbar mit den angeblich gnostischen Thomaslogien - hier keine Tonbadaufzeichnungen eines Wanderpredigers wiedergegeben werden, sondern eine Theologie des lebendigen Wortes/Logos zum Ausdruck kommt. Wie auch bei fernöstlichen Weisheitstexten gehen die Aussage von einer allumfassenden und die Welt im Gleichgewicht weiterbewegenden Vernunft aus. Diese Vernunft, die bei den Christen die uns bekannte menschliche Gestalt hatte, hat gesprochen. Gerade wenn die Evangelien auf sogenannte Logien reduziert werden, wird dies besonders deutlich.

 

Wenn die verschiedenen Bibeltexte, wie sie sagen, fast nur die wundersame Brotvermehrung gemeinsam haben, dann wird auch hier deutlich, dass mit der Brotvermehrung kein Hokus Pokus im heutigen Sinne beschrieben wird, den zufälligerweise alle Evangelisten erwähnen. Es geht den Evangelisten in keiner Weise um die Biografie eines Menschen im biologischen Sinne, der wundersame Taten vollbrachte. Sie selbst erklären die Wunder auf gang andere Weise. Warum aber suchen wir dann weiter nach einem historischen Menschenwesen, das der wirkliche Jesus sein soll?

 

(An anderer Stelle wird zu überlegen sein, wie nicht nur das Neue Testament, sondern letztlich die Gesamte Bibel eine Biografie des lebendigen Logos ist. Den alttestamentlichen Legenden, keine simple Geschichtsschreibung zugrunde liegt, sondern wie auch bei den Propheten und Psalmen, das in der jeweiligen Zeit wahrgenommene schöpfungs- und geschichtswirksame Wort Gottes zum Ausdruck kommt.)

 

5. Zeit und Ort der Geburt des neu verstandenen/lebendigen Logos lassen sich belegen

 

Wenn Johannes fast der einzige Evangelist ist, der konkrete Ortsangaben macht, er aber nachweislich vom Logos – lt. Berger stoischer Weltvernunft handelt – dann müssen wir doch von allen guten Geistern verlassen sein, wenn wir weiter wie bisher in den genannten Orten nach einem historischen Jesus suchen. Statt in den historischen Stätten ernsthaft nach den Spuren des lebendigen Wortes/Logos zu forschen, werden vergeblich die Knochen eines Jungpredigers gesucht. Es lässt sich belegen, warum Jesus wirklich in Bethlehem geboren ist, warum in der Davidstadt und nicht in Athen, Alexandrien, Antiochien, Ephesus (wo der Logosbegriff, Heraklit und Johannes seine Heimat hatte.) das Wort Gottes das Licht der Welt erblickte. Doch wer von einem historischen Wesen im heutigen Sinne ausgeht, der hat es schwer, der kann nur sagen, was nicht war.

 

Die moderne Theologie hat heute trotzt all ihres Wissens kaum mehr als die Rolle der heiligen Helena übernommen. Spätestens als Sie die Kreise an die Wand warfen, um bei der Suche nach dem wirklichen Jesus auch das historische Umfeld in Galiläa, Palästina, den Ostprovinzen oder Rom zu berücksichtigen wurde, befürchtete ich: Werden Sie heute als Vertreter der modernen Theologie, die Rolle der heiligen Hellena übernehmen? Doch während die Mutter des Kaisers Konstantin durch ihre Funde zur Begreifbarkeit, Verfestigung des Glaubens beitragen konnte, wird heute abgegraben. Während die Kaisermutter trotzt aller Suche nach greifbaren Gegenständen vom lebendigen Wort ausging, wird heute nur nach den Resten eines toten Religionsrebellen gegraben.

 

Wir reden über den Kontext, aus dem heraus das Geschehen nur zu verstehen wäre. Doch betrachten wir wirklich das großartige geistige Umfeld, in dem sich die Geschichten, die heute als historisch gelehrt werden, abgespielt haben? Sind wir bei einer Suche, die nur einen jungen Juden vor Augen hat, nicht blind für das, was an geistiger Entwicklung nachweislich ist? Wäre der Geburtsort und –tag durch eine neue theologische Betrachtung nicht viel konkreter zu bestimmen, als es heute geschieht? Ich bezweifle inzwischen zwar, dass Josephus Flavius, dessen Angaben derzeit die Aussagen der Bibel in Wanken bringen, einen historischen Bericht im heutigen Sinne abgeliefert hat, lese seine Texte als Apologetik, eine zeitgeschichtliche Begründung vernünftigen jüdischen Glaubens und nicht nur eine Geschichtsschreibung. Doch auch das macht die Sache Jesus nicht konkreter. Wer kann noch glauben, wann und wo Jesus wirklich geboren ist? Es sei denn, Glauben wird als blindes fürwahrhalten betrachtet. Doch eine solche Blindheit würde ich nie mit der Davidstadt in Verbindung bringen wollen. (Auch war es, wie viele andere aus Psalmen und von Prophetenworten übernommene Aussagen, nicht blinde Abschreiberei alttestamentlicher Texte, wenn Bethlehem als Geburtsstätte genannt wurde, sondern ein neues Verständnis des lebendigen Wortes, das auf David gründet, auch wenn dieser keine Geschichtsbedeu

tung im herkömmlichen Sinne hat. Doch dies brauche ich nicht zu wiederholen bzw. kann hier nicht weiter ausgeführt werden.)

 

Es genügt nicht, wenn wir den Zeitpunkt der Geburt Jesus nur einige Jahre hin und her schieben, damit er in die Geschichte passt. Auch die wenn wir hellenistische Mythen dafür verantwortlich machen, dass wir Weihnachten am 24. Dezember feiern, ist das zu wenig. Solange wir nicht nachfragen können, was hinter dem Heliosmythos steht, wie hierin der Logos der Schöpfung zum Ausdruck kommt, den nicht nur Heraklit und Johannes, sondern mit Sicherheit auch die anderen antiken griechisch-jüdisch denkenden Evangelisten als ewiges Weltentwort/vernunft und Ausgangspunkt allen Seins betrachteten, kommen wir bei der Datierung nicht wirklich weiter. Die Geburt Jesus will ich nicht in den Artemistempel nach Ephesus verlegen oder gar zum Urknall zurückdatieren. Vielmehr wird in den Gedanken des Heraklit bereits die Notwendigkeit vorgezeichnet, dem Logos eine menschliche Gestalt zu geben, damit er wahrgenommen werden kann.

 

Gleichwohl Heraklit sein ganzes Denken über die Natur/Genesis vom Logos ausgehen lässt, vergleichbar mit Moses, der für das gleiche Wesen den Begriff Wort Gottes wählt, weiß er um die Probleme der Menschen, dieses Wort zu verstehen: „Zu diesem Logos, der ewig ist, finden die Menschen keine Beziehung...“ Erst als der Logos in Menschengestalt zum Ausdruck kam, kann daher von der Geburt Jesus Christus gesprochen werden. Erst als Mensch wurde er zum Mittler zwischen Gott und den Menschen. (Selbst bei Philo, der im Logos den Sohn Gottes sieht, möchte ich daher noch nicht von einer Christologie sprechen. Denn bei ihm hat dieser keine menschliche Gestalt, kann keine messianische Wirkung entfalten.)

 

Zurecht haben sie darauf aufmerksam gemacht, dass wir im Jahre 2000 vor lauter Jahrtausendwechsel den Geburtstag Jesus weitgehend vergessen hätten. Doch zeigt sich nicht auch daran, dass den heute als historisch gehaltenen Jesus in Wirklichkeit kaum jemand mehr ernst nimmt? Kaum noch die Kirche. 

 

Mit Jesus hat nicht nur zufällig eine neue Form der Zeitrechnung begonnen. Während vorher alle Zeitangaben immer vom jeweilige König ausgingen: wir würden danach im 4. Jahr nach Schröder leben, war jetzt in Jesus der Zeitpunkt, an dem das Weltgeschehen festgemacht wurde. Und das hat seinen Grund. Es ging den Denkern damals nicht um eine Geschichtsperson im Sinne heutiger Darstellung des historischen Jesus. Mit dem lebendigen Wort hat wirklich eine neue Zeitrechnung begonnen, deren Dimension uns unverständlich bleibt, solange wir weiter nur einen jungen Juden sehen wollen.

 

Immer wenn die historisch kritische Theologie zur Begründung greift, betont sie, dass in den Aussagen Neuen Testamentes die himmlische Herkunft unterstrichen werden sollte. Ob Zeitpunkt, Ort, Vaterschaft....alles was über Jesus ausgesagt wird, sei so zu verstehen. Aber wenn es so ist, warum akzeptieren wir es nicht? Warum versuchen wir eine historische Wahrheit zu begründen, die nicht nur völlig daneben steht, sondern an der Wirklichkeit vorbeigeht? Warum gehen wir nicht auch von einem Wesen aus, das nicht Gott selbst, sondern göttlicher Herkunft ist. Genau dieses Wesen war das Wort, die personifizierte Weisheit, der Logos, der dort verstanden wurde, wo wir die Heimat des historischen Jesus vermuten, ihn mit einigen Anhängern umherlaufen sehen.

 

Die Erfahrungswelt von damals war eine andere als heute. Doch dass sie nicht historisch zu erfassen ist, im Mythos und metaphysischen Spekulationen verbleiben muss, braucht nicht zu sein. Mit dem uns Menschen gegebenen Verstand können wir aufgrund des Wissens nach der Entwicklung des antiken Wort Gottes Verständnisses fragen, den Weg des Logos nachverfolgen, seine Wirkungsstätten, seinen Geburtsort und Zeitpunkt belegen. (Bitte entschuldige Sie, ich habe vergessen: es geht ja nur um einen von vielen umherziehenden Wanderprediger, ich leben in einer verkehrten Welt. Wir können alles lassen wie es war, der persönlichen Beliebigkeit überlassen.)

 

6. Auf der Suche nach der Wirk-lichkeit die Kreise erweitern

 

Auf der Suche nach der historischen Wirklichkeit sind die Kreise zu erweitern, keine Frage. Doch nicht auf diese Weise, wie dies derzeit geschieht, wenn nur nach dem Umfeld eines Wanderradikalen gefragt wird. Die Suche nach einem menschlichen Wesen hat bis auf den heutigen Tage keinen einzigen weiteren Beleg für die historische Wirklichkeit gebracht. Auch wenn wir bei der Suche nach der historischen Wirklichkeit das Kulturelle Umfeld eines Religionsrebellen beschreiben, kommen wir nicht weiter. Das einzige, was als Weiterführung angesehen werden kann, ist die Einsicht, dass der historische Jesus nicht das war, was wir bisher für historische Realität gehalten haben. Wer das kulturelle Umfeld, die hohe griechisch-jüdische Kultur betrachtet, der kann nicht weiter ein solche banales Bild des historischen Jesus malen, wie dies heute geschieht. Denn gerade dort, wo der heute als historisch gesehene umhergezogen sein soll und durch zauberhafte Wunder auf sich aufmerksam machte, ist heute eine griechisch-jüdische Hochkultur auszumachen, die bei bisheriger Betrachtung völlig bedeutungslos wäre.

 

Wer die Kreise des Denkens erweitert, nicht nur nach den Spuren eines Wanderpredigers, sondern denen des lebendigen Wortes im antiken Denken sucht, eines geistigen Fortschrittes im Sinne  einer vernünftigen, zeitgemäßen Wahrnehmung eines universellen Schöpfers bzw. dessen Sohnes als Weltvernunft, der wird fündig. Wenn die Kreise erweitert werden, nicht nur nach einem Wanderprediger, sondern dem lebendigen Wort/Logos gesucht wird, dessen verschiedenartigen Wahrnehmung – ob in griechischer Philosophiegeschichte oder bei Psalmen, Propheten und Apokalyptikern -  lassen sich massenweise Zeugen Jesus finden. Das griechische Weltbild der Antike, das Verständnis des Logos kann bei all unseren Betrachtungen ebenso wenig  außer Acht gelassen werden, wie die jüdische Weisheitsliteratur und die gnostischen Lehren, wo der Logos in anderer Weise zum Ausdruck kommt. Die Kreise zu erweitert, bedeutet sich nicht auf antike Metaphysik zu verlassen, sondern im modernen naturwissenschaftlichen Weltbild neu den Logos, eine allumfassende Vernunft zu erkennen, die allem Werden zugrunde liegt, heute empirisch zu belegen ist.

 

Die Aussagen der Bibel brauchen so keineswegs verneint zu werden. Im Gegenteil: sie lassen sich als historische Wahrheit belegen. Die Aussagen über Zeit und Ort der Geburt Jesus sind dafür nur ein Beispiele.

 

7. Die Texte vom Logos ausgehend neu verstehen: Wort neu wahrnehmen

 

Die zahlreichen Kindheitserzählungen verlieren ihren skurrilen Anschein, wenn wir das Geschehen aus einer neuen Perspektive betrachten. Auch Nazareth kann als Wirkungsstätte des lebendigen Wortes nachgewiesen werden, wenn wir dabei nicht nur einen kleinen Ort vor Augen haben, sondern z.B. die Mandäer/Naziräer sehen. Es versteht sich von selbst, dass ich dabei den historischen Jesus nicht zum Mandäer, Essener oder Anhänger eines bestimmten antiken Glaubensbewegung machen will. Vielmehr ginge es darum zu untersuchen, wie in allen jüdisch-hellenistischen Bewegung zur Zeit Jesus das lebendige Wort wahrgenommen wurde, wie sich ein Übergang vom Mythos zum Logos vollzog, eine dem antiken Weltbild entsprechende vernünftige Gotteswahrnehmung den Weg bahnte.

 

Solange Sie jedoch den historischen Jesus für einen Wanderprediger halten, Christologie nur dessen hellenistische Verherrlichung bleibt, braucht über all das nicht weiter nachgedacht zu werden. Die Bedeutung Jesus ist dann auf das beschränkt, was heute als historisch erachtet wird. Doch dieser Jesus wäre nicht nur weniger als Bin Laden, er ist nachweislich nicht der, von dem die Evangelisten und die Christen der frühen Kirche ausgegangen sind. Der Prediger, der in Kapernaum sein Standquartier hatte und um den See Genezareth zog, kommt in der Bibel nicht vor. Denn wie sagt die moderne Theologie so schön: Die Evangelisten gingen vom Auferstandenen aus.

 

Testamente sind ein Bund, der über den Tod hinausgeht. Doch Jesus lebt wirklich. Die Evangelisten sind nicht von einem Toten ausgegangen. Der Logos war für sie ein lebendiges Wesen. Durch das Testament haben sie das Verständnis, den Bund bewahrt. Doch heute, wo das Textbild seine Bedeutung verloren hat, haben wir die Aufgabe und Chance neu zu verstehen.

 

Sie zeigten uns Lichtbilder von Galiläa, dem römischen Theater in Sephoris. Nazareth als bäuerlicher Vorort war dahinter zu sehen. Jesus sei möglicherweise ein Theaterarbeiter gewesen, hätte daher in seinen Gleichnissen von Heuchlern/Schauspielern gesprochen. Jünger sei einfach eine Bezeichnung für die Schüler des Theaterarbeiters mit Namen Jesus. Dieser sei kein „Waldschrat aus dem Hinterland gewesen“, wie dies derzeit in vielen Jesusbüchern zu lesen sei, sondern bei antiken Weisheitslehrern aufgewachsen. Auch die zahlreichen Geldmetaphern die er in seinen Reden gebrauchte, wollen Sie so erklären. Sie erzählten von einem dicht besiedelten Gebiet, ganz so wie die Vorderpfalz und machten das alles sehr anschaulich. Hier in Kapernaum, nicht Dorf, nicht Stadt, ganz so wie Hassloch, wo heute Ihr Vortrag stattfand, hätte Jesus gelebt und gewirkt. Die „Via Maris“ sei hier vorbeigegangen ist zu hören, einer wichtigen Verbindungsstrasse zwischen Alexandrien und Antiochien.

 

Über all dies will ich nachdenken, sehe wirklich in der Verbindung zwischen Alexandrien und Antiochien eine neu entstandene Ausdrucksform des lebendigen Logos. Auch die Theaterkultur, das Umgehen des Bilderverbotes durch Masken, das alles lässt mich ahnen, dass es um mehr ging, als Sie heute im historischen Jesus sehen. Wenn Sie Sephoris als jüdische Diaspora im eignen Land, den großen griechischen Kult schildern und gleichzeitig darauf hinweisen, dass hier fünft Jahrhunderte später auch der Talmud als wichtigste jüdische Schrift verfasst wurde, dann will ich nach einem neuen Verständnis suchen, das hier bereits zur Zeit des historischen Jesus Zuhause war.

 

Auch Ihre Aussage, dass hier das gelobte Land des Alten Testamentes zu suchen sei, lässt mich aufhorchen. Doch wenn der historische Jesus nur der wäre, für den Sie und die gesamte heutige Theologie ihn halten, dann wäre auch das nicht mehr als ein Zufall.

 

Doch mir scheint das Land, in dem der Logos als Mensch das Licht der Welt erblickt, das Wort Gottes den Menschen verständlich wird nicht als Zufall, sondern als Ziel. Moses, der die Hebräer aus Ägypten befreite, hat sich auf den Weg zu diesem Land begeben. (Bevor mich eine moderne Theologie aufgrund ihres historischen Wissens um den nicht gewesenen Exodus bzw. die fehlende Geschichtsgestalt bemitleidet, soll gesagt sein, dass ich hinter Moses keinen Menschen, aber eine reale Historie vermute: eine Verkörperung des hebräisch-monotheistischen Gottesverstandes, die von ägyptischer Menschheitsvergottung befreite und zu einer vernünftigen, dem Logos/Wort entsprechenden Lebensweise führte.)

 

Auch Abraham zog aus und hatte dieses Land zum Ziel. Der gehorsam gegenüber dem Wort Gottes lies ihn aufbrechen, in ein ihm unbekanntes Land. Der Hebräerbrief – der mit Sicherheit nicht von Anhängern eines historischen Wanderpredigers, sondern von einem Weisheitslehrer verfasst wurde, der den Logos/das Wort Gottes verstand – beschreibt Abraham als Ge-horsam: er hörte auf das Wort.  Abraham zog aus und wusste nicht wo er hinkam obwohl der das Land geerbt hatte. Er wäre Fremdling im verheißenen Land gewesen, wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister der Schöpfer Gott ist. Mit Sicherheit ist es dem Verfasser des Hebräerbriefes nicht um einen umherziehende Schafhirten gegangen. Auch sollte nicht nur eine alte Legende aufgewärmt werden. Dieser Geschichte liegt der Logos allen Lebens zugrunde, der bei den Verfassern des Neuen Testamentes lebendig war. Durch diesen Logos wurde den Menschen der eine Schöpfer, Baumeister der gesamten Weltstadt bewusst.

 

Wann endlich sind wir bereit aufzubrechen? In eine neue Denkwelt zu ziehen? Wann sind wir zu wirklichen Veränderungen bereit, die in den christlichen Predigten immer verlangt werden? Wann lösen wir uns vom Alten, lassen los, was wir als Wissensbesitz betrachten? Wann ziehen wir weiter? Wann werden wir frei zum vernünftigen Fortschritt? Wie kann ich den Nutzen eines neuen Verständnisses des historischen Jesus bewusst machen? Wie kann ich die moderne Theologie zu einem Aufbruch in das Land des lebendigen Logos bewegen?

 

Bitte entschuldigen Sie, ich habe ganz vergessen:

 

Jesus war ja nur ein junger Wanderprediger, der als Logos vergöttert wurde.