Nag Hamadi: Heimat Jesus ?
Die
überwiegende Zahl der in Nag Hamadi gefundenen Einzelschriften gehört in den
Bereich der Gnosis, einer spätantiken religiösen Bewegung, die vom Christentum
im Zuge seiner Etablierung bekämpft und ausgeschieden wurde. So die Theologin Silke
Petersen in einer neuen Ausgabe der Zeitschrift für das neue Testament, die
damit den theologischen Zeitgeist trifft.
Auch wenn Klaus Berger Texte aus den Funden in seine
Ausgabe des "Neuen Testamentes" aufnimmt, die Theologie tut viele der
erst 1945 in Ägypten ausgegrabenen frühchristlichen Zeitzeugen als Gnosis ab.
Sie werden somit zur Häresie, die uns nichts zu sagen hat. Gleichwohl wir wissen,
dass sich das als Gnosis abgetane Denken damals als das eigentliche Christentum
verstand, die Mehrheit der
ursprünglichen Christenheit ausmachte, nehmen wir die Gnosis als
christliche Erkenntnis, neue Wahrnehmung des schöpferischen Wortes, nicht ernst.
Wir akzeptieren die apokryphen Evangelien, lesen ihn
ihnen mythologische Erbauungsschriften und übersehen dabei den Logos, der aus
ihnen spricht.
Gnosis als
Grundlage des neuen Gottesverstandes
Den im vierten Jahrhundert hergestellten Schriften
liegt das antike Denken der ersten Jahrzehnte unserer Zeitrechnung zugrunde,
soweit dürfte die Übereinstimmung gehen: Griechische Texte, die in gebildeten
oberägyptischen Kreisen ins Koptische übertragen wurden. Doch bei der
Beurteilung der Aussagen, in denen Jesus in höchsten Tönen verherrlicht wird,
scheiden sich unsere Geister gewaltig. Denn hier beginnt die Frage: War es ein
Wanderprediger, der christologisiert wurde oder hat das lebendige Wort in der
Person des Jesus gesprochen?
Wäre es nicht völlig Unsinn davon auszugehen, dass
die Verfasser dieser von einer universellen Weisheit strotzenden
griechisch-ägyptischen Texte nur von einem jüdischen Wandercharismatiker
ausgingen, wie er uns heute von der modernen Theologie verkauft wird?
Von Mittelplatonismus wird gesprochen und Gnosis,
ohne dieses Denken als Wurzeln für ein neues Verständnis des schöpferischen
Wortes zu verstehen. Auf die Gnosis selbst soll an anderer Stelle Bezug
genommen werden. Hier gilt es bei den Schöpfungsberichten bzw. Evangelien aus Nag
Hamadi zu bleiben. Doch einem Denken,
das im Gesetz gefangen ist - das in der Christologie nur ein Aufwärmen alter
jüdischer Texte wahrnimmt - bleibt nichts, als platonisches Gedankengut,
Einflüsse orientalischer Religionen und damals aktueller (heute würden wir
sagen "wissenschaftlicher") Kosmologien beiseite zu lassen. Jesus
bleibt so ein guter Mann, der später als Logos verherrlicht wurde, auch wenn
diese theologische These inzwischen unhaltbar ist
Während die frühen Kirchenväter in Wirklichkeit
selbst "Gnostiker" waren (wenn auch in anderem Sinne, d.h. von einer
neuen Erkenntnis getragen wurden und nur bestimmte Umsetzungsformen dieser
neuen Erkenntnis ablehnten), begreifen wir nicht den geistigen Fortschritt, der
sich damals aufgetan hat. Selbst blind, setzen wir die Blindheit einfach bei
den Verfassern der Texte voraus.
(Doch gerade Kirchenväter, wie Irenäus von Lion, der
als schärfster Kritiker der sog. Gnosis gilt, können als Zeuge des lebendigen
Logos berufen werde: Von nur einem menschlichen Wanderprediger, wie er heute
als einzige historische Wahrheit missverstanden wird, sind die Väter unseres
Glaubens mit Sicherheit nicht ausgegangen.)
Auch wenn Hans Jonas sagt, die Gnosis sei nicht nur eine
Zusammenfügung aus Vorstellungen anderer Religionen, sondern etwas ganz Neues,
eine Weltwende des Geistes, wird sichtbar, so können wir darin nicht das
neue paulinisch-christliche Paradigma sehen. Gefangen im banalen
Gesetzesverständnis, geht für uns wie für Jonas die erhabene Einheit von Kosmos und Gott durch die Gnosis eher verloren, als wir hierin eine
wiedergewonne ganzheitliche Denkweise akzeptieren. Doch wer ist es wirklich,
der die Wirk-lichkeit Gottes auseinander spaltet? Wer das Wort Gottes nur noch
in Traditionstexten liest und nicht mehr im realen kosmischen Wirken versteht
oder für den biblische Berichte und komologisch-biologische Vorgänge
gleichermaßen das Wort Gottes verstehen lassen. Diese Einheit des Denkens war
damals gegeben. Genau das können wir aus Nag Hamadi lernen: der schöpferisch-lebendige
Logos war mit dem jüdischen Wort identisch.
In Nag Hamadi
waren Alt und Neu Eins
Gnostische Denkrichtungen, die den jüdischen
Gesetzesgott aufgrund der neuen Weltwahrnehmung ablehnten, können sicher nicht
als Heimat des christlichen Heilandes ausgemacht werden, blieben zurecht auf
der Strecke. Doch die in den Texte von Nag Hamadi festgehaltenen Erfahrungen
und Erkenntnisse bieten einen Fortschritt: sie schließen den jüdischen Gott
nicht aus, sondern erkennen in ihm den real wirkenden Schöpfer. Von ihm geht
das Wort aus, das damals wie heute von mündigen Menschen wahrzunehmen ist:
christlicher Glaube.
Längst wieder jenseits der Wahrnehmung des
lebendigen Wortes, zurückgefallen in ein leeres Gesetz, lehnen wir alles ab,
was wir nicht verstehen: Die gesamte Gnosis und somit auch das Denken, aus dem
die Textfunde hervorgehen, wird nicht als geistiger Fortschritt erkannt,
sondern als Weltfremdheit abgetan. Und sicher gab es damals wie heute viele
Verirrungen. Doch wer ein untaugliches Weltverständnis ablehnt und sich aus dem
allgemeingültigen Denken verabschiedet, ist das genaue Gegenteil von weltfremd.
Weltfremd ist, wer den in der
kosmischen Realität der Welt wirkenden Schöpfer des evolutionären Werdens nicht
wahrnimmt und weiter nur an einem inzwischen entleerten Gesetzesverständnis
festhält. Und genau hier kann der Fortschritt von Nag Hamadi festgestellt
werden. Auch wenn noch nicht von Evolution oder Wissenschaft gesprochen wurde,
das Wort war lebendig. Hier vollzog sich ein historisch nachweisbarer Aufstieg,
eine Befreiung des Menschen aus der Gefangenschaft von Blindheit wurde erhofft.
Der Sündenfall war nicht nur eine moralische Verfehlung im heutigen Sinne,
sondern wurde als theologische Fehlentwicklung verstanden. Die Erlösung wurde
weder als blinder Glaube einer individuellen Innerlichkeit, noch im
Führwahrhalten von Traditionstexten erhofft. In Nag Hamadi wurde auf eine neue
Erkenntnis gebaut. Ein neues Wort wurde verstanden, das dem des Moses
entsprach.
Für die heutige Theologie hat das alles nichts mit
dem historischen Jesus zu tun.
(Wie sollte sie auch?. Wäre es nicht Unmögliches von
ihr verlangt? Müsste sie sich
letztlich nicht selbst als Teufelswerk,
Verhinderung des lebendigen Wortes bezeichnen?
Wenn Jesus nicht der christologisierte jüdische Wanderprediger war, wie
er heute von ihr gelehrt wird, sondern das lebendige Wort in Person, dann
müsste die Theologie eingestehen, dem geistig-schöpferischen Fortschritt im Weg
zu stehen, die Wiederkunft des Menschensohnes, wie er damals in Nag Hamadi
lebendig war, behindert zu haben.)
Weiter wird nur in Palästina nach dem historischen
Jesus Ausschau gehalten, im Sand eines verfallenen Traditionstextes oder
mythologischer Innerlichkeit damaliger Menschen nach dessen Christologie
gesucht. Viel ist vom Kontext die Rede, in dem die Grundlage des Wahren Wesens
Jesus liegen würde. Doch während nach wie vor das Turiner Grabtuch als Beleg
für den historischen Jesus herhalten muss, befasst sich kaum ein Theologe mit
den Erkenntnissen von Nag Hamadi.
(Ist es nicht himmelschreiend, wenn sich weit mehr
angeblich christliche Theologen mit dem Grabtuch Jesus beschäftigen, allen
Ernstes eine Beweisführung auf eine Reliquie bauen, statt sich mit dem damals
u.A. in Nag Hamadi lebenden Bewusstsein auseinander zusetzen. Ich habe das
Original des Grabtuches im Vatikanpavillon auf der Weltausstellung vor wenigen
Tagen bewundert und mir Gedanken über die Wahrheit der Legende gemacht, die
davon erzählt wird: Waren es wirklich
Könige aus Edessa, wo sich ebenso wie in Oberägypten ein aufbrechendes
neues Gotthebewustsein bestimmen lässt, die Boten zu Jesus ausschickten, um von diesem geheilt zu werden? Ich denke
ja. Doch ebenso wenig wie in Ägypten
ging es der syrischen Weisheit darum, Heil von einem jüdischen Wanderrabbi zu
erlangen. Das Wort in der Person Jesus, wie es im syrischen Raum als Grundlage
unserer Religion verfasst wurde, war auch dort lebendig.)
Zwar wird das christliche Selbstverständnis
anerkannt, von dem die Verfasser der vielfältigen Texte ausgehen, auch werden
Texte ausgewählt und als christliche Apokryphen akzeptiert, doch das lebendige
Wort als ein-deutiges (somit auch verschiedene Denkweisen
zusammenführendes) Wesen, das aus den
Funden hervorgeht, wird nicht wahrgenommen. Die Dialoge zwischen Jesus und
seinen Jüngern, wie wir sie in den Textfunden begeistert lesen, sind dann keine
Zeugnisse, des lebendigen Wortes, sondern beinhalten weder eine historische
noch eine theologische Wahrheit. Die Weisheit, die aus dem Thomasevangelium
spricht, gleichwohl es von Klaus Berger fast auf eine Ebene mit der fiktiven
Logienquelle gestellt wird, aus der sich die Synoptischen Erzählungen speisen
sollen, bleibt unbedeutend für das christliche Gottesverständnis. Die
Geschichte Jesus wird nicht im Geschichtsverlauf der Geistesgeschichte
nachgewiesen, sondern nur als frommer Mythos auf den ach so guten jüdischen
Menschen.
Statt im Licht des neuen Gottesbewusstseins, das
durch ein auch in Nag Hamadi lebendige
Wort leuchtet, die gesamten
christlichen Dogmen zu verstehen, wird Jesus als Christus weiter abgestritten.
Schöpfungsberichte
als Evangelien
In mehreren Bänden hat Konrad Dietzfelbinger die in
Nag Hamadi ausgegrabenen Texte neu formuliert und kommentiert. Die
Edition-Argo, in der sie erschienen sind, sucht das Schiff, das die Menschheit
zu neuen Ufern führt. Nachdem Traditionen ausgedient hätten, müssten wir uns
auf weite Meer hinausbegeben, neue feste Ufer suchen, heißt es im Umschlag.
Dabei wird das Denkvermögen als Arche gesehen.
Vor ungeprüften, löchrigen Schiffen wird ebenso
gewarnt, wie vor einem Denken, das nur an Altem festklammert und Fortschritt
verhindert. Im Geist, der den Texten von Nag Hamadi zugrunde liegt, scheint
etwas von der ewigen Sage von den Argonauten wahr geworden zu sein, die sich
aufs offene Meer hinauswagten, um alte Gestade zu verlassen. Die neue
Erkenntnis einer höchsten Wirklichkeit Gottes setzte damals wie heute voraus,
neue Wege zu wagen. Doch worin bestanden damals und worin bestehen heute diese
neuen Wege?
Woran krankt unser Glaube? Welches Problem gilt es
durch das Denkvermögen zu lösen? Dietzfelbinger zeigt gleich in seiner
Einführung den Zwiespalt auf, der unseren Glauben entzweit hat: Das
wissenschaftliche Weltbild der materialistischen Evolution und die Wahrnehmung
einer Schöpfung Gottes seien zwei heute völlig getrennt nebeneinanderstehende
Interpretationsmuster. Während wir heute die Geschichte des Kosmos, vom Urknall
über die Entstehung der Himmelskörper,
des Lebens und Bewusstseins, bis zur höchsten Organisation von Materie in Form
von Menschen mit ihrem Selbstbewusstsein als eine Kette von kausalen Wirkungen
im rein physikalisch-chemischen Bereich als Selbst-Organisationsprozess sehen, sahen damals die Denker den Sohn Gottes am Werk, lebendiges Wort, Logos Gottes als
Verstand dem sich alle offensichtlichen Selbstorganisationsprozesse verdanken.
Den gesicherten Hafen der 7tage-Genesis haben wir
längst verlassen, ebenso wie die wirkliche Bedeutsamkeit eines historischen
Wanderpredigers als Christus. Was uns beleibt, ist ein Auf-bruch zu neuen
Ufern. Und hier können die Texte von Nag Hamadi eine Richtung vorgeben.
Die in den
Schöpfungsberichten der Texte von Nag Hamadi niedergelegte Erfahrungen und Erkenntnisse
mit der Welt und Menschheit können das Unbehagen lösen, Gott und Mensch zu
neuer Einheit führen, stellt der von den Texten begeisterte Dietzfelbinger fest....Sie zeigen, wie Gott und Mensch von
Anfang an miteinander verbunden waren....welche Aufgabe der Mensch hat und
welche Verantwortung ihm als mündiges Glied der Gesamtheit zukommt.
Dass der Ursprung alles Bestehenden schöpferisches
Denken, eine schöpferische Intelligenz ist, wird als entscheidende Erfahrung
der Verfasser ausgemacht. Die Funktion einer schöpferischen Vernunft ist somit
der entscheidende Fortschritt im Gottes- und gleichzeitig damals
wissenschaftlich Weltverständnis, das noch eine Einheit bildete.
In vielfältiger Form sind wir bereit, die damaligen
Texte nachzuzeichnen, begeistern sich die Theologen der verschiedenen
Schattierungen für die Beschreibung dieser Intelligenz, die vom Vater ausgeht
und im Zusammenspiel mit Mutter Materie alles Werden hervorbringt, immer wieder
ihre Vollkommenheit offenbart. Bewusstsein wird als Widerspiegelung des das
gesamte All bestimmenden Gotteswortes bezeichnet. Und der Sohn wird in der
Dimension des präexistenten Schöpfungswortes ebenso wie als das menschliche
Gottesbewusstsein gesehen. Doch gleichwohl dafür Begriffe gebraucht werden, wie
wir sie auch in Psalmen und Liedern für Jesus verwenden, bleibt die Einheit
zwischen dem präexistenten Schöpfungswort und dem historischen Wanderprediger
unerkannt. Im Gefolge der Theologie geht heute alle Welt von einem
verherrlichten Che Guevarra der Antike aus. Jesus bleibt ein mythologisch
verchristologisierter Mensch. Mit der damals neuen Gotteserfahrung, die über
das Traditionsverständnis von Wort Gottes weit hinausging, hat dieser nichts zu
tun. Antikes Schöpfungsbewusstsein das von einem Verstand/Wort/Sohn Gottes
ausgeht, bleibt neben einem belanglosen Wanderprediger stehen, der in
Evangelien hochgelobt wird. Doch dieser Jesus, dem der Verstand, der Logos, das
Wort fehlt, kann wahrlich nicht als Messias der Juden gesehen werden.
(Folgerichtig ziehen moderne Theologen den Messiasbegriff zurück, auch wenn
vordergründig argumentiert wird, damit die Juden vom sicher falschen Vorwurf zu
befreien.)
Während die Theologie durchaus bereit ist, die
Vorstellungen von der alles bestimmenden Vernunft Gottes, wie in den Textfunden
geschildert ein Stückweg mitzugehen, darin die Grundlage unseres Glaubens zu
sehen, sind wir weit entfernt. So bleibt die Bedeutung der theologischen
Konzeption, die den personalen Gottvater allein durch den Sohn versteht,
unerkannt. Es bleibt dann nur ein belangloser Streit um heutige
Rechtfertigungslehre und neue Alleinseligmachungsansprüche der
römisch-katholischen Kirche. Wer nur
von einem Wanderprediger ausgeht, kann nicht verstehen, warum nur über ihn der
Weg zu Gott gehen, Heil gegeben sein soll. Moderne Philosophien über die
Zusammenhänge zwischen menschlichem Geist und Genesis, wie wir sie am Rande
sog. neuer Weltbilder erfahren, haben dann für uns ebenso wenig eine Bedeutung,
wie die in den Schöpfungserzählungen bzw. Evangelien von Nag Hamadi
nachzulesenden Gedanken über Weltseele,
Weisheit, Sophia und Vernunft Gottes im Verhältnis zu einer für das menschliche Leben notwendigen not-wendigen Wahrnehmung
derselben. Das alles wirkt mystisch, befremdend, spekulativ: gnostisch eben,
weltfremd. Wir sind gefangen in einer unverstanden und sich gegenseitig
ausschließenden Bildwelt und wissen heute gleichzeitig, wie notwendig Bilder
sind, um zu verstehen.
Noch hat alles nichts mit dem ach so gutherzigen und
als einzig historische Realität verstandenen Prediger der Nächstenliebe zu tun.
Den neuen Geist bzw. Menschenlogos, durch den sich die Nächstenliebe erst als
wahrhaft vernünftige Lebensweise begründet
und durch den sich deren universale Verwirklichung wahr machen lässt,
gibt es nicht. Noch sind wir auf leeren Forderungen nach einem dringend
notwendigen Weltethos angewiesen. Noch schlimmer: wir lesen auch in den alten
Evangelien nur solche auf traditionellen Vorschriften und Gottesvorstellungen
bzw. allein auf menschlichen Denkmodellen und Mehrheitsmeinungen gründende
Moralforderungen. Dass die neue Ethik vom lebendigen Wort ausgeht, haben wir
mit verweis auf das Gesetz mit einem Handstrich abgetan.
Die Verhaltensregeln der Evangelien werden allenfalls mit aufkläririschen Ideologien
gleichgesetzt. Die Begründung im Wort Gottes bleibt in Wirklichkeit ein
theologisches Lippenbekenntnis. Dabei könnten wir gerade in Nag Hamadi lernen,
wie sich menschliches Verhalten von einem den gesamten Kosmos be-stimmenden
Wort, schöpferischen Logos/Verstand ableiten lässt. Weder Traditionstext noch
menschliche Denkideologien im Sinne unserer angeblichen Aufklärung sind
Grundlage des neuen Geistes gewesen, der uns vom Ursprung der Christenheit
entgegenweht. Es war das lebendige Wort, wie es uns in der Person des Jesus von
Nazareth erst verständlich wurde.
Was die Verfasser der Texte wollten, war keine
Weltflucht, wie ihnen heute vorgeworfen wird, sondern eine neue Welt, wie wir
sie im Neuen Testament durch Jesus gegeben sehen. (Oder ist das nur ein theologisches
Lippenbekenntnis, sind unsere Lieder nur Bla, Bla, christologische
Verherrlichung, in der alte Texte aufgewärmt werden?) Nicht Ausstieg aus dem Alltag, Retten der eigenen Haut und die
Flucht in Illusionen, wie der Gnosis oft vorgeworfen, war das Ziel. Ein
notwendiger Fortschritt im Gottesbewusstsein ist das Thema der theologischen
Texte aus Nag Hamadi, von denen ich einige beispielhaft herausgreife.
Das Apokryhon
des Johannes
Von einem neuen Verständnis der Person des
historischen Jesus aus, lässt sich die Bedeutung dieses Textes auch für unsere
theologische Situation heute vor Augen führen.
"Dies sind die Lehre und die Worte des Erlösers
(m.E. vereinfacht gesagt: dies ist der Logos). Und er, Jesus Christus,
offenbarte diese Geheimnisse...seinem Jünger Johannes." Man kann nicht
müde werden zu betonen, dass es den Verfassern, die dies an den Anfang
stellten, nicht um die männliche Mutter Teresa mit Bart (bekannt vom Turiner
Grabtuch) der heutigen Theologie gegangen sein kann. Der Meister, dem die
Verfasser folgten, war auch nicht der eigene Verstand, sondern wird als der
benannt, der im Licht der Schöpfung Gottes erleuchtete, den Menschen als Mensch
erschien und wieder zu seinem Vater zurückkehrte.
Der Literaturstil, in dem ganz eindeutig keine
Banalstory aus dem Leben junger Juden,
sondern eine tiefe theologische Auseinandersetzung geschildert wird, kommt uns
bekannt vor. Auch in der Bibel, die wir als Zeugnis des historischen Jesus
betrachten, begegnen uns solche Geschichten aus dem Leben. Gleich am Anfang
kommt der Verfasser zur Sache: Ein Pharisäer wirft Johannes vor, durch den
Betrug des Nazareners irregeführt worden zu sein "Er hat eure Herzen
verschlossen und euch von den Überlieferungen eurer Väter abgebracht.".
Die Vorwürfe lassen Johannes zweifeln: "Weshalb
denn wurde der Erlöser eingesetzt? Weshalb wurde dieser schöpferische Verstand
als Offenbarung zu den Menschen gesandt? Und wer ist sein Vater, der ihn
gesandt hat? .....
Da tat sich der Himmel auf. Und die ganze Schöpfung
unter dem Himmel wurde hell und leuchtete....
In diesem Licht war das Kind Gottes, der
schöpferische Logos in verschiedenen Formen zu sehen, was Johannes erneut
verwirrte: "Wenn er einer ist, wieso zeigt er sich in dreierlei
Formen?"
Und Jesus sprach Johannes an und legte ihm die
Verschiedenheit des einen Gotteswesens, den Vater, der nur durch den Sohn zu
sehen und zu verstehen ist auseinander, machte das Verhältnis von Vater, Sohn
und Mutter im kosmologischen Konzept damaliger Theologie klar. Wie können wir
angesichts solcher Abhandlungen im historischen Jesus weiterhin nur einen
Wanderprediger statt das lebendige Wort wahrnehmen? Schade um die Tinte oder
mit was diese Texte geschrieben wurden.
Besser kann man kaum beschreiben, um was es geht.
Wir müssen uns nur ein wenig in die damalige Denkweise versetzen, um das
lebendige Wort, den auch heute, seit dem Urknall sichtbaren Verstand, der vom
Anfang an das All regiert, deutlich vor Augen zu sehen. Die heutige Predigt vom
historischen Jesus erscheint daneben als reine Rhetorik, Gefühlsduselei oder
blinde Gesetzeslehre. Gegenüber dem präexistenten, im Geschichtsverlauf damals
als menschliches Wesen verstandene Wort Gottes, erscheint alles heutige Geschwätze vom historischen Jesus, wie es
selbst an theologischen Hochschulen zu hören ist, als purer Schwachsinn. Und
die Kritiker der Kirche sind diesem Missverständnis vom Logos Gottes längst auf
den Leim gegangen. Sie kleben fest. So drischt auch Rudolf Augstein in seinem neuen
Bestseller "Jesus
Menschensohn" mit großartig-theologischem Wissen munter weiter auf ein
völlig dekadentes und flaches Jesusverständnis ein.
Doch dieser völlige Abriss, bis zur konsequent
folgendenVerleugnung der Auferstehung und der Christusfunktion durch heutige
Theologieprofessoren, scheint vor einem neuen Verständnis des Wortes zu stehen,
das in Nag Hamadi vorhanden war. Keine religiösen Schwärmereien, sondern
konkrete kosmische Konzepte haben den Logos im Licht der Vernunft erscheinen
lassen. So und nicht durch Behauptungen eines Wandercharismatikers wurde der
einzig wahren Gott und Schöpfer, sein Willen neu offenbart. Nur so ist der Sinn
unseres Seins zu verstehen und daraus die Verantwortung für Mensch und Mitwelt
abzuleiten. Die Jünger Jesus, die den
Menschen das ewige Wort als Messias bezeugen, mögen Wandertheologen sein. Es
sind jedoch keinesfalls die Reisebegleiter eines Religonskritikers- bzw.
gründers.
Die Weisheit, die Denkkraft, die wir seit der
Aufklärung für den Abfall vom Glauben verantwortlich machen, wird nicht nur in
den Texten von Nag Hamadi, sondern in
fast allen schriftlichen Zeugnissen der Zeit Jesus, hochgelobt. Dem
Licht des menschlichen Logos, aus der Sopia Jesus Christus hervorgehend, steht
die Dunkelheit einer theologischen Blindheit gegenüber, die von sich behauptet
das einzig Licht zu besitzen. (Wie heute, wo diese Blindheit tote Texte und
banal gewordene Bilder hochhebt und diese als das eigentliche Wort Gottes
bezeichnet.)
Um jedoch das damals lebendige Wort zu verstehen,
bedarf es nicht nur einer Wende im Ansehen des historischen Jesus. Was noch
viel wichtiger ist, dem quasi vorausgehen muss, damit der Geist nicht in der
Leere steht, ist die Wahrnehmung des Logos in unseren wissenschaftlichen
Beschreibungen des Werdens.
(Was Nag Hamadi bedeutet wird auch bewusst, wenn man
sich die neue Sammlung neutestnamentlicher Bibeltexte von Berger vor Augen
führt. Viele der Textfunde stehen dann nicht mehr daneben, sondern sind durch
den derzeit bekanntesten Bibelkundler ganz selbstverständlich in den Reigen der
uns so bekannten Jesusgeschichten aufgenommen, gehören wissenschaftlich
bestätigt in die Chronologie der Bibel. Und mit jedem der Bibeltexte wird neu
belegt, wer Jesus wirklich war: das lebendige Wort in Person. Wie schwachsinnig
muss eine Theologie sein, die trotzdem nicht das Wort des Schöpfers, sondern
nur ein aufgewärmtes Altes Testament wahrnimmt, das auf einen jungen Juden zu
dessen Verherrlichung übertragen worden sei?)
Einzelne Texte von der Bergerbibel aus aufgreifen:........................