Welches Wort ist (es ge-)
WESEN?
(Ein ältrer Text über das
dem Urchristentum zugrunde liegende Wesen. Die Thesen und Argumente, dürften
sich in neuere Texten wiederfinden. Wäre noch zu überarbeiten.)
Was ist für Christen wesentlich? Was ist der Kern des christlichen Glaubens?
Diese Fragen führen mich zurück an die Anfänge der Christenheit.
An den Schriftspuren der damaligen Weisheitslehren in Syrien will ich nachweisen, wieso Jesus wirklich gelebt hat und lebt. Doch dieser Jesus - Grundlage unseres Glaubens - war und ist weder ein charismatischer Wanderprediger, noch eine Moralpredigt, die aufgrund alter Schriften auf ihn bezogen wurde, sondern der lebendige LOGOS in Person. Die Wahrnehmung des schöpferische WORTES, vernünftigen natürlichen Handelns Gottes, war und ist die Voraussetzung für das, was uns durch das Neue Testament verheißen ist.
Bei allen theologischen Betrachtungen des damaligen Geschichtsgeschehens drängt sich immer wieder die gleiche Frage auf:
Auf welches WORT baute damals in Damaskus das neue christliche Bewusstsein?
Ist die frühchristliche Theologie, die dem Neuen Testament zugrunde liegt, nur als Schriftbeweis für die alten Texte zu lesen, wovon heute grundsätzlich ausgegangen wird, oder liegt das Wesen des Neuen Testamentes im lebendigen WORT, das auch in den alten Texten bzw. aufgrund der alten Weisheitslehren neu wahrgenommen wird?
Die heutige Theologie geht weitgehend davon aus, dass die Grundlage des Neuen Testamentes allein in den Gesetzestexten der jüdischen Traditionsliteratur zu suchen ist. Dies liegt nahe, lassen sich doch viele der Redewendungen, Geschichten und Figuren, die wir im Neuen Testament erfahren, bereits in alten Texten, ob Psalmen, Jesajaschriften oder sonstigen Schriften nachlesen. Unzählige Zitate und Jesusworte sind bereits im Alten Testament bekannt, so dass davon ausgegangen wird, das Neue Testament sei eine Art Nacherzählung in neuer Literaturform. Der charismatische Wanderprediger, auf den sich die Aussagen beziehen, spielt dann bei diesem Denken kaum noch eine Rolle. Auch wenn er als historische Person anerkannt wird, fungiert er im Hinblick auf die Texte nur als fiktive Gestalt. Er gilt als Bezugspunkt für Interpretationen, die nur auf das alte Gesetz bezogen werden. Die folgenden Ausführen wollen nachweisen, dass Jesus wirklich gelebt hat, die Aussagen des Neuen Testamentes wirklich von ihm als dem lebendigen LOGOS ausgehen. Auch wenn die Redewendungen aus alttestamentlichen Texten stammen, was uns im Neuen Testament berichtet wird, ist reale Aussage Jesus. Nur geht es dabei um weit mehr als einen charismatischen Wanderprediger, der später theologisch verherrlicht wurde. Die historische Realität liegt im lebendigen schöpferischen WORT/LOGOS. Die Wahrnehmung dieses lebendigen WORTES war und ist Mitte des christlichen Glaubens, Voraussetzung für das neue theologische Paradigma.
1. Das neue allegorische Schriftverständnis ging vom lebendigen WORT aus
Schriftzitate, wie wir sie im Neuen Testament lesen, gäbe es im Judentum erst seit Abfassung einiger Texte aus Qumran und seit Philo von Alexandrien, so Prof. Berger. Erst seit dem 1. Jhd.v.Chr. sei es Brauch, unterschiedliche Teile der Schrift zu zitieren. Doch mit welcher Leseweise wird Philo von Alexandrien in Verbindung gebracht? Wer im Lexikon unter Allegorie bzw. allegorischer Schriftdeutung nachblättert, findet seinen Namen. Er steht für ein allegorisches Schriftverständnis schlechthin. Philo hat die alten jüdischen Texte als eine großartige Allegorie gelesen. Die Wahrheit der mosianischen Weisheit hat er nicht in einer banalen Wörtlichkeit erkannt, sondern in dem dahinter stehenden schöpferischen WORT. Der schöpferischen Wirk-lichkeit in allem Werden ebenso wie der Geschichte des jüdischen Volkes. Der LOGOS war seine Voraussetzung für das neue Verständnis. Die Allegorie, als die das alexandrinische Denken damals die jüdischen Texte las, entsprang weder einer Phantasie, noch war es eine willkürliche theologische Schriftlehre. Das schöpferische WORT, wie es im philosophischen Denken damals neu begreifbar war, wurde in den alten Texten wiedererkannt. Es wird ein Aufgabe sein, aufgrund der uns überlieferten Texte von Philon nachzuweisen, dass das schöpferische WORT, der LOGOS, die Voraussetzung für die neue Lehre der Schrift war. D.h. erst durch das neue Verständnis des schöpferischen WORTES waren Schriftzitate möglich. Die Texte des Alten Testamentes, die uns Luther weitgehend wörtlich aufgrund der auf Philon zurückgehenden Schriftvorlagen übersetzte, wären ohne dessen neuen Verständnis des schöpferischen WORTES nie geschrieben worden. Erst die Erkenntnis des schöpferischen WORTES, das sich hinter der jüdischen Allegorie der jüdischen Weisheit verbirgt, war Voraussetzung für die Begeisterung für die alten Texte.
Wenn also im Neuen Testament alte Texte zitiert wurden, so war dafür der lebendige LOGOS die Voraussetzung. Dieser Jesus hat wirklich gelebt. Ohne diese neue Wahrnehmung des lebendigen LOGOS wäre das, was wir bei Philon lesen, nicht geschrieben worden. Mit Interesse lese ich bei Theologen, die das Leben des geschichtlichen Jesus verneinen, dass ein wesentlicher Beweis für die Nichtexistenz Jesus jegliches Fehlen von Hinweisen auf Jesus z.B. in den Schriften von Philon sei. Erst wenn man beim historischen Jesus nicht vom Wanderprediger ausgeht, sondern von einem u.A. durch charismatische Wanderphilosophen neu verstandene lebendige WORT, wird man erkennen, dass die gesamten Schriften der damaligen Zeit Bilder für das neue Bewusstsein sind. Philon, seine neues allegorisches Verständnis der altjüdischen Texte ebenso wie seine gesamten Lehren sind Zeugen des LOGOS. Ohne diesen LOGOS, das neue Wahrnehmen des lebendigen WORTES, wäre der alttestamtliche Text, den Luther von Philon übernahm, nie geschrieben worden. Nicht nur das Neue Testament, in dem auf allegorische Weise die Lebens- und Leidensgeschichte des neuen Welt- und Gottesverständnisses von syrischen Weisheitslehrern verfasst wurde, sondern auch das Alte Testament sind damit Beweise für das Leben Jesus: Beweise des lebendigen LOGOS, weit mehr als Bestätigungen vorchristlicher Weisheitsliteratur..
Es schein paradox: gleichwohl wir wissen, dass die philosophische Schule von Alexandrien, von einem allegorischen Textverständnis ausging, machen wir, wie wenn nichts ge-wesen wäre. Das Wesen-tliche, der unter der Bezeichnung Philon verfassten Texte, bleibt unbeachtet. Wie sonst ist es erklärbar, dass wir die Bilder der Bibel wieder wie eine banale Geschichtsschreibung wörtlich lesen, statt in ihnen das lebendige WORT wahrzunehmen. "Wörtlich" dürfte nach dem damaligen Verständnis nicht bedeuten, dass wir die Inhalte der Bibel beweisen wollen, indem wir ein evolutionäres Werden anzweifeln. Noch schlimmer wird’s, wenn der Bericht von der Sintflut von christlichen Wissenschaftlern versucht wird durch geologische Gutachten zu beweisen oder die Erzählung von Moses auf einen alten Mann zurückgeführt wird. Wie wenn Philon nie gewesen wäre, gebrauchen wir die von ihm neu ins Leben (Bewusstsein) gerufenen altjüdischen Texte. Die moderne Lesweise, die ermöglicht alles und nichts in den biblischen Geschichten hineinzuinterpretieren, die Inhalte der individuellen Beliebigkeit der jeweiligen Sichtweise preisgibt, scheint mir keine Lösung. Auch sie verleugnet den zugrunde liegenden schöpferischen LOGOS als das eigentliche Wesen.
Wenn damals in Alexandrien ebenso wie in Antiochenien durch ein allegorisches Verständnis die jüdischen Weisheitstexte neu als Tatsache erkannt wurden, liegt es doch nahe, dass auch dieses neue Gottesbewusstsein, seine Heilswirkungen und seine Auseinandersetzung mit dem traditionellem Gesetzesglauben, in Bildern verfasst wurde. Die Person Jesus ist das lebendige Bild des schöpferischen WORTES, das wahrgenommen wurde. Die Weisheitslehrer vom damals müssen sich doch im Grab umdrehen, wenn sie erkennen, auf welch banale Weise wir ihre Bilder lesen. Heerscharen von gebildeten Wissenschaftlern, die weit, weit besser als ich beweisen könnten, dass den Texten das lebendige WORT zugrunde liegt, sind damit beschäftigt, die Knochen eines Wanderpredigers auszugraben oder von Palästina noch Syrien umzubetten. Wofür bezahl ich Kirchensteuer? Warum muss ich mich am Sonntag in die Sonne setzen und versuchen zu beweisen, dass Jesus Wirklichkeit war und ist? Wieso versucht die gesamte christliche Theologie die Geschichtlichkeit Jesus zu beweisen, indem sie sich damit beschäftigt, den Wanderprediger zu bewahrheiten, statt das Bild des lebendigen WORTES/LOGOS zu verstehen? Warum lesen wir darin nur eine Bestätigung alttestamentlicher Schriften, statt den lebendigen LOGOS wahrzunehmen?
Der tönerne Frosch, der vor mir an meinem Springbrunnen im Garten steht, erinnert mich an das bekannte Märchen vom Froschkönig. Und ich bin gewiss, dass auch diesem - wie allen Märchen - eine tiefe Weisheit, eine Lebenserfahrung zugrunde liegt. Ist in der Prinzessin, die sich beharrlicht weigert den Frosch zu küssen, etwa unsere Kirche zu sehen? Sie wartet auf den Messias, sie sucht den Märchenprinzen und weigert sich, die Kreativität des Kosmos, die schöpferische Vernunft zu küssen. Doch wie soll sich der Frosch in den Prinz verwandeln, wenn er ungeküsst bleibt? Philosophische Prinzipien vom natürlichen Werden, pfui Teufel, die kann die Prinzessin Kirche nicht küssen. Grüne Wesen, ekelig und klitschig. Voll Ekel wendet sich die Theologie von der Naturwissenschaft ab.
Noch ist die reiche Prinzessin hochnäsig, nichts ist ihr gut genug. Wer will sich schon mit naturwissenschaftlichen Denkmodellen über das Werden auseinandersetzen, darin das WORT des Schöpfers hören? Doch längst liegt die goldene Kugel im Brunnen, ist der Reichtum der christlichen Religion verloren. Das Heiratsversprechen hat das theologische Denken nicht eingelöst. Zwar sind wir durch die Erkenntnis der natürlichen LOGIK zum weltlichen Reichtum gekommen, aber die Religion weigert sich, den schöpferischen LOGOS zu küssen. Doch der Vater zwingt, das gegebene Versprechen einzuhalten. Der Schöpfer lässt nicht locker, bis seine Tochter Kirche das grüne Scheusal geküsst hat. Erst dann wird sich der Frosch in den so sehnlichst erwarteten Prinzen verwandeln.
Der Witz, das Wesen der Geschichte: Es gilt den Ekel zu überwinden und neue Wege der Erkenntnis zu wagen, das WORT Gottes auf neue Weise zu hören, erst dann wird sich durch das philosophische Denken das WORT des Schöpfers neu wahrnehmen lassen.
2. Damals in Damaskus wurde das lebendige WORT wahrgenommen
Neue Erfahrungen wurden bis ins christliche Zeitalter vorwiegend durch erneutes Nacherzählen des Überkommenen weiterverarbeitet. Eine Weiterentwicklung des Weltbildes war so weitgehend möglich. Neue Erfahrungen wurden eingebaut. Erst mit der schriftlichen Fixierung von Erkenntnis, der Festschreibung von Gotteserfahrung war auch die Gefahr gegeben, an erstarrten, leblosen Bildern festzuhalten und den der Verhaltenslehre zugrunde liegenden LOGOS ins Gegenteil zu verwandeln. Die großartige Gabe, Erkenntnisse vor der Verflüchtigung zu bewahren, barg somit auch eine große Gefahr. Mit dieser Gefahr setzt sich das mit Paulus umschriebene neue theologische Paradigma in vielfältiger Weise auseinander. Doch welche neue Erfahrung war es, die dem Neuen Testament, der neuen Nacherzählung der alten Texte zugrunde liegt und das Problem lösen sollte?
Wenn Paulus im blinden Übernehmen alter Gesetze das Problem sah, wie kann dann das Neue Testament nur eine Nacherzählung des Alten sein? Wo liegt der Grund der neuen Theologie, der über das Gesetz hinausgeht? Was hat die neue Gnosis erkannt, wovon ist sie ausgegangen?
Wer Schöpfung Gottes als ein Prozess des ewigen Werdens sieht und darin Gottes WORT wahrnimmt, für den darf es auch keinen Stillstand auf der Suche nach Erkenntnis geben.
Pures Ab-pausen alter Texte würde nicht dem schöpferischen WORT ent-sprechen. Doch kann der neue Bund, auf den unser Evangelium baut, keine willkürliche Auslegung alter Texte gewesen, sondern muss einen festen Grund gehabt haben. Der alte Bund ist abgelöst und doch behält die Schrift ihre Bedeutung. Wie anders als durch ein neues allegorisches Verständnis ist zu erklären, dass die alten Texte jetzt eigentlich erst an Bedeutung gewinnen und ganz selbstverständlich auch zitiert werden. Auf der Grundlage eines neuen Bewusstseins wird das in der Tradition weitergetragene jüdische Gottesverständnis mit dem lebendigen Handeln Gottes als einem WORT zusammengebracht.
Wenn damals vom WORT Gottes gesprochen wurde, dann war dies keine Stimme aus dem eigenen Inneren. Kein tieferes Selbst hat gesprochen, ein persönlicher Jesus, den jeder nach seinem Belieben sieht, sondern der Sohn Gottes des Schöpfers. Der neue Glaube war kein blinder Gehorsam gegenüber dem vorgegebenen Gesetz - wie es heute oft als eigentlicher Glaube verlangt wird -, sondern ein neues Verständnis, durch das der neue Bund. Glaube ist somit auch kein Ablegen des Verstandes, um der alten mystischen Tradition treu zu bleiben, sondern das genaue Gegenteil: ein neues Verstehen. Ein Wahrnehmen des WORTES im schöpferischen Handeln mit Herz und Verstand, das ist das Wesen des neuen Testamentes.
Was im Evangelium als Handeln und Heilswirkung Jesus verstanden wurde ist Wirklichkeit, die als eine von diesem neuen Verständnis ausgehende geistige Realität verstanden werden kann.
Wenn die alte jüdische Schrift jetzt als übergeordnete Norm verstanden wird, wie Berger belegt, dann war dies doch ganz eindeutig die Erkenntnis des LOGOS. Schöpferische Ordnung, Grundmuster allen Lebens, die auch den hellenistischen Erzählungen, Homer oder arabischen Mythen zugrunde liegen. Der LOGOS, das ewige Muster, die allem zugrunde liegende Ordnung als schöpferische Vernunft, WORT Gottes wahrzunehmen, darum geht es im Neuen Testament. Nicht nur um banale oder willkürliche Nacherzählung alter Texte und Verwendung von Zitaten, um neue Meinung zu beweisen bzw. besser durchsetzen zu können.
Die Theologiegeschichte des Urchristentum ist die Geschichte des lebendigen LOGOS. Verschiedene Auffassungen von ihm, verschiedene Aspekte seiner Bedeutung, verschiedene Ausdrucksweisen die in Auseinandersetzung untereinander und mit dem traditionellen Verständnis standen. Wenn alte Texte weitaus mehr zu polemischen als zu erbaulichen Zwecken zitiert werden, dann zeigt dies das damalige Problem mit einem banal gewordenen Gesetzesverständnis, wie es heute nachvollziehbar ist. Der Bruch zwischen dem banalen Schriftverständnis verkehrt verstandener Wörtlichkeit und einem neuen Bewusstsein, befördert die Polemik, auch wenn sie die falsche Form der Auseinandersetzung ist.
Die charismatische Vollmacht, die nach der heutigen Theologie die damaligen Weisheitslehrer befähigte, die alten Texte neu zu lesen und auszulegen, ist kein besondere Strahlkraft, wie wir sie hinter dem Begriff "Charisma" sehen, sondern christliche Vollmacht, Verständnis des lebendigen WORTES, Wahrnehmung Jesus. Die charismatische Gnadengabe der Neuauslegung ist weder eine übernatürliche Zauberkraft, die die Menschen befähigt, andere in ihren Bann zu ziehen, noch eine besondere Anmutung aufgrund einer gutherzigen Art. Dieses Charisma bringt weder ein Studium, noch eine innere Besonderheit, sondern ein neuer geistiger Standort. Es geht um ein neues Verständnis vom Reden Gottes, WORT, das zu einem neuen Reden von Gott führt. Charisma ist weit von dem entfernt, wie begnadete Rhetoriker in amerikanischen Sonntagspredigten die Massen begeistern. Nicht menschliche Rhetorik begeistert die Massen, sondern das Charisma des schöpferischen WORTES.
3. Ohne alte Texte keine neue Theologie
Auch wenn das Neue Testament weit mehr ist, als ein Wiederkauen alter Texte, so ist doch die neue Theologie ohne die traditionellen Schrift undenkbar. Erst ihr Wiederverständnis lässt das neu gehörte WORT zum Gottesverständnis werden. Alle neuen Philosophien wären ohne ihren Bezugspunkt in alten Psalmen nicht zur neuen Ausformung des Verständnisses vom schöpferischen LOGOS geeignet, sondern völlig losgelöste Gedankenspiele. Auch die weiteren jüdischen Weisheitslehren, z.B. des Jesaja waren wesentliche Grundlagen des neuen Denken. Dass sie daher in der Lebensgeschichte und den Lehren des lebendigen LOGOS zitiert wurden, liegt auf der Hand. Doch diese Begeisterung der syrisch-hellenistischen Weisheitslehrer und ägyptischen Philosophen für den jüdischen Gottesglauben und seine schriftlichen Grundlagen liegt nicht in einem blinden Glauben. Der christliche Glaube kann nur durch ein neues Verständnis bedingt gewesen sein, dem die Wahrnehmung des lebendigen WORTES zugrunde lag: Jesus hat wirklich gelebt. Das lebendige WORT ist es, von dem die Bibel berichtet.
Wenn sich die Verfasser des Neuen Testamentes dabei der Texte der alten Tradition bedienen, so liegt dem eine schöpferische Logik zugrunde. Es geht nicht darum, nur besser verstanden zu werden oder zu überzeugen. Die Verwendung der alten Texte ist kein Reklametaktik, um akzeptiert zu werden. Erst durch ihren Bezug zu den alttestamentlichen Berichten kann das neue Denken Gestalt gewinnen. So unfruchtbar es heute wäre, von einem schöpferischen WORT in allem Werden zu reden, das völlig losgelöst vom historischen Wanderprediger existiert, so sinnlos wäre es damals in Damaskus gewesen, den LOGOS ohne seine Grundlage im alten Gesetzestext bzw. jüdischen Gottesverständnis wahrnehmen zu wollen. So wenig es heute genügt, einen schöpferisches WORT, einen kosmischen Christus in aller Evolution erkennen zu wollen, so wenig wäre es damals zu einer Weiterentwicklung gekommen, wenn die alten Texte nicht mit der neuen Erkenntnis auf einen Nenner gebracht worden wäre. Dieser Nenner ist uns als Jesus von Nazareth bekannt. Auch heutiges Naturwissen, Verständnis vom kosmischen Werden und Verständnis vom Schriftwort wird erst zum gemeinsamen Nenner für Gotteshandeln, wenn wir die Grundlage im damaligen Denken nachvollziehen können.
Der Baum ist ein gutes Bild für die notwendige kreative Weiterentwicklung. Seine Wurzeln sind die Voraussetzung für Wachstum. Der Bezug zum alten Bewusstsein, seine Erfüllung gab und gibt erst die Voraussetzungen für ein kreatives Wachstum. Solange wir den Samen nicht sehen, aus dem der Baum gewachsen ist, den Kern nicht kennen, halten wir die Blätter für die eigentlichen Früchte. Wir stecken die Blätter in den Boden und wundern uns, wenn nichts wächst.
Alle neue Gnosis muss daher an die alte Erkenntnis anknüpfen. So wie die neuen Früchte des Baumes nur das alte Wachstum fortsetzen, der Verwirklichung des ursprünglich gepflanzten Kernes dienen, so erscheint es auch beim Wachsen des Gottesbewusstseins. Alle sog. Aufklärung oder New Age und neuen Philosophien die sich über die alten Lehren hinwegsetzen führt zwar weiter, werden jedoch nicht zu einem wirklich neuen Paradigma führen. Auch das heutige Denken kann nur weitergeführt werden, wenn es dort abgeholt wird, wo es steht.
Ohne die Beziehung zu einem bereits vorhandenen Gottesbewusstsein verliert sich jedes neue Verständnis in Beliebigkeit. Ohne die Bezugnahme zur bereits in der Bibel berichteten Weisheit wäre jede Aussage möglich. Wer wollte abstreiten, wenn einer behauptet, das WORT Gottes wäre die Stimme des Traumes? Wer könnte etwas entgegnen, wenn sich ein Mensch selbst als Gott bezeichnen würde? Woher wüssten wir etwas von Gott und von Jesus? Jedes neue Denken setzt das alte voraus. Das neue Denken muss dabei an das alte anknüpfen, um nicht der selbstgefälligen Banalität und Beliebigkeit zu verfallen.
Wenn ich behaupte, Gottes WORT sei die schöpferische Vernunft, dem LOGOS liege alles Werden im gesamten Kosmos, alle Kreativität zugrunde, dann kann das keine beliebige neumodische Meinung sein, sondern muss sich auch in alten Texten der Geistesgeschichte begründen lassen. Erst dann wird der LOGOS universell wahrnehmbar, neu bewusst, statt beliebige Lehre, individuelle Meinung zu sein.
So wie im Urchristentum die alten Texte die Voraussetzung für das neue Verständnis bildeten, so wird auch für uns das Gottesverständnis der Frühchristen Fundament sein, auf der erst ein neues Gebäude gebaut werden kann. Es hätte daher wenig Sinn ein lebendiges schöpferisches WORT in aller Evolution nachweisen zu wollen, wenn Jesus Christus nur ein Che Guevara am Anfang unserer Zeitrechnung gewesen wäre. Erst wenn ich beweisen kann, dass sich hinter dem Bild des Wanderpredigers ein neues Verständnis verbirgt, das auf der Stufe des damaligen Denkens, von einem vernünftigen Werden als WORT Gottes ausging, ist der Weg zu einer neuen Erkenntnis frei.
4. Die Christologie wäre ohne ein neues Verständnis des WORTES undenkbar
"Niemand kommt zum Vater denn durch mich!" Zwei wesentliche Elemente stecken in dieser von Johannes bezeugten Aussage des lebendigen WORTES. Erstens, das in vielen Texten frühchristlicher Theologie bezeugte Verständnis von Gott als Vater, das die christliche Lehre als ein für sie ganz wesentliches Element anerkennt. Zweitens, dass nur durch Jesus dieses Verständnis des Vaters gegeben ist.
Wenn ich nun nachweisen will, warum nur durch die Wahrnehmung des lebendigen WORTES ein Verständnis von Gott als "Vater" vorstellbar ist, dann muss auch eine alternative Vorstellung betrachtet werden: Der "Vor-gesetzte", der dem ich verantwortlich bin, weil es Gesetz ist. Der Vorgesetzte ist nicht mein Erzeuger, nicht der, der mich ins Leben gerufen hat und letztlich in meinem Sinne handelt, mein Bestes will, weil mein Wachsen und Gedeihen sein Ziel ist. Dem Vorgesetzten bin ich ausgeliefert. Zu ihm verbindet mich ein Verhältnis wie das des Sklaven zu seinem Herrn, nicht wie das des Sohnes zu seinem Vater.
Erst in dem ich über die alten Gesetze hinaus Gott als meinen Erzeuger sehe, seine Kraft hinter aller Kreativität, sein WORT hinter allem Wachsen und Werden, werde ich Gott nicht als Vorgesetzten sehen, sondern als Vater verehren. Doch diese Verehrung ist keine blinde Verherrlichung wie die des Vorgesetzten, den ich akzeptiere, weil es von mir so verlangt wird. Zum Vater bindet mich auch mehr als ein gefühlvolles Verhältnis. Mehr auch als eine Anerkennung, die ebenso dem Vorgesetzten entgegengebracht werden kann.