Rückkehr ins „gelobte Land“
Die Weisheit des Alten Testamentes als Wegweiser zu einer neuen Gotteswahrnehmung
-Wie in der Krise des Judentums nach einem neuen Glauben gerufen wurde.
-Wie die jüdische Weisheit eine Fortentwicklung des Glaubens beschrieb und forderte.
-Wie das Alte Testament uns den Weg aus der Katastrophe des christlichen Glaubens zeigt.
-Warum das Neuverständnis des Gotteswortes in der Gestalt Jesus (und kein Wanderprediger oder dessen Christianisierung) die Erfüllung alttestamentlicher Hoffnungen war.
-Warum auch heute eine Umkehr in der Gotteswahrnehmung der Weg aus der Krise ist.
-Wie das Wissen um die
Bedeutung biblischer Bilder uns hierbei
helfen kann und warum alle Exegeten
aufgefordert sind, ihr Wissen in eine allegorische Auslegung einzubringen.
Überlegungen, die von einer Veranstaltung im Bibelhaus Neustadt zum Thema
„Der 11. September und der biblische Umgang mit Katastrophen“ ausgehen. Der Referent, Karl Börner, ehemaliger Vorsitzender des Pfälzischen Bibelvereines und profunder Kenner der Heiligen Schrift beleuchtete dabei mit großem Sachverstand einen Text aus dem ersten Buch der Könige, der in der Krise des Judentums entstand und Wegweisend für uns heute sein könnte.
Wenn die hierbei getroffene Auslegung eines für das Alte Testament typischen Textes der Exilszeit zutrifft, dann ist nicht nur nachvollziehbar, wie sich das Neue Testament entwickelt hat, sondern auch was heute für eine Erneuerung des Glaubens notwendig wäre.
Sehr geehrter Herr Börner,
an alle bibelkundigen Theologen,
bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie direkt anspreche. Doch meine Argumentation bezieht sich weniger direkt auf den Text des Alten Testamentes, als auf Ihre Auslegung der dort gemachten Aussagen. Auch wenn dies möglicherweise nicht Ihre Absicht war, so haben Sie mit Ihrer Analyse des Alten Testamentes genau die Problematik unseres heutigen Glaubens angesprochen. Sie haben so den Weg aufgezeigt, wie die christliche Religion wieder zu einer die weltliche Vernunft mitgestaltenden Kraft werden und somit zur Bewältigung der Krisen bzw. Verhinderung von Kriegen und Katastrophen beitragen kann.
Möglicherweise strapazieren wir den unserer Betrachtung zugrunde liegenden Bibeltext des Alten Testamentes allzu sehr, laufen Gefahr eigene Vorstellungen hineinzuinterpretieren. Doch auch wenn die heutige Auslegung möglicherweise über den damals beabsichtigten Inhalt des Salomotextes hinausgehen, die Verfasser nicht von den gleichen Gedanken ausgingen, wie wir bei unserer Auslegung, so scheint es sich doch um eine ewige Weisheit zu handeln, die letztlich in jedem Lehrbuch eines gute Verhaltenstrainers bzw. Unternehmensberaters von heute stehen könnte. (Wahrscheinlich würde der sich in seiner Einleitung auf einen griechischen Philosophen berufen. Doch dies zeigt uns wieder, wie jüdische Weisheit, philosophische Lehren wie z.B. der Stoa und Neues Testament eng zusammenhängen. Es sind Umsetzungen einer Lebenslogik – Ausformungen des Logos - die jeder Problembewältigung oder evolutionärem Fortschritt der Erkenntnis zugrunde liegen. Sie sind Voraussetzungen für einen Fortschritt in der Erkenntnis.)
Auch wenn Sie mich dazu aufriefen, die Aussage vor allem als Aufforderung zur rein persönlichen Umkehr zu sehen, so will ich doch nicht davon ablassen, die von Ihnen getroffene Auslegung des Alten Testamentes auf die heutige Glaubenssituation zu beziehen. Bitte verzeihen Sie, dass ich mit Ihren Aussagen meine glaubenskritischen Thesen begründen und ein Neuverständnis des christlichen Wesens verlangen will. Doch meine Überlegungen sind nicht gegen den christlichen Glauben gerichtet, sondern wollen diesem nur einen neuen Grund geben.
Dahinter steht keinesfalls die Absicht, die eigene Verantwortung an das Kollektiv abgeben, sich hinter allgemeinen Problemen verstecken zu wollen, wie dies sicher oft getan wird. Vielmehr sehe ich in einer Erneuerung unseres Gottesverständnisses die Voraussetzung für ein vernünftiges Miteinander.
Doch auch bei der Erneuerung des christlichen Glaubens können wir nicht die Verantwortung nach oben abschieben, sondern muss, wie Sie sagen, der Einzelne seinen Anteil leisten. Bitte entschuldigen sie, dass ich als Laie mir Anmaße, Sie und gleichzeitig andere in der Auslegung der Bibel kompetenten Theologen aufzufordern, ihren Beitrag einzubringen. Doch das enorme Wissen über die aus der Bibel sprechende Weisheit, die neue Erkenntnis über das wahre Wesen der einzelnen Texte, die ich immer wieder bei Ihnen und Ihren Kollegen bewundere, lässt mich nicht ruhen. Durch dieses Wissen könnten wir der christlichen Religion einen neuen universalen vernünftigen Grund geben.
Ausgehend von der Katastrophe am 11. September, bei der vom Gottesglauben oder dessen menschlicher Umformung verblende junge Moslems im Hass gegen die westliche Welt das Leben vieler Tausend Menschen auslöschten, die gesamte Welt in Angst und Schrecken versetzten und gleichzeitige eine Folge weiterer unsinniger Gewalt auslösten, hatten wir beim Gesprächsabend in Neustadt die Bibel um Rat zur Bewältigung gefragt.
Weniger von der Bibel ausgehend, sondern die heutige geistige Situation, in der der Glaube zur Unvernunft geworden ist, versuchend zu analysieren, habe mich ich kurz nach dem schrecklichen Ereignis mit der Frage nach Lösungen beschäftigt. In einem aus der damaligen Situation heraus geschriebenen Text über „Die Verantwortung der Theologie“ für den Terror der Welt, habe ich die christliche Theologie zur Umkehr im Verständnis des Gotteswortes bzw. des christlichen Wesens und zur Wahrnehmung ihrer Verantwortung aufgefordert. Durch Ihre Auslegung des Alten Testamentes haben Sie meine dort getroffenen Aussagen bestätigt:
-Weder Schuldzuweisungen an die verblendeten Moslems und Juden, noch eine sinnentleerte und sich im puren, allein auf den Selbstzweck gestellte, somit fehlentwickelnde westliche Welt, bringen uns weiter.
-Nicht eine selbstbemitleidende Sündenbockfunktion löst die Probleme, sondern nur eine nüchterne Analyse des Denkens, das vor allem kollektiven und individuellen Tun steht.
-Nur eine grundlegende Änderung des eigenen Denkens, eine geistige Umkehr kann aus der Krise der christlichen Kirche und somit gleichzeitig zu einem weltweiten Glaubens-Fortschritt führen, statt sich im Namen Gottes weiter zu bekämpfen.
-Nicht die Rückkehr zu alten Denkmustern kann dieser Fortschritt sein, sondern ein an alte Denkweisen anknüpfende bzw. auf diese aufbauende neue Veständnis ist gefragt.
-Aufklärerisches Denken allein schafft noch keinen geistigen Fortschritt, sondern eine Aufklärung, die sich als Gabe Gottes versteht und uns so den unsichtbaren Erzeuger und Erhalter des Alles, den Vater neu erkennen lässt.
-Die Geschichte Gottes lässt sich nicht zurückdrehen, sondern geht weiter. Das Vertrauen auf die ewig andauernde Genesis, das permanent gesprochene Wort als ewige Offenbarung Gottes lässt uns neu verstehen.
1. Das Alte Testament neu beleuchten
Wie so oft, ist mir auch durch Ihre Ausführungen wieder bewusst geworden, welch großartige Weisheit doch den alttestamentlichen Aussagen zugrunde liegen. Dank umfangreicher Erkenntnisse ist die moderne christliche Theologie in der Lage, ein Verständnis zu entwickeln, das weit über die Betrachtung einer banalen Geschichtsschreibung oder willkürlichen Mythensammlungen hinausgeht. Ohne das bei Ihnen vorhandene exegetische Wissen würden wir z.B. über den heute zu betrachtenden Text hinweggehen, ohne seine ewige Logik zu erkennen, nur einen frommen Mythos aus der Königszeit lesen. Aber um den Logos zu erfassen, der in der Person Jesus zu uns spricht, erscheint es notwendig, die Vernunft zu erkennen, die bereits dem Alten Testament zugrunde liegt.
Als einen Kerntext, der in der Krise des hebräischen Glaubens entstand, haben Sie beispielhaft 1. Könige 8.46-53 betrachtet. Dieser Text würde stellvertretend für viele andere Aussagen des Alten Testamentes stehen, die in ähnlicher Weise eine Anfrage oder Anklage an die eigene Anschauung sind. Weitere Beispiele dafür sind die Propheten. Auch sie wenden sich nicht an die schuldigen Anderen oder wollen nur das Alte wieder herstellen, sondern rufen nach eigener religiöser Erneuerung, prophezeien sie bzw. warnen vor den Folgen einer Fehlenwicklung.
Bereits die Frage nach dem Verfasser des Königstextes zeigt, wie unser Bibelverständnis gewachsen ist. Keiner der modernen Theologen geht davon aus, dass König Salomo selbst zur Feder gegriffen hat. Wir halten es für selbstverständlich, dass biblische Texte im Namen der Verfasser geschrieben wurde, auch wenn wir hinter den genannten Personen meist nur zeitgeschichtliche Menschen vermuten. Würde nicht der Blick erweitert, wenn wir als eigentliche Verfasser nicht Menschen, sondern jeweils einen bestimmten Zeitgeist betrachten würden? Dass die Texte nicht vom Himmel gefallen sind, sondern von einzelnen Menschen verfasst wurden, ist klar. Doch um die geht es nicht, sondern den Geist, der dahinter steht. Je mehr wir uns an die Person eines menschlichen Verfassern klammern, desto weniger verstehen wir das Wesen-tliche, um das es geht. Und ich bin sicher, dies betrifft nicht nur das Alte Testament, sondern mehr noch das Neue, wo die moderne Theologie mühselig versucht in Paulus und Pseudo zu trennen.
Zeigt uns nicht hier auch die Bezeichnung „Könige“ was hinter dem heute zu betrachtenden Text steht? Ihr Hinweis auf Salomo lässt mich vermuten: Auch dieser Text wurde nicht einem König in den Mund gelegt, sondern ging von der jüdisch-hebräischen Weisheit aus. Je mehr Sie den geistigen Grund der alten Texte bewusst machen und ich die Zusammenhänge sehe, desto mehr bin ich davon überzeugt, bereits in Babylon ist eine schöpferische Weisheit geboren, die als Wiege späteren christlichen Glaubens gesehen werden kann. (Was später, selbst von Pilatus – bzw. den Römern - als wahrer „König der Juden“ verstanden wurde, hat mit Sicherheit auch hier gesprochen, nach seiner Wahrnehmung gerufen: das Wort/Logos oder jüdisch, die Weisheit Gottes.)
Auch ist zu erkennen, dass die Texte keine schnell geschriebene Moralpredigt sind oder eine Art religiöse Märchensammlung, sondern sich mit realen Situationen auseinander setzen. Wir gehen von einem über viele Jahre andauernden Denkprozess aus, der in den einzelnen Texten zum Ausdruck kommt. Und indem die zeitliche Verfassung immer näher ans Neue Testament heranreicht, wird nicht nur der chronologische Zusammenhang immer deutlicher, sondern ebenso die inhaltliche Auseinandersetzung. Was in Babylon als Problemlösung gefordert und erwartet wurde, war in Jesus erfüllt. (Wer allerdings jetzt nur einen besonders begnadeten Wanderprediger vor Augen hat, der später vergöttert, hellenisiert, christianisiert... wurde, der kann den in Babylon gefangenen Hebräern nicht helfen. Der sperrt sich selbst ein bzw. bleibt in dem Denken gefangen, das in Babylon beklagt wurde. Denn wäre nur das gewesen, was an heutigen Hochschulen vom historischen Jesus gelehrt wird, dann wäre in Ihm nicht der geistige Fortschritt, den ich in einer neuen Wahrnehmung des schöpferischen Wortes sehe und der Problemlösung der antiken Sprachverwirrung war.)
Wo liegt eigentlich Babylon? Oder vielmehr aus welcher Situation heraus hat jüdische Weisheit diese Betrachtung und Anklage an den eigenen Glauben verfasst? Je weiter wir uns von einer rein geografischen Betrachtung befreien, desto besser verstehen wir die Bedeutung, die im geografischen Bild treffend beschrieben wird.
Auch wenn ich inzwischen fast sicher bin, dass z.B. der Auszug aus Ägypten als Wesensbestandteil des Alten Testamentes keine Volksbefreiung, sondern die Loslösung des hebräischen Gottesverständnis von u.A. ägyptischer Pharaonenverherrlichung beschreibt, will ich nicht behaupten, dass auch die babylonische Gefangenschaft so zu verstehen wäre. Doch bevor die Geschichtsforschung, wie im Fall des Auszuges aus Ägypten nachweist, dass alles nur ein Märchen, reine Moralpredigt, nicht gewesen sei, unwahr, Legende, Selbstverherrlichungsrede... will ich auch beim Königstext nach der über die Geografie hinausgehende Ortsangabe fragen. Es versteht sich von selbst, dass Sie als Kenner der geistigen Hintergründe das weit besser könnten. Ich kann nur einige Dinge aus dem von Ihnen Gehörten zusammentragen und so einen Sinn/Logos versuchen zu sehen, der uns auch heute aus der babylonischen Gefangenschaft befreien könnte.
Seit Kindheit Babylon mit der heil-losen Sprachverwirrung selbst-herr-licher Menschen in Verbindung bringend, werde ich den Verdacht nicht los: genau dort waren die Juden damals gefangen. Die geistige Situation, nicht eine rein geografische Verschleppung steht bei meiner Betrachtung im Vordergrund. Auch das Gottesvolk ist bei dieser Leseweise nicht einfach mit einem bestimmten Stamm gleichzusetzen, sondern betrifft vielmehr das Volk, das zuvor Gottes Wort verstanden hatte. Dieses einheitliche Verständnis des einen Gotteswortes, das bei Abraham bzw. den Hebräern herauszuhören ist, war nicht mehr vorhanden. Man lebte in Babylon, war verschleppt in ein fremdes Land bzw. ein dem monotheistischen Gott fernes Denken, in dem für den einen tatsächlichen Schöpfergott kein Platz war. Von dieser Situation ging der heute zu lesende Text aus.
Ich höre Ihre Ausführungen über das mit Sicherheit historische Geschehen (auch wenn der Wesenskern die Geistesgeschichte ist), die Deportation der geistigen Oberschicht aus dem gelobten Land. Nur das einfache Volk sei zurückgelassen worden. Und schriebe auf mein Blatt: Auch heute sei die Intelligenz in Babylon, einer heil-losen Sprachverwirrung gefangen, könne sie das Wort Gottes nicht einheitlich verstehen, weil jeder Wissensbereich seine Sprache spricht. Nur der einfache Glaube sei noch im gelobten Land geblieben, auch wenn dem langsam das Licht ausgeht. Der intellektuelle Monotheismus lebt in der Diaspora eines wissenschaftlichen Weltbildes, in dem Gott nicht vorkommt, sein schöpferisches Wort nicht verstanden, sondern nur im Buch/Gesetz nachgelesen wird, somit jeder eine andere Sprache spricht. Das gelobte Land, aus dem die geistige Elite vertrieben wurde, war und ist nicht geografisch zu verstehen. Doch wenn wir das wissen, warum schreien wir nicht, wenn im Nahem Osten blutig um Land gestritten wird? Warum machen wir uns nicht auf den Weg ins gelobte Land, einem neuen gemeinsamen Verständnis der Gotteswortes, das vom Verstand getragen wird?
Sabbat und Beschneidung waren noch die einzige Erkennungszeichen von Israeliten der Exilszeit, die sie von Babyloniern abgrenzten. Und ich frage mich, ob nicht auch heute der christliche Glaube sich nur noch auf Äußerlichkeiten beschränkt? Fehlt uns nicht auch das Verständnis, das uns zu Israeliten machen sollte? Verstehen wir noch das lebendige Wort, nehmen wir es in der Wirklichkeit allen geschichtlichen bzw. schöpferischen Werdens wahr? Während sich die Israeliten damals gegen Sternekult und babylonischen Mysterien wehren mussten, sehe ich uns der puren Naturverherrlichung einerseits, einem nur die Gesetzte der Materie erkennende weltlich-wissenschaftlichen Kult und andererseits religiöser Mysterienverherrlichung ausgeliefert.
Deuteronom, „das andere/zweite Gesetz“ habe ich mitgeschrieben. Demnach hat es sich bei den Deuternomen - die wie wir wissen, den Monotheismus neu begründet oder gar erst richtig erkannten bzw. artikulierten – um ein neues Verständnis des alten Gesetzes gehandelt haben. Und ich werde den Verdacht nicht los, dass dies eng mit der Neubegründung eines vernünftigen Monotheismus zusammenhängt, der nicht nur aus vorhergegangenen Kulten zusammengewürfelt wurde, wie oft angenommen wird. Aus der jüdischen Weisheit, ebenso wie aus Psalmen und Propheten ist ein neues Verständnis des Schöpfungswortes Gottes herauszuhören. Im Unverstand dieses Wortes haben die Denker damals die Ursache für den Gefangenschaft in Babylon bzw. ihrer Probleme gesehen. Der zu den Deuteronomen zählende Jesaja (Neubegründung des Monotheismus) und ebenso die Psalmen und sonstigen Propheten und Weisheitslehrer sind nicht zufällig im Neuen Testament zitiert, sprechen in Jesus oder liegen den erzählten Geschehnissen zugrunde. Auch dort wurde nicht nur das Alte aufgewärmt, sondern neu verstanden. (Doch dies ist Thema anderer Texte.)
Im Gegensatz zu den Assyrern hätten die Babylonier die Juden nicht getrennt und in allen Teilen ihres Reiches eingesetzt, sondern sie in Babylon beisammen gelassen, so dass noch Hoffnung auf gemeinsame Rückkehr ins gelobte Land blieb. Sie werden verstehen, dass ich das gelobte Land nicht auf der Landkarte suche, sondern vielmehr einen Irrsinn darin sehe, mit Waffen um etwas zu kämpfen, was nur durch ein neues Denken herbeizuführen wäre. Und nach all Ihren Ausführungen bin ich sicher, dass ich hier mit den Verfassern des Alten Testamentes einig bin, weder Abraham, Moses noch die jüdische Weisheit bei ihrer Suche und Hoffnung nur einen geografischen Punkt vor Augen hatten.
Das Blutvergießen der Vergangenheit um das gelobte Land war vergebens, wenn wir heute nicht neu danach suchen. Auch das heutige sich im Nahen Osten wütenden Krieg um das „gelobte Land“, in dem täglich Menschen sterben, junge Märtyrer die nach Vergeltung rufenden Juden mit in den Tod reisen und gleichzeitig den Weltfrieden gefährden fordert zu einem Neuverständnis auf.
Sind jetzt nicht die modernen Exegeten gefragt? Müssten
nicht alle Alttestamentler aufschreien und mitteilen, dass das weder das
gelobte Land, nach dem die Alten suchten, noch ein neues, wahres Jerusalem auf
der Landkarte zu finden ist?
Und müssten nicht gleichzeitig alle Neutestamentler nachweisen, dass das gelobte Land in Jesus, dem neuen Verständnis des ewigen Gotteswortes in Menschengestalt schon geschehen ist?
(Wenn wir ernst
nehmen würden, was wir in unseren Glaubenslehren von Jesus verkünden, wäre ein
Aufschrei die Konsequenz. Da nichts geschieht ist davon auszugehen, dass nicht
wirklich glaubt wird, alles nur theologische Lippenbekenntnisse, blutleere
Kirchenlehren sind.)
Was nützt es, wenn wir uns in den täglichen Nachrichten nur das sinnlose Blutvergießen betrachten und mit dem Finger auf Juden und Moslems zeigen, wenn wir weiter machen wie bisher? Wie wenn uns Gott den Geist für ein fortgeschrittenes, erweiterten Verständnisses der alten Texte umsonst gegeben hätte. Soll das unser Dank an den sein, der uns den Verstand gegeben hat? Das wäre ein sinnloses Gebet! Weder die verblendeten Kriegstreiber auf beiden Seiten noch den Schöpfer –was die weitere Konsequenz unseres überkommenen heutigen Welt- bzw. Gottesbildes wäre - können wir für das verantwortlich machen, was in seinem Namen an Unheil geschieht. Wie Theologie der christlichen Welt ist am Drücker. Nicht das Licht ausschalten, die alten Glaubenswahrheiten abbauen, sondern neu begründen.
Wir sind
gefordert - mit der Gabe seines Wortes weiterzudenken.
Doch ich habe ganz vergessen wo wir stehen geblieben sind: in Babylon wo der monotheistische Verstand gefangen gehalten wird, wo die Könige zu Gott um Vergebung und Beistand zur Befreiung beten. Ich will daher zum Alten Testament zurückkehren.
2.
Erkenntnisse aus dem Alten Testament für unsere
Erneuerung
Überlegungen zu 1. König 8,46-53, die sich nicht mit der Betrachtung einer Moralpredigt zufrieden geben, sondern versuchen, die an den eigenen Glauben gerichtete Selbstkritik als Umkehr zu einem neuen Gottesverständnis zu verstehen, das dem heutigen wissenschaftlichen Weltbild entspricht.
(46)Wenn sie an dir sündig werden
Vom Glaube abfallen, geistig vom Schöpfer getrennt sind, nur nach eigener Vernunft versuchen auszulegen und zu leben, nicht nach einer allumfassenden von Gott Vater ausgehenden bzw. diesen als solchen erkennenden.
-denn es gibt keinen Menschen, der nicht sündig wird
Es scheint zum menschlichen Wesen zu gehören, bereits von den Königen als notwendiger und zur Entwicklung gehörender ewiger Weg gesehen worden zu sein, dass die Menschen immer wieder von der Erkenntnis Gottes abfallen.
und du zürnst ihnen und gibst sie dahin ihren Feinden, fern und nahe,
Auch dies beschreibt keinen Rachegott im banalen Sinn, sondern eine logische Folge geistiger Verdunkelung. Doch der wahre Feind ist kein fremdes Volk in der Ferne, sondern der Unverstand und die daraus folgende Unvernunft, die auch uns gefangen hält. Den Text ernst und wörtlich nehmen ist weit mehr als ein rein historische Situationsbeschreibung. Die geistesgeschichtliche Realität kann im Kontext unseres Wissen um die historische Situation nachvollzogen werden.
(47)und sie nehmen es sich zu Herzen im Lande, in dem sie
gefangen sind und kehren um und flehen zu dir im Lande im Lande ihrer
Gefangenschaft und sprechen: „Wir haben gesündigt und übel getan und sind
gottlos gewesen.
Ist es nicht auch für uns
Christen höchste Zeit zur Selbstkritik? Bezog sich die Kritik der im Text
sprechenden königlichen Weisheit nur auf die Verhaltensweisen ihrer
Zeitgenossen im Alltag oder auf die Gotteswahrnehmung, war quasi die Theologie
das Thema? Sind nur die Menschen des Alltages gottlos geworden, die Anderen,
die Atheisten? Oder sitzt das Problem tiefer? Fehlt nicht dem gesamten
christlichen Glauben das Verständnis des Schöpfers? Haben wir nicht den
Verstand abgegeben und beschränken uns auf das Lesen und die Auslegung der
Bibel?
Wo ist bei uns eine Umkehr
zu erkennen? Unser Verständnis von einem einzigen Schöpfer scheint gefangen,
wir leben in einem wissenschaftlichen Weltbild, in dem Gott nicht vorkommt.
Aber genau darum ist bei uns eine Umkehr notwenig geworden. Nicht die
Aufklärung, die Naturwissenschaft sind das Problem, sondern von uns selbst, vom
christlichen Glauben wird eine Umkehr des Denkens gefordert.
(48)und sie kehren um zu dir von ganzem Herzen und von
ganzer Seele in dem Lande ihrer Feinde, die sie weggeführt haben, und beten zu
dir, nach dem Lande gewandt, das du ihren Vätern gegeben hast und nach der
Stadt, die du erwählet hast und nach dem Hause hin, das ich deine Namen gebaut
habe,
Der Verfasser, der am Ende
Gott um Beistand bittet, hofft auf eine geistige Umkehr im fremden, feindlichen
Land, die voll und ganz gedacht und gelebt wird. Er geht davon aus, dass der
Gott der Väter für den neuen Glauben um Hilfe gebeten wird. Wie können wir
weiter denken, den Verfassern hätten mit dem gelobten Land der Väter nur eine
geografische Landschaft vor Augen, mit der Stadt nur die Ortschaft Jerusalem
und den Tempel aus Stein?
Dann wäre unser
christlicher Glaube nur ein Mythos. Die Verfasser der neutestamentlichen Texte
müssten dann Alpträume gehabt haben, wenn in sie in Jesus die jüdische
Problemlösung, die Erfüllung alttestamentlicher Hoffnungen sahen. Wer jedoch in
Jesus nur einen hochstilisierten Wanderprediger sieht, wer geübt ist Predigen
zu schreiben, wie wenn etwas wäre, obwohl er nichts greifbares in der Hand
hält, der geht davon aus, dass auch damals die Neutestamentler nur fromme Reden
schwangen. Doch ich bin sicher, die
Verfasser des Neuen Testamentes haben im Neuverstand des lebendigen Wortes die
Lösung des im Königstext beschriebenen Problems gesehen. Für sie war das
Schöpfungshandeln des einen Gottes neue Realität, dank griechischen Denkens
vernünftige nachvollziehbar. Und um mit Herz und Seele, anknüpfend an das alte
Verständnis bzw. zum Land der Väter gewandt das Wort Gottes neu wahrzunehmen
war die menschliche Gestaltgebung notwendig. Nur in der uns bekannten Gestalt
eines Menschen wurde das Wort zum Messias. Dies gilt es neu zu verstehen.
Nicht Selbstherrlichkeit,
Selbsterlösung war damals das Thema, sondern die Erlösung durch den von Gott
gesandten Sohn. Das Wort Gottes wurde gerufen um neues Recht zu schaffen. Doch
wer darin nur einen Hoheitstitel zur hellenistischen Einfärbung oder
Hochstilisierung unseres Religionsgründers und nicht den wahren Grund
christlicher Religion sieht, wird diese Überlegungen nicht verstehen. (Auch
alle Streit um die Rechtfertigungslehre bleibt dann eine rein dogmatische
Auseinandersetzung.)
Im weiteren Text spricht
der Beter mit Gott, bittet ihn, das ursprünglich erwählte Volk nicht fallen zu
lassen, ruft um Vergebung. Doch als Christ habe ich dabei keinen bestimmten
Volksstamm vor Augen, der sich falsch verhalten hätte und jetzt Gott um
Vergebung bittet. In Jesus ist das uns heute abhanden gekommene Verständnis des
Gotteswortes der ganzen Welt zuteil geworden. Darum geht es. Dieses Wort wäre
mit den Verstandesgaben Gottes neu zu verstehen.
3.
Konsequenzen für
unsere Kirche
Auch wenn Sie meine
allegorischen Ausdeutungen der alttestamentlichen Texte nicht mittragen, so
sollten doch Ihre eigenen Auslegungen zum Text Anlass für Konsequenzen sein,
die unser heutiges Gottesverständnis betreffen. Denn wenn die beim Gespräch zum
Königstext gemachten Aussagen für unser Verhalten im Alltag zutreffen, dann
müssen sie ebenso für die Kirche, unser heutiges theologisches Denken maßgebend
sein. Denn, dass die Kirche in einer Krise lebt kann keiner verleugnen, braucht
mit Sicherheit nicht weiter ausgeführt zu werden. Erlauben Sie daher dass ich
Ihre Kernsätze aufgreife, um über unseren Glauben und dessen notwendige
Erneuerung nachzudenken.
1. Zeiten der Krise sind Zeiten, in denen häufig Schuldige gesucht werden und meist bei anderen gefunden., Schuldzuweisungen getätigt, „Sündenböcke“ produziert, Verantwortlichkeiten abgewälzt werden. Notfalls muss auch Gott herhalten, dessen Aufgabe es doch angeblich ist, alles Unheil abzuwenden. „Wie kann Gott das zulassen?“ Auch wer in zwanghaft zerstörerischer Weise immer für alles und jedes sich selbst schuldig spricht, kommt nicht weiter.
Im Osten waren es die
Kommunisten, die den Glauben verhinderten, im Westen ist es die moderne Welt.
Es ist die Aufklärung, die Vernunft, die den Glaube verneint. Die
Naturwissenschaft hätte den Glaube gekränkt und durch Freud und seine Freunde,
die Logik der Psyche entschlüsselten, sei er weiter gekränkt, als
Moralprojektion oder veraltetes Placebo verurteilt worden.
Und wenn die Menschen nur
noch nach Konsum rufen, gehen sie nicht mehr in die Kirche. Auch der
Kapitalismus trägt schuld, jeder denkt nur noch an sich. Der Individualisierung
sei verantwortlich, sagen selbst die Intellektuellen, so ginge es nicht weiter.
Wer nur auf Selbstverwirklichung aus sei, denke weder an Andere noch an Morgen,
Nachhaltigkeit sei gefragt. Dafür fehlen Gesetze für die die Politiker die
Verantwortung tragen. An diese haben die sich inzwischen auf individuelle
Seelsorge, Karitas und moralisierende Zurufe beschränkenden Geistlichen schon
längst die Verantwortung abgegeben.
Doch warum sind die
aufklärerischen Humanisten, die mit politischen Mitteln ein gelobtes Land
schaffen wollten, das sie später mit Stacheldraht einzäumen mussten, vom Glaube
abgekommen? Warum lässt sich allein mit politischen Mitteln nicht der Mensch zu
dem machen, was Marx und Mao wollten. Weshalb haben unsere Brüder im Osten
nicht an die Parteiparolen gehalten und musste der großangelegte
Gesellschaftsversuch einer gerechten Welt zwangsläufig fehl schlagen?
Doch warum funktioniert es
auch nicht in freiheitlichen, demokratischen Systemen? Warum ist die westliche
Welt sinn-los geworden?
Was ist der Grund für den
Abfall vom Glauben, der von der Aufklärung und Naturwissenschaftlicher
Erkenntnis ausging? Was stimmt nicht mehr an unserer bisherigen
Gotteswahrnehmung, die das Wort der Wissenschaft und den des Neuen Testamentes
nicht auf einen Nenner bringt? Wieso ist mit dem Wachsen der Vernunft, dem
gestiegenen Wissen um naturwissenschaftliche und geistige Logik alle Seins
nicht gleichzeitig unsere Erkenntnis gewachsen?
Wie können wir die
Individualisierung, reine Ich-bezogenheit in einer sinnentleerten westlichen
Welt für den Abfall vom Glaube verantwortlich machen, wenn dieser doch seiner
Verantwortung für die Sinnstiftung die Wahrnehmung einer außerhalb des Selbst
liegenden Sinngebung nicht mehr nachkommen, keinen Beitrag zur
gesellschaftsbildenden Gesamtkultur erbringen kann? Ist die „allgemeine
Entwicklung“, die allenthalben für den Abfall vom Glaube, der Nichtbeachtung
der Kirche beklagt wird die Ursache oder nicht vielmehr nur eine Folge? Auch
wenn, wie kürzlich geschehen, der Chefredakteur der Rheinpfalz in seinen
Leitartikel zu Pfingsten als Geburtstag der Kirche den Zeitgeist anklagt und
zur nach seiner Sicht notwendigen Beachtung christlicher Werte aufruft, in die
Kirche einläd, greift dies nicht zu kurz?
Können wir nur den
Zeitgeist verantwortlich machen, wenn christliche Werte nicht mehr beachtet
werden? Oder liegt es nicht vielmehr daran, dass der eigentliche Wert des
christlichen Glaubens heute nicht vernünftig vermittelt werden kann, im Grunde
auch von denen, die sich auf ihn berufen, gar nicht wahrgenommen wird? Ist der
allgemein beklagte Zeitgeist, die Geist- und Werte-losigkeit der Gesellschaft
nicht vielmehr eine Folge des fehlenden Geistes bei denen, die ihn geben sollten?
2. Sündenböcke verhindern konsequente Problemlösungen, verhindern, dass Ursachen für Krisen und Leiderfahrungen erkannt und beseitigt werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Sündenbock - wie in den allermeisten Fällen – ein anderer oder man es grundsätzlich selbst ist.
Verhindert nicht auch beim
christlichen Glauben die Sündenbocksuche die sinnvolle Analyse, die
Problemlösung? Dabei soll auch nicht dem Bodenpersonal Gottes die Schuld
zugeschoben werden, wie dies in ketzerischen Kirchenkritiken, die Zeitungen und
Buchregale füllen, oft schnell geschieht. Auch hierdurch verkürzen die
Atheisten und Außenstehenden die Analyse und verhindern die eigentliche
Problemlösung. Mit der Schimpfe auf Pfarrer oder Papst, ob heute oder in
Addition eines langen geschichtlichen Sündenregister, ist es nicht getan. Das
Problem sitzt tiefer. Und an den Alttestamentlichen Text anknüpfend, von dem
Sie die Aussagen abgeleitet haben: Auch wenn die Einsicht in das eigene
Fehlverhalten der Kern ist. Mit Sicherheit war es mehr als ein Vorwurf an die
Priester, ihr Verhalten zu ändern.
3. Die Theologie des Deuteronomischen Geschichtswerkes verfolgt drei große Anliegen:
3.1. Das Verständnis des eigene Schicksals als Gericht Gottes, als zwangsläufige und oft angekündigte Folge des Abfalls von Gott.
3. 2. den Ruf zur Umkehr zu Gott und
3.3. die Ermutigung zu flehendem Gebet.
Das gesamte Geschichtswerk ist eine Einladung zur Umkehr zu dem Gott der Heilsgeschichte. Dessen Erbarmen besteht in dem erwarteten Heil. Wie bisher nach der Mose-, der Josua-, der Richter- und nun der Königszeit die Geschichte nicht einfach zurückgedreht werden konnte (...) so erwartet Dtr. wohl auch jetzt nicht einfach eine Wiederherstellung vergangener Zustände – Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen -, sondern einen neuen Abschnitt der Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk, den genau zu beschreiben er sich nicht herausnimmt!
Eigentlich ist dem nichts
mehr hinzuzufügen. Besser kann man unsere Problematik heute nicht beschreiben,
auch wenn es um die damalige babylonische Gefangenschaft ging. Nur: wer ist
bereit, heute den eigenen Abfall vom einen Schöpfergott einzugestehen? Jeder
Theologe nimmt schnell das Buch zu Hand und behauptet, dass er an den dort
beschriebenen einen Gott glaube. Doch ist dies noch der real in natürlicher
Genesis und Geschichte handelnde und alles durch sein Wort be-stimmende eine
Gott? Und wer sich noch nach wie vor im Glaube sieht, der ruft nur nach der
Umkehr der Anderen. Sie brauchen nur zum Glauben der Väter zurückzukehren, für
wahr halten wie es geschrieben steht oder der Predigt folgen... Die eigentliche
Umkehr und Erneuerung bleibt so auf der Strecke.
Sicher läuft jeder Gefahr,
die Anderen verantwortlich machen zu wollen. Auch mein Denken nicht
ausgenommen. Doch wenn ich mich nicht selbst in der Verantwortung sehen würde –
auch wenn dies wie eine Anmaßung oder Anschuldigung aussieht, von Amtstheologen
empfunden werden muss – will ich mich der Verantwortung stellen. Und auch mit
einer Umkehr im Denken ist es mit Sicherheit nicht getan. Nur eine
Verhaltenänderung im Alltag, im Umgang untereinander, in Nachhaltigkeit und
Neuausrichtung meiner/unserer Lebensweise entsteht eine reale Problemlösung.
Doch Anmaßung wäre es mit
einer eigenen Verhaltensänderung, mit allenthalb geforderten Vorbildfunktionen
– für die meist die Politiker und Pfarrer verantwortlich gemacht werde – eine
allgemeine Änderung herbeiführen zu wollen. Paulus hat Recht: eine
Werkgerechtigkeit allein bringt uns nicht weiter. Der wahre Glaube, die
Wahrnehmung des realen Gotteswortes ist die Voraussetzung. Bei all meiner
Analyse unserer heutigen Glaubenssituation vermag ich logisch nachzuvollziehen:
Nicht wir, sondern was die heutige Theologie als einen verchristianisierten
Wanderprediger betrachtet, kann diese Verhaltensänderung herbeiführen. Keiner
von uns – auch kein Kaiser oder Kanzler - kann die Aufgabe wahrnehmen, die das
lebendige Wort in den Augen der Verfasser des Neuen Testamentes und der
Kirchväter erfüllt.
Eine Umkehr muss im Kopf
stattfinden. Hierzu ist die Kirche und die Theologie durch die Königstexte
aufgefordert. Nicht nur das Alte versuchen aufzuwärmen, sondern ein neues
Verständnis im Sinne und Verständnis der Tradition ist gefragt. Und hierzu wäre
die heutige Exegese fähig. Das großartige Wissen um die alten Texte befähigt
uns zum Fortschritt. Der Abbau der alten biblischen Aussagen kann beendet
werden, wenn wir unser Wissen ernst nehmen und weitersehen.
Wenn unser Reden über Krisen und Katastrophen über das fruchtlose Stadium der Klage und des Selbstmitleides hinauskommen soll, dann gilt es, selbstkritisch die Frage nach den eigenen Anteilen an dem, worunter wir leiden, zu stellen. Zu viel von dem, was uns beschwert, haben wir selbst beigetragen. Wenn sich etwas ändern soll, müssen wir diesen Eigenanteil nüchtern und konkret benennen.
Die Frage muss gestellt und beantwortet werden, welche Konsequenzen die Erkenntnisse der eigenen Anteile haben muss – Dtr. spricht hier von „Umkehr“. Theoretische Einsicht in Schuldanteile bleibt unverbindlich, wenn sie nicht in konkretes Handeln und Sich Verhalten einmündet.
Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Zukunft kann immer nur ein neuer Abschnitt in der Geschichte Gottes mit uns sein, nicht die Wiederherstellung eines alten! Hier dürfen wir keine falschen Erwartungen hegen, wenn wir uns neue, bittere Enttäuschungen ersparen wollen.
(Ihrer Aussage ist nichts
hinzuzufügen.)
4.
Pfingsten und
das babylonische Problem
Was hat Pfingsten, der
Geburtstag der christlichen Kirche, mit dem Problem der im babylonischen Exil
befindlichen Gotteskinder zu tun? Bereits im Hinblick auf die babylonische
Sprachverwirrung, den Unverstand des Wortes wurden hierzu Überlegungen
angestellt, die ich an dieser Stelle vertiefen möchte. Denn im neuen
theologischen Paradigma, das aus Paulus spricht bzw. dem Neuen Testament
zugrunde liegt, will ich nachweisen, dass in Jesus die Hoffnungen der
königlichen Weisheit in Erfüllung ging, das ewige Wort von allen verstanden
wurde.
Jesus hat das Reich Gottes verkündet und die Kirche ist
gekommen. Dieser oft polemisch zitierte Spruch
bringt für mich nicht nur oft geübte Selbstkritik an der Kirche zum Ausdruck.
Vielmehr weist er auf die Verantwortung der Kirche hin, ihrer über Karitas,
Seelsorge und Sonntagspredigten hinausgehende Aufgabe gerecht zu werden. Denn
ein Raum, in dem Menschen gemeinsam das Wort Gottes verständlich gemacht wird,
neu über das weit über den Bibeltext hinausgehende Wort, den Logos Gottes
nachgedacht wird, scheint notwendiger den je.
Da Geburtstage
Meilensteine sind, Anlass auch zur Neuorientierung, ist Pfingsten eine gute
Gelegenheit, um über das Ereignis der Entstehung der Kirche nachzudenken.
„Durch den Heiligen Geist ist die Kirche entstanden und durch ihn wird sie
erhalten“ so Prof. Walter Saft in seiner Pfingstbetrachtung im evangelischen
Kirchenboten der Pfalz. Wenn das stimmt, scheint es mit dem Heiligen Geist
nicht allzu weit her zu sein. Zumindest heute nicht. Denn dass die Kirche
Erhaltungsprobleme hat, steht außer Zweifel. Was aber ist der Heilige Geist,
wie wirkt er. Wie kann er die leblose Kirche wieder lebendig machen? Mit
marktschreierischen Missionsveranstaltungen und moderner Musik im Kirchenalltag
ist es sicher nicht getan. Auch die heiß diskutierte Plakatwerbung kann die
Probleme der Kirche letztlich nicht lösen. Sie sind weder besonders geistreich,
noch ersetzen sie das, für was Pfingsten steht und weiter geschehen muss.
Der Glaube sei ein Werk
des Heiligen Geistes so Martin Luther. Die Erleuchtung des Einzelnen wie der
ganzen Christenheit sei dessen Werk. Er mache uns mit Christus gleichzeitig,
sagt die heutige Theologie und sei die normende Kraft unseres Gewissens. Durch
den Heiligen Geist erst würden wir zu Kindern Gottes und Geschwister
untereinander. All dies mag zutreffen. Aber was hat es mit dem Heiligen Geist
auf sich? Wenn er auch noch die reformierende Kraft der Kirche sein soll, dann
wird es höchste Zeit, dass er wirkt. Denn, so Walter Saft: „Er sorgt dafür,
dass Strukturen, die sich wie in alle menschlichen Gemeinschaften auch in der
Kirche bilden, immer wieder aufgebrochen werden.“ Wenn wir den Glauben verloren
haben, hat dann der Heilige Geist versagt oder haben wir den Geist aufgegeben?
Fehlt uns das, was von Pfingsten berichtet wird, das einheitliche Verständnis
des Wortes?
Auch wenn es im Römertext
nicht um das Pfingstereignis geht, so ist uns doch auch dort gesagt, um was es
in Sachen „Heiliger Geist“ geht. Der Glaube an die Auferstehung Jesus Christus
ist der Brennpunkt, in dem sich aller Christenglaube zusammenfasst. Ist
Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergebens ebenso wie unser
Glaube, so Paulus.
Doch genügt es, in einer
Art Werkgerechtigkeit zu sagen ich glaube an die Auferstehung. Ist Jesus
auferstanden, weil es im Buch steht und wir daran glauben? Verlangt nicht
Paulus von uns eine wirkliche Auferstehung, eine neue Wahrnehmung des
Gotteswortes, wie es die christliche Kirche in der Person Jesus zum Ausdruck
brachte und somit verständlich machte. War dies das Geschehen, das der
Geistausgießung zugrunde liegt? Das „Wort-verständnis“ durch die Menschwerdung
des Logos? Wäre es dann nicht heute an der Zeit, in Umkehr den Logos hinter dem
Mensch zu erkennen, in allem kosmischen Werden, in natürlicher Genesis und
Evolutionsgeschichte wie auch in den biblischen Texten ein Wort wahrzunehmen?
Krankheit ist der Auftrag
an den Körper zur Veränderung. Selbst in Kirchenpredigten wird dies erkannt.
Warum aber nehmen wir diese Einsicht nicht ernst? Eine neue Sicht des
christlichen Wesens scheint notwendig. Nur so kann die Kirche wieder zur
gesellschafsgestaltenden Kraft werden, die den Menschen Geist gibt. Das Gesetz,
der Text allein bringt den Tod. Der Geist macht lebendig. Wie oft wollen wir
die Pauluserkenntnis noch wiederholen ohne uns daran zu halten? Christus lebt
wirklich. Was tot ist, ist unser Verstand von ihm. Nicht weil vor 2000 ein
Wanderprediger war, werden die Menschen wieder glauben, sondern durch die
einheitliche Wahrnehmung des Gotteswortes in Genesis und den biblischen
Geschichten, denen hier hierdurch neues Leben eingehaucht wird.
Nicht weil ein
Wanderprediger war und wir behaupten oder wirklich gegen alle Vernunft davon
überzeugt sind, er sei auferstanden wird sich etwas bewegen, sondern durch die
Neue Wahrnehmung der schöpferischen Vernunft hinter der historischen Gestalt
des Menschen Jesus.
Wenn sich in Pfingsten ein
einheitliches Verständnis ausdrückt, dies der Geburtstag der Kirche war, dann
wird es höchste Zeit, dass wir neu zu einem einheitlichen Verständnis kommen.
Keine mystische Vernebelung oder innere Stimmen, die zu jedem auf andere Weise
sprechen, kann den heilen Geist, einen einheitlichen Verstand ersetzen. „Der
Geist der Wahrheit, der Licht und Klarheit bringt“ wird zurecht im Kirchenlied
besungen. Er muss bei uns Einkehr halten, um Trug und Schein zu verdrängen. Wir
sollten ernst nehmen was wir singen. Es geht um Licht, neues Bewusstsein,
Klarheit im hellen Verstand.
Das schöpferische Wort
wohnt unter uns, wir brauchen es nur wahrzunehmen. Die königliche Weisheit sagt
uns, wie wir uns aus Babylon befreien können. Die Rückkehr ins gelobte Land
liegt zum greifen nah. Die religiöse Erneuerung ist not-wendiger denn je, und
allein daher scheint die Zeit dafür reif zu sein. In einem heute möglichen
Neuverständnis des schöpferischen Wortes/Logos als historisches Wesen des
christlichen Glaubens liegt meine Hoffnung.
(Doch ich habe ganz
vergessen, es geht angeblich ja nur um einen historischen Wanderprediger, der
nach seinem Tod verherrlicht, christianisiert, hellenisiert wurde, nicht
wirklich das Wort Gottes war. Ich bin gewiss: Gott wird sich wieder Gehör
verschaffen, uns sein Wort verstehen lassen.)