Wer
war Jesus wirklich?
(Ein vor vielen Jahren verfasster Texte, der von
seiner Aktualität wenig verloren hat, allerdings zu korrigieren/überarbeiten
wäre)
Zahlreiche Seminare und Vortragsveranstaltungen der
evangelischen wie der katholischen Kirche unserer Tage tragen diesen oder
ähnliche Untertitel. Auch die Neuauflagen entsprechender Bücher blühen. Schon
daß eine solche Frage nicht nur im stillen theologischen Kämmerlein, sondern
ganz öffentlich und offiziell im Kirchenalltag gestellt wird zeigt: Es ist
etwas in Bewegung. Auch wenn die Kirchen leer sind, vielleicht auch gerade
deshalb, wird neu nach der Grundlage gesucht. Durch die Auf-klärung
aufgeworfen, ist die "Frage" Jesus
aktueller denn je. Der schöpferische Weg, der Verstand Gottes (LOGOS)
geht weiter. Ist die geistige Freiheit, die sich in diesen Fragen zeigt, gegen Gott den Schöpfer gerichtet oder ist
sie die Voraussetzung einer not-wendigen Weiterentwicklung? Kann sie zu einem
aufge-klärten Verständnis von Gott als im Rahmen der natürlichen Schöpfung
sinnvoll, vernünftig handelnden Vater, von dem alles SEIN ausgeht, führen?
Einem Vater, der uns nur Christen im Sohn
offenbart wurde. Wer ist dieser?
Verschiedene Ansichten heutiger Theologen, die
meist eine historisch-kritische Exegese betreiben ,will ich zum Anlaß nehmen,
um an diesen Beispielen aufzuzeigen, warum jetzt die Zeit reif scheint für ein
neues Verständnis des schöpferisches Verstandes, LOGOS/WORT, als dem
historischen Jesus, Grundlage der christlichen Religion.
1. Eine
neue Perspektive vom Jesus Papyrus
Nach dem ersten Vortag von Carsten Thiede,
Leiter des Institutes für christliche Grundlagenforschung in Paderborn war ich
erschüttert. Wie kann man kleine unkenntliche Papyrusschnipsel mit vieldeutigen
Schriftzeichen, um die sich die Gelehrten streiten, als Beweis für Jesus
Christus vorführen, wo der doch das lebendige WORT ist, ging es mir durch den
Kopf. Wie kann man aus solch fragwürdigen Fragmente, Punkten an Buchstaben, die
nicht größer sind als Mückendreck, folgern, wer Jesus gewesen sei; wo der
lebendige LOGOS doch in jedem Baum und Strauch, jedem Werden einer Frucht
besser wahrzunehmen ist, leibhaftig ist in aller Evolution? Die Zugänge zur
christlichen Glaubensgrundlage könnten kaum gegensätzlicher sein. Und doch
denke ich, daß sich viele meiner laienhaften Zielsetzungen mit denen des
hochkarätigen Historikers decken, daß das historisch kritische Weitersuchen,
was ihm von manchen der Kirchenvertretern vorgeworfen wird, genau dort
ein-mündet, wo die Wahrnehmung des lebendigen WORTES als der historischen
Person des Jesus von Nazareth beginnt. Nach dieser neuen Wahrnehmung wird auch
das Jesus Papyrus im neuen Licht erscheinen.
Auf den in Luxor aufgetauchten
Papyrusfragmenten, die sich heute in einer Oxforter Bibliothek befinden, soll
es sich um authentische Jesus-logien handeln, die aufgrund der Ausformung der
Schriftzeichen auf eine Entstehung vor dem Jahre 70 schließen lassen. Die
inhaltlichen Überein-stimmung mit dem Matthäusevangelium würden daher beweisen,
daß das Neue Testament von Augenzeugen Jesus geschrieben wurde.
Ich habe keine Zweifel an den Schlüssen des
Schriftgelehrten, der diese als Weltsensation bezeichnete Entdeckung bereits
1995 machte. Selbst der Spiegel hat der theologischen Entdeckung einen Titel
gewidmet. Doch was haben die griechisch-jüdischen Verfasser des Evangeliums
wirklich als Augenzeugen gesehen, wenn sie vom Wanderprediger als dem ewigen
WORT sprechen, das die Wahrheit des Schöpfers sei usw. usw.? Ist die Quelle
dieser LOGIEN etwa das, was ich als lebendigen LOGOS, schöpferisches WORT sehe
in all seiner Wirk-lichkeit, realem Wirken? Ent-spricht nicht auch die
Darstellung, das begreiflich machen des LOGOS/WORTES in der menschlichen Person
dem damaligen Literaturstil? Und der Erfolg dieser Form der Darstellung hat ihr
recht gegeben, belegt im Nachhinein noch ihren Sinn, zeigt eine Logik dieser
Literaturform, die aus heutiger Sicht nachvollzogen werden kann. Auch wenn
jetzt die Zeit für ein neues, aufgeklärtes Sehen reif ist.
Der Vorredner der Uni Mannheim spricht von
"vielen Irrtümern der Geistesgeschichte", vielen Kontroversen auf der
Suche nach konkreten Quellen. Er hat die
Hoffnung, daß so selbst Prof. Lüdemann, der lautstark für die schrift-logische Leugnung
der Auferstehung Jesus eintritt, und so das Fundament christlichen Glaubens zu
erschüttern droht, widerlegt werden könnte.
Ich denke, daß wir dieses Fundament wiederfinden
können, auch wenn ich dabei die Papyrusschnipsel aus völlig anderer Perspektive
sehe. Als Zeugnisse des Lebendigen WORTES, das auch die Auf-erstehung völlig
neu verständlich macht. In allem natürlichen Geschehen ebenso zu erkennen ist,
wie in der Geschichte des Geistes, wo ich auf dieses AUF- oder Wieder-Ver-stehen warte.
Der Papyro-loge unterstreicht sein Interesse an
der Historie, über die man nicht einfach durch sog. Glaubensaussagen
hinweggehen könne. Das geistige Umfeld und die Zeitepoche in der diese
Literatur verfaßt wurden, seien unbedingt zu beachten. "Chrono-logie sei
das Rückgrat der Geschichte". Er hat mir dabei aus dem Herzen gesprochen.
Denn geht es im Evangelium nicht um eine völlig neue Glaubensgrundlage, die
Geschichte eines neuen Geistes, der ohne das griechische Denken über die
konkreten kosmischen Gegebenheiten als kausales Gotteswirken nicht mehr
wahrzunehmen ist? Sind die 27 Schriften des Neuen Testamentes nicht Teil der
weit umfangreicheren antiken Literatur, zu der auch die als gnostisch
gestempelt, abgelehnten gehören und die ein Bild des Gottessohnes zeichnen, wie
ich es heute nicht besser formulieren könnte? Nicht zuletzt der Fundort des
Jesuspapyrus, der in der Nähe von Nag Hamadi liegt, wo vor wenigen Jahren
gnostische Evangelien gefunden wurden, die Jesus auf die Weise wahrnehmen, wie
ich sie wider angesichts unseres heutigen Wissens lebendig werden lassen will,
läßt auf die geistige Verwandtschaft schließen. Wie blind sind wir, daß wir bei
der historisch kritischen Suche einen Teil der Geistesgeschichte wie die
Gnosis, die - so konserative Theologieprofessoren, gleichwohl sie heutiger
Gnosis sehr skeptisch gegenüberstehen - die geistige Grundlage der
Urchristengemeinde ausmachte?
Wie können wir weiter annehmen, die Verfasser
unserer Bibel hätten nur die Banalstory von einem jungen asketischen oder lebenslustigen
(die Auslegungen wechseln beliebig) Wanderpropheten aufgeschrieben, seine Worte
mitstenografiert? Haben sich diese, wie
wir inzwischen wissen, hochgebildeten
Verfasser wirklich nur von den Zauberkunststücken eines Hokus-Pokus-Heiler
begeistern lassen? Haben sie den Sprüchen eines Wanderpredigers geglaubt, der
sich heimlich für den Messias hielt, wie damals viele durchs Land zogen? Wo
liegt der Kern dieser neuen Lehre von Nächstenliebe? Ist es das lebendige WORT
Gottes, oder war es wirklich nur ein die jüdische Vor-schrift neu auslegender
Wanderprediger?
Das Umfeld des Fundortes der Jesus-logien, nahe
Alexandrien, dem Zentrum der damaligen geistigen Welt, Schmelztiegel des jüdischen und
griechischen Denkens, läßt doch deutlich darauf schließen, daß die Verfasse,
auf die sich die Theo-logie des neuen Testamentes gründet, weit mehr gedacht
haben, nicht nur einen Wanderprediger nachgeplappert oder gar diesen noch
verherrlichten, indem sie ihm Worte der jüdischen Schrift in den Mund legten
und ihn als Messias bezeichneten. Das kann doch nicht das Wesen der
christlichen Religion sein?
Ich bin gewiß, die aufgezeichneten Loggien sind
authentische Jesusworte. Doch wer ist dieser wirklich gewesen, und wer ist er
heute?
Es genügt nicht, heute nur noch von einem
"Jesus des Glaubens" zu sprechen,
weil wir seit der Aufklärung den historischen Jesus entblättert haben.
Wer sich näher mit diesem Jesus des Glaubens auseinandersetzt wird erkennen,
daß dieser dann nur noch eine Grundlage im vor-gesetzten WORT hat, das mit der
Zeit zu erstarren droht und dann seine Autor-ität verliert. Nicht mehr auf den
Autor, den realen Schöpfer zurückgeführt wird. Nur noch als Projektion einer
religiösen Institution gesehen und nicht mehr für zeitgemäß gehalten wird. Es
geht um weit mehr als das WORT einer Institution und deren Machterhalt und
Moralpredigt, modern Weltethos genannt. Er ist weder ein Projektion von
religiösen Predigern noch Philosophen. Der Messias ist nicht dem vorgesetzten
Wort der jüdischen Schriftgelehrten entsprungen und nicht nur ein geistiges
Leergebäude der Naturphilosophie. Er ist ebenso wenig nur ein unbegreiflicher
Mythos, den jeder nach seinen Belieben individuell auslegt. Die Theologie des
Paulus, dessen Name für ein neues Paradigma der Gotteserkenntnis steht, auf ein
neues geistiges Fundament gründet, richtet sich nicht gegen die jüdische Tora,
aber sie ist ein wirklich neues Testament, das nicht nur etwas mehr
Nächstenliebe in die alte Lehre einstreut. Sie macht den Mythos verständlich
und gibt der vor-gesetzten, institutionalisieren Moralpredigt
nicht nur eine natürliche Logik, sondern läßt
sie als Norm Gottes, Wille des Schöpfers erkennen.
Auch wenn sich die Amtstheologie von der
historisch kritischen Suche kaum mehr etwas erhofft, seit der Zeit von
Jesusforschern wie Albert Schweizer (dessen Fortführung ich selbst in
kritischen Werken wie z.B. Rudolf Augstein oder Gert Lüdemann sehe) davon
ausgehen muß, daß ein historischer Mensch nicht gleichzeitig der Messias ist,
sondern nur so genannt wird, muß m.E. die kritische Suche nach den Grundlagen
-auch wie sie der Paderborner Papyrologe betreibt- weitergehen.
Doch daß die Kritiker die menschliche Person
entblättert haben, betrachte ich als ein Art Gnade der späten Geburt. Der Abriß
ist beendet. Wir brauchen keine Zeit mehr zu investieren, um weiter
abzustreiten: "alles Mythos", "Worte Jesus dem alten Testament
einfach, abgeschrieben," "das stimmt so nicht, was da geschrieben
steht, weil es historisch doch ganz anders war, weil sich die Evangelisten
selbst widersprechen" usw. usw. Diese Arbeit ist getan. Jetzt geht es an
den Wiederaufbau. Die Zeit ist reif für ein neues christliches Bewußtsein. Auch
daß seine Bedeutung für unseren Alltag am Ende scheint, sehe ich als Chance für
den Neuanfang.
Jesus ist keine Verschlusssache der oder des
Vor-gesetzten mehr. Er ist weder deren Projektion noch banaler, für heute
Verhältnisse unwichtiger Wanderprediger gewesen. Erst wenn wir der Institution
die Furcht nehmen können, daß sie ihr Fundament verliert, wird die Entwicklung
weitergehen. Nur neue geistige Konstruktionen, völlig losgelöst vom
historischen Fakt, können dieses Fundament sicher nicht sein. Es gilt, kritisch
weiter nach der historischen Grundlage des neuen Geistes zu suchen. Die
Geistesgebilde des New Age und der modernen wissenschaftlichen Erklärungen über
die Zusammenhänge allen vernünftigen Werden, im Rahmen schöpferischer Gesetze
bleiben unwirksam, wenn wir darin nicht die Grundlage unserer Religion sehen.
Alle Erkenntnis schöpferischer Prinz-ipien sind für die Erkenntnis sinnlos,
wenn wir sie nicht als Ausformungen des Gottessohnes (Gottes ER-zeugnis,
WORT/LOGOS) sehen und damit als logische Leitlinien für unser Leben, die wir im
Sinne des Schöpfers auf menschliche Art umsetzen müssen. Erst darauf kann dann
die Ethik, die Moralpredigt aufbauen. Vorher bleiben wir Pharisäer, die zwar
das Gute wollen, weitgehend auch wissen, was gut wäre, jedoch ohne die
Wahrnehmung des Gottessohnes nicht verwirklichen können. Doch selbst dieses
Wissen um Gut und Böse bedarf als Basis die schöpferische Vernunft.
Ich bin gewiß: wenn wir das Fundament des
damaligen LOGOS, in der neuen Sicht einer schöpferischen Vernunft heute finden,
erkennen wir nicht nur den Sinn der alten Lehre, sondern läßt sich der LOGOS
jederzeit neu fragen. Dann sagt uns der Sohn Gottes selbst - und nicht menschliche Ideologien oder
Vorgesetzte - noch heute, was wir bei den großen und kleinen Fragen unserer
Zeit tun und lassen sollen. Der Logos lebt. Er ist die Grundlage jeder
vernünftigen Gottes- und Lebenslehre. Doch solange wir ihn nicht begreifen und
nicht die Brücke zum Bewußtsein der Denker von damals schlagen, bleibt beides
banal, sind neues Denken wie alte Bilder unbe-deutend.
Dr. Tiede erwähnt Philon, in dessen Nähe die
Papyrusfragmente gefunden wurden. Wieso sind wir dessen Denken so fern, wenn
der doch nicht nur zur Zeit, sondern in der Nähe Jesus lebte? Warum
beschäftigen wir uns auf der Suche nach dem historischen Jesus nicht neu mit
diesem Denken, das sich vor fast genau 2000 Jahren mit dem Namen Philons
verband? Ich bin sicher, daß sich auch zwischen den ER-klärungsmodellen des
Platon, dessen LOGOS begriff Brücken zur Theologie des Paulus schlagen lassen,
ebenso wie zwischen späteren
philo-sophischen ER-klärungen. Doch Philon war Zeit-zeuge Jesus. Wenn wir nach
dem Hinweis des Geschichtswissenschaftlers handeln und die Chronologie
befolgen, dann dürfen wir bei der Suche nach der Zeugung unseres christlichen
Glaubens nicht nur in Papyrusschnipseln lesen, sondern müssen dessen geistige
Grundlage berücksichtigen: die Lehre vom LOGOS, die Gnosis, ER-kenntnis der
damaligen Zeit.
(Ich denke dabei nicht an die Ableger der Gnosis
als bestimmte Geistesrichtung, wie wir sie im Lexikon lesen, als Weltfremd bzw.
Weltverneinend abgestempelt und in die
Schublade der unchristlichen Häresie abgelegt. Es geht nicht um religiöse
Richtungen, die in Grundlage und Lehre den Bezug zur Realität verlieren und so
als unsinnig gesehen werden und unverständlich bleiben, verdampfen. Ich bin
gewiß, das die christliche Religion im Grunde eine vernünftige, lebensbezogene
Auslegung des LOGOS ist. Die Grundlage dazu ist auf dem Stand unseres
heutigen Wissens zu erkennen und verständlich
auszudrücken.
Aber auch die heutige moderne Gnosis bleibt ohne
Bedeutung, wenn sie ohne Bezug zum historischen Jesus bleibt. Es nützt nichts,
zurück zum Natürlichen zu rufen oder die kosmische Ordnung, aus der wir
ausgebrochen sind, anzubeten und sich in moderne Mythologien zu flüchten. Nicht
öko-logische Gaia- und sonstige Hypothesen sind angesagt, sondern vernünftiges
schöpferisches Handeln. Neue Erkenntnis des griechischen LOGOS als Sohn,
ER-zugnis des jüdischen Gottes, Grundlage des Neuen Testamentes, der hinter all
diesen mehr oder weniger wissenschaftlichen Hypothesen steht. Kein
transpersonaler Geist einer Tans-ratio, sondern die Vernunft Gottes, des
verständlich gewordenen Vaters, der nicht selbst, sondern nur über den Sohn zu
begreifen und wahrzunehmen ist, gilt es zu sehen.)
Welten scheinen zwischen meinem Denken und dem
des Wissenschaftlers zu liegen, der
durch seine Papyrusfragmente die Person Jesus beweisen will. Und doch
ist es ein Weg. Auch wenn der Historiker tausendmal mehr über die
geschichtlichen Hintergründe weiß als ich - oder genau deswegen - will ich
seinen Weg weithin mitgehen:
Er will, daß das Neue Testament als Teil antiker
Literatur gesehen wird. Nur so ließen sich die Texte lesen. Doch wenn wir dies
tun, dürfen wir dann einfach davon ausgehen, daß hier ein Mythos zur Verherrlichung
eines Menschen aufgeschrieben wurde? Ist es nicht wirklich der Messias, das
schöpferische WORT und die Ausprägung seiner Lebenslehre, die hier im Stile der
Antike in verdichteter Form ausgedrückt wurden? Wäre das Christentum zu dem
geworden was es ist, wenn nicht alle Generationen vor uns davon ausgegangen
wären, daß die Augenzeugen damals mehr gesehen haben als einen Menschen?
Das Glaubenszeugnis dient nicht nur dazu einen
Wanderprediger zu erhöhen. Es ist die Geschichte einer neuen Theologie. Das neue
Denken in der personalisierten Form des fleischgewordenen, begreifbaren LOGOS
und dessen Auseinandersetzung mit der vor-gesetzten Lehre, seine
Leidensgeschichte, von der geschrieben steht und die bis in die heutige Zeit in
der realen Geschichte nachlesen läßt. Gerade wenn wir nachweisen, daß die
Jesuslogien früh aufgezeichnet wurden, können wir nicht weiter davon ausgehen,
daß es sich im Evangelium um eine Predigt auf einen Wanderpropheten und seine
Lehre handelt, lange nach seinen Tode zu dessen Verherrlichung verfaßt. Es war
nicht die mythologische Überzeichnung eines Menschen und dessen guten Handelns,
so wie wir heute, anläßlich dessen 100.
Geburtstag Altbundestrainer Sepp Herber als Fußballlegende hochleben lassen,
sich selbst Kanzler Kohl als Festredner im Mythos des allseits anerkannten
volksnahem Menschen sonnt oder ihn achtend honoriert (je nach politischer
Sicht) und bei all dem Medienwirbel
Herberger immer weiter in den Fußballhimmel gehoben wird. Auch wenn die
Überzeichnung des hochverdienten Fußballlehrers als Vorbildfunktion seine
Berechtigung hat und für die Erziehung sinnvoll ist. Die frohe Botschaft des
Neuen Testamentes basiert auf weit mehr als einem Menschen mit mythologisierter
Vorbildfunktion. Das Grund-legende dieser Legende war nicht ein weiser Lehrer,
sondern liegt in der Person des Jesus von Nazareth als das WORT Gottes, LOGOS,
nicht einfach vor-gesetzt, sondern im SOHN, allem schöpferischen ER-zeugnis
lebendig.
Der Forscher, auch wenn er das Grundlegende
weiter in den gesetzten Texten sucht, fordert von der Amtstheologie, aufgrund
der Papyrusfunde alte Prämissen zu überwinden. Die Geschichte Jesus sei jetzt
aus neuer Perspektive zu sehen. Damit spricht er mir aus dem Herzen. Auch wenn
Thiede von der Theologie weit weniger verlangt als ich, dabei nur an die neue
Chronologie denkt, die sich durch die frühe Datierung des Matthäusevangeliums
ergibt und nicht ein neues Bewußtsein des Christus. Bisher gingen die Exegeten
von anderen Voraussetzungen aus. Das Jahr 70 nach Jesus, die Zerstörung
Jerusalems sei ein sehr wichtiges Datum, so der Wissenschaftler, der in der
Vordatierung der Schriften auch begründet, warum dieses Ereignis nicht als
geschichtlich zurückliegendes Ereignis erwähnt wurde, sondern nur als
Weissagung Jesus, aufgenommen, um ihn als Propheten darzustellen.
Bisher sei man davon ausgegangen, daß die
Evangelien lange danach geschrieben wurden. Die Zerstörung Jerusalems sei als
Grundlage des Gleichnisses vom Festmahl verstanden worden, zu dem die Geladenen
(womit man sicher das jüdische Volk meint) nicht erschienen. Und weil man an
dieser Schriftlehre festhalten wolle, dürfe die Vordatierung nicht sein. Doch
behält das Gleichnis nicht seine Bedeutung unabhängig von der Datierung? Sind
die zum Festmahl Geladenen etwa nicht ein bestimmtes Volk, sondern alle, die am
erstarrten Gesetz festhaltenden? Geht es nicht nur um die Zerstörung einer
bestimmten Stadt, sondern steht der Name Jerusalem für den Glaube an den
jüdisch vorgesetzten Gott, den es angesichts des lebendigen LOGOS neu
aufzubauen gilt?
Was noch auffällt am Streit der Theologen: da
werden die Gleichnisse hin und hergeschoben, wird kräftig gegenseitig
abgestritten, bis nichts mehr bleibt. Wie selbstverständlich geht man davon
aus, daß fast alles nur Rückprojektion sei, nachträglich hineingelegt oder
-gelesen, um eine Glaubensausage, d.h. dann eigene Ansichten zu unterstreichen.
Thiede ist dafür nur noch ein kleines Beispiel. Er argumentiert zur
Rechtfertigung seiner Urtexte, daß die Aussage "Doch nicht etwa ich Herr",
die die Jünger einer nach dem anderen ruhig und sachlich auf die Ankündigung,
daß ihn einer verraten würde, geantwortet hätten, nur eine spätere Umformung
sei, um ihn als weisen Lehrer bei den Gebildeten besser dazustellen. Die im
Oxforter Papyrus getroffene Aussage, die im Gegensatz zum Evangelientext
aufgeregte, aufbrausende, durcheinander sprechende Jünger zeige, dürfe doch
weit mehr der Realität entsprechen.
Beliebig werden so die Texte gedreht und gewendet.
Stück für Stück banalisiert oder als Projektion von späteren Predigern belegt.
Was bleibt, ist dann nur noch private Glaubensangelegenheit gegenüber
vor-gesetzten Buchstaben.
Die Theologie liest heute längst die Geschichten
des Neuen Testamentes als Glaubensbilder. Doch was liegt diesem Glauben
zugrunde. War es nur das Vor-gesetzte oder eine neue Wahrnehmung? Was soll an
der Banalstory vom jungen Juden dann noch wesentlich sein, wenn wir die
Glaubensbilder weglassen und den LOGOS nicht wahrnehmen? Worauf aber bauen die
theologischen Glaubensbilder, wenn nicht nur auf vorgesetzte Texte oder einer
unbedeutenden Story. Auch Thiede deutet das Neue Testament als Tendenzwerk, um
den Glauben zu stärken, was der Sinn aller antiker Schriftstücke gewesen sei.
Doch welche neue Tatsache liegt diesem Tendenzwerk zugrunde? Ist es nicht die
schöpferisch Tat Gottes, das erkannte WORT ge-wesen, daß das Wesen der frohen
Botschaft ausmacht? Liegt die Quelle der historischen Wahrheit weder in einer
schillernden Persönlichkeit, über die heute die unmöglichsten Geschichten
geschrieben werden, noch in einer Projektion zur Auslegung des vor-gesetzen
Glaubens, sondern im lebendigen WORT/LOGOS, wie er neu in allem Werden
wahrzunehmen ist?
Wie schaffen wir einen Wechsel der Perspektive?
Wenn wir heute noch nicht mal bereit sind, die
Hypothese aufzugeben, daß die Evangelien erst nach dem Jahre 70 verfaßt wurden,
was Thiede bitter beklagt, wie schwer wird es uns dann fallen, von der Person
des Jesus von Nazareth eine neue Perspektive zu gewinnen?
Die Frage wird sein, was können wir dadurch
gewinnen? Was würde diese neue Perspektive für den christlichen Glauben, unser
Gottesverständnis bedeuten und was bringt sie für unseren Alltag? Wie kann sie
zu einem Verhalten entsprechend einer globalen Vernunft beitragen?
Bei der Frage der Datierung, die von vielen der
im Hörsaal anwesenden Theologen nur als nebensächlich betrachtet oder längst
bereits im Sinne der neuen Papyrustheorien beantwortet wird - selbst Johannes
soll, so Prof. Berger, schon viel früher verfaßt worden sein als bisher
angenommen - kann die Amtskirche keine Vorteile durch die neue Perspektive der
Vordatierung sehen. Denn bringen uns die neuen Prämissen wirklich näher an die
Wahrheit? Zeigen sie wer Jesus wirklich war, was und wen die Augenzeugen
gesehen haben? Wurde die Auseinandersetzung um die Person Jesus nicht bereits
in den ersten Jahrhunderten zwischen den verschiedenen Richtungen der
Frühkirche geführt, gleichwohl diese der historischen Wahrheit wesentlich näher
waren? Taucht nicht die Frage "wer bist Du, Prophet, Lehrer, Moses, Elia
oder Messias" bereits bei den Jüngern zu Lebzeiten Jesus auf? Ja, ist
Jesus nicht der falschen Beantwortung dieser Frage, der Fehleinschätzung durch
Schriftgelehrte und Priester zum Opfer gefallen?
Was nützt es, wenn wir durch die Vordatierung
jetzt behaupten, daß alles sei genauso gewesen wie es im Buche steht, nur die
Banalstory eines jungen Juden, in die dann noch einige alten Mythen und
allerlei Hokus-Pokus hineingelegt wurde, zur Verherrlichung seiner Person? Soll
das eine glaubensfruchtbare Perspektive sein, antike Tendenzschrift, statt
neuer Theologie, in der der griechische Geist der vernünftigen Gotteserkenntnis
mit eingeflossen ist?
Johannes, der von Jesus ja ein weit bedeutenderes
Bild zeichnet als die Synoptiker, die den Leidensweg, die Auseinandersetzung
des lebendigen LOGOS mit dem Geist der Vor-gesetzten sinnvollerweise und
zeitgerecht in ihrer Literaturform als
Lebensgeschichte eines Menschen darstellen, hätte dann nur maßlos
übertrieben. Hat er uns mit den Messias nur einen Bären aufgebunden - und dies
gleichwohl er den weisen Wanderprediger ebenso persönlich gekannt haben muß,
wie die Synoptiker? Wenn er von Jesus als WORT, WAHRHEIT oder WEG spricht, ist
das dann nur so ähnlich, wie wenn die Anhänger einer neuen Sekte ihren
wunderheilenden Guru vergöttern? (Mit Hilfe von technischen Tricks a la David
Copperfield könnte man sogar den auferstehen lassen bzw. Prof. Lüdemann versucht ja zu belegen,
daß selbst dies nicht wahr wäre, Jesus verwest sei.)
Haben dann all die vielen anderen Historiker
auch recht, die heute ebenso aufgrund von angeblich archäologischen Fakten und
Schriftfragmenten die abenteuerlichsten Storys verbreiten? Statt Messias nur
ein Mißverständnis? Dann hat also die verhießene Offenbarung und all die
anderen im neun Testament beschriebenen Heilswirkungen noch gar nicht
stattgefunden? Statt Tatsachen nur Tendenzschrift? Statt lebendiges WORT nur
eine Predigt aufgrund eigener oder alter Vorstellungen um andere zu überreden?
Sind wir heute dann gar nicht weiter, sondern dort wo Hiob war, zweifeln an der
Allmacht Gottes und beschweren uns,
wie er all das Leid zulassen kann, weil wir die
Güte und Vernunft des Schöpfers nicht sehen, in den uns vorgesetzten Schriften
und der alten Mystik nicht mehr die Vernunft des handelnden Schöpfers
wahrnehmen können?
Bringt uns die Vordatierung der
Schriftverfassung Wahrheit über das Auferstehungsgeschehen, als Kern unseres
christlichen Glaubens, wie ein Pater vor dem Vortrag hofft, oder haben wir
hierdurch nicht vielmehr den Beleg, daß auch dies nur eine Theologische
Tendenzübertreibung zur Verherrlichung eines jungen Juden war?
Was also ist der Gewinn dieser neuen historisch
kritischen Jesus Theologie? Läßt sie uns Jesus und den Sinn des Neuen
Testamentes, die Heilswirkung der neuen
Theologie Wieder-ver-stehen, oder führt sie zur Verwesung? Wird Jesus nicht
noch un-wesen-tlicher, als er heute für uns in Wirklichkeit schon ist? Hat uns
nicht dieses Unwesen schon längst zur Gott ist Tod Theorie der angeblichen
Aufklärer getrieben?
Was bliebe noch wesen-tlich, wenn nur ein
Wanderprediger das Wesen ge-wesen wäre, das die Augenzeugen, die wirklichen
Seher des begreifbaren, lebendigen LOGOS gesehen haben?
Wer will es der Theologie verdenken, daß sie an
den alten Schablonen ihrer Schriftgelehrter festhält, selbst wenn diese am
laufenden Band widerlegt werden?
Und doch scheint mir, bringt uns die historische
kritische Forschung noch der Person Jesus, wie sie u.a. in den Papyrustheorien
gipfelt, weiter. Denn zeigen uns diese, jede aus ihrer Perspektive
nachzuvollziehende Sichtweise nicht, daß wir wirklich ein neues Paradigma
brauchen, daß wir das alte Korsett
abstreifen müssen? Warum soll das Wesen Jesus ein Menh gewesen sein? Warum
nehmen wir nicht das WORT Gottes wahr und wollen immer nur an Menschen ( einen
Wanderprophethen oder spätere Prediger) glauben? Was verbirgt sich hinter der
Person, warum müssen wir unbedingt einen Menschen in den Mittelpunkt stellen?
Wer ist das Wesen der gesamten Schöpung Gottes, können wir uns heute vor der
Selbstvernichtung stehend, wirklich noch als die Inkarnation des schöpferischen
WORTES, Gottes vernünftigen Handelns betrachten? Ist unser Logos nicht längst
zum Unverstand geworden?
Warum fällt es uns so schwer, eine über uns
stehende schöpferische Vernunft und Ordnung, wie sie heute in vielen
Biologiebüchern und kosmologischen Betrachtungen, ebenso wie in den
Schöpfungsmodellen der Chaosforscher für jeden als ganz logisch und natürlich nachvollziehbar ist, für wesen-tlichere zu
halten als einen von Menschen vor-gesetzten Menschen den man Messias nannte?
Wieso muß der Messias ein menschliches Wesen sein? Wäre er nicht viel
wesen-tlicher als Vorbild und Lehrer, wenn wir den lebendigen LOGOS im schöpferischen
Handeln Gottes wahrnehmen würden, wie es uns alle Wissenschaft verständlich
macht?
Warum machen wir weiter das von menschlichen
Vor-gesetzten vor-gesetzte Wort zum Maß aller Dinge und können nicht das in allem
Werden, aller Evolution sichtbare WORT Gottes selbst als das WESEN-tliche
erkennen? Verhindert die sich verselbständigende Bildgestalt des Asketen in den
Sandalen, daß wir das auf neue Weise WÖRT-lich nehmen, was der Augenzeuge
Johannes ebenso wahrgenommen hat, wie es die vielen sonstigen Verfasser
damaliger Erkenntnis aufgeschrieben haben, ob in sog. gnostischen
Spruchweisheiten oder antiken Literaturform von der Leidensgeschichte und
Heilswirkungen dieses sich mit der Vor-gesetzten-Lehre auseinandersetzenden LOGOS.
Wir Christen suchen seit langem nach
Gottesbeweisen in immer neuen Philosophien. Müßte nicht Jesus Christus als
unsere Offenbarung, unser Weihnachtspräsent (Präsentation eines lebendigen,
vernünftigen Vaters) sein? Warum können wir in der schöpferischen Vernunft
nicht diesen christlichen Gottesbeweis wahrnehmen? Zwar kann niemand zwingend
belegen, daß alles natürliche Werden im Mikro- und Makrokosmos einen Gott
voraussetzt, doch wo kommen wir Menschen heute hin, wenn wir nicht von Gott ausgehen,
keinen vernünftigen Sinn im schöpferischen Geschehen sehen? Wie verhalten wir uns, was ist unser
Schöpfungserfolg, wo steuern wir hin, wenn wir uns nicht für das sinnvolle
Wirken eines Gottes begeistern?
Doch kann es nur um irgendeinen Gott, an den man
einfach glauben muß, eine verschwommene Göttlichkeit, die gefühlt oder den
Menschen nur vor-gesetzt wird, gehen? Sollte uns Christen nicht Gott als Vater
bewußt sein, von dem das schöpferische WORT in allem Werden ausgeht?
Halten uns die banal gewordenen vor-gesetzten
Bilder vom asketischen weisen Wanderprediger von der Wahrnehmung eines höheren
Wesens ab, das viel wesentlicher wäre? Oder liegt gerade in der
Bedeutungslosigkeit dieses Bildes nicht die Hoffnung auf ein neues Bewußtsein?
Denn was können wir noch verlieren? Hat die historisch kritische Leben Jesus
Forschung ein schöpferisches Ziel erreicht, weil weniger nicht mehr geht? Was
können wir noch verlieren?
Wir können durch eine neue Wahrnehmung des
Wesens Jesus nur gewinnen!!!
Kann es sein, eine moderne persönliche
Glaubensweisheit zu verkünden von einem kosmischen Christus, völlig losgelöst
von der historischen Gestalt der damaligen Geschichte? Was würde es bedeuten
wenn wir wahrnehmen, daß Paulus nicht auf einen weisen Prophethen oder asketischen
Wanderprediger baute, sondern auf das lebendige WORT Gottes, dessen Geschichte
und Heilswirkung die Evangelisten beschreiben?
Muß die historisch kritische Forschung
weitergehen, hier neu nachfragen?. Gilt es nicht Fakten zusammenzutragen, die
das damalige Denken belegen und dessen noch immer oder gerade für uns so
wesentliche Heilversprechen verständlich machen? Selbst wenn wir trotz all dem
vielen Wissen über die theologischen Hintergründe wie sie uns heute zuteil
werden, immer noch nicht beweisen können, daß die Wahrnehmung, die dem Wandel
vom Saulus zum Paulus bewirkte das gleiche vernünftige schöpferische WORT
höchst-persönlich war, wie wir es sich uns heute in allem Werden neu offenbart,
was würden wir verlieren, wenn wir Jesus als das lebendige WORT wahrnehmen?
Wir können nur gewinnen?
Und was, wenn nicht, wenn wir weiter nur einen
Wanderprediger wahrnehmen, was haben wir noch zu verlieren?
Die vielen Fragen, die die Bedeutungslosigkeit
unseres Jesusbildes belegen, will ich mir ersparen, sie wurden schon längst gestellt. Auch die Folgen davon,
der Zerfall unseres Glauben, die Sinnentleerung uns täglichen Handelns, das uns
bis an den Abgrund geführt hat, brauche ich hier nicht aufzuzählen.