Neuentdeckung oder Verdeckung des Christentums

 

 

 

(Ach dieser kurze Text, der sich auf ein Referat von Prof. Biser bezieht,  wartet auf seine Überarbeitung und Fertigstellung)

 

Überlegungen anlässlich eines Referates von Prof. DDr. Eugen Biser, dem sein neu erschienenes Werk „Die Entdeckung des Christentums“ zugrunde lag. Der bekannte Fundamentaltheologe, der oft für ein Denken steht, das nicht unbedingt die offizielle Lehrmeinung ist, sprach sich für eine neues Verständnis eines völlig gewalt- und Angstfreies Christentum aus. Fast alles, was der Verfasser zahlreicher theologischer Bücher von einem neuen Christentum an Verhaltensweisen fordert mag stimmen. Auch ein Großteil seine Glaubensthesen ist zutreffend. Doch sie gründen nicht auf dem, was er selbst als christlich verlangt.

 

Die christliche Offenbarung sei kein Gesetz bzw. Buch, so Biser, sondern Jesus selbst. Doch was er als Lehre Jesus jetzt neu, nicht zuletzt vom heutigen Humanismus eingefärbt interpretiert, baut nur das Buch, nicht das schöpferisch-lebendigen Wort (der Vernunft/Logos) Gottes selbst. Die Neuauslegung alter Texte, auch wenn diese als Aussagen oder Lehren Jesus in den Evangelien und Briefen stehen, macht noch keine Neuentdeckung des Christentums. Vielmehr zeigt sich gerade in der verlangten Neuinterpretation die Beliebigkeit, mit der die Bibeltexte völlig verschieden gelesen werden. So befürchte ich, dass das Verständnis, aus dem heraus die alten Glaubensformulierungen gelesen und  Forderungen an das christliche Verhalten gestellt werden, eher zu einer Verdeckung, christlichen Wesens führen.

 

Eine Neuentdeckung dessen, was das Wesen der Christen ausmacht tut dringend Not. Auch viele Aussagen des engagierten und exzellenten theologischen Denkers, der mit seiner fachlichen und persönlichen Autorität die Zuhörer begeistert, machen dies bewusst. Doch die Überlegungen von Prof. Biser sind ein weiteres Beispiel, warum es dringend notwendig ist, in Jesus mehr zu sehen, als einen besonderen Menschen und somit das in der natürlichen Schöpfung wirksame Wort Gott als lebendiger Logos/Sohn in Menschengestalt neu zu entdecken. Nur in der von einem einzigen Schöpfer ausgehenden Vernunft, nicht allein in einer veränderten Auslegung der alten Verhaltenslehren lassen sich die berechtigten Forderungen von Prof. Biser begründen und erfüllen. Das in den Evangelien beschriebene Wesen Jesus, von dem auch die Briefautoren und Kirchenväter ausgingen, kann heute als präexistentes Wort in menschlicher Person neu verstanden werden.

 

 

Sehr geehrter Herr Prof. DDr. Biser,

 

das Christentum habe die gesellschaftsgestaltende Kraft verloren. Die Säkularisierung hätte das Christentum hinweggefegt, so die Meinung der Moslems, worauf Pater Vivell im Vorwort zu Ihrem Vortrag aus aktuellem Grund hinweist. Zurecht macht er deutlich, dass es notwendig sei, die Kraft bzw. das Wesen des christlichen Glaubens ewig neu zu entdecken.

 

Doch wie kommen wir wirklich zu einer Neuentdeckung? Wenn Sinninstanz und Prägeinstanz des christlichen Glaubens nicht nur von außen, sondern vielmehr von innen bedroht sind, so muss der innerste Kern des Christentums neuentdeckt werden. Nur eine Neuinterpretation der alten Texte mit humanistischer Brille, die von anderen ganz anders gelesen werden und die für die meisten meisten eh nur lächerliche, nicht mehr zeitgemäße Legenden von einem jungen Juden sind, der von seinen Anhängern verherrlicht wurde, macht m.E. noch keine Neuentdeckung des Christentums. Selbst meine Freunde, die die Kirchenkasse verwalten und die auch sonst engagierte Männer sind, wird die Forderung nach dieser Neuentdeckung kalt lassen. Jesus ist für uns alle in Wirklichkeit längst nicht mehr der Glaubensgrund. Meine Freunde werden mich innerlich bemitleiden, wenn ich unter Berufung auf die Worte Jesus eine andere Verhaltensweise fordere.  Sie wissen, dass dies auch heutige Theologen tun würden, die denken, dass es nur neuformulierte alte Texte sind, die wir als Aussagen Jesus lesen. Solange wir nur eine Figur der Zeitgeschichte sehen, hat dieser Jesus nichts mehr zu sagen, wird nur noch als Begründung innerhalb der christlichen Predigt gebraucht.

 

Auch den Schleier des Mythos über die Geschichte hüllen, exegetisches Nachdenken zu verneinen, kann nicht eine  neue Entdeckung sein, sondern führt allenfalls zu einem neuen Verdecken.

 

Augen zu und durch, wie wenn nichts gewesen wäre. Wie wenn wir nicht wüssten, dass die Texte der Evangelien nicht die mitstenografierten Worte eines Wandercharismatikers sind, sondern vieles von dem was die Evangelisten berichten, sich bereits im Alten Testament nachlesen lässt, das kann doch keine Neuentdeckung sein. (Bitte ersparen sie mir weitere angebliche Widersprüchlichkeiten aufzuführen. Denn das alles sollte hinter uns liegen. Wenn wir vom lebendigen Wort ausgehen, das in der bekannten Gestalt erschienen ist, lassen sich viele der offensichtlichen Widersprüche und Unverständlichkeiten, die nicht nur von Atheisten und Christenkritikern vorgeführt werden, sondern aufgrund deren auch die christliche Theologie Abbau der Glaubensgrundsätze betreibt, weitgehend auflösen.)

 

Jesus hätte sich nicht als Licht dargestellt, sondern wäre wirklich das Licht gewesen, hätte die Finsternis überwunden, waren ihre Worte. Wenn wir das begründet glauben wollen, nicht finster, lichtlos, blind für wahr halten, dann müssen wir in Jesus mehr verstehen als einen Sondermenschen, der immer nur als Licht bezeichnet wird.  Die Leuchtkraft liegt im Logos begründet, einer in der Antiken selbstverständlichen und heute neu sichtbaren aller natürlichen Schöpfung innewohnenden Vernunft. Licht und Finsternis lassen sich nicht auf Verhaltenslehren beschränken, einer neuen Auslegung, von einem liebenden und nicht strafenden Gott.... Auslegungen sind beliebig, der Schlüssel zum Licht muss tiefer gesucht werden.Während für viele bei Bin Laden die Finsternis liegt, sehen die fundamentalistischen Moslems in dem entsäkularisierten Westen die Dunkelheit und sich als Licht. Als Verdunkelung sehe ich vielmehr die Gottesvorstellungen der Moslems ebenso wie der westliche Welt. Ein vernünftiger Glaube, der sich nur an Menschen und ihren Worten, ihrer verschiedenen Sichtweise von Vernunft sondern am schöpferischen Wort selbst orientiert, kann Licht bringen. (Hierzu andere Texte:.......)

Licht wird oft von modernen Physikern manchmal mit Bewusstsein verglichen oder gar gleichgesetzt. In der Wahrnehmung eines alle sog. natürliche  Selbstorganisation bewirkenden Geistes, Lichtes, Logos kann ich eine ganz reale Leuchtkraft erkennen, die in der Antike präsent war und auch heute Wegweisend für das menschlich-schöpferische Veralten sein kann und muss. Die menschliche Vernunft, all unser Wissen ist dabei nicht selbst das Licht, sondern nur ein kleiner Abglanz des Lichtes, von dem alles SEIN ausgeht. Unser Bewusst-sein ist dann nur ein Mittel, um SEIN schöpferisches Wirken wahrzunehmen, wie wir es heute in empirischer Wissenschaft tun.

 

Sie werden verstehen, dass ich von der Lebensleistung Jesus eine ganz andere Sichtweise habe als nur eine neue Verhaltenslehre bzw. der frohen Botschaft eines besonders begabten jungen Juden, wie er an heutigen Hochschulen als der historische Jesus gesehen wird. In diesem Sinne kann neu verstanden werden: Die Geschichtsgestalt Jesus hat es gegeben. Es war das in der Antike lebendige schöpferische Wort in Menschengestalt. Er hat, wie von ihnen ausgeführt, auf dem Boden des Judentums eine neue großartige Innovation gegründet. Er war und ist wirklich das Wort Gottes, von dem all die bekannten Lehren und die Explosion der vielen theologischen Texte ausging, die wir teilweise erst heute neu erschließen.

 

Gegenüber den Kritikern des Christentums kann argumentiert werden, dass es letztlich dieses Wort war, das all unser Wissen und unseren Wohlstand bewirkte. Doch erst müssen wir selbst begreifen, um was es bei dem unserem Glauben zugrunde liegenden Wesen wirklich geht. Gegenüber der von ihnen angegriffenen derzeitigen Theologie, die im Christentum nur ein Aufwärmen des Judentums sieht, kann nicht nur mit einer Neuauslegung argumentiert werden. Wäre Jesus nur ein antiker Che Guevara gewesen, so ist die Denkweise der heutigen Theologie nachvollziehbar. Nur ein neue Verhaltenslehren, die so neu dann auch wieder nicht sind und nur weil’s die Verfasser des Neuen Testamentes so geschrieben haben, ist noch kein neuer Glaubensgrund. Ein neues, von jüdischen Monotheismus ausgehende Gottesverständnis lässt sich vernünftig begründen, wenn wir der Realität der Geistesgeschichte ins Auge schauen. Auch das Verhältnis der verschiedenen Offenbarungsreligionen zueinander, kann vom lebendigen Wort als eigentliche Gottesoffenbarung der Juden, Moslems und Christen ausgehend. neu bestimmt werden. (Aufgrund einer Darlegung des Gottesverständnisses im Islam und Christentum durch Theologen der beiden Seiten habe ich unlängst überlegt, ob der auf die reale Allmacht des einen Schöpfers gründende Islam nicht christlicher ist, als der allein aus Katechismen und Kanon abgeleiteten sog. christlichen Glauben. Was auf beiden Seiten oft daraus gemacht wird, steht auf einem anderen Blatt, das die Menschen schreiben.)

 

Das Neuheitserlebnis, welches dem Christentum wie Sie sagen derzeit entzogen ist, kann weder nur in einem antiken Prediger, noch eine  Umkehr der Verhaltenspredigt begründet werden. Es ist die Wahrnehmung des lebendigen Wortes in einer der damaligen Zeit verständlichen Gestalt, die ein neues Erlebnis des göttlichen Seins ausmacht. Die Väter unseres Glaubens wurden nicht durch irgendjemand überredet und nicht wie sie vom Islam sagen, mit Gewalt zum Glauben gebracht. Der Zwang zum Glauben, die Bestimmung der Religion durch die Obrigkeit, was geschichtliche Realität des Christentum ist, kam m.E. erst nachdem das Verständnis verschwunden war. Das Urchristentum ist nicht durch eine schwärmerische Rhetorik entstanden, wie sie heute nur noch alte Frauen begeistert und durch die sich seichtgläubige Amerikaner von wortgewaltigen Fernsehpredigern evangelisieren, lassen sondern ein vernünftiges Verständnis des schöpferischen Wortes.

 

Jesus sei gestorben, um seinen Gott zu beiweisen, so ihre Aussage. Aber auf was gründen sie diese? Auch die Moslems, die am 11. September Tausende von Menschen in den Tod mitgerissen haben, würden das von sich sagen. Wäre Jesus nur ein menschlicher Märtyrer gewesen, wie sollte der Tod eines Wanderradikalen Gott beweisen. Doch der Logos, das neue vernünftige Verständnis des schöpferischen Wortes als Mensch musste wirklich sterben, damit es heute zu neuem Leben erwachen kann. Es ist der logische Lauf der Evolution, einer sinnvollen Entwicklung der Erkenntnis, der sich auch das sich damit selbst treu bleibende schöpferische Wort, der Sohn Gottes unterstellt. Oder anders: In diesem Evolutionsverlauf beweist sich die Vernunft Gottes.

 

Meinen Ärger, der mich bei Ihrem Vortrag manchmal überkam, will ich nicht verhehlen. Sind heute Christen nur noch Aber-gläubige, die das Wort Gottes nicht verstehen, sich durch eine menschliche Autoritäten und Rhetorik aber trotzdem begeistern lassen? Ärger auch aufgrund der Beliebigkeit heutiger Glaubensaussagen. Während Sie Jesus als die Gewaltlosigkeit in Person benennen, beruft sich der amerikanische Präsident auf seinen Glauben, wenn er unsinnigerweise einen Vernichtungskampf beginnt, der meist unschuldige Menschen, nicht aber die Unvernunft des Glaubens ausmerzt. Ein menschlicher Jesus, dessen Lehren mehr zeitbedingt hinein als aus den Texten herausgelesen werden, bleibt der Beliebigkeit überlassen. Auf ihn beriefen sich die Ketzer ebenso wie deren Gegner, die Kreuzritter und weitere Massenmörder ebenso wie Sie, wenn sie nach Gewaltlosigkeit rufen. Auch wenn ich die von Ihnen sehr geehrter Herr Professor Biser getroffenen Auslegungen und das Gottesverständnis teile, so zeigt sich mir doch, wie beliebig wir das Wort Gottes drehen und wenden, wenn wir nur die Bibel in der Hand halten, nicht das in der schöpferischen Vernunft wirksame und sinngebende Wort, das uns zur Verant-wortung ruft.

 

Sie haben auf das 2. Vatikanische Konzil hingewiesen, das nochmals die Bedeutung Jesus betonte, wie sie auch neuerdings durch Kardinal Ratzinger in „Dominus Jesus“ geschehen. Die Gottesoffenbarung der Christen sei kein Text wie Thora oder Koran, sondern Jesus selbst. Doch diese Offenbarung sind nicht die Worte eines Wanderpredigers oder was diesem in den Mund gelegt wurde. Jesus selbst ist endlich als das lebendige Wort zu verstehen. Gott machte uns Jesus zum Geschenk, sagten sie. Wie wahr: Jesus ist das Präsent sein Gottes in seiner Schöpfung. Seine sichtbare Vernunft. Das ist das Weihnachtsgeschenk bzw. –präsent. Der Schöpfer präsentiert uns in der Schöpfung seine Vernunft, die wir verstehen dürfen und müssen.

 

Selbst in der von Ihnen angeführten Beliebigkeit der endgültig vermenschlichten Jesusbilder, die nach dem vatikanischen Konzil ihren Lauf nahmen, liegt ein Fortschritt. Auch wenn es auf den ersten Blick oft törichte Storys über das Leben Jesus sind, die sich in der modernen Literatur finden, so folgt doch dieser Beliebigkeit eine Denkfreiheit auf den Fuß, die zu dem führen kann, was so dringend Notwendig ist: Neuentdeckung des Christentums. Die heute gegebene Denkfreiheit ist die Voraussetzung zu einer Neuentdeckung des christlichen Wesens, die weit über bisherige Vorstellungen hinausgeht.

 

 

(Noch unfertig)