Wer war Jesus wirklich?
(Auch wenn in diesem unfertigen
und ebenso noch zu überarbeitenden Text vieles bekannt erscheint und sich mit
ähnlichen Aussagen überschneidet, so hoffe ich doch auch einige neuen Antworten
zur Frage nach dem historischen Wesen unseres Glaubens geben zu können.)
Wenn in den Buchläden die Regale mit Jesusbüchern überquellen, dann ist dies ein Zeichen dafür, dass die Menschen auf der Suche sind. Seit der Aufklärung werden die Aussagen über Jesus hinterfragt, wird das, was im Neuen Testament nachzulesen ist, nicht automatisch akzeptiert, ist nicht mehr gesetzt. Die meisten der Buchautoren basteln sich daher ein der modernen Zeit bzw. ihrem Denken entsprechendes Jesusbild zurecht, das sie in die biblischen Texte hineininterpretieren. Den eigenen Wünschen entsprechend wird meist ein Sozialreformer, ein Revolutionär oder ein Mystiker gesehen. Andere Autoren halten gegen die Vielzahl der neuen Jesusbilder und wollen streng bei den Evangelien bleiben, befürchten, dass durch Weglassen und hinzuzeichnen, was oftmals die Praxis neuer Jesusbücher ist, das Bild unseres Glaubensgrundes nur verzerrt würde.
Wenn ich nach einem neuen Bewusstsein unseres Glaubensgründers bzw. Glaubensgrundes verlange, dann geht es nicht darum ein neues, modernes Bild von Jesus zu zeichnen, wie dies derzeit oftmals geschieht. Vielmehr will ich nach dem antiken Bewusstsein fragen, das hinter den uns in der Bibel gegebenen Bildern steht. Erst wenn wir den Spuren des damaligen Denkens, zu dem die zahlreichen jüdischen Geistesbewegungen ebenso wie die griechische Philosophie und hellenistischer Götterkult gehören, folgen, können wir den im Neuen Testament zum Ausdruck kommenden Wandel verstehen, die Bilder davon mit neuem Leben füllen, statt die Aussagen nach und nach abzustreiten bzw. als reine Verherrlichungsrede anzusehen.
An vielen Stellen der Texte habe ich bereits begründet, warum ein neue Sichtweise des historischen Jesus dringend notwendig erscheint, wieso weder der an Hochschulen als historischer Jesus gelehrte, noch der oftmals daneben gestellte und für eine „Erhöhung“ gehaltene Christus des Glaubens heute zur Offenbarung bzw. vernünftigen Vermittlung des einen Schöpfers von Himmel und Erde beitragen kann. Und so hat der heute gezeichnete Jesus, auch wenn er von den Restgläubigen ständig im Mund geführt wird, in der Realität kaum mehr etwas mit dem meist rein persönlichen Glauben zu tun. Den begründet sich jeder weitgehend selbst, ohne dass der Auferstandene Jesus der wirkliche Glaubensgrund wäre, wie es eindeutig das Neue Testament verlangt. Doch nicht nur weil es leer und daher nutzlos geworden ist, will ich nach einem neuen Inhalt des vorhandenen Jesusbildes fragen.
Das Jesusbild, wie es die heutige Theologie vermittelt, bietet nicht nur keinen Glaubensgrund, sondern scheint einem zeitgerechten Bewusstsein des einen Schöpfers im Wege zu stehen. Wer den Glauben auf einen historischen Menschen oder dessen Erhöhung bzw. eine aus Texten abgeleitete christologische Lehre gründet, der verkennt möglicherweise nicht nur das großartige Verständnis der Antike, aus dem das Christentum hervorgegangen ist, den Verstand der christlichen Grundlage, sondern der hat auch keinen Grund, neu auf das Wort Gottes in allem natürlichen Werden zu hören. Der Logos Gottes – der am Anfang des christlichen Glaubens eindeutig im Mittelpunkt stand, Mittler zwischen Gott und den Menschen war - bleibt ungelesen. Da können die modernen Naturwissenschaftler noch so viel eine seit Anbeginn des Universum alles bestimmende Vernunft/Logos nachweisen, was hat das mit dem Wort Gottes zu tun? Und was erst mit unserem ach so guten Sandalenträger?
1. Das Jesusbild heute
Die vielen Autoren, die das Bild des wahren Jesus zeichnen wollen, ob abenteuerliche Spekulanten oder deren Gegner, scheint der Logos/Wort in keiner Weise zu interessieren. Als Wort Gottes wird das Buch, der Kirchenkanon gelesen und Jesus war nur ein junger Jude, auch wenn er in Tibet gewesen, ein Ehebrecher, ein Philosoph, Mystiker....gewesen sein soll. Was an Christologie daneben gestellt wird, bleibt reine Kirchendogmatik, im Grunde nur für die Hochschultheologie von Interesse. Auch wenn in der christlichen Predigt immer wieder die (m.E. fälschlicherweise so genannten) „Hoheits“titel und vielfältigen Umschreibungen des christlichen Wesens, wie Licht, Logos, Wort... gebraucht werden, sie werden nur auf eine Art Wanderprediger bezogen, der durch seine Anhänger verherrlicht wurde. (Gleichwohl die Evangelisten ganz deutlich sagen, dass der Gottessohn, das Wort, der Logos zum Mensch wurde und nicht umgekehrt, wird wie selbstverständlich von einer „Erhöhung“ gesprochen.) Theologischen Autoren bemühen sich dann zu begründen, wieso die gesamte Trinität nur hellenistische oder jüdische Hoheitstitel waren, mit denen das Wesen des Wanderphilosophen verherrlicht wurde. Doch werden wir so dem historischen Jesus wirklich gerecht? Müssten wir nicht fragen, was die damaligen Denker gesehen haben? Was der Grund der Explosion von theologischen Texten in der Antike wirklich war? Wen die Evangelisten gesehen haben, wenn sie von Jesus Christus sprechen und sein Leben beschreiben? Welche Wende im Gottesbewusstsein wirklich stattgefunden hat und warum dadurch eine universale Offenbarung für alle Menschen gegeben sein soll? Doch all das wird heute eher abgestritten, als es zu erklären. Wie auch? Wer nur von einem Wanderprediger ausgeht und dessen Verherrlichung, der hat keine wirkliche Erklärung, auch wenn die Theologiebücher, voll davon sind.
Alles offen zu lassen um den Mythos zu bewahren, jedem seinen persönlichen Jesus zu überlassen, wie manche der modernen Professoren verlangen, kann nicht das Ziel sein. Genau davor haben die Gegner, der Gnosis gewarnt. Was nicht verstanden wird, verflüchtigt sich, führt zur persönlichen Beliebigkeit, bietet keine Grundlage für einen kollektiven Glauben. Ein heute in einer globalen Welt notwendiger denn je werdenden universales Gottesbewusstsein ist so gleich gar nicht begründbar.
Doch auch die Bilder bzw. Neutestamentlichen Texte, die am Anfang der Christenheit dagegengesetzt wurden, den Bestand des Glaubens vor einer sich verflüchtigenden, unvermittelbaren Erkenntnis bewahren sollten, haben sich völlig verselbständigt und so ihre Bedeutung verloren. Die Theologie selbst ist es, die den Texten ihre Glaubwürdigkeit bzw. Glaubensbegründung nimmt. Zwar gründen die theologischen Theorie fast ausschließlich auf den traditionellen Texten, doch gleichzeitig wird deren Wahrheitsgehalt abgestritten. Wer von einem Wanderprediger, als dem christlichen Wesen ausgeht, statt vom lebendigen Wort, das zu den Aposteln gesprochen hat und in den Geschichten zur Sprache kommt und dessen Leben und Leiden nachgezeichnet wird, dem bleibt nichts anderes übrig, wie das was derzeit geschieht:
Willkürlich wird unterschieden, was wahre Jesusworte und was ihm von späteren Verfassern in den Mund gelegt wurde. Ebenso willkürlich sind die Beurteilungen der von Jesus erzählten Wunder und Gleichnisse. Die Reduktion auf eine angebliche Spruchquelle, die aufgrund verschiedener Evangelien rekonstruiert wird und in die angeblichen Jesuswort wiedergegeben werden sein sollen, bringt nicht wirklich weiter, solange wir nur einen besserwissenden Wanderprediger sehen. Müssten wir nicht vielmehr fragen, wer Autor der verschiedenen Spruchquellen ist? Von welchem Schöpfungswort die Verfasser der Spruchquellen ausgehen? Gerade die Spruchüberlieferungen, wie z.B. das oft als Gnosis abgetane Thomasevangelium machen doch deutlich, dass es den Verfassern nicht um die von einem Wanderprediger aufgefangenen Worte ging. Das sich dahinter verbergende Verständnis wird nur in wenigen Fällen hinterfragt. Warum auch? Wenn Jesus nur ein Wanderprediger war, dann spielt das gesamte Denken der Antike kaum eine Rolle. Wenn vom Kontext gesprochen wird, in dem das zu verstehen wäre, dann kann so nur nach den Quellen geforscht werden, aus denen dieser mystische Mensch gelernt hat und aus dem anschließend zu seiner Verherrlichung geschöpft worden wäre.
Aber selbst wenn die Worte Jesus nicht wie heute gelehrt wird, weitgehend aus anderen Texten übernommen, ihm durch die Evangelisten in den Mund gelegt, nachösterlicher Glaube...wären, sondern vom historischen Jesus wirklich gesprochen, welche Bedeutung hätten sie heute für uns? Warum sollten wir unsere Leben heute nach einem antiken Prediger, Philosophen, Apokalyptiker, Gnostiker, Mystiker...ausrichten? Wieso soll der für uns Gottesoffenbarung sein, Vergebung der Sünden bewirken und Grund des Glaubens? Er ist es für die Menschen nicht mehr. Und ein Mensch kann es auch nicht sein. Wir trauen keinem Menschen mehr, Gott sei es gedankt. Theologen die sagen, so war es, so muss es sein, trauen wir schon gleich gar nicht. Zu viel wurde im laufe der Geschichte schon gesagt, verlangt und wieder abgestritten. Was sollte da ein antiker Theologe, der die Texte der Tora nur neu auslegte, eine bessere, direktere Beziehung zu Gott hatte – das sagt doch jeder Sektenguru von sich – schon für einen Glaubensgrund bieten? Er bietet keinen. Und genau das ist das Problem. Auch wenn in Amerika im Rahmen eines meist oberflächlichen Glaubens sich viele Menschen von Medienpredigern neu bekehren lassen, das kann nicht der Grund des historischen Glaubens gewesen sein. (An andere Stelle wird auszuführen sein, warum die in Amerika neu aufblühende Religiösität, die Nationalgefühle mit Glaube vermischt und oft an Meinungen von Medienstars festmacht, ein Rück- statt ein Fortschritt ist.) Kein ernsthafter Theologe kann davon ausgehen, dass der christliche Gaube von einem einfachen Menschen in Form eines Medienstars ausging, der die anderen durch seine Predigt in den Bann zog.
Es bleibt nur, neu nach der historischen Wahrheit zu fragen. Ein persönliches Jesusbild in die Historie hineinzuinterpretieren wäre ebenso falsch wie einen kosmischen Christus oder einen Sozialreformer heutiger Prägung daneben zu setzen. Wir können weder die Evangelien zuschlagen, noch die nicht in den Kanon aufgenommen theologischen Aussagen außer Acht lassen. Letztlich sind auch die antiken Denkweisen außerhalb der reinen Glaubenstexte und erst recht die hebräische Tradition der Tora und ihre allegorischen Apologeten ebenso wie die Apokalyptiker und Propheten zu beachten, denen wir eigentlich erst ein über das ägyptische hinausgehende monotheistische Gottesverständnis verdanken. Doch wo der historische Jesus nur ein junger Jude war, der alles etwas besser wusste, nicht das präexistente Wort in Menschengestalt, das in den anderen theologischen Denkweisen nur eine andere Ausformung hatte, da kann noch so viel von „geistigem und geschichtlichem Kontext“ gesprochen werden, in dem das Leben Jesus zu betrachten wäre. In Wirklichkeit bliebt die gesamte Glaubenstradition, der gesamte Geist, der bereits bei den Hebräern und in der Antike neu geweht hat, unberücksichtigt. Er wird allenfalls bemüht, wenn die „Erhöhung, Verherrlichung“ begründet wird. Das Bild des historischen Jesus reduziert sich auf Banalitäten, die wir aus den biblischen Evangelien entnehmen. Ohne zu beachten, was eigentlich längst theologische Aussage ist, dass es den Evangelisten nicht um Tagebuchberichte ging, die Evangelien nicht nur einfache historische Beschreibungen sind, wird weiter nur das Leben eines Wanderprediger oder fromme Legenden zu dessen Verherrlichung gelesen. Auf die sich seit der Aufklärung stellende Frage nach dem wahren Grund des Glaubens, hat die Theologie keine wirkliche Antwort. Weder die Frage nach Jesus, noch die von der Naturwissenschaft ausgehenden Zweifel und letztlich Verleugnungen eines Schöpfergottes können ausgeräumt werden, wenn der historische Jesus weiterhin nur als ein besonders begabter Mensch gesehen wird.
Wenn der Grund unseres Glaubens wirklich nur ein rastloser Wanderheiler, ein erstaunlicher Schriftgelehrter, ein zur Umkehr rufender Prophet oder ein Mystiker gewesen wäre, bleibe uns heute nichts weiter, als alle Fragen über den Wille und das Wesen Gottes weitgehend selbst zu beantworten. Ob Gott strafender Richter, strenger Erzieher, Tröster oder ewiger Vergeber ist, kann aus dem Text der Testamente kaum schlüssig beantwortet werden. Die Gottesbilder werden von jedem theologischen Autor anders gezeichnet. Und jeder beruft sich auf Jesus, zeichnet und zeichnet dabei meist nur ein seiner Zeit und seinem eigenen Denken entsprechenden Gottesbild. Selbst ob von Jesus überhaupt ein neues Gottesbild ausgegangen wäre, wird bezweifelt. Das muss es auch, wenn wir nur einen historischen Menschen sehen, der durch besondere Fähigkeiten als Offenbarer gewirkt hat. Ohne über den Menschen Jesus hinaus das in ihm lebendige Wort/Logos zu lesen und gleichzeitig das in aller Schöpfung wirksame Wort wahrzunehmen, sind wir auf eigene Vorstellungen angewiesen, basteln wir im Rahmen unserer Schriftauslegung eigene Götter, die wir Jesus in den Mund legen und dann von Offenbarung sprechen.
All die vielen Autoren die behaupten, das Jesusbild der Bibel bewahren zu wollen, haben es längst abgebaut. Der Jesus Christus, den uns die Evangelisten beschreiben, wird nicht wirklich wahrgenommen. Das Bild eines Menschen mit besonderer Begabung wird herausgebrochen, für den Verstand zurechtgelegt oder aber dem Mythos überlassen. Alle hoheitlichen Aussagen bleiben meist unbeachtet, werden allenfalls als Vergötterungen oder spätere Hellenisierung abgetan oder bleiben im Dunkel des Mythos. Jesus ist meist nur noch ein Werkzeug, um die Menschen von eigenen – oft konserativen - Meinungen, Moralvorstellungen zu überzeugen. Um sie frei denkend zu einem vernünftigen Glaube zu bewegen, als sinngebendes und wegweisendes Zeugnis für das Schöpfungswerk des einen Gottes ist der heute von der Theologie gelehrte historische Mensch untauglich. Doch um ihn ging es den frühe Christen nur in zweiter Linie. Im Vordergrund stand für sie zweifelsfei das, was wir m.E. mit der Umschreibung „schöpferische Vernunft“ am treffensten zum Ausdruck bringen: der Logos/das Wort.
2. Der ganze Jesus
Klaus Berger hat in seinem Buch über den wirklichen Jesus, das er als Antwort auf die zahlreichen modernen Jesusbücher und somit als Anti-Jesusbuch versteht gefordert, den ganzen Jesus zu sehen. Er warnt davor, Teile des Neuen Testamentes herauszubrechen oder zwischen einen historischen Jesus und einem Christus des Glaubens zu unterscheiden, wie es heute theologische Tagesordnung ist. Der Jesus aller Evangelien und auch der apokryphen Erzählungen soll ernst genommen werden. Eine Ermäßigung unserer Jesusvorstellung auf das, was dem einfachen Verstand zugänglich ist, will der Heidelberger Neutestamentler nicht zulassen, zu zahlreich sind die hoheitlichen Aussagen, die sich aus dem Neuen Testament aufzählen lassen. Ob ein Hereinbrechen von Licht und Wort, ein Gleichzeitigwerden von Moses und Elia geschildert ist (Markus 9,2-7) oder Aussagen über den Gottessohn, der als einziger noch gelten soll und in dem alles Offenbarungen gesammelt sind, der neue Bund, der für den nicht mehr das Blut, sondern der Wein, das Zeichen des Messias gelte, (bzw. der gemeinsame Geist), das alles ließe sich nicht reduzieren auf einen einfachen Religionsgründer.
Berger verlangt als ganzheitliche Sichtweise nicht mehr zwischen echten und unechten Jesusworten zu unterscheiden, sondern alle ernst zu nehmen. Ebenso warnt er vor einer theologischen Trennung zwischen nach- und vorösterlich, historischer Wahrheit und nachösterlicher Betrachtung von einem Christus des Glaubens aus, die heute meist als Blickwinkel für die gesamten Evangelien angesehen wird. Auch die Trennung zwischen naturwissenschaftlich nachvollziehbaren Tatsachen und unerklärlichen Wundern, die dann zurechtgescheidert werden will er vermeiden.
Um nicht Opfer der selbstgestellten Falle zu werden, ein Wunschbild zum Ausgangspunkt zu machen, will Berger gerade die unserem heutigen Verständnis am weitesten entgegenstehenden Aussagen bestehen lassen. Er macht dabei auch auf die zahlreichen Widersprüche aufmerksam, die sich in den Aussagen ergeben und die zu dulden oder gar gewollt sind. So seien auch den Kirchvätern bei der Festlegung des Kanon die unterschiedlichen Evangelientexte durchaus bewusst gewesen.
Doch deutet nicht all dies darauf hin, dass es den Kirchenvätern keinesfalls um das ging, was wir vor Augen haben, wenn wir von Jesus von Nazareth reden? Stand für die damaligen Theologen die Lehre vom Logos, die in unterschiedliche Bildberichte gefasst war, nicht eindeutig im Vordergrund? Wenn wir von einer ganzheitlichen Betrachtung sprechen, die Berger zurecht verlangt, dann dürfen wir die gesamte Gnosis, die sich am Anfang für das eigentlich christliche Denken hielt, nicht außen vor lassen. Der Logos, das, was damals als Wort Gottes bezeichnet wurde, bevor die Bibel war, dürfen wir doch nicht beiseite lassen.
Selbst die unterschiedlichen Beurteilungen der Aussagen Jesus, die sich z.B. auf Sabbat, Ehe oder andere Verhaltensweisen beziehen, die Berger bei seiner ganzheitlichen Betrachtung nicht gewaltsam vereint haben will, lassen sich vom Logos, einer schöpferischen Vernunft her erklären, ohne im gesetzlichen Sinne das eine oder das andere abzustreiten oder zu vermengen. Die schöpferische Vernunft steht über dem Gesetzt, von ihr, dem was die Hebräer Wort Gottes und die Griechen Logos nannte, gingen die Gesetze aus. Jesus ist daher keineswegs ein Wanderphilosoph, der nicht weiß was er will oder Willkür predigt. Das lebendige Wort urteilt nach einem uns von Gott gegebenen Sinn, der z.B. die kultische Notwendigkeit des Sabbat sieht, ihn jedoch nicht zum rituellen Selbstzweck macht.
Doch bevor wir zur Beurteilung im Sinne einer über uns stehenden Vernunft kommen können, müssen wir das in der Antike wahrgenommene lebendige Wort/ den Logos neu verstehen, erkennen, was es mit dem christlichen Glauben zu tun hat, auf was sich das Neue Testament gründet. Und hier verlange ich bei der historischen Betrachtung eine wirklich ganzheitliche Sichtweise, die nicht bei den Texten aufhört, die das Leben eines Wanderprediger beschreiben. Ja eigentlich haben wir Glück, dass die unter dem Namen Paulus verfassten Brieftheologien noch Gegenstand unserer Betrachtung sein können. Denn für einen Wanderprediger, wie er heute als historischer Jesus gehalten wird, hatte Paulus wenig Interesse. Doch nicht nur bei Paulus ist wenig über einen jungen Juden, der wanderpredigend durch die Lande zog und Anhänger um sich scharte, zu lesen. Auch die Apokryphen Evangelien, die Prof. Berger selbst in seine Neuübersetzung- bzw. Zusammenstellung des Neuen Testamentes aufnimmt, lassen weit deutlicher erkennen, um was es den damaligen Theologen ging, als die inzwischen für uns schon selbstverständlichen gewordene Evangeliengeschichten, die wir seit dem Kindergarten – trotz aller Erkenntnis, es seien keine historische Beschreibungen – als Erzählungen aus dem Leben eines Wanderrebellen weiterlesen. Allein schon die Explosion an immer neu zutage geförderten Texten oder auch der zeitlichen und inhaltlichen Nähe zum Alten Testament, lässt von einer antiken Erkenntnis ausgehen, die weit über die durch einen einzelnen Menschen ausgelöste Religionsbewegung hinausgeht.
Wer die zahlreichen gnostischen Texte zu Hand nimmt, wie sie vor wenigen Jahren in Nag Hammadi ausgegraben wurden, der kann dann erahnen, um was es den antiken Theologen wirklich ging. Nicht das Leben eines Wanderpredigers, sondern die vom Wort/Logos ausgehende Gottesoffenbarung, Sinngebung und Wegweisung, die mit Sicherheit auch bei den Evangelisten des Kanon Gegenstand der Geschichten ist, kommt hier zum Ausdruck.
Doch wer, wie die heutige Theologie sich allein auf einen historischen Wanderprediger beruft, den kann das alles kaum interessieren. Auch wenn es Klaus Berger selbst ist, der nach einer größeren Beachtung der zwischentestamentlichen Literatur ruft (Zeitschrift für Neues Testament 8), wie sollen seine Studenten die Inhalte von Texten berücksichtigen, in denen ein Mensch mit Namen Jesus nicht vorkommt, wenn dieser nur ein junger Jude gewesen sein darf. (Die Freiheit dieses Denkens bleibt allein einem Außenseiter vorbehalten.) Haareraufend sitze ich vor jeder neuen Ausgabe der neutestamentlichen Zeitschrift, in der Theologen neue Erkenntnis zur Leben Jesus Forschung oder den Themen des Neuen Testamentes abgeben und kann es kaum fassen. Da werden die Gedanken der frühchristlichen Gnosis dargelegt, die längst als ursprünglichste christliche Bewegung nachgewiesen wird, ohne dass sie eine Seite weiter in die Überlegungen zur Geschichte Jesus einfließen können. Da wird die Christologie des Philo von Alexandrien beschrieben, den ich schon lange nach als eine Wurzel des Christentum nachweisen will, (Gleichwohl ich inzwischen erst in der menschlichen Ausformung des lebendigen Wortes, die bei Philo noch nicht war, von eine messianischen Wirkung ausgehe, hierzu daher nicht Christologie sagen würde, sondern nur eine vorchristliche Logos- bzw. Gottessohnlehre sehe.) ohne ihn bei der Betrachtung der Neutestamentlichen Aussagen berücksichtigen zu können. Wie auch? Mit dem uns so ans Herz gewachsenen historischen Menschen hat all das, was bei Philo, Josephus Flavius oder den zahlreichen Geistesbewegungen zur Zeit Jesus nachlesen können, nichts zu tun. Was Prof. Berger verlangt, verhindert er, solange er den historischen Jesus als einen einfachen Menschen lehrt.
(Einer seiner Schüler, der bei seiner Doktorarbeit Paulus wieder in reine Judentum zurückversetzte, muss mich für verrückt gehalten haben, als ich aufgrund der zahlreichen jüdischen Bewegungen zur Zeit Jesus, in denen ich einen neu aufblühenden vernünftigen Gottesverstand nachweisen wollte, behauptete, Jesus hätte wirklich 12 Jünger gehabt. Das gesamte Judentum, alle jüdischen Bewegungen, die ich bei Moritz Friedländer – der junge Theologe hatte mich auf ihn als Quelle über die jüdischen Apologeten, bzw. Philo hingewiesen – nachblätterte, wollte ich als Jünger Jesus nachweisen, so das gesamte Judentum der Antike als Wurzeln des neu lebendig werdenden Wortes verstehen: Jesus so wirklich als einen junger Jude sehen. Für jemand, der den historischen Jesus für einen Wanderprediger hält, bzw. aufgrund der Selbstverständlichkeit, mit der dies heute gelehrt wird halten muss, sind solche Überlegungen noch nicht mal eine kurze Antwortwert. Gedanken, die über das vorgegebene Verständnis hinausgehen sind dann so verrückt, dass man scheinbar besser gar nichts dazu sagt. Doch wäre ein neues christliches Verständnis der Geschichte nicht der zeigerechtere Weg, das Judentum in Folge von Auschwitz vom Vorwurf der Christenverfolgung zu befreien, als z.B. Pontius Pilatus die Schuld in die Schuhe zu schieben, wie dies derzeit nicht nur in Oberammergau, sondern selbst an Hochschulen geschieht?)
Wo
Jesus nur ein einfacher Mensch war, da bleibt nicht mehr, als die Juden oder
Römer für den Mord an einem jungen Glaubensmärtyrer verantwortlich zu machen, hört
der Horizont hinter der Betrachtung der Bildberichte auf. Auch die jüdischen
Weisheitstexte........
Fortsetzung
Vom Mythos zum Logos
-in Naturbetrachtung
-in Theologie
Die Logoslehre der Denkschulen von Antiochien und Alexandrien
Auseinandersetzung der ersten Kirchenkonzile um die Gestalt des Logos
Kirchenväter als Theologen des Logos
Alle Aussagen des Neuen Testamentes als vom Logos ausgehend belegen