Die Verantwortung der Theologie für Glaubensterror

 

- Von der Notwendigkeit einer neuen Theologie -

 

(Die im Folgenden Text angestellten Überlegungen beziehen sich zwar auf die Ereignisse vom 11. September. Doch diese Ereignisse sind nur Beispiel. Wenn nach wie vor angesichts der Ereignisse im nahen Osten Tag für Tag von blutigen Auswirkungen des Glaubensterrors berichtet wird, dann hat die Theologie versagt.

 

Während ich versuche nachzuweisen, dass für ein vernünftiges Leben eine vernünftige Gotteswahrnehmung die Voraussetzung ist, wird die Welt von der Unvernunft des Glaubens erschüttert, gehen von ihr Krieg und Terror aus. Wer will es da den Atheisten verdenken, wenn sie in der Überwindung des Glaubens einen geistigen Fortschritt vermuten. Doch weder fanatische Palästinenser und Taliban, noch jüdische Fundamentalisten tragen die Schuld. Die Ursache liegt tiefer.

 

Die für die grausamen Taten, die heute im Namen Gottes/Allahs geschehen verantwortlichen,  verstecken sich nicht in den Bergen von Afghanistan.  Auch die angeblich lasche Behandlung von aufrührerischen Ausländern, ein Versagen der Abwehr...auch der unbeantwortete Antiamerikanismus oder die Armut und Ungerechtigkeit, in der ein unbändiger Hass gegen die westliche Welt wächst. All dies trägt nicht wirklich Schuld.  Alles was wir aufzählen sind Symptome. Die Ursache sitzt tiefer. Ich sehe sie in einer Theologie, die das universale Christentum bzw. das Verständnis des präexistenten Logos, einer der gesamten Schöpfung innewohnenden Vernunft  verhindert. Die Frage nach der Verantwortung für den Terror, der aus dem Glauben heraus begründet wird,  muss wesentlich weiter gehen, als in heutigen Fernsehdiskussionen, die allenfalls den geschichtliche Hintergrund der Entwicklung versuchen zu beleuchten. Der Geist ist zu hinterfragen, der das Denken der Menschen bestimmt. (Gerade im Hinblick auf die Täter: meist  hochintelligenten jungen Mohammedaner, die laut ihren deutschen Mitstudenten engagiert denkende tiefreligiöse Ideologen waren, lässt sich das Problem nicht in politischem Aktionismus und  Stammtischparolen vom Tisch wischen. Die Theologie ist gefordert.)

 

„Gott ist groß“ bzw. „Allah ist allmächtig“ riefen die arabischen Antiamerikaner, als sie vom Tod der vielen Tausende hörten. Auch Präsident Bush rief zum Gebet auf, erbat Beistand für seine blutige Vergeltung. Nach wie vor scheint der Glaube die Ursache für Krieg und Terror zu sein, verantwortlich für die menschliche Unvernunft. Wer in diesen Tagen logisch begründen will, warum der Glaube Voraussetzung für ein vernünftiges Miteinander der Menschen ist und nicht nur ein frommer Schein für den Seelenfrieden ewig gestriger, der muss sich warm anziehen.

 

Gleichzeitig gilt es zu belegen, wieso ein neues Jesusverständnis bzw. ein neues christliches Selbstverständnis dringender denn je notwendig ist. Nicht nur der von den Selbstmordkommandos der Moslems vertretene Glaube ist eine Fehlentwicklung oder versäumter Fortschritt auf dem Weg einer evolutionären Erkenntnis, die ins Stocken geraten scheint. Auch das, was in der westlichen Welt und insbesondere bei den Amerikanern an christlichem Glaube zum Ausdruck kommt, ist völlig Abseits jeglicher Vernunft. Was wir dem Glauben des Nahen Ostens an Unsinn vorwerfen, ist letztlich nur ein Spiegelbild der Unvernunft des eigenen Glaubens. Der Logos, die gelebte Vernunft Gottes,  die der eigentliche Grund christlichen Glaubens sein sollte, kommt in heutiger Kirchenlehre nicht vor. Es wird höchste Zeit die Vernunft des Glaubens – das geschichtliche nachvollziehbare christliche Gottesverständnis - neu zu begründen.

 

Wenn Jesus nur der wäre, als den ihn die heutige Theologie sieht, dann könnte der Drahtzieher der unmenschlichen Terrorakte für die Moslems dessen Rolle spielen. Wer nicht an das lebendige Wort und die von diesem ausgehende Lehre, sondern nur an einen von seinen Anhängern verherrlichten Menschen glaubt, der könnte sich ebenso gut auch den islamitischen Terrorgruppen anschließen.

 

In verschiedenen Überlegungen zur aktuellen Entwicklung und den Fehlentwicklungen des fälschlicherweise als Fundamentalismus bezeichneten Glaubens, will ich Probleme aufzeigen, die es dringend notwendig machen, Jesus als Grund unseres Glaubens aus einer neuen Perspektive heraus, die der wahrhaft historischen entspricht, zu verstehen.

 

Auf beiden Seiten der Fronten führt ein fehlentwickeltes Gottesverständnis das Wort, ruft zum Glaubenskrieg und der Vergeltung auf. In Amerika und Afghanistan werden Menschen mit Gebeten in Berufung auf Gott zum Unsinn angestiftet. Doch moralisierende Verurteilungen, wie sie unsere Kirchenblätter füllen, helfen nicht weiter. Notwendig ist ein neues vernünftiges monotheistisches Gottesverständnis, wie es vor 2000 Jahren dort gepflanzt wurde, wo heute der Unsinn regiert. Weder Juden, Christen noch Moslems haben ihre wahren geistigen Wurzeln in dem, was einzelne Menschen geschrieben oder gesagt haben, sondern im universalen Wort (hebräisch: Vernunft, griechisch: Logos, christlich: Sohn) Gottes, das sich in aller natürlichen Schöpfung, im gesamten Werden des Kosmos ausdrückt.

 

  1. Osma bin Laden in der Rolle des Jesus

 

Nach seinem Aussehen könnte der vermeintliche Kopf der unmenschlichen Grausamkeiten  in Oberammergau glatt die Hauptrolle spielen. Ein Orientale mit Bart und Sandalen....Auch wenn man diesen Gedanken verrückt klingt, ganz so stellen wir uns im kindlichen Gemüt den Jesus vor, den die heutige Theologie für den historischen hält.

 

Doch das Aussehen ist es nicht allein. Aus moslemischer Sicht betrachtet, vom Blickwinkel seiner glaubensüberzeugten Anhänger aus, könnte er glatt ein islamistischer Messias sein:

 

-Von seinen Jüngern wird er verherrlicht und für etwas ganz besonderes gehalten.

-Er sowie seine Anhänger sind bereit, für ihren Glauben zu sterben.

-Sein Vermögen, seine Familie...hat er aufgegeben, um der göttliche Sache zu dienen.

-Ein Bewahrer des traditionellen Glaubens, einer gegen alle, David gegen Goliath, ein Rebell, der sich vor nichts fürchtet und nicht unterzukriegen ist.

-Ein Mensch mit besonders charismatischer Ausstrahlungskraft, der andere in seinen Bann zieht....ganz so, wie die Kirche den angeblichen historischen Grund ihres Glaubens verkündet.

 

Die höchst makaberere Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. Fromme Christen und Theologen würden jetzt heftig wiedersprechen und zahlreiche Gründe aufzählen, warum Jesus der bessere und überhaupt ganz anders war. Doch so lange wir im historischen Jesus nur einen Menschen sehen, der von seinen Anhängern als Sohn Gottes bezeichnet wurde, einen charismatischen Wanderrebellen, von dem eine besondere Kraft ausging, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn unsere moslemischen Brüder dem blanken Irrsinn aufsitzen. Die Folgen eines fehlgeleiteten Glaubens sind bitter.

 

  1. Seit 2000 Jahren haben Menschen als Glaubensgrund ausgedient

 

Während die christliche Kirche nach wie vor den historischen Menschen Jesus,  einen im Geist oder gar leiblich wiedererweckten Märtyrer des Glaubens, für den Grund ihres Glaubens hält (statt im präexistenten Logos in Menschengestalt die historische Grundlage  wahrzunehmen), würden dies die verblendeten Moslemrebellen weit von sich weisen. Auch wenn sie den terroristischen Guru verehren, ihr Glaube gründet allein auf Allah, den rein monotheistischen Schöpfer, von dem alles ausgeht. (An anderer Stelle habe ich ausgeführt, warum ich davon ausgehe, dass Moslems mit ihrer Gotteswahrnehmung dem urchristlichen Glaubensgrund weit näher stehen, als wir.)

 

Im Gegensatz zu unserem heutigen christlichen Selbstverständnis sind weder der Prophet Mohamed noch sich auf ihn berufende menschliche Personen Grund des Glaubens. Und doch geht die Verblendung der Moslems von Menschen aus. Es sind menschliche Autoritäten, die mit einer vom monotheistischen Schöpfer ausgehenden Vernunft nichts zu tun haben. Im völligen Gegensatz zu dem, was den ursprünglichen Geist ausmacht, dem mit Sicherheit auch der Lehre Mohameds zugrunde liegenden Logos, werden alte Traditionstexte durch menschliche Lehrer völlig fehlinterpretiert bzw. müssen zur Begründung eigener Meinungen und Moralvorstellungen herhalten.

 

Weder römische Gottkaiser noch jüdische Gesetzesgelehrte oder griechische Philosophen waren Grundlage des christlichen Glaubens. Durch das vor 2000 Jahren in Jesus  begründete neue Paradigma des Monotheismus wurde die Gottesverehrung in Form menschlicher Personen oder aufgrund nur von Menschen ausgehenden Lehren überwunden. Der Logos (ein in der gesamten Schöpfung sichtbarer Verstand, der von einem unsichtbaren Schöpfergott ausging) in Menschengestalt war Vermittler des neuen monotheistischen Gottesverständnisses und Lehrer des Verhaltens. Wer allerdings im historischen Jesus nur einen Menschen lehrt oder auch z.B. hinter dem essenischen Lehrer der Gerechtigkeit nur einen Menschen vermutet, wie dies heute an den theologischen Hochschulen geschieht, der läuft Gefahr, dass seine Schüler weiter menschlichen Messiasen nachlaufen, ob sie Hitler oder bin Laden heißen. 

 

  1. Das fehlende Fundament

 

Man muss sich die strengen Glaubensschulen, in denen der Hass über die scheinbar gottlosen Amerikaner geschürt wird und aus denen die modernen Märtyrer hervorgehen ernsthaft vor Augen führen. Wir sehen hochintelligente Menschen, die denken, durch ihre höchst unheilvollen Handlungen zur Heilsentwicklung beizutragen, dem göttlichen Willen gerecht zu werden. Allein oberflächlich ihre Ansichten als falsch oder veraltet abzulehnen, wie dies in der westlichen Welt Tag für Tag geschieht, führt nicht weiter: so lassen sich die eigentlichen Probleme nicht erkennen. Es gilt, sich mit der Grundlage der gemeinsamen monotheistischen Theologie zu befassen, die viel tief liegt als oberflächlich betrachtete Verhaltenslehren. die hüben wie drüben den ursprünglichen Geist ins Gegenteil verkehren.

 

Eine  Gemeinsamkeit, die moslemische und christliche Fehlentwicklung eint: allein in einer konserativen Haltung wird das Heil gesehen.  Ob Amerikaner oder Araber: Glaube wird als Bewahren des Gestern betrachtet. Auch wenn die Ansichten der verschiedenen Parteien völlig gegensätzlich sind, Traditionen, Texte und Rituale stehen dabei jeweils im Vordergrund. Die Grundlage des Gottesverständnis ist nebensächlich, wird als persönliche Sache gesehen oder auf alte Schriften, Gesetze zurückgeführt. Wichtig ist nur die Einhaltung von gesellschaftsmoralischen Vorschriften und Verhaltensweisen.

 

So verhasst das jüdische Volk für die Araber auch ist, der von den jüdischen Fundamentalisten geübte Denkweise, scheinen die radialen Moslems zu folgen. Doch was taugt ein Fundamentalismus, dem das geistige Fundament fehlt? Weder im Westen noch im Orient wird das von den Vätern des gemeinsamen Monotheismus verstandene schöpferische Wort als Grundlage des Glaubens gesehen. Die christliche Theologie versteht sich als reine Buchreligion und sieht so auch im Koran das Fundament des Glaubens der Moslems. Doch wie sollen die Moslems den schöpferischen Verstand erkennen, der hinter den Bibel ein in aller realen Schöpfung wirksames Wort wahrzunehmen. Weiter hat jeder nur seinen Text, seine Tradition vor Augen, die den gemeinsamen Monotheismus trennt und nach eigener Meinung interpretiert wird.

 

 

  1. Das Gottesvolk ist kein bestimmter Stamm, sondern wo sein Wort verstanden und gelebt wird

 

Mit der Wahrnehmung eines die gesamte Schöpfung be-stimmenden Wortes bzw. einer all-umfassenden Vernunft als Sohn des einen allmächtigen Gottes ist eigentlich ein vernünftiges universelles Gottesverständnis geboren. Doch eine Theologie, die im historischen Jesus nur einen antiken Che Guevara (für radikale Moslems Osama bin Laden) verkündet, der als Christus verherrlicht wurde, die trennt weiterhin. Da nützt es auch nichts, wenn sie sich dogmatisch auf einen universellen christlichen Glauben beruft. (Im alten Verständnis bleibt dies nur ein Anspruch auf Alleinseligmachung, der Anderen bisher aufgedrückt wurde. Weit radikaler und überheblicher als dies die Moslems derzeit praktizieren.) 

 

Wer seinen Glauben auf Gesetze baut, die von der eigenen Tradition vorgegeben sind oder auf historische Persönlichkeiten des eigenen Volke, der neigt dazu, andere nicht mit Verstand, sondern Gewalt zum Glauben zu bewegen. Das Christentum ist bestes Beispiel. Wäre die christliche Kirche noch das, was sie bis vor wenigen Jahrzehnten war, Innenminister Schily müsste sie als radikale Glaubensvereinigung glatt verbieten.

 

Solange der Grund des Glaubens in Gesetzen liegt, die einem bestimmten Volk gegeben wurden oder in Einzelgestalten, die von einem Volk verherrlicht werden, gibt es in Wirklichkeit kein universelles Gottesverständnis, sondern nur eine gegenseitige Überheblichkeit. Doch die kann sich eine globale gewordene Weltgemeinschaft nicht mehr leisten. Kein vom Westen aufgesetzter Weltethos, sondern ein universales Gottesverständnis mit unterschiedlichen kulturellen Ausprägung, das nicht von Gewalt, sondern gemeinsamem Verstand getragen wird, ist unumgänglich. Ein Utopist, der denkt, dass eine Weltgesellschaft in dieser freien und grenzenlosen Lebensform, ohne einen gemeinsamen Grundkonsens des Glaubens auskommt.

 

5        Auch gesellschaftspolitische Fehler haben eine geistige Ursache

 

Neben den angesprochenen theologischen Gründen wären viele gesellschaftspolitischen Fehlentwicklungen aufzuzählen, die mitverantwortlich für das grausame Geschehen sind, das sich in aller Welt abspielt. Doch auch die gesellschaftlichen Entwicklungen werden geprägt durch die fehlende Erkenntnis einer universellen Vernunft. Denn unser kollektives Denken und Verhalten wird von einem Geist gesteuert, der tiefer sitzt.

 

-Wenn nicht nur im Nahen Osten, ebenso wie in Amerika Auge um Auge gepredigt wird,

-wenn wirtschaftliche Ungerechtigkeiten, ein verhungerndes Land wie Afghanistan und ungerechte Weltverhältnisse den Nährboden bieten,

-wenn die westliche Welt, an ihrer Spitze Amerika, obwohl hier fleißig gebetet wird, das Bild einer gottlosen Gesellschaft abgibt und somit zum Feinbild wird,

-wenn unter dem Deckmantel der angeblich wirtschaftlicher Notwendigkeit globale Un-wirtschaft betrieben wird, die nicht nur der nächsten Generation sondern ganzen Erdteilen die Lebensgrundlage nimmt

 

 (Während bisher nur Bodenschätze gestohlen wurden, wird jetzt sogar in Indien die Intelligenz geplündert und per Greencard importiert, statt wirkliche Wirtschaftshilfe zu leisten. Und das Schlimme:  keiner denkt sich Schlechtes dabei.  Die Welt erscheint als lebendiger Un-logos. Dies alles kann auf Dauer nicht funktionieren.)

 

dann zeigen auch alle gesellschaftspolitischen Entwicklungen die Notwendigkeit einer  universellen vernünftigen Erkenntnis.

 

 

  1. Dämonisierung ist kein Mittel gegen den Terror

 

 

Sehr geehrter Herr Koch,

 

in Ihrem Kommentar im evangelischen Kirchenboten haben Sie sich sehr treffend mit dem Problem des Glaubensterrors auseinandergesetzt. Es tut gut Menschen zu treffen, die sich tiefgründiger mit den Problemen auseinandersetzen, als dies selbst die all die ach so intellektuellen Teilnehmer der unzähligen Diskussionsrunden tun, die Tag für Tag die Fernsehprogramme füllen. Von den vielen oberflächlichen kriegspolitischen Kommentatoren ganz zu schweigen.

 

Was in Amerika geschehe ist, war kein willkürlicher Zufall. Es war grausame Antwort auf die westliche Welt, deren Symbole Ziel der Zerstörung waren. Viele Tausend Menschen sind sinnlos getötet worden. (Und im sinnlosen Gegenschlag werden in den nächsten Tage noch weitere Tausende ihr Leben lassen.) Doch dieser Tod wird noch sinnloser, wenn wir weitermachen wie bisher.

 

Nicht allein die derzeitige Dämonisierung der fundamentalistischen Moslems ist ein Fehler. Gefragt ist ein neues Denken, das tiefer sitzt. Doch das muss meines Erachtens von der westlichen Welt ausgehen. Das Böse auf der Welt ist weder allein der irrgeleitete Glaubensfundamentalismus der Moslems, noch der von den islamistischen Fanatikern als das Böse gesehene und angegriffene Irrsinn des Westens, durch dessen Wirtschaftsweise, wie sie schreiben, täglich nicht nur Zehntausende, sondern Hunderttausend sterben.

 

Doch was hilft es, wenn wir nach der Politik rufen, die das Primat der Wirtschaft zurückerlangen soll? Es wäre eine Utopie zu denken, durch staatliche Reglementierungen und Gesetze den Menschen zum vernünftigen Handeln zu bewegen. Sicher, wo kein Geist ist, helfen nur Gesetze. Doch damit ist die Welt nicht mehr zu regieren. Eine soziale Weltmarktordnung, wie Sie sie richtigerweise fordern, funktioniert ebenso wenig wie Küngs dingend notwendiger Weltethos, wenn dieser allein auf menschliche Moralmeinungen, politische Mehrheiten.....gründet.

 

Für viele unserer Mitmenschen ist es gerade angesichts dessen, was im Namen des Glaubens geschah völlig absurd, wenn ich nach dem Glauben rufe, ihn verantwortlich mache für das in Wahrheit unwirtschaftliche Verhalten der Menschen, ebenso wie den Unsinn, der angeblich im Auftrag Allahs passiert.  Doch so wie die Programme dieses Laptop auf ein Betriebssystem aufbauen und gesteuert werden, so braucht auch das menschliche Denken, brauchen politische Programme und ethische Forderungen einen tieferliegenden gemeinsamen Geist. (Sonderbarerweise funktionieren die PCs weltweit nach einem gemeinsamen Betriebssystem, während bei den Personen nicht nur jeder sein persönliches hat, sondern die Meisten meinen, völlig darauf verzichten zu können.)

 

Seit ich im Urchristentum keinen Verein zur Verherrlichung eines Menschen oder zum Aufwärmen des alten Mosesgsetzes sehe, sondern damals im positiven Sinne moderne Denker, die die schöpferische Vernunft, den Logos als Wort Gottes in Menschengestalt zur geistigen Grundlage hatten (Nicht nur eine präexistente, sondern in menschlicher Ausprägung auch historische Gestalt.) bin ich gewiss:

 

Ein vernünftiger Glaube ist heute neu möglich. Nur er kann die Menschen zur Vernunft bringen.  Die Theologie ist gefragt. (Für was bezahl ich eigentlich Kirchensteuer?) Nicht nur den Zeigefinger gegen die wirtschaftliche Unvernunft des Westens oder den Glaubensterror des Islam gilt es zu erheben. Geistiger Fortschritt auf dem Weg zur Wahrnehmung einer universellen schöpferischen Vernunft, das muss das Thema der christlichen Theologie werden. Wer wie ich davon ausgeht, dass  nicht ein charismatischer Wanderprediger oder eine hellenistische Christianisierung der traditionellen Religionstexte am Anfang der christlicher Religion stand, sondern eine Vernunft, die nicht von Menschen ausging, der muss nach einem neuen Verständnis dieses Logos/Gotteswortes rufen.

 

 Auch wenn ich damit im völligen Gegensatz zur heutigen Theologie stehe und man mich als Laien für verrückt halten wird, ich muss meine Gedanken zum Ausdruck bringen.  Die Theologie ist derzeit in einem Denken erstarrt, das nur einen Menschen als historischen Jesus und daneben einen sog. Christus des Glaubens wahrnimmt. Wer davon abweicht und im historischen Jesus das antike Verständnis des Logos als Wort Gottes in Menschengestalt sieht, der kann nicht ernst genommen werden. Denn das passt nicht ins Bild heutiger Hochschullehre, die das Christentum in den puren Gesetzesglauben zurückgeholt hat, im Geschehen der Zeitenwende nicht den Fortschritt eines neuen Paradigmas, sondern nur eine neue Predigt aufgrund der alten jüdischen Texte wahrnimmt. Die Vernunft des eigenen Glaubens, der Logos der christlichen Religion wird so verleugnet. (In zahlreichen Texten, in denen ich mich mit dem heutigen theologischen Verständnis und historischen Realitäten auseinandersetze, versuche ich derzeit dieses Denken zu begründen.)

 

Auch der Kirchenbote bietet mir Ausgabe für Ausgabe Anlass zum Weitedenken. So drückt zum Bespiel Werner Schramm in seiner Andacht - aus aktuellem Anlass über die Kraft des Glaubens – aus, was den christlichen Glaube ausmacht: Der Glaube sei Antwort. Vorher habe Gott gesprochen. Der Glaube komme nach Paulus aus dem Hören (d.h. Verstehen) des Wortes. Doch wenn der ehemaliger Präsident der Evangelischen Kirche der Pfalz denkt, allein die Buchstaben des Evangeliums als die von der Frühkirche sicher sinnvoll ausgewählten theologischen Glaubenzeugnisse seien dieses Wort selbst, dann trennen sich unsere Wege gewaltig. Denn die Antwort, was Wort Gottes in Wirklichkeit ist, gibt der Altpräsident selbst:

Und Gott sprach. Die Schöpfung geschieht durch das Wort Gottes. Jesus ist dieses Wort in menschlicher Gestalt. Warum nur fällt es der Theologie so schwer wahrzunehmen, was sie selbst permanent sagt?

 

Nicht Menschen hörig sein bzw. auf deren Predigten hören und an deren Texte glauben wie dies im Buchstabenglauben des Osten wie Westens geschieht, sondern das schöpferische Wort selbst hören und verstehen. Das müsste meines Erachtens Thema der modernen Theologie sein, die das Evangelium verlangt. Glaube, Gotteswahrnehmung und Erkenntnis seines Willens als vernünftige Offenbarung. Keine Rücknahme der christlichen Religion ins reine Judentum, sondern ein neues christliches Selbstverständnis, das genau dem anfänglichen entspricht, steht an.

 

Die Leserbriefdiskussionen  im Kirchenboten sind beste Beispiele für den derzeitigen Unverstand bei der Beurteilung der Bibel. Mir fehlt die Zeit um alles aufzuzählen, was an geistloser Auslegung einerseits die Bibel zerpflückt und andererseits durch buchstäbliche Betrachtung ins Gegenteil verkehrt. Die Buchstaben sind von Menschen gegeben, der Geist geht von Gott selbst aus. Im Verständnis der schöpferischen Vernunft, wie sie uns die gesamte Naturwissenschaft belegt und von der uns die Bibel berichtet, kann ein universelles Betriebssystem liegen, auf dem die verschiedenen Religionen aufbauen. Auch wenn derzeit durch den traditionellen Glaube, die Hörigkeit gegenüber Traditionstexten und Menschenworten, noch Menschen zu Märtyrern und Massenmördern werden bin sicher: Der Glaube von Morgen wird Gott sei Dank von einem Verständnis der schöpferischen Vernunft selbst ausgehen. 

 

An einem neuen Verständnis dessen, was das Wort Gottes ebenso wie den wanderpredigenden Jesus ausmacht, führt kein Weg vorbei, auch wenn sich die heutige Theologie derzeit noch so sehr bemüht zu behaupten, diesen Weg gäbe es nicht: Der historische Jesus lebt wirklich. Wir müssen ihn bzw. das Wort Gottes nur im heutigen naturwissenschaftlichen Weltverständnis, der heutigen Sprache, neu wahrnehmen.

 

Nicht nur einzelne Texte müssen zeitbedingt gelesen werden, wie dies Pfarrer Jung in der Rechtfertigung gegenüber konserativen  Kirchenbotenlesern betont. Auch das Wort Gottes selbst kann dank unseres Wissens um das vernünftige Werden des gesamten Kosmos neu verstanden werden. Dem Text der Bibel wird dies keinen Abbruch tun. Vielmehr ist für uns, aus der die christlichen Kultur kommend, das neue Verständnis der Bibel erst die Voraussetzung, um das Wort Gottes in der von der Wissenschaft aller Welt in einheitlicher Weise beschriebene Schöpfungswirklichkeit wahrnehmen zu können. Gleichzeitig wird durch die Wahrnehmung eines universellen schöpferischen Wortes der Weg frei für ein tieferes allegorischen Bibelverständnis, das aufhört nach eigene Gutdünken auszulegen, eigene Meinungen über die Texte stellt oder durch Weglassen und Mythologisierung ständig Abbau zu betreiben. Wenn wir in der Bibel – im Alten wie im neuen Testament -  die Beschreibung der Lebens- und Leidensgeschichte des lebendigen schöpferischen Wortes verstehen, das der gesamten Genesis wie der Menschheitsgeschichte sowie der Evolution der Erkenntnis zurunde liegt, werden wir sie auch verstehen, statt sie weiter zu verleugnen und zu entleeren.

 

Es geht keineswegs um eine Einheitsreligion, die den Menschen übergestülpt wird, sondern ein gemeinsames vernünftige Verständnis des in aller Schöpfung offenbaren Gotteswortes, das sich in verschiedenen Kulturen auf unterschiedliche Weise ausdrückt. (Bisher hatte ich die besten  Beschreibungen des Logos in fernöstlichen Lehren, z.B. bei Laotse gefunden. Eine Vortragsreihe des Heinrich Pech Hauses, mit dem Leiter der Mannheimer Moslemgemeinde, der seinen Glauben nicht auf Gesetze oder menschliche Personen gründete, sondern auf die All-macht und All-genwart Gottes in der Schöpfungswirklichkeit des All-tages, hat mich darüber nachdenken lassen, ob die Moslems dem christlichen Logos – dem wirklich lebendigen Jesus - derzeit weit näher stehen als die christliche Theologie, die nur einen jungen Juden und dessen Christianisierung wahrhaben will.)

 

Doch all dies habe ich bereits in anderen Texten viel zu oft gesagt.

 

Auch wenn alles, was ich über ein neues, dem ursprünglichen entsprechendes, christliches Selbstverständnis denke, nicht stimmen sollte, mein mangelndes Wissen und Denkfehler zu falschen Schlüssen führen. Wichtig ist nicht es nicht nur vor einem neuen Feindbild des Islam zu warnen oder auf die Fehlentwicklungen der Welt, die zu blutigem Terror führen hinzuweisen. Eine Weiterentwicklung unseres Geistes tut Not. Hier ist die Theologie gefragt!